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Full text of "Heidelberger Jahrbücher der Literatur"

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HEIDELBERGER 



JAHRBÜCHER 



DE II 



I i I T E Ii X T V K. 



EINUNDDBEISSIGSTEB JAHRGANG. . 



ERSTE HÄLFTE. 

Januar bis J u n i. 



HEIDELBERG. 

In der UniversiUts-Buchbandlung von C. F. Winteb. 

1 8 3 8. 



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EIDELBERGlta 



JAHRBÜCHER 



DER 



LITERATUR. 



EINUND DREISSIGSTER JAHRGANG. 



ZWEITE II il FI F. , 

Juli bis December. 



HEIDELBERG. 

In der Universit&ts-Bachbandlang von C. F. Wintkb. 



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N» J. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Geschickte von Hessen durch Christoph v. Rommel. Herten Theits erste 
und zweite Abtheilung , . Fünfter und Sechster Band , oder : Aeuert 
Geschichte von Ihnen , Erster Band 8(i2 Zweiter Band 799 & 8. 
Cassel , hei Friedrich Perthes von Hamburg, lo35. 1827. 

Wenn Ref., durch zufällige Umstände gebindert, die Anzeige 
dieses , jedem Forscher deutscher Geschichten ungemein wichti- 
gen , Buches sehr lange aufgeschoben hat, so hoflt er jetzt durch 
diese sorgfältige Anzeige dem Verf. zu beweisen, mit welcher 
Aufmerksamkeit er es gelesen und wie viele Belehrung er daraus 
gezogen hat. Er wird freilich hie und da mit dem Verf. dispu« 
tiren , weil er aus der Vorrede sieht, dafs dieser Erinnerungen 
so gut aufnimmt, als Ref. sie gemeint hat. Dies macht ihn dreist 
genug, auch diese Bände in derselben Manier wie die vorigen 
anzuzeigen, was er, wenn er es mit einem reizbaren Mann zu 
than hätte , wohl unterlassen wurde. Derselbe Fall ist mit 
Herrn Groen van Prin&tcrcr, wie er aus der Vorrede des 4ten 
Bandes der Archiv es sieht, den er im nächsten Monathefr anzei- 
gen wird. Warum sollte man auch nicht Meinung gegen Meinung 
setzen dürfen? Besonders wenn, wie hier, die beiden Vf. not- 
wendig mehr Stimmen für sich haben werden als ihr Recensent! 

Die Actenstüche sind diesmal jedem Hauptstuche angehängt; 
wir hätten ,es bequemer gefunden , dafs sie jedem Buche angehängt 
wären. Dies wäre, wie uns scheint, gerade bei dem ersten Theile 
recht passend gewesen , da das ganze erste Buch in acht Haupt- 
stuchen das gesammte Hessen angeht; das zweite dagegen Hes- 
sen Cassel allein behandelt. Die ersten Seiten des ersten Ban- 
des enthalten eine vortreffliche Darstellung der Plagen, welche zu 
Philipps Zeiten die Mätressen und ihre Kinder über das arme Hes- 
senland brachten , und fast zwei Hauptstüche hindurch geht die 
Erzählung, wie man damals in Deutschland, wie in Asien, Land 
und Leute als Privatvermögen betrachtete und darüber testamen- 
tarisch ganz nach Gutdünken verfügte. Wir übergehen das Ein- 
zelne und bemerken nur, dafs zum ersten HauptstücU die Bei- 
lagen No. I. und II. gehören , nämlich Auszug aus einem früheren 
Testament Landgraf Philipp des Grokmüthigen und Revers der 
XXXI. Jahrg. 1. Heft. 1 



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Rommel: Geschichte von Hessen Bd. IV -VI. 



Landgrafen Ludwig und Philipp zu Gunsten ihres ältesten Bru- 
ders, Landgraf Wilhelm. 

Schön in der Geschichte der unseligen Theilung, wodurch 
nicht blos Hessen , sondern ganz Deutschland im dreißigjährigen 
Kriege das Opfer österreichischer und schwedischer Politik ward, 
zeigt sich übrigens, dafs Herr v. Bommel sehr viele Rucksichten 
nimmt, die ihn abhalten, Kuhn und offen die Wahrheit zu sagen. 
Die Verfugungen und Verhandlungen des alten Landgrafen über 
sein Privatgut und über Land und Leute sind, ungeachtet eine 
gewisse Gemütlichkeit sich auch darin zeigt, höchst unerfreu- 
lich ; was dagegen Herr v. Rommel S. 56 — 5j anfuhrt, macht 
dem Landgrafen und der religiösen (nicht blos dogmatischen) 
Bildung seiner Zeit sehr grofse Ehre. Wir finden die dort an- 
geführte Stelle aus Philipps Testament so vortrefflich , dafs wir 
nicht umhin hönnen, Einiges auszuheben. »Als eine Grundlage 
seines Staats, sagt Hr. v. Bommel, betrachtete Landgraf Philipp, 
zufolge der höchsten und ersten Ermahnung seines Testaments, 
die wahre Religion des alten und neuen Testaments nach der 
Augsburgischen Confession (ohne Unterscheidung zwischen der 
▼eränderten und unveränderten Fassung) , christlich lebende und 
dem Volk kein Ärgernifs gebende Prediger und Schulmeister f 
rechtschaffene Aufseher der Kirche (Superintendenten) und eine 
solche Oberaufsicht der Fürsten , welche ohne Eingriffe in die 
kirchliche Verfassung die Diener Gottes gegen Überlast, Be- 
schwerung, Beeinträchtigung und Verdiefslichkeit schützen solle. 

Zu seiner Seelenruhe, fahrt Hr. v. Bommel weiter 

unten fort, verordnete er nichts anderes als die unverbrüchliche 
Haltung jener Pflanzschulen, die er dem Evangelium, der leiden- 
den Menschheit, der Erziehung und den Wissenschaften gestiftet. 
Dies waten: die hohe Schule zu Marburg, welche unter der aus- 
schliefsenden Aufsicht der beiden älteren Söhne, als Fürsten von 
Nieder- und Oberhessen , bei ihren Gütern und Geldeinkünften 
ungeschmälert erhalten und ohne Bücksicht des Eigennutzes oder 
der Verwandtschaft mit gelehrten und rechtschaffenen Lehrern 
besetzt werden sollte; die aus Beiträgen der Landesstädte eben- 
daselbst gegründete Pflanzschuie des Prediger- und Schulstandes 
(Stipendium), bei der Landgraf Philipp die Unterstützung talent- 
voller Jünglinge des Bürgerstandes im Auge hatte, die hohen 
Stifte von BaufTungen und Wetter zur Erhaltung des Wohlstan- 
des des hessischen Adels , sämmtliche Kirchenkasten , gemeine 
Spitäler und Siechenhäuser , deren Haushalt er unter die genaueste 



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Rommel: Geschichte von Hessen Bd. IV— VI. 



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Rechenschaft gestellt wissen will , und vor allem die mit ausser- 
ordentlichen Vorrechten gestifteten allgemeinen Landes-Hospita- 
lien zu Haina und Merxhausen für Ober- und Niederhessen, zu 
Hof heim und Gronau für die Grafschaften am Main und Rhein, 
zu deren Sanction nach dem von ihm als wesentlich heilsam er- 
bannten Zweck er. keinen Lid zu tbeuer nnd keinen Fluch zu 
hart hielt.« Der übrige Inhalt des Testaments, soweit ihn Herr 
v. Rommel anfuhrt, giebt uns einen sehr vorteilhaften Begriff 
von der richtigen und verständigen ßeurtheilung der Verhältnisse 
des Lebens, die man in jenen Zeiten nicht aus Systemen der 
Finanz- und Staats wirthschaft , sondern ans der unmittelbaren Er- 
fahrung erwarb. Schade! dafs auch damals nur das Papier, wor- 
auf man die Testamente and guten Lehren schrieb , wie jetzt die 
vielen Bucher, der Weisheit und des guten Raths voll war, dafs 
man aber im Leben , in der Verwaltung und im Verkehr selten 
etwas davon zu bemerken im Stande war. 

Den Anhang zum zweiten dem Testament Landgraf Philipps 
gewidmeten Abschnitte bilden Beilage No. III. und IV. Erklärung 
der Sohne Landgraf Philipps vor Ablesung des väterlichen Testa- 
ments, betreffend die Kinder der Margaretha von der Sab, und 
Erklärung Landgraf Wilhelms , als ältesten Sohns Landgraf Phi- 
lipps, nach Anhörung des väterlichen Testaments, betreffend das 
ihm vermachte Landestheil. 

Im dritten Hauptstuck , welches sich mit der Geschichte der ' 
Kinder der Margaretha von Sala beschäftigt, hat der Verf. vor- 
trefflich angedeutet, wie leicht man eine sehr romantische Ge- 
schichte aus dem Inhalt dieses Hauptstucks and den mehr ange- 
deuteten als ausgeführten Abentheuern der unglücklichen, zahl- 
reichen Sprofslinge der Nebcneho, Philipps des Grofsmuthigen 
machen konnte. 

Zu dem dritten Hauptsttick gehört Beilage No. V. Bruder- 
Vergleich der vier Landgrafen vom 29. August 1S67, dann No. 
VI. A. B. C. Aktenstücke, den Erbeinigungsvertrag (den erbli- 
chen Brudervergleich) der vier Landgrafen betreffend. Das /jte 
Hauptstuck können wir ubergehen, da es vom Rechts- und Ge- 
richtswesen handelt, also im Zusammenhange gelesen werden mufs. 
Dazu gehören die Beilagen VII. und VIII. Die erste enthält Aus- 
zöge aus den Abschieden und Beschlüssen der Generalsynodcn , 
welche unter der Regierung der Landgrafen Wilhelm, Ludwig, 
Philipp and Georg zu Cassel und Marburg gehalten worden sind, 
Ton i568 — 1582; die zweite eine Übersicht der Hauptlehrer der 



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4 Bommel ! Geschichte von Hessen Bd. IV — VI. 

Universität Marburg seit clem Anfange der Gesammt- Verwaltung 
L. Wilhelms und L. Ludwigs 1667 bis zum Tode L. Ludwigs 
1604. 1° dem folgenden Abschnitt von den Landtagen freut sich 
Ref. besonders, S. 22a zu sehen, dafs auch der Verf. der Mei- 
nung ist, dafs seit der Entstehung der eleganten, historischen, 
d. h. römischen, Jurisprudenz, und seitdem ihre Priester und 
Sophisten den Rath der deutschen Fürsten zu bilden anfingen, 
das deutsche Regierungssystem dem byzantinischen weichen mufste. 
Damals harnen auch die grofsen Titel und die glänzenden Besol- 
dungen auf, von denen man vorher nicht wofste. Zu diesem 
Capitel, als dessen Fortsetzung das siebente Hauptstuch zu be- 
trachten ist, welches vielleicht passender mit demselben zu 
einem Ganzen hätte vereinigt werden können , gehört Beilage IX. 
Übersicht und Inhalt der gemeinschaftlichen Landtage vom Jahre 
1567 — 1604^ X. Landtagsabschied mit Prälaten, Rittern und 
Städten über eine allgemeine Landsteuer (Vermögenssteuer) zur 
Reichshulfe. XI. Steuertafel von ganz Hessen , wie sie bei den 
gemeinsamen Landsteuern der vier Landgrafen von Hessen, Söhne 
Philipps des Grofsmüthigcn , zum Grunde gelegt worden ist. Da 
erst im zweiten Buche der Faden der politischen Geschichte, den 
wir ausschliefsend bei dieser kurzen Anzeige festhalten müssen, 
uro nicht zu ausführlich zu werden, wieder aufgenommen wird, 
so wollen wir den Inhalt des siebenten Bauptstucks , oder den 
Schlufs des ersten Buchs, nur durch Anfuhrung der Überschrift 
angeben, sie lautet : Hessische Schutzgerechtigkeit. Lehn- 
hof. Grafliebe und adelige Vasallen. Landsassen und 
Ritter. Wir sehen hier S. 322, dafs Landgraf Philipp auch 
von entfernten Städten Abgaben bezog, wofür? das macht uns 
auch Herr v. Rommel nicht recht klar. Erfurt gab zwei Fässer 
Salpeter und 111 Gulden, Muhlhausen und Nordhausen 200, Göt- 
tingen und Nordheim 3oo; Einbeck versorgte den Landgrafen mit 
Bier. Es scheint uns, dafs dies, wie die vorher erwähnten Ab- 
gaben anderer Orte, erst mit Gewalt erprefst, dann zum Recht 
geworden war. Dieses einem eingebornen Hessen aus andern 
Gründen wichtige Hauptstück ist dem Ref. in Beziehung auf die 
allgemeine deutsche Geschichte durch die Klarheit und Ausführ, 
lichkeit des Einzelnen besonders anziehend gewesen , weil der 
Verf. alles so vorgetragen hat, dafs auch ein Fremder ihm leicht 
folgen kann. Die Beilage XII. giebt von S. 366 — 45i eine Über- 
sicht der vornehmsten hessischen Vasallen, Landsassen und Ritter- 
geiehlechter. Der übrige Thcil dieses ersten oder fünften Bandes 



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Rommel: Geschichte von Hessen Dd. IV - VI. 5 

oder das zweite Bach in sieben Hauptstucken ist Hessen Cassel 
und zwar der Regierung Wilhelms des Weisen von 1567 — 109a 
gewidmet. Ref. hätte von einem so verständigen Manne , wie 
Herrn v. Rommel , erwartet , dafs er nicht in der Manier gewisser 
Schalen pomphaft begonnen und von dem erhebenden Bilde der 
Reibe von hessischen Landgrafen, von ihrer ruhmvollen unei- 
gennützigen Hingebung für das gemeinsame deutsche Vater- 
land, von ihrem Eifer für die Vervollkommnung ihres 
Volks gesprochen hätte, noch ehe er uns mit den Thatsachen 
bekannt gemacht. Um zu zeigen, was wir meinen, wollen wir 
eine Sache anfuhren, die er zum Lobe seines Wilhelm geltend 
macht; man wird daraus sehen, dafs er auf den ersten Seiten aus 
seiner einfachen Manier in eine andere gekommen ist. Wir schrei- 
ben die Stelle um so lieber ab, als gewifs mehr Leute seyn wer- 
den , welche die Anekdote sehr rührend und wichtig linden, als 
solche, die sie, wie Ref., lieber aus dem Munde einer schwachen 
Mutter oder einer sentimentalen Hofdame horten, als im ernsten 
Buche des Geschichtschreibers läsen. S. 4$° schweigen wir von 
den Thränen , welche Davids Psalme dem Kinde entlockten, und 
gehen gleich zu der Stelle über, woesheifst: »Die grofac Reiz- 
barkeit seines mitleidigen Gefühls äusserte sich schon in seiner 
Kindheit bei den Züchtigungen seiner Mitschüler. Als die von 
seinem Vater besiegten Herzoge von Braunschweig, Vater und 
Sohn , gefangen durch Cassel gefuhrt wurden , fand man während 
des Freudengeschreis des Hofes und der Stadt den dreizehnjäh- 
rigen Prinzen weinend und nachdenkend über die Unbe- 
ständigkeit der menschlichen Dinge (!!!); er gedachte 
der Lehre , welche Solon einst ahnungsvoll dem Könige der Lyder 
gegeben. Ref. würde diese Bemerkung nicht machen , wenn er 
nicht Hr. v. Rommels Vortrag sonst durchaus belehrend und un- 
terhaltend fände und ihn mit Vergnügen läse und studirte. Übri- 
gens bat im Folgenden der Verf. seinen Landgrafen durch An- 
führung von Thatsachen und wahrhaft edeln und männlichen Re- 
den auf eine so würdige Weise gelobt, dafs man geneigt wird, 
mit ihm auch dem Kinde Gedanken zu verzeihen, die sonst eher 
Albernheit als Weisheit andeuten würden ! 

Wir lernen hier S. 468, dafs es gut war, dafs Philipp die 
Prinzen knapp hielt, denn die Konigin Elisabeth von England, 
die so manchen Fürsten durch erregte Hoffnungen täuschte und 
in England zur Schao stellte, suchte auch Wilhelm an ihren Hof 
zu locken. Er hätte auch wohl den Verbuch gemacht ihre Gunst 



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Rommel: Geschichte Ton Hessen Bd. IV— VI. 



zo benatzen, wenn er mit den 5 bis 600 Golden, die ihm sein 
Vater jährlich als Taschengeld gab, nach London hätte reisen 
können. Die eitle und stolze Frau liefs ihn durch ihren Grafen 
von Leincestre einladen und ihm Wohnung in ihrem Palaste an- 
bieten , mit dem ausdrücklichen Zusätze, dafs eine solche Aus- 
zeichnung weder dem Herzoge von Holstein noch dem Bruder 
des Honigs von Schweden wiederfahren se> . 

In .Beziehung auf die Stelle S. 480, wo des Zugs gedacht 
wird, den Kurfürst August gegen Johann Friedrich von Gotha 
machte und der Verfolgung des Vfs. der Nachtigall, der sich 
Johann Friedrichs annahm , hätten wir von einem so gelehrten 
Schriftsteller , als Herr v. Rommel , wohl eine Erwähnung Lea- 
sings und dessen , was er darüber geschrieben und bekannt ge- 
macht hat, erwartet. In Beziehung auf Bucherverbote, von de- 
nen man jetzt wieder in verschiedenen Gegenden Deutschlands 
hört, hatte Landgraf Wilhelm nach S. 481 denselben Gedanken, 
dessen sich Ref. nie erwehren kann, wenn er von Bucherverboten 
hört Der Stadtrath von Frankfurt, heifst es nämlich dort, sollte 
des Sleidanus Geschichte während der Messe mit Beschlag bele- 
gen und Gott weifs welches ohscure Buch von der Seligkeit 
auf Kaiser Rudolfs , oder vielmehr seiner Spanier , Italiener und 
Jesuiten Befehl, gar verbrennen lassen; er wandte sich in seiner 
Angst an den Landgrafen von Hessen, und dieser rieth, dafs sich 
die Frankfurter nicht mochten als kaiserliche Scharfrichter brau- 
chen lassen; denn: »da die Jesuiten dieses Buch nicht 
widerlegen konnten, versuchten sie dasselbe durch 
den Schrecken des. weltlichen Arms zu unterdrücken. 
Gleichwohl verbirgt uns Herr v. Rommel nicht, dafs derselbe 
gerühmte Landgraf doch hernach , als der arme Frischlin sich ein- 
mal an den Adel gemacht hatte (wie einst Hutten an die Hauf- 
leute) , mit seinem Adel gemeinschaftliche Sache machte , um den 
unglücklichen Mann auch sogar in Würtemberg zu verfolgen. 
Die adeligen Herren ruhten bekanntlich nicht, sie bekämpften 
den witzigen Mann auf ihre Weise und mit ihren Waffen so 
lange , bis sie ihn ins Gefangnifs und zum traurigen Ende gebracht. 

Dafs der Verf. S. 4o3 in den Noten die elenden Witze an- 
führt , mit denen man Leute verfolgte, die sich unterstanden, 
weiter zu sehen als ihre blinden Zeitgenossen , ist uns sehr auf- 
gefallen. In diesen elenden Versen werden nämlich die Verbes- 
serer einer sehr nachtheiligen Halendereinrichtung (die sich frei- 



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Rommel: Geschichte von Heuen Bd. IV — VI. 1 

lieh ubereilt hatten) Esel and Schweine genannt. Ist das witzig , 
oder historisch merkwürdig ? 

Zorn zweiten Hauptstuck hätte Hr. v. Bommel sehr schatz- 
bare Nachträge aus dem dritten und besonders aus dem vierten 
Bande der Archives des Herrn Groen van Prinsterer, der uns 
vor wenigen Wochen zugekommen ist, ziehen können. Das Haupt- 
stuck ist überschrieben: L. Wilhelms Verhältnisse zu den spani- 
schen Niederlanden, England und Frankreich. Der Bericht S. 8ty 
über die Geschichte der Anna von Sachsen ist offenbar in aller 
Kurze unrichtig , Ref. bedauert daher doppelt , dafs Hr. v. Bom- 
mel mit seinem Buche fertig war, ehe der dritte Theil der Ar- 
chives herauskam ; er hätte vielleicht einige Ergänzungen der 
Actenstüeke geben können ; da Herr Groen van Prinsterer in ei- 
ner Nota zum 4t en Theil, Preface p. LXIV, wo er sich über eine 
Bemerkung des Bef. beschwert, ausdrucklich sagt, dafs in Cassel 
dergleichen Actenstüeke zu finden seyen. Bef. bleibt übrigens 
noch immer der Meinung, dafs mit ganz unbedeutenden Briefen, 
welche Tbatsachen, wenn auch anstöTsige, enthalten, der Ge- 
schichte mehr gedient sey als mit aller der juristischen und di- 
plomatischen Schreiberei, die jetzt überall nnter Posaunenklang 
auf Kosten oder mit Unterstützung der Regierungen, in England, 
Frankreich, Deutschland, ja sogar in Turin und in Bufsland in 
Folianten und Quartanten erscheint Ref. will bei der Anzeige 
des 4ten Theils von Groen van Prinsterers Archives hie und da 
andeuten, wo sich ein Document findet, worsus man des Land- 
grafen Wilhelm Geschichte oder Charakter beleuchten kann. Uns 
scheint es fast, als hätte sich der Verf. in diesem Capitel viel 
länger bei der allgemeinen Geschichte verweilt und mehr in die 
Geschichte des Landgrafen von Hessen Cassel hineingezogen , als 
nöthig und sogar als bei der Kurze den Lesern nutzlich war. 
Wie wenig man übrigens im sechzehnten Jahrhundert an unsern 
deutschen Hofen auf eine elegante Bewirthung eingerichtet war, 
(was denn freilich jetzt ganz anders ist) siebt man S. 558, wo 
der Landgraf den Besuch des französischen Prinzen erwartet, der 
damals zum König von Polen erwählt war und hernach als Hein- 
rich IM. Konig von Frankreich wurde. Bei dieser Gelegenheit 
berichtet Hr. v. Rommel nach archivalischen Nachrichten : »wur- 
den die hessischen Forellenteiche abgelassen, süfser Wein, zwei 
Centner Zucker, mehrere Tonnen Weinessig an die Gränze. ge- 
bracht , und was das Sonderbarste ist, alle Gärtner beauf- 
tragt, für Salat zu sorgen. Freilich kam der Gast mit n5s 



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8 Bommel: Geschichte von Hessen Bd. I — VI. 

, 

Pferden «um Landgrafen nach Vach, da mochte dann wohl viel 
Salat gegessen werden. Zu diesem zweiten Haaptstücke geboren 
die drei ersten ganz kurzen Beilagen: No. i. Schreiben des Kö- 
nigs Heinrich III. von Frankreich an L. Wilhelm , worin er ihm 
seinen Entscblufs mittbeilt, die Kölnische Angelegenheit beizu- 
legen, und ihn zu gleicher Miitwirkung auffordert. No. a. Ant- 
wort L. Wilhelms an den König Heinrich III. von Frankreich in 
der Kolnischen Angelegenheit, worin er ihn bittet, zum Zweck 
des Religionsfriedens das Pacificationsedict festzuhalten und die 
Gesinnungen und Absichten des Königs von Navarra preiset. No. 
III. Schreiben des Königs Heinrich IV. von Frankreich an L. 
Wilhelm von Hessen (Jul. 1690), worin er, unter Danksagung 
für seine bisherige Unterstützung, die dringende Notb wendigkeit 
einer Hülfe gegen Spanien von Seiten der evangelischen Fürsten 
darstellt, und ihm im Nothfall selbst seinen persönlichen Beistand 
verspricht. 

Das folgende dritte Capitel kann dem Forscher sehr nützlich 
seyn; es beschäftigt sich nämlich der Inhalt fast ganz allein mit 
den Verhältnissen der deutschen Fürsten zu der hölzernen Dog- 
matik der Tübinger Und Wittenberger herrschsüchtigen theologi- 
schen Professoren und zu ihrer Ketzermacherei. Wenn Herr v. 
Bommel hei dieser Gelegenheit S. 584 bedauert, dafs Ref. den 
Briefwechsel Beza's mit Landgraf Wilhelm , der hier benutzt ist, 
in seinem Leben Beza's (1807) nicht benutzt halte, so mufs er 
als Entschuldigung anführen, dafs ihm der Herr Generalsuperin- 
tendent LöO ler damals nur einen ungemein starken Band Briefe 
der Beformatoren nach Frankfurt geschickt hatte, dafs sich also 
die Herrn von Bommel durch Jacobs raitgetbeilten Briefe nicht 
dabei befanden. Er selbst ist nie in. Gotha gewesen und wollte 
als junger Mann die Güte Löftiers auch nicht gern mifsbrauchen. 

Die hier angeführten Stellen der biedern und verständigen 
Briefe des Landgrafen in den elenden Streitigkeiten der elenden 
Theologen und der von ihnen geleiteten schwachen Fürsten und 
ihrer W T eiber will Ref. übrigens allen Freunden der Wahrheit 
und der deutschen Geschichte zum Nachlesen und Nachdenken 
dringend einfeblen. VVenn wir das lesen , glauben wir dem Lob 
des Historiographen , weil wir selbst sehen ; dagegen ist es un- 
genügend, wenn es S. 5o3 heilst: Mit welchem ernsten, regen 
Eifer sich L. Wilhelm diesen VerpAichtungen unterzog, davon 
zougen die hessischen Archive. Dergleichen läfst keinen 
Eindruck zurück, weil wir vom Unbekannten zum Unbekannten 



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Rommel: Geschichte von Hessen Bd. IV- VI. * 9 



gewiesen werden. Wenn hernach der Verf. über Johann Frie- 
drichs des Mittlern Ton Gotha Schicksal so ungemein kläglich 
t hu t , so folgt er dem Grundsatze , dafs die Strenge der Gesetze 
und harte Strafen nur gegen das gemeine Volk, gegen die ge- 
sammte Canaille dürfen geltend gemacht werden; sonst weifs er 
recht got, welches Unheil Johann Friedrich ganz muthwillig und 
, halsstarrig über Hunderte, ja über Tausende gebracht und welche 
Verbrechen er hatte üben lassen. Übrigens möchte Ref. den 
Helden der Theologen, den Beförderer der symbolischen Bücher 
und der gelehrten Professoren, von denen diese Formeln her. 
stammen, den Kurfürsten August, auch nicht gerade zu seinem 
Helden raachen. Es konnte vielleicht diesem und jenem , der 
nicht ein besonderes Studium aas der deutschen Geschichte macht, 
Manches in diesem Capitel weniger anziehend scheinen, da es 
ganz allein die kleinen Angelegenheiten und Familiengeschichten 
der kleinen deutschen Fürsten angeht ; allein der Forscher und 
Kenner wird dem Verf. gerade diese Ausführlichkeit Dank wis- 
sen j sollte es auch seyn, dafs er von einem andern Standpunkte 
aus die mitgetheilten Details ganz anders gebrauchen , die Sachen 
ganz anders beurthcilen müßte, als ein hessischer Beamter kann 
und darß Das, gilt z. B. von 609 — 612 und vom ganzen fol- 
genden 4 ten Hauptstück , wo wir, wie in der Regierungsgescbichte 
Wilhelms IX einen vortrefflichen Commentar zu dem Knittelvers 
finden, den der Verf. selbst S. 626 anführt: 

Wo Hessen and Hollander verderben, 
Wer wollte da Nahrung erwerben ? 

Mit einiger Verwunderung lieset man hier S. 63o, , dafs noch in 
den achtziger Jahren des i6ten Jahrhunderts der Landfrieden so 
wenig gesichert war, dafs der Landgraf Wilhelm, der das Bad 
Ems emporbringen wollte, seinen Schwagerinnen, dem Pfalzgra- 
fen , dem Kurfürsten von Sachsen , dem Herzoge von Jülich und 
den Grafen von Arensberg und von der Mark offne Patente sichern 
Geleits zo ertheilen nothig fand,* ja dafs er den Kurfürsten voir 
Trier bitten mufste, doch wegen der Sicherheit von Ems auf die 
Freibeuter ' der benachbarten .Burgen Drachenfels, Alten Wied 
und Ehrenbreitstein ein wachsames Auge zu haben. Übrigens 
wird Jeder von uns sich erinnern, wie schwer noch bis auf die 
neueste Zeit Polizei an einem Orte zu halten war, wo drei ja 
vier Gebiete so nahe zusaramenstrefsen, dafs man mit einem Sprunge 
aas dem einen ins andere herüberkommen konnte; aber das kam 
doch nur gemeinem Raabgesindel zu gut. 



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Rommel: Geschichte tob HetMO Bd. IV — VI. 



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Anziehender und leichter zu fassen , als das ungemein Y er- 
wickelte, einen guten Geographen, Statistiber, Genealogen und 
Staatsrechtskundigen Leser erfordernde vierte Capitel , ist das 
fünfte: Landes-Regierung, Landes-Polizei und Landes- Vertheidi- 
gung. Dies Capitel verdient wiederholt gelesen und mit ähnlichen 
Abschnitten in Weisses Sächsischer Geschichte verglichen zu 
werden; doch ziehen wir die Manier des Herrn v. Bommel vor. 
Eine Stelle wollen wir hier ausheben, weil wir mit allen Wohl- 
meinenden wünschen, dafs auch in unser n Tagen die grofsen Her- 
ren sich auch etwas mehr um die Vermehrung der Einkünfte der 
protestantischen Landpfarrer, der wahren Erhalter und Stutzen 
der Moralität unseres Volks, bekümmern möchten, da wurde man 
der Schergen und Gensdarmen weniger nöthig haben. Die Stelle, 
die wir zur Ehre des Landgrafen Wilhelm hier einrücken wollen, 
findet sich S. 65o : 

Aber in der Benutzung der seoularisirten Kloster , zum Be- 
sten des Predigerstandes schritt er noch weiter, als sein ruhm- 
voller Vater. Er verwandte -nicht nur die Fruchtgefälle von 
Heida, der Karthause bei Felsberg und Frauensee, nebst einem 
Kapital von 3ooo Gulden aus der fürstlichen Rentkammer in Ver- 
besserung des Stifts zu Rotenburg zu einer ewigen Stiftung von 
zwanzig Kanonikaten , für verdiente, alte und unvermögende, mit 
beschwerlicher Leibesschwacbheit behaftete, von ihrem Amte ab- 
gestandene Prediger, deren Ernennung nach dem Vorschlag der 
Superintendenten den jährlichen Synoden zustehen sollte ; sondern 
dehnte auch seine Sorgfalt und Unterstützung auf die Prediger- 
wittwen seines Gebietes aus, welche ihren Anspruch durch Ar- 
muth und unsträflichen Wandel begründen konnten. Vierzig 
Pfründen errichtete er für sie zu ewigen Tagen aus den Renten 
der Klöster Höckelheim (io der Herrschaft Piesse) , Lippoldsberg, 
Germerode, Weissenstein und Immichenhain« Als das fast drei 
Jahrhundert bestandene Gebäude des Spitals zu Set. Elisabeth in 
Cassel in Verfall gerieth, errichtete L. Wilhelm ein neues, noch 
bestehendes, mit einer Kapelle versehenes, steinernes Haus, und 
vermehrte die Stiftung für arme Hofbediente beiderlei Geschlechts. 

Wir müssen jedoch bemerken, dafs bei allem dem der Land* 
graf ein Kind seiner Zeit war und dafs ihn noch dazu die Juris- 
prudenz und Gelehrsamkeit, mit welcher er sich abgab, sehr 
oft um den Vortheil seines derben, natürlichen Verstandes und 
biedern Sinnes brachten. Die Beweise findet man S. 65a — 667. 



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Rommel: Geschichte von Hessen Bd. IV — VI. 11 

Gelegentlieh können auch hier die romantischen Bewunderer des 
Mittelalters, seiner Rechte und der Pergamente, aus denen man 
so gern jetzt wieder die Geschichte schreibt , lernen , dafs Land* 
gral Wilhelm nach S. 658 seinem Sohne noch in seinem Testa- 
mente empfehlen mufste , ja darauf zu sehen, dafs die armen 
ünterthanen von ihren Jonkern durch Aufsetzung un- 
verpf lichte tcr Frohnen und Dienste, durch Abdrin- 
gung unerkannter Bufsen, durch Entziehung ihrer 
Gemeinden, Wälder, Hüten und Triften und andern 
Neuerungen (und Imposturen) keineswegs besehwert wur- 
den. Zu diesem Hauptstucke gehört Beilage IV. Wilhelm der 
Wehe an die Janker von Löwenstein über Mifsbrauch der pein- 
lichen Gerichtsbarkeit, Hegung der Verbrecher und Streitigkeit 
mit den fürstlichen Beamten. In diesem Actenstücke erhalt die- 
ser Junker Liederlich auf seine Beschwerde unter andern (olgen- 
den derben Bescheid. Der Landgraf habe erfahren, dafs der gnä- 
dige Herr seine Gerichtsbarkeit gebrauche, um unerlaubte Dinge 
- zu erlauben und Verbrechen bei sich zu hegen : da haben wir 
ihme (seinem landgräflichen Beamten) befohlen, wie auch dem 
Schultheyfsen zu Borken and dem Oberförster zu Treyfsa, nach 
aolchen Blutschändern und todtschlegern zu greifen, damitt, die- 
weül ihr Ihnen durch die finger seht, wir als der Land es für st 
die Unthaten zu gepurl icher straff prechten. Das sie aber Dir, 
Otto von Lowenstein, in deine Behausung gefallen seyn sollen, 
das können wir nit wissen , sintemal wir ihnen je sonst und ausser 
diesem Fall solches nit beyolen , könnens auch nit wol glauben , 
es sey den sach, dafs solche gesellen sich in deinem 
Hause bei deinem losen Schlafsack versteckt und un- 
tergeschleift haben, dessen du dich denn als ein alter erleb- 
ter mann pillich schämen solltest , sintemal solche Untugenden an 
einem jungen ein laster, an einem alten aber eine Schande sind.« 
No. V. Wilhelms McdicinaWorschrift an den Pfarrherrn und Burg- 
grafen zu 8pangenberg wegen der damals (i58i) ausgebrochenen 
Krankheit. 

Das sechste Hauptstuck, von den fürstlichen Kammergütern 
und nutzbaren Rechten, Einnahme und Ausgabe, Hofstaat, Bau- 
ten, Anlagen und Gewerben, ist wieder sehr nützlich und reich- 
baltig für die Geschichte des häuslichen und bürgerlichen Lebens 
jener Zeit. Man sieht hier, dafs die hessischen Landgrafen von 
jeher ihr Land als ein großes Gut , die Bewohner desselben als 
ihr erbliches Gesinde ansahen, dafs sie in ihrem Lande wirth- 



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schatteten, handelten, speculirten , dabei doch auch gelegentlich 
Acht gaben, da ('s et dem Erbgesinde nicht zu übel gehe. Der 
Landgraf ist großer Ökonom, Salzsieder, Unternehmer von Hut- 
tenwerken, Bergbau, Gewehrfabriken , und weifs aus Allem Geld 
zu machen. Er treibt selbst seine Geschäfte , und ist sogar, was 
uns schrecklich lautet, selbst Präsident seines obern Gerichts oder 
seiner Justizkanzlei. Für den Zustand der Cultur und die Aus- 
dehnung der Waldungen bemerken wir, dafs in Hessen |3o Hir- 
sche, 5io Hirschkühe, 177 Rehe, 1164 wilde Schweine jährlich 
geschossen wurden, und fügen hinzu, dafs das Hofgesinde mit 
diesem Wildpret zuweilen geplagt ward. In dem Verzeicbnifs 
des Aufwands am Hofe für Küche und Heller (Beilage VIII.) 
kommt nämlich vor, dafs 3o Hirsche, 70 Stück Wild eingesalzen 
wurden, i5 eingesalzener Wildschweine, der 5o gesalzenen Bai- 
chen, der 100 Frischlinge und der 25o Schweinskopfe nicht zu 
gedenken. Die letzten Artikel mochten genießbar seyn; aber die 
ersten waren eine schwere Kost, und doch kommen hernach noch 
2000 Pfund gesalzen, abgehauen Wildpret besonders vor. Übri- 
gens erscheint der Landgraf bei allem dem überall höchst ach- 
tungswürdig, edel, der Liebe und Bewunderung werth, und würde 
noch weit vorzüglicher erscheinen , wenn nicht der Verf. als ge- 
treuer Hesse Alles gelobt und die Lebensgeschichte in ein En. 
comium verwandelt hätte. Dies schadet seinem eignen Zweck, 
den denkenden Leser stört es indessen nicht , er kann selbst ur- 
theilen, weil der Verf. die wahre und ächte Methode befolgt, 
die Thatsachen anzuführen; man kann also selbst zusehen, ob 
man nicht dadurch auf ein anderes Resultat geleitet wird. Ref. 
darf hier in das Einzelne nicht eingehen , er würde aber den rei- 
chen Vorrath von wichtigen Angaben, welche dieses Capitel ent- 
hält, in drei Classen vertheilt haben. Die eine würde die Anga- 
ben enthalten, die zur unsterblichen Ehre des Landgrafen und 
zur Beschämung der folgenden Zeit gehören ; die zweite die wun- 
derlichen oder ganz unverständigen Mafsregeln und Methoden je- 
ner Zeit; die letzte endlich alles dasjenige, was dazu diente, ein 
sogenanntes väterliches, eigentlich despotisches und willkübrliches 
System, der Verwaltung unmerklich vorzubereiten und deutsche 
Gutmüthigkeit durch Gutmüthigkeit zu übertölpeln. Herr von 
Rommel macht seinem Landgrafen sogar daraus ein Verdienst, 
dafs er den Zünften und Handwerken durch seine Kanzlei für 
ihr Geld neue Documente ausstellen Ii eis! Es heifst S. : 
»Alle städtische Innungen und Zünfte erhielteo von ihm Bestä. 



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Rommel: Geschichte von Heesen Bd. IV — VI 18 

tigung der alten, oder neue Lehrbriefe und Privilegien.« Dies 
wird dann historisch and archivalisch durchgeführt. Das Letztere 
ist aus vielen Ursachen sehr nützlich , das Lob kommt Uns aber 
ganz sonderbar vor. Auch von der hessischen Kunst zu den 
Zeiten eines Raphael, Michel Angeln, Julias Romanus u. s. w. 
hatte S. 73o Herr v. Rommel schweigen müssen, so patriotisch 
das Lob auch seyn mag, denn wir hoffen nicht, dafs er uns 8. 
7 3a Note *38 die Picta poesis , die er dort rühmend beschreibt, 
wirklich empfehlen will ; er scherzt gewifs nur. 

Zum sechsten Hauptsfück gehören einige Beilagen , die dem 
Ref. besonders wichtig scheinen und aus denen man manche An- 
schauung des Lebens and Verkehrs der Deutschen des 1.6. Jahr- 
hunderts nehmen kann , die man auch sogar aus dem Texte nicht 
so leicht ziehen würde. Zuerst Beilage VI, Ermahnung L. Wil- 
helms des Weisen an seinen Bruder L. Philipp IL zur Einschrän- 
kung- unnützer und ausländischer Hofpracht und überflüssiger 
Dienerschaft und zu einem geregelten , der Landschaft erträglichen 
Haushalt, 1 5—3. Darauf folgt Beilage VII, Ausgaben der Jahres- 
besoldungen und des fürstlichen Standes und Hofstaats überhaupt, 
i565. Über diese ziemlich ausführliche Beilage hier unsere Be- 
merkungen mrtzutbeiJen , würde uns zu weit führen, da wir auf 
Vieles eingehen müfsten , was sich in der Kürze nicht wohl deut- 
lich machen läfst, zu der folgenden wollen wir ein Paar flüchtige 
Noten machen, damit der Vf. sehe, dafs Ref. den Nutzen seiner 
Arbeit dankbar erkennt. No. VHI. Anschlag, was jährlich aof 
die Haushaltung (Küche und Keller) an Geld, Proviant, Frucht 
und anderem läuft (i585). Zuerst wird man aus diesem langen 
Register den gesunden Appetit einer hessischen Hofhaltung des 
i6ten Jahrhunderts bewundern lernen und erstaunen, welche Masse 
von Fleisch und Fischen noch ausser den siebenhundert Schweine- 
braten, die einen kleinen Nebenartikel bilden, jährlich verzehrt 
wurden,- dann wird man sich nicht wundern, dafs Hautkrankhei- 
ten und auch sogar der Aussatz im Mittelalter so häufig waren, 
wenn selbst an einem fürstlichen Hoflager so übermäfsig viel 
gesalzenes Fleisch genossen ward. Wir haben die vielen tau- 
send Pfand gesalzenes Wildpret schon erwähnt und verweisen 
unsre Leser nur noch auf die 1400 Scbwetnsfüfse, die 35o Schweins- 
köpfe, die 200 Biemen Salzfleisch, die 55o Seiten Speck und die 
2Ö0 dürre Schafe und Hammel. Wer die ao Ziegen kauen mufste, 
wird nicht gesagt. Auch an Käsen war Überflufs, denn ausser 
dem friesischen Käse wurden 1000 Pfund Schafkäse und *5oo 

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14 



Rommel: Geschichte von Hessen Bd. IV- VI. 



Schock Handhase gegessen. Auch gesalzene Fische in Menge, 
darunter 40 Tonnen Heeringe, 40 Pfund durrer Lachs und zwei - 
Tonnen gesalzener. Auch Hechte wurden eingesalzen genossen, 
denn wir finden vier Fafs gesalzene Hechte, das Fafs zu 6 Tha- 
ler, aufgeführt» Wie sich die Fleischspeisen zu den süüsen ver- 
hielten wird man daraus beurtheilen, dafs 5o Pfund Pfeffer und 
nur 55o Pfund Zucker, was jetzt bäum für eine grofsere Haus- 
haltung ausreichte, verbraucht wurden. Der SafTran , der jetzt 
aus unsern Kuchen verschwunden ist, mufs in der lan dg railichen 
viel, gebraucht seyn ; denn hier werden jährlich 6 Pfund aufge- 
führt. No. IX L. Wilhelms des Weisen Verordnung an das Hof- 
gesinde und die Ritterleute, die am Hofe speisen, dafs sie mit 
dem inländischen Wein sich begnügen sollen. No. X. Anschlag 
des Preises der Seiden- nnd anderer feinen Waaren, die man für 
den Hof L. Wilhelms IV. auf der Frankfurter Messe einkaufte 
(1 585). No. XI. Oedinge und Preise der Kunstler und Handwerks- 
meister unter I* Wilhelm (i585), Ausaug aus «iern Originale sei- 
nes Haadbuchs. Man siebt, Wilhelm war ein Universalgenie von 
der Sternkunde bis zur Küche; über alle möglichen Gewerbe 
und ihre Taxen und Anschläge reichte sein Geist; Ref. gesteht, 
dafs er in allem diesem zuviel von Mehemed Ali's gerühmter 
Weisheit findet, als dafs ihm nicht sehr angst dabei wurde. 

Über das siebente Hauptstück, Wilhelm als Beförderer der 
Wissenschaften und Gelehrter, schweigen wir, geschreckt durch 
eine Redensart, oder einen Triumph des Vfo., den wir sonst nur 
von den jungen allwissenden und sophistischen Männern unserer 
Zeit zu bdren gewohnt sind — Dsfs nämlich jeder, der vor der 
allbekannten Barbarei, die am Ende des i6ten Jahrhunderts das 
Licht verdunkelte, welches am Anfange desselben so glänzend 
geleuchtet hatte, zurückbebe: keinen Maasstab für die Bil- 
dungsstufen vergangener Jahrhunderte besitze. Wir 
freuen uns daher mit dem Verf. über die Bucher, die gekauft, 
und über die Dedicattonen , die bezahlt wurden, recht herzlich, 
Dafs übrigens der Landgraf auch als Gelehrter ein sehr ausge- 
zeichneter Mann war, kann niemand leugnen, unsere Bemerkung 
bezieht sich darauf nicht , und der Verf. hat sehr gute Notizen 
über den damaligen Zustand der Gelehrsamkeit mitgetheilt. Zu 
diesem Capitel gehören als Beilagen No. XII. Wilhelms lateinisches 
Schreiben an den in Italien reisenden jungen Lehrmeister seines 
Sohnes, Tobias Homberg. No. XIII. L. Wilhelms Schreiben an 



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Rommel : Geschichte tod Hotten Bd. IV- VI. 15 

den Grafen Nueoar (dem jüngeren), die Genealogie der Vorfahren 
des Hauses Hessen betreffend. ' No. XlV. L. Wilhelms Anweisung 
an seinen Astronomen Christoph Rothmann, wie er die Mittags- 
linie ziehen soll, um die Polhöhe zu bestimmen. No. XV. Schrei- 
ben an Kaiser Rudolf, die Übersendung einer Himmelskugel be- 
treffend. No. XVL Schreiben an Georg Cölestin , kurf. Brandenb. 
Hofprediger, über die Übersetzung der heiligen Schrift und die 
Lehre von der Allenthalbenheit Christi. No. XVII. Schreiben an 
den Superintendenten Joh. Pistorius Riddanus sen., die im Ober- 
Hfrstenthum seit der Anstellung des Ägidius Hunnius eingeschli- 
chene ultra- lutherische Lehre von der Allgegenwart Christi, die 
sächsische Concordie und die Erhaltung der bisherigen Eintracht 
der hessischen Kirche betreffend. No. XVIII. Wilhelms Schreiben 
an Beza, die sächsische Concordie und die Verfolgung der Re- 
form irten betreffend. 

Das achte und letzte Hauptstuck dieses Bandes enthält Fa- 
miliengeschichte, oder vielmehr die gewöhnlichen und bekannten 
Nachrichten vom fürstlichen Hause und Testament. 

Der sechste Band , oder der zweite Theil der neuern Ge- 
schichte, beginnt mit der Geschichte Ludwig des Altern in Mar- 
barg. Das dritte Buch , welches dieser nicht gerade anziehenden 
oder wichtigen aber doeb nöthigen Geschichte (1567 — 1604) ge- 
widmet ist, glaubt Ref. ganz ubergehen zu dürfen, da es nur 
für Hessen Interesse haben kann. Die scandatösen Geschichten 
der Wittwe des ton dem Verf. allen von ihm selbst angeführten 
Thatsacben zum Trotz hoch und herrlich gepriesenen Landgrafen 
würden zu einem Roman eben so guten Stoff geben als die Ge- 
schichte der Anna von Sachsen, Wilhelms ?on Oranien Gemahlin. 
Offenbar ist der hessische Historiograph dabei sehr im Gedränge. 
Er versucht Alles , um so glimpflich als möglich über die Sachen 
hinauszukommen , die er nun einmal nicht verschweigen kann und 
darf, und doch mufs er entweder den Landgrafen Ludwig und 
mit ihm Maria und einen der Herren von Baumbach oder auch 
Landgraf Moritz und seine Bruder eine garstige Rolle spielen las- 
sen. Das zu thun hat er sich wohl gehütet; er läfst uns am 
Schlüsse des zweiten Hauptstücks S. 62 — 63 über seine eigent- 
liche Meinung im Dunkeln und schleicht still von dannen. Da- 
gegen haben wir nichts zu erinnern , das mag er halten wie er 
will; aber über die Darmstädter Geschichte unter Georg und 
Ludwig V. im zweiten Buch sind wir sehr unwillig, denn beide 



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16 



Rommel: Geathichte von Hetsea Bd. IV — VI. 



sind nach des Verfs. Rede musterhaft und vortrefllich , nach den 
von ihm selbst treu berichteten Tatsachen gerade das Gegen- 
thei). . Dieser wunderliche Kau« , Georg ,t Verfolger von Juden 
und irrgläubigen Christen, jähzornig und grimmig, dafs er sein 
Ende dadurch beschleunigt, sitzt mit seinem, Kauzler in bürger- 
lichen und peinlichen Sachen zu Gericht, und , Herr v. Rommel 
findet das S. 98 gar nicht so übel, denn er habe ja ein we- 
nig Latein, Rechtswissenschaft und Geschichte ge- 
lernt gehabt. Wenn er an Ludwig kommt, der die schwärze« 
Ste Rolle spielte, die je ein deutscher Fürst gespielt hat (man 
lese nur, was Herr v. Rommel selbst hernach treulich berich^ 
tet), so giebt ihm der Historiograph gleich anfangs ein Lob, in 
Ausdrücken, die wir gar nicht lieben, weil sie allgemein sind. 
Sein Verrath an seinen Verwandten, an seiner Religion, an der 
deutschen Verfassung ist edle Treue gegen den Kaiser, und un- 
gern und zögernd räumt der Geschieht seh reiber ein: dafs er 
doch wohl zuweilen (!!!) sich und seine politische 
Wichtigkeit überschätzt habe. 

Es ist erfreulich zu lesen, wie ängstlich, wie .vorsichtig der 
Verf. bald nach seinem Landgrafen Moritz von, Cassel, bald. nach 
Darmstadt vorsichtig blickend, zart, mild, leise auftretend in der 
ärgerlichen Marburger. Streitsache , alles, entschuldigt und oft 
glücklich das Schwarze weifs macht, und Ludwigs Bund mit 
Pfaffen nnd Spaniern kaum andeutet. Übrigens werden denkende » 
Leser nichts dagegen einwenden, dafs Herr v. Rommel «usysei-j, 
nem Material das Beste und dem grofsen Haufen der Leser An- 
genehmste gemacht hat, was sich daraus machen liefs, da er dies 
Material rein, treu, reich giebt, und es unsere Schuld ist, wenn 
wir nicht darin finden, was er gefunden hat. Oft scheint es uns 
freilich, als predigte man den gelehrten, geduldigen, gutmüthi- 
gen Deutschen etwas zuviel Optimismus ; wenn Rinder aber 
durchaus schlafen sollen, dann mufs man freilich ein Wiegenlied 
singen. 

(Der BeMchlufi folgt.) 



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N°. 2. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



v. Rommel: Geschichte von Hessen, Bd. IV— VI. 

( Besehlufa.) 

Dieser Lodwig und seine Augsburgischc Confession und seine 
Conspiration mit Rudolph und den Jesuiten, mit Ferdinand II. 
und den Spaniern, seine Hoffnung dem Vetter Moritz mitzuspie- 
len , wie der sachsische Moritz dem unglücklichen Johann Frie- 
drich mitgespielt hatte ; welcher reiche Stoff! Aber freilich nicht 
für einen Mann, der Verhältnisse zu wahren hat; kein Mensch 
wird es daher Hrn. v. Rommel verdenken, wenn er leise auftritt. 
Diese Hessische Geschichte ist für Viele, man mufs sie von der 
Geschichte für Wenige unterscheiden; weil Herr v. Rommel 
Recht hat, wenn er meint, dafs zum Laufen das Schnell§eyn al- 
lein nicht nutze, und dafs, wenn es btos aufs Schneiden ankom- 
me, die schärfsten Messer bald am Brorle stumpf würden. Nicht 
alle Messer sollen aber gerade Tisch- und Brodmesser sevn , nicht 
alles Laufen ist Wettlaufen. Die Art Geschichte, die wir hier 
▼ermissen, gehört freilich nicht für das grofse Publicum, sondern 
für eine ganz kleine Anzahl Menschen, dje da lernen sollen, dafs 
das Mehrste, was sie für Geld (aera) halten, doch beim Lichte 
besehen nur Bohnen (lupini) sind. Welche Materialien finden sich 
nicht hier im zweiten Hauptstuck gehäuft, um zu zeigen wie es 
in Deutschland zugieng und wie schma'hlig die heiligsten Interes- 
sen der Gesammtbeit den erbärmlichsten Einfallen und Lappalien 
der Machthaber nachstehen mufsten!! Wie der Verf. die Sachen 
zu fassen weifs, kann man unter andern aus der Stelle sehen, 
wo von dem schmähligen Benehmen des Darmstädter Fürsten 
die Rede ist, zu einer Zeit, als nach der schrecklichen Wuth 
der jesuitischen Baiern gegen das arme Donauworth endlich die 
Union zur Rettang der Protestanten und ihrer Freiheit geschlos- 
sen war. Herr v. Rommel sagt S. i63 : »In allen diesen Ge- 
schäften zeigte Landgraf Ludwig, der sich von Prag nach Cöln 
und hierauf nach Jüterbock zur Ausgleichung Kui'sachsens mit 
Brandenburg begab, (sehr gut gewendet!!) auch seinen Vet- 
ter Moritz, wiewohl vergebens, von der Union ab- 
mahnte, so thätigen Eifer, dafs er sich nicht nur den 
XXXI. Jahrg. 1. Heft. 2 



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Rommel: Geschichte von Hes.en Bd. IV- VI. 



Beifall des Kaisers, dessen Bruder Matthias und der 
Erzherzoge, sondern auch das Vertrauen des Hauptes 
der katholischen Ligue, Maximilians I. von Baiern, 
erwarb. « Das Princip aller doctrinären Briefträgerei und Ach- 
selträgerei unserer Zeit klar ausgesprochen lautet also : Man soll 
immer Gott auf die Weise dienen , dafs man es mit dem Teufel 
nicht ganz verdirbt.. Unser Geschicbtschreiber berichtet daher 
naiv und ohne allen Unwillen auf der folgenden Seite, dafs als 
Maximilian von Baiern , der Donauwerth als Unterpfand seiner 
auf die Vollziehung der Acht gewendeten Kosten behalten hatte, 
endlich habe Rechnung ablegen sollen, er sich denselben pro- 
testantischen Fürsten Ludwig von Darmstadt, der die rechte 
Mitte so gut zu halten wufste, als kaiserlichen Commissarius er- 
beten habe: — und die Liquidation, wie die Rückgabe 
der Stadt, sey unterblieben. Es wäscht eine Hand die an- 
dere, dachte der Landgraf. 

Die Geschichte des Aufstandes in Frankfurt unter Fettmilch 
und Consorten scheint uns in der Ausführlichkeit, wie sie hier 
S. 169 — 17* erzählt wird, um so weniger der hessischen Ge- 
schichte anzugehören, als der Leser am Ende doch nicht erfährt, 
worauf es eigentlich ankam. Ein Einfall der Frankfurter war 
nicht übel. Sie schalten nach S. 170 den gerühmten Landgrafen 
einen Pfaffenknecht, und trauten ihm zu, dafs er Jesuiten 
nach Darmstadt bringe. Es mufs sogar sein Geschichtschreiber 
einräumen (S. 173), dafs auf dem Reichstage i6i3 im März er 
(der vortreffliche Ludwig) der einzige weltliche Fürst, 
der bei diesem Reichstag in Person erschien, mit den 
zahlreichen Prälaten dem römisch-katholischen Got- 
tesdienst in der Domkirche beiwohnte. Nachdem her- 
nach der schändliche Verrath , die gänzliche Vergessenheit der 
heiligsten Pflichten gegen Lehre, Verwandte, Vaterland und ehe- 
malige Verbündete ongefübrt sind , sagt der hessische Historio- 
graph ganz mild: sein Landgraf, der hinter dem Rücken seiner 
Mitstände allein einen Reichsabschied unterschrieben, den sie 
nicht gewollt hätten, sey nicht ohne Verdacht eigennützi- 
ger Absiebten geblieben. Auch die abentheuerliche Reise 
des Landgrafen Ludwig kurz vor dem Ausbruch des 3ojähiigen 
Krieges nach Spanien und zum Pabst hat der Vf. aufs gelindeste 
erzählt; doch sieht man, dafs er zu den Leuten nicht geboren 
will , welche der Geschichte einen modischen Mantel umhängen , 
oder die evangelische Wahrheit mit philosophischem Lug und 



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Rommel: Geschichte von Helten Bd. IV— VI. 19 

• 

- Trug verfälschen. Das ist Alles, was man von ihm in seiner 
Stellung billigerweise verlangen kann. Dasselbe lä'f&t sich von 
den Bemerkungen über das Benehmen des Landgrafen in den 
Jahren 1619—1629 sagen. Wir erfahren so wenig als möglich, 
aber wir werden doch nicht um die Wahrheit betrogen oder mit 
jesuitisch -Machia?ellistischen Formeln abgespeist. Nachdem Herr 
v. Rommel übrigens alle die Gewalttätigkeiten und Verriithereien 
dieses Ludwig trocken und ohne alle Beurtheilung angeführt hat, 
fahrt er S. 227 fort: »Der staatskluge Landgraf hatte zugleich 
dem Kaiser zu Regensburg eine Kostenberechnung wegen des in 
seinem Dienste und im Kriege erlittenen Schadens überreicht. 
Der Kaiser, bereit das Gute zu belohnen und das Böse zn be- 
strafen (der Verf. hat freilich durch Gansefufse angedeutet, dafs 
dies nicht seine Worte sind , er nimmt sie aber doch in seinen 
Context auf) , entschädigte ihn in einem förmlichen Belobungs- 
decret auf Unkosten des Kurfürsten von der Pfalz, des- 
sen Anhänger und Lehnst räger, der Grafen von Solms, 
von Löwenstein und von Isenburg.« Alles Übrige nimmt 
der hessische Geschichtschreibcr dem Landgrafen nicht übel, wohl 
aber , dafs er soweit aus der Casselschen Art schlug , dafs er in 
Geldsachen nicht ungemein knapp war. Dies zieht ihm S." 33o— 
33 1 den einzigen ernsten und strengen Tadel zu, den wir in den 
beiden Bänden angetroffen haben. Es heifst: tEin glänzender Hof- 
staat, grofse Bewirthung bei Hochzeiten und Taufen, den Kai- 
sern und Kurfürsten gegebene Jagdfeste, ein bisher unerhörter, 
den Landmann druckender Jagdstand , die Begünstigung des Adels, 
der ritterlichen Beamten und ausserordentlichen Befehlshaber in 
Krieg und Frieden, Gnadengehalte an die geistlichen Herren in 
dem benachbarten Erzstift Mainz verschwendet, unaufhörliche 
Reisen, die Prozesse an den beiden höchsten Reichsgerichten, 
führten diesen Fürsten nicht selten in eine Finanznoth, welche 
weder durch die Abschaffung der Hofkost , noch durch ausser- 
ordentliche Ergebnisse (??) des Getreides, noch durch theilweise 
Verwandlung der Frobndienste in Geldabgaben, noch durch die 
Beiträge der Landstände getilgt wurde ; während die von dem 
Konige von Spanien bezogenen Pensionen ihm den Vorwurf zu- 
zogen (wie fein und behutsam das ausgedrückt ist!!), dafs er 
abweichend von den Maximen des Hauses Hessen sich einer der 
Religion»- und der Reichsfreiheit gleich verderblichen Herrschaft 
verpflichtete.« Es folgt hernach noch Vieles andere gar wenig 
Löbens- oder Liebenswürdige; doch preiset ihn hernach der bes- 



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Rommel: Geschichte von liefen Bd. IV — VI. 

Geschichtschreiber , und zwar auch deswegen , weil er 
Privilegien erschlichen und seinen Vetter am kaiserlichen Hofe 
überflügelt (wie konnte er überflügeln , da Moritz ja niemals 
mit ihm zugleich in Wien. Rom und Madrid geflügelt hatte?) 
und weil er so fromme, gerechte, milde Worte in sein Testa- 
ment schreiben liefs. Wie erbaulich aus einem Munde, wie der 
Ludwigs V. war!! Der Nachfolger, heifst es darin, soll dem 
fanatischen Kaiser getreu seyn — quand meme. Dieser Darm» 
Städter Geschichte, die dadurch gekrönt ist, dafs zwei der Sohne 
quasi römisch und der Eine im Ernst katholisch, dafür aber auch 
Cardinal und ßiseboff von Breslau wird , sind die Beilagen VIII 
— XIV von S. 242 — 293 angehängt. 

Die zweite Abtheilung dieses Bandes, oder das fünft« Buch, 
enthält in fünf Hauptstücken die Geschichte von Hesien Cassel 
unter dem- Landgrafen Moritz von 1592 — 1627. Das erste Haupt- 
stück übergehen wir, weil es blos für Hessen bestimmt scheint, 
für uns Andere aber an Überfülle im Text und in den Noten lei- 
det, da wir über fürstliche Personen, Genealogien, Familien, 
Hochzeiten u. s. w. täglich in den Zeitungen schon gar zu viel 
lesen müssen. Es werden indessen , besonders in den Noten , viele 
Einzelnheiten und Anekdoten gegeben, welche sich zu einer Dar- 
stellung des Lebens und der Verhältnisse desselben im ersten 
Viertel des löten Jahrhunderts ganz vortrefflich gebrauchen las- 
Jassen. Die Familiengeschichten und die oft etwas zu allgemein ' 
und in nichtsbedeutenden Bedensarten gefafsten Schilderungen des 
Landgrafen, seiner Juliane, sowie aller Prinzen und Prinzessinnen 
des hohen Hauses, mögen die Hessen bei ihrem Geschichtschrei, 
ber aufsuchen; aber mit vollem Herzen unterschreiben wir, was 
Herr v. Bommel passend und schon vom Prinzen Philipp (sit illi 
terra levis!) S. 337 — 342 berichtet. Er fiel bekanntlich bei Lut- 
ter am Barenberge für Religion, Freiheit und Recht, gegen Ge- 
walt, Druck und Fanatismus kämpfend!! Zu diesem Hauptstuck 
gehören Beilage I — V, die uns ziemlich unbedeutend scheinen. 

Im zweiten Hauptstück ist von Hof, Adel und Wissenschaft 
unter Moritz die Rede. Dieser Landgraf trägt den Namen des 
Gelehrten; das ist aber bekanntlich unter unserer gelehrten und 
speculativen Nation immer Unheil bedeutend und Verderben brin- 
gend, weil dann alle Fehler Öer Schulgelehrten und ihre ganze 
Eitelkeit in einer unseligen Verbindung mit den Lastern und Lei- 
denschaften höherer Stände Leben und Wissenschaft zugleich ver- 
giften. Das war freilich bei Moritz nicht durchaas der Fall , aber 



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Rommel: Geschichte von Hassan Bd. IV— VI. 



21 



doch prangte und prunkte und prahlte er, und besoiders seine 
Juliane ganz anders als seine beiden Votgänger! Daruber hat 
uns denn freilich Herr t. Rommel in diesem Hauptstück sehr 
ausfuhrliche, wir mochten fast meinen, auch selbst für die Hessen 
zu reichhaltige Nachrichten gegeben. Die Hessen , selbst ihr 
Adel, sind ja zum blofsen Hofiren zu brav und zu tüchtig! Das 
wäre ein Capitel iür Engländer, die haben jetzt eine bedeutende 
Anzahl von Buchern (zum Theil von Damen geschrieben) in die- 
ser Manier, und diese Bücher sind sehr gesucht. Über die Wis- 
senschaft des Landgrafen und über seine Manier, sie am Hofe 
emporzubringen, wollen wir lieber gar nichts sagen, da Herr 
v. Bommel in der Manier der gewöhnlichen Bücher, wo immer 
mehr Geschrei ist als Wolle, davon redet, und Ref. weder Muse, 
noch Lust, noch Fähigkeit hat, aus der Ungeheuern Masse von 
Spreu, die Herr v. Bommel gespeichert hat, das wenige Horn 
auszuscheiden. Beilage I. enthält ein Begister der kleinen per- 
sönlichen Hofausgaben des L. Moritz von den Jahren 1597 — 99 
während seines Aufenthalts auf den benachbarten Schlossern zu 
Weissenstein , Rotenburg, Melsungen u. s. w. Das ate Stück 
scheint uns als Curiosum für den hessischen Adel aufgenommen; 
denn wir Andern können damit nichts anfangen. Es ist das Ver- 
zeichnifs von Hof dienern des Landgrafen Moritz, welche zum 
hessischen oder ausländischen hohen oder njedern Adel geborten, 
mit Einschlufs einiger Zöglinge der Hof- und R,itterschule. Ebenso 
unfruchtbar scheint uns, ausserhalb Hessen No. III. das lange 
Verzeichnifs der vorzüglichsten hessischen Gelehrten , Hat he, 
Kirchen- und Schuldiener, Ärzte und Hünstier, welche unter L. 
Moritz Öffentliche Stellen bekleideten , und No. IV. Verzeichnifs 
auswärtiger Gelehrten aus allen Ständen, auch Alcbyraisten und 
Künstler, welche mit L. Moritz in Briefwechsel standen, ihm ihre 
Werke «widmeten oder von ihm beschenkt und unterstützt wur- 
den. Das scheint uns doch zu lang und zu unbedeutend. 

Über das dritte Capitel, betreffend Schulanstalten und Kir- 
chenreform, hätte Bef. viel zu sagen, er behält es aber für sich, 
weil die Art, wie er diese Dinge betrachtet, sich durchaus mit 
der Manier, die der Verf. mit Becht vorgezogen hat, nicht wohl 
vereinigen läfst Einiges ist ihm jedoch sehr aufgefallen. So führt 
Hr. v. B. (Bef. weifs nicht, ob lobend oder' tadelnd) S. 53i in 
der Note an : » nach einer urkundlichen Nachr ich t habe L. Moritz 
1604 ara Charfreitage von 5 — 9 Uhr Nachts seinen Dienern eine 
Predigt vom Leiden Christi gehalten. Auf Reisen sey er immer 

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22 Rommel : tScschichte von Hessen Bd. IV— VI. 

mit der Bibel versehen gewesen und habe selbst im Wagen theo- 
logische Vorlesungen gehalten. « Nach dieser Nachricht darf man 
sich nicht mehr wundern, wenn in diesem Hauptstück fast aus- 
schließend von theologischen Zänkereien über zum Tbeil höchst 
lächerliche Dinge die Rede ist. Dieses Alles hat unstreitig für 
die Geschichte jener Zeiten seine relative Bedeutung ; allein diese 
ist doch von der Art, dafs wir den Lesern dieser Blätter nicht 
zumuthen dürfen, dem Verf. Schritt vor Schritt zu folgen. Das- 
selbe gilt von den sechs Beilagen, die zu diesem Hauptstück ge- 
hören. Das vierte Hauptstuck handelt von der Landesregierung, 
Rechtspflege*, Polizei, Volks- und fürstlichen Staats- Wirthschaft. 
Der Anfang dieses Hauptstucks deutet recht gut an , wie schon 
Moritz auf das von Gottes Gnaden seines Fürstentitels eine 
ganz andere Bedeutung legte, als seine Vorfahren; er giebt aber 
zugleich deutlich zu erkennen , wie weit Moritz noch von den 
landgräflichen Nachahmern Ludwigs XIV. entfernt war. Der' Vf. 
berichtet hier S. 619: »dafs die Neuerung, welche auch Moritz 
benutzte , vermöge deren zu Gunsten des byzantinischen Systems 
der Regierung die Beamten nach Willkübr entlassen werden 
konnten, ein von d en Rechtsgelehrte n angenommener 
Grundsatz gewesen sey.« Das war Ref. neu, soviel Gutes 
er sonst auch von den Herren wufste. Moritz, heifst es übrigens 
S. 624, sey em Kenner und Bewunderer des Justinianischen Rechts 
gewesen , und das mit Recht ; denn Moritz war selbst eine Art 
Justinian, Fürst und Richter, Pfarrer und Professor, Pedant und 
Weltmann, Tbeolog und Jurist, Bücherschreiber und Dichter 
und Gott weifs was noch Alles, in einer Person, und doch brachte 
er sein Land in grofses Unglück, und verdarb, was sein Vater 
und Grofsvater, die keine Bücher schrieben, gut gemacht hatten. 
Wehe drm Lande, dessen Fürst ein Kind ist, sagt ein Buch der 
Schrift; wir würden hinzusetzen: wehe dem Lande, dessen Fürst 
— das Übrige will Ref. dem Leser überlassen. Es wird einem 
angst und bange bei der hier gerühmten allezeit regen Geschäf- 
tigkeit und dem gepriesenen Einmischen in alle mögliche und 
erdenkliche' Dinge, Wissenschaften und Geschäfte. Wer etwa 
mit unserer Zeit, ihrer historischen Jurisprudenz, ihrer kamera- 
listischen Allweisheit, ihrer sophistischen und doctrinären Politik 
unzufrieden seyn sollte, der lese dieses Capitel der hessischen 
Geschichte und er wird seine Zeit segnen , wo trotz aller Bereit- 
willigkeit gewisser Beamten und Richter , doch eine solche Ver- 
waltung, wie die hier geschilderte und gepriesene, unmöglich ist. 



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Altmeyer: Inlroductiun ä letudc philotophique do l'htitoire. 23 

• Übrigens darf Ref. t der sich mit Staatswissenschaft und Ökonomie 
nie speciell beschäftigt hat, dem Verf. um so weniger hier und 
im fünften Capitel , wo von Landesverteidigung und National- 
miliz die Rede ist, durch alles Einzelne folgen, als er dem Pu- 
blicum hinreichend gezeigt hat, wehchen Gebrauch man in der 
allgemeinen deutschen Geschichte von diesem Werke machen 
kann. Der sehr gelehrte und nicht gerade reizbare oder empfind- 
liche Verf. wird ihm daher auch verzeihen, dafs er so oft im 
Urtheil von ihm abweicht; das ist kein Tadel, wenn es gleich so 
aussieht. Ref. will dieser Anzeige einer ganz und durchaus spe- 
ci eilen Geschichte noch die kurze Anzeige einer Schrift über 
die Philosophie der Geschichte anhangen, die ihm gerade in die- 
sem Augenblicke zukommt: 

Introductiun ä Vitude philosophique de i'histoirc de l'humanitv par J. J. 
Altmeyer , docteur en droit et en lettre*, profes$eur d'hittoire a l'uni- 
versitd libre de Belgique. RruxeUe». De Mat. 1836. 174 p. 8. 

Da der Verf. dieser Schrift dem Ref. brieflich meldet, dafs 
er einen ausführlichen Abrifs der alten Geschichte verfafst 
habe, welcher gegenwärtig unter der Presse aey, und dafs eine 
Geschiebte des Mittelalters unmittelbar folgen werde, so hält er 
es für seine Pflicht, auch das deutsche Publikum mit dem Verf. 
bekannt zu machen, weil diese Introduction gewissermafsen als 
die allgemeine Einleitung zu einer das Spccielle begreifenden 
Geschichte der alten und mittlem Zeit zu betrachten ist. Da der 
Verf. als begeisterter Redner auftritt und nach Herders und eini- 
ger neuern Franzosen Manier mehr hinreifsen als lehren will, so 
ist es dem ruhigen Leser oft schwer einen sichern Faden zu 
finden. Ref. will indessen versuchen , eine Vorstellung von dem 
Buche zu geben. Der Verf. eifert zuerst gegen die, welche jede 
sogenannte philosophische Geschichte verwerfen , und behauptet : 

* que l'histoire comme l'humanite, doit avoir un bat rationcl, doit 
realiser un plan providcntiel. Er fügt aber ausdrücklich hinzn, 
die Gegner der sogenannten philosophischen Geschichte hatten 
nur darum einigermafsen Recht, weil die mehrsten Urheber phi- 
lophischer Systeme der Geschichte eigentlich doch an» Ende nur 
von ganz individuellen Ansichten ausgingen und deshalb die ThaU 
Sachen beschränkten, modificirten, und auf jede Weise drehten, 
verdrehten und wendeten, um sie nach ihrer Weise gemodelt 
ihren individuellen Zwecken anzupassen. Ei fügt ausdrücklich 
hinzu : C'cst la un reproche que I on pourroit faire u Tecole philo- 



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24 Altmeyert Introduction k l'etudc philosopluque de l'hiftoire. 



sophique d'Allemagne. Er sagt übrigens ganz offen , dafs seine 
Leser von ihm keine pensees nouvelles, keine coneeptions, die 
ihm besonders eigen seyen , erwarten müfsten : Loin d'£tre l'ar- 
chitecte des doctrines , contenues dans ce petit livre , sagt er, 
je n'en suis pas meme le peintre, je ne suis qu'un simple ou?rier, 
un manoeuvre, un proletaire des idees progressives du XlXieme 
siecle. Die Einleitung selbst geht in einer zusammenhängenden 
Rede fort , dio Noten folgen hinter dem Text , weil wie der Vf. 
sich ausdrückt : ce chant ne devait pas etre interrompu par le 
pesant attirail des citations et des eclaireissements. 

Der Verf. beginnt hernach den Strom seiner begeisterten, < 
dem Zwecke, lebhafte Theilnahme zu erwecken, wohl angepafsten 
Rede mit einigen ganz guten Bemerkungen über den Nutzen der 
Geschichte, wenn man sie blos als Geistesbildung und als Mittel, 
zu dieser zu gelangen, betrachtet, dann sucht er die drei Män- 
ner, welche die Geschichte der Menschheit rednerisch zu entwer- 
fen versucht haben, nämlich Vico, ßossuet, Herder, zu 
charaktet isiren. Wenn dann der Vf. unbedingt das Fortschreiten 
verkündet und preiset, so scheint er sich selbst ungetreu zu wer- 
den, weil jedes materielle Fortschreiten offenbar oft ein intel- 
lectuelles Rü'ckscbreiten hervorbringt. Wir wollen einmal an- 
nehmen , es würde, wie offenbar die Stimme der fortschreitenden 
und fortgeschrittenen Männer in Baden fodert, aus unsern Schu- 
len das Griechische verbannt, kein Homer, kein Thucydides, keia 
Sophocles mehr gelesen , sondern nur das gelehrt, was -zur Er- 
klärung des Corpus juris , zur Verfertigung des Runkelrüben- 
zuckers , zur Anlage von Eisenbahnen durchaus nothig ist zu 
wissen , w ? o fände dann der Verf. ein Publicum ? Ausserdem 
scheint der Fortschritt der Zeit es unter uns dahin zu bringen, 
dafs auf der einen Seite der Braminen Contemplation und der 
Orientalen Begeisterung unter uns Deutschen eindringt, und auf * 
der andern der alten Griechen Weisheit von denen verfolgt wird, 
die sich selbst rühmen, was man ihnen gern glaubt, sie nie ge- 
kannt zu haben; was soll man von diesem Fortschreiten halten? 

Ref. macht darum aufmerksam auf diesen Punkt, weil er we- 
der mit dem Vf. von Eisenbahnen , noch mit den ungriechischen 
Männern unter seinen Landsleuten von der fortschreitenden Ab- 
schaffung des Griechischen in den Schulen der Menschheit Heil 
erwartet. Der Vf. dagegen sagt S. 1 1 voll Vertrauen auf Mensch- 
heit und Menschlichkeit: Le progres vers la perfection est donc 
le but final, la loi premiere de la societü, cest le Xriyos pour le 



V 

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Altiueyer : Introduction ä l «Hude philotophiquc de Thistoire. 25 

quel Socrate est mort, pour le quel meurcnt les philosophes et 
les martyrs. Or le progrcs existe , il est proclame par )a voix 
de l'histoire et par les mohumens de tous les ages etc. etc. Die 
Periode schliefst hernach mit dem Ausruf: bientot les ornicres 
eji fer mettront moins de distance entre Paris et Damas qu'il riy 
co avoit jadts entre Hörne et Athene«, Der Verf. besinnt sich 
indessen hernach , er gesteht ein , dafs die Zeiten noch fern seyen, 
wo das, was er das principe de l'antagonisine nennt, der die vo- 
rige Zeit beherrscht habe, gänzlich yerschwinde, er wendet sich 
an die jüngere Generation u. s. w. Man sieht leicht, dafs man 
hier nicht kalte Untersuchung, sondern eine begeisternde Rede 
erwarten dürfe, welche viel Kenntnisse und viel Eifer verrätb, 
aber nicht wie eine Dissertation darf geprüft werden. Wir ver- 
muthen fast, obgleich dies nirgends angedeutet wird, dafs es eine 
Einleitungsrede zu des Verls. Vorlesungen war. Erst auf der 
s3sten Seite erfahren wir, dafs der Verf. Hegel folgt, denn dort 
heifst es: Dans ie monde Grec l'idee du fini apparait, lactifite 
humaine sc produit et enfante des prodiges , le rapport du fini 
a Tinfini est connu aussi , mais sous forme d'image et de Symbole. 
A Borne regne exclusivement l'idee du fini; il en resulte une 
personnaiite egoiste et une universalite abstraite et sans verite. 
Dans le monde Germanique Tunitc divine et la nature de l'horame 
sc reconcilient et de cette fusion sortent la liberte, la verite, la 
moralite. D'apres cette belle division , setzt er dann hinzu , quo 
nous devons au plus grand philosophe de rAllemagne, si et n'ett 
de CEurope, ä Hegel u. s. w. 

Auf der 23sten Seite endigt der Vf. die rein philosophische 
oder rednerische Einleitung, um die historische zu beginnen, unS 
setzt uns in den Stand ihm zu folgen. Was er über den Orient 
und dessen alte Geschichte sagt, ist klar, verständlich und im 
Allgemeinen auch mit der Vorstellung, die Referent davon hat, 
übereinstimmend , Neues oder durchaus Originelles wird man 
nicht finden, der Verfasser selbst aber hatte ja auch erklärt, dafs 
man weder neue Entdeckungen, noch auch eine durchaus .eigen- 
thüralicbe Verbindung des Bekannten erwarten dürfe. Erfreulich 
ist es, dafs er, wie er weiter kommt, deutlicher, bestimmter 
wird, und dafs ^r seinen Vortrag nicht, wie Ref. anfangs fürch- 
tete, in ganz unbestimmter Weite und in Terminologien der 
Schule fortführt. Man findet in dieser Introduction eine Verbin- 
dung der neuen franzosischen und deutschen Manier, nur spielt 
zwischendurch das Materielle eine etwas sonderbare Rolle. Alles, 



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20 Altmeyer: Iotroduction ä l «Hude philotophique de rbUioire. 

I 

was der Verf. vorträgt, hat einen Charakter, den er im Avant 
Propos mit Recht durch das Wort Chant bezeichnet. Ref. will 
als Probe anfuhren, was der Vf. von den Phoniciern sagt, weil 
er selbst, wenn er durchaus in dem Styl reden miifste, wahr- 
scheinlich ebenso wenig über Phonieren mit dem Verf. uberein- 
stimmen wurde, als in Beziehung auf Eisenbahnen. Es heifst hier 
S. 39 nach einigen allgemeinen Bemerkungen : Combien les Phe- 
niciens lont ils plus haut places dans recheile sociale que les peu- 
ples conquerants ! Ces derniers ne travaillent que pour eux nie- 
mes, les peuples industriels travaillent pour tout le monde, ils 
mettent en circulation les produits de l'univers — — et provo- 
quent le developpement materiel et moral de tous les peuples 
quils touchent etc. etc. Die Stelle mag zugleich als eine Probe 
des Sf vis und der Manier dienen, und Ref. will, um den Lesern 
die Beurtbeilung der Methode zu erleichtern, eine andere Stelle 
abschreiben , wo der Verf. von dem Ubergang aus der orientali- 
schen Geschichtsperiode in die griechische redet. Er sagt näm- 
lich S. 34 : I /ai t i'gyptien perdit ce que lui avait donne* Tesprit 
de metier: le colosse devint statue, le temple gigantesque se 
transforma en theatre et les noms glorieux et parf umes (??) de 
Sappho et d'Anacreon rapellent une autre littcrature que celle 
qui eclate dans les propheties d'Ezechiel , dans ce cbar du ton- 
ncre, dans ce tröne de saphir, dans tout le symbolisme flottant 
du temple de Babylone. Was Rom angeht, so beginnt der Vrf. 
mit dem allgemein anerkannten Satz, dafs die Griechen erfunden, 
die Römer das Erfundene vertheilt hätten. Genau betrachtet ist 
dies nur unter einer sehr grofsen Einschränkung wahr, und wir 
bemerken dieses um zu zeigen, wie schwankend in der Geschiebte 
jede allgemeine Betrachtung wird, wenn sie sich nicht zugleich 
auf das Aller besonderste stützt. Die Romer drangen freilich nach 
Spanien und an die Donau; aber sie wurden am Euphrat und Ti- 
gris aufgehalten , dagegen blühten am Indus und in der Bucharei 
griechische Reiche und die Spuren und Wirkungen dauern noch 
fort. Unstreitig also breiteten die Griechen sich und ihre Herr- 
schaft weiter gegen Osten aus als die Romer gegen Westen, und 
man kann nicht unbedingt behaupten, sie hätten nur gesäet und 
seyen die Junglinge der societe antique, die Römer die recolteurs 
und distributeurs des fruits gewesen. Was der Verf. hernach 
yon Carthago sagt, scheint, ohne dafs er das ahndet, im geraden 
Widerspruche mit dem zu stehen , was er über die Phönicier 
gesagt und Ref. ohen angeführt hatte. S. 43; Ce fut Rome qui 



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Alimeyer: Introdortion Ii letudc philonophiqoe de l'histoire. 27 

egorgea l'Orient sur les ruines fumantes de Carlhage, car c'est 
de cette epouvantable catastrophe que date la Suprematie de la 
- civilisation libre et guerriere de l'Europe sur la civilisation re- 
ligieuse et despotique de l'Asie. <Jue seroit devena le monde si 
Carthage eot vaincu , si ces marchands, avcc leur aristocratie 
d'argent, leur htdeux egoisme, leur politique barbare, leur police 
defiante et cruelle, leurs sbires et leurs espions, leur religion de 
cbair et de sang , leurs orgies et leurs bacchanales eussent eu le 
dessus? Wir zweifeln nicht, dafs sich dies mit dem Satz über 
die Ph5nicier und mit den Thatsacben auf gewisse Weise 
vereinigen lasse, disputiren auch nicht über die Behauptung selbst, 
wir wollen nur andeuten, wie mifslich jede allgemeine Ge- 
schichte ist, und wie gut es daher ist, dafs sich doch gewöhn- 
lieh die jünger» Männer daran wagen , weil die altern sich nicht 
leicht getrauen werden , Gber das Einzelne hinauszugehen. Dss 
Christenthum und seinen wohltbätigen Einflufs preiset hernach 
der Vf. in Chateaubriands und La Mennais Manier, dabei scheint 
sich aber doch in einer Stelle, die wir uns nicht zu übersetzen 
getrauen, eine Spur deutscher Philosophie und Mystik zu zeigen 
8. 53: La plus haute et la plus profonde idee du christianisrae, 
c'est celle de la glorification toujours ascendante de dicu dans la 
raarche eternelle de la creation, de la lumiere a une lumiere 
toujours plus eclatante. Cette idee est pour la connoissance me- 
taphysique le centre vivant de la rerelation chrt'tiennc, comme 
la doctrine de la chute forme le myslere de la revclation roo- 
saique. In dem , was hernach folgt , erkennt Ref. zum Theil 
Herrn Michelet und die Dithyramben seiner ersten Hefte der 
Histoire de la France. — Die folgenden bat Ref. nicht gelesen. 
Übrigens können die mitgetbeilten Proben hinreichen, um den 
Lesern der Jahrbucher eine Vorstellung von der Manier , dem 
System und dem Geiste zu geben, der den Verfasser leitet; Ref. 
würde aber unbillig gegen ihn handeln , wenn er aus dem Strom 
begeisterter Rede , der bis S. 102 ununterbrochen fortgeht, viele 
andere Stellen ausheben wollte , da sie sich aus ihrem Zusammen- 
hange gerissen ganz sonderbar ausnehmen wurden. Ref. will nur 
noch erwähnen, dafs ausfuhrliche Noten, von S. io3 bis 174 dem 
Texte folgen , und dafs der Vf. darin eine sehr grofse und sehr 
mannigfaltige Belesenheit zeigt. Er ist durchaus nicht einseitig 
in seinen Citaten und man wird Vieles antreffen , was man ge- 
wifs in diesem Büchlein nicht erwartet hätte. Manches hätte frei- 
lich auch wegbleiben können, ohne dafs die Leser, welche eint- 



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28 Altracyer: Introdaction k l'dtude philoaophique de l'histoire. 

germafsen mit der Literatur bekannt sind, etwas verloren hätten. 
Unter die Stucke, die wir gerade in diesem Buche am wenigsten 
erwartet hätten, gehurt eine Urkunde, welche Note 33 S. 143 
abgedruckt ist. Dieses ist nämlich eio Document des Mittelalters 
über die Bevölkerung der Umgegend von Ypern. Der Vf. sagt, 
er habe diese Bulle Innocenz IV. vom Mai 1246, welche er hier 
zum erstenmal gedruckt liefert, im Archiv von Ypern IM bu- 
reau voute, layette 19 No. 5 gefunden. Ref. will den Anfang 
des Actenstucks hier einrücken , weil man darin einen authenti- 
schen Beweis der Ungeheuern Bevölkerung niederländischer Städte 
und Vorstädte im Mittelalter und die Bedeutung ihrer Tuchfabri- 
ken erkennen kann; diese Anfangsworte deuten übrigens auch den 
Inhalt und die Absicht der Bulle hinreichend an : Innocentius 
episcopus, servus servorum dei : Venerabiii fratri episcopo Mo- 
rinensi salutem et apostolicam benedictionem. Ex parte dilecto- 
rum filiorum scabinorum et universitatis viilae Yprensis fuit pro- 
positum cornm nobis , quod cum in villa ipsa in qua fere ducenla 
millia hominum commorantur , quatuor parochiales ecclesiae tan- 
tummodo sint statuta e, qua nun canonici reguläres curam obtinent 
animarum et in qualibet ipsarum solus canonicus consueverit per- 
noctare, ac per hoc iidem in spiritualibus non modicum sustineaot 
detrimentum, petebant in eadem villa tarn ecclesiarum quam cle- 
ricorum numerum augmentari etc. etc. 

Ref. glaubt jetzt seine Pflicht erfüllt zu haben, dem deut- 
schen Publicum anzudeuten , was ungefähr von den Lehrbüchern 
des belgischen Professors der Geschichte zu erwarten sey , und 
hofft dessen Handbuch der alten Geschichte früh genug zu er- 
halten, um es zugleich mit den beiden Lehrbüchern (für Schulen) 
anzeigen zu können, die ihm ein Pariser Professor zuzuschicken 
versprochen hat und die er mit Vergnügen lesen wird , da er 
den Verfasser derselben als einen Mann, der die Quellen in der 
Ursprache gelesen hat und als einen Kenner des Alterthums und 
der alten Sprachen, ungemein achtet, obgleich er neulich bei 
den Wahlen der membres de l academie andern Candidaten bat 
nachstehen müssen. 

Schlosser. 



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v. Ammon't Fortbildung des Chrutenthomi zur Weltrcligion. 29 

1. Die Fortbildung des Christenthums zur Weltreligion. Eine 
Ansicht der hohem Dogmatik von Dr. Christ oph Fr. von Amnion. 
I. Hand, Ite verbess. u. verm. Ausgabe, XXI III u. 384 8. II. Band 
XXX ii. 401 S. in 8. Leipzig 1836. bei Vogel. 

2. Geistesverirrungen des „Baron Otto von Uckermann, Mit- 
glieds der Cojnmittee der sdchs. IlauptbibelgcscUschaft [!!] zu Dreiden" 
in seinem Sendschreiben an den Herrn Prof. IV. T. Krug in Leip- 
zig — beleuchtet von dem Verf. der Fortbildun g des Chri- 
stenthums tur Weltreligion. 06* &.in kl. 8. Leipzig b. Arnold, 
1837. 

Wie sehr nothwendig es ist, dafs jede menschliche Über- 
zeugung durch Fortbildung gereinigt und vollendet "werde, 
erhellt tagtäglich durch Erfahrung. Noch tiefer aber wird die 
Unentbehrlicbbeit jener Fortbildung, besonders wo es 
Religionswahrheiten betrifft, erkennbar, wenn der Nachdenkende 
wissenschaftlich, das ist, durch ein prüfendes Wissen über das 
Wissen, seine Aufmerksamkeit auf die Entstehungsart aller 
menschlichen Überzeugungen richtet. Je deutlicher die 
Aufmerksamkeit auf uns selbst uns zeigt, wie unsre besten Über- 
zeugungen nur subjectiv sich bilden und in welch beschranktem 
Sinn sie objectiv genannt werden können, desto emsiger wird 
man durch Fortbildung sie ächtsubjectiv, das ist menschlich- 
allgemeingültig , su machen streben und jeden, auch unvollhomm- 
nen, wenn nur redlichen und grundlichen, Versuch ohne alle In- 
toleranz als Förderungsmittel vielseitiger Forschung gerade zur 
Fortbildung benutzen. 

Auch die speculative Religionsphilosophie unserer Tage ruf>, 
nur allzu oft, aus: Gott ist das Absolute! Im Absoluten ist die 
Wahrheit! Die Wahrheit ist in Gott! Aber was hilft dies 
uns, wenn alle die absolute (=von allen Un Vollkommenheiten 
der nichlvollkommenen Geister unabhängige) für uns objectivo 
Wahrheit allerdings rn dem vollkommenen Geiste ist und seyn 
mufs? In uns ist jede Wahrheit doch anders nicht als subjectiv. 
Alles uns vorgehaltene (objicirtc) ist in unser Bewufstseyn im be- 
sten Fall nur insofern aufgenommen, als alle dazu tauglichen 
Kräfte für das Auffassen derselben angewendet, ihm subjicirt, 
zum Subject gemacht, werden. Und doch ist es alsdann nur als 
eine subjective Anerkennung und Einsicht in unserm Bewufst- 
seyn. Denn anders als soweit unsre subjectiven Erkenntnifsbräfte 
sie aufzufassen und bis zum menschlich möglichen Wissen zu ver- 
deutlichen vermögen , können wir sie nicht in ans haben. 



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30 v. Amnions Fortbildung des ChrUtenthama 

Jedes Object der Betrachtung und Einsicht ist nur innerhalb 
unsers Vorstellungsvermögens uns vorgehalten. Mag es uns als 
ein ausser uns daseyendes Wirkliches, oder als ein »nicht anders 
denkbarer Gedanke« zur Anerkennung aufgenothigt er- 
scheinen; schon dieses Aufgenöthigte ist nicht eben das selbst, 
was sich aufnothigt. Das sich aufnothigende Object wird nicht 
etwa, weil es ein Ding an sich ist, gar nicht erkannt, aber 
wir erkennen es doch nur, insofern es durch Aufnothigung Ur- 
sache einer Vorstellung in uns wird. Was und wie es im Übri- 
gen an sich sey, wird uns dadurch nicht bewufst. Hegel weist 
daher richtig darauf hin, dafs immer nur die Vorstellung das 
Object unsers Bewufstseyns ist. Aber auch Kant hatte längst 
nichts anderes gesagt, indem er zuvorderst darauf aufmerksam 
machte , dafs wir zwar von jedem vorgehaltenen Ding oder Be- 
trachtungsgegenstand das, was von ihm in der Vorstellung zu er- 
fassen ist, zu erkennen vermögen, was aber ebendasselbe Ding 
sonst noch und an sich ist, ausser unserm Bewufstseyn oder 
unerkennbar bleibe. 

Nur, soviel das Maas (das Quantum) unserer Auffassungskraft 
nehmen kann und kräftig aufnimmt, dieses und nicht mehr, kann 
unser eigentliches Betrachtungsobject werden. Es ist alsdann als 
etwas durch den Einen Factor der Vorstellung, durch das Auf- 
nothigende, dem Subject aufgenotbigtes innerhalb des Sub- 
jeots. Wenn aber nicht unser Bewufstseynkönnen, als der an- 
dere Factor jeder Vorstellung, bei dem Auffassen mitwirkt, so 
entsteht doch noch kein Vorgestelltes. YVievieles Fühlbare ist uns 
immerfort aufgenothigt , das doch , wenn das Wissenkönnen nicht 
darauf gerichtet ist, nicht zur Vorstellung wird und nur unbe- 
wufst im Subject wirken kann. Selbst der wissende Geist aber, 
oder ein jeder , welcher Ich denken kann , bringt alsdann von 
dem menschlich aufgefafsten doch nicht mehr zum klaren und 
deutlichen Wissen, als er vermöge seines Kraft wesens und sei- 
ner Übung vermag. 

Dabei kann aber sein Bewufstseyn — das heifst, der Ge- 
müthszustand , in welchem er von dem aufgenothigten und auf- 
gefafsten etwas wissen kann , mehr oder weniger mit einer Unzahl 
schon vorgefaßter Meinungen überfüllt seyn , so dafs es nur erst, 
wenn es durch ein streng prüfendes Beurtheilen und Wissen des- 
sen , was zu wissen möglich ist, gereinigt wird, ein subjectiv 
gültiges genannt werden kann. Und deswegen hilft es nichts, 
wenn so viele sich jetzt auf ihr christliches oder idealisches 



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zur Weltreligioo. 31 

Bewufstseyn berufen, weil erst geprüft werden raüfste, ob sie 
weder zu viel noch zu wenig als Christuswürdig oder als Ideal 
in ihr Bewufstseyn zugelassen und aufgenommen haben. 

Eine doch nur subjectiv- gültige Vorstellung nennt man nur 
allzu oft ein ob jecti?es , und behandelt es als eine dem Vorgehal- 
tenen ganz adäquate Überzeugung, wenn man sich nicht bewufst 
ist, das von dem Subjectiven wohl unterscheidbare Individuelle, 
nämlich die nur der bestehenden persönlichen Einzelheit angehö- 
rigen Eigenheiten, Ton dem vorgehaltenen Betrachtungsgegenstand 
abgehalten und ihn dann allein durch Kräfte, die bei allen 
menschlich betrachtenden gemeinschaftlich vorauszusetzen sind , 
in Betrachtung gezogen zu haben. Aber auch eine solche Be- 
trachtung ist alsdann doch nicht eigentlich eine objective zu' 
nennen. Sie ist nur als eine von den individuellen Besonder- 
heiten (Schwächen, Leidenschaften t Nebenrucksichten) möglichst 
gereinigte. Sie ist also als menschlich mögliche, subjective Ge- 
wifsheit, als möglichst gutes Wissen des in der Vorstel- 
lung, als innerem Gegenstand, enthaltenem Wahren festzuhal- 
ten und als etwas, worin man mit alle» ebenso wissensthätigen 
SubjecLen übereinzukommen nicht bezweifelt , in Begriffe und 
Sätze aufzunehmen und als Regulative anzuwenden. 

Ollen bar aber bleibt hier immer , und »war als eine zur Ver- 
vollkommnung unentbehrliche Pflicht, der Vorbehalt, auch die 
möglich bestens erworbene Gewifsheit oder Befriedigung un- 
serer Willenskraft nur so lange, als sie sich bei jedesmaliger 
prüfender Betrachtung erprobt, für das Wahre zu halten und 
als das Wahre zu benutzen, welches in der uns vorgehaltenen 
Vorstellung bleibend enthalten ist. Die Wahrheit nämlich ist von 
der graduellen Gewifsheit sehr zu unterscheiden. Das Wahre 
ist und bleibt immer nur in der gefafsten Vorstellung selbst und 
in dem Verhältnifs derselben zu dem sich aufnöthigenden wirk- 
lichen oder denkbaren Object. Nur die Gewifsheit davon ist 
in uns als den Wissenden, und wird in sehr verschiedenen Gra- 
den oder Abstufungen, von der Ahnung und der Wahrscheinlich- 
keit bis zur Entschiedenheit der Grundeinsichten hinauf, von den 
Wissensfahigen errungen. 

Zur Ausübung der deswegen immerwährenden tberzeugungs- 
pflicht werden wir Menschen, wir wollen oder nicht, Einige durch 
den edlen Reiz des G ewifs Werdens , der Harmonie des Geistes 
mit sich selbst und der Freude über seine Kraft, Mehrere durch 

die Nutzbarkeit des Wahren, die Meisten endlich durch die aus 

* * - 

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32 v. Amnion s Fortbildung des Christentum™ zur Weltreligion. 



dem Unwahren entstehenden, und je und je unerträglick wirken- 
den Schädlichkeiten angetrieben. Zum Unglück wird die Schäd- 
lichkeit der Vermischung des Unwahren mit dem Wahren und 
des trägen Unterlassens der im Culturzustand immer möglicher 
werdenden Absonderung des Individuellen von dem, was für alle 
Denkgeübte subjectiv -allgemeingültig wäre, bei den meisten 
Vorstellungen, welche die Religiosität — das heifst, 
das Streben zur Harmonie mit Gott und allen guten 
Geistern — betreffen, nicht so leicht in die Augen 
fallend, als die Schädlichkeit des Unrichtigen in vielen andern 
Arten von Überzeugungen. Deswegen wird in der Theologie, oder 
in dem Bestreben, der die Religiosität betreflenden theoretischen 
Erkenntnisse gewifs zu werden, etwas möglich , was bei allem 
andern Wifsbaren nie oder nur selten eintritt, nämlich dies, dafs 
die zu einer Zeit erreichbar gewesene ßildung von religiösen 
Vorstellungen für unverbesserlich gehalten, also als unabänder- 
lich aufgedrungen und daher die Fortbildung dieser Art 
von Überzeugungen gehässig gemacht, erschwert oder gar 
als verboten und endlich als verschworen behandelt werden kann. 

Die Theologie, oder die begriffliche Auslegung der mit der 
gemüthlichen Religiosität zusammenhängenden Erkenntnisse, ist 
bei allen Völkern das einzige Fach individueller und ächtsubjecti- 
ver (für jeden Menschen gültiger) Vorstellungen , dessen Macht- 
haber gewohnlich die von ihnen erreichte Stufe von Ansichten 
«Ms die höchste, und also sich als die geltendsten darzustellen, 
folglich die Fortbildung zu hemmen suchen. Sie stecken dabei 
in einer doppelt unsichern Voraussetzung. Vorerst bereden sie 
sich: dafs eine unfehlbare, keiner Fortbildung bedürfende Mit- 
theilung gerade und allein bei religiösen Erkenntnissen unentbehr- 
lich sey und daher auch wirklich gegeben seyn müsse. Alsdann 
aber keimt und wuchert in ihnen die noch schlimmere Selbst- 
täuschung : dafs sie selbst nicht blos für sich, sondern auch für 
Andere nunmehr die zuverlässigste Auslegung jener Mittheilung, 
das Offenbaren des nicht« offenbar genug geoiTenbarten , wie ein 
unabänderliches Eideicommifs in sich trügen und gleichsam haus- 
hälterisch zu verwalten hätten. 

(Der Beschlufi folgt.) 



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N°. 3. HEIDELBERGER 1838- 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



v. Amnion s FortbUdmig de» Chrittenlhums %nr Wellreligion. 

(Bescktuf:) 

Diese der gewissenhaft freien Fortbildung religiö- 
ser Überzeugungen entgegenwirkenden Voraussetzungen sind 
bei allen andern Arten vom Erkenntnissen kaum versucht, bei Rei- 
nen jemals durchgesetzt worden , weil bei diesen immer bald eine 
sichtbare Rechnungsprobe über Gewinn oder Verlust in den 
Fortbildungsversuchen statt findet, auch überhaupt die Trä'ghetts- 
liraft der Menge, welche sonst auch auf dem Unhaltbaren gerne 
stehen bliebe, durch fühlbare Nachtheile zur Fortbewegung auf- 
geregt wird. 

Sehr nutzlich zum Beispiel für das gesammte Menschenge- 
schlecht mochte es scheinen , wenn von jeher allgemeingültige 
Erkenntnisse über die Eigenthumsrechte infallibel mitgetheitt 
and nicht erst der gar langsamen Bildung und noch immer nicht 
vollendeten Fortbildung der Recbtsforscher überlassen wären. 
Aber jenes ist nicht geschehen und zur Fortbildung in der Rechts- 
lehre wird man durch alle Arten von Gewalt und Noth unauf- 
horlich angetrieben. 

Noch nothiger mochten infallible Offenbarungen über die 
Arzneikunde scheinen, welche das Leben selbst und jeden Genufs 
des Eigenthums sichern soll. Und doch hat auch die in einzel- 
nen Anwendungen nicht leicht einer Controle und Verantwort- 
lichkeit unterwerfbare Gesundmachungs- Wissenschaft nirgends 
symbolische Bücher oder Vorschriften einer alleinheilbringenden 
Methode , nirgends einen Schwur, nur nach Hippokrates oder, 
Galenus leben und sterben zu lassen, oder über die Theorie 
der Sanita'tscolfegien und über die zur Sorge für allerhöchste 
Leiber privilegirten Hofarzte hinaus keine Fortbildung der heil- 
schaffenden Kunst versuchen zu dürfen. Die Geschichte der Me- 
dicin errothet vielmehr darüber, dafs man einst hie und da eine 
dominirende leibarztliche Methode als eine unabänderliche be- 
schworen zu lassen versucht, doch aber selbst sich solcher An« 
raafsung bald geschämt habe. So werth und theuer dem Staate 
die Erhaltung seiner » Seelenzahl « oder Menschenbevolkerung 
XXXI. Jahrg. 1. Heft. 3 



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34 v. Aramon'a Fortbildung de« Christen th ums 

sern mufs , dennoch uberwog jederzeit die Einsicht, dafs die 
Staatsklugheit, ungeachtet aller bei dieser über Leben oder Tod 
entscheidenden Denk- und Lehrfreiheit unverkennbarer Gefahren, 
dieses » geheimnifsvolle Geschäft dennoch rein der allgemeinen 
Fortbildung zu überlassen, ja durch Oberaufsicht nur zu dieser 
grunderforschenden (rationalen) Fortbildung anzutreiben habe, 
weil nur durch die zu dem freien Studium angetriebenen Selbst- 
denher am wahrscheinlichsten das Zeitgemäfse and nach allen 
Umständen möglichstgute zu erhalten sey. 

Ein drittes und wohl das auffallendste ist , dafs selbst über 
Moralprincipien und Pflichtenlehre , ungeachtet dieses Fach das 
geistig und socialisch wichtigste ist und doch , leider , bei weitem 
nicht so angelegentlich, als manches Partheidogma, betrieben 
wird, es dennoch keine die wissenschaftliche Fortbildung irgend 
hemmende Schibolets der Infallibilität giebt oder gegeben hat 
Auch über das, was der vollkommen gute Gott als das Rechte 
und Gute allgemeingültig wolle und von den Menschen fordern 
könne, wir wollen sagen, auch sogar über die theologischen Mo. 
rallehren haben die um das Seelenneil und zugleich um unbedingt 
folgsamen, demüthigen Gehorsam der Ihrigen besorgtesten Kir- 
chen- und Staatsgewalten keine, die gewissenhaft freie Fortbil- 
dung der moralisch religiösen Selbstüberzeugungen beschränken- 
de , Normen (weder normas normatas noch normantes) aufge- 
nothigt. 

Nur über das, was am schwersten bestimmbar ist, über das 
innere Wesen des höchsten Geistes und über die voll komm ne > 
also für uns Nichtvollkommne gewifs unergründliche Art seines 
Zusammenhangs und Einwirkens auf alle Andere Bestandteile 
des All hat das Alterthum seltener, die christliche Kirchlichkeit 
aber desto öfter, seit sich theils bischöfliche Primate, theils dia- 
lektischer Wissenschaftsschein zum Herrschen hervordrängten, 
der unaufhaltbaren Fortbildung direct oder indireet privilegirte 
Meinungsnormen entgegenstellt. 

Als noch, nach den zuerst möglichen Vorstellungen der Mei- 
sten, alle Naturwirkungen unmittelbar von übernatürlichen Ursä- 
ehern polydämonisch abgeleitet wurden, liefs sich die Demokratie 
zu Athen durch Priester und sophistische Denuncianten bereden, 
dafs Anaxagoras und Sokrates , weil sie den Zusammenhang der 
Naturursachen aufsuchteu, sich einer die Gotter entbehrlich ma- 
chenden, staatsgefährlichen Fortbildung schuldig gemacht hatten. 
Man wollte auch damals, und noch lange, lieber, dafs Gotter 



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sur Weltreligion. 35 

übernatürlich, alt dafs Wolken natürlich , den Regen gaben, weil 
man denn doch noch nicht naturlich genug zu erklären wisse, 
wie Wolken ohne einen Jupiter Pluvius zu entstehen pflegten. 
Jedoch bald, nachdem der verblüffte Volksverstand zum Rcligions- 
mord gegen den praktisch weisen Greis, dessen Nichtwissen über 
das Meteorische sogar Apollo für das weiseste erklart hatte, sich 
mehr ochlokratisch ab demokratisch hatte verleiten lassen!, er- 
schrak die bildungsfähigste ganze hellenische Nation über diese 
ihre geistbeschränkende Anmafsung so sehr, dafs von nun an kein 
Sykophant mehr dort die Fortschritte der philosophischen Reli- 
gions- und Naturforschungen anzuklagen wagte. 

ünd war dann nicht eben diese seit dem Märtyrertod des 
Sokrates gewonnene ungehemmte Fortbildung die Ursache, dafs, 
da die Christuslehre von dem Einen Gott , als moralischem Vater 
der Menschen, unter jene griechischen und gräcissirten Heiden- 
völker uberschritt, sie unter den meisten Gebildeten schon den 
moralisch edleren Gotteinbeitsglauben und die Gewifsheit , mehr 
durch Rechtwollen als durch Tempeldienst mit dem Reich und 
der Rechtschaffenheit Gottes (Matth. 6, 33.) zu harmoniren, vor- 
bereitet antraf, so dafs das heidnische Pfaffenthum ihr nicht allzu 
lange noch beschränkende Partheigesetze und Verfolgung entge- 
gensetzen konnte. 

Sehen wir auf die andere Seite, auf hebräische und jüdische 
Religionsvorgänge, so ist dort, wo uns die alttestamentliche Bi- 
bel eine durch die verschiedensten Weltepochen fortlaufende Ge- 
schichte der gegen einander kämpfenden Fortbildung in Religious- 
ansichten zur Mahnung und Warnung aufbewahrt hat, ohnehin 
von Hemmungen der Fortbildung in Überzeugungen dieser Art 
keine Spur. Das Ruch Hiobs , des Nichtmosaikers , der skepti- 
sche I&ohelet und das sinnlich ausgemalte Lied der Lieder ist von 
den alterthura liehen Religionsüberlieferungen der Synagoge so 
wenig als Daniel ausgeschlossen worden. Der älteste Glaube, dafs 
es Gott reden könne (Genes. 6, 6.) oder dafs er im Elfer Väter- 
sunden an den Hindern strafe (2 Mos. 20, 5.) ist ebenso aufbe- 
wahrt, wie das durch allmälige Fortbildung gewifs gewordene 
Gegentheil. Denn die biblischen Überlieferungen geben uns, was 
die Voreltern glauben konnten, nicht deswegen, weil wir es 
trotz der gereifteren und ausgedehnteren Fortbildung gerade ebenso 
glauben mufsten. Aber eben deswegen darf die Rationalität 
im Unterscheiden des Geglaubten und des Wahrbleibenden nie 
zum voraus gehindert werden. 

• < 



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'6(i v. Amnion'« Fortbildung des Chriitenlhumt 

Der Hebraismus bat bei den Patriarchen und Propheten , ja 
selbst bei Mose kein anderes Dogma als das Einzige : dafs der 
Eine Gott über Alles sich der Abrahamiden , wenn sie Abrahams 
überzeugungstreue , würdige Sohne seyen , besonder annehme! 
Selbst die an Vorschriften^ reiche mosaisch - levitische Gesetz- 
gebung bindet durch Staats, und Sitten- und Cultusgebote in 
Menge die Nation an Gott als ihren Nationalhonig, aber nicht 
durch irgend eine Lehrnorm, ja nicht einmal durch einen 
einzelnen Lehrsatz , ausser dem so eben erwähnten. 

Die utt wiederholte, aber ausser dem Kirchenthum in der 
Wirklichkeit anderer Religionsarten geschichtlich nicht gegrün- 
dete Behauptung, wie wenn wenigstens jede Volksrcliglon nicht 
ohne eine gewisse Summe von Dogmen, niejit ohne eine Art von 
unverletzlichem dogmatischem Katechismus, bestehen konnte, hat 
ihre nächste Widerlegung aus der fteligiontverfassung , aus wel- 
cher das Christenthum hervorgegangen ist , gegen sich. Wir wol- 
len uns nur kurz daran erinnern, wie selbst das am spätesten 
bekannt gewordene fünfte Gesetzbuch auch die Propheten als 
religiös -patriotische Freiredner an kein Dogma ausser dem vom 
Jchovah als JSationalkonig bindet (Deuter. 18, 20.) und wie oft 
deswegen die meisten Propheten einfache, allgemeingültige Aus- 
übung der RechtschaCTenheit über alle Cultusgebote (Jes. 1 , 12 
— 17.) erhoben, ja sogar (Jcrem. 3i , 33. Hebr. 10, i5— 18.) 
eine neue Diatheke oder eine geänderte Verfassung des Bundes 
mit Gott auf Sündenvergebung ohne Opfer, laut aussprechen 
durften. 

Selbst das Unsterblichkeitsdogma in der Form von Fortdauer 
der Seelen im Scheol ist in den 2000 Jahren der alttestament- 
lichen Belgionsoffenbarungen nicht eine sanetionirte Lehre, son- 
dern Tradition eines sich mehrfaltig fort- und umbildenden Volks- 
glaubens , der so veränderisch war, dafs er lange Zeit alle Ab* 
geschiedenen in einerlei Unterreich kommen liefs, alsdann selbst 
noch bis in die neutestamentlicbe Zeit hinein Alle Abgeschiedene 
zwischen Paradies und Tartarus theilte, auch des bekehrten Scha- 
chers Seele zugleich mit der Seele Jesu unmittelbar am Todestag 
in das Paradies kommend voraussetzte. Nur wenige Ausgezeich- 
nete, wie Heuoch, Mose, Elia, dachte man mit Leib und Seele 
in den Himmel Gottes versetzt, so dafs erst der Christenglaube 
eine sofortige Versetzung der um des Glaubens willen Leidenden 
in den Himmel — keine Dogmengescbichte kann sagen: wie bald? 
und durch welche Offenbarung ? — annahm, den Hades aber als 



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zur Wcltreligion. 3? 

* 

Zwischenort bis zum Gericht , noch ausser der , erst alsdann zu 
füllenden, Holle (Apok. 19, 20. 20, 1/}.) bestehend dachte. 

Wie fest das Judenthum als Religion ohne mehrere Dogmen 
selbst zu Jesu Zeiten dennoch bestehen konnte, weifs, wer sich 
durch fortbildende Menschenkunde in die Vorzeit zurück zu ver- 
setzen vermag, daraus, dafs die verschiedensten dogmatischen 
Theorien den Sadducäer neben dem Pharisäer im regierenden 
Synedrium zu sitzen nicht hinderten und auch die mehr prophe- 
tenartige Fortbildung der Essäischgesinnteo , welche unstreitig der 
ceremonienlosen , gottgetreuen RecbtscbafTenheitslehre Jesu Christi 
die näheren waren, nicht als un jüdisch ausgeschlossen war und ' 
werden konnte. 

So schwer nun Denen, welche in das seit dem zweiten Jahr- 
hundert immer mehr ausgeartete Hirchenthum eingewohnt sind, 
eine fortbildende gewissenhafte Dogmenfreiheit denkbar scheint, 
so war sie doch nach allem diesem nicht nur in dem früheren 
ganzen das Christenthum umgebenden Zeitalter bei Juden und 
Heiden. Es erklärt sich auch allein daraus, warum unser nie 
tbeoretisirender Jesus selbst am wenigsten , aber auch der rabbi- 
nisch gelehrte Paulus nicht, an ein Hinterlassen eines Schema al- 
leinseligmachender Glaubenslehren dachte. Es erklärt sich aus 
jener symbolfreien, undogmatischen Fortbildungszeit, warum das 
Drei von Prädicaten in der nur auf ivxaXpaxa , nicht auf 
Dogmen gerichteten Taufformel (Matth. 28, 19. 20.) oder auch 
das aus blos zwei Sätzen bestohende Symbolum vom »Va- 
ter als alleinwahren Gott und von Jesus als Dessen abgesendetem 
Gesalbten« (Job. 17, 3.), ja sogar das noch kürzere: Jesus ist 
der Messias! (1 Hör. 3, 11. Hebr. i3,8.) als Basis der Aufnahme 
in die Christusgemeinden genügte. Es erklärt sich allein daraus 
hinreichend, warum Paulus auch in Petrus, Jacobus u. a. den 
heiligen Geist, das ist, die Willens- und Wissensrichtung auf das 
Heilige anerkannte, wenn gleich diese beiderlei Führer verschie- 
dener Glaubensansichten sich wechselseitig keine Infallibilitüt zu- 
schreiben konnten. Der erst heterodox scheinende hat nur durch 
seine unvergleichbar freiere Fortbildung und sein ebenso kluges 
als rastloses Beharren in dieser Freiheit von Lehrmeinungs- und 
Satzungsgeboten das Urchristenthum vom Zurückfallen in eine 
judische Seele gerettet, welche sich meist nur durch den Glau- 
ben, dafs der Messias erschienen sey, von Denen, die nach einen 
andern , den prophetischen Hoffnungen äusserer Gewalt mehr ent- 
sprechenden erwarten wollten , unterschieden haben würde. 



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38 v. Amnion s Fortbildung de« Christenthum« 

Es erklärt sich aber auch, wie Jakobus den viel weiter vor- 
geschrittenen Weltreligions-Apostel nicht einmal dagegen schützen 
konnte, dafs die Myriaden der eifrig orthodoxen Urgeraeinde zu 
Jerusalem (Apg. 21,17 — 2Ö ) ^ en doch seit mehr als zwanzig 
Jahren wunderthätigen und über Alle Judenchristliche hinaus wirk- 
samen Apostel nichtsdestoweniger nicht nur nicht für infallibel, 
sondern vielmehr für einen » Apostaten « erklärtet!. Und 
warum ? Weil er jüdischchristliche Väter in der übrigen freier 
culti? irten Romerwelt zeitgemäfs ermahnte, wenigstens nicht ihre 
Kinder durch fortgesetzte Beschneidung (durch diesen an das 
roheste Zeitalter der Menschheit zurückweisenden Ritus) an deo 
durchaus nicht mehr zettgemäfsen mosaischen , levitischen und 
rabbinischen Particularismus binden sollten (ort a*o<rvao ia* 
Itidaoxu ano Moaeo« *ov% xava to &vrj navxaq lovdaiovq, 
Xsyov uij «eptrcuvsiv avxovg ta xtxva u»^« to»$ *s?*- 
■naxeiv ) 

Es öffnet uns aber auch alles dieses für die dennoch nicht 
stillstehende Fortbildung in gotteswürdigen Religionsüberzeogun- 
gen überhaupt den weitausreichenden, lichthellen, erfreulichen 
Prospect, dafs das zeitgemäfs bedachte jenes Einen Beharrlichen, 
ohne welchen wohl Alle Cbristglaubige damals in ein jüdisches 
Christentum Beschnittener hineingezwungen worden wären, den- 
noch als das Den kg laubigste auch in der Zeitfortbildung all* 
mälig das Rechtgläubige geworden ist. 

Unvermeidlich war es von da an allerdings, dafs, da das viel- 
seitigste Theorctisiren = das Emporstreben von allzu gemischten 
populären Vorstellungen und Begriffen zum yiwonttv , d. i. zum 
Tieferkennen aus vereinigteren Irl heilen und Ideen — durch die 
Philosophenschulen und die Bücherschätze zu Alexandria auch 
bis zu den Juden durchgedrungen war und diese sogar alle an- 
dere Weltweishrit von der Urweisheit ihres nationalen Particula- 
rismus abzuleiten wagten, auch sogleich unter den Christi an ern 
die verschiedensten theoretischen Dogmensjsteme als speculative 
Bestrebungen nach tieferer und höherer Kenntnifii der Übernatur 
versucht wurden. 

Die meisten Menschen werden nicht anders als durch eine lange, 
lange Reihe durchgemachter Erfahrungen klug. Auch über das, 
was man von dem göttlichen Urwesen , seiner Wiikungsart auf 
alles andere, der wesentlichen oder freithätigen Verbindung des 
Messiasgeistes und Logos mit der Gottheit u. dgl. gar zu gerne 
wissen möchte, wurden die Gränzeo des menschlichen Wissens, 



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mr Weltreligion. 



die Unmöglichkeit, aus einigen Eigenschaften die Wirklichkeit 
eines an sich bestehenden Gegenstandes zu bestimmen , nicht eher 
anerkannt, bis erst Jahrhunderte hindurch fast alle mögliche Über- 
flüge in die Geisterwelt versucht waren, welche aber doch end- 
lich als Pseadorationalismen (als selbsttäuschende Schlüsse aus blos 
eingebildeten Notwendigkeiten) aufgegeben werden müssen. Das 
Mystische der infallibleo Übernaturkenntni&se beruht nämlich durch- 
weg auf Pseadorationalismen. 

Alles solches theologische Probiren ins Übernatürliche drin- 
gender Theorien würde seitdem zur Übung mancher Geisteskräfte 
gedient, den davon oft ekstatisch angezogenen speculativen oder 
mystischen Theilnehmern aber wenig geschadet haben, weil Jesus 
Christus die Leben gebenden Wahrheiten seiner Religion, d. i. 
die Lehre von den Mitteln zur Harmonie mit Gott und allen Gut- 
wollenden, auf keine Weise von Theorie und Gnosis abhängig 
gemacht, sondern auf Liebe gegen Gott als den moralischen acht- 
guten Vater nnd auf gleichstellendes Wohlwollen der Menschen 
als Menschen gegeneinander gebaut hatte, — wenn nur nicht das 
Kirchenthum bald auf lange Zeit in eine Magnatenherrschaft 
übergegangen wäre , welche die ihr dienlichsten Theorien zur 
Hauptsache und zu ihrem geheim n «Ts vollen Eigenthum machte, 
zu dessen Mittheilung sie geweiht und folglich für die glaubig 
barrende Laienwelt unentbehrlich wäre. Der allzu a ussei lieh und 
ungeistig ausgedeutete Begriff vom messianischen Reich Gottes 
machte es den Inhabern des aristokratisch- monarchischen Kirchen- 
regiments rätblich und möglich, juridische, nur für den äussern 
Staatsschutz und Rechtszwang n5thige Begriffe von Strafgerech- 
tigkeit , Satisfaction und willkührlicben Gnadenbedingungen auf 
den Gott überzutragen, welcher doch von Jesus nicht, wie bei 
Mose als auserer Gesetzgebor und Regent, sondern durchaus als 
ein die moralische Gesinnung der Kinder wollender, wissender, 
fordernder Vater dargestellt war. Juridisch kanonistische Theo- 
logen hinderten es, dafs nicht frühe genug aus der Christusidee: 
Gott ist Vater! die Frage abgeleitet wurde: Besteht denn eines 
Vaters Gerechtigkeitsliebe darin, dafs er dem ausgearteten, aber 
reumüthigen Sohne nur verzeiht, wenn derselbe das Unglaubliche 
glaubt, wie wenn ein Anderer statt seiner habe gestraft werden 
müssen und wirklich deswegen an seiner Stelle gestraft und ge- 
martert worden sey. 

Je schauerlicher ferner die Geweihten die schuldlos ererbte 
Grundverdorbenheit des menschlichen Wissens und Wollcns ein- 



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t. Aramon'a Portbildung des ChrUtenthums 



reden und die Aussicht auf schmerzhaft reinigende oder auf ewige 
Flammen den arman Seelen schildern konnten , die sich der jen- 
seitigen Seligkeit durch allerlei Opfer und Hofsen lieber als durch 
Aufopferung verkehrter Neigungen vergewissern wollten; desto 
unentbehrlicher wurden die Ausspender der Heiligthümer und 
Sacramente, durch welche selbst den Bewufstlosen der Glaube 
wie eingegossen und dem Menschengeist die Unsterblichkeit gleich- 
sam efsbar mitgetheilt, besonders aber die Absolution von künf- 
tigen Sundenstrafen wie durch ein oüicielJes Losen oder Binden 
applicirt werden könne. 

Je hoher zugleich das Kirchenoberhaupt gestellt wurde, des- 
sen Stellvertreter und kirchlicher Hofstaat die Klerisei und deren 
Häupter seyn sollten , desto glänzender gestellt mufsten sie selbst 
erscheinen. Sechs Jahrhunderte wurden daher nicht blos mit 
theoretischen Versuchen zu dieser Glorification so verschwendet, 
dafs die christlichgenannte Symbolik von einem Dogmenbefehl, auch 
den Leib Christi als unverweslich zu glauben , nur durch des 
Dogmengebieters , Justinians I. Tod 563. gerettet wurde. Das 
noch schlimmere war, dafs die Fortbildungsvcrbote auch zu den 
sittenverderblichsten Verfolgungen der mehr politisch als doctri- 
nell streitenden Hypothesen gegeneinander zelotisch anreizten , 
bis das durch Meinungseifer und Satzungsträgheit im Innersten 
entkräftete Kirchenthum und Kaisdrreich dem von Arabien her 
enthusiasmirten , rohen Monotheismus nicht mehr zu widerstehen 
vermochte. 

Unzerstörbar ist dem allem ungeachtet die mögliche Fort* 
bildung der ursprünglichen Christusreligion bis zur Universalreli- 
gion deswegen, weil das religiös- moralische Wesen des Urchri- 
stenthums auf gar keiner theoretischen Entschiedenheit über uber- 
natürliche (ausser aller innern und äussera Erfahrung liegende) 
Wirklichkeiten beruht. Wenn alle jene überfliegende Speculatio- 
nen über die Geisterwclt der Reihe nach durchprobirt und mit 
Verwunderung über den verschwendeten Scharfsinn und die dia- 
lektische Selbsttauschungskunst je länger je mehr als objectiv un- 
zureichend erfunden sind, so bleibt dennoch jenes Einfache: dafs 
Gott (das höchste und beste Wesen, nach Matth. 19, 17.) nur 
als Geist und also nur durch Geistigkeit und Wahrhaftigkeit zu 
verehren sey ! Im Menschengeiste selbst und in seiner festen 
Richtung auf das, was den Geist zum Regenten über allen Mi fs- 
brauch der Sinnlichkeit erhebt und was ihm für das Praktische 



SL 



rar Weltreligion. 41 

wahr ist, bleibt die Harmonie mit dem vollkommen guten Got- 
tes «eist gegründet. 

Hier fallen alle Meinungen von aolchen Bedingungen der Se- 
ligkeit weg, die nicht in der Natur der Sache selbst, sondern in 
einer irgendwo geheimnisvoll geoffenbarten Willkuhr Gottes ge- 
gründet seyn sollen, folglich auch nicht uberall erkennbar und 
ausführbar seyn Konnten , sondern nur durch besondere Bekannt- 
machungen vorgeschrieben und ohne besonders zugetheilte Mach- 
hülfen nicht ausfuhrbar waren. 

Einzig deswegen ist die ursprüngliche Christusreligion zur 
immerwährenden Fortbildung und immer weiteren Verbreitung 
als üniyersalreligion für alle, die als Menschengeister denken und 
wollen, geeignet, weil sie weder particuläre Sitten und^ 
Ceremonien, wie das Judenthum , noch particu!ä'rpositi?e 
Glaubenssätze als (allgemein nötbige und doch nicht einmal 
allgemein bekanntgewordene) Bedingungen des Seligwer- 
dens, wie die alleinseligmachende Symbololatrie es eingeführt 
hat, vorschrieb, vielmehr den Glauben an dergleichen arbiträre 
Bedingungungen der Liebe Gottes gegen die Menschen weder 
durch Cäsaropapie noch durch Papocäsarie vorgeschrieben ha- 
ben will. 

Allerdings fordert das ürchristenthum von denen, welchen 
es hinreichend bekanntwird, Glauben an Jesus als den Chri- 
stus Gottes. Aber der durch die Christusreligion, weil sie < 
durch jenes persönliche Musterbild, Jesus, bekannt wurde, ge- 
forderte Glaube an Jesus als diesen Christus ist die zugleich idea- 
lisch und historisch gewisse, willensthätig treue Überzeugung, 
dafs Jesus deswegen Christus ist, weil er zu Gott, als zu einem 
solchen universellen, moralischen und nichts arbiträres, sondern 
Geisteserhebung zur Geistesrechtschaffenheit und Gottähnlichkeit 
wollenden Vater hinleitet und weil er selbst durch unbedingte 
Befolgung dessen, was er als von Gott gewollt erachtete, sich 
als den gehorsamsten Sohn des Vaters bewiesen hat. 

Eben weil diese religiös moralische Grundinge der Ursprung* 
liehen Christusreligion rein und allein auf der Idee von dem gott- 
lichen Wollen alles Wahrhaftgoten und auf der menschlichen 
Geisteskraft, dieses Gute wissend zu entdecken und wollend zu 
verwirklichen beruht, so läfst das Urchnstenthum alle andere 
Bestrebungen zum theoretischen Überschreiten in die Geisterwelt 
oder Übernator unbedenklich frei. Ja sie achtet sogar als Geistes- 
übungen auch die unvollkommensten Versuche, wenn sie nur aus 



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42 v. Amnion'« Fortbildung de« Christentum»* • 

Wahrheitsliebe, also auch frei von Leidenschaften des Eigen- 
dunkels und der Herrschsucht, ohne Störung der religiösen Sitt- 
lichheit unternommen werden. Das Theoretische ist, auch 
in der Theologie, nicht dem Praktischen entgegenzusetzen. Auch 
das Praktische bedarf seiner Theorie. Denn Theorctisiren be- 
deutet ein Betrachten des Wesentlichen eines Objects , ohne des- 
sen Zufälligkeiten. Nur ist das Theoretisch-dogmatische 
von der Theorie für das Praktische sehr zu untarscheiden. Jenes 
versucht, ob wir, was in der Geisterwelt wirklich sey, durch 
Folgerungen aus andern uns möglichen Erkenntnissen zu erschlies- 
sen vermögen. Dies betrifft also immer nur unsere Wifsbegierde. 
Die das Praktische vorbereitende Theorie dagegen betrifft 
das, was wir selbst verwirklichen sollen. Sie betrifft to 
Tt^nxTiov (nicht blos xo itQaxTi*op) 9 nimmt also unmittelbar 
unsere Denk- und Willenskraft in Anspruch und fordert, dafs 
wir diese im Betreff des Guten in Eintracht setzen. Eben des- 
wegen aber ist die Theorie für das Praktische ohne Künstlichheit 
allgemein verständlich und überzeugend zu machen. 

Für das Theoretischdogmatische bleibt die Laufbahn unbe- 
schränkt , dafs der menschliche Geist , gleichsam nach der Reihe 
herum, alle mögliche Erklärungsversache durcharbeite, um je 
nachdem er vorgerückt ist, genüglich zuerkennen, entweder was 
als das seinen Kräften entsprechende probhalte oder worin er als 
ein Denk gl au biger sich mit stufenweise erkennbaren Wahr- 
scheinlichkeiten begnügen müsse. Und er kann dies, weil er 
als denkend das Warum weifs, was und wie weit er zu glauben 
d. i. aus Vertrauen auf seine und Anderer Erkenntnifskräfte alt 
wahr zu achten habe. 

Wie nunmehr während 18 Jahrhunderten diese Fortbildung 
des theoretischen Wissens über religiöse Probleme, neben oft 
sonderbaren Verirrungen , doch sich immer mehr dem Wilsbaren 
genähert und dem menschlichen Geiste zu seiner Selbsterkennung 
(dem alles für uns mögliche enthaltenden yvm&i aeavxov) nach- 
geholfen habe, davon giebt das für alle Denkfähige und Gebildete 
äusserst schätzbare Werk, welches uns zu dieser Befürwortung 
veranlagt hat , über alle die merkwürdigsten Fort- und Rück- 
schritte die durch historische und philosophische Grunderfor- 
schung erreichbaren Resultate mit einer Auswahl und Klarheit, 
mit einer Tactfestigkeit und Beredtsamkeit, wie seit langer Zeit 
nichts ähnliches erschienen ist. Es erionejt dieses Werk am mei- 
sten an die verwandten geistreichsten Reliquien von Jerusalem 



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Bar Weltreligion. 43 

und Mosheim. Auch hier liegen durchgängig exegetisch« and 
geschichtlich kritische Forschungen zum Grund, ohne dafs die 
vielseitigsten dazu nöthig gewesenen Studien merklich werden. 
Denn gegeben wird aus diesen die pragmatisch anwendbare Quint- 
essenz mit einer Bedekunst, welche ohne den jetzt gewöhnlichen 
gedankenleeren Wörterprunk immer die schöne Form der Ein. 
kleidang aus dem Sachinhalt sich so bilden versteht , wie hierin 
Lessing und Göthe Muster sind. 

Auch der Theolog kann auf seine Materialien diese beneidens- 
wert he Kunst übertragen, wenn es ihm gelingt, Teller und 
Spalding, das ist, den durch alle Nebel des Aberglaubens auf 
das Vollkommene durchblickenden Scharfsinn mit dem mildstrah- 
lenden und doch das Düsterste aufhellenden Licht der beiehren- 
x <len Rednergabe, zn vereinigen. 

Wie verschwindet dagegen, was gegenwärtig so oft als dia- 
lektische Kunst angestaunt wird, während es, genau betrachtet, 
allzu oft nur ein labyr int falsches Herumfuhren rings um die Sache 
ist und nicht in sie hineinleitet, vielmehr durch die unabsehbare 
Länge der sogenannten Entwicklang consequenter Folgerangen 
tauscht, weil ihnen, indem sie mäandrisch dahiniliefsen, nichts so 
sehr, als Reinheit der Quelle, das ist, Richtigkeit der er- 
sten Prämisse fehlt. Ebensosehr verschwindet dagegen das 
jetzt oft gepriesene Schöngeisterische, Sophistisch - rhetorische 
der Darstellung, welches meist wohl aus Ignoranz oder Halb- 
kenn tnifs, statt des Sacbinhalts herbeigeholte Floskeln als nichts 
erklärendes Wortgepräng , und statt der Beweise unerklärbare 
Phraseologien zur Schau stellt. 

Nichts aber ist doch wahrhaftig der Kirche, besonders der 
protestantisch evangelischen unserer Zeit, nötbiger , als dafs sie 
sich uberzeugungsvoll immer mehr bewufst werde, wie ihre nicht 
blos äussere, sondern in den Gemuthern gegründete Stabilität auf 
der Reinheit ihrer sittlichen Gottverehrungslehren und auf der 
Einfachheit ihrer Ideen von dem Gotteswürdigen und Vollkom- 
menguten beruhe. Was irgend das Nachdenken der Verständige- 
ren gegen sich hat, das kann nicht bestehen, wenn es auch noch 
so sorglos oder gebieterisch für ttabil erklärt wird. Es steht, 
aber steht am Ende nur als öde und verlassene (Matth. 23, 38.) 
Tempelruine, während die Geister vorwärts schreiten. 

Zunächst die protestantische Christuslehre dagegen darf, wenn 
sie nur ihr Entstehungsprincip nicht verlälst, gewifs seyn, dafs 
sie auch die Geister dadurch sich gewinne und aneigne, dafs sie 



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44 ▼• Amnion'» Fortbildung de« Chriiteothomi 

- 

ihnen ihr Bedürfnifs, Perfectibilität der Überzeugung, ohne alle 
Scheu vor freiniüthigen offenen Untersuchungen, unbedenhlicb ge- 
wahrt, weil gewifs in dem, was offen ans Tageslicht geruckt 
wird , am schnellsten Wahrheit und Mängel zu unterscheiden sind. 
Dieser Muth der theologischen Wahrheitsliebe aber wird nur dann 
in der Kirche hervorleuchten, wenn in den Oberaufsichtsstellen 
Männer fest stehen, welche den ganzen Umfang der theologischen 
Fächer mit akademischer Denkübung und ' Denkfreiheit durch« 
gearbeitet und dabei sich doch auch den praktischen Sinn für 
das Administrative und die beleuchtende Darstellungsgabe geret- 
tet haben; Männer, welche würdig sind, einen Reinhard, einen 
Herder, einen Löfler zu Vorgängern gehabt zu haben! 

Dem deutschen Publicum macht es Ehre, dafs so bald eine 
neue Ausgabe dieses Werks der Fortbildung nöthig gewor- 
den ist, ungeachtet unsre Mitwelt von kühn emporblickenden 
transcendenten Speculationen und tief sich hinabsenkenden Mysti- 
cismen influenzirt wird , welche nicht wie Sokrates und Christus 
den Himmel auf die Erde herableiten , vielmehr alles in ein Me- 
teorisch-absolutes oder gar in ein Reich der Übernatur und Un* 
natur eutrücken möchten. Der Verf. erwiedert die rege Theil- 
nahme der Geistesverwandten dadurch, dafs die neue Ausgabe 
mit sehr bedeutsamen neuen Schilderungen aus dem Charakteristi- 
schen der vergangenen Bildungszeiten ausgestattet erscheint. 

Mitleidig charakterisirt er in der kleinen, oben angezeigten y 
Schrift ein Product, welches auch wir gerne einer blofsen Gei- 
stesverirrung zuschreiben wollen , insofern die darin .vorherr- . 
sehende Anmafsiichkeit und Schadenstiftungslust auch als Symptom 
bei Irrdenkenden vorkommt. Der Seelenzustand des Unglückli- 
chen, welcher sonst ein stolzer Philosoph gewesen, jetzt aber, 
durch eine totale Veränderung, seiner gränzenlosen Igno- 
ranz in Glaubenssachen bewufst geworden zu seyn 
versichert, wird hier durch Ein Beispiel genug erkennbar 
werden. 

Er will, dafs durch symbololatrische Beschwörungen jedes 
Fortschreiten in des Prüfungspflicht zu hemmen sey und beruft 
sich deswegen (nach S. 6) darauf, dafs, nach Mathesius biogra- 
phischen Leichenreden , Luther sich oft in grofsen Nöthen und 
Kämpfen seines theuern Doctoreides getröstet habe. Herr v. A. 
bemerkt ihm dagegen, dafs allerdings Luther i5ia den gewöhn- 
lichen Doctoreid vor seinen damaligen Obern geleistet hatte, des 
Inhalts, dafs »Er die Dogmen der heiligen Kirche treu bewah- 



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sar Weltreligion., 45 

ren, auch ketzerische und frommen Ohren anstöfsige Meinungen 
nicht lehren, und wenn sie von Jemand vorgetragen! wurden , 
dieses binnen 10 Tagen bei dem Herrn Decan zur Anzeige brin- 
gen werde.« Dennoch hat eben dieser unser Luther wenige Jahre 
spater von der Natur falscher Lehren ganz andere Ansichten ge- 
faßt. Eben dieser unser Luther nahm sein Versprechen und seine 
Klostergelübde zurück, weil er die Überzeugung gewonnen hatte 
und vor aller Welt aussprach, dafs der Eid nun und nim- 
mermehr ein Sacrament der Ungerechtigkeit werden 
dürfe und alle Verbindlichkeit verliere, wenn er ge- 
gen Wahrheit, Recht und Gewissen geleistet wurde.« 
Konnte der zelotische Sendschreiber ein unpassenderes Beispiel 
für seine Forderung absoluter Eidesscheue wählen? 

Von- dergleichen Geistesabwesenheiten wimmelt das Schrift- 
chen , das nur durch seinen Gegner bekannter werden kann, an 
sich aber den Tractatchens- Societä'ten zu überlassen ist. Der 
Herr Baron versichert: »Ich stehe keinen Augenblick an, das 
Wunder vom Stillstand der Sonne (bei Josua) für eine ebenso 
. ausgemachte Wahrheit zu halten als die Auferstehung und Him- 
melfahrt Christi. Ist das Erste nicht wahr, so ist auch das Letzte 
eine Fabel. Durch den Stillstand der Sonne standen dann natür- 
lich (!) zugleich auch alle Planeten, Trabanten und Kometen 
still , ja das ganze Weltall. « — Schade nur , dafs von da an 
die Sonne stillstehend blieb, die Planeten, Trabanten und Kome- 
ten aber sich dennoch bewegen. 

Wenden wir uns lieber noch einmal zu dem würdigen, in- 
haltsreichen Fortbildungswerk. Das Resultat, welches durch seine 
vielseitigen Überblicke der verflossenen 18 Jahrhunderte allen 
Bildungsfähigen vorleuchtet, concentrirt sich auf folgende Weise: 
Nichts wird in unserer unaufhaltsam sich verbreitenden Cultur, 
wo dem geistlosen Geistlichen nicht mehr ein durch Dämonen- 
furcht und Mysterienscheu leitbarer Scbaaf. oder Laienstand gegen- 
übersteht , noth wendiger, als dafs die gewöhnliche Ordnung, dog- 
matisch theoretische , geheimnisvolle Behauptungen als die Haupt- 
sache der Cbristlichkeit , oder des sogenannten christlichen Be- 
wufstseyns zu betreiben , geradezu umgewendet werde , weil viel- 
mehr nur, wenn die nach den Evangelien von Jesus überall 
hervorgehobene moralische Religiosität, die von ihm selbst aus- 
geübte, von gotteswürdigen Ideen geleitete Gottandacht und 
Gottergebenheit als das auch theoretisch wahre und praktisch 
unentbehrliche vorangestellt wird, ein thatkräftiges Glauben au 



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46 Ainmon'g Fortbildung des Christcnthuma 

hoflfen ist Freilich will man weit lieber in die Geisterweh hin. 
eio speculiren, als an religiöse Pflichtenlehre sich erinnern lassen. 
Aber erst, wenn diese so, wie im N. T. auch in unsern Religions- 
pbilosopbien and christlichen Glaubenslebren neben dem Verstand 
auch Vernunft und Gewissen vorzugsweise beschäftigt, wird das 
Christenthum, wie man sagen mochte, vom Kopf ins Hers, cL i. 
vom Meinen in anwendbares Wissen und ins Leben übergehen. 

Alsdann wird weit seltener gegen Unglauben geeifert, über 
den kritischen Verlust mancher Nebenumstände aber oder über 
die Vermuthungen auf naturgemäße Entstehung derselben nicht 
mehr geseufzt werden müssen. Aber auch um so ungestörter und 
verdachtloser mögen sich sodann die theoretischdogmatischeo 
Versuche aller Art — speculativ, dialektisch, oder mystisch — 
je nach individuellen Bedurfnissen und Gemuthskräften ihren Lauf 
fortsetzen oder erneuern. 

Die Winke , welche die treffliche Fortbildungsgeschichte mit 
den pragmatisch dargelegten Erfahrungen der verflossenen Jahr- 
hunderte verbindet , zeigen nichts deutlicher , als dafs auch hierin 
nicht mehr viel neues geschieht. Nur die Gestaltungen solcher theo- 
retisch dogmatischen Versuche erscheinen zum Theil geändert, weil 
alle andere Kenntnisse weit vorwärts geschritten sind und man 
den Himmel nicht mehr einige Meilen hoch über unsern Bergen 
feststehend denken kann. Daher kann es nicht mehr lange ver- 
kannt werden, wie die dogmatischen Theorien sich allzu häufig 
nur dafür abmuheten , um f ür alterthümliche , allzu sinnliche 
Volksvorstellungen eine Gnosis, eine begriffliche Begründung der 
Qlaubensgültigkeit zu erkünsteln. Aber wie oft besteben solche 
vorgebliche Tiefkenntnisse nur auf kühnen Wagstücken der Ein- 
bildungskraft? Gott .Vater, Sohn und heiliger Geist sind drei 
Unterscheidungsworte, an welche die ganze Christuslehre anzu- 
knüpfen war. Aber ist es mehr als Phantasiespiel , wenn als Tief- 
sinn behauptet wird , der Sohn sey ewig gezeugt , weil der Vater 
ewig sich selbst anschaue und weil alles, was Gott als reell denke, 
auch reell existiren müsse. ' 

Allerdings sollen alle jene Volksvorstellungen in Begriffe und 
Sätze aufgefafst werden, um darüber denken zu können. Aber 
auch jeder, wenngleich noch so weit volksthümlich verbreiteten 
Vorstellung mufs, ehe sie zum Begriff zugelassen wird, ihr Ent- 
stehungsgrund streng abgefragt werden. Es genügt nicht , • dafs 
man sie, und wäre es durch einen consensus gentium, im Be- 
wudtseyn zu haben oder zu fühlen versichern kann. Ist sie aber 



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tur Weltreligion. 41 



in Begriffe and Sätze aufgefafat, so kann nicht die Phantasie, 
sondern allein die Vernunfteinsicht, in welchem Sinn sie gottes- 
würdig seyen, den Beweis ihrer Gültigkeit für die Beligiosität 
führen. Und mochte man gleich gegenwärtig manchem solchen 
Phantasieprodnct bald durch Berufung auf ein gar zu inniges Ge- 
fühl für dasselbe sentimentalisch , bald durch überfliegendes, spe- 
culatives Behaupten der idealischen Notwendigkeit diatektisch zu 
Hülfe eilen , so zeigt das vorliegende Fortbildungswerk desto an- 
schaulicher die drohende Parallele , dafs gerade dann , als 'man die 
heidnischen Volksvorstellungen durch dergleichen magische und 
dem Plato nur untergeschobene Künste retten wollte , jene Pa- 
läologie bald nur desto unrettbarer erschien. Auch das Christen- 
thum selbst wurde nie mehr ton Truggestalten umgaukelt und 
praktisch unfruchtbarer, als da man in der Manier des Pseudo- 
dionysius Areopagita dasselbe ebenfalls nicbtidealisch , sondern 
nur phantastiech ausschmücken wollte. 

Einfach ist die fruchtbringende Wahrheit ! Mögen sich die 
Dogmentheorien bis zu ihrer äussersten Vollendung fortbilden. 
Mögen sie sich dadurch theils wechselweise aufbeben , theils vom 
Unnahbaren reinigen und was im Prüfungsfeuer besteht , als prob« 
hakige Ausbeute vorzeigen. Zur Weltreiigion erweitert sich, 
schon weil es die zunehmende Entfernung von der particulären 
Geschichte und die Sprachen nicht anders zulassen, das Christen- 
thum nur, je reiner es auf die 'Einfachheit der Bergrede und 
anderer Lehrreden unsers Christus zurückgeht, wo er nicht, wie 
etwa Matth. 12, 24 — 32. besonders aber in manchen "Stucken 
des Johannesevangelium (5, 25 — 29. 7, 28. 8, 33. 40 — 45. io, 
28 — 39.) in Gegensätzen gegen die Messias- und Antimessias- 
begrifle judäischer Residenzbürger und pharisäischer Sectirer, zu 
sprechen hatte, wo er vielmehr Menschen, wie sie überall 
sind, das mit Gott vereinbare ihrer Geistigkeit und Gott selbst 
wie einen patriarchalischen Familienvater der Geistigwollenden 
(Lok. i5, 20.) offenbar vorhielt, so dafs um solcher geistigen 
Universalität willen Joh. 4, 42. Samariter ausrufen: Dieser 
wahrhaftig ist 6 oorqp tov noapov — der Weltheiland! 

3. Nov. 1837. Dr. Paulus. 




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41 Erdmann i Leib u. Seele nach ihrem Begriff u Verhältnis an einander 



Leib und Seele nach ihrem Begriff und ihrem Verhältnisse zu einander. 
Ein Beitrag zur Begründung der philosophischen Anthropologie von 
Dr. Johann Eduard Erdmann, ausserordentl. Profestor der Philo- 
tophie an der Universität Halle. Halle bei Schwetschke 1837. 183 S. 

Der Herr Verfasser ist als Geschichtschreiber der Philoso- 
phie bei dem philosophirenden Publikum bereits bekannt. Wenn 
auch seine Geschichte der neuern Philosophie , von der bis jetzt 
zwei Bände erschienen sind, durch die Voraussetzung, dafs das 
Hegel'sche System das absolut wahre sey , einen gewissen sub- 
jectiven Charakter der Exposition und namentlich der Kritik der 
philosophischen Systeme erhielt, so kann ihm dennoch das Ver- 
dienst gewandter Benutzung der Quellen und klarer Darstellung 
niebt abgesprochen werden. Obgleich die Art und Weise, in 
welcher er das Verhältnifs der neuern Systeme zu einander be- 
stimmt, dem Begriffe dieser Systeme nicht vollkommen entspricht, 
so verdient dennoch sein Versuch, dieselben als nothwendige Mo- 
mente der Entwicklungsgeschichte der neuern Philosophen zu be- 
greifen, alle Achtung. Die vorliegende Schrift ist, soviel Ref. 
weifs, der erste eigene philosophische Versuch des Verfassers. 
Sie zeichnet sich durch Gewandtheit des Denkens. und Verständ- 
lichkeit *) der Darstellung vorteilhaft vor andern Werken der 
Schuler Hegels aus, und es ist namentlich ein Verdienst des Vfs. , 
dafs er über der Geistesphilosophie das Naturphilosophische nicht 
vernachlässigt, sondern es vielfach berücksichtigt. 

Indessen hat er dennoch die Geisteslehre nicht scharf genug 
von der Natui lehre unterschieden, daher ihm die Analogie der 
erstem mit der letztern in gewisser Hinsicht zur Identität mit 
derselben wird. Dies zeigt sich gleich im 3ten §, wo er die 
Methode der philosophischen Geisteslehre dahin bestimmt, sie sey 
eine Darstellung der nothwendigen Entwicklung des Geistes 
von seiner untersten bis zur höchsten Stufe. 



•) Welche Verständlichkeit der Darstellung aber, wie die Bearbei- 
tung zeigen wird, noch keine wissenschaftliche Klarheit im höhern 
Sinne ist. 

(Der Besehlufs folgt) 



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N\ 4? HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Erdmann: Leib und Seele nach ihrem Begriff* und Ver- 
haltnifs zu einander. 

(Beachiuft.) 

Zwar sogt er §.5: »der Begriff des Geistes sey Negation 
der Natur d. h. Freiheit zu seyn , und deswegen könne seine 
Entwicklung kein andres Ziel haben, als sieh frei zu machen.« 
AHein da, wo er den Begriff der Geistescntwichlung erklärt oder 
auseinandersetzt, spricht er von derselben ganz in denselben 
Woiten, in denen er die naturliche Entwicklung bestimmt, und 
übersieht mithin den qualitativem Untersehied der in ihrer Not- 
wendigkeit d. h. ihrer Gesetzmafsigkeit freien geistigen Entwick- 
lung, d. h. Selbstbestimmung, von dem im engen , ausschliefst 
liehen Sinne nothwendigen Vorgange der natürlichen Entwick- 
lung. So sagt er z. B. S. 29: »Die GeUtesiehi e hat zu zeigen, 
dafs der Geist durch verschiedene Stufen hindurch sioh entwickeln 
juufs, und das wird sie nur können, indem sie zeigt, dafs diese 
Entwicklung zu Stande kommt, indem die dem Geiste wesent- 
lichen Bestimmungen sich heraussetzen.« Und S 3o sagt er, 
»die speculative Geisteslehre habe zu zeigen, wie im Wesen des 
Geistes alle seine Manifestationen als der Entwicklung entgegen- 
gehende Keime liegen.« Bei dieser jedenfalls ganz unpraciscu, 
dem Begriffe des Geistes unangemessenen Vorstellungsweise er- 
scheint der Geist nicht sowohl als freie» Subjeet , welches erst 
durch seine ideelle Selbstbestimmung seine besondern Bestimmun- 
gen hervorbringt, als vielmehr als passive Substanz der ihm nur 
inbärirenden und sieh in seiner nothwendigen Entwicklung von 
selbst ergebenden Bestimmungen. 

Die geistige Selbstentwicklung und Bildung unterscheidet sich 
ebendadurch von der natürlichen , dafs der Geist in seinem eigeu- 
thüuilichen Wesen nicht an sieb bestimmtes, sondern nur be- 
stimmun gs la hi ges Subjeet ist, und dafs er nur die Bestim- 
mungen (nicht hat, sondern) erhält, zu denen er sich selbst 
bestimmt oder entscheidet. 

Des Verls, vorzugsweise realistische Vorstellungsweise zeigt 
sich auch darin, dafs er §. 6. den » Galtungsproccfs als das Hocb- 
XXXI. Jahrg. 1. Haft. 4 



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50 



Erdmann: Leib und Seele 



ste, wozu es in der Sphäre des Lebendigen komme, für den 

Übergang der Natur zum Geiste« erklärt, ohne zu erweisen, dafs 
ein Übergang von der Natur zum Geiste möglich ist, eine unbe- 
gründete Voraussetzung, die man von einem Philosophen, der 
auf so strenge Wissenschaftlichkeit Anspruch macht, wie- der Vf., 
nicht erwarten sollte. 

Das Vcrbältnifs, welches nach dem Vf. zwischen der Natur 
und dem Geiste Statt finden soll , findet innerhalb des naturlichen 
Lebens selbst, nämlich zwischen dem vegetativen and dem ani- 
malen Leben Statt. S. 44 sagt der Verf., gestützt auf jene un- 
erwiesen' Voraussetzung: »Ist die gegen die Natur höhere Sphäre 
die des Geistigen, so wird die dialektische Entwicklung des Hoch, 
sten, wozu es innerhalb der Natur kommt, die erste, d. h. nie* 
dritte, weil der Natur zunächst stehende Gestalt des Geistes 
selb.« Mit mehr Recht kann man sagen: Ist die gegen die ve- 
getative Natur höhere Sphäre die des animalen Lebens , so wird 
die Bestimmung des Höchsten, wozu es innerhalb der vegetativen 
Natur kommt, die erste, d. h. niedrigste, weil der vegetativen 
Lehenserweisung zunächst stehende Funetion des animalen Lebens 
seyn. Denn, da der Galtungsprocefs schon in der vegetativen 
Sphäre des Lebens, eben als die der willkührlichen und mithin 
animalen Selbstbestimmung nächste Function vorkommt, so kann 
die höhere Sphäre nur das animale Leben seyn, welches sich 
im Verhältnisse zum vegetativen als höhere Stufe desselben -Reichs 
erweist , während des Geistes Leben in einer eigenen Welt sich 
entwickelt, zu der die Natur nicht den Übergang, sondern nur 
die Voraussetzung bildet. Des Verfs. iMeinung , der (endliche) 
Geist sey uispriinglich blofses Naturproduct , wird durch den Ge- 
danken widerlegt, dafs der absolute Geist das wahrhafte Priug 
der Natur ist , und dafs der endliche Geist mithin so wenig in 
irgend einem Sinne Naturproduct ist, dafs er vielmehr nur durch 
die Vermittlung der Natur von dem absoluten Geiste geschaffen 
wird. 

Nachdem der Verf. zu erweisen versucht hat, dafs die Gat- 
tung und das Einzelne die Momente oder Factore des Gattöngs- 
processes seyen, wiewohl in diesem endlosen Processe die Ein- 
heit des Allgemeinen und Einzelnen nicht zu Stande komme, er- 
klärt er §. 7. den Geist als die wirkliche Identität des Allgemei- 
nen und des Einzelnen. Auf der Entwicklungsstufe des Selbst- 
bewufstseyns sey der Geist als Ich ebensosehr das Allgemeine — 
jeder sey Ich, -~ wie er das Einzelne sey. Die Seeie und der 



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nach ihrem Begriff u. Verhältnis in einander. 51 

Leib verhalten sich nach §. 9. wie Allgemeinheit und Einzelnheit 
zu einander, und der Geist sey als natürliches menschliches Indi- 
viduum die Einheit dieser Factoren oder Momente. Der Geist ist 
dem Verf. nach seiner realistischen Denkweise*) »die Wahrheit 
des unendlichen Proeesses, in welchem in der Natur das Allge- 
meine (die Gattung) und das Einzelne Eins werden sollen, ohne 
znr wahren Identität zu gelangen. « 

Die Seele ist dem Verf. die einlache Allgemeinheit oder 
der immanente Zwcch des Organismus , sofern sie die einzelnen 
Thei/e des Korpers zu Organen oder Gliedern eines Ganzen macht. 
Ist diese Definition nicht ganz formell , so haben wir die Seele 
als das in sich allgemeine Sobject zu denken , welches sich durch 
die Vermittlung der besondern Organe des Körpers bethätigt. Ist 
aber die 6eele Subject, welches durch Vermittlung des Nerren- 
systems und der besondern Sinnorgane empfindet und wahrnimmt, 
— das Fuhlen und Vorstellen schreibt der Ver f. erst dem Geiste 
zu — so sind Seele und Leib nicht wie der Verf. meint, gleich 
wichtige **) Factoren oder Momente des Geistes , sondern die 

*) Andrerseits verfallt der Verf. in das Extrem einer, aber nor formell 
idealistischen Denkweise, indem er die .Vi Mir nuf Kosten des Ucistes 
vergeistigt. Denn die Natur ist dem Verf. nach S. 37 u. 38 ., der 
cntä'usserte erstarrte Gedanke, der nicht dazu komme, am h 7.11 fin- 
den oder hei sich zu seyn. " Allein streng genommen int die Er- 
klärung der Natur, sie sey cuLättssirler (i< danke, schon deshalb 
begi ifl'loH , weil nur die in sich oder bei sieh seyeode Suhjci ti\ tlät 
oder 4er Geist seiner seihat entäussert werden kann ; z. Ii. wenn er 
gedankenlos wird; aber welche» wäre denn die Sabjr« th ität , wel- 
che sieh in der Natur cntäusserlc , um in derselben als äußerlicher 
Gedanke zu existiren V Der göttliche Geist? Aber dieser wird als 
absoluter Geint durch die freie Schöpfung der Natur nicht entäus- 
sert. Fürs .zweite enthält die Erklärung, die Natur sey der ent- 
äussertc Gedauke , einen inner« Widerspruch, indem der Gedanke, 
der aich nicht findet, kein Gedanke i«t 

• 

•*) Dem Verf. ist die Seele nichts Höhere* al« der Leib, und er erklärt 
es für ein« Confnsion der Begriffe, wenn man Seele und Leib nicht 
für Momente hält . vor denen kein« einen höhern R<tng hat ui das 
andere. Nach seiner Meinung S. 73 unterscheiden wir unsere Seele 
ebenso vwn unserem Ich, wie unsern Leih. „Wenn wir sagen," 
„Ich werde «terben, meine Seele wird (urtleben," ao setzen wir 
tineer Ich ebenso an die Stelle nnscra Lcibea, wie wir es in dem, 
Ausspruch: mein Leib wird sterben, meine Seele aber nicht, an die 
Stelle der Seele setzen. Ebenso: „Ich habe Schmerzen und meine 
Seele freut sieh u. a. w. " 

„Wir müssen aUo," schliefst 4er Verf., „aegen, eben wie dort 



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52 Erdmann: Leib und Seele 

■* 

Seele ist das in sich seyende Princip der Selbstbestimmung, der 
Leib aber ist blofses Werkzeug oder V er wir klichungs- 
inittel der Seele. Wie verhalt sieb nun aber die Seele zum 
Geiste ? 

Vn-h dem Verf. ist erst der Geist fühlendes, vorstellendes 
und denkendes Ich, während die Seele sich höchstens empfindend 
und wahrnehmend verhalte. Ist es nun aber nicht Ein und das- 
selbe Subject, welches sich in einer niedrigen Form oder Weise 
seiner Thätigkeit wahrnehmend verhält, während es auf höhern 
Stufen seines Bewufstseyns fühlt und denkt ? Werden wir also 
nicht sagen müssen, die Seele (oder das in sich allgemeine) We- 
sen d>r Seele verwirkliche sich durch ihre Selbstbestimmung zum 
an und für sich seyenden Geist ? — Unterscheidet sich nicht die 
an sich freie menschliche Seele ebendadurch von der sinnlichen 
Seele des Thiers, dafs sie nicht nur empfindendes und wahrneh- 
mendes Subject ist, sondern dafs sie ihr innerlich allgemeines 
Wesen erfafst und sich zum selbstbewufsten Subject oder zu dem 
sieb wissenden Ich bestimmt? Aus diesem Grunde wird jeder 



oben: Ich Linn nicht meine Seele. Wns bin ieli nlfto? Weder meiu 
Leib noeli meine Seele, sondern ein Drillen , welchen einmal sich 
Tun beiden unterscheidet , und andrerseits beliebigsten, in die Stelle 
von jedem der beiden Factoren setzt, also: Ich bin weder Leib noch 
Seele und doch zugleich Leib und Seele " — 

Auf welcher sclUunien Voraussetzung beruht diese Folgerung? 
Welcher Mensch , der sich seiner Seele bewufst ist, wird nicht ein- 
sehen, dafs er nicht sowohl eine Seele hat, als vielmehr Seele ist» 
und dafs er als dasselbe Ich Seele ist und sieh als Seele weifs, 
indem er eben durch das 15cm u CslRcyn der Unsterblichkeit seines Ich 
oder seiner Seele «ich am meisten überzeugen wird , dafs die Seele 
sein eigenstes Wesen ist, wahrend er seinen äussern Leib nur hat 
oder besilzt, ohne dnls seine wesentliche Existenz von demselben 
abhängt. Die Äusserung: „Ich werde sterben, ineine Seele wird 
fortleben u , ist psychologisch unmöglich, da ein solcher seinen Leib 
für sein Ich halten miiisle. Das SelbslbewulsUcyn oder das sich 
als Ich wissen ist aber eben durch die Sclbstunterscheidung des 
Subjects von seiner Leibltchkcit vermittelt. Nur unter jener rein 
unmöglichen Voraussetzung könnte ferner Jemand sagen : Ich habe 
Seh merz on und meine Seele freut sich. Denn er lufifsto ja in die- 
sem Falle sogar ein Organ seines Leibes , t B. einen Z ihn , ein 
Auge, einen Fuls u. s. w. für sein Ich halten. Das Ich ist mithin 
so wenig ein Drittes, welches sowuhl Leib und Stele wäre, dafs es 
sich vielmehr ebendadurch, dafs es sieh als Seele d. h. als bei sich , 
seiendes Subject oder Selbst erkennt , von seinem Leibe als selbst« 
losem gegenständlichem Seyn unterscheidet. 



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nach ihrem Begriff und VerliäUnifs zu einander. f»3 

Unbefangene sich überzeugen , dafs er nicht sowohl eine Seele 
bat, als vielmehr wesentlich Seele ist, und er weif* nur inso- 
fern, dafj er Seele ist, als er selbstbewußtes Ich ist, so dafi 
es Ein und dasselbe ist, sich als Seele oder als Ich zu wissen! 

Da nun die Seele als selbstbewufstes Subject in sich allge- 
meines und mitbin einer universellen Entwicklung fähiges oder 
tinendlich perfectibles Ich ist, so wird ihre theoretische Selbst- 
entwiebiung oder Bildung keinen andern als den Zweck haben, 
was sie ihrem Wesen nach nur an sich oder tivtauu ist, durch 
ihre Selbstbestimmung wirklich ( ivepytia) zu werden und sich 
mitbin zu dem seine Einheit mit sich selbst, mit der Welt und 
mit der Gottheit (praktisch) realisirenden und (theoretisch) wis- 
senden Geist zu verwirklichen. 

Da aber der Geist nichts fertiges ist , sondern nur in der 
Tha'tigkeit der Selbstbestimmung wirklich ist, so kehrt er aus 
seiner Verwirklichung wieder -in sein Wesen zurück , um sich 
ewig zum Princip seiner Wirklichkeit d. h. als Seele zu bestimmen* 

Aus der innern Unendlichkeit seines Wesens , welche als un- 
endliche d. b. allseitige Perfectibilität betrachtet werden kann, 
aus der ideellen thhtigcn Wirklichkeit seines Willens, und end- 
lich aus der Totalität und Universalität seines Sejns und Bewufst- 
seyns läfst sich die Unsterblichkeit des Geistes erweisen. Da nun 
aber ein Geist, welcher seelenlos und mithin auf keine Weise 
als Ich oder Individuum existirt, kein Geist ist, so folgt, dafs 
eine Theorie, welche, wie die des Verfs. , die Sterblichkeit der 
Seele als » notwendigen untrennbaren Correlats des Leibes« be- 
hauptet, auch die Unsterblichkeit des individuellen Geiste« — und 
der Geist existirt nur individuell — läugnen mufs. Sind ja Seele 
und Leib nach des Verfs. oft wiederholter Erklärung nur Facto- 
ren des Geistes. W 7 ie könnte dieser aber nach dem Tode seiner 
Factoren fortdauern? 

»Der Tod, sagt der Verf. S. i3a, als das Ende des Indivi- 
duums, bildet das Ende in der Anthropologie, die es mit nichts 
Anderem zu thun hat, als mit dem Individuum. Der Geist 
also, weil er Individuum ist, stirbt.« 

In der Sphäre der Anthropologie *) ist der Geist nach dem 

*) Allerdings ist dies der Geist nur in der Sphäre der Anthropologie 
(des Verfs.). Denn nur. die unwissenschaftliche (mechanische^ Vor- 
stellung macht aus der sclbitbewähHen Einheit des Geistes ein bln- 
ses Compositum. Wie ist ferner eine Differenz von Seele und Leib 
möglich , wenn sie sich wie innere Allgemeinheit und Einielnheit 
verhalten ? 



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54 Erdmaun : Leib und Seele 

* 

Verf. Moses Ensemble oder Compositum der Seele ond des Lei- 
bes als difTerentcr Factoreti. Das Ende der Anthropologie sey 
der Tod , welcher nicht als Trennung der Seele vor dem Körper 
sondern als Indifferentwerden beider Factoren zu denken sey. 
Der Tod aber sey nur die Voraussetzung der wirklichen Identität 
des Allgemeinen und des Einzelnen, welche der von der Natür- 
lichkeit befreite Geist als Uowufstseyn oder Ich sey. Nur der 
Tod gehöre der Anthropologie an, deren Ende er sey, da« Er- 
wachen des Bewufs>tseyns aber gehöre dem folgenden Theile der 
philosophischen Geisteslehre an (welcher im Hegeischen Systeme 
die Phänomenologie bildet). Der Verf. versteht demnach unter 
dem Erwachen des Bewufstseyns nach dem Tode, welcher ihm 
das Ende der Anthropologie ist, nicht das Erwachen in einer 
jenseitigen Welt, von der er naeh dem Vorgange seines Lehrers 
Hegel nichts wissen will , sondern der Geist ist ihm als Gegen. 
Stand der Phänomenologie und Psychologie insofern unsterblich, 
als er den Gegensatz von Seele und Leib aufgehoben habe, und 
deswegen sowohl Seele als Leib und zugleich weder Seele noch 
Leib sey. Wenn der Verf. sagt, das Ich oder der Geist könne 
von dem Tode nicht tangirt werden, so erklärt er dies daraus, 
»dafs er als Gegenstand der Psychologie oder als Ich das be- 
reits sey, was der Tod (welcher das Indifferentwerden oder das 
Aufgehobenwerden von Seele und Leib sey) aus ihm machen 
konnte, nämlich: die Identität dieser Factoren.« • 
Man würde sich daher sehr irren, wenn man meinte, der 
Verf. spreche von der Unsterblichheit im Sinne einer individuel- 
len Fortdauer des Geistes in einem jenseitigen lieben , vielmehr 
ist ihm, wie seinem Lehrer Hegel, die Unsterblichkeit des Gei- 
stes nur y gegenwärtige Qualität«, indem er in seiner innern 
Allgemeinheit oder im Denken (nicht. aber nach seiner indivi- 
duellen Existenz) ewig oder unsterblich sey*). Erklärt ja 

•) Dafi des Verfs. Lehrer, Hegel, keine persönliche Unsterblichkeit 
des Geistes lehrte, hat Ref. in dem Anhange zu Dr. Hubert Beckers 
Schrift: €ber Göscheis Versuch eine* Erweises der pcrsönliehen Un- 
■terblichkeit Hamburg b. Perthes 1836. 140 S. , theils mit Rück- 
sicht auf die von Gosehcl dafür citirten Stellen , theils und zwar 
hauptsächlich mit Rücksicht auf den Sinn und die Tendenz der 
Hegeischen Philosophie überhaupt, welche die Individualität für 
unwesentlichen, vergängliches Moment erklärt und alle Realität auf 
die Gegenwart oder das Diesseits beschränkt, kritisch bewiesen. Die 
erwähnte Schrift verdient um der tiefen Aufschlüsse willen, wel- 
che sie in Schöllings System eröffnet, grofse Beachtung. 



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nach ihrem Begriff und VerhiUnilt m tiu.ndcr [ ft* 

der Vf. die Seele, ohne welche der Geist nicht individuell fort- 
dauern konnte, d* er die Einheit ?on Seele und Leib scy , wie 
diesen für sterblich, und durch den Sau : »weil der Geist In- 
dividuum ist, stirbt er«, hat er seine Meinung von der Sterblich. 
Ueit des individuellen Geistes unumwunden ausgesprochen. 

Es ist nun noch uhrig, zu zeigen, dafs der Verf., weil er 
dif menschliche Seele nicht als sich zum Geist verwirklichendes 
Subject, sondern nur als einfache Allgeraeinheit der einzelnen 
Organe des Leibes p*stim.mt , ihren Begriff selbst und ihr Ver- 
häitnifs zu dem Leib nicht wissenschaftlich erkannt und bestimmt 
ha*. JEr bedenkt hier nicht , dafs alles , was er von der an sich 
freien Seele des Menschen sagt, von der natürlichen sinnlichen 
Seele des Thiers, und nur von dieser, gilt. 

Die Seele des Menschen unterscheidet sieb dadurch von der 
des Thiers, dafs sie an sich oder ihrem Wesen (ihrer Möglichkeit) 
nach Geist ist, daher ihre Selbstentwicklung und Bildung den 
Verlauf ihrer Selbstverwirklichung zum Geiste darstellt 

Ist aber die Seele an sich Geist, so ist sie nicht in dem 
Sinne mit dem Leibe identisch, dafs sie sich »als Allgemeinheit 
seiner einzelnen Organe, wie der Vf. $• 79 behauptet, in den- 
selben realisirtc. «t Vielmehr wird die menschliche Seele 
schon auf der Stufe des Wohrnehmens, — und das Wahrnehmen 
spricht der Verf. der Seele nicht ab, — eben weil sie an sich 
freies Subject des Wahrnehmens ist, »ihre Empfänglichkeit ge- 
gen die Aussenwelt nicht in den Sinnorganen S. 1 1 , sondern 
durch dieselben realisiren, und ihre Freiheit dadurch erweisen, 
dafs sie sich nur empfanglich gegen die Aussenwelt verhält, um 
die im Verhältnisse zu derselben erhaltenen AfTectionen oder Be- 
atimmungen der Sinnorgane, z. B. die sogenannten Gesichtsein- 
drücke zu verinnerlichen oder zu Bestimmtheiten ihres eigenen 
Wesens zu machen. Ohne dieses freie Verhältnifs der Seele zu 
ihrem Körper, in welchem sie sich nicht realisirt, sondern durch 
welches sie sich ihre ideelle innere Selbstvei wii ltlichung im Wol- 
len , Fühlen und Wissen nur vermittelt, ohne dieses freie Ver- 
hältnifs der Seele zum Körper läfst sich ihre Selbstbestimmung 
zum selbststä'ndigen oder an und für sich seyenden, seiner selbst 
mächtigen und sein Wesen wissenden Geiste nicht begreifen. 

Denn wie kann eine Seele , welche sich nur in dem Organe 
des Körpers realisirt und welche nur immanente Bestimmung oder 
einfache Allgemeinheit der einzelnen Organe ihres Körpers ist, 
freies Suoject ihrer selbst und ihrer innern Bestimmungen, ihrer 



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56 Erdraann: Seele und Leib 

Entschlüsse, Gefühle und Gedanken , werden? — Die Seele ver- 
mag sich mithin als an sich freies Subject durch den ganzen Ver-, 
lauf ihrer successiven Selbstbestimmung nur dadurch zum selbst- 
standigen Geiste zu verwirklichen , dafs sie sich im Verhältnifs zu 
ihrem äussern Leibe bewufstlos selbst organisirt, indem sie die 
leiblichen Bestimmungen oder Thätigkeiten , z. B. der Sinne oder 
des Gehirns, durch welche sie sich das Wahrnehmen und Den- 
ken vermittelt, zu Bestimmungen ihrer selbst erhebt. Die an sich 
freie Seele wird dadurch ihrer selbst und ihres Korpers mächtig, 
dafs sie sich durch ihr tha'tiges Verhältnifs zu ihrem Körper nur 
ihre innere Selbstentwiclilung vermittelt *). Da ein Subject ohne 
eine Organisation**), in der es sich ohjectivtrt, nicht zu selbst- 
ständiger Existenz kommen kann , so wird es nur durch jene in- 
nere Selbstentwicklung oder Organisation der, Seele begreiflich, 
dafs sie sich von ihrem äussern Leihe zu sich selbst befreien und 
zum an und für sich seyenden, in sieb zurückgekehrten und mit- 
hin ewigen Geiste ***) verwirklichen kann ; eine successive Selbst- 
befreiung, deren Schlufs die Trennung des Geistes von dem Kör- 
per ist, welcher, nachdem er seine Bestimmung: Organ, d. b. 
Verwirklichungsmittel der Seele zu seyn , erfüllt hat, seiner Auf- 
losung entgegengeht. 



*) Die sinnliche Seele de« Thiers ist eben deshalb nicht frei, weil ihre 
Bestimmungen «ich nur in den Organen den Körpers realisiren , auf 
welchen nie sich bezieht, ohne sieh auf sieh seihst zu beziehen und 
Rieh im ideellen Fühlen und im denkenden Bewufstseyn zu sich 
selbst zu verhalten. 

-•*) Da die Einsieht , dafs eine Seele ohne Leiblichkeit nicht existiren 
kann, aus dem HcgrifTe der Seele selbst »ich ergiebf, »o wird häufig 
angenommen , die Seele erhalte nach dem Tode cpn Organ ihrer 
Selbsttätigkeit. Wie kann aber dieses Organ dns ihrem Ucien 
entsprechende Yerwirklichungsmittel ihrer selbst seyn, wenn nie es 
sich nicht im Verhältnifs /u ihrem äussern Körper seihst organisirt 
hat; — eine innere Organisation oder ein geistiger Organismus, 
den man nllgcmcin von dem äussern materiellen Organismus unter- 
scheidet, wenn man z. ß. sagt: ein Individuum sey geistig ebenso 
fein oder ebenso kräftig organisirt wie körperlich. 

"**) Nur die in ihr sinnliches Daseyn oder ihre naturliche Entwicklung 
cntüusserten Dinge oder Wesen sind als blofse Momente des Natur- 
ganzen dem Anderswerden oder der Vergänglichkeit preisgegeben. 
Der selbstbewußte Geist aber ist an und für sich seyendes , in sich 
zurückgekehrte« oder in sich geschlossenes Ganzes , und mithin um 
seiner Innern Unendlichkeit willen unsterblich oder ewig. 



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nach ihrem Begriff and Verliiltnifs tu einander. S? 



Da »ich mithin die Seele durch ihre zeitliche d. h. succenive 
Selbstbestimmung von Stufe zu Stufe zum Geiste verwirklicht, 
so wird sie allerdings nicht erst durch den Tod unsterblich, son- 
dern sie wird durch ihren Willen und ihr Wissen unsterblich 
oder ewig. Aber die Vollendung ihres Scyns und ßewufstseyns 
kann doch erst nach der vollkommenen Verwirklichung des sieh 
mit sich selbst, mit der Menschheit und mit der Gottheit eins 
d. h. ewig wissenden Geistes eintreten, und der Tod ist nicht, 
wie der Verf. behauptet, als Ende der Anthropologie, d. h. in 
seinem Sinne der Lehre von der sinnlichen natürlichen Seele , das 
Erwachen des Bewafstseyns oder des Ichs , sondern er ist der 
Schlufs der zeitlichen Selbstbestimmung , durch welche sich das 
Ich oder die Seele zur Totalitat des Geistes zu befreien bat. Er 
ist mithin in dem Systeme der Wissenschaft der Schlufs der Psy- 
chologie, sofern diese die Selbstentwicklung und Bildung des Ichs 
zum Geiste darstellt. An sich aber, ist er die Trennung des Gei- 
stes von dem Korper und dessen Erhebung zu einer zwar nicht 
naturlosen, wohl aber natorfreien *) Seynsweise, deren derselbe 
in einem für uns jenseitigen Reiche theilhaftig wird. Da der 
äussere Leib das freie Geistesleben nur unvollkommen vermittelt, 
daher sich eben die kräftigsten und edelsten Geister, z. B. der 
Philosoph Plato und der Apostel Paulus, in ihrem Geistesleben 
durch den materiellen vergänglichen Leib nach ihren eigenen 
Geständnissen in gewisser Weise gestört und gehemmt fühlten, 
so ist die wahre Einheit des in sich vertieften oder zurückge- 
kehrten Geistes mit seiner Subjectivität d. b. seiner Seele und 
mit seiner Objectivitnt d. h. seiner Organisation nicht vor dem 
Tode zu erwarten**), sondern sie wird erst nach demselben 
vollkommen wirklich, indem erst die mit dem Geist identische 
Organisation seines Seyns, welche nur in seinem Wollen wirklich 
ist, die idealisirte," verklärte und deshalb ewige Form seiner Ezi- 



*) Naturfrei wird der Geist als die ahaolnte Mneht Reiner durch «ei- 
nen Willen idealisirten oder verklärten innern Natar. 

") «Wogegen nach de« Verls. Ansicht S. 228 der von Dr. .Bruno Baor 
heraiiBgegebcnen Zeitschrift f ür speculative Theologie I. Bd. 1« Ilft. 
der Tod als „ Imliflercnzirung von Seele und Leib nur intondire, 
was im Selbstbcwulstneyn vollständig realisirt sej , nämlich die le- 
bendige Identität , die eben darum nicht todte Gleichheit »oy. 
Daher tagt der Verf. S. 227, der Tod komme dem Ich post fest um, 
da er r,u indiflerenatren habe, was im Ich bereit« in wahrer Weite 
identisch sey. 



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Greith: Spicilegium Vaticanutu. 



Stenz sevn kann. Wie der Leib nicht ohne die Seele, so kann 
die Seele nicht ohne den Geist begriffen werden, dessen ewiges 
Princip sie ist. 

Das Problem, Leib und Seele in ihrem Verhältnisse zu ein- 
ander zu begreifen , bann daher nur gelost werden, wenn die 
Seele nicht nur als » einfache Allgemeinheit des Leibes«, sondern 
in höherem Sinn als Seele des Geistes begriffen wird , dessen 
verwirklichendes Princip sie ist. 

Ist aber die Seele Subject des Geistes, so ist sie nicht an 
den äussern Leib und seine Organe gebunden, und der durch die 
Thätigkeit der Seele wirkliche Gefet wird als die freie, sei« We- 
sen wissende Einheit seiner Subjectivität und seiner Objectivität 
nicht vor, sondern erst nach dem Tode eines vollendete« Sejns 
und Bewnfstseyns fähig und theilhaftig. 

Fi $ eher in Tübingen. 

■ 

■ ■ 1 ■ ■ 

Spicilegium V aticanum. Beiträge zur nähern Kenntnifs der vatika- 
nischen Bibliothek für deutsche Poesie des Mittelalters. f'on Carl 
Greith, Pfarre* in Sdersehwyl bei St. Gallen. Frauenfeld, Druck u. 
Verlag von Chr. Beyel. 1838. X u 303 Suiten gr. 8. Mit dem Bilde 
Hartmanns von Owe, nach dem Facsimile des H'cingartmer Codex ge- 
zeichnet von der Frau Baronin AI. Anna v. Lafsberg. In Umschlag. 

* 

Der gelehrte Verf. widmete diese Schrift dem Herrn Char- 
les Purton Cooper, Secretär des Board of Records in Lon- 
don , oder der i83o durch bonigl. Decret niedergesetzten Parla- 
mentscommission zur Uutersuchung und Vervollständigung der 
englischen Archive. Da die Nachforschungen dieser Commission 
nicht auf England beschränkt waren , so wandte sie sich zur Er- 
reichung ihres Zwecks auch an einige deutsche Literatoren. Un- 
ter andern erhielt Herr Carl Greith »832 den Auftrag, die 
St. -Galler Handschriften für brittische Geschichte zu bearbeiten, 
und veröffentlichte i833 die reichen Resultate seiner Bemüh oo- 
geiv in dem Werke, betitelt: Scotigenae apud S. Galluni, sive 
Scotorum , qui in coenobio S. Galli quondam iloruerunt , Aniiales 
et Anecdota. Die Folge hiervon war, dafs die Commission ihn 
im folgenden Jahre beauftragte, nach Rom zu reisen und auch 
die dortigen Sammlungen durchzuschn. Diese nun befinden sich 
heut zu Tage hauptsächlich in der vatikanischen Bibliothek, die 
man wohl eine Bibliothek der Bibliotheken nennen mag, da sie 
aus den zusammengehäuften Schätzen so vieler andern erwuchs. 



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Greith: Spicilegium Vatiranum. »0 

Zunächst also von ihr giebt llr. G. Nachricht in diesem Weikc; 
doch fand er Gelegenheit, auch andre Bibliotheken der grofse» 
Weltstadt, desgleichen die zu Frascati, Montecassioo , Modena« 
Floren», kennen zu lernen , ton welchen er ebenfalls berichtet: 
so dafs der Titel des Buchs ungenau ist, aber »um Vortbeil der 
Leser v indem das Werk weit mehr giebt als der Titel f erspricht 

Nach einer Einleitung über die Handschriften «Kataloge der 
Vaticana und anderer romischen Bibliotheken folgt. ein beschrei- 
bendes Ver/.eichoils dort befindlicher altdeutscher , lateinischer 
und französischer Mauuscripte, die auf deutsche Literatur des 
Mittelalters Bezug haben. An diese interessante Notizen schliefst 
sich Hertmanns von der Au Gedicht Tora Gregorius auf dem 
Steine , das hier zum erstenmal aus der vatikanischen Handschrift 
herausgeguhen und von dem Verf. sowohl durch Sprachberoer. 
liungen , als durch Bestimmung seines Verhältnisses zur mythisch- 
christlichen Poesie des Mittelalters, auf eine vorzügliche Weise 
erläutert ist. W ir heben aus jedem dieser Abschnitte Eisiges 
aus , tbeils um die Liebhaber des Fachs , deren Zahl täglich zu- 
nimmt, zu orjentireu , tbeils um dem Verf. einen Beweis der 
Aufmerksamkeit zu geben, mit welcher wir sein reichhaltiges und 
lehrreiches Werk durchlasen. < 

Vom päbstJichen Gesandten bei der jebweizerischen Eidge- 
nossenschaft an den Kardinal Staatssekretär Bernetti, und durch 
den Grafen Senf t - Pilsach , damals österreichischen Gesandten zu 
Florenz, an den Grafen " Sebregondi in Rom, empfohlen, fand 
Hr. G. dort nicht jene Schwierigkeiten, mit welchen Perta, Graff 
und andere Gelehrte zu kämpfen hatten. Vielmehr fand er so- 
gleich beim Projekten der Vaticana, Moasignore Aiezzofanli , gu- 
tige Aufnahrae, und die Bereitwilligkeit des ersten Gustode, Ab- 
bate Laureani, liefs nichts zu wünschen übrig. Nach und nach 
erhielt er freie Einsicht in alle Handschriften- Veraeiehnisse , und 
fertigte in einer Zeit von drittbalb Jahren eine » Bibliotheca Va- 
ticano- Brilannica « , worin tbeils KataJogauszüge enthalten sind, 
theUs # Beschreibungen und Vergleichungen von Manuscripten, 
tbeils Abschriften bisher ungedruckter Denkmale. Ausserdem aber 
nahm er, mit Zustimmung der Comraission, auch auf die ander- 
weitige .Literatur Rücksicht, und so enthält die Schrift nicht al- 
lein brauchbare Verzeichnisse vatikanischer Handschriften anstatt 
der in Folge der Zeit unbrauchbar gewordenen Katalogauszüge, 
sondern sie bereichert auch die Freunde altdeutscher Literatur 
mit einigem bisher Ungedruckten. 



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Greith t Spicilegtom Vaticanum. 



Die Handschriftensammlung der eigentlichen Bibliotheca Va- 
ticnna ist in die orientalische , griechische und lateinische abge- 
theilt; die letzte, die der Verf. auf 8000 Codices schätzt, enthält 
auch italienische, franzosische, provencalische and deutsche. An 
deutschen war vermnthlich die vormals Hcidelbcrgische Biblio- 
thek, 1622 die Siegesbeute Tilly't, die Maximilian, Kurfürst von 
Baiern , im folgenden Jahre dem Pabst Gregor XV. zum Geschenk 
nach Rom sandte, die reichste, und durch das Wohlwollen Pius 
VII. kehrten 1817 die meisten davon nach Heidelberg zurück. 
Die Summe aller vatikanischen Manuscripte belauft sich ungefähr 
auf 22,924. 

Von altdeutschen Handschriften beschreibt Herr G. 
unter andern folgende: 1) das Cond Ii um Lißiciense , vel Lipti- 
ciense prope Cameracum , in cod. mcrabr. fol. Palat. 577, See. 9, 
in altlongobardischer Schrift, noch 1479 der St. Martinslurche in 
Mainz gehörig , worin des Dionysius exiguus Canones und die Ton 
L. Holstein (Schedae Conciliorum t. 8. p. 278) und Schannat 
(Samml. deutscher Concilien tom. 1. p. 5i) herausgegebene, Be- 
schreibung der ältesten deutseben, von Bonifaz 743 angestellten, 
Provinzialsynodc. 3) Fragmenlüm Glossarii theutonici in cod. col- 
lect raembr. 4. Christin. 566 aus dem 9. bis 12. Jahrhundert. Der 
Notiz hiervon laTst der Vf. von S. 35 bis 45 das uralte St. Gal- 
ler Vocabular 913 folgen, das bisher nur tbeil weise durch I*ch- 
raann (Specira. lingu. franc. p. I.) und GrafT (Altdeutscher Sprach- 
achatz S. XV) bekannt war, und begleitet es mit Spracbbemer- 
kungen. 3) Zwei angelsächsische Stellen und Runen in 
cod. Bibl. Christ, ftro. 338, See. X, 4* Karl der Grofse, oder 
die Bonce vallerschlacht , von dem Striker , und Gregor 
auf dem Steine von Hartmann von der Aue. Cod. membr. B. 
Christ. Nro. i354- See. i3. i36 Pergamentblatter in Quart, Blatt 
1 bis 107 Strikers Gedicht, von 108 bis i36 Gregor, beide in 
der gewohnlichen alemannischen Minuskel der mitteldeutschen 
MSS. geschrieben. 5) Strikers moralische Ged ichte, Bi- 
schof Bonus, der deutsche Cato u. a. , cod. membr. in 8., Christ. 
1423, i347 abgeschrieben; ein zierliches MS. mit meist vergol- 
deten Anfangsbuchstaben und Arabesken. 6) Das Buch der 
Betrachtungen vom heil. Bonaventura, cod. membr. in 4. 
min. Palat. 396, sec. 14, 87 Blätter in gothischer Schrift mit ib-' 
ren gewöhnlichen Abbreviaturen. 7) Gebete zu Ma ria, mittel- 
deutsch, cod. membr. fol. min., Vatic. 4763, Sec. 14, das sehr 
elegante Breviarium wahrscheinlich eines Frauenklosters, dessen 



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Greith; Spicüegium Vaticunum. 61 

besondre Wohltba'ter die Edlen von Randeck waren , wovon ei- 
ner, Eberhard, 1371 als Domdecbaot zu Speier starb. £5 14) Theo* 
phrastus ParaceUus 4 C viiiis midier um, Vatic. 0994 1 und i5) Ejut- 
dem de coena domini libri 7 ad Clement cm PP. VH., teutonice, 
et ejutdem explicalio Salutalioni* angelicae, cod. membr. Christ 
1344. Zwei W erke, die in der Frankfurter und Baseler Ausgabe 
der Schriften des Th. P. fehlen. — 18) GuiUlmi Zincgnßi epi~ 
siolae (deutsch), cod. chartac, Palat. 1907. Bisher nicht bekannt, 
und wahrscheinlich wichtig für deutsche Literaturgeschichte. In 
demselben Codex befinden sich Briefe der Engländer Wilhelm 
Camden, Jobann Borteston und Bachon. 

Von lateinischen und altfranzösischen MSS. bemer- 
ken wir: 35) Caroli M. Gala, carmine heroico scripta, cod. 
membr. Magliabechian. Fiorent. cl. VII. 7*5 ; 36) Poema di Carlo 
Magno, cod. Magliab. Flor. cl. VII. ao. und das bekannte Werk 
des Pseudo-Turpin , cod. membr. Vatic. 2947* Dann 41: Carmina 
quaedam ad Carolum imperat., in cod. membr«, 4*1 Christ.' 1 JÖ7 , 
See. X, benutzt von Angclo May in den Auetores class. medii 
ac?i mon. Vat. , tom. 5., Bomae i834», p. 434. Die meisten die- 
ser Gedichte sind von dem Vater der spätem Scholastik, Jobann 
Scotus Erigena , und beziehen sich auf Karl den Bahlen , Christas, 
das Abendmahl, u. s. w. Herr G. ist Willens, späterhin Erige- 
na's bisher unbekannten philosophischen Commentar über das 1. 
Buch des Pseudodioaysius De coelesti hierarchia, das wichtige 
Aufschlüsse über des Commentators Lehre rom heil. Abendmahl 
enthält, aus dieser Handschrift herauszugeben. 

Zum Sagenkreise des Königs Artur und seiner Ta- 
felrunde gekürt WChronique du roi Arlas, cod. membr. fol., 
Christ. 738, See. i5; der sogenannte kleine Artus, ein schaler 
Roman , der gleichwohl schon 1493 zu Lyon und 1496 zu Paris 
gedruckt wurde, auch 1 .5 1 4 in der englischen Übersetzung des 
Lord Berners in London erschien. 43) Tabula rolunda Ariuri 
ejusque Baronum, scripta a S. Cafalonieri il 6. decemb. 1391 , cod. 
papyr. fol. Urbin. 953. Der grofse Artus, der oft französisch 
herausgegeben ist; englisch, in des Bitters Thomas Malory Über- 
setzung, i486, welches höchst seltne Werk 1818 zu London in 
3 (Juartbänden nachgedruckt wurde, und ein Jahr zuvor mit No- 
ten von B. Southey erschien. 44) La table ronde de Arture, cod. 
membr., fol. min., Barber. 923, See. i3.; vermuthlich der ate 
Theil des grofsen Bitter romans von Artur. 5o) Historiae fabulo- 
sae de 5. Graal pars , e latiuo in gallicum sermonem con versa per 



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02 Greith : Spicitegtam Vaticanam. 

Lucam, equitem ac dominum oppidi Gaut, coi adjecta «st iimilia 
historia Tristani ac Lanceltoti ; cod. membr. Christ. 737. 53 und 
54) Grisilidis Romanciam gallicom, .Chr. 1 5 j 4 und i5iq> 

Der altbrittische Zauberer Merlin spielt in der Lite- 
ratur des Mittelalters eine Hauptrolle. La historia de Merlino di- 
visa in 6 liori kam schon 1480 zu Venedig heraus. Hr. G. fand: 
57 Merlini Brilanni hisboria auctore Plolemaeo de IrrJandia , ita- 
liee, cod. fn cart. bombyc. fol. Pal. o/iq: Liebesabenteuer, Schick- 
sale und Weissagungen des Sagenreichen Zauberers* Die Weis- 
sagungen füllen ein eignes Buch, 58) Faticinia Merlini Brilanni, 
in cod. collectan. membr. 8., Christ. 807, See. i3; 5 Pergament- 
blätter; der Text erläutert durch Interlinearnoten, die für die 
geschichtliche Deutung desselben wichtig sind. Der Verf. ver- 
glicht Merlin mit den Sibyllen, die man Gberall an den Wende- 
punkten der Geschichte erscheinen sieht. » Die Sibylle von Troja, 
sagt er, besingt den Fall des heiligen llinns; die von Hutna bie- 
tet beim Beginn der römischen Weltherrschaft dem Honig Tarquin 
ihre 12 geheimnifsvollen Tafeln; die Sagen des römischen Mittel- 
alters, die Cencius *) uns niedergeschrieben, Jühren zur Zeit der 
Erscheinung Christi die tiburtiuische Sibylle zu Kaiser Augustus 
auf das Kapital und den Palatin ; die ei ytbräische hat zu Babylon, 
die hispanische in lbenen dieselbe Stellung. Diese merkwürdige 
Erscheinung nehmen wir auch m der brit tischen Geschichte beim 
Untergange des altbritannischen Reiches wahr. Im Jahr 449 lan- 
deten die Sachsen und Angeln zum erstenmal an der kantuarischen 
Huste. Erst noch den brittischen Königen gegen die Einfülle der 
Pikten und Schotten im Solde dienend, dann, vom alten Motter- 
lande aus mehrere mal verstärkt, meuchelten sie endlich an einem 
Festgelage 460 Grofse britannischer Abkunft , und trieben KSnig 
Wortigern bis an die tftfssersten Grenzen seines Reichs. Der bei« - 
trogene Konig holt in dieser Noth die Meinung der Zauberer ein, 
die ihm rathen, auf dem letzten sichern Punkte seines Reichs ei- 
nen Wehrthurm erbauen zu lassen. Aber siehe ! was die Arbei- 
ter Tages daran bauen, zerstört eine unsichtbare Gewalt immer 
wieder in der darauf folgenden Nacht. Sodann rathen die Drui* 
den, einen Knaben, dessen Mutter keinen Mann erkannt, im Rei- 
che aufzusuchen, ihn zu tSdten und mit seinem Blut das Funda- 
ment des Thurms zu besprengen. Vor den Thoren der Stadt 



") Cencil Uber ptivilegiorum S. coclesiae Rom. in der Chronik des 
Martinus Polonui und den Gestis Romanorum. 



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Greith: Spicilegiam Voticanum * 



Kaermodin finden des Königs ousgesandte Boten zwei Edelknaben 
im Span (in Streit) begriffen; Merlin heilst der eine, Dibu« 
tius der andere. »Was magst dn mit mir rechten?« sprach in 
grofser Unsitte zu Merlin Dab. »Von Vater and Matter her bin 
ich Sprosse königlichen Geblüts; von wannen aber du gekommen, 
weifs Niemand: du hast keinen Vater je gehabt.« Und die Boten 
erfuhren , dafs Merlins Mutter die Tochter des Fürsten ton De- 
metia wäre, die im Kloster St. Peters derselben Stadt den Schleier 
genommen. Mutter und Sohn wurden vor den Konig gefuhrt, 
und über die Geburt ihres Sohnes befragt spricht die Mutter zu 
VVortigern: »Nie habe ich einen Mann erkannt, defs sey mein 
Zeuge Gott! noch weifs ich, wie ich diesen Sohn empfangen. 
Dessen nur bin ich mir bewufst : als ich eines Tags mit meinen 
Gespielinnen im Kämmerlein war, erschien ein Jungling von herr- 
licher Gestalt, umarmte mich im brennenden Verlangen, und 
entliefs mich gesegneten Leibes. So ward dieser Sohn geboren.« 
Naogautius, alter Bucher kundig, über diesen Fall zu Bath ge- 
zogen, sprach: in den alten Büchern der Weisheit werde von 
mehreren Geburten dieser Art Meldung gethan, und Apalejus 
erzähle, dofa Sokrates zwischen Erde und Mond Geister (Dämo- 
nen) angenommen habe, die, weil sie Menschen ond Geister zu- 
gleich Seyen, oft Metischengestalt annehmen und Weibern bei- 
wohnen. Hierauf wollte Wortigern, nach dem Käthe der Zau- 
berer, den Wunder h nahen todten lassen; aber der Knabe flehte: 
»Herr, erhalte mir mein Leben, und über verborgene Dinge 
werde ich dir richtige Deutung geben , von denen deine Zaube- 
rer hier nichts wissen. Zum Beweis ihrer Unkunde frage ich sie 
zor dir: wissen sie, was Unter des Wehrthurms Fundament ver- 
borgen ist ? « Die Zauberer blieben stummT » Herr und König,« 
führ M. fort , » lafs nachgraben , und unten in der Tiefe wird man 
auf einen Teich atofeen ; dieser hat bisher das Gebäude erschüt- 
tert« Man grub nach, und siehe! es fand sich Alles, wie er 
gesagt. »Nun lafs«, sprach M., »das Wasser abfliefsen vom 
Teich, und im tiefen Grunde wird man zwei ausgehöhlte Stein- 
blöcke und unter ihnen zwei schlafende Drachen finden.« Das # 
Wasser ward abgeleitet, die Steine umgewälzt, und es traten die 
Drachen hervor in die wasserleere Grube; der eine war roth, er 
bedeutet das brittische Volk; der andere weifs, er sinnbildet die 
Angelsachsen. Und die Drachen begannen harten Kampf wider 
einander, und Feuerflammen entströmten ihren gewaltigen Mähnen. 
Es siegte der weifse über den rothen ; dieser hinwiederum uber- 



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wältigte jenen. Während beide sich bekämpften, wandte Wor- 
tigern sich zu M. , um von ihm des Hampfes Deutung zu erfah- 
ren. Jetzt brach M. aus in Klaggeschrei, und ergriffen vom 
Geiste der Weissagung begann er also : 

Wehe dem rulhen Drechen ! herein bricht seine Vertilgung. 

Seine Höhlen im Wald wird bald der weifte bewohnen. 

Sieh, die Hügel de« Lands sich ebnen zu nietleren Gründen, 

Und mit Blute gefärbt dinxhrauschcn die Ströme das Kilon*. 

Dann auch nahet dem Kreuze sein Sturz, den Kirchen Verwüstung; 

Doch die bedrückte ersteht und wehrt dem Grimme der Fremden, u. s. f. 

Bekanntlich uberlieferte uns dieses Denkmal prophetischer 
Poesie des Alterthums Gaufried von Monmouth im 4. Buch seiner 
Geschickte der altbrittischen Könige von Brutus bis zu Worti- 
ger n , die er um 1142 aus dem Altbretonischen in Latein uber- 
setzte und dem Herzog Robert von Glpucester zueignete. Es ist 
mehrmals besonders gedruckt und in die meisten neuem Sprachen 
übertragen worden. Damit zusammenhängt 62) Merlini prophelia 
cum expositione Joannis Cornubetisis , cod. membr. 8. Ottob. 1474$ 
See. 14., 120 Pergamentblalter , wovon die sechs ersten Merlins 
Weissagung, oder vielmehr die Fortsetzung derselben mit dem 
Gommentar, enthalten, die übrigen aber den Normannenspiegel, 
oder das Gesetzbuch der Normannen in lat. Sprache, nebst der 
Charta, die Philipp der Schone, König von Frankreich, i33o, den 
Normannen erlheilte. Franzosisch ist diese Gesetzsammlung in 
der Membrane Christ. 775 Torhanden, und erschien in beiden 
Texten zu Paris 1660 in 4. Johann von Hornwall übersetzte seine 
Schrift, aus Auftrag des Bischofs Robert von Oxford (ums Jahr 
1160 nach Matthäus Paris), aus dem Altbretonischen in Latein. 
Von jeher betrachteten sich die WaJiser alt Nachkömmlinge des 
altbrittischen Volks, und verfolgten daher die Angelsachsen, und 
später die Engländer, mit unversöhnlichem Hals, der von Jahr- 
hundert zu Jahrhundert in heftige Kampfe ausbrach. Bis in die 
spätem Zeiten herab vertheidigten sie ihre politische und kirch- 
liche Selbständigkeit , und strebten nach der Oberherrschaft der 
Insel, die sie seit Kadvellader verloren hatten. 

(Der Betehluft folgt.) 

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1 • 



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N°. 5. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Greith: Spicilegium Vaticanum. 

(Be»cktuf:) 

, Ein Produkt dieses Hasses ist eigentlich die Prophezeihung 
des Walisers Jobann, die aus 139 leoninischen Versen besteht, 
und von unserm Verf., nebst dem Commentar, vollständig mit- 
getheilt ist. Sie , beginnt vom Erloschen des angelsächsischen 
Konigstarams mit dem Tode Eduard des Bekenners, 10 36, und 
endigt mit der Thronbesteigung Heinrichs II., 11 54, der die stör- 
rigen Waliser überwältigt und ihnen Gesetze giebt, auch Irland 
zum erstenmal völlig bezwingt und England unterwirft. Dessen 
ungeachtet brechen in den Schlufsversen die alten Hoflnungen 
wieder hervor. Armorika wird wieder in den Besitz des Diadems 
Ton Brutus und Brennus kommen, sobald die heiligen Gebeine 
Hadvalladers von St. Peter zu Rom , wo sie ruhen , nach Wales 
ubertragen seyn werden. Dann wird des Landes Hauptstadt Ve- 
nedotia sich mit goldenem Haupt erbeben, alte Heldenkraft wird 
die kambrische Jugend erfüllen, die Brittenstämme werden sich 
vereinigen , ihr Wollenkleid wird die zuchtige Hausfrau mit Pur- 
purgewand vertauschen ; vom Freudenlied ertönen dann die gras- 
reichen Thäler, alte Eichen erblühen in frischem Grün; Bergen 
gleich erheben sich Cambrias Fürsten zu den Wolken des Him- 
mels, erneuern des grofsen Brutus uralten Thron, steigen zu 
bohen Ehren , allem Volk in holden Tugenden voranglänzend ; 
und diese goldne Freiheit, dies paradiesische Weltalter, dauert 
4oo Jahre hindurch. 

Visionen. 68) Bedae presbyieri visiones de historia gentis 
Anglorum, cod. membr. 4. Cassan. D. III. 16., See. 9. Herr G. 
suchte vergebens dieses wichtige MS. in der Biblioteca Cassana- 
tense sopra Minerva zu Rom. Doch vermuthet er, dafs diese 
Visionen Bedas dieselben waren, die er in seiner angelsächsischen 
Geschichte giebt ; die Quelle aller spätem Dichtungen dieser Art. 
71) Fursaei et IVeliini Visiones, cod. membr. M. Gass. 140, See. 
11., in longobardischer Schrift jener Zeit. In den St. Galler MSS. 
heifst Wettin monachus aagiensis, d. h. von der Reichenau. 76) 
La vision du Tundal chevaler de Irrlande en Tan .... Christ. i5i4» 

XXXI. Jahrg. 1. Heft. 5 



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()(> Orcith . S pi ci 1 ogi u m \ »lticnnunv 

Der lat. Text dieser Vision erschie» sf**a zu Ende des 1 5. Jahr- 
hunderts in Köln unter folgendem Titel : Incipit libellus de raptu 
animae Tu ndali et ejus visione 9 tractans de poenis inf'erni et gau- 
diis paradisi , 4* 

An diese Visionen schliefsen sich die Sagen vom Purga- 
torium des heil. Patrick oder Patricius , die in einer 
Menge lateinischer und französischer MSS. der Vaticana zu lesen 
sind. Wir bemerken 8o) De S. Patricio Hybcrniae apostolo, cod. 
collect, foh, Christ. 1964. Tora J. 976. 83) De Putgatorio S. Pa- 
tricü, cod. membr. 13. Barher. «70, See. i3. Der Verfasser ist 
Gilbert , früher Mönch im Kloster Luden , dann .Abt zu Basinge- 
Wercch in Wales. Was das Purgatorium von St. Patrick be- 
trifft, so erzählt Peter Lombard, Archidtakon von Cambrai, in 
seinem Commentar zur Gesch. Irlands, er habe (um Jahr 1600), 
als er sich in Irland aufhielt, das Purg. aufgesucht, und dort in 
einer dunkeln Felshöhle viele Pilger angetroffen, die darin einige 
Zeit in Gebet und Bufsubungen zubrächten. Manche von ihnen 
befiele eine Art von Tempelschlaf, in welchem sie wundersame 
Gesiebte gehabt zu haben behaupteten. Das Ganze sey jedoch 
eigentlich eine Wallfahrt zu dem Heiligen, von der sich die Ir- 
lander nicht abbringen liefsen , trotz aller Bemühungen der eng- 
lischen Behörden, den Ort zu schliefsen. 

Minnelieder. 85) Petri Abailardi Plandus cum notis musi- 
calibus, in cod. membr. 8., Christ. 288, See. i3. Diese, noch 
ungedruckten, Planctus, an der Zahl 6, gehören zu den frühesten 
Minneliedcrn des MiTtelalters , und feiern unter den symbolischen 
Namen Abrahams und der Hagar, Jakobs und seiner Sohne, des 
Bräutigams und der Braut im Hohenliede, des Herrn und Israels, 
die unglückliche Liebe Abeillard's und Heloisens. Hier der An- 
fang des sten Stücks : 

Planctus Jacob super filiot suo*. 

Infelic«« filii 
Patre nati tniaero, 
Novo meo sceleri 
Talit datur ultio. 

Cujus est (lagitii . 
Tantum daiunüm paasio Y 
Quo peccato merui 
Hoc feriri gladio ? 

Joseph, deeat generis, 
Filiorum gloria, 



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Greith: Spioilogium Vaticanum «1 

De%oratu8 bestii« 

Morte mit peaaitna etc. 

» 

Die Musikaoten bestehen in Punkten aber den Worten, nach dem 
alten Notensystem. 

87) Cantilenac lingua gallica antiqua scriptae, vulgo ohansons. 
Cod. membr. Christ. 1490. 90) Carmen gall. „de pace* et alia 
amatoria , Christ, i384« tß) Alain Charretiere carmina de amore, 
idiomate gallico conscripta , cod. merabr. Vallicell. F. 79. 94) 
Le miroir des dames, e latino in gall. sermonem conversum in 
gratiam Johannae , Galliarum reginae , cod. membr . , Christ 4o3. 

Geistliche Lieder. 95) Hymnorum eccletiasticorum coU 
leclio antiqua, cod. membr. 8. Vatic. 7172, See. 9. feine wichtige 
Sammlung yon Kirchenliedern ans der Harolingcrzeit. Herr G. 
ward verhindert, sie naher za Untersachen, vermuthet aber man* 
ches Unbekannte darin. 101) S. Edmundi Cantuariensis arohiepis» 
copi (1340) psalterium beatae Mariae virginis , carminice, cod. 
membr. 8., Vatic. 47$7i See* 14* Das Breviarium eines englischen 
Minoriten , 260 Blätter, sehr zierlich in der gotbischen Minuskel 
gesehrieben , und mit Miniaturen und Arabesken verziert. Das 
psalt. ist , dem Verf. zufolge , schön und der Vergleichung mit 
den gleichartigen Dichtungen deutscher Meistersinger, dem Le- 
ben Mariens vom Bruder Werner, der goldnen Schmiede Honrads 
von Würaburg, dem Gedicht des Bruders Eberhard von Sex u. a., 
wc r 1 h. Es besteht aus 3 Gedichten , jedes von 5o Strophen. Das 
erste beginnt so: 

Ave virgo li<rnuin vitae. 
Qua* dediati fruetam vitae 
Sslati tideliutn; 
. . Gcaniati Christum Jeaum, 

Sed padoris non est laeauia « 
Ncc defluxit foliam. 

Noch verdienen folgende MSS. Erwähnung: 106) Epitaphia 
antiqua, quae in eccUsia $. Petri Romae quondam exlabani, cod. 
membr. 8.; Pal. 833, See. 9. Schon von Gruter benutzt. Prof. 
Sarti vergleicht diesen Cod. jetzt aufs neue zum Behuf einer 
neuen Ausgabe alter röm. Inschriften. 108) Pubiii Optaiiani pa* 
negrricus dicius Constantino imperatori, cod. membr. fol. , Christ. 
733. Ein sehr altes MS. in der römischen Lapidarschrift. 

Nach dieser allgemeinen Musterung vatikanischer Handschrif- 
ten gebt Herr G. so dem Gedicht Gregorius auf dem Stein 
über, das hier zum erstenmal vollständig (3 7 5* Verse) ans der 



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68 Greith: Spicilegium Vaticanum 

vatikanischen Handschrift, der ältesten von allen , erscheint. Schon 
oben, S. 5a — 56, hatte er die Vokal- und Konsonanten-Verhält- 
nisse sowie die graphischen Eigenheiten des MS. angeführt and 
beortheilt; über welchen Abschnitt wir uns nur Eine Bemerkung 
erlauben, die das Schwanken des Abschreibers zwischen a und e 
betrifft. Man findet baeide, baide, beide; laeit, leit; waeiz, 
waiz, weiz; dehaeiner, d eh einer; gemaeine, gemeine; raeise, 
reise u. dgl. , worin der Verf. ein Vorherrschen des a über das 
e zu erblicken glaubt, sowie das Gegentheil im armen Heinrich 
und im Iwein nach den Ausgaben von Grimm und Lachmann. 
Aber sollten Schreibungen , wie baeide, laeit, waeiz, nicht ebenso 
zu erklären seyn als ähnliche in lateinischen MSS. , wo man so 
ott das Richtige hinter das Falsche gesetzt findet, ohne dafs dies 
gestrichen oder punktirt wäre , weil der Abschreiber alle Lituren 
und Zeichen strafbarer Nachlässigkeit vermied? So enthalten auch 
vielleicht jene Worter Correctionen , indem der Copist das a, 
das ihm entschlüpft war, durch das danebengesetzte e verbes- 
serte, und das Vorherrschen des e im Heinrich und Iwein be- 
weist nur die gröTsere Achtsamkeit der Schreiber. Dafs aueb 
Schreibungen, wie baide, waiz, mit unterlaufen, zeigt die Ver- 
wandtschaft der Laute ai und ei , die auch heut zu Tage häufig 
verwechselt werden. 

In der Einleitung zum Gregor bezeichnet der Verf. Reli- 
gion und Heldenthum als die beiden Licht- und Schwerpunkte 
der deutschen Volksgeschichte. Er erwähnt die Schlacht- und 
Heldenlieder, deren Tacitus gedenkt ; die ritterlichen Minne- 
lieder, die unter Kaiser Friedrich I. an allen Häfen und auf 
allen Burgen Deutschlands ertönten wie zu Barcellona und in der 
Provence. Dann geht er über zur christlichen Epopee, welche 
zwei Äste trieb, den historischen und den mythischen. Der er- 
sten Richtung folgte Ottfried in seinem Christ, Heliand, das 
Wessobrunner Gebet, Rappert im Liede vom beil. Gal- 
lus, das Lied vom heil. Ano u. a. Die andre Gattung ist um- 
fassender, weil in sie der alte Volksglaube der Germanen sich 
rettete und selbst das christliche Princip durchdrang. Der Kern 
dieser christlichen Mythologie ist die Geschichte des Graals oder 
der geheimnifsvollen Schale, in die Joseph von Arimathäa, als 
er Christus Leichnam zu Grabe legt, das ewig fliefsende Blut 
sammelt und verschliefst. Er und sein Geschlecht warten des 
Heiligthums im Fortgange der Zeit ; fromme Helden , wie Parci- 
val, Titurel, Lohengrin, begleiten den Graal auf seiner Wände- 

• 



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Greith : Spieilegium Vaticanan». 69 

rang durch die Volker , and alle Schicksale , die das Christen- 
thum bestand , spiegeln sich in dem symbolischen Phantasma. Zu- 
gleich mit diesem Heldenthum erscheint das christlich -mythische 
Mönchtbum in Finten, dem Schuler des Patricius, St. Branden, 
Colomba, Columbanus, Gallus, Kilian, Bonifai und tausend An- 
dern ; and eine Mittclgattung zwischen beiden entwickelt sich in 
Gregor vom Stein und ahnlichen Dichtungen , in welchen die 
Heldenkraft nicht äusserlich bis ins Riesenhefte und Feenartige 
uberspannt erscheint, wie im Pseudoturpin , sondern in sich ge- 
kehrt, 'und nur die innern Feinde der Tugend und Seligkeit be- 
kämpfend. Wir müssen die Leser auf das Buch selbst verwei- 
sen, in welchem diese, Nuancen mit grofser Kenntnifs und Be- 
redtsarokeit dargestellt sind. Der Raum mahnt uns, bei Gregor 
stehn zu bleiben, in welchem sich eine wunderbare Mischung an- 
tiker und moderner Ideen von Schuld und Versöhnung zeigt. 
Denn die Blutschande, die den Grundstoff des Werkes bildet, 
findet sich auch in den Geschichten des Odipus und der Myrrha, 
and die deutsche Sage folgt hier, wie öfters, der altgriechischen ; 
desgleichen ist das , äusserlich gedachte , böse Princip der Schuld 
antik, und erinnert an die Genesis und das Buch lliob; aber die 
Büfsong der unverschuldeten Verbrechen, die Erhaltung, Heili- 
gung und überschwengliche Belohnung der reuevollen Sünder 
durch Gottes Wunderkraft, dies atbroet den Geist des Christen- 
thums, wie er sich im Mittelalter gebildet hatte. 

Ein König von Aquitanien (dem nachherigen Anjou und Gas- 
cogne) ermahnt auf dem Sterbebette seine Zwillingskinder, Sohn 
und Tochter, zu treuer Geschwisterliebe. Der Teufel verkehrt 
die reine Liebe in sträfliche Begier : der Bruder verfuhrt die 
Schwester, und sie gebiert heimlich einen Sohn. Jetzt, von Reue 
ergriffen, wallfahrtet der Sünder, nachdem er der Schwester die 
Regierung übergeben, nach dem heil. Grabe; allein frühzeitiger 
Tod rafft ihn anf fremder Erde dabin. Untcrdefs hat die junge 
Königin heünlich ihr Kind , köstlich gekleidet^ in einem Schiff- 
lein den Wogen der nahen See übergeben , wie die Sage von 
Moses and Perseus erzahlt. Eine elfenbeinerne Tafel verkündigt 
dem angewissen Finder die Geheimnisse seiner Geburt und seines 
Standes. Zwanzig Mark Goldes liegen dabei für den Erzieher. 
Sie selbst, ihre Schuld herzlich bereuend, entsagt aller Gemach, 
lichkeit des Lebens, unterwirft sich harten Büfsungen, übt gute 
Werke und beherrscht weise ihr Volk. Dem Knablein unter- 
windet sich Gott zur Hut: Wind und Weilen spülen es ans Ufer, 



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70 Greith : Spicilegtum Va tic.num 

wo Fischer es linden, und ein frommer Abt, der dazu kommt, 
es nach seinem Namen Gregorios tauft, und dann ihnen zur Er« 
ziehung bis zum 6ten Jahre ubergiebt. Nach Verlauf dieser Zeit 
wird es ins Kloster aufgenommen , in die Kutte eingekleidet und 
unterrichtet. Der Abt liebt den schönen Fürstensohn , dessen 
Gold und Kleinodien er treulich verwahrt. Alles verspricht dem 
Kinde dereinst ein gluckliche« Ordensleben. Aber der noch un- 
gelöste Fluch , der auf seinem Haupte lastet , reifst es fort in 
die Welt. Ein Zufall entdeckt ihm seine Geheimnisse, und be- 
festigt den Entschlufs, auf kriegerischen Irrfahrten Ehre und 
Glück zu suchen. Vergebens ermahnt der weise und wohlwol- 
lende Abt; endlich schlugt er ihn zum Kitter, stattet ihn Standes« 
ma'fsig aus , ubergiebt ihm die Tafel Und sein durch Zinsen ver- 
mehrtes Gold , und entläfst ihn traurig. Der Jungling besteigt 
eiii Schiff und überläfst sich, der göttlichen Vorsehung vertrauend, 
den Winden. Diese treiben ihn an der Mutter Land, um deren 
Hand bisher viele Fürsten umsonst warben* Der eifrigste von 
ihnen hat sie, erzürnt ob ihrer Weigerung, mit Krieg überzo- 
gen und belagert sie in ihrem letzten Zufluchtsort, der Haupt- 
stadt. Gregor besiegt ihn , befreit die Mutter, und erhält zur 
Belohnung ihre Hand. Jetzt verwickelt sich das grofse Drama 
immer furchtbarer. Zuerst erhält die Mutter Licht über ihr un- 
seliges Verhältnifs; dann auch Gregor. Aber, anstatt zu ver- 
zweifeln, richtet er die zagende Mutter auf. Er las in Büchern 
den Trost, dafs Gott für alle Missethat wahre Herzensreue zur 
Bufse annimmt. So beschlicfsen denn Beide strenge Abbüfsung 
ihrer Sünde , und trennen sich. Die Königin setzt ihre Lebens- 
weise mit verdoppelter Strenge fort ; ihr Sohn aber sucht und 
findet den einsamen Meerfelsen, an den angekettet er 17 Jahro 
lang den Himmel zum Dache hat und sein Leben nur mit einem 
Trunk Wasser fristet, das Tag für Tag in eine Vertiefung des 
Gesteins rinnt. Endlich ist das Maas der Büfsungen voll. Bei 
einer streitigen Pabstwahl (vielleicht ums Jahr io33 : m. s. den 
Verf. S. 157— i5q) regt Gott das romische Volk an, ihn auf zu- 
suchen, um ihm die dreifache Krone aufzusetzen. Nach vieler 
Mühe finden und überreden ihn die Boten ; er zieht mit ihnen 
gen Rom, bewährt unterwegs seine Heiligkeit durch Wunder, 
besteigt den päbstlichen Stuhl und regiert lange Zeit rühmlich 
die Christenheit. Von dem Hufe des grofsen Pabstes angezogen 
wallt endlich die greise Mutter zu ihm , beichtet ihre Sünde und 
licht Vergebung. Da erkennen sich beide wieder, und, von Gott 



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Greith t Spicilegium Vaticanum 11 

ÄDsammengeruhrt , verleben sie hinfort ungetrennt noch manches 
Jabr ia fortgesetzter Bufse and heiligem Wandel, der auch den 
BrwdergemahJ , auf dem die Hauptschuld ruht , den Eingang in 
dar wwige Freudenreich eröffnet 

Dies ist die Fabel des Gedichts, in welchem Hertmanns Styl, 
in der Milte zwischen der Pracht Wolframs von Eschenbach und 
dein leicht hinflutenden Bedestrom Gottfrieds Ton Strasburg, 

Wir enthalten uns, einzelne Stellen als Proben der gelunge- 
nen Darstellung auszuheben, da das Buch ohne Zweifel bald in 
Vieler Hände seyn wird. Aus demselben Grunde ubergehen wir 
auch die spatem MSS. , die Bearbeitungen dieser Geschichte io 
den Legendarten und die Übersetzungen in neuere Sprachen. Nur 
über den Dichter selbst, dann über Einzelnes, wo unsre Meinung 
Ton der des trefllichen Verfs. abweicht, erlauben wir uns noch 
ein Paar Worte. Was den ersten Punkt anbetrifft, so war man 
bisher uneinig über Hartmanns ron der Au Geschlechtsnamen und 
Vaterland. Erst neuerlich fand der grofse Kenner dieser Litera- 
tur, Baron von Lafsberg, im bchiUib«*ch der handschriftlichen 
Reicheoauer Chronik des Kaplans Gallus Oehem (1490)) unter 
Nr. 449 ein Wappen, das völlig mit dem Hartmann'schen im 
Pariser und Weingartner Codex übereinstimmt. Darüber steht 
der Name Westerspul, Stumpf (Chronik ßl. 101 , Ausgabe von 
16489 im 5tfen Buch vom Thurgau) hat dasselbe Wappen., und 
zeigt unweit des Einflusses der Thür in den Bhein, bei Andel- 
üngen, die Feste Wesperspubel , euch Wesperspül oder Wasser- 
spul genennt. Zugleich meldet sowohl er als die Reichenauer 
Chronik, wo der Name verschrieben scheint, dies Wappen sey 
dem rthurgauisChen k Geschlecht Wesperspubel oder Wesperspül 
(Wespera Bühel) eigen gewesen. Ferner sogen die erwähnten 
zwei Handschriften BWS dem i3. und 14. Jahrhundert : dies Wap- 
pen habe dem Sänger Hartmann von Aue angehört ; der Dichter 
nennt sich selbst im armen Heinrich , Vers 4, »Dienstmann (d. b. 
Lehentrager) zu Owe«, und das Reicbenauer Schild- und Wap. 
penbuch aus dem i5. Jahrb. setzt die von Westerspul unter die 
Dienstmannen von Owe. Also haben Hartmann und die von 
Wespcrspühel oder Westerspul einerlei Wappen und einerlei 
Lehenherrn gehabt, und sind darum auch einerlei Geschlechts 
gewesen. Der Ausdruck »dl Owe« (die Au) deutet aber auf eins 
der schwäbischen Kloster Reichenau , Weissenau und Mererau , 
wovon die zwei letzten weder reiche noch fürstliche Klöster wa- 



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72 Greith i Spicilegium Vaticanom. 

» 

ren; der Abt von Reichenau hingegen war Beichsfüret, hatte 
einen Lehenhof von mehr als 3oo Üienstmannen , und ( was der 
Sache den Ausschlag giebt) sein Kloster hiefs damals, sowie noch 
jetzt, im Munde des Volks vorzugsweise »die Aue«. Sonach 
kam wahrscheinlich Hartmann von Wesperspul in seiner Jugend, 
weil er Lehen von der Abtei Reichenau trug, in die äussere 
Schule dieses Klosters, und besuchte sie bis gegen 1300. Aus 
eigenem Antriebe, dem er folgen durfte, solange sein Lehnsherr 
keinen Krieg hatte, oder im Lehngefolge seines. Abtes Diethelm 
von Krenkingen, zog er nach Franken an den Hof der Hohen- 
staufen, und dort, oder schon fruherhin im Kloster, oder bei 
seinen Nachbarn von Hornheim, von Guotenberg, durch den 
Kurenberger oder in der Schule Walters von der Vogelweide, 
lernte er den Gesang. In Franken blieb er geraume Zeit, und 
diente einem Fürsten, dessen Tod er sehr beklagt, wohl dem 
Hohen statischen Konig Philipp, der sich oft in Wurzburg und 
Bamberg aufhielt und eine Menge schwäbischer Ritter um sich 
versammelte. Wahrscheinlich wenige Jahre nach dessen Tod 
nahm er das Kreuz zum 4ten Kreuzzuge im Jahr 1216; ob er 
ihn aber wirklich mitgemacht, und was ihm ferner begegnet seyn 
mag , davon findet sich keine Meldung. » Die Lebenszeit Hart- 
manns fallt zwischen n5o bis 1220; nach 1193 dichtete er die 
Lieder, hierauf den Erec, dann Iwein und den armen Heinrich. — 
Als Rudolf seinen heil. Wilhelm schrieb, lebten Härtmann und 
Gottfried nicht mehr. Zwischen beide setzt Rudolf den Wolfram 
von Eschenbach. Hartmann folgt auf Heinrich von Veldeck, der 
die Eneit spätestens 1190 beendigte; auf Gottfried folgt Bürger 
von Steinacb, dann Ulrich von Zetzighofen und Wirnt, und erst 
nach allen diesen der Freidank , der um 1229 dichtete.« So Hr. 
G. Seite 164 und i65. Den Gregor setzt derselbe in die Jugend» 
zeit des Dichters, als er von Liebe und Ritter rühm glübete und 
die Sprache noch nicht so in seiner Gewalt hatte als im Iwein. 
Die freie Schilderung der unerlaubten Liebe zu Anfang des Ge. 
dichts, und die begeisterte Stelle über die Rilterspiele und Turn« 
ubungen damaliger Zeit, verralhen den Jüngling. Daher auch 
wohl die anscheinende Vernachlässigung dieser Dichtung, deren 
weder, wenn wir uns recht besinnen, er selbst, noch ein gleich, 
zeiliger Dichter erwähnt. 

Dafs dennoch Gregor auf dem Stein, wie wir ihn hier lesen, 
zu den vorzüglichem Hervorbringungen des Mittelalters gehört, 
bemerkten wir schon oben, und Hr. G. hat sieb durch dessen 



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■ 



Greith i Spicilegiam Yaticanu ra 73 

Bekanntmachung den Dank aller Freunde des deutschen Alter* 
thums erworben. Auch die Art der Bekanntmachung , die Ge- 
nauigkeit des Abdrucks, die verständliche Interpunction , und die 
erläuternden Anmerkungen, die ein Glossar entbehrlich machen, 
verdienen Lob. Was die diplomatische Genauigkeit betrifft , sind 
wir nur über Eine Stelle des Gedichts ungewifs, nämlich über 
Vers 193 und 194, die durch Striche bezeichnet sind ohne Aus- 
kunft darüber in den Noten. Dies billigen wir nicht, sej es nun|, 
dafs die Stelle unlesbar war, was kaum zu vermuthen ist, oder 
dafs die Freiheit des Ausdrucks den Verf. bewbg, sie zu unter- 
drucken. In beiden Fällen war es am räthlichsten , treu und ohne 
Rückhalt zu geben, was die Handschrift bot. Freie Stellen sind 
ja auch sonst in diesen Dichtern nichts Unerhörtes. 

Von Einzelnem, was wir anders verstehn als der Verf., nur 
Dies. V. 24 1 : 

In geschah diu geawichc 

Von groxe heimliche, 
Heten ti der entwichen, 
So wacren ■! anbeawtchen. 

Hierzu die Anmerkung: 9 diu geswiche 9 deceptio, bei Otfried 
tuuichy desertio, IV« 12. 20. Der Sinn ist: hätten sie die Sache 
nicht so geheim halten wollen, so wären sie nicht so unselig an- 
geführt worden.« Aber heimliche ist hier nicht Geheimhaltung, 
sondern Vertraulichkeit. Das zeigt die nächstfolgende Stelle: • 

Nu si gewarnt daran 
Ein igrliche man, 
Daz er ■weater noh nictel •! 
Niht xe heimliche bt. 

wo Hr. G. selbst das Wort richtig fafst. V. 837: 

Unde wolden imx eniagt han, 
Unde haeten oach des wol getan, 
\\ an dax era wart innen. 

• 

»Und wollten s ihm verhehlen, Und hätten es auch wohl getban 
(d. b. sie hätten es auch wohl verhehlt), aber er ward es inne.« 
Der Verf.: »838. Besser wäre es gewesen, sie hätten dem Abte 
das Geheimnifs vorenthalten können , denn so wäre die weitere 
Ausbildung des Unglücks vielleicht unterblieben.« Ein Sinn, der 
schwerlich in den Worten liegen kann. V. 81 : 

Dax wil ich wixzen crede mich ! 

Der Vf.: v Cr e dem ich, so die Handschrift. Vielleicht rede-lich?« 
Nein, sondern Credemich ist Crede michi, d. b. mihi, Glaub' 
mir; eine Versicherungsformel des an Latein gewohnten Geist- 



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74 Bahr: Gesch. d. Rom. Literatur (ohrktl. rwii. Literatur.) 

i 

liehen , wodurch er seinen festen Entschlufs andeutet , die Sache 

au wissen. V. 3o3i : 

Einen stich an« huffslach 

Den ergriffen si dd. 
t Einen Steg ohne Hufschlag ergriffen sie da, « ohne Hufschlag, 
wo man lteine Spur eines Pferdehufs sah ; nicht ; » ane ors (ohne 
Pferd), d. i. zu Fufs,« wie der Verf. will. 

Kleine Unrichtigkeiten, wie Musaeura, Sybille, und Provin- 
zial worter wie Span für Streit, wird Hr. G. bei einer neuen 
Auflage leicht vermeiden. 

Honstanz. Dr. B 0 t h <?. 



Geschichte der Rumischen Literatur von Dr. Joh. Chr. Felis 
Bahr, Grofsh. Bad. Hofrath , ordentl. Professor und Oberbibliothekar 
an der Universität zu Heidelberg. Supplement band. Die ehr ist Ii c h- 
römitche Literatur. II. Abtheilung. Di* christlich - römische 
Theologie nebst einem Anhang über die Reehtsquellen. Carls- 
ruhe. Verlag der Chr. Fr. MüUer'schen Hofbuchhandlung. 1837. XVI 
und 503 & in gr. 8. 

Auch mit dem besondern Titel: 

Die christlich - römische Theologie , nebst einem- Anhang über die 
Rechtsquellen. Eine litcrär - hietorisc he Übersieht. Von Dr. /. 
Chr. FeL Bahr u. s. w. 

Durch das Erscheinen dieser zweiten Ahtheilung, die zu- 
gleich als ein eigenes, besonderes Werk unter dem besoodern, 
oben angegebenen Titel ausgegeben wird , erscheint die vom Ref. 
beabsichtigte literarhistorische Übersicht der christlich-römischen 
Literatur nach ihren beiden Abtheilungen geschlossen. Was die 
erste Abtbeilung enthält, ist seiner Zeit in diesen Jahrbüchern 
(Jhrg. i836. Nr. 46. p. 739 ff.) berichtet worden, Die vorliegende 
zweite Abtheilung, deren etwas verspätetes Erscheinen seinen 
naturlichen Grand in dem gröfseren Umlange der Arbeit und in 
den gröfseren Schwierigkeiten hat, die steh hier auf jedem Schritte 
darboten, und den fast durchweg herrschenden Mangel grundlu 
ober Vorarbeiten, welche die Bearbeitung des Einzelnen hatten 
erleichtern können, doppelt fühlbar machten, enthält die Über« 
sieht der theologischen Wissenschaften, wie sie in dem christ- 
lichen Rom gepflegt worden, von den ersten Anfängen im zwei- 
ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung an bis auf die Zeit Carls 
des Grofsen herab und den Beginn einer neuen Weltperiode und 
damit auch einer neuen , von der früheren wesentlich verschie- 



» 



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Hahr: Gtacb. d. R6in Literatur (chriatl. rüm. Literatur.) 75 

denen , geistigen Richtung. Da die übrigen Zweige christlicher 
Wissenschaft und Literatur in der eisten Abtheilung behandelt 
sind, ao wurde, der Vollständigkeit wegen, auf dais Nichts vor- 
mifst werde , was in diesen Zeitraum der christlich - römischen 
Literatur gehört, ein eigener Anhang beigefugt, der die einzelnen 
Erscheinungen im Gebiete des Hechts und der Gesetzgebung (so- 
weit dies nämlich nicht in den Kreta des eigentlich romischen 
Rechts oder der Justinianischen Gesetzgebung fällt) in ahnlicher 
Weise dargestellt, befaßt.' Der Vf. hat hier, was die Bearbei- 
tung des Details betrifft, ganz denselben Weg eingeschlagen , 
den er in der ersten Abtheilucg sowie früher in der Geschichte 
der (heidnisch-) römischen Literatur befolgt hatte $ er hat hier 
insbesondere , wo es die Behandlung einer theologischen Litera- 
tur galt , die man gewöhnlich mit dem Namen der Fat ris tili 
bezeichnet, sich stets au den literär-historisohen Standpunkt ge- 
halten und sich auf eine mehr öbjeotif e Darstellung beschrankt , 
die es möglich macht, das ganze Gebiet dieser Literatur nach 
seinen Leistungen vollständig zu uberschauen , und auch zugleich 
dem Theologen diejenigen einzelnen Data Und Nach Weisungen 
darbietet , deren er für seine theologischen Untersuchungen und 
Forschungen bedarf. Dagegen mufsten eigene Erörterungen über 
einzelne Glaubenslehren oder Sittenlehren , wie sie in den Schrif- 
ten, die den Gegenstand dieser Darstellung bilden , enthalten sind, 
wegfallen und selbst eine specielie Würdigung eben dieser Leb- 
reu von dem Standpunkt der neueren Philosophie und Theologie 
aus unterbleiben , Weil beides mehr in das Gebiet der dogmati- 
schen oder dogmeohistorischen Wissensehalten gefuhrt hätte, und 
der Verf. in dieser Beziehung sich darauf beschränken muhte, 
nur die nothigen Data und die erforderlichen Nachweisungen vor« 
zulegen , durch die jeder Einzelne in den Stand gesetzt ist, selbst 
solche Untersuchungen anzustellen. Das Bestreben des Vis. war 
vielmehr darauf gerichtet, alle einzelnen Erscheinungen, welche 
in diesem Kreise der Literatur uns entgegentreten, nach Inhalt 
wie nach Anlage und Charakter möglichst getreu und sorgfältig 
zu schildern , um daraus zugleich im Allgemeinen de« ganzen 
Entwicklung und Bildungsgang, den diese Literatur innerhalb 
der oben bemerkten Periode genommen hat , befriedigend darzu- 
stellen und so genau als möglich ihren Charakter nachzuweisen. 

Das ganze Gebiet dieser Literatur ist naeh drei Perioden un- 
terschieden , die dann ebenso viele Abschnitte dieser übersichtliehen 
Darstellung bilden. Der erste Abschnitt, d. i. die erste Periode, 



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?ff Bühr : Gesch. d Rom. Literatur (chriatl. röm. Li teratur.) 

» 

welche der Zeit nach bis auf Constantin den Grofsen reicht und 
somit ungefähr die drei ersten christlichen Jahrhunderte befafst, 
giebt eine Übersicht aller einzelnen in diesen Zeitraum fallenden 
Erscheinungen , und sucht zugleich in einigen, vorausgehenden 
Paragraphen im Allgemeinen den Charakter der in diesen Zeit- 
raum fallenden Literatur, den Gang, den sie in ihrer Bildung 
und Entwicklung genommen, die von aussen darauf einwirkenden 
und einen Einflufs hervorbringenden Ereignisse u. dg), m. zu be- 
zeichnen. Wir sehen hier die christliche Literatur in ihrer ersten 
Entwicklung mit einer vorherrschenden polemisch -apologetischen 
Richtung; von $.3 — 46 «nd die einzelnen Schriftsteller dieser 
Periode, insbesondere ein Tertul 1 ia nus , Minucius Felix, 
Cyprianus, Arnobius, Lactantius u. A. aufgeführt, wobei 
von ihrem Leben, ihren Schriften, die der Reihe nach cbarakte- 
risirt sind, von dem Geist und Charakter derselben möglichst 
genaue and vollständige Nachrichten gegeben werden und alle 
literarische Notizen, die als nothig betrachtet werden können, in 
möglichster Vollständigkeit beigefugt sind. 

Die zweite Periode oder das zweite Capitel umfafst die 
eigentliche Blüthezeit der christlichen Literatur, von dem be- 
merkten Zeitpunkte an, wo die erste Periode schliefst, bis an 
das Ende des fünften Jahrhunderts, obwohl, streng genommen, 
eigentlich schon um die Mitte dieses Jahrhunderts mit Leo dem 
Grofsen der Scblufs dieser Entwicklung der christlichen Lite- 
ratur anzunehmen ist, indem hier die christlich -theologische 
Wissenschaft in dem System der Glaubenslehre, das diese Pe- 
riode gebildet und das eigentlich den Mittel- und Glanzpunkt des 
Ganzen ausmacht, als abgeschlossen erscheint; und mit der völ- 
ligen Ausrottung des Heidenthums auch die äusseren Verbältnisse 
der Kirche, zumal im Kampfe mit Sekten und Häretikern jeder 
Art , als völlig ausgebildet hervortreten. Die Darstellung dieser 
Periode reicht von §. 47 an bis §. 174. Die gröfsere Ausführ- 
lichkeit erklärt sich hinreichend durch den grösseren Umfang die- 
ser Periode, wie durch den Reichthum des in ihr Geleisteten. 
Nach einer Einleitung, welche die äusseren Verhältnisse, unter 
denen sich diese Literatur entwickelte und bildete , sowie den 
inneren Charakter und das Wesen derselben bespricht (§. 47 — 
5a), folgen die einzelnen Schriftsteller , beginnend mit Firmicut 
Maternus, dessen Schrift der vorhergehenden Periode nicht mehr 
zugezählt werden konnte ; eine ausführlichere Darstellung ist dem 
Leben und den Schriften der grofsen Kirchenlehrer , welche in 



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Bahr: Gesch. d. rom. Literatur (chrittl. röm Literatur.) 77 

diese Periode gehören, gewidmet, insbesondere einem Hilarius 

(§. 54 — 60), Ambrosius (§. 70 — 79), Hieronymus (§. 81 
— 94), Rufinus (§. 95 — 98), ?or Allem aber einem Augusti- 
nus (§. io3— i35); an ihn reiht sich Pelagius ($. 1 36 — i38), 
und nach mehrern andern minder bedeutendem Schriftstellern 
folgen Cassianus (§. 146 — i5o), Leo der Grofse (§. 159 — 
162), Prosper (§. i63 — i65) u. A. bis auf FaustuS und ei- 
nige andere seiner Zeitgenossen herab. 

Die dritte Periode oder das dritte Capitel des Ganzen be- 
ginnt mit dem sechsten Jahrhundert ; sein Gegenstand ist die Zeit 
des Verfalls der christlichen Literatur und Wissenschaft, die mit 
dem Verfall des Reichs und der daraus hervorgebenden politi- 
schen Auflösung gleichen Schritt halt und uns eine grofsenthejls 
nur in Wiederholungen oder in Compilationen aus dem, was die 
frühere Zeit Gutes geliefert hatte, fruchtbare Literatur zeigt. 
Diese Verhältnisse sind in der Einleitung zu diesem Abschnitt 
($. 175 — 180) näher besprochen; dann folgen dia einzelnen 
Schriftsteller und deren Werke, in ähnlicher Weise behandelt, 
wie dies in den vorhergehenden Abschnitten geschehen war. Die 
Namen eines Fulgentiut (§. 184. i85), Cassiodorus ($. 188. 
189), vor Allen aber ein Gregor L ($. 197 — 203) treten hier 
besonders hervor; deren reiht sich fsidoros (§. 205 — 207) 
nebst einigen anderen kleineren Schriftstellern ; den Beschlufs 
macht Beda ($.214 — 217). Das Zeitalter Carls des Grofsen 
bildet, wie schon oben bemerkt, eigentlich den Endpunkt dieser 
dritten Periode und somit der ganzen Darstellung, insofern hier 
die Grenze liegt, wo die Auflösung der alten römischen Welt 
gewissermaßen vollendet und die Bildung einer neuen Welt ver- 
mittelt erscheint; das Nähere darüber s. $. 180 S. 4o3. Auffal- 
lend, aber nicht unerfreulich war es für den Vf., in dieser Ab- 
teilung und Anordnung des Stoffs ganz mit einem gelehrten 
Italiener zusammenzutreffen , dessen Schrift ( Delle letteratura 
negli XI primi sec. dell' era Christians; Lettere di Cesare Balbo 
al Amad. Peyron Torin. 1 836) ihm freilich nur aus einer in die- 
sen Tagen ihm zugekommenen Anzeige in der Bibliot Italian. 
. T. LXXXV. s. insbesondere p: 7 ff. bekannt ist. 

Der Anhang enthält die schon oben berührte Übersicht der 
Bechtsquellen dieser Zeitperiode (§.218—224), zur Vervollständi- 
gung des Ganzen. Es ist daher hier nach einer kurzen Einleitung 
das Wesentlichste über die Lex Salica, Ripuarr. Alamann. Bojuvarr. 
Burgund. Ifisigoth. Longobardd. nebst den Formull. Marculß und 



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18 Säuren: Kritik der Hainilton'schcn Methode. 

einigem Ähnlichen bemerkt worden , mit steter Anfuhrqng der 
hierher gehörigen Literatur. Der Verf., der such hier bemüht 
war, die. Resultate der neuesten Forschungen für seine Übersieht 
zu benutzen, verdankt der Gute eines gelehrten Freundes, de« 
Herrn Dr. Zöfl manche Berichtigungen und Verbesserungen des 
Einzelnen, sowie auch die Vervollständigung der einschlägigen 
Literatur, was mit ihm die Leser mit vielem Dank anerkennen 
werden. 

Dafs von der Verlagshandlung alles Mögliche für eine wür- 
dige äussere Ausstattung durch Druck und Papier u. s. w. ge- 
schehen ist, kann selbst ein oberflächlicher Blick in das Buch 
zur Genüge lehren. 

Chr. Bähr. 



Kurse Kritik der Hamilton* sehen Sprach -Lehrmethode, von Christian 
Schwarz , Prof. am Obergymnasium in Ulm. Stuttgart, Verlag der 
J. B. Metzler'schen Buchhandlung 1837. 83 S. gr. 8. 

Bei dem allgemeinen Bewegungssystem anserer Zeit, bei der 
grofsen Unsicherheit im Erziehungs- und Unterrichts wesen , wel- 
che durch die mancherlei Gegensätze und das Streben erzeugt 
wird , jedes Ziel möglichst bald zu erreichen und zugleich dem 
praktischen Leben mehr entgegen zu arbeiten , konnte es an Ver- 
suchen nicht fehlen, die oft mit marktschreierischem Gepränge 
angekündigten, hier und da im Einzelnen versuchten Methoden 
des Unterrichts von Jacotot und Hamilton in den Schulen 
einzuführen, nod in wenigen Jahren dasjenige bewirken zu 
wollen, was man nach der bisher üblichen Methode erst in der 
5. bis 6fachen Zeit zu Stande brachte und bringt. Wird das bei 
dem Bekanntmachen der Methoden gegebene Versprechen mit 
gleichem Erfolg für die wissenschaftliche Bildung und Kräftigung 
des Geistes gewonnen, was die alte Methode gewährt, so bat 
man freilich Recht, diese zu verlassen und jene neue allgemein 
einzuführen uod mit der Dampftheorie die bisherige Unterrichts- 
methodik gänzlich umzugestalten, also die neue Generation in ein 
freudiges Staunen zu versetzen, wie es durch Anwendung der 
Dampfmaschinen bereits der Fall war und täglich mehr geschieht, 
und nicht etwa einzelne, sondern alle darnach unterrichteten Men- 
schen zu General-Meistern in Allem, was Kunst und Wissenschaft 
heifst . zu bilden. 

% 

I 



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ocnwnrz . rvritiK ucr Fiamnion icncn irieinoac. 



79 



Wollte sich Man Deutschland von England, Frankreich , Bel- 
gien und selbst von Indien , wohin 2. B. die Wandermethode Ja« 
00 tote vorgedrungen ist, den Vorrang nicht ablaufen lassen, so 
mufste es eilen , sich mit ihr und der Hamilton'schen Metbode 
bekannt zu machen, and im Falle der ZwechmäTsigkeit sie in 
Haus and Schuten einzuführen, am nicht in der Allgemeinheit 
des Wissens hinter ihnen zurcksabteiben. Wirklich hat man sich 
bemüht, sie in öffentlichen Anstalten zu gebrauchen, will man 
sie selbst für die alten Sprachen in Ansprach nehmen, hat man 
sie von mehreren Seiten empfohlen und haben manche Manner. 
2. B. Hlampp, Kroger and Andere sie so verbreiten gesucht, 
woraus dem Verf. des vorliegenden Schriftchens die Desorgnifs 
erwachs, dieses Contagiam möge in wahlverwandtschaftlichem 
Gefolge des Zeitgeistes weiter um sich greifen und über eine 
ganze Generation unheilbares geistiges Siechtham verbreiten. Er 
wollte daher nicht mehr ruhiger Zuschauer einer an der schuld- 
losen Jugend der Mitwelt zu begehenden unverantwortlichen Sunde 
aevn , und machte sich an eine unbefangene Buurtbeilung der Me- 
thode, welche er dem Publikum übergiebt und mit edlem Eifer 
und Streben für die Verwahrung der vaterländischen , der deut- 
schen , Jugend überhaupt, vor grofser Gefahr unternommen hat. 

Ref. las die verschiedenen Berichte, besonders die Sehute- 
schrift Krögers : Über die neuen Methoden , fremde Sprachen zu 
lehren , welche Hamilton und Jacotot angeben und die Mitthci- 
lang derselben durch den Geh. Kirchenrath Schwarz in seinen 
Darstellungen aus dem Gebiete der Pädagogik, mit Aufmerksam- 
keit and einigem aus dem Beize der Neuheit entspringendem In- 
teresse, hegte aber für unsere niederen and höheren Schulen, 
besonders für Einführung der Methode in diesen keine Gefahr, 
weil er die Zahl der bedachtsamen Schulmänner Deutschlands ffir 
zu grofs halt , als dafs sie sich sollten bethoren lassen , einem 
unsicheren Phantome nachzuhängen und die falschen Principien, 
worauf sie beruht, als richtig anzuerkennen. Aus ihrem höchsten 
Principe » Naturgeraäfsheit « und aus der daraus abgeleiteten An- 
wendbarkeit auf alle Gegenstände menschlicher Erkenntnifs , wo- 
bei sie von der irrigen Ansicht ausgeht, »die Intelligenz sey in 
allen Menschen gleich«, fanden sich jene Männer bewogen, vor- 
zuglich die Hamilton'sche Metbode zu empfehlen. Ob sie das 
Wesen derselben genau and unbefangen prüften und ob sie bei 
sorgfältiger Beartheilung nicht eingesehen haben sollten, dafs 



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80 Schwmttt % Krtlik der Hamiltan'ichen Methode. 

• 

dieses neue System nicht einmal auf einem naturgemäfsen Ent- 
wicklungsgänge beruht, sondern einer regelmäfsigen and HelbsU 
bewufsten, in sich begründeten Sprachfertigkeit gerade entgegen 
ist; dafs es durch aufgenothigte Passivität die im zarten Knaben- 
alter sich regende Strebkraft eher entrückt, als erhöhet, den 
Zögling an nichts weniger als an eine bestimmte Sprachgesetz- 
mäfsigkeit, vielmehr an einen mechanischen Schlendrian gewöhnt 
und dessen Geist verwirrt, und dafs ihre Annahme der Gleich« 
heit der Intelligenz bei allen Menseben schon darum in ein Nichts 
zerfallt, weil das Geistige im Menschen nirgend als etwas für 
sich Gesondertes und durch sich aliein Wirkendes, sondern über* 
all als etwas durch das Körperliche mehr oder weniger Gebun- 
denes, also von dessen individueller Beschaffenheit Abhängiges 
erscheint, will dem Ref., der Krögers Darstellungen auf dem 
Gebiete der Pädagogik für meistens gehaltvoll halt, nicht klar 
einleuchten; ja er glaubt, dafs sie bei ruhiger Überlegung ihre 
ürtheile wesentlich roodificiren oder ganz zurücknehmen. 

Gerade die Worte, welche Kroger in seiner Schutzschrift 
gebraucht, um das Verderbliche mancher Erziehuogs- und üo- 
terrichtssysteme zu bezeichnen , beruhigten den Ref. um so mehr, 
als der verewigte Altvater der Pädagogik und Didaktik, Herr 
Geh. KR. Schwarz, nach der Mittheilung der Kroger'schen Dar- 
stellung die Bemerkung beifügt: sie stelle jene Methoden von 
Hamilton und Jacotot, vornehmlich die des Ersteren, in ein gün- ; 
stigeres Licht, als sie dem Unterzeichneten erscheint, der ihr, 
zwar einen verbessernden Einilufs auf die hergebrachte schlechte ^ 
Methode in England zutraut, aber kaum etwas mehr Bestehen, 
als der seltsamen Jaco tot/sehen. Sie sieht als naturgemäfs aus, 
aber nicht lange kann der Schein das wahrhaft Naturgemäfse 
uberscheinen.« 

(Der Betchluf folgt.) 



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N*. 6. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

g—gBgBBs— — >— W imms aeaa— 

Schwans: Kritik der Hamilton' sehen Methode. 

(Bccklufß.) 

Von dieser Wahrheit war Ref. schon damals, wo ihm diese 
Bemerkung zu Gesicht kam, vollkommen überzeugt, allein die 
vorliegende Kritik geht noch tiefer in das Wesen des neuen Sy- 
stems ein, indem sie die Frage Krögers an die Spitze stellt: »Ob 
nicht unbeschadet der Gründlichkeit des philologischen Studiums 
die Jugend zu demselben Ziele in kürzerer Zeit gefuhrt weiden 
könne ; ob nicht vielleicht die gewöhnliche Unterrichtsweise ein 
Umweg sey , der eben die Schuld jener Zeitverschwendung und 
der Hindernisse , welche der Erreichung des Zieles entgegenste- 
hen , trage, und ob nicht auf einem näheren natürlicheren Wege 
jene Zeit erspart und diese Hindernisse weggeräumt werden kön- 
nen ?« und den Beginn der Beantwortung voranstellt: »Nach dem 
alten gewöhnlichen Gange des Sprachunterrichts, der, so viele 
ruhmliche Ausnahmen es auch davon geben mag, noch vielfach 
betreten wird, giebt man dem Schuler eine Grammatik in die 
Hand, la'fst ihn Vocabeln , Declinationen , Conjugationen , Regeln 
(wohl gar sogleich mit einer Monge von Ausnahmen, welche die 
Regeln umzustofsen scheinen) auswendig lernen, (Übersetzungen 
und Ausarbeitungen machen etc. und nach 7 bis 8 Jahren a 1000 
Sprachstanden, die ihm unsäglichen Jammer bereiten, hat er ei- 
nige Elementarbucher und zwei, drei oder vier Schriftsteller 
fragmentarisch gelesen, ist oft nicht im Stande, einen Aufsatz 
fehlerfrei , geschweige zierlich in die fremde Sprache zu über- 
setzen , einen Historiker oder leichten Dichter ohne Schwierigkeit 
zo lesen , und bat für die Kenntnifs der Yorzeit wenig oder gar 
nichts gewonnen. € 

Nachdem der Vf. diese Darstellung in ihrer BlÖfse veröffent- 
licht und aus dem Erlernen der einfachsten Bestandteile der 
Sprache als gehaltlos nachgewiesen hat, hebt er- noch neue be- 
sondere Punkte der Empfehlung der Harailfon'schen Methode 
heraus, geht dieselben nach ihren einzelnen Sätzen mit Umsicht, 
Klarheit und Scharfsinn durch, zeigt bei jeder einzelnen Behaup- 
tung oder jeder einzelnen Meinung das Unrichtige, Gehaltlose y 
XXXI.' Jahrg. 1. Heft. 6 



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I 



82 Schwan : Kritik der HamUttn'tchen Methode. • j 

oder die Übertreibung und die Unkenntnis des Empfehlers in 
der Kenntnifs des Inhalts, der Form und Literatur der Sprache, 
schlägt häufig den Gegner mit seinen eignen Waffen aus dem 
Felde enthüllt die mancherlei Täuschungen und Inconsequeozeo, 
die Schein- und Trug« äffen , die öfteren Selbsttäuschungen und 
kari ikaturartigen Verzerrungen der Sprache, und fügt dem zehn- 
ten Punkte , der in fünf besonderen Behauptungen die wesent- 
lichsten Vorzuge der sogenannten Hamilton'schen Analysis be- 
zeichnen soll , ebenso sachgemäße als treflliche Grunde gegen 
dieselbe bei, woraus zur Genüge hervorgeht, dafs dieselbe mit 
dem wichtigsten Zwecke der philologischen Grundbildung, mit 
dem formellen, im strengsten Widerspruche steht. 

Da Kröger die verschiedenen Lehrbücher von Tafel, worin 
die Hamiltonsche Methode befolgt und ins Leben gerufen ist, 
öfters anführt , so gebraucht der Verf. gerade aus ihnen Beispiele 
zu widerlegenden Beweisen und hebt dann noch den Hauptan- 
stofs, welchen die bisherige Methode den Hamiltonisten gegeben 
und den eigentlichen Streitpunkt in dem Umstände, dafs die ma- 
terielle Ausbeute, welche jene gewahre, bei weitem nicht befrie- 
digend sey und in keinem Verhältnisse zu dem grofsen Zeitauf- 
wande stehe, aus den verschiedenen Vorreden der Tafeischen 
Lehrbücher mit ihrer marktschreierischen Gehaltlosigkeit' hervor; 
wobei er unter andern nachweist, dafs die durch geiststählende 
Methode zu gewinnende Form in den Gesetzen des Denkens be- 
steht und durch ein loses Stückwerk des Materials durchaus nicht 
gewonnen werden kann ; dafs , was die Mathematik durch ihren 
streng formalen Zusammenhang in der Gemessenheit ihres Vor* 
schreit ens , durch ihre bildende ( ordnende und streng disciplini- 
rende Kraft für den jugendlichen Geist zur späteren Aufnahme, 
Verarbeitung und Assimiiirung neuer und höherer Erkenntnisse 
rar Zahlen, und Gröfsenverbältnisse ist, die Sprache für die in- 
nere Welt des Menschen , für das unerschöpfliche und unbegrenzte 
Reich der intellektuellen Entwicklung ist. 

Er erörtert auch die großartige Idee, dafs, sowie Sprache 
und Mathematik je ihre eigentümliche Formenwelt repräsentiren, 
beide vereint die Gesammtheit der abstrakten Denkthätigkeit in 
ihren wichtigsten Bichtangen systematisch darstellen, und eben 
darum die erste und notwendigste Grundlage der Befähigung 
und Kräftigung des Geistes zu weiteren Bildungen, zur Aufnahme 
wissenschaftlicher Wahrheiten sind. Sein Vergleich zwischen zwei 
Universitäts • Candidaten , deren einer mehr als je ein Dutzend 
griechischer und römischer "Klassiker durchgelesen , bei mündlicher 
Prüfung mit täuschender Hardiesse sich benommen, den Sinn des 
Textes instinktartig errathen und die gemeine Bedeutung der 
Wörter gekannt habe u. s. w.; der andere aber wenige Klassiker 
in jeder Beziehung tüchtig durchstudirt habe u. s. w. zeigt vor- 
züglich das Verderbliche jedes Mechanismus, der Passivität des 
Geistes, des ballastartigen Wissens, und führt ihn zu noch eini- 
gen weiteren Bemerkungen über den extensiv -materiellen Zweck 



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Schwan: Kritik der Hamilton sehen Methode. 



der altlilassischen Grundbildung , im Gegensatze der formellen 
Richtung. Er verkennt die nachteiligen Folgen einer unvcrhält- 
nifsmäfsig uberwiegenden formellen Bildung , jene Einseitigheit 
der geistigen Interessen, jene Magerkeit, Steifheit und Schroff- 
heit ebenso wenig, als die noch nachteiligeren des Gegentbeils, 

i'ene Übersättigung 4 jenen chaotischen Ballast, jene truthahnähn- 
iche Aulblähuug und naseweise Überklugheit und Verkehrtheit 
im Zwecke der Erlernung und prüft das Frincip. » Der Haupt, 
zweck des philologischen Unterrichts ist am Ende das Verstehen 
der alten Schriftsteller und die Fertigkeit im Lesen derselben; 
darum werde der Exposition so wenig Zeit alt möglich durch 
grammatische und Compositionsübungen entzogen.« 

Er greift in dieser Forderung besondert die Folgerung an, 
vertheidigt gegen Klumpp und diese Vernachlässigung der Com- 
positionsübungen diese als eine praktische Philosophie des Den- 
kens ; erörtert die bildende Kraft des Lateinschreibens; führt 
Gründe für das verderbliche, cursorische, Flüchtigkeit und Ober- 
flächlichkeit erzeugende Behandeln der alten Klassiker an, und 
verlangt doch, dafs die Gedächtnisübungen desto strenger und 
regelmässiger betrieben , namentlich dafs die grammatischen Re- 
geln mit diplomatischer Genauigkeit dem Gedachtnisse eingeprägt 
und die exponirten Abschnitte , sowie in der Compositum die 
MusterüberseXzungen nach gründlicher Erklärung wenigstens bis 
zum i5. oder löten Jahre auswendig gelernt und angehört wer- 
den, — das Einzige, was er von einer Hamilton'schen und Jaco- 
tot'schen Methode adoptirt wissen will. Bis zu einer gewissen 
Grenze getrieben mag diese Ansicht viel Gutes, durch Überschrei- 
ten derselben aber noch mehr Nachtheiliges für die Entwicklung 
des Verstandes haben , welcher weder gedrungene und concen- 
trirte, noch gediegene und wirksame Kraft erhält durchwein oft 
gedankenloses Memoriren. Hierin kann Ref. dem Verf. nicht un- 
bedingt beistimmen, so gediegen er dessen Darstellungen findet 
und so sehr er sie dem Nachlesen empfiehlt. Das Äussere der 
Schrift ist sehr elegant. 

II e Ute r. 




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84 



ÜBERSICHTEN und KURZE ANZEIGEN. 



PHYSIKALISCHE LITERATUR. 



Die Zabl der neuen, in das Gebiet der Physik gehörigen, 
Werke fangt an sich zu vermindern , nicht wegen geringeren 
Fleifses der Männer, welche diese Wissenschaft bearbeiten, son- 
dern weil man sich scheuet, das oft Gesagte unter veränderter 
Gestalt wieder zu geben, und weil die Sucht, neue Theorieen 
aufzustellen, glucklicher Weise aufgehört hat. Dagegen sind die 
meisten Gelehrten ernstlich bemuhet, die einzelnen Thatsachen 
genauer auszumitteln, und die früher nur oberflächlich erkannten 
zu revidiren, um sie nach schärferer Bestimmung unter allgemeine 
Gesetze zu bringen. Hierzu geboren Versuche, mühsame und 
schwierige, welche Zeit und Anstrengung erfordern, und deren 
Resultate sich nicht blos für kurze Abhandlungen eignen, son- 
dern auch eine baldige Bekanntmachung in Zeitschriften erfor- 
dern , wo man daher fast den grofsern Theü der neuesten Er- 
weiterungen der Wissenschaften findet. Weit gefehlt , diesen ver- 
änderten Zustand als eine Verschlimmerung zu betrachten , mufs 
er vielmehr als eine Verbesserung erscheinen , denn die Wissen- 
schaft wird durch einzelne wohlbegründete Thatsachen wirklich 
bereichert, und man rückt dem gewünschten Ziele stets näher, 
die eigentlichen Gesetze der Natur genau und bestimmt festzu- 
stellen. Inzwischen sind ausser den vielen gehaltvollen Abhand- 
lungen in Zeitschriften , die zu berücksichtigen der Raum unserer 
Blätter nicht gestattet, einige werth volle Producte der neuesten 
Literatur erschienen, won denen Ref. eine kurze Rechenschaft zu 
geben beabsichtigt. 

Zuvörderst wird es sicher nicht ohne Interesse seyn , zu er- 
fahren, dafs so eben die 3te Abtb. des 6ten Bandes von dem 
neuen physikalischen Wtirterbuche erschienen und damit 
die bisher bestandene Lücke aasgefüllt ist. Auch diese Abthei- 
lung ist, wegen der Fülle der abzuhandelnden Gegenstände, zu 
einem grofsen Umfange angewachsen, weil die weitläufigen Ar- 
tikel Meer, Meteorologie, Meteorsteine, Mikroskop, Mond u. a. 
sich der Natur der Sache nach nicht kurz zusammendrängen Hes- 
sen , ohne mangelhaft zu seyn , und zudem bot sich hier eine 
schickliche Gelegenheit dar, die Nachträge zu einigen wichtigen 
früheren Artikeln, als Atmosphäre, Barometer, Nebel, Regen u. 
s. w. einzuschalten , damit das Werk bei seiner Beendigung so 
vollständig, wie dieses erreichbar ist, seyn möge , ohne eines 



Band bereits in den Händen des Publikums sind, so darf die Be- 
endigung des Ganzen bald erwartet werden, denn der Druck des 
IX. ßds., welcher die Buchstaben T, ü und V in einer einzigen 



lästi 





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Phyaikalitche Literatur. 



85 



Äbtheilang enthalten soll, ist bereits angefangen , so da Ts vielleicht 
in diesem Jahre schon der Anfang mit dem X. und letzten ge- 
macht werden kann, an welchen sich die unentbehrlichen Regi- 
ster sofort anschliefsen sollen. 

Jahrbuch für 1836, herausgegeben von H. C. Schumacher , mit Beiträgen 
von Berzetiue, Beuel, Gau/s, Moser, Olbere und Paucker. 
Stuttgart u. Tüb. 183«. XVI u. 254 & 8. neb$t einer Kupfertafel 
Dasselbe für 1837 mit Beiträgen tun Hessel, Hansen, A. v. Hum- 
boldt, Moeer, Olbere und Paucker. Stuttg. u. Tüb. 1837. Vil 
und 282 S. 8. mit einer Steindruektafet. 

Wir müssen dieses Jahrbuch zur physikalischen Literatur 
rechnen, obgleich die astronomische Ephemeride zunächst einem 
anderen wissenschaftlichen Zweige anzugehören scheint und die 
Mehrzahl der Mitarbeiter zu den berühmtesten Astronomen der 
jetzigen Zeit gehören. Inzwischen enthält die Ephemeride nicht 
mehr, als auch dem blofsen Physiker zu wissen unentbehrlich ist, 
und den grofsten Theil des Werkes bilden höchst gediegene Ab- 
handlangen, welche eben wie die angehängten Tabellen gerade 
dasjenige enthalten , worin die Physik und Astronomie zusammen- 
treffen. Da hierdurch der Inhalt im Allgemeinen schon bezeich- 
net ist, -eine vollständige Angabe des Einzelnen aber zu viel Baum 
erfordern wurde , so möge es genügen , einige Abhandlungen von 
vorzüglichem Interesse namhaft anzuführen. Dabin gehören im 
ersten Jahrgange die Untersuchungen über den tellurischen Mag- 
netismus von G aufs, nebst einer Beschreibung des von diesem 
so sinnreich construirten Magnetometers, dann die Ideen zu einer 
bisher nicht beachteten, bei der Hervorbringung organischer Ver- 
bindungen in der lebenden Natur mitwirkenden Kraft Ton Ber- 
zelius, und die Nacbweisung des russischen Malssystems von 
Paucker, ein Auszug aus dessen gewifo nur in wenigen Händen 
befindlichen grofsen Werke über diesen Gegenstand. Im zweiten 
Jahrgange dürfte die Abhandlung über den Ursprung der Meteor- 
steine von Olbers die Aufmerksamkeit am meisten erregen, da 
so viele Gelehrte sich bei der Ableitung derselben aus dem Monde 
auf die Autorität dieses berühmten Astronomen beziehen, welcher 
jedoch jetzt bestimmt erklärt, was auch andere früher in seiner 
Darstellung dieses merkwürdigen Phänomens gefunden hatten, 
dafs er nur von der Möglichkeit grofser Wurfkräfte auf dem Tra- 
banten der Erde, nicht aber von der Wahrscheinlichkeit geredet 
habe, dafs vulkanische Auswürflinge von dort die Erde erreichen 
könnten , die vielmehr so gering ist, dafs man mit Grund hierauf 
nie eine Hypothese hätte gründen sollen. Die neuesten Ersehet, 
nungen haben jetzt für Chladni's Ansicht entschieden, wonach 
sie kosmischen Ursprungs sind; in einem Nachtrage weiset aber 
Olbers zu rechter Zeit die unhaltbare Hypothese von Biot 
zurück , wonach sie zugleich mit dem Zodiacal-Lichte Bruchstücke 
einer um die Sonne kreisenden planetarischen Masse seyo sollen, 



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86 l'hysikalitchc Literatur. 

eine Erklärung, die wegen der grofsen Autorität ihres Urhebers 
leicht Beifall finden und von manchen minder sachkundigen Na* 
torforschern nachgesprochen werden konnte. Nützlich wird es 
immerhin sevn , die Perioden häufiger Sternschnuppen zu beach- 
ten und bebannt zu machen , um bestimmter darüber zu entschei- 
den , ob die Tage vom 11. bis i3ten Nov. allein sich hierdurch 
auszeichnen, oder ob es noch andere dergleichen giebt, und in 
welchen Abständen sie von einander stehen; denn wenn auch ihr 
kosmischer Ursprung im Allgemeinen als ausgemacht erscheint, 
so ist doch damit die eigentliche Art ihrer Bildung und Existenz 
noch keineswegs aufgefunden. Die angehängten Tabellen bezie- 
ben sich hauptsächlich auf das Höhenmessen mit dem Barometer, 
die Correctionen der Quecksilbersäule im Barometer und die Re- 
duktionen der englischen und französischen Mafse. 

Tatorte mathtmatique de la Chaleur ; par 8. D. Poitton cet. Paria 1835 

532 & 4. mit einer Kupfertafel. 

Dieses Werk hat in seiner Anordnung grofse Ähnlichkeit mit 
dem bekannten von Fourier. Nach einigen vorläufigen Bestim- 
mungen über das Verhalten der Wärme im Allgemeinen wird 
über die strahlende Wärme gehandelt, sowie über die Gesetze 
ihrer Abgabe und Aufnahme oder ihre Bewegungen auf der Ober- 
fläche und im Innern der Körper von verschiedenen Formen und 
Zusammensetzungen. Es folgt dann eine weitläuftige Digression 
über die Mittel der Integration derjenigen Gleichungen , wodurch 
die eben angegebenen Gesetze ausgedrückt werden, und hieran 
schliefen sich die Untersuchungen über die Wärme unserer Erde 
und die Veränderungen derselben. Dieser 1 heil dürfte wohl von 
allgemeinstem Interesse seyn, schwerlich aber wird die Hypothese 
Eingang finden, wonach die Erde nicht ihre ursprüngliche Wärme, 
mindestens zum grofsen Tbeile , unter ihrer erkalteten Kruste 
bewahrt, sondern bereits völlig erkaltet seyn, und die im Innern 
noch factisch vorhandene Hitze aus gewissen Begionen des Him- 
melsraumes, durch welche sie sich bewegt hat, wieder aufge- 
nommen haben soll. Es ist unmöglich, bei einem so schwierigen 
Probleme hier ins Einzelne einzugchen, allein gegen zu kühne 
Folgerungen kann Poisson's Argument allerdings gelten, dafs 
bei einer constanten so raschen Zunahme der Wärme nach dem 
Innern, als die Versuche andeuten, im Centrum der Erde not- 
wendig Gasgestalt vorhanden seyn müfste. Minder gewichtig 
scheint uns der Schlufs, dafs bei einer von Aussen beginnenden 
Erkaltung die erstarrten Theile hätten niedersinken müssen;* denn 
es fragt sich immer, wie dünnflüssig die Erde ursprünglich war, 
um ihre regelmäfsige Figur anzunehmen , und ausserdem konnte 
die Erkaltung der ganzen Kiuste, wie einer ins Wasser gewor- 
fenen Glasmasse, so plötzlich erfolgen, dafs dadurch dem Nieder- 
sinken einzelner erkalteter Tbeile vorgebaut war. Man wird sich 
bei dieser, auf so wenigen feit begründeten Thatsachen beruhen- 



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t 



Hij.ikf»h.che Literatur. 9? 

den , Aufgabe stets im Bereiche der Hypothesen befinden , «Joch 
irt es interessant, zu sehen, wie genau sich die allgemeinen For- 
meln Gber das Verhalten der Wärme auf einzelne Erscheinungen 
anwenden lassen. Ein vorzüglicher Werth des Werkes beruhet, - 
wie sich leicht erwarten laTst , auf der Eleganz des Calcül* , der 
den gröfsten Theil desselben ausmacht. 

f 

Tratte experi mental de V RlectriciU et du Magnitisme , et de fear» rapports 
avee les pheltomenee natureh } par M Ree qua et , de VAcademie de§ 
Sciences de l'lnttitut de France etc. Tom. I. Par. 1834. 5fi3 tf. T II. 
ib. 1834 51? S. mit 6 Kupfertafeln. T. III. ib. 1835. 450 S. mit 6 
Tafeln T. IV. ib. 1836. 838 S. mit 8 Taf. T. V. Abt*>. 1. ib. 1887. 

316 S. mit 2 Tafeln. 

' *» 

Dieses ausführliche Werk über einen der wichtigsten Tbeile 
der physikalischen Wissenschaften wird und darf nicht unbeach- 
tet bleiben, und Ref. theilt daher eine kurze Anzeige seines In- 
halts mit, obgleich es noch nicht ganz beendigt ist. Der be- 
kannte Verf. gebort unter die Zahl der fleißigsten Bearbeiter der 
.Elektricitätslehre , er hat seit fielen Jahren eine Menge eigener 
Untersuchungen aus diesem Gebiete in mehreren gediegenen Ab- 
bandlungen bekannt gemacht, und begegnet gewifs den Wünschen 
der meisten, wo nicht aller, Physiker durch eine möglichst voll- 
Ständige Zusammenstellung des Ganzen. DaCs hiernach ein Werk 
ton bedeutend grofsem Umfange hervorgehen mufste , war vor- 
auszusehen, jedoch wäre an Raum beträchtlich gespart worden, 
wenn der Verf. sich bemüht hätte , minder weitläuftig und ins 
Einzelne gehend zu beschreiben und zu erzählen. Ref. beschränkt 
sich auf eine Bezeichnung des wesentlichsten Inhalts. 

Der erste Band enthält Literatur und Geschichte der Eleh- 
tricität und des Magnetismus, namentlich zuerst ein Verzeichnis 
der vorzuglicheren Abbandlungen in den bekanntesten deutschen, 
englischen und franzosischen Zeitschriften über diese Gegenstände 
aut 32 Seiten, wonach also die zahlreichen Monographiecn fehlen, 
und die Literatur auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen 
kann. Hierauf folgt die Geschichte dieser Wissenschaften , die 
ohne Widerrede eine fühlbare Lücke ausfüllt, da das seiner Zeit 
so verdienstvolle Werk von Pries tley für den jetzigen Stand- 
punkt der Sachen durchaus nicht mehr genügt. Der Verf. un- 
terscheidet drei Perioden , die erste von 6oo vor Chr. G. bis zum 
Jahre 1790, wofür zwei Capitel, eins über Reibungselektricität, 
das andere über Magnetismus, bestimmt sind. Die erste Ent- 
deckung elektrischer Anziehungen des Bernsteins fällt in die Zei- 
ten des Thaies ven Milet, und es wird auch hier, wie gewöhn- 
lich , angenommen , dafs die Bezeichnung: Elehtricität, von 
jjfAcxTooy abstamme, obgleich nach Dahlmann 's Untersuchungen 
umgekehrt ^Xmxoov wegen der Kraft der elektrischen Anziehung 
von tXxtiv seinen Namen erhalten hat. Unter den ersten Ent- 
deckern der atmosphärischen Elektricität vermifst der Deutsche 



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Physikalische Literatur. 



ungern den Namen Win kl er. Die erste Entdeckung der magne- 
tischen Anziehung verliert sich im Dunkel der fabelhaften Zeit, 
nnd ebenso dürfte es schwer seyn , die Periode, in welcher die 
magnetische Deklination zuerst wahrgenommen wurde, genau auf- 
zufinden. Im vorliegenden Werke werden die in die erste Pe- 
riode fallenden Untersuchungen über den Magnetismus nur sehr 
kurz abgehandelt. 

Die zweite Periode geht von 1790 bis 1820, und begreift die 
im ersten Capitel abgehandelten Erscheinungen und Gesetze der 
Yolta'schen Säule, so wie die in einem zweiten Capitel zusam- 
mengestellten Untersuchungen über den tellurischen Magnetismus, 
die ersten Entdeckungen seiner ungleichen Stärke an verschiede- 
nen Punkten der Erdoberfläche, sowie der täglichen Variationen 
der Deklination. In diese fallen demnach die ersten Riesenschritte 
im Gebiete der Physik, die vorausgehen mufsten, um zu den be- 
wundernswert hen , allgemeines Erstaunen erregenden, und früher 
durch die kühnste Phantasie nicht zu ahndenden, Resultaten zu 
gelangen, welche in diesem Augenblicke die physikalische Welt 
beschäftigen. Für diejenigen, deren erste Bekanntschaft mit der 
Physik in den A.nfang dieser Periode fällt, ist es ein hoher Ge- 
nuas , in der hier gegebenen Übersicht der allmälig fortschreiten- 
den Entdeckungen eine Wiederholung dessen im Zusammenhange 
zu finden, was früher einzeln vorübergehend ihr höchstes Inter- 
esse erregte. Dahin gebort der Kampf Volta's für seine Theo- 
rie des Galvanismus, die Bemühungen um den Beweis der Gleich- 
heit der Reibungs-Elehtricität, und der durch die verschiedenen 
Säulen erzeugten, und vorzüglich' die glänzenden Resultate Da- 
vy's mit seinen Riesen-Apparaten. AI. v. Humbodt that gleich 
im Anfange viel für den neuentdeckten Galvanismus , allein durch 
seine Reisen an der Fortsetzung dieser Untersuchungen gehindert 
leistete er desto mehr im Gebiete des tellurischen Magnetismus, 
namentlich durch Auffindung der Thatsache der nach den Polen 
hin wachsenden magnetischen Intensität Kaum schien den Phy- 
sikern einiger Stillstand nach so angestrengten , aber auch reich- 
lich belohnten, Bemühungen gegönnt, als seit 1830 Oersted's 
Gber alles wichtige Entdeckung ein neues Feld eröffnete, und zu 
neubelebter Thätigkcit ermunterte. Dafs nach aufgefundener Er- 
zeugung des Magnetismus durch Elektricität auch eine umgekehrte - 
Wirkung stattfinden müsse, ahndeten viele, allein auf keine Weise 
durfte man erwarten, dafs schon nach zehn Jahren Karaday's 
. Beharrlichkeit im Experimentiren, vereint mit Scharfsinn in Be- 
nutzung des Wahrgenommenen , das grofse Räthsel läsen , und 
die KenntniPs des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Elektrici- 
tät und Magnetismus auf diejenige Stufe erheben sollte, die In 
der dritten Periode von 1820 bis i834 geschildert wird. Auch 
diesem Abschnitte sind zwei Capitel gewidmet, deren erstes den 
Elektromagnetismus und Thermomagnetisrnus , die Theorieen über 
den eigentlichen Ursprung der Contact-Elektricitat , die Untersu- 
chungen über atmosphärische Elektricität, sowie überhaupt die 



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Physikalische Literatur. 



fortgesetzten Forschungen in diesem Gebiete der Wissenschaft, 
das zweite aber die theoretischen Untersuchungen , namentlich 
Poisson's, über den Magnetismus and die zahlreichen Experi- 
mente, die in diese Periode fallen, über die Magnetisirung des 
weichen Eisens durch spiralförmig gewundene Rheophore und das 
"Verhalten der Magnetnadel an den verschiedenen Punkten der 
Erdoberfläche enthält. Man sieht also, dafs die beiden wichtig- 
sten Erweiterungen der vorliegenden Wissenschaften , die wir den 
scharfsinnigen Forschungen von Gadfs und Faraday verdanken, 
und deren Anfang man etwa in das Jahr i83o setzen könnte, in 
dieser geschichtlichen Übersicht noch fehlen. 

Den Best des ersten Bandes von S. 408 an nehmen einige 
Abhandlungen ein, die man hier wohl nicht suchen möchte und 
die ein , Expose des phenomenes qui ont des rapparts plus ou moint 
directs avec VElectr leite * genannt werden. Hierhin rechnet der 
Verf. zuerst die Phosphorescenz der Korper, worin jedoch von 
Placidus Heinrich blos gesagt wird, er habe sich viel mit 
diesem Gegenstande beschäftigt; dann eine Übersicht unserer 
Kenntnisse von der jetzigen Beschaffenheit des Erdballs, nament- 
lich eine kurze Geologie und über die Vulkane; demnächst die 
tellurische Wärme, eine kurze Übersicht einiger bekannter, hier- 
her gehöriger Thatsachen ; im vierten Capitel die Formationen, 
aus denen die äussere Erdkruste besteht , wobei auch einiges über 
Thermen und Kohlen beigebracht wird ; im fünften die Gänge, 
im sechsten und siebenten endlich die Veränderungen der Fels- 
arten und die neuesten Formationen, nebst den verschiedenen 
Ursachen, welche beide erzeugen. Offenbar wurden alle diese 
höchst unvollständigen und blos von der Oberfläche schöpfenden 
Untersuchungen besser weggeblieben seyn, da sie mit den Lehren 
von der Elektricität und dem Magnetismus nur in entferntem Zu- 
sammenhange stehen, und man also um so weniger begreift, wie 
sie sich an die Geschichte dieser Wissenschaften anschließen. 
Mehr zur Sache gehört der Inhalt eines Supplementär-Capitels 
über Farnday's elektrochemische Arbeiten. In diesem ersten, 
hauptsächlich dem Historischen gewidmeten, Theile gewahrt man 
ungern die bei französischen Schriftstellern so gewöhnliche Ent- 
stellung ausländischer Namen, z. B. Trootswyk, Baumer, 
Lassius, Boze, ftawkesbec u. s. w. 

Der Raum verbietet, den Inhalt der folgenden 4 Bände mit 
gleicher Ausführlichkeit anzogeben, und es müssen daher einige 
allgemeine Bemerkungen genügen. Dahin gehört, dafs die An- 
ordnung* des Vortrags keineswegs, wie bisher bei allen Werken 
über die Elektricität üblich war, geschichtlich von der Unter- 
suchung der Reibungselektricität und den allmälig hierfür aufge- 
fundenen Gesetzen zur Contact-Elehtricität fortschreitet , also auch 
die Beschreibung der früher aufgefundenen Apparate der der 
später angewandten nicht vorangeht, sondern dafs alles, dem We- 
sen nach zusammengehörige , vereint vorgetragen wird. So findet 
man z. B. gleich anfangs die verschiedenen Elektrometer, die 



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90 Physikalische Literatur. 

durch Repulsion wirkenden, die mit Magnetnadel und Maltiplica- 
catoren versehenen u. s. w. neben einander beschrieben , und nieht 
minder die Erzeugung der Elektricität durch Reibung, Druck, 
Wnrme, Contact u. 8. w. in kurzen Abschnitten auf einander fol- 
gend vorgetragen. Für den hieran nicht gewohnten Leser hat 
dieses allerdings etwas unbequemes , auch JaTst sich nicht sofort 
übersehen, ob irgend eine Abtheilung vollständig bearbeitet ist, 
weil die zu einzelnen Zweigen gehörigen Untersuchungen an ver- 
schiedenen Orten des Werkes wieder vorkommen; inzwischen 
hindert dieses die Belehrung nicht , die für diejenigen Leser aus 
dem Werke zu entnehmen ist, die sich mit dem Ganzen der vor- 
getragenen Wissenschaft auf ihrem gegenwärtigen Standpunkte 
vertraut zu machen wünschen. Hinsichtlich der Contact-Elektri- 
cität tritt unser Verf. den Resultaten bei, welche de la Rive 
aus seinen neuesten Versuchen gefolgert hat, dafs nämlich, gegen 
Volta's Ansicht, eine solche elektrische Erregung ohne Chemis- 
mus nicht stattfindet. Sehr bestimmt, und ohne einer Mifsden- 
tung Raum zu lassen, wird die durch Farad ay eingeführte Be- 
zeichnung Inducüon erklärt als : , le pouvoir que possedent Um coil- 
rant eledriques d'excitcr dans la mattere , qui est dans leur sphere 
cFactivitä, un etat particulier quelconque, qui prodult d'autres cou- 
rants*, auch wird mit Recht angegeben, dafs Ampere bei sei- 
nem bekannten Versuche das Phänomen seinem Wesen nach 
wahrgenommen habe, ohne jedoch die Erscheinung weiter zu ver- 
folgen. 

Im Fortgange der Untersuchungen werden dann zuerst die 
Erscheinungen und Gesetze der statischen Elektricität , wie die 
durch Reibung erzeugte bei den Franzosen heilst, vorgetragen, 
wobei über das Verhältnifs des Afcstandes elektrischer Körper 
zur £tärkc- ihrer Repulsion blos Coulomb's Arbeit berücksich- 
tigt wird , ohne die späteren Bemühungen deutscher Gelehrtep 
um dieses Problem zu erwähnen. Die magneto - elektrische Ma- 
schine von Pixri wird sogleich nach den gemeinen Elektrisir- 
masebinen beschrieben, allein sie gehört offenbar wegen der ge- 
ringen Spannung des erregten elektrischen Stromes mehr zur 
Säule. Ohne Zweifel wird auch die Letztere in Folge der grofsen 
Vollkommenheit, welche die Erster e bereits erlangt hat, minde- 
stens grofsentheils verdrängt und in Schatten gestellt werden. 
So wie in diesem zweiten Bande im ersten Buche die elektrischen 
Erscheinungen abgehandelt werden, ebenso ist im zweiten Buche' 
die Lehre vom Magnetismus des Eisens und Stahls vorgetragen, 
die bekanntlich durch Biot tr eil lieh zusammengestellt ist; hier 
findet man jedoch zugleich Poisson's Theorie des Magnetismus, 
mit Einschluß des Rotationsmagnetismus berücksichtigt. See- 
beck's bekannte Untersuchungen der zu Letzterem gehörigen 
Erscheinungen kannte der Vf. vermutblich nur aus irgend einem 
französischen Berichte über dieselben , sonst würde er sie besser » 
gewürdigt haben, und die Versuche eben jenes Gelehrten über 
die eigentümliche Art der Wirkungen fein vertbeilten Eisens 



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Physllalilche Literatur. 



91 



auf Magnete, welche Ref. zuerst zufällig entdeckte, werden so 
oberflächlich berührt , dafs niemand, der die Sache nicht ohnehin 
schon kennt, daraus entnehmen kann, wovon die Rede ist. Im 
dritten Capitel dieses Theiles wird vom Elektromagnetismus ge- 
bändelt, wobei Colladon's durch Faraday wiederholte Ver- 
suche mit Maschinen-Elehtricität ausführlich zur Sprache kommen. 
Dafs Gau Ts gegenwärtig die grofsen Magnetstäbe auf der Gut* 
tinger Sternwarte durch eine im physikalischen Cabinette stehende 
Elektrisirmaachine zu bedeutender Ablenkung bringt, ist eine der 
neoesten Erweiterungen in diesem Gebiete, welche die Wissen- 
schaft dem beharrlichen Fleifse jenes berühmten Gelehrten ver- 
dankt. Die Erregung des Magnetismus im Eisen fuhrt dann un- 
tern Verf. auch auf den Einflufs, welchen bleibende Magnete auf 
andere Metalle äussern, und demnach wird hier erst die dureb 
Arago entdeckte Erscheinung an der rotirenden Kupferscheibe 
den Versuchen gemäfs, welche Faraday in dieser Beziehung 
anstellte, auf die Induction zurückgeführt. Den zweiten Band 
endlich beschliefst in einem Supplementär-Capitel eine kurze Dar- 
stellung der Versuche ?on Forbes über das elektrische Verhal- 
ten erkaltender Hrystalle. 

Wie ausnehmend schwer es sey, alle die unermefslicb vielen 
Thatsachen , die zur Lehre von der Elektricitat und dem Magne- 
tismus gehören, genügend inne zu haben, um sie in gehöriger 
Ordnung vollständig und daneben leicht verständlich vorzutragen, 
davon uberzeugt mau sich genügend beim Studium des vorlie- 
genden weitläufigen Werkes. Unser Verf. fühlt dieses gleich- 
falls, und äussert daher im Anfange des dritten Bandes, dafs 
zwar eine eigentlich concinne Zusammenstellung der vielen That- 
sachen erforderlich sey, wenn man das Ganze dem Leser uber- 
sichtlich machen wolle; werde dagegen beabsichtigt, den Gang 
der Untersuchungen und den Weg zu zeigen, auf welchem die 
Forscher zur Auffindung der Gesetze gelangt sind , so werde eine 
ausführliche Behandlungsart, wie er selbst sie gewählt habe, er- 
fordert. Man überzeugt sich jedoch bald , dafs ein besser ge- 
ordneter, jeden einzelnen Zweig für sich klar ubersichtlich dar- 
stellender Vortrag sehr wohl möglich, aber ungleich schwieriger 
gewesen seyn wurde. Mit bündiger Ordnung nicht wohl verein- 
bar ist es unla'ugbar, dafs im dritten Theile als Fortsetzung des 
dritten Buches nochmals vom Elektromagnetismus gehandelt wird, 
wobei Montferrand's Monographie und die Lehrbücher von 
Despretz, Pouillet und Peclet als Grundlagen dienen. Hier 
wird dann auch Ampere's Theorie im Zusammenhange gegeben, 
Bei der einen Classe der elektrischen Phänomene strömt nacb 
unserm Verf. die ätherische Substanz der Elektricität durch die 
Interstitiell der verschiedenen Körper, ohne deren Zusammenhang 
zu stQren , es giebt aber eine andere grofse Classe, bei denen 
die Molecülen selbst getrennt oder vereinigt werden, und diese 
gehören sämmtlich in das Gebiet der Elektrochemie, welcher das 
vierte Bucb gewidmet ist. Hierin findet man jedoch nicht blos 



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92 



Phjitkaliache Literatur. 



die zerlesenden und verbindenden Wirkungen der Säule zusam- 
mengestellt , sondern auch andere hiermit zusammenhangende 
Untersuchungen, z.B. die elektrische Leitungsfähigkeit fester und 
flüssiger Korper (jedoch ohne Berücksichtigung der hierher ge- 
hörigen schätzbaren Bemühungen von Ohm), das Verhältnifs der 
Gröfse und Zahl der Platten zur chemischen Wirksamkeit der 
Säule u. s. w. Nach der Aufzählung und Beschreibung der zahl- 
reichen Zerlegungen und Verbindungen , die durch die Säule be- 
wirkt werden, wobei auch die von den meisten unlängst verges- 
senen , mit den Nobili'schen Figuren aber gewifs zusammenhän- 
genden, Priestley'scben Ringe, durch Flaschenfunken auf polirten 
Metallplatten erzeugt, wieder ins Gedächtnifs zurückgerufen wer- 
den, folgt dann auch eine Zusammenstellung der Theorieen, die 
man über die Berührungselektricität aufgestellt hat. Wenn man 
zugesteht , dafs der Dualismus durch die neuesten Untersuchungen 
so ziemlich ausser Zweifel gestellt ist, so sind wir in dieser Be- 
ziehung bis jetzt nicht weit über eine allerdings systematische 
Zusammenstellung der verschiedenen Thatsachen hinausgekommen, 
und das ganze Problem erregt überhaupt so wenig Interesse, dafs 
man sogar De la Rive's scharfsinnige Folgerung, wonach der 
Sauerstoff vielmehr positiv und der Wasserstoff negativ elektrisch 
seyn mufs, und welche Ansicht Ref. vollkommen angemessen fin- 
det , noch nicht einmal zum Gegenstande ernster Prüfung gemacht 
hat. Wenn aber unser Verf. nach seiner Theorie beide Elektri- 
citäten aus Wärme entstehen läfst, und Letztere als ein Erzeug- 
nifs der Ersteren betrachtet, so ist damit gar nichts gewonnen, 
bevor nicht diejenigen physikalischen Modifikationen angegeben 
werden , welche den Übergang beider in einander bedingen , die 
aber mit dem Dualismus um so schwieriger zu vereinigen sind, 
als neben dem Unterschiede der sich im Veralten der Elektrici- 
tät und der Wärme unverkennbar zeigt,, noch der Unterrchied 
der beiden Elektricitäten unter sich nachgewiesen werden mufs, 
wenn man nicht in ein ähnliches Spiel verfallen will als früher, 
gleichsam zum Hohne deutscher Gründlichkeit, mit der gepriese- 
nen Dehnkraft und Ziehkraft getrieben wurde, wovon sich Ref. 
damals eben so wenig überzeugen konnte , als er jetzt die Wärme- 
strahlung der Erde gegen den Himmelsraum und die Identität der 
Elektricitä't mit der Wärme zu fassen vermag, deswegen aber 
auch für einen sehr schwerfälligen Denker gelten mufsf e ; was er 
sich gern gefallen läfst , wenn nur seine Ansicht zuletzt als rich- 
tig erscheint. Am Ende dieses Theiles kommt der Vf. nochmals 
auf die thermoelektrischen Säulen zurück , um die neuesten Ver« 
suche Melloni's mit denselben nachzuholen. 

Dem vierten Theile geht eine Einleitung voraus, worin sich 
der Verf. gegen den ihm gemachten Vorwurf, dafs er nicht alle 
elektrische und magnetische Erscheinungen aus einem einzigen 
Principe mit Anwendung des Calcüls abgeleitet habe, dadurch 
zu rechtfertigen sucht, dafs dieses zwar bei der statischen und 
dynamischen Elektricität, keineswegs aber bei der Elektrochemie 



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Physikalische Literatur. 



möglich aej. Inzwischen wird bei weitem die Mehrsahl im Pu- 
blikum die Überzeugung hegen, dafs durch eine geometrische 
Darstellung sowohl der ßewegungsgesetze durch Elektricität und 
Magnetismus als auch der Anhäufung derselben auf den verschie- 
denen Körpern das Wesen dieser Potenzen keineswegs erklärt 
•ey, wie denn auch keine der fielen analytischen Theorieen dieser 
Disciplinen eine wesentliche Bereicherung derselben zur Folge 
gehabt bat. Der uns unbekannte Tadel durfte sich aber wohl 
ausschließlich oder hauptsächlich auf den Mangel einer vollstän- 
digen und dadurch leichter übersichtlichen Zusammenstellung al- 
ler zu jeder speciellen Abtheilung gehörigen Tbatsaehen bezogen 
haben. Sehr wahr ist das aufrichtige ßeuenntnifs des Vfs. , dafs 
sein Werk nur drei Bände habe umfassen sollen , die Masse je* 
doch über diese Grenze hinaus gewachsen sey (wobei er sich 
wegen der Aufnahme der nicht zunächst zur Sache gehörigen 
Untersuchungen zu rechtfertigen sucht), und er deswegen noch 
zwei Supplementbände hinzufügen müsse. Als solche im streng* 
sten Sinne können jedoch die vorliegenden nicht betrachtet wer- 
den, denn die Untersuchungen in denselben beziehen sich nicht 
blos auf Erweiterungen, und fangen nicht da an, bis wohin sie 
im Werke selbst fortgeführt sind, sondern tragen vieles nach, 
was früher wegen der Fülle der zu bearbeitenden Masse und der 
Schwierigkeit, sieb derselben vollständig zu bemächtigen, über- 
gangen ist. Im Verfolge der Einleitung entwickelt der Verf. die 
Grundsätze , die er bei seinen Untersuchungen befolgt hat. 

Das siebente Buch, womit der vierte Band beginnt, enthält . 
zuerst die thermomagnetischen Messungen der Temperaturen. 
Dürfen wir den angenommenen Bestimmungen Vertrauen schen- 
ken» und läfst sich insbesondere annehmen, dafs die Abweichun- 
gen der Magnetnadel mit den zunehmenden Temperaturen in ei- 
nem genau bestimmbaren Verhältnisse stehen , so wurde durch 
den Verf. vermittelst zwei zusammengewundener Platindräbte von 
ungleicher Reinheit und nur % Millimer Dicke durch die im 
Multiplicator aufgehangene Magnetnadel die Hitze im Porzellan- 
ofen zu Sevres von 208a bis a54* Centesimalgraden gemessen. 
Zu den thermoelektrischen Ketten für geringere Temperaturen 
dienen Eisen und Platin, wobei merkwürdig ist, dafs so feine 
vereinte Drähte zur Erzeugung des Thermomagnetismus völlig 
genügen, wodurch dann möglich wird, die Temperaturen im In- 
nern organischer Körper zu messen. Nach diesem kurzen Ab- 
schnitte Kommt die Phosphorescenz , namentlich durch Elektrici- 
tät, noch einmal zur Untersuchung, und es soll das phosphorische 
Licht, durch ähnliche Bedingungen als das elektrische erzeugt 
and diesem so auffallend ähnlich , den Schlufs auf die Gleichheit 
beider begründen ; eine wohl allzu kühne Losung des schwieri- 
gen Rätbsels. Es folgt dann eine ausführliche Abhandlung über 
Luft elektricität , Bildung der Wolken und Gewitter , über Blitz- 
ableiter, dann eine kurze Digression über das Nordlicht, um die 

Vermuthung zu begründen, dafs dasselbe eine elektrische Erschei- 

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94 Physikalische Literatur. 



nung sey, und eine noch kürzere, aber sicher auch ganz über« 
flüssige, um die Behauptung zu unterstutzen, dafs die Meteor- 
steine nicht elektrischen Ursprungs seyn können; endlich über 
deu Hagel, worin blos Volta's Theorie nebst BellanTs Be- 
streitung derselben vorgetragen werden , und der Verf. dann zu 
dem Sclilusse gelangt, die Hypothese habe zwar viel wider sich, 
müsse dennoch aber stets als das Erzeugnifs eines Mannes von 
vielem Genie betrachtet werden. Welcher deutsche, mit der 
vaterländischen Literatur vertraute, Schriftsteller würde wohl wa- 
gen, dergleichen oberflächliche Sachen vor das Publikum zu brin- 
gen ? Ungleich ausführlicher und der Beachtung der Physiker 
sehr werth ist die Abhandlung über den Einflufs der Elektricität 
auf die Vegetation, obgleich auch hierin viele Versuche, nament- 
lich die bedeutenden von Ritter, unbeachtet geblieben sind. 
Sehr zu empfehlen ist im zweiten Capitel des zehnten Buches 
die Zusammenstellung der bisherigen Erfahrungen über den Ein- 
flufs namentlich der Contact- undaThermo-Elektricität auf thieri- 
sche Nerven , wobei man auch eine Vergleichung der Empfind- 
lichkeit des Multiplicators mit der des Froschpräpaiates findet. In 
einem dritten Capitel kommen die Erscheinungen der elektrischen 
Fische nochmals ausführlicher zur Untersuchung , und werden . 
zugleich durch genaue Zeichnungen der elektrischen Organe eini- 
ger dieser Thiere erläutert , worauf dann im vierten eine Prüfung 
der Theorieen über die Reizbarkeit der Nerven durch Elektrici- 
tät , und eine Hypothese des Vfs. folgt, die aber leicht als allzu 
einfach mechanisch erscheinen dürfte, da sie anf eine Bewegung 
der Elementarkugelchen , woraus die Nerven bestehen, durch das 
elektrische Fluidum gegründet ist. Am Schlosse dieses Bandes 
wird im fünften Capitel über die medicinische Elektricität geban- 
delt, wobei jedoch blos die neuesten Untersuchungen über diese 
Frage berücksichtigt sind. Dabei kommt nach der Ansicht des 
Verfs. hauptsächlich die zerlegende Kraft dieses Agens in Be- 
trachtung , in deren Folge zugleich auch die atmosphärische Elek- 
tricität, die stets die entgegengesetzte derjenigen der Erde seyn 
mufs, einen merklichen .Einflufs auf den Organismus lebender 
Wesen äussert. 

Der fünfte Band enthält im eilften Buche die Erscheinungen 
der langsamen Wirkungen der Elektricität bei chemischen Ver- 
bindungen und Zersetzungen. Dabei kommt zuerst das eigen- 
tümliche Verhalten des Eisens gegen Säuren und Metallsolutio- 
oen in Betrachtung, was neuerdings namentlich durch Schön- 
bein untersucht ist, dessen letzte Versuche dann noch in einem 
Anhange am Schlosse des Bandes nachgetragen sind ; hauptsächlich 
aber handelt der Verf. von solchen chemischen Processen , bei 
denen die gleichzeitige Thätigkeit der Elektricität zwar nicht an- 
mittelbar erweislich , aber doch höchst wahrscheinlich vorhanden 
ist , z. B. bei den verschiedenen Processen der Gährung , der 
Bildung von Salpeter, Ammoniak u. s. w. , ein sehr weites Feld, 
womit Ref. jedoch nicht hinlänglich vertraut ist, am das Vorge- 



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t 



Phyiikaliichc Litcratnr. 95 

tragen« britisch prüfen zu können. Mit gleicher Ausführlichkeit 
wird in einem folgenden Capitcl über den Einflufs elektrischer 
Wirkungen auf geologische Phänomene gehandelt, wobei Her. 
sc he Ts Theorie über die Bildung unseres Erdballs aus kosmi- 
scher Nebelmasse, die Hypothesen über die Wirkungsweise der 
Vulkane und die verschiedenartigen Zersetzungen in Betracht 
kommen, bei denen allerdings Elektricität mindestens in vielen 
Fallen mitwirkend seyn kann , in einigen wohl vorhanden seyn 
mufs; hauptsächlich aber durften die neuerdings wahrgenom- 
menen elektrischen Phänomene der Gänge nicht unberührt 
bleiben. Auch dieser Band schliefst mit einem ganzen supple- 
mentären Bache, worin die neuesten Entdeckungen im Gebiete 
der Elektricitätslehre nachgetragen werden. Ref. übergeht eine 
Angabe der hier aufgenommenen einzelnen Probleme , und fugt 
nur noch zum Beschluis die Bemerkung hinzu , dafs das ausführ- 
liche Werk allerdings einen ungemein grofsen Schatz von Tat- 
sachen enthält, bearbeitet von einem Gelehrten, welcher sich seit 
mehreren Jahren diesen Forschungen mit glückliebem Erfolge ge- 
widmet hat, jeder Physiker wird dasselbe daher mit Interesse 
und nicht ohne Nutzen lesen, unangenehm aber ist es, dafs nur 
an wenigen Stellen die Quellen nachgewiesen sind , woraus das 
Vorgetragene entnommen ist, so dafs man nicht zu diesen selbst 
übergehen kann , um das Gesagte genauer zu prüfen , ein bei der 
jetzigen überschwenglichen Fülle der Literatur nothwendiges Er- 
fordernifs , dessen sich gegenwärtig kein Schriftsteller überheben 
sollte. 

Gehören die angezeigten Werke theil weise schon einer frü- 
heren Periode an, so sind die folgenden als Producte der neue- 
sten Zeit zu betrachten. Zunächst läfst sich folgende Schrift un- 
mittelbar an die zuletzt beurtheilte anreihen: 

Revision der hehre vom Galvano- Poltaismus , mit besonderer Rücksicht auf 
Faraday's , de ta llivc's , ßeequereV s , Karsten's n. A. neue- 
ste Arbeiten über diesen Gegenstand. Von Dr. C. H. Pf äff , kön, 
dän. Staatsrath u. s. w. Altona 1837. XII ii. 21? & 8. Mit einer 
Steindrucktafel. 

Der lange Streit über die durch Volta aufgestellte Theorie 
im Gegensatze der chemischen, hat in den neuesten Zeiten an 
Interesse gewonnen, seitdem die letztere durch so bedeutende 
Gelehrte, als namentlich durch Becquerel, am meisten de la 
Rive und endlich sogar den höchst gewichtigen Farad ay mit 
grofsen Kräften in Schutz genommen wurde, denen jedoch nicht 
minder gewichtige Koryphäen, als Fechner und hauptsächlich 
der Verf. der vorliegenden Schrift mit gleichem Muthe und kei- 
neswegs untergeordneten Kräften entgegentraten. Manche Physi- 
ker, die sich durch das Gewicht der zuletzt aufgestellten, ihnen 
zunächst bekannt gewordenen, Argumente wankend machen liefsen, 
noch wohl mehr diejenigen, denen die grofse Autorität des be- 



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■ 



96 Physikalische Literatur. 

f 

rühmten Britten allzu sehr imponirte, betrachteten die Aufgabe 

als entschieden, and eilten, der siegenden Parthei schnell genug 
beizutreten. Es unterliegt daher wohl keinem Zweifel, dafs die 
chemische Theorie des Galvanismus der Zahl nach die meisten 
Anhänger zählt, so lange aber noch so gewichtige Autoritäten, 
als die genannten wirklich sind, die Contact-Theorie vert heidigen, 
und ihre Hauptargumente noch nicht durch unzweifelhafte 1 Tat- 
sachen widerlegt sind, darf man diese nicht als besiegt betrach- 
ten. Im Ganzen scheint es, als ob die deutschen Gelehrten diese 
Verteidigung gegen das Ausland beharrlich fortzusetzen nicht, 
ablassen wollen. Ohne Zweifel meinen die meisten Anhänger der 
chemischen Theorie, sie sey an sich und ihrem Wesen nach die 
naturgemäfseste ; wenn man aber berücksichtigt, dafs die erregte 
Elektricität unleugbar chemisch wirkt, mithin die erzeugte Wir- 
kung wieder zur Ursache der Erzeugung einer Wirkung wird, 
durch die sie selbst erzeugt wurde, so bildet dieses einen gewifs 
nicht naturgemäßen Cyclus, abgesehen dafs die Erregung der 
Elektricität durch Reibung und Wärme nur sehr künstlich auf 
Chemismus zurückgeführt werden kann. Die Hauptsache beruht 
wohl ohne Zweifel auf dem Umstände, ob Volta's sogenannter 
Fundamental- Versuch mit den Conta et -Platten in der Art u» be- 
zweifelt ist, dafs dabei ohne allen chemischen Einilufs Elektrici- 
täts-Erzeugung stattfindet. Ref. gesteht, dafs er seit der Zeit, 
als er diesen Versuch selbst mit genügender Umsicht angestellt, 
und ihn durchaus begründet gefunden hat, keineswegs sich ge- 
neigt fühlt, die ältere Theorie zu verlassen, die auch früberhin 
darin eine gewichtige Stutze fand, dafs ein so gewandter und 
dabei so gewissenhafter Experimentator, als der verewigte von 
Boh nenberger, rühmlichen Andenkens, war, die Wirklichkeit 
der dabei vorkommenden Erscheinungen verbürgte. Bedient man 
sich hierbei isolirter Metallplatten , die zugleich gegen Befeuch- 
tung geschützt sind, und daher Decennten hindurch ihre Politur 
nicht merklich verlieren, dennoch aber in jedem beliebigen Au- 
genblicke, und obendrein am besten bei trockner Atmosphäre, 
nach der Berührung elektrische Spannung zeigen, dann heifst es 
wohl ohne Widerrede den Erfahrungen Gewalt antbun, wenn man 
die auf diese Weise frei gewordene Elektricität als das Resultat 
einer chemischen Zersetzung in Folge mitgetheilter Feuchtigkeit 
aus der Luft oder vom Körper des Experimentators betrachten 
will. Diese Versuche sind allerdings delicat, viele Physiker ken- 
nen sie nicht durch eigene Anschauung, und es ist daher gewifs 
Ton grofsem Nutzen, dafs Fe ebner neuerdings einen bequemen 
Apparat zu ihrer Anstellung angegeben hat. Ist einmal dieser 
Fundamcntal-Versuch sicher begründet , dann ist die Contact-Theo- 
rie ungleich einfacher, leichter und in sich consequentci , als die 
chemische. 

(Dtr BcBchluft folgt.) 



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N°. 7. HEIDELBERGER 1838. 

* • 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

■ 

— 

• ■ 

» 

Physikalische Literatur. 

(Bcichlufi.) 

Der aus diesen Betrachtungen ?on selbst hervorgehenden 
Anordnung getnäfs handelt daher der Verf. zuerst von diesem 
Fundamental- Versuche , beschreibt denselben, und widerlegt die 
durch de la Iii ve dagegen vorgebrachten Zweifel mit Gründen, 
die unter Voraussetzung der ausgemachten Richtigkeit der dabei 
vorkommenden Erscheinungen als völlig entscheidend gelten müs- 
sen. Hieran Knüpft sich dann von selbst die Untersuchung der 
Elektricitäts Erregung durch die Berührung trochner und feuch- 
ter Leiter nebst der hierauf gegründeten Theorie der Voltaschen 
Säule. Demnächst werden Farad ay's Einwurf« gegen die Con- 
tact.Theorie und die Argumente gewürdigt , durch welche dieser 
scharfsinnige Gelehrte die chemische Theorie zu begründen ge- 
sucht hat, deren Widerlegung nicht eben schwer ist, so sehr 
übrigens vom Vf. wie von allen Physikern, die feine Kunst des 
Experimeutirens , die sinnreichen Combinationen und die aus bei- 
den entsprossenen wahrhaft grofsartigen Erweiterungen der Wis- 
senschaft, dir wir dem berühmten Britten verdanken, mit gebüh- 
render Achtung anerkannt werden. Ohne den Inhalt de/ ganzen 
Werkes im Einzelnen näher anzugeben , möge nur noch bemerkt 
werden, dafs auch Karstcn's neueste, gleichsam vermittelnde, 
Theorie in nähere Betrachtung gezogen wird, wie nicht minder 
die merkwürdigen Versuche von Pohl über das Verhalten von 
ltuplerplatten, die mit genäfsten Scheiben wechselnd paarweise 
zwischen eine äussere Zink- und eine ihr gegenüberstehende Ku- 
pferplatte geschichtet sind. Unser Verf. gesteht aufrichtig, dafs 
die hierbei sich zeigenden Erscheinungen allerdings rathselhaft 
bleiben, ohne jedoch für die eine wie für die andere der beiden 
gangbaren Theorieen entscheidende Argumente zu liefern; inzwi- 
schen müssen diese Phänomene wohl rathselhaft seyn, weil ver- 
schiedene Art innen, namentlich der elektrische Strom zwischen 
den beulen Pol-Platten der einfachen Vnlta'schen Kette, und die 
elektrischen -Erregungen zwischen den Kupferplatten und der sie 
berührenden Flüssigkeit in einen nicht leicht zu trennenden Con- 
flict kommen. Endlich beschreibt der Vetf. den neuen von Fa- 
rad ay angegebenen Apparat, halt die Erfindung desselben für 
eine wahrhafte Bereicherung der Wissenschaft, und weiset die 
Bequemlichkeit eben wie die ausnehmende Wirksamkeit desselben 
durch eigene damit angestellte Versuche nach. Bei" solchen un- 
verkennbaren Vorzügen werden die Apparate dieser Art ohne 
Zweifel bald das Eigenthum der meisten physikalischen und ehe- 

X*XI. Jahrg. 1. Heft. .1 



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98 



Physikalische Literatur. 



mischen Cabinette werden. Verschiedene belehrende Bemerkun- 
gen , die mit dem Hauptzwecke der Schrift in etwas entfernterer 
Beziehung stehen, bleiben dem eigenen Lesen derselben vorbe- 
halten, um so mehr, als das Werk gewifs in sehr viele Hände 
kommen wird. Ref. bann versichern , das Ganze mit vielem Ver- 
gnügen und zu grofser Belehrung gelesen zu haben, insbesondere 
aber erkennt man in der einfachen , lichtvollen und lebendigen 
Darstellung den vielgeübten Veteran in diesem Zweige der phy- 
sikalischen Literatur, dem er nach der Einleitung die ersten Kräfte 
seines jugendlichen und jetzt noch die letzten seines vorgerückten 
Alters mit stets regem Interesse gewidmet hat, 

* . 

Retultate aus den Beobachtungen de» magnetiacfien Vereins im Jahre 1830*. 
Herausgegeben von Carl Friedrich Gau/s und Wilhelm Weber. 
Mit 10 Steindrucktafeln. Gott. 1837. 103 4». 8. 

Mit dieser Schrift beginnt eine Reihe höchst wichtiger Bei- 
träge zur Erweiterung der physikalischen Literatur , von denen 
künftig alle Jahre ein neuer erwartet werden darf, und hoffent- 
lich zur grofsen Belehrung und zum innigen Vergnügen aller 
Liebhaber und Beförderer der Naturlehre noch lange nach einan- 
der erscheinen wird. Der Titel , welcher übrigens weit weniger 
verspricht, als man im Werke selbst findet, giebt nicht sowohl 
die Hauptsache, als vielmehr den nächsten Zweck der Heraus- 
gabe dieses Berichtes an. Bekanntlich gab Gaufs durch scharf- 
sinnige Combinationen der Magnetnadel eine solche veränderte 
Gestalt, dafs die kleinsten Störungen ihrer Stellung im magneti- 
schen Meridiane mit einer Feinheit und Genauigkeit gemessen 
werden können , die man seit mehr als hundert Jahren vergebens 
zu erreichen suchte, und die alles, was das Nachdenken der Ge- 
lehrten und der Fleifs der ausübenden Künstler hierin bisher zu 
leisten vermochten, weit hinter sich läfst. Dieser wichtige, hier- 
mit nur zum kleinsten Theile angegebene, Fortschritt in der 
Lehre des tcllurischen Magnetismus veranlasste die Erbauung ei- 
nes eigenen magnetischen Observatoriums zu Gottingen, mit des- 
sen Gründung zum ewigen Andenken für immerwährende Zeiten 
eine neue Periode in diesem wissenschaftlichen Zweige begonnen 
hat. Die Sache konnte der Aufmerksamkeit der Gelehrten und 
derer, denen nach ihrer Stellung im Staate die Befordeiftng der 
Wissenschaften obliegt, nicht entgehen, sie erregte aber zugleich 
das Interesse des gröTseren gebildeten Publikums, die zuvorkom- 
mende Gefälligkeit der wackeren Herausgeber der vorliegenden 
Schrift erleichterte die Anschaffung geprüfter Apparate, und so 
vereinigte sich ein fortdauernd wachsender Verein von Beobach- 
tern, die in bestimmten Terminen gleichzeitig die feinen Schwan- 
kungen der Magnetnadel messen, so dafs, abgesehen von der 
Strecke, die von Ost nach West läuft, wovon nach öffentlicheo 
Blättern Lissabon die westlichste europ. Station bildet, eine von 
Nord nach Süd hinlaufende besteht, deren südlichster Punkt bereits 



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I 



Physikalische Literatur. 99 

in Catania existirt, und in welche auch Heidelberg eingetreten ist, 
um den etwas grofsen Abstand zwischen Marburg und Mailand 
auszufüllen. Der Centraipunkt, in welchem alle die verschiede, 
nen Ramiticationen zusammentreffen , bleibt Guttingen, dort ha- * 
heu bei weitem die meisten Beobachter sowohl die Apparate als 
auch deren Behandlungsweise durch eigene Anschauung kennen 
gelernt, welches, wo nicht unentbehrlich, doch mindestens sehr 
vorteilhaft ist, und hätten unsere Nachbarn jenseits des Rheins 
und jenseits des Canals sich auf gleiche Weise eine genauere 
Kenntnifs der Sache verschafft, so wurden sie sioli zuverlässig 
bereits früher und in gröfserer Zahl den deutschen Beobachtern 
angeschlossen haben. 

Die Resultate der an den verschiedenen Stationen gleichzeitig 
. in drei Terminen des Jahres 1 836 gemachten Beobachtungen in 
Zahlen und graphisch dargestellt , macht einen Uaupttheil des vor- 
liegenden Berichtes aus , jedoch iind noch andere lehrreiche Ab* 
Handlungen hinzugekommen , die sich insgesammt auf das Ver- 
halten des Magnetismus bezichen, und auch künftig namentlich 
die Erweiterungen bekannt machen werden, wetcho dieser Zweig 
der Physik von den fortgesetzten Bemühungen und den reichen 
Apparaten Gottingens mit Recht erwarten darf. Es war daher am 
angemessensten , in diesem ersten Berichte eine genaue Beschrei- 
tung eines vollständigen, zur Messung der absoluten Intensität 
sind Deklination geeigneten, Magnetometers vorauszuschicken, zu 
deren Erläuterung und Versinnlichung vier Tafeln gehören, die 
dritte mit dem Grundrisse der Gottingischen Observatorien und 
ihrer Umgebung, die erste mit einer Zeichnung des Hauptmagneto- 
meters nebst Zubehör von oben gesehen , die zweite mit einer 
solchen von der Seite betrachtet, und die zehnte mit Zeichnun- 
gen des eigentlichen Magnetoraetfis und der sämmtlichen dazu 
gehörigen Thüle. In einem zweiten, Abschnitte ertheilt Gaufs 
eine vollständige , alle Nebenbedingungen und Vorsichtsmaßregeln 
berücksichtigende, zugleich aber höchst klare Anweisung za den 
Termins-Beobachtungen , die jeder einzelne Beobachter sich ge- 
nau bekannt machen mufs; auch wird rathsam seyn, dafs alle die- 
jenigen , die »ich dem nicht eigentlich schwierigen, aber dennoch 
grolse Genauigkeit 'erfordernden , und auf allen Fall ermüdenden 
Geschäfte des Beobachtens unterziehen wollen, sich vor den Ter- 
minen sowohl für die bei Tage als auch bei Nacht anzustellenden 
Beobachtungen gehörig einüben. Mit Grunde eignen sich daher 
die Universitäten am meisten zu Beobachtungsstationen, weil sich 
in der Hegel daselbst mehrere Studirende finden , die mit jugend- 
licher Uralt versehen aus Liebe für die Wissenschaft auch nächt- 
liche Muhen nicht scheuen; das mittet heilte Verzeichnifs theilt 
aber ausser diesen noch die Namen vieler sonstiger Liebhaber 
der Physik mit, welche die Arbeit unter sich vertheilen, die lür 
einen Einzelnen eine überall unmögliche Aufgabe seyn wurde. Im 
dritten Abschnitte werden die Resultate der Beobachtungen mit- 
getheilt, die vom i. Januar i834 bis Ende Dec. i836 im magna- 



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1U0 PhvtikalUcbe Literatur. 

tischen Observatorio zu Göttingen zur Ermittelung der täglichen 
und jährlichen Variation der absoluten Deklination angestellt wur. 
den, aus denen zwar wegen der Kürze des Zeitraums die secu- 
" lare Änderung der Deklination sich nicht genau bestimmen läfst, 
die aber dennoch schon zu interessanten Schlüssen führen und 
für künftige Bestimmungen einen wesentlichen Beitrag liefero. 
Dafs ähnliche Beobachtungen mit grofsem Nutzen auch auf andern 
Stationen angestellt werden können, folgt von selbst aus der Na- 
tur der Sache. Im vierten Abschnitte giebt Weber Anleitung, 
mittelst eines kleinen , genau beschriebenen Reise-Apparates die 
Intensität des tellurischen Magnetismus zu messen, und es ist sehr 
zu wünschen, dafs die zahlreichen Reisenden, die sich meistens 
auf naturgeschichtliche Forschungen beschränken, weil ihnen die 
physikalischen Probleme und die Mittel sie zu losen zu wenig 
bekannt sind , sich mit diesem Gegenstande vertraut machen , um 
beiläufig zur Losung dieser Aufgabe ihrerseits beizutragen, damit 
sie endlich durch vereinte Bemühungen ihre Erledigung finde. 
Im fünften Abschnitte endlich sind Erläuterungen zu den mitge- 
teilten Beobachtungs-Journalen und der graphischen Darstellung 
der daraus entnommenen Resultate enthalten, wobei zugleich auf 
die möglichen und verschiedentlich aus bisherigen Beobachtungen 
schon gefolgerten örtlichen Einflüsse auf die Schwankungen der 
Magnetnadel hingewiesen wird, die nur durch Vergleichung der 
auf nahen Stationen erhaltenen Gröfsco Aufklarung finden können, 
weswegen eine noch gr5fsere Vermehrung der Beobachtungsorte 
sehr wünschenswerth ist, sofern daran gelegen seyn mufs , das 
Wesen des tellurischen Magnetismus genauer kennen zu lernen. 
Sicher werden alle Physiker demjenigen beistimmen, was Gaufa 
hierüber sagt, nämlich: »Ei wird der Triumph der Wissenschaft 
seyn, wenn es dereinst gelingt, das bunte Gewirr der Erschei- 
nungen zu ordnen, die einzelnen Kräfte, von denen sie das 
zusammengesetzte Resultat sind, auseinander zu legen und einer 
jeden Sitz und MaPs nachzuweisen.« 

Die Wärmelehre de» Innern unseres Erdkorper», ein Inbegriff aller mit der 
Wärme in Beziehung stehender Erscheinungen in und auf der Erde, 
Nach physikalischen , chemischen und geologischen Untersuchungen von 
Dr. Gustav Rischof u. t. tr. Leipzig 1881. XXIV «. 512 >. 8. 

Dieses bereits seit geraumer Zeit erwartete Werk ist so 
reichhaltig, dafs eine blofse Anzeige des wesentlichsten Inhalts 
weit mehr Raum erfordern würde , als uns hier zu Gebote steht, 
und Ref. begnügt sich daher mit der Bemerkung, dafs er das- 
selbe sehr aufmerksam , mit grofsem Interesse und zu nicht ge- 
ringer Belehrung gelesen habe, zugleich aber beabsichtige, in 
einem der nächsten Hefte eine ausführlichere Anzeige davon zu 
liefern. Eben dieses Hndet auch bei folgendem Werke statt: 



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Pliyt.ikali.chc Literatur.. 161 

Meteorologische Untersuchungen. Von H. W. Dave , Mitglied* der Aka- 
demie der Wi»»en»chaften zu Berlin. Berlin 1837. Vlll u. 344 8. 8. 
Mit 2 Steindrucktafeln. 



Ks sind nun, als neueste Producte der physikalischen Litera- 
tut , noch I olgende Werhe anzuzeigen : 

Die l funder de* Himmel», oder gemeinfaftliehe Darstellung de» If elf System» 
von J. J. v. Littrow, Direetor der k. k. Sternwarte in Wien. Zweite 
verb. Auflage in einem Bande. Stuttgart 1837. X u. 814 & 8. Mit 
dem Portrait de» Verf. und 23 Tafeln in Steindruck. 

Die erste im Jahre i834 erschienene Auflage dieses Werkes 
ist in unserer Zeitschrift nicht angezeigt, wir können aber die 
zweite nicht unbeachtet lassen, theils wegen der Wichtigkeit des 
Inhalts, theils weil das so bald erfolgte Bedürfnis dieser zweiten 
Aufloge zu der sehr erfreulichen Betrachtung fuhrt, dafs die 
Zahl der Liebhaber und Verehrer der Astronomie bedeutend grofa 
aeyn raufs. Es ist dieses um so -auf fallender , da Inhalt und Dar- 
«tellungsart keineswegs so ganz leicht sind, und auch ausdrück- 
lich bemerkt wild, dafs es auf eine absolut leichte und blos ober- 
flächliche Daratellung gar nicht abgesehen sey , wie denn auch 
vielmehr die schwierigsten Probleme der Astronomie , und dabei 
gelegentlich der Physik , zur Sprache Kommen , die bis zu nicht 
geringer Tiefe verfolgt werden, soweit dieses ohne Anwendung 
des Calcüls möglich ist. So werden unter anderen die verschie- 
denen Metboden , die Parallaxe der Fixsterne zu finden, nebst 
der Geschichte der Losung dieses Problems angegeben , die Ab* 
erration umj die Messung der Geschwindigkeit des Lichts aus- 
führlich erläutert, eine prüfende übersieht der verschiedenen Pla- 
netensysteme mitgetheilt, und dabei die üblichen Kunstworte, als 
haliocentriscb, geocentrisch , Elongation , Commutation u. andere, 
nachdem sie einmal erklart sind, keineswegs vermieden. Da, wo 
die eigentliche Astronomie in das Gebiet der Physik eingreift, 
werden auch die physikalischen Gesetze deutlich und ohne ganz- 
liche Umgehung der hierbei unvermeidlichen Schwierigkeiten er- 
läutert So findet man die Übersicht der Dichtigkeiten der Him- 
melskörper zu grofserer Deutlichkeit mit einer Angabe der Dich- 
tigkeiten hierzu geeigneter irdischer Korper verbunden. Die Be- 
trachtung der Sonne als Himmelskörper führt zu einer Übersicht 
der Temperaturverhältnisse auf unserer Erde, die Erfahrung über 
das verschiedene Liebt der Sterne zu einer kurzen Erörterung 
der Undulationstheorie und der möglichen Erklärung der bekann- 
ten Farben des Spectrums aus derselben , wobei der Vf. so tief 
in die Sache eingeht, dafs er sogar von den Interferenzen eine 
anschauliche Vorstellung zu erzeugen sich bemüht. Solche Ver- 
suche müssen nothwendig den Wunsch herbeiführen, dafs die 
Mathematik mit ihrer Anwendung auf Naturkunde stets alJgemei. 



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102 



Physikalische Literatur. 



ner ein Gegenstand des Unterrichts werden möge, ganz wie die- 
ses bei den Griechen, die so oft als Muster angeführt werden, 
der Fall war, deren blofse Sprache allein schwerlich nützen wird, 
wenn wir nicht zugleich von ihnen die Art der geistigen Ausbil- 
dung erlernen. Es ist der Muhe Werth, über dieses vielbespro- 
chene Thema einen Mann wie unsern Verf. zu hören, der im 
vorliegenden Werke zeigt, wie auch anderweitig genugsam er- 
wiesen i>t, dafs er eine nicht geringe Bekanntschaft mit den al- 
ten Sprachen gemacht hat. Wörtlich sagt derselbe S. 8 der Ein- 
leitung : »Abgesehen von der Notwendigkeit dieser (der mathe- 
matischen) Kenntnisse im wissenschaftlichen und oft selbst im 
gemeinen Leben, abgesehen dafs ohne sie das schönste und dem 
Menschen angemessenste Studium, das der Natur im Grofsen, bei- 
nahe unmöglich ist, so sollte schon der wohlthätige Einflufs, 
welchen die Cultur dieser Wissenschaften in ihrer unmittelbaren 
Rückwirkung auf den menschlichen Geist selbst äussert, uns be- 
stimmen, ihnen in dem Felde unserer öffentlichen Erziehung eine 

der ersten Stellen anzuweisen. Durch sie wird der 

Geist zur Aufnahme aller wahren Erkenntnisse, zur Bekämpfung 
der Yoruttheiie und Irrthümer, zur Entfernung aller Illusionen 
und halbverstandenen Annahmen und zur Verwerfung aller nicht 
auf eigene Überzeugung gegründeten Autorität, würdig Torbe- 
reitet, und wenn überhaupt den Menschen gegönnt ist, von Wahr- 
heit zu sprechen, so ist es hier, und hier allein, wo er sie fin- 
den kann. Endlich , und dieses möchte in unsern Tagen nicht 
zu übersehen seyn , bietet diese Wissenschaft, als die beste Dis- 
ciplin des menschlichen Geistes, unserer Jugend, und durch sie 
den kommenden Geschlechtern , die angemessenste Gelegenheit 
dar , ihre geistige Kraft zu üben und ihren Sinn für das Höchste, 
was uns angebt, für Recht und Wahrheit, zu wecken und 
zu stählen, um dem sie von allen Seilen umgebenden Andränge 
eines kränkelnden und in sich selbst zerfallenen Zeitgeistes zu 
widerstehen, dessen Fortschritte eine männliche und kraftvolle 
Anhänglichkeit an das Gute überall zu einem sehr dringenden 
Bedürfnisse gemacht hat. « Dafs eben diese Kenntnisse in den- 
jenigen ({reisen , die sich vorzugsweise einer höheren Bildung 
rühmen, noch keineswegs hinlänglich verbreitet sind, sagt Arago 
mit unzweideutigen Worten. vSous le vernis brillant et super- 
ficiel, dont les etudes purement litteraires de nos Colleges et aca- 
demies revetent ä peu pres uniformement toutes les classes de la 
societc, on trouve presejue toujours, tranchons le mot, une igno- 
rance complete de ces beaux phenomenes, de ces grandes lois de 
la nature , qui sont notre meilleure souvegarde contre les pre*. 
juges.« Allgemeineres fleifsiges Studium solcher Werke, wie 
das vot liegende, werden dazu dienen, solche Klagen zu beseiti- 
gen. Wir bemerken nur noch, dafs in drei Hauptabteilungen 
zuerst theorische Astronomie, dann beschreibende Astronomie 
oder Theorie des Himmels und endlich physische Astronomie vor- 
getragen wird. Die Figuren dienen, »ehr zur Erläuterung der 



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Phj.iUJi.che Literatur. 106 

-f 

Sachen, and die klebe Mondcharte ist sehr deutlich, zugleich 
aber sehr zweckmäßig bezeichnet. 

Das angezeigte Werk ist von der Hand eines Meisters, und 
nur ein solcher darf sich an das schwierige Unternehmen wagen, 
eine ihrem Wesen nach tiefe Wissenschali in ein populäres Ge- 
wand zu kleiden. Ein Gleiches läfst sich nicht ?ou folgender 
Schrift sagen : 

Populäre* Lehrbuch der Kxpcrimcntal- Physik , mit Hinweisung auf deren 
Anwendung im Leben. Zur Selbst belehrung für Jedermann und zum 
Gebrauehe beim Unterricht. Paderborn 1887. XPI «. 408 Seiten 8. 
Mit 10 Steindrucktafeln. 

Der Verf. hielt Vorträge über Physik vor einem gemischten 
Publicum, welches demnächst den Druck derselben wünschte, 
und der Willfabrung dieses Wunsches verdankt das Werk seinen 
Ursprung. Da Vorlesungen dieser Art jetzt an vielen Orten , man 
darf annehmen in den meisten etwas groTseren Städten , gehalten 
werden, so durfte die Literatur bald einen Überflufs an Werken 
dieser Art erhalten , da die Mehrzahl der Zuhörer das Verlangen 
nach Veröffentlichung, wenn auch als sehr verzeihliche Huldi- 

Sung gegen den Lehrenden, auszusprechen pflegt. Inzwischen 
urfte die Wissenschaft dadurch nicht gewinnen, denn der Verf. 
sagt selbst in der Vorrede: »dafs die Schaffe des Ausdrucks, 
welche der Kenner der W^is enschaft verlangt , dabei nicht an 
rechter Stelle gewesen wäre.« Ührigens ist es bei der großen 
Zahl der vorhandenen guten Handbucher nicht schwer, ans eini- 
gen derselben den Inhalt solcher Werke, wie das vorliegende, 
zu entnehmen, insbesondere wenn man es mit der Schärfe im 
Ausdruck und sonach auch in den Begriffen, so genau nicht 
nimmt« Wir geben Einiges zur Probe. §. 6: »Jeder Korper 
besitzt Kräfte. Übersehen wir alle Eigenschaften eines physischen 
Korpers, so kommen wir endlich auf die Grundkrä'fte, durch 
welche die Materie eines Körpers zum Individuum zusammenge- 
halten wird. Diese Kräfte sind Gegenstand der Physik, und heifsen 
Attraction und Repulsion, oder Anziehungskraft und Abstofsungs- 
kraft; (in der Anmerkung wird zum Beweise auf elektrische und 
magnetische Anziehung unj} die Drehungen kleiner Kampferstuck- 
eken hingewiesen), jene nennt man auch Kraft des Individuums, 
diese Kraft des Universums.« Der Verf. sagt ferner, jede ma- 
thematische Entwickelung sey ausgeschlossen; aber dennoch heifst 
es §. 55 , nachdem ein Pendel , ein schwerer Korper an einem 
Faden, beschrieben ist: »Aus Versuchen und auf dieselben sich 
stutzenden Rechnungen hat man folgendes Gesetz für das Pendel 

gefunden: T = jr «/^-, aus welcher alle Gesetze .des Pendels 

abgeleitet werden können. « Diese Gesetze, soweit sie aus die- 
ser bekannten Formel folgen , sind dann nach erklärter Bedeu- 
tung der Buchstaben angegeben, aber hierdurch zur Kenntnifs 



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104 Physikalische Literatur. 

« 

eines Pendels zu gelangen ist für den Dilettanten ganz unmöglich. 
Beiläufig wird gesagt : das Gewicht des schwingenden Korpers 
oder dessen Substanz habe auf die Geschwindigkeit der Schwin- 
gungen keinen Einflufs, wobei auf §. 24 verwiesen wird. Ref. 
sah nach, wie dieser für Laien so schwer zu fassende Satz klar 
gemacht sey, fand aber nichts als die nackte Angabe des absolu- 
ten , specilischcn und (mangelhart) des relativen Gewichts der 
Körper. 

Anfangsgründe der JS'at urlehr c , ah Auszug aus der ]S'atur1ehre nach ihrem 
gegenwärtigen Zustande , mit Rücksicht auf mathematische Regrün- 
dung. Rearbeitet von Dr. A. Baumgartner, k. k. Regierungsrathe 
u. 0 w. Wien 18&7. IV u. 263 & 8. Mit Holzschnitten im Texte. 

Das gröfsere Handbuch des Vfs. ist mit vielem Beifall auf- 
genommen und wird mehreren Vorträgen über Experimentalphy- 
sik zum Grunde gelegt; da es aber von gröfserem Umfange und 
eben daher theurer ist, so konnte schon hierin ein Grund liegen, 
den minder Begüterten die Anschaffung eines Leitfadens, der bei 
physikalischen Vorlesungen wegen der Zwecklosigkeit des Dicti- 
rens nicht wohl entbehrt werden kann, zu ei leichtern. Der Vf. 
erklärt ganz einfach , es könne neben den bereits vorhandenen 
auch dieses noch wohl Platz finden, und darin hat er gewifs 
Becht , da des Guten nicht leicht zu viel seyn kann ; auch ist nicht 
in Abrede zu stellen, dafs das Lesen eines solchen kurzen Com. 
pendiums als ein treffliches Mittel zur Wiederholung und zur 
Prüfung, ob man das Ganze noch inne habe, dienen kann. In 
dieser Beziehung und überhaupt durfte es wohl zweckmäfsig ge- 
wesen seyn, die Paragraphen in beiden Werken der Zahl nach 
gleich zu machen , um dadurch die Verbindung beider zu erleich- 
tern, wenn auch in dem kürzeren mehrere ausfielen. Für die 
Güte und Brauchbarkeit des Werks bürgt der bekannte Name 
des Verfs. und dürfte es überflüssig seyn , hierüber ein L 1 1 heil 
auszusprechen ; Bef. begnügt sich daher, zwei Punkte herauszu- 
heben, die ihm von besonderern Interesse zu seyn scheinen. Der 
Verf. bemerkt S. i3a, dafs die bisherige Theorie der Wärrae 
zur Erklärung der Phänomene nicht genüge-, und »die Wärme 
v höchst wahrscheinlich , wie das Licht , in Schwingungen des 
»Äthers, vielleicht auch der kleinsten Körpertheile selbst, be- 
istehe, welche bei den sogenannten warmen Körpern stehende, 
v bei der im Fortschreiten begriffenen Wärme fortschreitende 
»s*nd, so dafs demnach schallende, warme und leuchtende Kör- 
»per zu einer Klasse schwingender Körper gehören, während die 
»Fortpflanzung des Schalles, des Lichts und der Warme in 
»Schwingungen anderer Art besteht.« Bef. hat eine dieser ähn- 
liche Hypothese bereits 1829 aufgestellt, und hofft, dafs die Er- 
weiterung derselben, die in folgendem Satze liegt: alle Flüs- 
sigkeiten, tropfbare, elastische und ätherische, bewe- 
gen sich in Wellen, wenn sie auf ihrer Bahn Wider- 



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Physikalische Literatur. 105 

stand finden, den Beifall der Sachkenner erhalten werde. Wenn 
dann, nach der Analogie der Kepplerschen Gesetze, als erster 
Hauptsatz angenommen wurde, dafs die vier sogenannten 
Inponderabi I ien ähnliche, aber zugleich verschieden, 
artige ätherische Stoffe seyen, und als dritter der folgende: 
die anwägbaren Stoffe eiregen einander, oder setzen 
sich wechselseitig, nach Art der chemischen Artio- 
nen, und mit Modificationen ihrer gegenseitigen Stär- 
ke, in Thätigkeit, und liefsen sich diese drei Satze genügend 
begründen, so wäre das Ziel erreicht, alle einzelnen Naturerschei- 
nungen systematisch zu ordnen. Noch erlaubt sich Ref., zu be- 
merken , dafs der Vf. den gegenwärtig lebhaften Streit zwischen 
den Anhängern der COntact- und der chemischen Theorie in der 
Etektricitätslehre zu umgehen sucht, indem er. S. 198 die Hypo- 
these aufstellt, die Etektricität sey vielleicht das Resul- 
tat einer innern Bewegung, ähnlich derjenigen, von 
welcher die Phänomene des Lichts und der Wärme 
herrühren. Hiergegen läfst sich jedoch erinnern, dafs zwar 
die Phänomene des Lichts und ohne Zweifel einige der Warme 
auf Undulationen beruhen , aber auf denen einer ätherischen Flüs- 
sigkeit, die für die beiden genannten Potenzen nicht wohl iden- 
tisch seyn kann. Es ist blos scheinbar leichter, wenn man nur 
einen, für die verschiedenen Erscheinungen modificirten , Äther 
annimmt, weil dann die ungleich groTsere Schwierigkeit hervor- 
tritt , die eigentliche Ursache dieser Modifikation und die eigen- 
thümliche Art ihrer Wirksamkeit genügend nachzuweisen. Rück- 
sichtlich der in Schutz genommenen 1 Hypothese über das Wesen 
der Elektricität hat Ref. die Anhänger derselben wiederholt in 
Verlegenheit gesetzt, wenn er nach einer bestimmten Angabe 
fragte, wo z. B. beim Zerschmettern eines Baumes durch den 
Blitzschlag die eigentliche Ursache der unverkennbar vorhande- 
nen Thätigkeit zu suchen sey, ob in der Wolke, dem Räume, 
oder wo sonst, und was dieselbe hervorrufe. Jede Erklärung ist 
künstlicher und gezwungener, als die aus den mechanischen Ge- 
setzen entnommene. 

Tabcll arische Übersicht der * per fachen Gewichte der Kbrpnr. Ein alpha- 
betisch geordnete» Handbuch für Freunde der Naturwissenschaften, ine- 
besondere für Chemiker, Physiker, Techniker und Mineralogen, von 
Rudolph ßöttger, Docent der Physik und Chemie beim physikali- 
schen Vereint in Frankfurt am Main u. s. w. Frankfurt 1831. XU 
u. 181 8. gr. 8. 

Seit Brisson's ausführlichen und für die damalige Zeit 
buchst brauchbaren Tabellen der speeifiseben Gewichte ist kein 
eigenes Werk der Art wieder erschienen, und man behüft sich 
' mit den kürzeren Tabellen, die sieb in den Handbüchern der 
Physik , Chemie usd Mineralogie finden. Unterdefs sind viele der 
älteren Angaben berichtigt, auch neue Bestimmungen hiozugekom- 



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106 



Phy.ikalUche Literatur. 



rnen, 10 dofs olso eine abermalige Zusammenstellung des vorhan- 
denen Materials sehr zeitgemäfs war, and dem Publicum gewifs 
willkommen seyn wird Der Verf. hat die vorhandenen Quellen 
sehr vollständig benutzt, und seinen Tabellen eine bequeme Form 
gegeben, indem in vier Columnen die Namen der Korper, ihr 
spec. Gewicht, die Temperatur, bei welcher dasselbe bestimmt 
wurde (stets auf die acht zigt heilige Skale reducirt), und die Na- 
men des Beobachters oder des Referenten enthalten sind. Voran 
steht eine vergleichende Tabelle für die drei bekanntesten Thcrrao- 
meterskalen und eine Übersicht der Aräometerskalen von Beaumc 
und Beck nebst den diesen entsprechenden specih'schen Gewich- 
ten. Arbeiten dieser Art sind mühsam , insbesondere wenn man 
sieh bei verschiedenen Angaben einer Prüfung derselben unter- 
zieht, um die beste auszuwählen, und man raufs denen Dank wis- 
sen , die sich dieser Muhe unterziehen , da es wohl unbillig sejn 
durfte, zu verlangen, dafs alle verschiedenen sicheren Angaben 
auf o q C. des Körpers und auf Wasser im Punkte seiner grofsten 
Dichtigkeit reducirt wurden, obgleich dann die Aufgabe noch 
vollständiger gelosct wäre. Die vorliegenden Tabellen genügen 
auf allen Fall zur Befriedigung eines fühlbaren Bedürfnisses, und 
machen den Wunsch rege , aus der Feder eines lleifsigen Astro- 
nomen einmal gleich vollständige Tabellen für die geographischen 
Ortsbestimmungen zu erhalten. 

Unterhaltungen au» dem Gebiete der Naturkunde von Dr. F. Arago. Au» 
dem Französischen über», von Curl v. Remy. Zweiter Theil. Stutt- 
gart 1837. 292 Seiten 8. 

Ref. bezieht sich auf seine Anzeige des ersten Bandes in 
dieser Zeitschrift Jahrg. 1837. Hft. 3. S. 3oa mit der Bemerkung, 
dafs auch dieser Band lauter interessante Abhandlungen enthält, 
worunter die über die Kometen und über verschiedene bisher 
unbeantwortete Fragen im Gebiete der Meteorologie x Hydrogra- 
phie und Nautik mit Recht obenan stehen. 

Beiträge zur Aufklärung der Erscheinungen und Gesetze de» organischen 
Leben». Fon Gottfried Rein hol d Treviranu». Ersten Bande» 
dritte» Heft. (Auch unter dem Titel) Resultate neuer l'nter suchungen 
über die Theorie de» Sehen» und über den innern Hau der Netzhaut 
de» Auge». Herausgegeben nach dem Tode de» Verfaner» und beglei- 
tet mit einer Vorrede vom Geheimen- Rath» Tiedemann. Bremen 1837. 
XI I u. 109 & 8. Mit zwei Steintafeln und vier Kupfertafeln. 

Dieses ist die letzte Arbeit eines für die Wissenschaft zu 
früh verstorbenen hochverdienten Gelehrten, dessen ausgebreitete 
und tiefe Kenntnisse auf gleiche Weise Achtung geboten, als die 
Rechtlichkeit und Milde seines Charakters ihm die Zuneigung sei- 
ner zahlreichen Freunde sicherten. Wäre dieses nicht ohnehin 
bekannt, so bürgte dafür das schone Ehrendenkraal , weichet 



Physikalische Literatur 101 

Tiedcroann in der Vorrede der zwischen beiden bestandenen 
Freundschaft auf eine ruhrende Weise gesetzt hat Rel. be- 
dauert nebenbei , dafs die beabsichtigte Hevision der Tbeorieen 
über die Functionen des Ohrs nicht erschienen ist, woran der 
Verewigte durch den grofsen Aufwand von Muhe gehindert wur- 
de, den er dem Gesichte widmete. Auch dieses dritte Heft ent- 
halt Widerlegungen der ihm gemachten Einwurfe und eine ab- 
geänderte Behandlung des ganzen Problems über die Accommo- 
datioo des Auges Kit verschiedene Entfernungen, indem diejeni- 
gen Bedingungen der Construction desselben mathematisch be- 
stimmt werden, die eine solche Operation überflüssig machen. 
Mehr- hierüber ins Einzelne einzugehen ist hier der Ort nicht; 
die Acten liegen jetzt für einen künftigen Bearbeiter des Pro* 
blems sehr vollständig vor. Soviel will jedoch Ref. bemerken, 
dafs auf allen Fall hinlänglich bewiesen ist, es sey eine solche 
Adjüstirung des Auges, wie sie früher aus der Analogie mit op- 
tischen Instramenten entlehnt angenommen wurde , wegen der 
geschichteten Structur, der eigentümlichen Krümmung und der 
nach der, Mitte wachsenden Dichtigkeit der Krystall-Linse unnü- 
tbig, auch sind einige Einwürfe, welche He f. selbst gemacht hatte, 
durch Zurückführung auf die erforderliche Bewegung der Iris 
glücklich widerlegt , deren Erweiterungen und Verengerungen 
für die Erklärung des Sehens in der Nähe und in grofserer Ent- 
fernung die sorgfältigste Berücksichtigung verdienen. Einige 
scharfsinnige Bemerkungen über die Thätigkeiten der verschiede* 
nen Sinne , die der Verf. im fünften Abschnitte mit der Unter- 
suchung über das Sehen der Gegenstände in gerader Stellung bei 
verkehrtem Bilde auf der Netzhaut verbindet, verdienen sehr be- 
achtet zu werden, nur dürfen minder Erfahrene sich nicht ver- 
leiten lassen , zu glauben , als ziehe der Verf. die Gültigkeit der 
gangbaren Erklärung, wonach das Unheil über Ort, Lage und 
Gestalt der gesehenen Objekte ein erlerntes ist, in Zweifel, viel- 
mehr dient das gewählte Beispiel nur zur Bestätigung dieser Hy- 
pothese. Es keifst S. 86: »Wenn Jemand mit einer Brille vor 
den Augen erwachte, welche die Gegenstände umkehrte und die 
er nicht von sich werfen konnte , wie würde ein Solcher sich 
benehmen? — Er würde gewtfs ein sehr linkischer Aufwärter 
seyn. « Unfehlbar; ober er würde es eben so gewiPs nicht seyn, 
wenn er mit einer solchen Brille geboren wäre, und nie anders, 
als durch diese, gesehen bä'tte. Um sich hiervon zu überzeugen 
darf man nur überlegen, dafs jeder, welcher sich seit Jahren 
vor einem Spiegel rasirr, und die Mühe, die es ihm anfanglich 
kostete, sich darin zu linden, vergessen bat, nie einen' Fehlgriff 
thun, und glauben wird, die Lage der zu berührenden Stel- 
len sey die wirkliche , da sie doch die umgekehrte ist ; will er 
aber z. B. mit einer Scheere Haare an der Seite oder dem Hin. 
tei theiie des Hopfes abschneiden , so wird er bald seine Linkisch- 
heit in „Folge der Umkehrung des Bildes gewahr werden. W 7 enn 
nun eine solche partielle, mit den übrigen in Wider$pruch ste- 



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* 



108 Physikalische Literatur. 

hende, Gewohnheit so bald naturlich wird, um wieviel mehr 
mufs dieses beim Sehen im Allgemeinen, wobei die Gewohnheit 
mit dem ersten Anfange der Eindrücke auf das Auge beginnt 
und ohne alle Ausnahme und Unterbrechung fortdauert, der Fall 
seyn. Eben dieses ist dann mit noch näherer Bestimmung in dem 
8. 89 aufgestellten Satze enthalten: »dafs wir beim Gesicht nicht 
den körperlichen Eindruck empGnden, der eine Vorstellung er- 
regt (wie bei den niederen Sinnen), sondern gleich eine Vorstel- 
lung haben, die der Ursache des Eindrucks entspricht, ohne uns 
des Letzteren bewufst zu werden.« Das Ende des Werks von 
S. 91 an ist anatomischen Inhals , und betrifft den inneren Bau 
der Betina. 

I 

Betsarabien. Bemerkungen und Gedanken bei Gelegenheit einet mehrjähri- 
gen Aufenthalt* in diesem Lande. Von Dr J. II. Zucker. Frankfurt 
1834. 86 S.S. - 

Wir wollen aus Bucksichten auf den Umstand, dafs diese 
Schrift von einem deutschen Gelehrten in Bukarest geschrieben 
ist, eine Anzeige derselben aufnehmen. Die vorausgehenden Be- 
merkungen über die Moldau , Wallachei und Bessarabien , deren 
Sitten, Einrichtungen und Sprachen, werden gevtifs mit allgemei. 
nem Beifall aufgenommen werden , da sie auf Beobachtungen be- 
ruhen , die mit Aufmerksamkeit und vorurteilsfreier Unbefangen- 
heit gemacht sind , zugleich ober die Verbreitung höherer Cultur 
unter Stämmen, die so lange gewaltsam auf einer niederen Stufe 
derselben gehalten wurden , vorzügliches Interesse erregt. Die. 
Mittheilungen über das Verhalten der Pest und der Cholera über- 
lassen wir den Ärzten; was aber über die Kräfte, wodurch das 
Planetensystem in der bestehenden Ordnung erhalten wird, als 
neue Hypothese aufgestellt ist, halte füglich wegbleiben können, 
wie der Verf. bei seinem gesunden Urtheile selbst bald einsehen 
würde, wenn ihm ein Sachverständiger die Aufgaben begreiflich 
machte. Der Vf. möge nur fortfahren zu beobachten, um neues 
und allezeit schätzbares Material zu sammeln, sich aber der Ver- 
besserung bestehender und der Aufstellung neuer Thcorieen enU 
halten , was ohne genügende literarische Hülfsmittel und dadurch 
mögliches tieferes Eindringen in das gesammte Gebiet der Wis- 
senschaften allezeit eine mifsliche Aufgabe seyn wird. 

M u n c k e. 



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m 

m \t D I C I N. 

Memoire» et observations de midecine et de Chirurgie pratiques pur J, £,. 
Aroussohn, Dr. med., agregi en extreiee prd» la faculU de mid. dt 
Strasbourg. Paris et Strasbourg chez Levrault 1830. Premier fasci- 
cute. Iii) S. H. 

Die in diesem Tiefte aufgenommenen Abhandlungen sind die 
Frucht einer 1 5jährigen Erfahrung, und betreffen das Hinein- 
kriechen von Eingeweidewurmern in den Larynx und die Luft- 
röhre und dessen Folgen , einige Bruchoperationen f den Vorfall 
and die Umstülpung des Darms bei Brüchen, den Starrkrampf, 
die Anwendung warmer Waschungen von Oleum terebinthinae bei 
Verbrennungen. Sämmtliche Aufsatze sind belehrend und ver- 
dienen gelesen zu werden. 

Comptt-rendu dt la cliniqut m&dicale dt la faculte* de Strasbourg pendant 
It servict de Mr. Arons$ohn , agregi en tstreiet etc., par Mathitu 
Marc Hirtz, aidt dt cliniqut. Parit tt Strasbourg ckez Uvrault. 

1836. 112 S. 8. 

Ein- Rechenschaftsbericht, der viel Interessantes enthält und 
für den Beobachtungsgeist des Verfs. ein vorheilbaftes Zcugnift 
ablegt. Unter den nbo aufgenommenen Kranken litten neun an 
Brust Übeln, namentlich an Pleuritis, Lungenentzündung, Lungen- 
emphysem , Lungenschwindsucht, Bronchitis, Haemoptisis und an 
chronischen Herzkrankheiten. In diagnostischer Beziehung finden 
sich hier beachtungswertbe Mittheilungen, vor allem auch über 
mehrere Zeichen der Percussion , der Auscultation und der Men- 
snration in der Brustfell- und Lungenentzündung, sowie beim 
Lungenemphysem. Nicht minder interessant sind die mitgetheilten 
Falle von Pericarditis , von Hypertrophia cordis, von Cyanosis, 
von Aneurysma aortae abdominalis und von Phlebitis. 

Memoire sur la Cholerine consideret commt ptriodt dHncubation du cholera 
morbus, adretsi ä l'academie royale des srienres le 17 Juillet 1837 par 
Jules Guirin, D. M. P. Paris, au bureau dt la gazettt mvdicale. 

1837. 23 4>\ gr. 8. 

• 

Der Verf. sucht in dieser Schrift darzuthun , dafs der Cho- 
lera als Krankheit und als Epidemie immer ein Stadium ineuba- 
tionis, gleichsam eine Embryonenperiode, vorangehe, welche er 
Cholerine nennt, dafs dieselbe hauptsächlich sich als eine leichte, 
zwei bis drei Tage andauernde Diarrhöe, begleitet von einem 
allgemeinen Mifsbehagen, Neigung zu kalten Schweiften und Ohn- 
mächten ausspreche, dafs die Cholerine der erste Grad der wirk- 
lichen Cholera sey und an einem von der Krankheit heimgesuch- 
ten Orte leicht in wirkliche Cholera übergehe. Als sichere Mit- 
tel , den Übergang der Cholerine in Cholera zu verhüten , nennt 
er absolute Diät, Uly stiere aus Stärkmebl mit einigen Tropfen 



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110 



Mcdicin 



Opium , und wenn dieses nicht ausreicht, die Ipecacuanha in Bre- 
chen erregender Dosis. Wir haben gegen diese Ansichten und 
diese Vorbauungsweisen im Ganzen nichts zu bemerken , nur wun- 
dern wir uns , dafs G. behaupten bann , der Erste gewesen zu 
seyn, der auf die Cholerine in dieser Weise aufmerksam gemacht 
und sie genau beschrieben habe. Mag er in Frankreich der Erste 
gewesen seyn , für Deutschland war er es wahrlich nicht, wie 
• leicht nachgewiesen werden kann. 

Der asiatischen ürechruhr Krkenntnifs und Ihilart , von Gerhard von 
Brtuning, Dr. der Mtdicin, k. k Oberfeldarzte. Wien 1837. in 
der Mechitariiten Congregations-Uuchhandlung. 38 & 8. 

Der Verf. erklärt in dem Vorworte, in dem Zeiträume von 
i83i — i836 oft Gelegenheit gehabt zu haben, Brechruhi kranke 
und ihre Genesung unter der Behandlung des Dr. v. Vcring in 
Wien zu sehen und dessen Ansichten über das Wesen und die 
Heilmethode kennen zu lernen, welche er hier der Öffentlichkeit 
übergiebt. Die Cholera wird als eine krampfhafte, aus tellurisch- 
atmosphät isehen Veränderungen hervorgehende Zusammenschnu- 
rung der Gedärme definirt, in deren Folge, unter Blutandrang 
gegen die Uaucbeingeweide , allgemeine Lähmung entsteht. Ge- 
sunde .Menschen in noch kräftigem Alter sollen durch Hautcultur, 
ohne Veränderung der Lebensart, Kleidung und Nahrung, gegen 
die Krankheit sich schützen, wogegen bei krankhafter Beschaffen- 
heit der Unlerleibseingeweide , bei vorgerückten Jahren und bei 
Gemüthsvei Stimmung salzsaiues Chinin, Bisam und Bilsenkraut* 
extra et als Schutzmittel zu empfehlen seyen. Gegen die leichten 
Durchfälle zur Zeit einer Brechruhrepidcmie giebt er Dovcrschea 
Pulver mit Campher, nicht erhitzende rot he Weine; gegen die 
Verstopfungen Rhabarber mit Campher und Melissenwasser, auch . 
wohl Calomel mit Campher und Hheum. Bedingt ansteckend ist 
sie und zwar für jedes Alter und jedes Geschlecht. Furcht und 
Kleinmüthigkeit steigert die Empfänglichkeit für die Krankheit, 
lialte Gliedmafsen und eine ungleiche Vertheilung der Wärme 
deuten auf eine vorzugliche Autage für die Cholera. Langwie- 
rige, grofse Flächen einnehmende Hautleiden acheinen (??) gegen 
die Brechruhr sich schützend zu erweisen , Lungenkranke nur 
selten (?) davon befallen zu werden, langwierige Baue Ii leiden und 
Wechselfieber, vor allem aber Leberleidcn eine* besondere Anlage 
zu bedingen. Sumpf bewohner , die einer guten Nahrung sich er* 
freuen, glaubt der Verf. besonders geschützt vor der Krankheit, 
und beruft sich auf Mantua ; doch hat Holland im Jahr i83a — i833 
das Gegentheil bewiesen. Andauernde Wärme soll die Anlage 
zur Krankheit steigern und ihren Verlauf gefährlicher machen 
(was durch die Cholera in Schweden nicht bestätigt wird). Im 
Jahr i83i war die Krankheit in Wie» von einem vorübergehen, 
den ErgrifTenseyn der das geistige Leben vermittelnden Sphäre 
des Nervensystems, i83a dagegen von einer schmerzhaften Blut- 



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Mcdicin. 



111 



anhäuf ung in einzelnen Organen , namentlich im Gehirn , in den 
Lungen und Baucheingeweiden, 1 836 noch ausserdem von Leber, 
krampten begleitet. 

Der Heilplan soll dahin gehen, die Einwirkung der tellurisch- 
atmospharischen Veränderungen durch Umstimmung des Nerven, 
svstcms unter Belebung des Kreislaufes aufzuheben, was B. durch 
eine volle Gabe Ipecacuanha zu erreichen glaubt, die er in we- 
nigen Stunden so oft zu wiederholen räth , bis galliges Erbrechen 
mit einer Aufregung des Blutkreislaufes eintritt. Nach Umstanden 
verordnet er neben der Brechwurzel Campher, Blutentziehungen, 
Cafomel, und giebt Camphergeist mit Eiswasser, sobald die er- 
zielte Umstimmung des Nervensystems u. s. w. erreicht ist. Das 
Eiswasser reicht er so lange, als die Kranken keinen "Widerwil- 
len dagegen zeigen. Tritt dieser ein, so gestaltet er wenig ge> 
sufste aromatische Theeaufgusse. Sobald die Umstände es gestat* 
ten, greift er wieder zu Blutentziehungen. 

De phyaiologia tcnotomiac experimentii illuttrato. Cummcntatio ehirurgiea 
qua ordini medicorum gratioso academiae Georgiae Auguttae tolemnia 
hu] us VuiveraitatU littcrarum taecularia prima die XV II Sept. 1837 
agenda gratutatur Fridericu» Auguatut ab Amnion , med. Dr 
pot. regia Sas. Archiater etc. Aecedit tabula lithographica. Drcadae. 
libraria aulica IValtheria. VI u. 2 l v Fol. 

Nicht ohne Widerstreben haben die deutschen Ärzte endlich 
zugeben müssen, dafs die Arznei Wissenschaft durch die Expertmen- 
talphysiologie wesentlich gefordert worden ist; denn noch sind 
kaum zwei Decennien vorüber, dafs es gewagt war, mit Aner- 
kennung von den Leistungen Magendie's und Anderer in uusern 
akademischen Gauen zu sprechen. Dafs der Vf. niemals zu jenen 
hysterischen Söhnen Machäon's gehörte, darf nicht gesagt wer. 
den, da in dieser Beziehung seine literarischen Leistungen zeu- 
gen. A. giebt zunächst die Geschichte der Durchschneidung der 
Sehnen. Sie beginnt mit Rogerius Roonhuysen, der schon irt der 
zweiten Hälfte des 17 ten Jahrhunderts den schiefen Hals durch 
Durchschneidung des Tendo musc. sternocleido - mastoidei heilte; 
welchem Beispiele Meekren, Tulpius, Blasius und Ten Haaf folg« 
ten. Die Durchschneid ung der Achillessehne wurde zuerst durch 
Thilenius am Ende des vorigen Jahrhunderts geübt, nächst die- 
gern durch C. F. Michaelis, Sartorius , Delpech, in neuester Zeit 
hauptsächlich durch Strohmeyer, Diefenbach, Roux , Cazenave 
und verschiedene Andere, zu deren Ergänzung wir die Namen 
Scoutetten aus Metz und Stöfs in Strafsburg hinzufugen. Wir 
übergehen die Meinungen und Ansichten über die Physiologie 
verletzter Sehnen, welche der Verfl mit historischer Treue und 
genauer Angabe der Quellen auffuhrt, so dafs ihm in dieser Be- 
ziehung , um mit Hartmann zu reden , kein Mangel gelehrter Eti- 
quette vorgeworfen werden kann, und wenden uns zu den Re- 
sultaten seiner Experimente und Beobachtungen an Pferden Und 



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III 



Medicin 



Kaninchen, die folgende sind: Die Durcbscb neidung eines Tendo 
verursacht einen geringen Schmerz, niemals Krampf, dann ziehen 
"sich die durchschnittenen Enden zusammen, die obern stärker als 
die untern , wodurch eine Spalte entsteht , welche sich mit Blut 
füllt, das hauptsächlich aus dem obern Ende hervorsickert, sich 
in ein dickes Coagulum verwandelt und genau mit allen benach- 
barten Theilen sich verbindet. Hierauf schwitzt eine mehr weilse 
als gelbe plastische Lymphe aus den Wunden der Sehne , theils 
anter dem Blutcoagulum, theils aus den daneben liegenden Thei- 
len hervor, und auf der ausgeschwitzten plastischen Lymphe ent- 
stehen weifse faden- und pyramidenförmige Figuren, die ersten, 
Spuren einer neuen Sehnenmasse, welche sich miteinander verbin- 
den und dann mit jedem Tage fester werden. Diese neue Seh- 
nenmasse ist anfangs blutrotb, später blau, übrigens fester und 
dasselbe leistend wie die gewöhnlichen Sehnen, obwohl sie an- 
fangs weniger beweglich zu seyn scheint. Einen reellen Werth 
erwartet A. von der Tenfttomie in allen Übeln , die durch Con- 
tractur der Sehnen und Aponeurosen bedingt sind. 

Dissertation sur Ic pied-bot par Ch. Held, aide de cliniyuc ä la facultc 
de nusd. de Strasbourg. Strasbourg , chez Silbcrmann. 183b*. 72 S. 4. 

• 

Eine Monographie über die Verkrümmungen des Fufses, von 
welchen der Vf. vier Arten unterscheidet, den innern, den äus- 
sern, den vordem und den hintern Klumpfufs. Vom hintern nimmt 
er drei Grade an , die er als Varietäten bezeichnet. Die Ursa- 
chen, die Diagnose, die pathologische Anatomie, die Behandlungs- 
weisen Huden Erledigung. Besonders verweilt Ii. bei der Durch- 
schneidung der Achillessehne, namentlich bei der von Stöfs in 
Strafsburg gewählten Operationsmethode, die darin besteht, dafs 
ein schmales, nur anderthalb Linien breites, doppeltschneidiges 
Messer zwischen der Tibia und der Achillessehne eingeführt und 
die Haut auf der entgegengesetzten Seite nicht durchstochen wird. 
Hierauf vertauscht Stöfs das erste Messer mit einem entsprechen- 
den geknöpften bauchigen Bistouri, um sägend die Achillessehne 
zu durchschneiden, worauf er die Wunde mit dem Finger zu- 
sammendrückt , damit keine Luft hineindringe. Die Extension des 
Gliedes beginnt Stöfs gleich nach dem vierten Tage, und giebt 
ihm dann eine solche Biegung , dafs der Fufs mit dem Unter* 
schenke! einen Winkel von 70° bildet. Die Entensionsmaschine 
wird nun wärend der Nacht angelegt. Ein Fall, wo Stöfs bei 
einem 7jährigen Kinde beide Achilie«s<>hnen durchschnitt, wird 
mitgetheilt. Die Operation ist trefllich gelungen, wie Ref. aus 



der Sehnen vom Verf. gemachten Versuche an Kaninchen bieten 
der Ammon sehen Schrift gegenüber nichts Neues, daher sie hier 
weiter nicht berührt werden. 




Hey fe l d er. 



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N°. 8. HEIDELBERGER 1838 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Nachtrag %u der Recension der von Ammonischen Schrift: 
Forlbildtmg des Christenthums »t/r Wtltretigion. 

Ich erhalte so eben noch eine kleine Schrift, die sich als eine 
Kritik der oben S. 29 unter Nr. 2. angezeigten v. Ammonischen 
Schrift: über » Geistesverwirrungen des Baron von 
Uckermann«, angiebt. Leipzig bei Hartknoch. Zum Besten 
des Missionsvereins. September 1837. 

Zwei Punkte in dieser Kritik veranlassen mich, um der 
Sache willen, zu einer Beleuchtung. 

Auch Hr. v. U. stellt, wie mancher Mittelalterlich -glaubige, 
gerne die Meinung voran, wie wenn der Eid auf symbolische 
Bucher der (doch) protestantisch -evangelischen Kirche je- 
den Kirchenlehrer abhalten müfste, über Berichtigungen in dem 
Kirchenglauben , also zum Beispiel über die — im geschichtlichen 
Lauf der christlichen Kirchen unverkennbare — Fortbildung zu 
universeller anwendbaren Religionsuberzeugungen , als Schrift« 
steiler aufzutreten. Dr. v. Ammon machte darauf, wie ich oben 
S. 44 angab, aufmerksam, dafs auch Luther i5ia auf den Glau- 
ben seiner für infallibel geachteten Kirche seinen Doctoreid 
geschworen hatte, dafs er aber dennoch sich dadurch nicht von 
dem Hinweisen auf die ihm nothwendig erschienenen einzelnen 
Berichtigungen und endlich sogar von einer Reformation des Kir- 
chen prineips , oder des Wesentlichsten in der damaligen Kirche, 
abhalten liefs. 

Die anonyme Kritik erwiedert dagegen S. 11. Mit Lu- 
ther habe man sich nicht zu vergleichen, »der ja nicht Augu- 
stiner, nicht Katholik blieb, nachdem er die Wahrheit erkannt 
und bekannt hatte, sondern um seines Bekenntnisses willen jedem 
L*eid, jeder Verfolgung sich blofsst ei I te ; welcher das 
beilige Wort Gottes von Menscbenwerk reinigte, nicht Men- 
schenweisheit an die Stelle von Gottes Weisheit zu 
setzen, den verdammlichen Versuch machte.« So die- 
ser Kritiker. 

Der Sinn ist klar. Dieser und so mancher mysteriöse Kirchen- 
glaubige, der sich für protestantisch- evangelisch hält und 

XXXI. Jnhr K . 2. Heft. 8 




* ■ . • 

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114 Naehtrag «u der Kecension 

doch nur nach Autoritäten ehemaliger Schriftaualegung und Dog- 
matik evangelisch- glaubig seyn will, mochte gar zu gerne die 
Auslegungen, denen er wie einem Gotteswort glaubt, durch das 
indirekte Mittel eines zu ganz andern Zwecken geleisteten Kir- 
cheneuis als unabänderlich erhalten. Diese Autoritätsglaubigen 
mochten Jeden , welcher zeigen bann , dafs die alt- und neutesta* 
mentliche Kirche stufenweise gar vieler Glaubensberichtigungen 
bedurfte und sie auch, ungeachtet der Zwangsversuche unverbes- 
serlicher Paläologen, wegen des unwiderstehlichen Forlrückeni 
aller übrigen Kenntnisse und Geist es Übungen, all mahlig immer mehr 
in sich aufgenommen habe , zwischen die Heiligkeit des symboli- 
schen Eides und zwischen Leid und Verfolgung einzwingen und 
in die Klemme versetzen, um das Nicbtoffenbare, sondern Myste- 
riöse ihres Kirchenglaubens gegen die, welche, wie zu seiner Zeit 
Luther, selbstsehend und iu Manchem noch sachkundiger geworden 
seyn können, entweder durch ein mit dem Eid belegtes Stillschwei- 
gen oder durch Verfolgung äusserlich sicher zu stellen. Weil sich 
dieser Versuch, in Sachen der Wahrheitsliebe und Überzeugung 
auf ein Einschreiten der Gewalt hinzuleiten , auf Luthers Geschichte 
beruft, so ist es für Jeden, der gerne Luther in den Jahren sei- 
ner besten Kraft und Wahrbeitsforschung zum Vorbild behalten 
möchte, sehr der Muhe werth, dafs wir, im Gegensatz gegen 
obige Mifsdeutung des allein Gottesweisheit besitzenden Kritikers, 
das wahrhaft mustermälsige Beispiel Luther geschichtlich be- 
leuchten. 

Sobald Luther das Sittenverderbliche der käuflichen Absolution 
einsah und als gewissenhafter Beichtvater im Leben beobachtete, 
unterstellte er zuerst gegen dieses Einzelne die Grunde seiner 
Überzeugung als etwas Disputabi es der öffentlichen Diseus- 
sion. Damals glaubte er selbst noch an der Kirche Infallibi- 
lität in ihrem Glauben. Er meinte noch, der Mund der 
Kirche, die Persönlichkeit ihrer Magnaten, scblommere nur; es 
bedürfe nur einer lauten Hin wei&ung auf die Notwendigkeit der 
Berichtigung; der genug verständige Erzbischoff von Mainz und 
Leo X. selbst wurde, um tles Heils der Seelen willen, schnell 
ihr Interesse [zurücksetzen. So' lange drängte ihn sein Eid . zu 
den unterwürfigsten Bitten an die, welche zum Beachten der 
Verbesserungen verpflichtet gewesen waren. Aber dennoch fol- 
gerte er schon bei diesen ersten Schritten aus jenem Schwur auf 
die infallible Kirche nicht, dafs er nicht als öffentlicher Lehrer 
seine Beriphtigungsgründe der Prüfung von ganz Deutschland 



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von Amrooa'i Fortbildung d. ChrUtentlium«. III 

Forlegen durfte, ohne deswegen aus der Kirche, oder wenigstens 
aus dem Kirchenamt auszutreten. 

Laiher thnt sogar , was jetzt ein Kirchenlehrer als Berichti- 
ger des Kirchenglaubens nicht leicht thun wird. Er brachte die 
Grunde gegen den Ablafs vor sein« specielle Gemeinde, 
in einer Reihe von Predigten, welche Plank in seiner Reibe 
mationsgeschichte (Thu i. zweite Ausg. S. i3s ff.) mit Recht als 
bewundernswürdig auszeichnet. 

Als nun der ubel berathenc Leo X. das auf einen vertheilha- 
ren Schatz von guten Werken der Heiligen gebaute , erst blos noch 
scholastische Dogma über den Ablafs doch durch ein eigenes Breve 
für eine Lehre der infalliblen Kirche erklärte, so erschrak Luther 
tief, da Ts der Pabst selbst ihn nö*thigte, seine ir refragablen 
Decrete nicht mehr für authentische Erklärungen des. Sinns der 
infalliblen Kirche zu halten. Aber aus der Kirche oder aus dem 
Kirchenamt zu treten hielt er sich nicht ferflichtet 

Er appellirte an die Zukunft, an den »besser zu belehrenden« 
Pabst; ungeachtet freilich die Päbste und Bischoffe seit Pius IL, 
der als Aeneas Sylvias auf dem Concil zu Basel ganz anders ge- 
dacht hatte , wie Richter in eigener Sache , solche Appellationen 
an einen besser zu in formiren den Stuhlnachfolger Petri oder an 
Concilien-Entscheidung zum voraus für ketzerisch erklart hatten. 
Dennoch blieb Luther, und gewifs nicht um der Pfründe wil- 
len, die ihm entzogen werden konnte, in der Kirche, so lange 
er hoffen konnte , dafs diese durch Selbst Verbesserung ihre An* 
spräche auf (nfallibttita*t noch retten honnte. 

Auch da Hin eine päbstliche Bannbulle aus der römisch, 
gläubigen Kirche stiefs, gieng er — rechtsverständig — nur um 
den einzigen Schritt weiter, dafs er sich von der Ungültigkeit des 
pabstlich kanonischen Rechts uberzeugt und davon frei erklärte. 
Denn dies, dafs er nicht mehr unter der Jurisdiction der pa'bsU 
lichen Curie stehen hon nc und wolle , wagte er , durch sein sehr 
ernstes Verbrennen jener selbstgemachten Rechte öffentlich aus* 
zudrücken. Aber aus der Kirche überhaupt austreten zu müssen, 
folgerte er aus seinem Doctoreide und aus all jenen Vorgangen 
mit Recht nicht, weil ihm vielmehr jetzt immer lichtheller ge- 
worden war, dafs innerhalb der Kirche Christi selbst ihre Berich- 
tiger entstehen könnten and sollten- Denn eben diese Kirche 
sollte (und dtes war das Verhesserungsmiltel , auf welches er bei 
jeder Gelegenheit bekanntlich am meisten drang!) eine gewis- 
senhaftfreie 8chrifterklärung als etwa* nie abgeschlossenes, 



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116 Nachtrag su der Recension 

and die Benutzung auch anderer evidender Sacbgründe 
als eine fortwährende Pflichtaufgabe für alle Denkfähige, also als 
eine unabänderliche Pflicht betreiben. Er erbannte dies als eine 
unveräusserliche Pflicht, gegen welche also auch die Kirche selbst 
niemand anders verpflichten oder vereidet denken dürfe. Er sah 
ein, dafs jeder Eid nicht wider eine zum voraus unauflösliche 
Menschen- und Christen. Pflicht verbindlich- machen könne und 
dafs wer dieses fordern zu dürfen meinte , nur sich selbst täu- 
sche. Er sah ein, dafs der Doctor- oder der Kirchencid nicht 
diesen zum voraus unerlaubten Zweck haben dürfe, wohl aber 
die gute Absiebt habe, dafs Berichtigungen nicht auf eine lärmend 
polemische Weise an die Gemeinden gebracht werden sollen, bei 
welchen fafsliche Überzeugung und Erbauung die Hauptaufgabe ist: 

Somit war aber freilich aufgenöthigt und anerhennbar genug 
geworden, dafs das Princip der christlichen Kirche nicht mehr 
ein Glauben an ihre Infallibilität, vielmehr ein Prote- 
st i r e n gegen die übermenschliche An mafsung und 
Selbsttäuschung derer seyn müsse, die ihre Auslegungen und 
meist nur schlolastische Verkunstelungen des Christenglaubens 
durch ausserliche Mittel von Verträgen, Eiden und Vortheilen 
als das zum Seligwerden und zur Gleichheit in Staatsrechten un- 
entbehrliche Infallible sicherstellen wollen. 

Die unvermeidliche Noth wendigkeit der Umände- 
rung, nicht etwa blos einzelner Dogmen, sondern des Prin- 
eips der Christus würdigen Kirche wurde jetzt an sich klar. 
Es wurde aber auch bald auf dem Beichstag zu Speyer 1539 
durch das directe Gegentheil , durch den Gewaltversuch , Lehr- 
einsichten durch Stimmenmehrheit gebieten und verbieten zu dür- 
fen , so augenfällig gemacht, dafs auch die Begenten und ihre 
Rathe (am hellsten der mannhaftverständige Canzler Pontanus) 
ihre Protestation gegen jenes noch immer aus dem Glauben., an 
Kircheninfallibilität abgeleitete Unrecht rechtsgültig machten. Eben 
dadurch aber erklärten sie, wie Luther, durchaus nicht , dafs 
sie aus der Kirche treten, vielmehr dafs sie durch die Wegräu-. 
mung des ubermenschlichen Princips desto fester in der durch 
sich selbst verbesserlichen Kirche Christi zu stehen 
gedächten. Auch war deswegen bei weitem uicht ein blofsea 
Negieren, wie man so gerne vorgeben möchte, das Princip 
ihrer protestantisch- evangelischen Kirche, sondern zugleich das 
affirmativste, gewissenhafte Freigeben und Aufmuntern aller für 
Verbesserung dienlichen .äussern und innern Überzeugungsmittel. 



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von AramoQ « Feribildung d. Chri»(en(hiirot. 11? 

• 

Die Protestation gegen alles Gebieten gewissenhafter Lehr- 
überzeogangen war und ist rechtlich. Denn nur Gegenstände des 
äussern Bechts und Eigenthums können durch Stimmenmehrheit 
der Bevollmächtigten auf eine Zeitlang gesetzlich bestimmt wer- 
den, weil sie die Mehrheit am meisten betreffen, eine schädliche 
Unentscbiedenheit nicht lange gestatten , und den Schutz der Mehr- 
heit für sich haben müssen. Selbst von Gegenständen der histo- 
rischen , medicinischen , naturforschenden , cameralistischen etc. 
Intelligenz aber meint Itein Verständiger, dafs sie an sich durch 
Auctorität entschieden werden dürften. Wie viel weniger sollten 
theologische Auetoritaten meinen und sich so betragen , wie wenn 
über Gegenstände einer unsichtbaren Welt und der Religiosität, 
als des Bestrebens, dem müglichbesten Nachdenken (der Religio) 
gemats mit Gott und allen guten Geistern in Harmonie zu stehen, 
ihre vererbten Auslegungen das Gottes wort selbst und nicht im 
besten FalJ ein gewissenhaft erforschtes Menschenwerk wären. 

Das zu Speier 1529 förmlich geschehene und selbst dem 
übermächtigen Kaiser gegenüber gestellte Protestiren gegen Auf- 
nöthigung einer Machtentscheidung , welche von dem Princip der 
Infaüibilität der Kirche ausgieng, bewirkte den im nächsten Jahre 
darauf folgenden Reichstag zu Augsburg. Das Princip, die Kirche 
und folglich- auch ihre Vorstände nicht wie infallibel zu den- 
ken, steht deswegen an der Spitze des Augsburgischen, nur 
protestantisch- evangelischen Bekenntnisses, zwar nicht wört- 
lich, aber als eine unmittelbar vorher eingetretene, allbekannte 
Voraussetzung. Auch war ja diese den praktischen Mifsbräuchen 
und denen zu ihrem Schutz erdachten Dogmen widersprechende 
Confession der evangelischen Überzeugungen durchaus ein Ver- 
such, ob die bestehende Kirche bewogen werden könne, sich als 
durch sich selbst verbesserlich , also nichtinfallibel , zu betragen. 
Daher die Versuche, wie weit man einander verständigen und in 
Güte übereinkommen konnte. 

Luther selbst, von dem Coburger Schlofs aus das diplomati- 
sirende Hin- und Hertreiben und Accordirenwollen der Versam- 
melten unter dem Bilde der seine Burg umflatternden Dohlen und 
Krähen (s. den höchst launigen i2o5ten Brief im Bd. IV. der de 
VVette'schen Sammlung S. 7. 8.) scharf beobachtend, erklärte 
immer nach seinem Scharfblick als zum voraus gewifs, dafs 
die noch Mächtigeren jene Infallibilität auch nicht einmal factisch 
durch Selbst Verbesserungen aufgeben würden. Der conciliatori- 
•che Melanchthon zwar >otirte noch \53j zu Smalcaldcn , dafs 



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218 Nachtrag zu drr Recension 

■ 

demPabst, wenn er das Evangelium [nämlich das protestan- 
tisch selbst zu erforschende Heilbringende desselben] zulassen 
wollte, um Friedens und gemeiner Einigkeit willen der Chri- 
sten, die unter ihm seyn möchten, seine Superiorität über 
die Bischof Ti.' jure humano zulassen konnte. Luther aber 
sab immer gleich scharf, dafs man sich mit unerfüllbaren Glau- 
sein und Bedingungen (von einem protestantischlreien Zu- 
lassen der evangelischen Kirchenverbesserlichkeit) der die Infalti- 
bilitär behauptenden Hierarchie gegenüber nicht selbst täuschen 
dürfe. Dennoch trat er nicht aus der Kirche, sondern nur aus 
dem Infallibilitntsglauben derselben. Ja, weil Oberhaupt jedem 
Pro und Contra bis zum Entschiedenwerden der Überzeugung 
Zeit und freier Mittheilungswechsel das nöthigste ist , so suchte 
Luther selbst nur den äussern Frieden, als ruhigen Selbstbelth. 
fttngszustand , zu erhalten. Sogar wollte er, so unwahrscheinlich 
es war, nicht einmal die Möglichkeit, durch ein freies Concilium 
ächte Verbesserungen und also das factischc Zogeständoifs der 
Nichtinfallibilität der Kirche zu erhalten, nicht zum voraus ab- 
schneiden. Was ist geschichtlich demnach klarer, als dies, dafs 
wer immerfort nur durch offene Darlegung der Gründe eine 
Fortbildung der protestantischevangelischen Kirche fördern will, 
gewifs in Luthers Fufsstapfen steht. 

Erst als das Trienter Cnncil nicht nur auf dem Princip der 
Infallibilität dogmatischer Autoritäten als Richter in eigener Sache 
beharrte, sondern sogar durch unzählige Anathema's das den fehl- 
baren Allen menschlich- noth wendige protestantische Princip der 
gewissenhaft frei zu suchenden Verbesserlichkeit von sich stiefs, 
— erst alsdann war es nothwendig, nicht etwa aus der Kirche 
zu treten , sondern vielmehr eben dadurch in der Christuswurdi- 
gen Kirche zu bleiben, dafs man dieser die Unabhängigkeit von 
politischen sowohl als von doctrinären gebieterischen Autoritäten 
auf jeden solchen Fall vindicirte, wo durch Fort gebrauch dea 
Nachdenkens und erweiterter Kenntnisse, neben aller Achtung dea 
Gutwollens derselben, ihre zur Zeit scheinbar gewesene Auslegung 
des Goltlichwahren als unrichtig zu erkennen ist. Denn nicht um 
das Göttlichwahre, welche nie unmittelbar bekanntwird, sondern 
um ihre eigentümliche Auslegungen und Theorien über dasselbe 
dreht sich ja doch als der Streit der Autoritäten gegen ächtpro- 
testantische Selbstuberzeugung. 

Diesen gsnzen, für uugehemmte Fortbildung auch in allen 
andern Fächern so heilsamen Entwicklungsgang des Protestantia- 



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too Amnion« Forlbildung d. ChriMenthurai. 11» 



miM oder der Denkmittheilungsfreiheit lief* nach allem diesem 
Luther weder durch einen geschwornen Doctors- oder Kirchen, 
eid hindern, noch andererseits durch Aufnöthiguog unreifer 
Verbesserungen übereilen. Auch gegen Übertreibungen des Pro- 
testantismus soll eben derselbe , wie Luther gegen Carlstadt und 
Münzet* , protestantisch, das ist, nur durch Grunde überzeugen» 
wollend, sich beweisen. Aber ebendeswegen mufs die Freiheit, 
Verbesserungen vorzuschlagen und die Überzeugung dafür durch 
Gründe reif zu machen, immer neben der Pflicht, das Gute in 
dem Bestehenden anwendbar hervorzuheben und das Ue.sser schei- 
nende nicht durch Störung der zum Prüfen nöthigen Buhe zu 
entweihen, gleichen Schritt einhalten dürfen* An einen papiernen 
Pabst , an vielköpfig wechselnde ConsistoriaUDictatus oder sogar 
an eine epishopalische Cäsaropapie gebunden zu seyo, wäre für 
die praktische Intelligenz oder Übei zeugungstreue schlimmer als 
selbst die Hingebung an einen doch ins Leben hineinblickenden, 
für nahe und entferntere Umbildungen doch nie ganz unzugäng- 
lichen kirchlichtheolngisch unterrichteten Atieinregenten, der die 
preeäre Fortdauer der Stabilität seines Stuhls einzig durch kluge, 
wenn auch nur im Stillen sich verwirklichende Nachgiebigkeiten 
wahren zu müssen wohl einsieht und sich nur selten — zum 
Beispiel durch antihermesisebe Lehrverdammungen — zu com- 
promittiren verleitet werden kann. 

Nicht nur aber Luthers Doctoreid, sondern auch jeder erst nach 
dem Religionsfrieden von i555 (wie Dr. Johansens Untersuchung 
der Verpflichtung auf symbolische Bücher, Altona i833. am be- 
sten gezeigt hat) , eingeführte Kirckeneid hob das Princip des Pro- 
testantismus nicht auf, welches auf der einen Seite das Becht, 
für Verbesserungen Überzeugung erwecken zu dürfen, sichert, 
auf der andern aber die Pflicht, durch dos Dissentiren die zum 
Benutzen des Festbleibenden nöthige Geroüthsruhe und ächte 
Glaubenszuversicht nicht zu stören einschärft. 

Eben dies ist auch jetzt um so möglicher, weil das Vorur- 
theil, nur durch das Glauben schwer durchforschbarer , meist nur 
aus Vertrauen auf die Lehrer festgesetzter Dogmen selig zu wer- 
den, ohnehin schon fast überall der Gewifsheit gewichen ist, dafs 
nur das allen mögliche redliche und tbätige Glauben wollen des 
Glaublichen vor dem Allwisseoden als BechtschafTenhcit (tfixaio- 
avvrj $eot>) gelten könne. 

Auch die Kritik gegen Dr. v. Ammon hätte deswegen, wie 
jede andere, dabei ruhig stehen bleiben sollen, dafs nur Die, 

* 



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120 Nachtrug zu der Kecension 

welche durch lärmende Aufregungen über doctrinäre Denk- and 
Glaubensfragen in den Gemuthern und im Äussern Unruhe stiften, 
dem rechtlichen Zweck der Kircheneide entgegenhandeln. Ist es 
doch in Wahrheit, und wenn man sich aufrichtig vor Gott prü- 
fen will , nicht das über alles Mifsverstehen ofienbare Rechtwol- 
len Gottes, sondern immer nur Menschen Weisheit , welche 
ihre Schriftauslegungen und ihre oft sehr falsch rä'sonnirende 
Spekulationen und Hypothesen, am Ende also nur ihre eigene Au- 
torität und Rechthaberei gegen die Weisheit anderer Mitmenschen 
dadurch durchsetzen will, dafs sie dieselbe gar zu gern entweder 
zum Stillschweigen vor der neuen antiprotestantischen Infallibili- 
tät, oder zu I>eid und Verfolgung verdammt sehen 
mochte. 

Ein zweiter Punkt in der Kritik betrifft unmittelbar den 
Recenseuten. Und ich würde ihn nicht beleuchten, wenn er nicht 
zugleich mein Überzeugungssystem mißverstünde. 

S. 19 sagt: »Paulus, der Vertheidiger der Gutzkow« 
sehen Sinnlichkeitsreligion, nennt sich selbst einen Denk- 
glaubigen, es kann mithin kein Schimpf*) seyn. Einen 
Widersinn aber enthält dieses Wort gewifs, da Glauben ein 
unmittelbares. Denken ein mittelbares Fiirwabrhalten bezeich- 
net, mittelbare und unmittelbare Überzeugung aber sich noth wen- 
dig ausschliefen. « 

Vorerst, was die Sache allein betrifft. In unserer nicht 
nur theologisch, sondern auch philosophisch mysteriösen Zeit soll 
logikalisch geordnete Verstandesbildung und verständige Dorste!- ■ 
lung, das ist, eine geregelte Übung, sich und andern von seinen 
Begriffen und Ideen klare Rechenschalt geben zu können und 
nur durch vereinten Gebrauch aller rationalen Gemüthskräfte zu 
rationalisii en , für nichts anderes, als für einen verrufenen, ja 
verschollenen Überrest der Aufklärerei des verflossenen, von vie- 
len nur allzu wenig gekannten Jahrhunderts gelten. In dieser 
Zeit könnte vielleicht ein so dreist und dunkel hingeworfener 
Wortklang : Mittelbare und unmittelbare Überzeugung müssen 
sich ausscbliefseo ! aovielen wortglaubigen Zeitverwandten wie ein 



•) Data Baron v. Uckertnann dadurch einen Schimpf aussprechen wollte, 
dafs er behauptete, Paulus habe den Ausdruck Dcnkglaubi gkeit 
erfunden, um vollends alles unter einander su wirren, 
übergeht der Vertheidiger. — Meinetwegen immer ! Ich bemerke 
st nur, um v. Aramon's Citatloo zu rechtfertigen. 



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von Aiumon i Fortbildung d. Chrittenthunit. 121 



Axiom tönen. Und doch ist er nur Schall. Ist denn das religiöse 
Glauben etwas, das ohne Mittel, etwa wie eine Inspiration, ent- 
steht? Wie sehr spricht Rüm. 10, 17. dieser magischen Mystification 
entgegen! Der Kritiker selbst ist nach seiner Fürsorge für das 
(doch wohl mit dem Tractä'tcbens - Unwesen verbündeten?) Mis- 
sionswesen , wahrscheinlich ein Mann, welcher durch seine »be- 
fühle«, durch sein modisch sogenanntes »christliches BewuTst- 
seyn« in unmittelbarer Überzeugung von (seinem) Christen- 
thum zu leben sich beredet. Es sey ! Aber wenn er von eben 
diesem seinem Christentum doch zugleich auch gewifs zu seyn 
behauptet, dafs es das Christenthum Jesu Christi gewesen sey, 
so bedarf er einer von so vielen historischen , kritischen und phi- 
losophisch methodologischen Mitteln abhängigen, also sehr 
mittelbaren Überzeugung. Wir- wollen ihm Anwendung aller 
dieser Mittel zutrauen. Aber wo bleibt alsdann sein Axiom, dafs 
mittelbare und unmittelbare Überzeugung nothwendig sich aus- 
schliefsen? Wohl ihm, wenn er sie beide nebeneinander 
hat ! Alsdann aber kann doch wohl auch der Denkglaubige beide 
nebeneinander haben und in sich vereinen ? 

Hoffentlich aber mit geprüfterer Zuverlässigkeit. Denn durch 
Gefühle kann man wohl unmittelbare Überzeugung von dem 
Wohlbefinden haben, welches unser Glauben in uns verbrei- 
tet. Aber beweist denn solches Wohlbefinden auch die Wahr- 
heit des Glaubensinhalts? Haben sich nicht Millionen bis zum 
Enthusiasmus, bis zur Selbstaufopferung wohlbefunden durch ein 
unmittelbares Glauben an Götter oder Gottheitsvorstellungen, 
weiche auch unser Kritiker für Aberglauben zu halten sich wohl 
nicht erwehren kann. Wollen wir in Begriflen und den dafür 
unentbehrlichen Worten genau seyn, so sind es »Gefühle«, die 
durch die fünf Sinne uns von äussern Wirklichkeiten ge- 
wifs machen , wenn wir unter diesen Wirklichkeiten das verste- 
hen , wes in unsern sinnlichen Vorstellungen (sich uns auf not h igt 
und doch nicht Wirkung des Vorslellungsvermogens selbst seyn 
bann. Durch Gefühle werden wir also des sinnlichen Da- 
seyns Lew u Ist. Aber von dem Seyn Gottes können wir nie durch 
Fühlen geviifs werden, weil ein Ideal nur im Denken ange- 
schaut und seine Existenz nur durch Schlüsse über seine 
Noth wendigkeit uns alsdann gewifs werden kann, wenn wir sein 
Nichtseyn als etwas, das gar nicht zu denken ist, einsehen. 
Aus diesem Denken des Ideals als des Vollkommenseyenden , ent- 
stehen dann »Empfindungen«! nämlich der Bewunderung , der 



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122 Nachtrag zu der Keccnaion 

Verehrung, des Vertrauens etc., welche aber nicht, wie die 
Gefühle, aus einer sich aufnothigenden Wirklichkeit ent- 
stehen. Empfindungen entstehen nur aus Ideen und Begrif- 
fen. Sie sind nur Wirhungen der Vorstellung , können die Wahr- 
heit der Vorstellung vertrauend (= glaubig) Toraussetzen , aber 
an sich nicht beweisen. Vielmehr können die Empfindungen, 
dafs man sich wie begeistert dadurch wohlbefinde, sehr täuschen, 
je nachdem die Idee, woraus sie entstehen, eine nicht von Irr- 
thura — durch Denkglauben — gereinigte ist. 

Und dies gerade ist der Punkt, auf welchem der Verein 
von Denken und Glauben, das heifst, Denkglaubigkeit 9 
als so nolhwendig erscheint. 

Wir wollen den Kritiker nicht einmal dabei festhalten, dafs 
er selbst sich gewifs schämen wurde, ohne Denken je geglaubt 
zu haben. Glauben ist jedesmal ein Fürwahrachten aus Ver- 
trauen. Wer aber würde sich nicht schämen, vor seinem eige- 
nen (wenngleich verdammlicbert ?) Verstände sich schämen, wenn 
er ohne Gründe des Vertrauens, das heifst, ohne Den- 
ken, vertraut hätte. Gesetzt auch, dafs unser Kritiker nur aas 
unmittelbar scheinenden Gefühlen christlich glaubt , so müßte er 
sich entweder eines sehr unbedachtsamen Vertrauens schämen, 
oder er mufs gedacht haben, warum und wie weit er Ge- 
fühlen zu vertrauen habe. Und selbst diese Gefühle, wenn sie 
nicht sinnlich, sondern unmittelbar aus geistiger Anschauung des 
göttlichen Ideals entstehen, sind alsdann, richtiger betrachtet, 
geistige Empfindungen, welche nur insofern aus dem Wah- 
ren fliefsen, als das Ideal durch prüfendes Denken als ein rein 
wahres zu erkennen ist. 

Der Kritiker scheint sich überhaupt noch gar keinen Begriff 
von dem Wesentlichen der Denkglaubigkeit erworben zu 
haben. Er ist wahrscheinlich noch in dem Fall jenes speculativen 
Dogmenkünstlers, welcher einst einmal witzig zu seyn meinte, 
da er in der Vorrede zu seiner speculativ- wissenschaftlichen 
Dogmatil* 1827 schrieb: »Der Den kg laubige ist ein Mann, 
der zu glauben denkt, und zu denken glaubt, wo es aber mit 
beidem = o ist!« Ebenderselbe, dem ich kein Wort antwor- 
tete, hat ir.defs als speculativer Leichenredner eines zweiten Chri- 
stus bewiesen, dafs Denkend - glauben besser wäre als jede An- 
strengung, einen Meinungsglauben in speculative Terminologien 
umkleiden und als überschwangliche Weisheit apotbeosiren zu 
wollen. Denkglaubig ist, wenn wir jene Witzworte nach der 



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von Amnion'* Fortbildung d. thristenthuma 



153 



Wahrheit parodiren , vielmehr Der, welcher prüfend den kt, 
um richtig glauben zu können und t hat ig glaubt, Wll als 
glaubwürdig zu denken ist. Und eben diesea möglich beste 
Denken und Befolgen des Glaublichen ist der Weg, von jeder 
menschlich erkennbaren Wahrheit gewifs zu werden. 

Wir hoffen dem Kritiker gegenüber das Geheimnifs 
der Denkglanbigkeit durch einige Hauptmomente wenigstens 
so weit offenbaren zu können , dafs in derselben nicht nur keiue 
innere (schimpfliche) Contradiclion , sondern vielmehr ihre Grün- 
dung auf die einzig möglichen menschlichen Mittel der Wahrheits- 
entdeckung zu erkennen ist. 

Sehr falsch ists, wenn häufig der Unwissenheit der Meinungs- 
glaubigen vorgesagt wird, der theologische Rationalismus 
wolle (etwa wie der philosophische Intellectualismus und Ideismus) 
alles durch Schlüsse, sogar durch die blofse Logik, entdecken. 
Deswegen sey er eine langst widerlegte, eine verschollene Ein- 
seitigkeit. Die für irgend einen Rationalismus menschlicher Kennt- 
nifsfacher überhaupt anwendbare Rationalität besteht als Basis 
des Rationalisirens vielmehr aus allen dem Menschen eigenen 
Vermögen, wodurch er über die wahren Verhältnisse (rationes) 
seiner Vorstellungen wissend d. i. gewifs zu werden sich bemühen 
kann. Erst der tüchtige Gebrauch aller dieser Vermögen giebt 
dem Bewofstoeyn , das an sich leer und nur auf sich selbst ge- 
richtet ist, den Inhalt, um ein rationales und ein christliches 
Bewufstseyn zu werden. 

Die Den k glaubig keit, welche alle diese Mittel gebrau- 
chen will, um über das Wahre der Religiosität nach den 
vielerlei Gestalten und Erscheinungen derselben gewifs werden 
zu können, beginnt, so verwunderlich dies den Meinungsglaubi- 
gen scheinen mag, in der That vom Glauben. Mag man die 
Denkglaubigkeit noch so oft des Unglaubens verdächtigen wollen! 
— sie geht aus vom Glauben, ja von einem sine qua non des 
Glaubens, nämlich von festem Vertrauen auf die Gesammtheit 
jener in Wechselwirkung stehender Vermögen aller rationalen 
Menschenkinder. Wahres kann dem Menschen entweder gar nicht 
oder nor durch diese gewifs werden. Kann denn , selbst wenn 
ihm etwas aus höherer Mittheilung geofTenbart würde, kann es 
ihm anders als vermittelst dieser Gesammtheit seiner Vermögen 
offenbar werden? 

Aber ebendeswegen ist mit diesem Glauben an sich 
selbst sogleich das Denken verbanden. Es ist selbst ei« 

* 

• f 
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124 



Nachtrag zu der Receoaion 



oes der zu stufenweiser Gewifsheit fuhrenden Vermögen. Es 
wird sogleich durch des Menschen Glauben an sich selbst zum 
Wirken auf sich selbst und alle übrige Gemüthsvermogen Jmit 
aufgefordert Wir können hie von das Nöthigste in Abstufungen 
andeuten. 

Gefühle durch die Sinnesorgane sind das erste Ob- 
ject dieses rationalen Glaubens. Sie sind es allerdings, die uns 
äusserer sinnlicher Wirklichkeiten (nie aber des Nichtsinnlichen) 
bewufst machen. Aber sogleich und nothwendig sind sie mit dem 
Denken verbunden, selbst in den Feinden der Denkglaubigkeit. 
Ist es nicht das Denken, welches die Gefühlsvorstellungen in 
Begriffe verwandelt ? Mufs es nicht beurtheilen , ob das Gefühls- 
vermögen gesund und vollständig im Auffassen sey? Mufs es 
nicht urtheilend verhüten, dafs nicht dem, was im Gefühl war 
und dadurch wahr ist, gar zu leicht ein Meinen, so wie wenn 
es auch gefühlt wäre, unterschoben wird? Für das Gefühl läuft die 
Sonne. Wer nicht mehr behauptet als dies: für mich als Sehen- 
den läuft die Sonne! dor spricht wahr. Aber das vermeint- 
liche Urtheil über die Ursache jenes Sehens ist Jahrtausende 
lang, und bekanntlich auch im Kirchenglauben, wie ein Gefühl 
behauptet worden. Nur der Verein des Denkens mit dem Glau* 
ben an das Gefübl hat endlich klar gemacht, io welchem Sinn 
das Gefühl eines Jeden, und doch auch zugleich Galilei recht hat. 

Wir wenden uns zum zweiten Hauptmoment. Das Bewufst- 
werden Unser selbst als der innersten, eigensten Wirklichkeit, 
sollte nie Gefühl genannt werden, weil es unmittelbar, und nicht 
durch Gefühlorgane, entsteht. Wir glauben — der unmittelbaren 
Selbstbeobachtung. Aber wie leicht glauben wir unrichtig , wenn 
nicht auch hier Denken und Glauben ungetrennt miteinander wir- 
ken. Träume, Visionen, plötzlich einleuchtende Gedanken-Inspi- 
rationen sind Jahrtausende lang wie gefühlt zum Bewufstseyn ge- 
kommen. Weil man sie so, wie Gefühle, für etwas auswärts- 
her aufgenüthigtes hielt; weil der Aufgeregte sich nicht bewufst 
war, selbst die Ursache davon zu seyn; so hat das so schätzbare 
und oft so nothige Vermögen , sich Möglichkeiten wie anschaulich 
vorzuhalten, die Phantasie, das vermeintliche Urtheil: Jene 
fühlbaren Zustände müssen anderswoher, also von guten oder 
bösen Dämonen verursacht seyn! so lebhaft mit eingeschoben, wie 
wenn es, und also auch die Existenz einwirkender Dämonen, 
unläugbar t "gefühlt wäre. Was anderes aber als die allmälig aus 
der Unterdrückung zum Wort gekommene Denkglaubigkeit des 



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von Amnion s Fortbildung d. ChrUtcnthums. 125 

V 

jetzt oft mifskannten vorigen Jahrhunderts hat das Gefühlte von 
der vermeintlichen Glaubens -Zuthat der phantastischen Schein- 
artheile so gereinigt, • dafs die Besessene nicht mehr den kirch- 
lichen Exorcismen verfallen, sondern dem Irrenarzt zuzuweisen 
sind und dafs, wenn Dr. Eschenmeyer veröffentlicht, wie er stun- 
denlang auf den Hnieen betend einen nach einem Kaiserthron in 
der Holle begierigen Rakodäraon zu bekehren umsonst sich ab- 
gemüht, aber dabei sogar den Obersten der Satane selbst als 
Gegen kämpfet- herbeigezogen habe , er sich dadurch , über alles 
Lächerliche hinaus, nur als roitleidsbedürftig darstellt 

So hat das Denken, als verständiges BeurtheilungsvcrmÖgen 
auf das, was aus den Vermögen des Fühlens, der unmittelbaren 
Selbstkenntnifs und der Phantasie kommt, zu Abhaltung der Fehl- 
urlheile (des Pseudorationalismus) gewirkt, und das, was diese 
Vermögen uns in Wahrheit geben, gereinigt Denn nur der be- 
standige Verein von Glauben und Denken gewährt »Erfahrung« 
= Scheidung dessen, was wirklich ist, von unterschobenen 
Scheinursachen. 

Das dritte Hauptmoment ist für die Religiosität das wichtig- 
ste. Aus dem Vermögen , das, was um der Vollkommenheit wil- 
len werden soll, klar und idealisch zu denken, das ist, aus der 
vom Verstände wohl zu unterscheidenden Vernunft fliefst vor- 
erst die reine Rechtschaflenheitslehre (Ethik). In eben diesem 
Vermögen aber, wodurch das Ich Vollkommenheitsideen denkt, ist 
auch die Möglichkeit, Gott als ein vollkommenes Wesen zu den- 
ken und dadurch die Gewifsheit , dafs ein vollkommenes Wesen 
nicht anders als vollkommentlich seyend zu denken ist , gegrün- 
det Dieses idealische Vermögen , die Vernunft , zeigt demnach 
der Religiosität nicht nur das ächte Mittel der Gottverehrung, 
die Geistesrechtschaftenheit , sondern sichert ihr auch die denk- 
nothwendige Überzeugung von ihrem übermenschlichen Object, 
von einem wahrhaften Gott. Durch sie hat die Religiosität, als 
das denkende Wollen, mit dem vollkommenen Wesen in geisti- 
ger Harmonie zu seyn, vorerst das Ideal und dann Gewifsheit 
von dem vollkommenen Seyn desselben durch die Undenkbarkeit 
seines Njehtseyns. Denn wie wäre ein Nichtseyn als »Inbegriff 
aller Vollkommenheit denkbar? Das von der Bibel vorausgesetzte 
Glauben des göttlichen Seyns ist demnach nur durch die Denk- 
glaubigkeit, d. i. durch Vereinigung des Vernünftigdenkens mit 
dem Glauben zu begründen. 

Rein aber wird alle Religiosität nur, wenn nicht In Vollkom- 
menheiten , wie nur allzu olt geschieht, unter dem Schein von 



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126 Nachtrag zu der Receniion 

• 

Vollkommenheitsideen in eben das Wesen bineinphantasirt wer- 
den, mit welchem der Religiöse um der Vollkommenheit willen 
in Harmonie stehen soll und will. Daher mufs, wie alles Ge- 
fühlte, geistig heobachtete und als möglich phantasirte, so auch 
jede Vollkommenheitsidee dem Denken als der Urtheilskraft zur 
Prüfung, ob es in Wahrheit in die Classe der Vollkommenheiten 
su setzen sey, untergestellt werden. 

Weil dann — und dies ist das vierte Hauptmoroent — Voll, 
kommenheiten nicht ohne Empfindungen des Bewunderns u. 
s. w., wie schon oben bemerkt ist, betrachtet werden können, 
so entstehen nun, wenn die Vermögen der menschlichen Ratio, 
nalität bis dabin zusammenwirken, allerdings die lebendigsten, be- 
geisterndsten Empfindungen aus den uns erreichbaren Vollkom- 
menheitsideen , das ist, aus dem Vernunft vermögen. Aber rück- 
wärts können die Empfindungen nicht die Wahrheit der Idee be- 
weisen. (Es giebt Empfindungsgedichte über Mohammed, wie 
sie nie mit mehr Begeisterung von Christen empfunden und ge- 
dichtet wurden. Und mit dem Aberglauben, als Schein Vernunft 
oder Phantasieproduct sind oft die überwiegendsten Empfindungen 
wirksam gewesen.) Die Empfindungen selbst vielmehr müssen , 
wie die Ideen, dem ürtheils vermögen vorgebalten werden, wo- 
durch das von dem Allvollkommnen nur scheinbar denkbare (das 
Pseudorationale transcendenter Phantasiebilder) weggeräumt wird. 

Mehr als die Hälfte der Unrichtigkeiten in theologischen und 
religionsphilosophischen Systemen entstand und erhält sich nur 
dadurch, dafs NichtVollkommenheiten auf Gott ubergetragen und 
um der daraus entstandenen Empfindungen willen geglaubt (=3= im 
Vertrauen — nicht auf Gottes Wort, sondern — auf die Aua- 
deuter wahrgeachtet) werden. 

Die letzte Stufe deswegen ist , dafs die Denkglaubigkeit sich 
selbst die Frage macht, ob sie, da sie, als Vernunft, von dem 
Seyn des vollkommenen Wesens gewifs isj und in dessen Vereh- 
rung durch das rechtschaffene Streben nach wahrer Vervollkomm- 
nung selig zu seyn empfindet, sich selbst auch zu erklären 
vermöge: auf welche Weise der gewifs-seyende All vollkom- 
mene wirke? Und hier ist die einzig mögliche Antwort! So ge- 
wifs das Seyn des Allvollkommnen ist, und so gewifs er also auch 
in vollkommener Weise wirkt, so gewifs ist es auch, dafs wir, 
die Nicht vollkommenen, die Art seines Wirkens, gerade weil es 
ein vollkommenes seyn mufs, nicht in unsre Begriffe fassen kön- 
nen. Auf dieser Stufe des vernünftigen Wissens von dem Seyn 
des Vollkommenen wird demnach die Oberzeugung, dafs er auf 



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* 



tob Amnion'. Fortbildung d. ChrUteuthuns. 1 27 

m 

vollkommene , aber für uns anerkennbare Weiae sey und wirke, ein 
— Glauben, das ist, ein aas Vertrauen auf die Vernunftgewifs- 
heit von dem Vollkommentlich - seienden fliefsendes Wahrachten. 

Nur annäherungsweise wissen können wir, dafs jenes roll, 
liommene Wirken gewifs nicht weniger als unser vollkommenstes 
seyn kann. Dies aber ist unsre Geistigkeit =c unser Wissen und 
Wollen, worin wir ? aber durch ein oft unterbrochenes Bewufst- 
seyn , leben. Das Äasserste unsrer religiösen Gränzlinie ist daher - 
das ä'chtcbristliche : Gott ist ein tfeist! ein vollkommener Geist, 
der nie ohne vollkommenes Bcwufstseyn, nie ohne vollkommenes 
Wissen und Wollen und Wirken seyn kann. Und so schliefst 
sich das möglichbeste Wissen und Empfinden des Denkglaubigen 
im Vernunft-Glauben , wie es überhaupt in allem Wifsbaren vom 
Glauben an seine zum Wahrheit-Entdecken stufenweise tüchtigen 
Vermögen ausgeht. Bis zur Vernunftge wifabeit steigt die 
Überzeugung , dafs das Vollkommendenkbare vollkommentlich ist 
(perfecta modo existit). Vernunft glauben aber müssen wir 
es nennen, dafs eben das Vollkoramenseyende, wissen wir gleich 
nicht wie? — unendlich weit mehr ist, als wir zu wissen und 
auszudeuten vermögen. 

Aber eben dieses aus dem Vernunftigdenken entspringende 
Glauben der Unbegreiflichkeit des göttlichen Vollkoramen-Wir- 
kens verwahrt den Denkglaubigen , auch nur versuchsweise den 
alten Autoritäten folgen und die Dogmatik mit den an so viel 
Streit erinnernden Bestimmungen von Schöpfung, Vorherbestim- 
raung, Wunderwirkung, Dreipersönlichkeit u. dpi. als mit den 
gewagtesten Pseudorationalismen füllen zu wollen. So high reasoning 
hat im verlornen Paradies Milton nur seine Kakoda mone dargestellt. 

Auszufuhren, wie nun ferner dieses kurz entworfene Denk- 
glaubigkeitssystem sich mit dem historischen und in seinem histo- 
rischen Christus doch religiös idealischen Urchristenthum innig 
vereinige, fehlt hier der Baum. Des Ree. Aufgabe war, dem 
Kritiker um der Sache willen darzuthun, dafs die Denkglauhig- 
beit der dreist hingeworfene Vorwurf einer Contradictio in ad- 
jecto nicht berühre; dafs vielmehr, wenn irgend etwas dem Men- 
schen zur menschlichen Entdeckung des Wahren für die Religio- 
sität hinreichen kann, dieses die Methode der Denkglaubigkeit 
ist, weil sie durch vereinte Anwendung aller menschlichen Ver. 
mögen von sinnlichem Gefühl , Selbsterkenntnifs , Bcgrifls verstand, 
Phantasie für das Mögliche, Vernunft für das IdealischgÖttliche 
zu gottandächtigen Geistesempfindungen und zu einem die dog- 
matische Polemik abschneidenden, gereinigten Vernunftglauben 



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IM Nachtrag zu d. Ree. von Amnion'« Fortbildung d. Christenthums. 



aufsteigt, übertll aber die geregelte Urtheilskraft zur berichti- 
genden Führerin nimmt Möge jedes System nach eben so vieler 
innerer Consequenz, möge es aber überdies auch nach gleicher 
Festigheit des Princips trachten, da sonst selbst der Irrthum sehr 
consequent gestaltet werden bann. 

Auf diese Begründung der wichtigen, ja heiligen Hauptsache 
zurückblickend , bann ich nicht anders als nur sehr ungern auch 
noch die dreiste » Verleumdung « rügen, welche der mysteriöse 
Kritiker meinem Namen anzuhangen gewagt hat. Sein unbedach- 
tes Urtheil über die Denkglaubigkeit will er mit dem Stiebwort 
eingeleitet haben : »Paulus, der Vertheidiger der Gutz- 
kow'schen Sinnlichkeitsrcligion.« ' Als ein Mann, der seit 
mehr als 4<> Jahren öffentlich und Vielen bekannt geworden ist, 
darf ich laut fragen: Ist unter allen, die mich oder meine Schrif- 
ten kennen, auch nur Einer, der es für möglich hält, dafs ich 
Vertheidiger einer Sinnlichkeitsreligion geworden sey ? Der ano- 
nyme Kritiker wirft also jene Infamie entweder aus unglaublicher 

Unkenntnifs auf mich , als Denkglaubigen , oder aus 

Aker wie ? Ist denn in majorem gloriam credulitatis alles gegen 
einen Nichtmystiker erlaubt, wenn man sich nur auf alle Fälle 
durch Glauben an einen überschwänglich genügenden Sünden- 
büfser zu decken weifs ? 

Ohne irgend Einen von dem angeblichen jungen Deutschland 
zu kennen, schrieb ich, weil die Denunciation, dafs ein Roman, 
dessen Personen zwar viel Ans.töfsiges wagen, aber auch als eben 
dadurch sieb selbst verderbend enden , auf eine nur durch uner- 
hörte Verbote vertilgbare Weise verführerisch sey, als erstes 
Beispiel einer trügerischen , der ganzen Literatur gefährlichen 
Denunciation zu wirken drohte. Ich« schrieb, während alles ein-, 
geschüchtert schien, aus gegründetem Vertrauen auf die Gerech- 
tigkeitspflege unsers Landes, und weil ich die Erinnerung für zeit, 
gemäfs hielt , dafs nicht das Verbieten , sondern das den Schein 
auflösende Widerlegen und freimüthige Berichtigen die Ansteckung 
durch Irrthüiner verhüte. Ich schrieb, weil der übermäfsige Ge- 
setzmacher, Justinian, dorn Christenthum durch das Verbrennen 
der Einwürfe von Celsus, Porphyriiis, Hie'rokles etc. noch größe- 
ren Schaden gethanhat, als durch das vergängliche Gewaltgebot, 
das nur auf den Patriarchatsstühlen von Rom und Alexandria 
die ewige Glaubenstheorie throne. 

Nov. i03 7 . Dr. Paulus. 



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N°. 9. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER OER LITERATUR. 



£Umcm de droit naturel privc" , per le Dr. J. ftf. Busiard t Profes$cur de 
droit naturel et de droit civil (in Freiburg) etc. Fribourg en Suiite. 
183«. 319 -V. 8 

Die Schrift des Herrn Prof. Bussard ist ein Versuch, die 
Wissenschaft des philosophischen ftcohts (mit Ausschlufs des 
Staats- und des Völkerrechts) in dem Geiste darzustellen, in wel- 
chem sie von deutschen Schriftstellern bearbeitet wird. »Parmi 
les modernes, sagt der Vf. in der Vorrede, » les philusophes de 
l'Allemagne ont le plus contribue" aux progres de cette science. 
(Depuis quarante ans,« set/.t er in einer Anmerkung hinzu, via 
science du droit a fait en Allemagne de continuels progres; vers 
1790 eile eut sa revolution, doot les rusultats se dereloppent en- 
core aujourd'hui. II est donc naturel de demander ä I Allemagne 
des enseignemens, de a'enquerir et de profiter de ses travaux, 
dut-on encourir le reprocho de germarisme. ) J'ai consacru a 
Texamen de jeurs syslemes, fort peu connus en France, un tem.s 
cqnsidcrahle. Plus les prineipes generaux acqueraient de clarte 
et de sottdite dans mon espVit, plus je maflei missais dans la 
conviction que le Droit Naturel , legislation commune a tous les 
hommfi, ne doit pas reposer sur des hypotheses basardees , sur 
des abstractions qui ne sont a la portee que d un pelit nombre 
de personnes; je marretai ä un principe sur lequel chacun est 
en mesure de raisonner j pour base de mon Systeme j'adoptat 
Tegalite primitive de tous les hommoj, « So wie daher der VK 
das Becht scharf von der Moral und von der Politik sondert, so 
nimmt er auch uberall auf das positive Recht — auf das romische 
und auf das franzosische- bürgerliche Hecht — Rücksicht. 

Man darf diesen Versuch im Allgemeinen gewifs einen ge- 
lungenen nennen. Der Vortrag ist klar, dem. Gegenstände ange- 
messen. (Doch dieses Lob theilt der Vf. fast mit allen franzo- 
sischen Schriftstellern.) Auch gegen die Ordnung, in welcher, 
die einzelnen Lehren aufeinander folgen, diiifte sich nichts Er*, 
liebliches einwenden lassen. Über mehrere einzelne Rebauptongeo 
des Vfs. werden zwar die Meinungen gefeheilt seyn. Aber, wenn 
es selbst im positiven Rechte nicht an dissensionibus Ooetorum 
fehlt, so kann daran noch weniger im philosophischen Rechte ein 
XXXI. Jahrg. 2. Heft. . ,••*'* 9 -.v 



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130 ßuisard : Eltfmeat de droit naturel. 

Maogel seyn. Der schwächste Tfaeil der Schrift mochte jedoch 
der seyn, der von dem Rechte der Menschen in Gesellschaften 
handelt. Ref. wird auf diesen Theil unten zurückkommen. Jetzt 
zuvorderst eine kurze Anzeige des Inhalts der einzelnen Abthei- 
lungen der Schrift. 

Einleitung. §. 1— 38. — Hier handelt der Vf. ?on dem 
Begriffe, von dem Grundsatze, von den Eintheilungen , von der 
Geschichte des Naturrechts, von dem Verhältnisse dieser Wis. 
aenschaft zu andern ihr verwandten Wissenschaften. Er versteht 
unter dem droit naturel das philosophische Recht überhaupt, 
(also nicht blos , wie mehrere deutsche Scbiiftsteller , das Recht 
der Menschen im Stande der Natur.) »Lensemble des regles,« 
sagt der VrF. §. 19, » qui constituent le Systeme de moderation 
qui doivent suivre les hommes dans leura rapports mutuels, s'ap- 
pelle Droit Naturel ou jurisprudence philosophigue. * Der Grund- 
satz dieser Wissenschaft ist: »Chacun a droit a toute action ex- 
terieure, qui n'est pas eontraire au Systeme de moderation que 
la raison enseigne aux hommes, pour regier leurs rapports mu- 
tuels.* (Auf Deutsch: Der Mensch hat seine äussere Freiheit 
auf die Bedingungen zu beschranken, unter welchen sie mit der 
ausSeren Freiheit aller andern Menschen bestehen kann.) — Das 
Recht ist entweder Privatrecht oder öffentliches Recht. 
(§. 37.) Denn: »Le Droit Naturel traile des reglcs que les hom- 
mes doivent suivre les uns envers les autres, dans l'exercice de 
leur liberte exterieure. Cette liberte* peut etre exerc^e entre 
itidividus, abstraction faitc de 1'organisation de TEtat. La partie 
du Droit Naturel qui regle ces rapports s'appelie Droit Naturel 
Prive 4 . Apres avoir forme* lassociation civile , les hommes ont 
Certaines regles a observer, non seulement envers chaque citöyen 
consideree individuellement , mais encore envers tous les citoyenS 
reunis, consideVes comme formant un Etat. Les prineipes qui 
servent ä determiner ces derniers rapports sont lobjel du Droit 
Public Interne. Un Etat a des relations avec d'autres Etats, ou 
avec des individus qui lui sont etrangers. L'ensemble des lois 
qu'enseigne la raison pour fixer ces rapports s'appelie Droit det 
Gens.* — Die vorliegende Schrift beschränkt sich auf den Vor- 
trag det Privatrechts. Der Vf. verspricht, das öffentliche 
Recht in einer andern Schrift folgen zu lassen. — Anfangs- 
gründe des philosophischen Pri vatreebts. Erster oder 
allgemeiner Theü. $. 39 — 89. Hier ist die Rede von den 
verschiedenen Arten der Rechte und Rechtsverbindlichheiten; 



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Bastard : EleWa* df droit naturel. 181 

von der Ausübung der Rechte, von den Hindernissen, die sich 
derselben entgegenstellen , (oder r*n den Rechtsverletzungen ; ) 
von den Gewährleistungen gegen diese Hindernisse; von dem 
Umfange und von der Dauer der Rechte. — Zweiler oder 
specielJer Thed. Erste Abtheilung. Von dem Rechte des 
Menschen, wenn und wiefern er nicht in geselliehafiltchfU Ver- 
hältnissen steht. (Droit naturel extra- social.) Erste Untere 
abtheil ung, Absolutes Naturrec-ht. (Ntoit uat. absolu.) v). 90 
124* Von den ursprunglichen Rechten des Menschen in Bezie- 
hung auf seine Organe, seine intellektuellen und moralischen An- 
lagen. Zweite Unterabtheilung. Abgeleitetes Natur-recht. (Droit 
oat. derive.) $. 3dov Von dem Eigenthu»; von den ver- 

schiedenen Arten, wie da« FJgenthura erworben wird; von dem 
Erbfolgerechte; von den Verträge», ihren verschiedenen Arten 
u. s. w. (Der Dienstbarheiten und Unterpfänder gedenht der Vf. 
nur gelegentlich.) ■*-» Zweite Abtheilung. Von dem Rechte 
des in gesellschaftlichen Verhältnissen stehenden Mensehen. (Droit 
nat. des societes.) Erste Unterabtheilung. Von Gesellschaf- 
ten überhaupt. §. 3oi — 33o. Ref. kann den Inhalt dieses Ab- 
schnitts so cbaraUtcrisiren : Der Vf. tragt die Grundsätze , welche 
von dem Staatsvereine gelten, wenn man diesen (z. B. mit Bous- 
seau) auf einen Vertrag gründet , auf Gesellschaften überhaupt 
übor, mit andere Worten, das allgemeine GesclJschaitsiecht des 
Vfs. ist die Vcrtrsgstheorie des Staatsrechts. Der Verf. schliefst 
diesen Theil sut » Oes regles sont applicables ä touies lessocje- 
tes en generei; mais ü y a certaines socic*** privees qui opt .ua; 
caracterc particuKer, et qui, reposant sur rinclination et sur la 
conviction, rendent iuefficace (?) femplpi coercitifs au*que|s on 
a ordinaireme«t neeours, pour forcer l , 0ccoiu|4isaement de iVbli- 
gatton conventtonnelle. II e*t luicessajre de traiter «pccialement 
. de ces soeietes. — In der z weiten und in d**r dritte a Unter- 
abtheilung (§. 33 1 — 373) handelt uun der Vf. von diesen Gesell- 
schaften d. t. von der ehelichen Gesellschaft und von \\tf Kirche. 

Wie schon angedeutet worden is£, möchte dieser Abschnitt 
der Schrift oder das Gosel lsebafUr echt des Vfs. am wenigsten auf 
haltbaren Grundlagen berulwn. Haan man wohl cio4,, was W 
dem Staatsvertrage gilt, (wenn man a/idcrs den Staat ßnf m** 
Vertrag gründen kann oder will») W Gesellschaften uberbaun* 
übertragen ? Ist das Vetthältnifr zwischen Regatten, so wjq das 
zwischen Eltern und Hindern« nach den Grundsätzen, des GeselU 
scha f ureebta m beurt heilen ? Ist jlie Wecke # . .vfrau^ejetzt , daß» 



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152 Schutzenlicrpcr : Etüde« de droit public 

man sie als eine Gesellschaft (und nicht als eine civitaa dei) be- 
trachtet, in rechtlicher Hinsiebt von irgend einer andern Ge- 
sellschaft verschieden? — Vielleicht wurde der Vf. zu andern 
Resultaten gelangt seyn, wenn er sich nicht gescheut hätte, die 
Idee des Naturstandes in die Wissenschaft des philosophischen 
Rechts aufzunehmen und in derselben zu verfolgen. (Wahrschein- 
lich rechnete er diese Idee zu den hypotheses hasardeea und zu 
den ebstractions qui ne sont a la portee que cl'nn petit nombre 
de persnnnes.) Dann wurde er vielleicht gefunden haben , dafs 
man nicht das Verhältnifs , in welchem die Menschen als Einzelne 
zu einander stehen, dem Verhältnisse unter den Mitgliedern einer 
Gesellschaft, sondern dafs man das Verhällnifs , in welchem der 
Mensch sein eigner Herr in Sachen des Rechtes ist, dem Ver- 
hältnisse, in welchem der Mensch einer Gewalt, der Staatsge«. 
walt, zu gehorchen hat, entgegenzusetzen habe. 

Zaehu riä. 



Ätuda de droit public , par O. F. Sehüt zenberg er , Docteur eu droit. 
Pari* und Straßburg , bei Lsvrault. 235 \ 8. 

Der Titel der hier anzuzeigenden Schrift entspricht nicht 
ganz ihrem Inhalte. Die Schrift enthält eine Untersuchung 
über die höchsten Grundsätze des Rechts, eine Kritik 
der Grundsätze, aus welchen bisher die Rechtswissenschaft d. i. 
die Wissenschaft des philosophischen Rechts abgeleitet worden ist, 
den Versuch , dieser Wissenschaft eine neue Grundlage zu geben. 

Inhaltsanzeige: I. Du droit constderi comme une faculi6 
(Tagir. Das Recht ist in diesem Sinne » la faculte d'agir deter- 
minee par la loi et garantie par un pouvoir qui en assure l'eflfi- 
cacitc.c — 11. Du droit comme synonyme de la loi, et de la science 
des lois. Begriff, Arten der Gesetze. Die Haupteintheüung der 
Gesetze, die in physische und moralische Gesetze hat ihren Grund 
in dem Wesen des Menschen. Die letzteren sind wieder entwe- 
der ethische (Tugend-) oder Rechts-Gesetze. » Le droit, consi- 
deVe comme une faculte d'agir, est le produit de la loi; et la loi, 
na lensemble des lois comme synonyme du droit, est la cause 
determinante des facultas d'agir, envisagees sous le point de vue 
juridiqoe. Le rapport de ces expressions est celui d une cause a 
son effet et d un effet a sa cause. — HI. De Vessence du droit. 
Hier spricht der Vrf. von der Verschiedenheit der Staatsverfas- 
sungen, in wie fern sie für die Gerechtigkeit der Gesetze d. i. 



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SchmEcnbvrgcr: Eludt» d« droit public 



1W 



för die Einsicht und Unparteilichkeit (oder den guten Willen) 
derer Gewähr leisten , ?on welchen die Gesetze ausgehen. (Hätte 
nicht dieser Abschnitt der letste des Buches seyn sollen?) — 
IV. Du juste et de Vinjuste ; Darstellung und Kritik der Ansichten 
Anderer über den obersten Grundsat« oder Mafsstab des Rechts. 
Hier mustert der Verf. nach der Reihe folgende Meinungen und 
Theorieen : Das Recht ist das Gesetz, welches die Stärkeren in 
ihrem Interesse den Schwächeren vorgeschrieben haben; — das 
ist recht, was Geselligkeit unter den Menschen möglich macht, 
(H. Grotius,) — was das moralische Gefühl für recht hält, — 
was dem gemeinen Nutzen entspricht; — endlich die Kantische 
Theorie. — V. Analyse , Synthese > Hypothese. Der Abschnitt 
enthält eine Fortsetzung der in dem unmittelbar vorhergehenden 
angefangenen Erörterung, die Darstellung und Beurtheilung der 
Systeme Spinoza s, Fichte's, Schelling's und Hegel/s, 
bei welcher jedoch der Vf. mehr die Grundlagen dieser Systeme, 
als die Folgerongen, die sich aus denselben für die Aufgabe der 
Rechtswissenschaft ergeben, ins Auge fafst. — VI. Synthese an- 
thropologique du Droit, das eigene System des Vfs. » L'homme nest 
lui que par l'ensemble organiquc de ses facultas; il demeure lui- 
rneme, il rcste un, indivisible au mitieu de la variete. I/idee de 
sa personnaliU est Je resultat lo plus eleve* de la synthese anthro- 
pologique. — — Le rapport juridique est le rapport d'une per. 
sonnalite a une ou plosieurs autres personnalite*. La loi fonda- 
mentale de la personnalite sera par consequcnt le principe su- 

premc de droit. La loi fondamentale de la personnalite 

est dnn nee a vec son idee ; nous la formulons aiusi : Le dtvelcppe- 
ment Obre et complel de la personnalite * Die Verwirklichung die- 
ses Gesetzes hängt wesentlich davon ab , .dafs der Mensch seine 
Seetenkräfte in denjenigen Einklang mit einander setzt , welcher 
der Bestimmung . und der Stufenfolge dieser Kräfte entspricht, 
(dsfs er , wie man wohl denselben Satz gemeinfafslicher ausdrücken 
kann, so handelt, wie ihm Pflicht und Gewissen zu handeln ge- 
bieten.) Jedoch, »l'etat social etant l'etat de natorc de Thomme, 
il en resulte rjue sa personnalite ne se developpe d'une maniere 
libre et complet que par ses rapports avec d'autres personnalites. 
I/association sera donc la seconde conditions de la loi fondamen- 
tale que la synthese nous a fournt « Wäre ein jeder einzelne 
Mensch das, was er zu Folge jenes Grundgesetzes (oder nach 
den Gesetzen der Moral) seyn sollte, so würden die unter den 
Menschen bnstehenden geselligen Verhältnisse aufhören, Rechts- 



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1S4 Schfttsehberger : Et udes do droit public. 

Verhältnisse^ zu seyn , $o würde eS nicht des Staates bedürfen 
Umgekehrt, wenn jenes Gesetz allgemein unwirksam wäre oder 
Ton Allen verbannt würde, so würde ein fortdauernder Kriegs- 
tastand die Folge ton diesem allgemeinen moralischen Verderben 
seyrt. Jedoch in der Wirklichheit tritt ein anderes Verhältnifs 
ein; das Grundgesetz der menschlichen Handlungen wird* wenn 
auch nicht von Allen, dooh ron einem Theile der Menschen ge- 
achtet und befolgt. Unler diesen Umstanden nun ist ein recht- 
liches Verhältnifs Unter den Menschen, ist ein Slaatsverein einer- 
seits fein Bedui fnifs Und andererseits eine Möglichkeit. » Lhommt 
a, du feste, un penchant rtaturel ä sintei esser au droit du plus 
faible; il arrivera que la majorite de la societe , etant etrangere 
aux moyeni qui provoquent le conflit, interposera sa volonte pour 
faire respecter dans findividu lese ce que chacun desire qu on 
reSpecte en lui mutrie. L'mtelligeoce et la volonte sociale aup- 
filttotmfc ainsi a Hmpulssance de la volonte et de l'iirtelligence 
ihdividueHes. L'autonomie sociale et juridique se substitue ä 
rautotiomie individuelle St raorale, et la socUU se transforme 
cö EM. Lorigine de l'autonomie sociale indique quelle ne 
a'etend päs a tous les rapports; eile ne regle que ceiix qu elle 
a irttcVöt ä regier, et ne s'attache qu'aux conditions essentielles 
ä, rtxistence et au developpement des personnalites reunies v en 
soci'ctc. La natura des rapports dans lesquela la personnaltte se 
trouve ovec d'aotres personnalites et avec les choses, explique 
sussi la näture de ces conditions. II suffit de rappeler cCs rap- 
ports et de les elasser, pour y trouver le programme complet 
du Droit dans tous ses dtWetoppements. « ' Der Vf. wendet sodann 
diese allgemeinen Sätze auf die einzelnen und besonderen Ver- 
hältnisse aVt , in welchen der Mensch zu seinen Mitmenschen steht. 

ES ist hier der Ort nicht , die Originalität oder die Nichtig- 
keit der Von dem Vf. gegebenen Oeduction der Rechtswissenschaft 
Ztt prüfen. Wie aber auch in der einen oder in der andern Hin- 
sicht das Urtheil über die 8chrift ausfalle, allemal wird man dem 
Vf. nicht das Zeufcrtifs versagen^ dafs er durch seine Arbeit ei- 
nen rühmlichen Beweis von seinem Scharfsinn und von seiner Be- 
kanntschaft mit der Literatur seines Facha gegeben habe. Für das 
französische Publikum wird die Schrift, da sie sich über die rechts- 
philosophischen Schriften deutscher Schriftsteller ausführlich ver> 
breitet, noch ein besonderes Interesse haben. 

IL a chariä. 



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Ooumaatkou Tullianuiu ed. Um Iii et Baiter. 



Af. Tultii liceronis Opera quae auperaunt omnia ac dtperditorum frag- 
menta recognovit et tingulit librii ad optimam qummque recentionem 
casti»atis , cum varictatc Lambiniana MDLXFi , Graevio Garatoniana, 
Erneetiana, Ücckiana , Sakuetaiana ac prmettantittimarum eujutque IAH 
editionum iutcf*a t rellquae veru accurato dclcctu brevique adnotutione 
critica edidit Jo. Ca$p f Orelliu». Volumen FI. continen$ Onomattki 
Tulliani Partem primam. Turici , typi$ Oreltii, Fuettlini et Sociorum. 
MDCCCXXXVL Fol. Vlh u. IUI - MDCCCXXXFII. „. XXXFIU. 

Auch mit dem andern, gegenüberatehenden Titel : 
Onomattieon Tutllanum eontlnent M. Tultii lieeronit Fitam , kitto- 
riam littrar iam , indirem geograpkicum tt kittoritum , indicem legutn 
et formularum, imdicem (J rat co- Latinum , Ja» tot eontulares. Cutave- 
runi Jo. ( aap. Orelliut et Jo. Georgiut Itaiterut , profettorte 
Turiccnses. Pars I. (typit etc. wie oben) 492 Ä. Part II. (oder Fol. 
FI!) 658 & Part III. (oder Fol. FW) XI F und 448 CCXLFU1 Ä 
in klein 4. 

Bef, zeigt hier ein Werk an , das deutscher Wissenschaft in 
jeder Hinsicht Ehre macht, ein Werlt mühsamer Forschung, ge- 
diegenen Fleifses und unermüdlicher Ausdauer, zunächst, wie 
auch der eine Seitentitel beweist, bestimmt als Zugabe zu der 
Gesamcntausgahe der WerUe Cicero'* zu dienen, gleich dem vor- 
ausgehenden fünften Volumen, in welchem die verschiedenen 
alten Erklärer Cicero» oder vielmehr deren Reste sich vollstän- 
digst vereinigt finden (s. diese Jahrbb. Jahrg. i833. S. 3oi ff); 
doch aber auch zugleich als ein selbständiges Werk zu betrach- 
ten, das in feinem reichen Inhalte nicht blos für Cicero, sondern 
für einen Haupttheil der rumischen Literatur eben so wichtig als 
nützlich ist. Nachdem Bef. seiner Zeit von dem fünften Volu- 
men (a. a. O.) Bericht erstattet, so versäumt er nicht, nun, da 
die einzelnen Theile des sechsten Bandes nach einander erschie- 
nen sind und somit das Ganze in seiner Vollendung vorliegt, auch 
von dem Inhalte dieses Volumen den Lesern dieser Blätter Kennt- 
nis zu geben und die einzelnen Bestandteile dieses reichen 
Schatzes näher zu dnrehgehen. 

P. 1. beginnt mit einem erneuerten und mehrfach berichtig- 
ten , auch hie und da mit einzelnen Noten versehenen Abdruck 
der 1564 zu Boln und in einer durch Heusinger besorgten Aus- 
gabe 1727 zu Büdingen erschienenen , für Cicero 's Lebensum- 
stände nicht unwichtigen Schrift: M. Tullii Ciceronii HUtoria per 
consules descripla et in anrws LXIV distineta per Franciscum FabrU 
dum Marcoduranum. Die Noten des Herausgebers liefern einzelne 
Berichtigungen oder Ergänzungen ; su z. B. um nur Eins anzu- 
führen, S. 10Q und 109 über Cicero's angebliches Grabmal auf 



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136 Ouomatticon Tullianum cd. Orellt et Baiter. 

der Insel Zacynth , worüber Ref. auch Kruse, Hellas II, 2. p. 43o ff. 
zu vergleichen bittet, oder eine weitere daran sich knüpfende 
Verweisung » He Ciceronis imaginibus « auf Viscontis Icono- 
grapbte. Bekanntlich ist gerade über diesen Punkt, d. h. über 
die uns noch erhaltenen bildlichen Dsrstellungen Cicero's unter 
den Archäologen ein Streit, der es fast zweifelhaft macht, 'ob 
wir überhaupt ächte Darstellungen und Abbildungen Cicero's noch 
besitzen, wahrend manche der bis jetzt dafür gehaltenen Dar- 
stellungen offenbar für falsch und untergeschoben anzusehen sind. 
Visconti sucht insbesondere die Ächtheit der schönen, ehedem 
der Familie Mattei angehürigen , jetzt wie wir hören in England 
bei dem Herzcg von Wellington befindlichen Büste des Cicero 
gegen Sanclemente u. A. darzulhun. So findet sich in dem Mu- 
seuni Chiaramonti Nr. 533 eine Büste des Cicero, in der man 
Ähnlichkeit mit Cicero's Bildnifi auf einer Münze der Stadt Mag- 
nesia in Lydien hat finden wollen 1 während andere dieses Bildnifs 
keineswegs für ähnlich und für einen Cicero, sondern für einen 
Augustus halten wollen, so dafs dann die Aufschi ift der Münze 
nicht auf den berühmten Redner, sondern auf Marcus Cicero, 
den Sohn, der auch Proconsul in Asien gewesen, zu beziehen 
wäre. Vgl. Beschreib ung von Rom II, 2 Beil. p. 8. und eine 
Schrift, die Ref. aber nur aus Anführungen kennt; Sanclementius : 
De numo M. Tullii Ciceronis a Magnatibus Lydiae cum ejus ima- 
gine signato. Rom. i8o5. 4. Auch in der Münchner Glypthotek 
befindet sich jetzt eine schone Büste Cicero's. S. Klenzc Be- 
schreibung S. 190 Nr. 224» 

Nun folgt S. 110 ff.: Memorabilia Viiae Ciceronis per annos 
digestn a Schuctzio atgue emendata a Leonardo Uslerio Prof. Zfcr- 
nensit eine recht brauchbare und nützliche Zusammenstellung der 
Haupterii^nisse im Leben Cicero's, genau nach den einzelnen 
Jahren vor Christus, denen die entsprechenden von Erbauung 
der Stadt und von Cicero's Lebensjahren beigefügt sind. Die 
schone Stelle des Vellejus II, 66. über Cicero und dessen orato- 
rischen Ruhm ist am Schlüsse noch hinzugesetzt. Daran schliefst 
sich unmittelbar S. i3i ff.: Tabulae Kalendarium Romanorum vt- 
tus quäle fuit ab u. c. 691 ustjue ad A. U. 701) comparantes cum for~ 
ma anni Juliana. Ad illustrandas Ciceronis epistolas composuil AJ. 
Guilielmus Ferdinandus Korb. Ein vollständiger Ratender vom 1. 
Januar des Jahres 690 (oder vor Chr. 63) bis zum letzten De- 
cember des Jahres 709 (oder 45 vor Chr.), wobei jedem einzel- 
nen Tage de* Römischen Kalenders der entsprechende des Julia- 



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Onomaiücon Tnllianum ed. Orelti et Bailer. 13t 

nischen Kalenders beigefügt ist ; eine eben so höchst mühsame 
als verdienstliche Arbeit, indem so in dem Zusammenbang des 
Ganzen es allein möglich werden wird , über einzelne Bestim- 
mungen und Angaben von Tagen, die doch für die Geschichte 
von so grofser Wichtig keit sind (man denke z. B. bei Cicero nur 
an die Catilinarischen Beden und die vielbesti iftene Bestimmung 
der Tage, auf welche sie fallen , oder an so viele Briefe Cicero's), 
zu sicherer Gewifsheit zu gelangen. Der Verf. hat sich dabei 
nach der Varronischen Ära gerichtet, wornach Gicero's Consulat 
auf 691 u. c. fallt, das nach der Catonischen, der z. B. Schutz 
. folgt, auf 690 homrot; es ist daher am Schlüsse noch eine be- 
sondere Zusammenstellung der einzelnen Jahre nach diesen bei- 
den Ären gegeben, und vorher noch eine besondere, verglei- 
chende Zusammenstellung der einzelnen B5mischen Monate mit 
den heutigen nach derselben Julianischen Bechnung. Wir wollen 
aus dem einleitenden Torwort, in welchem der Vf. seine ganze 
ßerechnungsweise nach ihrer Grundlage auseinandergesetzt hat, 
nur die gewifs wahren Schlufsworte mittheilen: » Attamen res est 
non solum taedü ac laboris plenissima , sed etiam propter anti- 
nuam mensium formam (plerique enim menses ante Caesarem unde 
Iricenis diebus constabant) difficilis et errori obnoxia, qunticscun- 
que in Cicerone aliove illius teraporis scriptore diein ad veteris 
Kalendarii normam compositum inveneris, eum ad anni formam 
Julianam reducere. Itaque mihi opere pretium facturus videbar, 
si ipse illum laborem in me suseiperem et mea qualicunque opera 
id efficerem, ut qui Ciceronis epistolas legerent, sine molestia et 
eiroiis periculo veram dierum rationem invenire possint. « 

Von S. 193 bis 478 folgt: Index Editioitum tvriptorum M. 
Tullii Ciceronis. Hier ist ein* Verzeichnifs aller Ausgaben, aller 
Cbersetzungen , aller in irgend einer Weise auf Cicero bezügli- 
chen Schriften gegeben , dessen gewaltiger, mit keinem ähnlichen 
Verzeichnisse der Art, auch nicht mit dem neuesten , sonst ziem- 
lich genauen in Schweiggers Handbuch der classischen Biblio- 
graphie, nur einigermafsen zu vergleichender Umfang auf mehre* 
ren hundert Seiten bei dem gröfsten Format und maTsigen Druck 
schon einen Begriff geben kann von der Ungeheuern Masse, die 
hier verzeichnet ist, und, da jeder Tag irgend etwas Neues bringt, 
nicht einmal als abgeschlossen betrachtet werden kann. » Bes est 
infinita neque unqoam foi lasse nisi a compluribus bibliographis 
perfici poterita lesen wir in dieser Beziehung in dem Vorwort 
des dritten Theils, und unterschreiben es gerne aus eigener Er- 



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Onoutasticoo Tullianuiu ed. Orelli et Baiter. 



fabrang, in ähnlichen, obwohl minder schwierigen Versuchen hin* 
reichend von der Unmöglichkeit überzeugt, in solchen Dingen 
absolute Vollständigkeit erreichen xu können , wenn sie auch 
gleich als höchste Aufgabe immer gestellt werden soll. So wird 
es denn auch nicht befremden , wenn zu diesem bibliographischen 
Verzeichnisse später P. III. p. 344 ff. ein Nachtrag unter der 
Aufschrift Analecta sich findet, der insbesondere über manche äl- 
tere Ausgaben beachtenswerthe Nachrichten und Nachträge ent- 
hält, grofsentheils aus der Feder eines unserer ausgezeichnetsten 
Bibliographen , des Herrn Diaconus ßardili zu Urach , oder wenn 
selbst zu diesem Nachtrag in dem Vorwort des dritten Theils eine 
weitere und dritte Nachlese nachfolgt. Einzelnes ergänzen oder 
berichtigen zu wollen, wäre wahrhaftig hier nicht an seinem Orte, 
wo es in der That auffallen müfste, wenn bei tausenden von Bü- 
chertiteln nicht ein oder das andere Versehen sich eingeschlichen 
haben, oder irgend eine Schrift (wie z. B. die oben angeführte 
Abhandlung von Sancleniente) übersehen seyn sollte, so bewun- 
dernswürdig auch die Sorgfalt und Genauigkeit ist, mit welcher 
Alles gesammelt und geordnet worden ist Alle Ausgaben, die 
irgend einen kritischen Werth besitzen, sind durch ein vorge- 
setztes Zeichen kenntlich gemacht , auch die verschiedenen Grade 
der grofseren oder geringeren Seltenheit einer Ausgabe durch 
beigesetzte Buchstaben bezeichnet; bei wichtigen Ausgaben finden 
sich nicht selten Urtheile über Charakter und Werth , namentlich 
in kritischer Hinsicht beigefugt, durch welche es uns nun mög- 
lich seyn wird , mit der Zeit zu einer umfassenden Geschichte 
der Kritik und der 'kritischen Behandlung des Cicero (gewifs ein 
recht wünschenswerthes Unternehmen , dem hier vielfach vorge- 
arbeitet ist) zu gelangen. Die Anordnung der einzelnen hier auf- 
geführten Schriften ist folgende : zuerst die Gesamrotausgaben 
des Cicero, dann die Orationes, und hier nieder zuerst die Ge- n 
sammtausgaben, daun die zahlreichen Orationes selectae , und 
dann erst die Ausgaben einzelner Beden, und zwar nach der al- 
phabetischen Folge derselben; die Ausgaben selbst sind immer 
nach der Zeit ihres Erscheinens aufgeführt; dann folgen die Briefe 
und darauf die philosophischen Schriften, wobei dasselbe Verfah- 
ren wie bei den Orationes beobachtet ist. An diese schliefsen 
sich die Aratea und dann die Fragmenta an; den Beschlufs ma- 
chen : Scripta Ciceroni supposita , und darauf das Verzeichnifs 
der Chrestomathien.^ Nicht minder zahlreich sind die nun der 
Beihe nach aufgeführten Übersetzungen, zuerst die in älterer Zeit 



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OnoniHNiicon Tallianum ed. OreUi et Baiter 13U 

• » 

von einzelnen Schriften veranstalteten griechischen, dann die deut. 
sehen und die in andern Sprachen des neueren Europa 's, bis auf 
die ungarischen herab. Noch zahlreicher aber ist das Verzeich- 
nis der in alphabetischer Reihenfolge, aufgeführten Erläutei ungs- 
schriften : Scripta Ciceronem illusirantia von S. 4*4 an bis S. 477 • 
wozu dann noch die oben bemerkten Nachträge im dritten Thei) 
kommen. So ist quo durch die unermüdete, unverdrossenste Thä- 
tigkeit der Herausgeber ein ungeheures, aber wohlgeordnetes und 
gesichtetes Material für Cicerp v< seine,, Schriften wie sein Zeitalter 
zusammengebracht, und eine Bityiotheca Tulliana geschaffen, wie 
sie schwerlich von Andern zu Stande gebracht werden konnte, 
wenn man .die ungeheuren Schwierigkeiten eines solchen Unter- 
nehmens, und die zur Ausführung desselben wahrhaftig zu ma- 
chende Aufopferung, die ausdauernde Mühe u. A. bedenkt, und 
neben der verlangten Vollständigkeit der Angaben auch, wie dies 
hier doch in seltenem Grade geleistet ist, die gröfste Genauigkeit 
ünd Zuverlässigkeit in allen einzelnen Angaben und Notizen ver- 
langt. Der Appendix: Petri Lazeri de Dionjsio Lambino narratio 
S. 478 IV. und das aut dem letzten Blatte abgedruckte Supplement: 
Conspeclus Juni. ALiinarum et Junlinarum sind nicht minder dank- 
bare und schätzbare Zugaben. 

Ein wahres Riesenwerk zeigt uns Pars II: Onomasticon Tal- 
lianum 9 Pai-romanum , Caesar ianum , Salusiianum, Asconianum et , 
Sclioliaslarum Ciceronü, mit mehr als siebenthalbhundeft Seiten 
des grofsen Formats und vei haltnifsmä'Psig engen Drucks bei dop- 
pelten Columnen. Ein solches Unternehmen, in unsrer Zeit, die 
sich gern Alles, auch das Büchermacben, so leicht macht, auf 
so preiswiirdige Weise ausgeführt, kann wohl unsern gerechtesten 
Dank ansprechen ; denn wir erhalten hier in ganz anderer Aus» 
dehnung und Vollständigkeit das, was in Bezug auf die bei Ci- 
cero vorkommenden Eigennamen Ernesti in der Clavis und Schütz 
in dem Index geographica et historicus seines Lexicon Cicero- 
nianum T. I. (T. XVII. des Ganzen) in einer freilich noch sehr 
unvollkommenen und unvollständigen, oft auch ungenauen Weise 
versucht hatten, indem dieses Onomasticon ein durchaus vollstän- 
diges und eben so genaues Verzeichnifs aller in den Schriften 
Cicero 's, in den Fragmenten des Varro, bei Casar und Sallust, 
bei Ascouius und in den Resten alter Erklarer des Cicero, wie 
sie Vol. V. abgedruckt sind , vorkommenden Eigennamen liefert , 
nur mit Aosschlufs der geographischen Namen des Casar; dabei 
ist zu bemerken, dafs immer die ganze Stelle, wo der betref- 



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140 Onomaaticoii TuUiamim ed. Orelli et Baiter. 

fendeName vorkommt, bei demselben angeführt ist, und dafs da, 
Wo über einen Namen (man denke z. B. an Namen, wie Caesar, 
Cicero und ähnliche) viele Stellen anzuführen waren , dieselben 
in einer gewissen systematischen Ordnung nach den einzelnen 
Materien und Beziehungen geordnet erscheinen , auch uberall wet- 
tere zum Verständnifs nothwendige Stellen und erörternde Be- 
inerkungcn beigefugt sind, so z. B. auch insbesondere die Famt- 
liensfemmata , die zur Unterscheidung einzelner Personen aus ein 
und derselben Familie bei den so oft sich wiederholenden Namen 
so wichtig und nothwendig sind, mancher anderen Zusätze und 
Erlauterungen zu geschweigen. Auf diese Weise gewinnen wir 
allerdings in diesem alphabetisch geordneten Namensverzeichnifs 
ein wahres Repertorium über einen der wesentlichsten Theile 
der gesammten römischen Literatur, mit einer Sorgfalt, Ge- 
nauigkeit und Vollständigkeit angelegt, die in den Augen ein- 
sichtsvoller und billigdenkender Richter kaum der entschuldi- 
genden Worte bedarf, die wir im Vorwort des dritten Theils 
lesen, wo S. IX ff. einige Nachträge und Berichtigungen dieses 
Onomasticon s, die sich erst nach beendigtem Druck desselben 
herausstellten, raitgathcilt werden: » Aequi antetn judices, quales 
ut mihi obtingant exopto, condonabunt errores a me quoque com- 
missos ; quomodo enim quaeso per niolestissimum quinquennii la- 
borem multa milia schedaruin primum exscribendi , deinde ordi- 
nandi , omnino devitari poterant ? Nonnüllos ipse jam animad- 
verti , etc. « Wir wollen es Andern uberlassen, solchen eintel- 
nen Versehen und Irrthumern nachzuspüren , ob sie deren etwa 
auffinden können, und uns lieber dankbar des Dargebotenen und 
nur mit unsäglicher Mühe zu Stande gebrachten freuen, aber den 
Wunsch beifugen, auch über andere Autoren und andere Theile 
der römischen Literatur, wo wir uns noch mit sehr unvollstän- 
digen und ungenauen Verzeichnissen der Art begnügen müssen, 
ähnliche Onomastica, in ähnlicher Weise nach dem hier gegebenen 
Muster angelegt und ausgeführt, zu erhalten. Auf dieses Onoma- 
sticon folgt zu Anfang des dritten Theils ein Index Gratco-Laii- 
nus, durch den einen der beiden Herausgeber, Hrn. Baiter, 
ganz von Neuem entworfen, weil der Emesti - Schulische Index 
allerdings nicht genügen konnte; auch hier sind die Stellen aus 
Cicero s Schriften uberall vollständig angeführt, die griechischen 
Ausdrücke erläutert, auch weitere Nachweisungen zu ihrer Er- 
klärung beigefugt , so dafs wir auch hier über die Vollständigkeit 
und Genauigkeit dieses Lexicons nur das Gleiche zu wiederholen 



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Onomasticon Toi Hanum cd. Orell et Haitcr. 



Ul 



haben, was wir schon vorher über die anderen Theile, insbeson- 
dere über das Onomasticon und dessen vorzügliche Ausführung 
bemerkt haben. Es reicht dieser Index von S. 1 — n5; die 
nachfolgende freie Seite 116 ist vom Vf. benutzt, um übar eine 
vielbesprochene Stelle im Brutus cap. 9 seine Ansjcht snitzutheilen. 

Von grofser Wichtigheit ist der daran sich schlicfsende, eben- 
falls von Hrn. Baiter ausgearbeitete Index Legum Romanarum, 
quarum apud Ciceronem ejusque scholias£as Uem apud Livium , J cl~ 
lejum Palerculum , A, Gellium nonünatim mentio ßt. Von S. 117 
— 3o5. Schon diese groTsq Ausdehnung kann einen Begriff geben 
von dem Umfang, und noch mehr von der Sorgfalt und Genauig- 
keit, welche auch hier auf die Abfassung verwendet worden ist. 
Denn es sind hier nicht blos die betreffenden Stellen der vorher 
erwähnten alten Autoren hei jeder einzelnen Lex aufgeführt, son* 
dem auch weitere Erklärungen und Erortcrungen über den Inhalt 
und die Beschaffenheit dieser Leges beigefügt, zum Theil von. 
sehr umfassender Art, und mit steter Benutzung und Berück- 
sichtigung dessen, was nicht, etwa blos von einzelnen Philologen, 
sondern auch von solchen Juristen , die sieb speciell mit der 
Rechtsgeschichte oder den Recbtsalterthümern des Romischen 
Volks beschäftigt, zum Verständnifs der einzelnen Lcgcs selbst 
in ausführlicheren Erörterungen beigebracht worden ist. Dahin 
gehören z. B. die Untersuchungen von Klenze über die Leges, 
De repetundis, von C G. Wächter, von E.. VVunder, dessen aus- 
führliche Erörterung über die Lex Licinia,- sowie die nicht min- 
der befriedigende von H. Sauppe über die, Lex Vocotiia, hier 
wörtlich aufgenommen sind. Aber auch aus andern Schriften und 
Untersuchungen anderer Juristen ist manche Erörterung entnom- 
men, insbesondere ist aus älteren, griechischen Quellen , die man 
früher für die römische Geschiebte und RechUaltei tbümer nicht 
so, wie sie es verdienten, zu benutzen gewohnt war, manche 
merkwütdige und wichtige §telle, in den Index aufgenommen , der 
so allerdings eine ganz andere Gestalt darbietet, als der man- 
gelhafte, wie ihn Ernesti und nach ihm Schütz ihren Ausgaben 
des Cicero beifugten. Dafs ausser Cicero, der .in den früheren 
Verzeichnissen der Art alleirr berücksichtigt war, auch dessen 
Scboliasten , dann Livius, Vellej.us und Gellius hier berucksich. 
worden,- konnte dem Verzeichnis nur. zum Vortheil gereichen 
und dasselbe für den literarischen Gebrauch nützlicher machen, 
so dafs wohl wenige Gesetze vermiPst werden dürften, deren über- 
haupt bei den römischen Classikern aus der republikanischen, hier 



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142 Onomaaticon Tnlliannni ed. Orelli et Rai t er. 

allein zu berücksichtigenden Periode Erwähnung geschieht. So 
wird denn eine neue, umfassende historische Darstellung der rö- 
mischen Leges, wie sie bekanntlich Bach in seinem noch immer 
unentbehrlichen Werlte lieferte, nun, nach solchen Vorlagen , eher 
zu Stande kommen könne:* und als kein allzu schwer auszufah- 
rendes Werk zu betrachten seyn. 

Nun sollte der beabsichtigte Index Formutarum folgert; da 
aber, ah der Druck zu diesem Punkt vorgeschritten war, Herr 
Orelli seine Arbeit noch nicht ganz beendigt hatte, so wurde, 
um den angefangenen Druck nicht zu unterbrechen , hier mit dem 
Abdruck der verschiedenen , schon oben erwähnten, Nachträge 
fortgefahren , die doch jedenfalls am Schiasse des Bandes hätten 
beigefugt werden müssen.* ' So folgen also S. 3o6 ff. Analecta, 
und zwar zoeist Nachtrage ZU dem Vol. V. abgedruckten Asco- 
nius, da der Herausgeber aus den seither neu gewonnenen kriti- 
schen Hilfsmitteln allerdings eine nicht unwichtige Nachlese bie- 
ten konnte. Er selbst hatte in der Ambrosianischen Bibliothek 
zu Mailand zwei Codices des Asconius gefunden , und den einen 
derselben, der nach Mai vor der Milte des i5ten Jahrhundert« 
geschrieben ist , bis zu S. 5o, des 'gedruckten Tel t es verglichen. 
Von zwei andern italienischen Handschriften des Asconius, einem 
Cod. Riccardianus und einem Cod. Laurentianus, erhielt Hr. Orelli 
durch Hrn. Hauthal eine sehr genaue (auch hier abgedruckte) 
Beschreibung und eine Collation derselben über des Asconius 
Commentar zur Rede in Pisoiiem und pro Scauro. Dazn kommen 
die Millheilüngen von Sebald, fan. Ever. Bau (Varr. Lectt. ad 
Ciceronis Oratt. Lugd. Bat. i834-) einer in der Leidner Bi- 
bliothek befindlichen , bisher ün Verglichenen Handschrift des As- 
conius, einer italischen, wie es scheint, aus dem i5ten Jahrhun- 
dert, y welche eine grofse Übereinstimmung bei manchen sonsti- 
gen Verschiedenheiten mit der Editio Princeps zeigt; endlich eine 
Gothaner , von Jacobs (Beiträge zur äk. Literat. III. p. 307 ff.) 
beschriebene und für die Herausgeber verglichene Handschrift. 
Die aus diesen Handschriften sich ergebende Nachlese von Varian- 
ten ist nun hier von S. 3i2 an Zusammengestellt und geordnet, 
auch mit neuen Bemerkungen der beiden Herausgeber, sowie von 
Jacobs und Sauppe, nebst einzelnen Auszüge« aus Rau's Schrift 
begleitet; daraus ist auch eine längere Bemerkung entnommen 
S. 336 — 34» ; sie betrifft die Ausscheidung der Commentare zur 
Divinatio in Caeciliilm und' zu den Yen inen von den ächten Com- 
mentaren des Asconius, dürfen ^ene weder nach ihrer äusseren 



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Onomuaticon Tal Hanum ed. Orelli et fiaiter. N3 

Form , in der sie von dem ächten des Asconius wesentliche Ver- 
schiedenheit zeigen, noch nach ihrem untergeordneten Gehalte, 
und ihrem nicht wie bei Asconius zunächst auf die Erörterung 
wichtiger historischer oder antiquarischer Gegenstände , sondern 
mehr auf rhetorische und grammatische Punkte gerichteten Inhalt 
gleichzustellen sind , da sie hei näherer Betrachtung in so man« 
chen einzelnen Angaben und Worten die Spuren eines weit spä- 
teren Zeitalters erkennen lassen und sich nicht einmal als das 
Werk Eines gelehrten Grammatikers darstellen, sondern von ver- 
schiedenen Verfassern herrühren, welche ihre historischen oder 
antiquarischen Angaben selbst aus älteren Quellen schöpften, mit- 
hin nicht als Zeitgenossen schrieben , und darum auch von ein- 
zelnen lrrthümern historischer Art sich nicht frei zu erhalten 
wufsten. Auch die von Mai aus Ambrosianischen und Vatikani- 
schen Handschriften bekannt gemachten Scholien werden zuletzt 
noch besprochen; sie sind grofscntheüs historisch -rhetorischer 
Art, jedenfalls den ächten des Asconius an Form und Inhalt weit 
nachstehend und als Produkte der späteren Zeit anzusehen. Wir 
brauchen wohl kaum zu erinnern, dafs Madvig zuerst eine gro- 
fscre Aufmerksamkeit diesen Scholien widmete und die einzelnen 
hier mit den ächten Commentaren des Asconius zusammengewor- 
fenen Bruchstucke sorgfaltig nach der Zeit und nach den Ver- 
fassern von einander auszuscheiden in einer Weise bemuht war, 
von der auch Ref. in der Rom. Lit. Gesch. §. 260 a. dankbaren 
Gebrauch machen zu müssen glaubte. In der hier aus Raus 
Schritt mitgetheilten Untersuchung werden diese Punkte im Ein- 
zelnen noch mehr hervorgehoben und so zu Madvigs Schrift, auf 
die auch hier stets verwiesen ist, ein, seine Behauptungen meist 
bestätigender und durch neue Beweise unterstutzender, Nachtrag 
geliefert, dessen Mittheilung, zumal da Raus Schrift schwerlich 
unter uns sehr verbreitet seyn durfte, eine zweckmäfsige Zugabe 
war. An diese kritischen Nachträge zu Asconius schließen* sich 
nun S. 344 — 36 1 Nachträge zu dem oben aus dem ersten Bande 
angeführten Verzeichnifs der gesaromten , auf Cicero bezüglichen 
Literatur, welche Nachtrage die Herausgeber nach ihrer ausdrück- 
lichen Bemerkung der Güte des Herrn Bardilt verdanken. Die 
letzte Seite, 36a, füllt der Abdruck eines aus einer englischen 
Handschrift neu gewonnenen Fragments der lateinischen Über- 
setzung des Aratus von neun Versen aus dem Rhein. Museum f. 
Philol. V, a. p. 33o. 



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I 

144 > Onoraaatiron TuUianuiii od. Orriii et Baitcr. 



Über den non folgenden Index fqrmularum (S. 363 — 440) 
lassen wir den Herausgeber selbst reden , der sich in der Vor- 
rede S. XIII darüber also erklärt : » Specimen fateor est potius 
quam cura omnibus numeris absoluta, ad quam perficiendam de- 
erat otium. Vel sie tarnen utilitatem aliquam praebebit ICtis, ad 
locos praesertim a Brissonio coilectos facilius reperiendos, dum 
simul eorum lectio, ut nunc constituta est, exhibetur. « Es sind 
in diesem Index alle in juristischer und staatsrechtlicher Hinsicht 
einigermaßen bedeutsamen Ausdrucke und Redeformeln, die bei 
Cicero vorkommen, aufgeführt, und zwar mit vollständigem Ab- 
druck der Stelle selber, wie dies auch bei den andern Theilen 
des Onomasticon durchweg der Fall ist. An einigen Orten sind 
selbst ausführlichere Erörterungen beigefügt, wie z. B. S. 374 ff. 
bei dem Ausdruck Comitioi um ratio, wo die dabei angeführte 
Stelle der zweiten Philippischen Rede cap. 33 in Verbindung mit 
der nicht minder berühmten und besprochenen Stelle De republ. 
II, 22. zu einer neuen Auseinandersetzung über die Art und Weise 
der Fintheilung der Centurien und ihres Abstimmens Veranlassung 
giebt, auf die wir hier, zumal da auf dieselbe bereits in diesen 
Jahrbüchern durch einen andern Recensenten bei Veranlassung des 
seither darüber erschienenen Programms von Unterholzner (1837. 
S. i32 ff. insbesondere S. i36. 137) Rücksicht genommen , und 
dieser ganze Gegenstand wieder neuerdings von Huschke im er- 
sten Capitel seiner Schrift über die Verfassung des Servius Tullius 
(Heidelberg i838), in welchem er durch eine wiederholte kriti- 
sche Behandlung der genannten Stelle De republ. I, 22 den Grund 
seiner weiteren Untersuchungen zu legen sucht (S. 1 — 23) , be- 
sprochen worden , nicht weiter eingehen wollen. Dem Vf. aber 
werden wir für diesen Index formularum um so mehr Dank wis- 
sen, als wir überzeugt sind, dafs nur auf diesem Wege, durch 
einzelne solcher Indices bei den einzelnen Autoren mehr gewon- 
nen wird , als durch einen blofsen Wiederabdruck des bekannten 
Werkes von Brissonius , dafs freilich jetzt in einer ganz anderen 
Gestalt erscheinen müfste , wenn es dem Standpunkt unsrer Zeit 
und Wissenschaft entsprechend seyn sollte. 

Den Beschlufs des Bandes macht: Epistolarum a M. TulUo 
Cicerone scriplarum scric* ; S. 44» ff eine tabellarische Zusammen- 
stellung der Ciceronischen Briefe, wie sie einzeln nach der Zeit 
ihrer Abfassung auf einander folgen, nach der zu Stralsund i836 
darüber erschienenen Schrift von Jos. v. Gruber. 

(Der Betchluft folfit.) 



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N*. 10. HEIDELBERGER i838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 

Onomaslicon Tullianum ed. Orelli et Bailer. 

(Beichluf,.) 

Wir haben nun noch einer unter besonderem Titel und mit 
besonderen Seitenzahlen diesem Bande angeschlossenen Zugabe zu 
gedenken, die sich in jeder Hinsicht als ein eigenes Werk dar- 
stellt : 

Fa$ti Consulare» Triumphale sque Romanorum ad fldem optimo- 
rum auctorum rccognovit et indiccm adjecit Jo Oeorgiu$ Baitnru: 
Turici, typU Orttlii, Fueßlini Sf Soe. MDCCCXXXVli. ccMLVtti S. 

Zuerst : 9 fasti Consularcs Romanorum ad fidem optimorum 
auctorum recogniti* und zwar von dem Jahr der Erwählung der 
Consuln an, 244 °* c - (nach der Varronischen Ära 245) bis zu 
dem Jahre 1817 u. c. oder 565 p. Chr., wo Justinian starb. Die- 
ses Verzeichnifs , in welchem Alles, was aus den-Capitolinischen 
Marmorn entnommen ist, durch Cursivschrift kenntlich gemacht 
ist , erstreckt sich demnach über einen Zeitraum ron nicht ganz 
eilf Jahrhunderten, und ist ebensowohl nach den vorhandenen 
Quellen, als mit sorgfältiger Berücksichtigung Alles dessen, was 
durch die Bemühungen gelehrter Forscher, von Sigonius an bis auf 
Fea und Laurent herab, für diesen wichtigen Zweig der Römischen 
Altertbumskunde geleistet worden war, bearbeitet. Wir erhalten 
auf diese Weise hier zum erstenmal ein eben so vollständiges 
als berichtigtes Verzeichnifs, das, weil es auf einer diplomatisch- 
britischen Grundlage durchweg beruht, vor allen früheren Jabres- 
Terzeichnissen der Art sich auszeichnet. Das Gleiche gilt von 
dem angehängten Verzeichnifs: Triumphi Romanorum usgue ad 
Tiberium Caesarem; und so können wir uns wohl freuen, dafs 
durch die Bemühungen des Herrn Baiter ein so schwieriger und 
doch so wichtiger Gegenstand, da an ihn die ganze Chronologie 
Roms und die Zeitbestimmung aller einzelnen Ereignisse Borns 
geknüpft ist, nun gewissermaßen erledigt und für jeden in der 
Bomischen Geschichte uns entgegentretenden Punkt eine feste 
Norm gegeben ist, die man von nun an nicht verlassen sollte. 
Um aber den Gebrauch dieser Verzeichnisse beim Nachschlagen 
des Einzelnen noch mehr zu erleichtern , ward ein genauer Index 
XXXI. Jahrg. 2. Heft. 10 



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146 Schixlit* : Vorschule tum Cicero. 

ad Fastos Consulares ei Triumphos beigefugt , wo alle einzelnen in 
den Fasten vorkommenden Namen alphabetisch geordnet und Ter- 
zeichnet sind , auch bei jedem einzelnen das Jahr des ConsulaU 
oder des Triumphs, und zwar urb. cond. bemerkt ist Besonde- 
ren Dank verdient aber der Herausgeber für den in einem Nach« 
trage gelieferten , diplomatisch getreuen Abdruck der in der neue- 
ren Zeit von Fea , Borghesi und Marini (a. unsere Böm. Lit Gesch. 
$. 201. not. 11) bekannt gemachten Beste alterer consularischer 
Fasten: Fragmcntafastorum consularium et triumphalium a Carola 
Fea edita cum nonnuUU aliU. Die Seltenheit der in Italien er- 
schienenen Schriften, in welchen die genannten Gelehrten die 
von ihnen ans Tageslicht gezogenen, bisher unbekannten Beste 
des Alterthums bekannt gemacht hatten , konnte allein schon die- 
sen Wiederabdruck rechtfertigen, der auch in der Wichtigkeit 
des Gegenstandes selber hinreichend begründet ist; die sechs er- 
sten Nummern enthalten Beste der neu entdeckten Capitolinischen 
Fasten, wie sie Borghesi und Fea gaben, dann folgt unter Num- 
mer 7 das Fragmentum Fastorum Triumphalium Kircherianum 
nebst dem von Fea dazu entdeckten neuen Zusatz, unter Nr. 8 
das, ebenfalls durch Fea sorgfältiger herausgegebene Fragmentum 
Colotianum; unter Nr. 10 die Inscriptio Ostiensis, auch von Fea 
zuerst bekannt gemacht; unter Nr. 10 vier Stucke consularischer 
Fasten , und unter Nr. 1 1 Inscriptio Gabina , beides durch Marini 
und Clement. Cardinali bekannt gemacht und erläutert. 80 ist 
nun auch den deutschen Gelehrten der Zugang zu diesen seltenen 
und doch wichtigen Schätzen möglich gemacht 

Wir reihen an diese Anzeige noch nachfolgende , Cicero 
gleichfalls betreffende Schriften an, und zwar zuvorderst die 
schon früher in diesen Blättern nach den fünf ersten Lieferungen 
angezeigte und jetzt mit dem Erscheinen der sechsten bis achten 
Lieferung vollendete 

Cor schule zum Cicero, enthaltend die zur Bekanntschaft mit diesem 
Schriftsteller nuthigen biographischen, literarischen, antiquarischen und 
isagogischen Aachweisungen Ein Handbuch für angehende Leeer des 
Cicero, Von Dr. Samuel Christoph Schirlit», Professor u. Ober» 
Ichrer am k. Gymnasium zu Wetzlar, Mitglied der Direction des Jfets- 
lar'schen Vereins für Gesch. u. s. w. Wetzlar, Verlag von C, Wigand* 
1837. 8. Sechste bis achte Lieferung von & 321-518 nebst XVI 8. 
Vorrede und Register. 

Wir haben schon in den frühem Anzeigen (Jahrgg. i836. 
8. 936 ff. >83 7 . S. 804 ff) Plan, Einrichtung und Bestimmung 



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Schirlüi: Vorteil ule inni Cicero. 



14t 



dieser Vorschule besprochen, and freuen uns, nun ein für Schu- 
ler wie für Lehrer gleich brauchbares Buch vollendet zu sehen, 
dessen Leetüre der Förderung classischer Studien, insbesondere 
des Cicero, recht ersprießlich werden kann. Wir haben bereits 
so den a. O. gezeigt, wie die Resultate der neueren Forschung 
* hier allerdings mit Sorgfalt , aber auch mit der nSlhigen Vor- 
sicht benutzt worden sind, und dsfs der Vf. darin nach selbstän- 
digem Urtbeil und eigener Einsicht verfahrt. Wir haben dies 
auch in dem hier anzuzeigenden übrigen Theile des Werkes be- 
wahrt gefunden, und können daher das Buch besonders jüngeren 
Lesern , für die es doch auch zunächst bestimmt ist , wohl em- 
pfehlen, da der Vf., ohne in einseitiges Lob und in eine Bewunde- 
rung zu verfallen, die Alles an Cicero grob und unübertrefflich fin- 
det, doch auch den absprechenden LYth eilen, welche sich in neue- 
rer Zeit über Cicero wieder haben vernehmen lassen, und welche, 
einzelne Schwächen des groben Mannes, von denen er so wenig 
wie irgend eine andere Menscbenseele frei War ond frei bleiben 
konnte 9 benutzend , seinen gunzen Charakter herabzuwürdigen 
suchen, um dadurch zumal jüngeren Lesern die Lecture seiner 
Schriften zu verleiden , entschieden entgegen tritt und den Werth 
der Schriften Cicero 's auch für unsere Zeit, die wichtige Stelle, 
die sie unter den Bildungsmitteln der classiseben Literatur über- 
haupt einnehmen nnd auch wohl noch furderhin da einnehmen 
werden , wo überhaupt von einer classiseben und gründlichen 
Jugendbildung die Rede ist, hervorhebt. Wir haben nun noch 
in der Kürze die Gegenstände zu bezeichnen, welche in der 
bemerkten Weise in den oben angezeigten Lieferungen behandelt 
worden sind. 

Zuvörderst ist die in der fünften Lieferung noch nicht ge- 
schlossene Angabe der Literatur zu den philosophischen Schriften 
Cicero's fortgesetzt und beendet, woran sieb die Angaben über 
die Briefe Cicero's reihen , begleitet ebenfalls mit den erforder- 
lichen literarischen Notizen, den Angaben der Ausgaben u. s. w. 
Der Werth der Briefe des Cicero für die Bildung des Styls, 
überhaupt für geistige Bildung, selbst abgesehen von anderen 
historischen oder biographischen Rücksichten, um deren willen 
wahrhaftig schon allein die Briefe gelesen zu werden verdienten, 
und daher auch die mit allem Unrecht bestrittene Zweckmäfsig- 
keit ihrer Lecture auf Schulen, ist hier mit Gründen nachgewie- 
sen, die auch wir gern anerkennen. Man lese z. B. S. 3a8*— 33i, 
sowohl was im Text , als was in den Noten bemerkt ist. Bei 



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148 Schirlitl : Vorschale zum Cicero. 

• ■ 

der noch immer, wie wir wenigstens zu glauben geneigt sind, 
nicht völlig entschiedenen Frage über die Äcbtbeit der Briefe ad 
Brutum hat sieb der Verf. auf eine historische Darlegung der 
Streitfrage beschränkt, obne weiter darauf eingehen oder die 
Frage selbst durch einen Machtspruch entscheiden zu wollen ; 
vgl. S. 338 ff. Die Verhältnisse seiner Schrift und deren nächste 
Bestimmung rechtfertigen allerdings ein solches Verfahren. Bei 
den Ausgaben der Briefe ad Diversos macht der Verf. S. 34o in 
der Note eine Bemerkung, deren Mittheilung wir uns erlauben. 
Während nämlich diese Briefe im fünfzehnten und sechzehnten 
Jahrhundert so oft gedruckt wurden, dafs allein das fünfzehnte 
Jahrhundert mehr als dr ei fs ig verschiedene Ausgaben derselben 
aufzufuhren hat , (was allerdings ein Beweis fleißiger Leetüre 
und fleifsiger Bebandlungsweise derselben ist) , so erscheinen da- 
gegen in dem ganzen siebenzebnten Jahrhundert nur sechszehn 
Ausgaben. Sollte wohl, fragt der Vf. , der dreifsig jährige Krieg, 
während dessen nur eine Ausgabe zu Leiden in Holland 164«, 
die erste seit 1610 , erschien, darauf Einflufs gehabt haben? 
Wir glauben allerdings, zumal wenn wir den in jener Periode 
überhaupt gesunkenen Stand der Literatur und Wissenschaft in 
Betracht ziehen und weiter bedenken, dafs dieser Stillstand zu- 
gleich die natürliche Folge einer vielleicht unnaturlichen Über- 
fullung der unmittelbar Torhergehenden Periode war. Nun folgen 
Verzeichnisse der Ausgaben der Fragmente, der Scripta suppo- 
Sita, der Übersetzungen Cicero's und anderer Erläuterungsschrif. 
ten, ausgewählt aus der Masse dessen, was das oben angeführte 
Onoinaslicon Tullianum enthält, das auch bei den übrigen litera- 
rischen Angaben dankbar benutzt worden ist. 

Die Schilderung, die wir unter VII lesen: »Cicero als 
Privatmann, oder Cicero unter den Seinen,« S. 356 ff. 
ist, wie es wohl auch nicht anders zu erwarten war, keineswegs 
zum Nachtheil Cicero s ausgefallen, dessen Verhältnisse zu den 
verschiedenen Gliedern seiner Familie, zu seinen verschiedenen 
nächsten Freunden, zu Atticus, Tiro u. A. hier eben so wie seine 
Freundlichkeit im geselligen Umgange, sein Leben auf dem Lande 
and Anderes der Art näher besprochen wird. Über den meist 
sehr hart und ungunstig beurtheilten Sohn des Cicero, Marcus 
Cicero , stellt der Verf. S. 36 1 eine mildere und vermittelnde 
Ansicht auf, die wohl näher berücksichtigt und beherzigt zu wen- 
den verdient Nun folgt VIII: Cicero mit seinen berühm- 
ten Zeitgenossen, S. 3?3 ff. In diesem Abschnitt werden 



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Scbirlüi: Vorschule zum Cicero 149 



die verschiedenen bedeutenderen Manner Roms, mit welchen Ci- 
cero in irgend einem näheren Verhält nifs , es sey politischer oder 
literarischer oder anderer Art, stand , der Reihe nach aufgeführt 
und ihr Verhä'ltnifs zu Cicero ganz kurz angegeben, ohne dafs 
die übrigen geschichtlichen Verhältnisse weiter entwickelt wer- 
den, wozu allerdings auch hier nicht der Ort war, zumal als das, 
was Cicero zunächst berührt, schon in der Lebensgeschichte des- 
selben besprochen worden war. Es mufste hier naturlich auch 
Antonius, der Triam vir, genannt werden, und bei dieser Ge- 
legenheit lesen wir unter Andern 8. 376 Folgendes: »Die Dar- 
stellung seines Lebens von Drumann im angeF. Werke Bd. I. S. 
64 — 5i7, eine so gründliche und ausfuhrliche Durchforschung 
der Geschichte der damaligen Zeit, dafs ihr Nichts an die Seite 
gesetzt werden kann, wurde uns noch mehr angezogen haben, 
wenn dabei Cicero nicht in ein so nnrortheilhaftes Licht, na- 
mentlich von Seiten seiner Gesinnungen, gestellt wurde. 
Dafs Antonius, ungeachtet der Aufzählung aller seiner Sunden 
and Laster, zuletzt noch milde vom Hrn. Verf. beurtheilt wird; 
denn er sagt S. 5o8: »Antonius verscherzt unsere Achtung, aber 
nicht unsere Theilnahme ; man zürnt und vergiebt ihm, und mufs 
man ihn verdammen , so mag man doch den Stein nicht auf ihn 
werfen« — : das ist schon und menschlich gedacht; dafs aber 
Cicero, der doch tausendmal mehr inneren Werth besafs, nicht 
mit derselben Milde beurtheilt , sondern oft mit seiner Gesinnung 
and Stellung zum Senate , zur Bepublik , ja zum ganzen Römi- 
schen Volke verkannt wird: das hat nicht blos uns unangenehm 
berührt; Andere haben es mißbilligend sogar schon öffentlich 
ausgesprochen, c Konnte man sich, ohne übrigens doch der Wahr- 
heit ihr Becht zu vergeben, gelinder aussprechen, als der Verf. 
hier gethan hat? Derselbe kommt im nächsten Abschnitte noch 
einmal bei Antonius auf diesen Punkt zurück, und spricht dort 
8. 417 in der Note die Hoffnung aus, dafs die schweren Beschul- 
digungen, welche in dem angef. Werke auf Cicero gehäuft wer- 
den, ihre Widerlegung finden werden, und nachdem er eine län- 
gere Stelle aus ebendemselben Werke angeführt, setzt er die 
bemerkenswerthen Worte hinzu , die auch Bef. gern unterschreibt : 
»Es ist hier nicht der Ort, polemisch diese harten Beschuldigung 
gen zu besprechen , nur das Eine werde bemerkt , dafs Cicero 
Dicht von dem rechten Standpunkt aus beurtheilt worden ist. Daa 
Gewand des Alterthums ist ihm abgestreift worden; er wird wie 
ein ünterthan eines modernen Staates behandelt!« Bef. gehört 



150 



Schlrlilst Vorschule tum Cicero. 



gewifs nicht zu denen, welche der mühsamen, bis in das gering, 
ste Detail sich erstreckenden Forschung , wie sie in dem mehr- 
fach erwähnten Werke uberall sich zu erkennen giebt, die ge- 
bührende Anerkennung versagen mochte; aber auch er ist der 
Überzeugung, dafs darin das ganze Verhältnifs der Sache umge- 
kehrt, und über dem Bestreben, den Antonius, der historischen 
Wahrheit zuwider , als einen grofsen Staatsmann , und si diis pla- 
cet, gar alt Anhänger und Vei t heidiger des monarchischen Prin- 
eips und der Ordnung gegenüber einer republikanischen Demo- 
ralisation und Verwirrung erscheinen zu lassen, Cicero höchst 
ungerecht behandelt ist, dessen politische Grundsatze, wie sie in 
seinen Schriften mehrfach vorliegen, allerdingt verkannt sind, 
auch wenn wir zugeben, dafs ein Antonius, von dem Standpunkt 
der höheren Politik, wie dies die Leute nennen, betrachtet, und 
nicht nach dem Mafsstabe einer gewohnlichen Lebensmoral be- 
messen , in nicht so grellem Liebte erscheinen mag, als ihn z.B. 
Cicero's berühmtes Libell, wir meinen die zweite Philippiscbe 
Rede, darstellt, und dafs dann die Schwachen in dem Charakter 
des Cicero in so fern mehr hervortreten, als die Folgen davon 
in dem ungleichen Kampfe gegen militärische Macht und gegen 
die Gewalt der Massen sichtbarer werden mufsten , ohne dafs wir 
darum jedoch aufhören werden , der Alles aufopfernden Vater- 
landsliebe und dem Edelsinn eines Cicero Etwas von dem wohl- 
verdienten Lobe zu entziehen. 

Der neunte Abschnitt: Cicero im Kampfe mit seinen 
Gegnern S. 401 ff. kann für ein Corollarium zu dem vorher- 
gebenden Abschnitt sowie zu dem, was schon in dem Abschnitt 
von der Lebensgeschichte Cicero's gesagt ist, angesehen werden; 
die Hauptgegner Cicero's in seiner politischen Laufbahn werden 
der Beihe nach hier aufgeführt, ein Verres, Catilina, Calpurniut 
Piso, ein Cäsar, Antonius, selbst Asinius Pollio und Octavian, 
sowie Sallust. Im zehnten Abschnitt S. ff.: Cicero, von 
der Mit- und Nachwelt beurtheilt, fuhrt der Verf. zuerst 
die feindseligen und angünstigen Urtheile über Cicero aus älterer 
und neuerer Zeit an und lafst darauf die milderen und günstigen 
folgen, unter denen allerdings die gewichtigen Stimmen eines Li- 
tius, Vellejus — man denke an die herrliche Stelle II, 66. — 
eines Quiutilian u. A. eine Hauptstelle einnehmen, an welche sich 
die Urtheile und Ansichten neuerer Kritiker, selbst derjenigen, 
welche den Cicero von dem so oft gerügten Vorwurf der Eitelkeit 
freizusprechen oder doch zu entschuldigen suchen, anschließen. 



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Ciccronii Oratt. .eiectt. Ton fiupfle. IM 

Den folgenden, eilften, Abschnitt: Cicero, ein Muster gu- 
ter Latinitat und wegen seiner Schriften zur Leetüre 
und Jugendbiidung ganz besonders zu empfehlen, S. 
434 ff., empfehlen auch wir gern, weil er den bildenden Werth 
der Schriften Cicero's, den der Vf. mit Recht als den Mittelpunkt 
alier römischen Classicitfit und Alterthumskunde betrachtet, hervor- 
hebt und die Grunde , die dafür sprechen , mit der Einsicht eines 
erfahrnen Schulmanns näher ausfahrt. Der letzte Abschnitt, der 
zwölfte S. 444 ff., gibt einige besondere Einleitungen in 
Schriften von Cicero, welohe auf Schulen gelesen 
werden. Diese Einleitungen , in welchen zuerst die allgemeinen 
Punkte der Abfassung und Bestimmung der Schrift besprochen 
und dann Übersichten des Inhalts und des Ganges der Darstellung 
gegeben werden, erstrecken sich über den Cato, Laelius, die 
Tusculaoen, die Officien (die übrigens Ref. als Schulbuch für 
die Lecture auf Gymnasien nicht passend finden kann, Wittenbachs 
Unheil sich anschliefsend im der Biblioth. critio. I, 3. p. i5 ff.), 
die vier Catilinariscben Reden , die für Archias und für die Ma- 
nilische Bill. Den Beschlufs machen folgende Beilagen: I. Cbn- 
gulet Romani per Vilam Ciceronit. 11. Tabulae genealogicae , und 
zwar die Stammtafel der gens Tullia, die des C. Julius Casar, 
und die Verwandtschaft des Octavius mit Cäsar. III. Einige Nach- 
trage. — Druck und Papier sind den früheren Lieferungen 
durchaus gleich. 

M. Tullii Ciceronit Omtwnet selectae XV II. Pro Sex. Roteio Amertno. Im 
C. Vtrrtm Actio I. Aetionh II. Uber IV. V. Dt imperio Cn. Pompeji. 
Im L. Catilinam IV. Pro Arekia. Pro T. Annio Milone. Pro M. Mar- 
cello. Pro Q. Ligario. Pro rege Dejotaro. In M. Antonium Pkilippica 
I. IV. XIV. Nach den betten neuesten Hilfsmitteln für den Schulge- 
brauch bearbeitet und mit historischen Einleitungen versehen von Karl 
Fr. Süpflc, Profettor am Luteum tu Karltruhe. Mit einer Zugabt 
kurter meist kritischer Anmerkungen. Karlsruhe 1837. Druck und 
Verlag vom Chr. Th. Groot. Xlll und 850 S. in gr. 8. 

An die von dem Verf. vor einiger Zeit gelieferte Ausgabe 
einer Auswahl Ciceronianischer Briefe zum Schulgebrauch (5. diese 
Jahrbb. i836. S. 1208 ff.) schliefst sich diese Ausgabe einiger zu 
gleichen Zwecken ausgewählten Reden Cicero's passend an, und 
kann gleich jener Anstalten des In. und Auslandes als ein recht 
zweckmäßig angelegtes und brauchbares Schulbuch empfohlen 
werden. Beschränkt durch die Gesetze dieses Instituts auf eine 
einfache Relation des Inhalts, wollen wir wenigstens nicht verfeh- 



152 Ciceronil Oratt. «electt. von Säpfle. 

* 

Jen, das Charakteristische dieser neuen Auswahl Ciceronianischer 
Reden, im Verhältnis und im Vergleich zu ähnlichen Sammlun- 
gen, wie wir sie bisher erhalten haben, anzugeben und damit 
wenigstens unser eben ausgesprochenes In heil der Brauchbarkeit 
und Zweckraäfsigkeit begründen, das gewifs Jeder mit uns t hei- 
len wird , der mit Berücksichtigung der Bestimmung und des 
Zwecks der Auswahl dieselbe einer näheren Prüfung unterzieht. 
Hier müssen wir nun vor Allem zwei Punkte hervorheben, auf 
die auch der Herausgeber ein entschiedenes Gewicht legt, da er 
in ihnen gewissermafsen eine Rechtfertigung und Entschuldigung 
des eigenen Verfahrens ßndet, die Zahl der bereits bestehenden 
Sammlungen und Ausgaben Ciceronianischer Reden zum Schul- 
gebranch mit einer neuen vermehrt zu haben. Der eine dieser 
beiden Punkte betrifft die Auswahl der hier in eine Sammlung 
vereinigten Reden, der andere die Kritik des Textes, also zu- 
nächst die Form und die darauf bezuglichen Anmerkungen, so 
wie die jeder Rede vorausgehenden deutschen Einleitungen. 

Was den ersten Punkt betrifft, so vermifste der Verf. und 
mit Recht in den bisherigen ähnlichen Ausgaben Mehreres, was 
doch gerade für die Scbullecture besonders geeignet und passend 
erschien, während Anderes, minder Passendes, in dieselben auf- 
genommen war. Unter jene Gasse geboren neben der in man- 
chen Schriften der Art vermifsten Rede pro Marcello, insbesondere 
die Verrinen, deren Aufnahme in die vorliegende Sammlung ge- 
wifs zweckmäfsig und durch die in der Vorrede angeführten 
Grunde hinlänglich gerechtfertigt erscheinen mufs, zumal da von 
den Verrinen nur die durch ihren Inhalt anziehenderen und pas- 
senderen Theile, nämlich Actio I. und von der Actio II. Buch 
IV. und V. aufgenommen worden, ebenso auch die erste, vierte 
und vierzehnte Philippische Rede, die hier an die Stelle der 
zweiten getreten sind, welche nach herkömmlicher Weise, und 
weil sie allerdings ein Meisterstuck der oraturischen Kraft des 
Cicero ist, in den meisten Sammlungen vorkommt, aber, wie 
auch Ref. vollkommen überzeugt ist, eben so wenig, als z. B. 
unter den philosophischen Schriften Cicero 's die Officien oder die 
Bücher De natura Deorum, für die Schule pafst, sowohl von Sei- 
ten ihres sonst so wichtigen und reichen Inhalts , als von Seiten 
der Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit in der ganzen Darstellung 
sowie des äusserst gereizten Tones, in welchem Alles gehalten 
ist. Ref. , der diese Rede schon mehrfach in öffentlichen Vor- 
trägen erklärt und seine Bewunderung für dieses autgezeichnete 



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Ciccroois Oratt. sclectt. von Süpfle. 



153 



Denkmal Römischer Beredsamkeit an mehr als einem Orte offen 
ausgesprochen hat, kann aber darum dieselbe für die Lcctüre 
auf Schulen nicht passend finden , und es freut ihn , dafs ein wohl 
erfahrener und mit den Bedurfnissen der Schule wohl vertrau- 
ter Lehrer diese Ansicht unumwunden ausgesprochen und eben 
so entschieden hier durchgeführt hat Es erfordert diese Rede, 
um richtig verstanden und gewürdigt zu werden, ein schon rei- 
feres Alter, schon mehr Einsicht in die Staats Verhältnisse und in 
das politische Treiben, als man fuglich selbst auf den oberen 
CJassen der Gymnasien erwarten kann und soll; anderer nicht 
minder wesentlichen Punkte zu geschweigen. Dafs unter den 
übrigen Reden, grofsentheils dieselben, die wir wegen ihrer an- 
erkannten Nützlichkeit und Brauchbarkeit für die Bedurfnisse 
und Zwecke der Schule auch in andern Sammlungen finden, die 
Catilinarien sich noch finden, wurden wir wenigstens, aus gar 
manchen Gründen , nicht mißbilligen , auch sind wir in der neuer- 
dings so lebhaft wieder angeregten Frage nach der Ächtheit der 
drei letzteren dieser Reden keineswegs von der behaupteten Un- 
ächtheit derselben überzeugt worden, so gern wir auch sonst 
den Behauptungen eines so gediegenen und gründlichen Forschers 
wie Orelli uns anschJiefsen ; aber wir Tonnen selbst nach der aus- 
führlichen Darstellung von Ahrens (s. diese Jahrbb. i836. p. 94 
— 96 vgl. 1837. p. 6o5) die Sache noch nicht für entschieden 
und die Unächtheit als ausgemacht ansehen, um fortan diese 
Reden oder doch eine oder die andere derselben nicht mehr un- 
ter der Reihe der ächten und anerkannten Producte des Cicero 
erscheinen zu lassen. Selbst Eichstädt, der in dem auch vom 
Verf. angeführten Programm zunächst nur nachweisen wollte, 
und auch von S. 7 an nachgewiesen bat, dafs Wolfs Zweifel nur 
auf die dritte Catilinarische Redesich bezogen, bat am Schlüsse 
S. 14 über die ganze Streitfrage hier sowohl wie bei andern Re- 
den des Cicero sich auf eine Weise ausgesprochen , die uns wahr- 
haftig vorsichtig machen und Mäfsigung anempfehlen mufs. 

Wir kommen nun auf den andern nicht minder gewichtigen 
Grund , welcher den Verf. zur Herausgabe seiner Sammlung mit 
bewegen konnte. Es ist dies die gewaltige Umgestaltung, welche 
der Text dieser Reden durch die fortschreitende Kritik unserer 
Tage, insbesondere durch die Bemühungen eines Orelli, Madvig, 
Zumpt, Klotz u. A. erfahren hat, wodurch ältere Ausgaben und 
Sammlungen für den Schulgebrauch, der vor Allem einen gerei- 
nigten und geläuterten Text verlangt, ihre Nützlichkeit verloren 



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154 



CiceronU Oratt wlecti. tob Sü p hV 



haben; zomal da diese Umgestaltung des Textes eben so sehr 
durch ein Streben, demselben eine urkundliche Grandlage durch 
Zurückgehen auf die ältesten und sichersten, von allen spätem 
Interpretationen freien Quellen zu geben, als durch die genauere 
Kunde des Sprachgebrauchs und der höheren grammatischen 
Grundsätze und Regeln bewirkt worden ist. So mochte auch Ton 
dieser Seite des Vfs. Verfahren gerechtfertigt erscheinen, wenn 
er hier einen nach den Bemühungen der genannten Kritiker, de- 
nen er sich meistens, obwohl nicht unbedingt, anscbliefst, be- 
richtigten, für den Schulgebrauch geeigneten Text einiger Reden 
Cicero« liefert, wobei zugleich jeder einzelnen Rede eine eigene 
Einleitung, welche über die geschichtlichen und antiquarischen 
Punkte sich verbreitet, vorausgeschickt ist, ohne dais, wie dies 
wohl sonst und in andern Ausgaben Sitte ist, lange Inhaltsanzei- 
gen oder Übersichten des Ganges der Rede, Schemen ihrer Ein- 
tbeilung u. dgL beigefugt sind, weil der Vf. von dem richtigen 
Grundsatz ausgeht, da Ps diese besser von dem Schuler selbst nach 
beendigter Leetüre der Rede als eine nutzliche Recapitulatioo 
oder Nachübung entworfen werden können. Erklärende Noten 
unter dem Texte, von welcher Art auch immer, sind nicht hinzu- 
gekommen; denn die Grunde, die den Verf. veranlassen konnten, 
der oben erwähnten Briefsammlung solche Anmerkungen beizu- 
fügen, fallen hier bei den Reden weg, bei denen es wohl erspriefs- 
licher seyn durfte, dem Schüler einen blofsen Text, aber einen 
kritisch möglichst berichtigten, Druckfehlerfreien und wohl inter- 
purgirten in die Hände zu geben; die einzelnen Schwierigkeiten, 
die sich bei der Leetüre darbieten, werden die allgemeine Regel 
nicht umstofsen und nur dazu dienen können, des Schülers eigene 
Kraft frühe zu wecken und zur Selbstthätigkeit anzuregen. Oer 
Verf. will überhaupt solche Schulausgaben mit Noten, die in der 
Regel alle möglichen Zwecke in sich rereinigen sollen und darum 
keinem gehörig entsprechen und dienen , von der Schule fern 
gehalten wissen, zumal bei solchen Schriftstellern oder einzelnen 
Werken derselben , über welche dem Lehrer gute Hüllsmittel zu 
Gebote stehen (S. X). Er hat daher nur am Schlüsse von S. 3sa 
bis 35o eine Reihe von Anmerkungen beigefugt, welche indefs 
rein kritischer Art, und keineswegs als eine dem Schüler die 
Mühe erleichternde Nschhülfe zu betrachten sind, eher aber als 
eine Art von Rechtfertigung und Begründung der in zweifelhaf- 
ten Stellen aufgenommenen Lesart gelten können, und zwar so, , 
dafs der Gegenstand nicht durch ein Machtwort entschieden , son- 



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dem näher besprochen and unter Anführung der Grunde ent- 
schieden wird. »Darum enthalten (bemerkt der Verf. S. XI , 
dessen eigene Worte wir hier mittheilen) die dem Buche bei- 
gegebenen Anmerkungen nicht leere Varianten, die für dieses 
Alter der Schuler ohne allen Werth sind, nicht aufgeworfene 
Zweifel über des Schriftstellers Sprachgebrauch , nicht Angriffe, 
die nur Ter wirren und unsicher machen und zu leicht die Er- 
langung einer tüchtigen Sprachkenntnifs hindern und überhaupt 
die liebe cum classischen Alterthum gefährden. Denn wenn wir 
nicht die Schrift der Alten selbst, die jedesmal zur Erklärung 
vorliegt, sondern unsere kritischen, grammatischen , lexikalischen 
Bedenklichkeiten und Probleme zur Hauptsache machen, so wer- 
den wir unsere Jugend der grofsen Aufgabe, um die es sich in 
unsern Anstalten handelt, früh entfremden, und in den Talent- 
volleren leicht einen Dunkel wecken und nähren , der für ihre 
ferneren Studien wie für ihren Charakter gleich nachtheilig ist.« 
Möchten diese Worte wohl beherzigt und als Regel , als Richt- 
schnur bei dem Unterrichte befolgt werden; es wurde dann ge- 
wifs auch auf Universitäten sich Manches anders gestalten, wo 
der eben dahin aus der Schule Entlassene oft nichts Eiligeres zu 
thun bat, als die auf der Schule ihm längst verleideten uod zu- 
wider gewordenen classischen Studien abzuwerfen und sich in die 
sogenannten Brodstudien hineinzustürzen, um so recht frühe jeden 
Keim einer edleren und höheren wissenschaftlichen Richtung zu 
ersticken. 

Ref. kann, wie schon oben bemerkt worden, in eine Kritik 
der einzelnen Stellen, wie sie zunächst in diesen Anmerkungen , 
gewissermaßen zur Rechtfertigung des gegebenen -Textes, behan- 
delt werden , sich nicht einlassen ; aber eine sorgfältige Durchsicht 
derselben hat ihn für das kritische Verfahren und die Behend» 
lungsweise des Vfs. allerdings nur gunstig stimmen hon nen ; eine 
Vergleichung , die er mit der gleich zu nennenden neuesten Auf- 
gabe der Rede Pro Roscio Amerino durch Oelli (welche der 
Vf. noch nicht bei seiner Auswahl hatte benutzen können) an den 
betreffenden Stellen, welche aus dieser Rede in den Anmerkungen 
besprochen werden, unternommen hat, zeigte ihm eine auffallen« 
de t nur an wenig Stellen (wie z. B. Oap. XI. $. 3a , wo Orelli 
Madyig beizustimmen scheint, indem er die Worte Sex. Roscium 
»lt ein Glossem in eckige Klammern einschloß) ausbleibende Über- 
einstimmung in den Urtheilen des Vfs. mit dem , wofür der ge- 
honte Kritiker sieb entschieden hatte. 



156 Cicer. Orat pro Rotclo Amerino ed. Orelli. 

So mochte es denn wohl keinem Zweifel unterliegen, dafs 
der Verf. mit dieser auch durch ein angemessenes Äussere and 
correcten Druck sich vorteilhaft auszeichnenden Ausgabe einer 
Anzahl Ciceronianischer Reden ein recht brauchbares Schulbuch 
geliefert bat, das bei der erneuerten und verbesserten Einrieb« 
tung unserer Landesgymnasien und Lyceen allerdings eine allge- 
meine Aufnahme verdient, die wir ihm auch ausserhalb dieses 
Kreises seiner Nützlichkeit wegen gern wünschen. 

Die eben erwähnte neue Ausgabe der Rede Pro Roscio Ame- 
rino erschien unter folgendem Titel : 

Index Lectionum in Academia Turicensi , inde a die XXI V mensis AprUi* 
usque ad diem XXili M. Septembr. habendarum. Inest M. Tullii 
Ci ceronis oratio pro Sex. Roscio Amerino denuo emendata et 
in usum lectionum edita ab J o. Ca$p. Orellio. Turici, Ex officina 
ülrickiana. MDCCCXXXVIL 47 S. in gr. 4. 

i 

Herr Professor C. v. Orelli benutzte die ihm durch die Ab- 
fassung eines akademischen Programms sich darbietende Gelegen- 
heit zu einem Wiederabdruck der schon früher von ihm in sei- 
ner Gesammtausgabe der Werke Cicero's gelieferten Rede, welche 
inzwischen durch die Bemühungen mehrerer Kritiker, vor Allen 
Madvigs, an vielen Stellen eine bessere Gestalt gewonnen hatte, 
die allerdings einen erneuerten und berichtigten Abdruck wün- 
schensweith machen konnte. Und diesen, gewifs den berichtigt- 
sten, der nach den vorhandenen Hulfsmitteln zu geben war, bie- 
tet uns Hr. Orelli , dem Urtheile Madvig s über die geringe Be- 
deutung und den Werth der bis jetzt bekannten Handschriften 
dieser Rede, welche sammtlich neueren Ursprungs sind, beipflich- 
tend , so dafs allerdings die vorhandenen Varianten nicht sowohl 
nach der handschriftlichen Autorität, die hier, wie sich Hr. Orelli 
ausdruckt, durchaus null ist, als nach grammatischen, logischen 
und rhetorischen Gründen zu beurtheilen sind. Unter dem Texte, 
der so freilich bei diesen fortgesetzten Bemühungen des Heraus- 
gebers eine ganz andere , ungleich berichtigtere Gestalt , als der 
im Jahr 1826 gegebene, erhalten hat, sind die abweichenden Les- 
arten von Büchner, Klotz, Madvig und von der eigenen früheren 
Ausgabe, angezeigt und oft damit weitere kritische Bemerkungen 
verbunden, in der Art und Weise, wie wir deren schon zu meh- 
rern ähnlichen Bearbeitungen einzelner Schriften des Cicero, na- 
mentlich Reden, erhalten haben. Dafs darin der oben erwähnte 
Standpunkt festgehalten und darnach stets verfahren worden ist, 



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Clcer Orat pro Roicio Amerino ed. Orelli. 



bedarf wohl kaum noch einer Erinnerung. Ref. hatte diese Worte 
bereits niedergeschrieben , als ihm sein viel jahriger Freund und 
Mitarbeiter in diesen Jahrbüchern, Herr Rector Moser in Ulm, - 
eine Anzeige dieser Schrift zuschickte, in welcher dieser gründ- 
liche und gelehrte Kenner des Cicero über diese Ausgabe in ahn« 
lieber Weise, wie Ref. in den vorher bemerkten Worten sich 
aussprechend, dann Folgendes beifügt, was Wir, da es auch von 
allgemeinerem Interesse ist , mit dessen eigenen Worten am Schlufs 
unserer Anzeige mitzutheilen uns verpflichtet fühlen: 

»Es kann nun nicht unsere Absicht seyn, die Abweichungen 
aufzuzählen , welche sich hier finden , wenn man diesen Text mit 
dem vom J. 1826 fergleicht, noch weniger sie einzeln zu be- 
urtheilen. Den meisten mufsten wir ohnediefs unsern unbeding- 
ten Beifall geben. Übrigens sind der Abänderungen so viele, 
dafs wir nur in den zwölf ersten Capiteln mehr als dreifsig ge- 
zahlt haben. Einige Anmerkungen vertheidigen auch die Beibe- 
haltung des frühem Textes gegen, neuere Ändcrungs versuche, 
einige vergleichen die Ansichten der genannten drei Gelehrten, 
einige erläutern auch, bei Gelegenheit der kritischen Besprechung, 
den Sinn schwieriger Stellen, einige endlich bringen eigene Con- 
jecturen des Herausgebers. Unter den letztern gefiel dem Ref. 
besonders die Herstellung der Stelle C. 38, 110. Da hatte Hr. 
Pr. O. Tor zehn Jahren, weil keino handschriftliche Lesart be- 
friedigen kann: cum Mo partem suam depacisci, hisce, aliqua 
fr et us mora Semper , omnes adilus ad Sullam intercludere , ge- 
geben, dabei aber noch eine Menge von Conjecturen Anderer mit- 
getbeilt. Jetzt, mit Recht nicht mehr befriedigt durch die auf- 
genommene Lesart , verbessert er aus dem handschriftlichen 
AL1QVAFRETVSHORA sehr glucklich: hisce aliquam qfferre 
moram Semper. Nur noch zwei Stellen berühren wir, an denen 
der Ref. selbst einen Versuch gemacht hat, wenn nicht Cicero s 
Hand herzustellen, doch das Gegebene so lesbar zu machen, dafs 
es sich der Hand des Verfassers zu nähern scheinen mag. Die 
eine ist C. 5, 1 1 : Longo intervallo tu dictum inier sicarios hoc pri- 
mum commiltitur , cum interea caedes indignissimae maximaeque 
factae sint : omnes hanc quaesiionem , te praetor e, manifest is male- 
ßeiis quotidianoque sanguine demism (so Hr. Or. im Text, aus 
den Pariser Handschrilten , weil er an die Herstellung des Ur- 
textes sich nicht wagt) speranl futurum. Qua vpeiferatione cet. 
Bekanntlich hat er in der Ausgabe der Werke Ciceroe die Les- 
art des Naogerius aufgenommen , die auch Ernesti beibehalten bat : 



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IM Cicer. Orat. pro Roscio Amerlno ed Orelli. 

haud remissius iperant futurum. Buchners Vermuthung: quo- 
tidianoque sanguini haud demissius sperant fauturam, hält er 
mit Recht für dem lateinischen Sprachgebrauche zuwider, und 
erklärt mit Bf advig, Cicero's Worte lassen sich nicht herstellen , 
der Sinn aber aey offenbar folgender gewesen: Omnes hanc quae- 
itionem te praetor e manifestu maleßciis quotidianoque sanguini 
finem et modum tandem sperant facturam. Gewifs ein 
Sinn, der Jedem einleuchten mufs. Indessen hat doch Ref. einen 
Versuch gemacht, ohne dem verdorbenen Worte viel Gewalt an- 
zutbun, durch Annahme von ein Paar Abkürzungen, welche, alt 
sie unleserlich waren, jenem Worte den Ursprung geben konn- 
ten , etwas Lesbares , wenn auch nicht Cicero's Worte selbst , 
herauszubringen. Er nimmt an , die zwei letzten Buchstaben von 

sanguine haben ein nc (d. h. nunc: s. Baring. Clav. Diplomat — 
compend. scrib. Tab. 8. col. 3.) verschlungen: die erste Hälfte von 
dcmism habe demum (dem) gebeifsen, und die zweite strenuc ; 
und liest also: nunc (cum ouotidianus sanguis et maleficia sint 
tarn manifeste) demum strenue sperant futurum. Früher wollte 
er, mit mehr Veränderung, strenue sperant factum iri f oder actum 
iri, oder strenuam sperant futurum. Weniger noch vertraut Ref. 
einem zweiten Versuche, den er zum Schlüsse noch mitzuteilen 
gedenkt, um, wie bei dem vorigen, vielleicht eine glucklichere 
Heilung durch eine gluckliebere Hand zu veranlassen. C 23, 64 
heifst die Stelle, die schon so Viele beschäftigt bat, in Pariser 
Handschriften : Quid poterat sa**** est suspiciosum autem, neutrumne 
sensisse? In der Gesamnitausgabe hatte Hr. Pr. v. O. nach Ma- 
nutius, Lambinus, Ernesti, Beck, Schutz, auch Garatoni, ge- 
geben: Quid postea? erat sane suspiciosum: neutrum sensisse; 
jetzt giebt er Madvig's zweifelhaft vorgetragene Conjectur: Quid 
poterat tarn esse suspiciosum? neutrumne sensisse? Ref. ver- 
muthete, den Pariser Handschriften näher, die Lücke und das 
autem berücksichtigend: quid poterat sanequam esse suspiciosum 
tantum? neutrumne sensisse ? Für sanequam fuhrt er an de Legg. 
IL 10. lex sanequam brevi conclusa. Der Gebrauch voo tantum 
für tantopere scheint sich wenigstens aus andern guten Schrift- 
stellern rechtfertigen zu lassen, wenn auch Cicero, wenigstens so 
weit sich Ref. erinneit, kein ganz gleiches Beispiel bietet. Doch 
genug um auf dieses neue Verdienst des Hrn. Pr. v. Orelli auf. 
merksam zu machen. Das Programm ist auch durch den Buch- 
handel zu erhalten.« 

Chr. Bahr. 



UlylllZGO 



by GoO; 



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Voigt i Geschieht« Preulsens Bd. VII. 139 

Geschickte Pmf»c*i, von den ältesten Zeiten bis im Untergange der 
Herrschaft de» deutschen Ordens. Von Johannes Voigt. Siebenter 
Band. Königsberg, im Verlage der Gebrüder Bemträger. 18*6. XVJ 
und 181 S. gr. 8. 

In diesem Bande fuhrt der Verf. die Geschichte Preufsens 
Ton dem Hochmeister Ulrich tob Jungingen (1407) bis zum Tode - 
des Hochmeisters Paul von Rufsdorf 0440* Die Darstellung 
umfafst zwar schon Zeiten, die dem Ende des Mittelalters ziem- 
lich nahe geruckt sind , aber dessen ungeachtet war es für den 
Verf. schwieriger .und mühevoller, die Erzählung der Vorfalle 
und die Schilderung des Zustandes des Ordens in solcher Aus- 
führlichkeit zu geben, wie es in den frühem Binden bei der 
Geschichte des Ordens im dreisehnten und vierzehnten Jahrhun- 
dert geschehen ist, wo die Chroniken ziemlich in die Einzelhei- 
ten eingehende Berichte liefern. Von dem Jahre 1419 an, mit 
welchem der ausgezeichnetste Chronist Preufsens, Johannes von 
der Pusilie, gewöhnlich Lindenblatt genannt, endigt, fuhrt kein 
gleichzeitiger bewährter Chronikschreiber den geschichtlichen 
Hauptfaden durch das Labyrinth der Einzelheiten. Das immer 
tiefer einreifsende Sitten verderbnifs und der Verfall des Ordens, 
das steigende Elend und die zunehmende Schwäche des Landet, 
das beständige Kricgsgetummel und wilde Raub- und Mordwesen, 
all dieses Trübsal und Unglück regte keinen Geschichtschreiber 
zur Darstellung dieser unheilvollen Zeiten Preufsens an. Bei dem 
Mangel an geschichtlichen Nachrichten gleichzeitiger Chronisten 
wurde es kaum möglich seyn, diese Zeit in ihrem inneren Zu- 
sammenbange der Begebenheiten genügend darzustellen, wenn 
nicht das reiche, wohlgeordnete Ordens- Hauptarchiv eine Menge 
Von geschichtlichen Documenten jeder Art aufbewahrt hätte. Aus 
diesen Documenten hauptsächlich hat Hr. Voigt den grSfsem Theil 
des historischen Materials zum siebenten Bande der Geschichte 
Preufsens gewonnen und mit Geschick, Genauigkeit und Umsicht 
in ein Ganzes verarbeitet Der Verf. hat nicht, wie in den frü- 
hem Bänden, in den Noten die Quellen selbst reden lassen oder 
Auszüge daraus gegeben ; dieses konnte bei der Menge Urkunden 
und Briefe nicht füglich geschehen, indem der ohnehin schon 
grofse Umfang des Werkes durch eine solche theil weise Mit t Hei- 
lung der Quellen ubermäfsig erweitert worden wäre. Der Verfc 
konnte sich damit begnügen, nur auf die Documente hinzudeu- 
ten , da er zu gleicher Zeit mit der Erscheinung dieses siebenten 
Bandes einen Codex diplomaticus Prussiae zum Druck bei ordert, 



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160 Voigt : Geschichte Preuf.cns Bd. VII. 

dessen erster Theil die bis jetzt angedruckten wichtigsten Urkun- 
den des dreizehnten Jahrhunderts enthalt. * 

Der siebente Band der Geschichte Preufsens ist in sieben 
Kapitel eingetheilt und stellt die Schicksale des Ordens dar unter 
den vier Hochmeistern, Ulrich von Jungingen, Heinrich von 
Plauen , Michael Kucbtneister von Sternberg und Paul von Rufs- 
dorf. Besonders interessant ist das erste Kapitel, das eine aus- 
fuhrliche Darstellung der für den Orden so unglücklichen Schlacht 
bei Tannenberg enthält; ein dem Buche beigefugter Schlacht plan 
veranschaulicht die Erzählung ungemein. Sehr zu bedauern ist 
es aber, dafs Hr. Voigt sein durch so viele Vorzuge ausgezeich- 
netes Werk bei der Darstellung der Verhältnisse des ' Ordens 
zu dem polnischen Konig Wladislaus Jagello durch eine ausser- 
ordentliche Partheilichkeit für den erstem und nicht geringe Ab- 
neigung gegen den letztern entstellt hat. Der Übermuth des Or- 
dens vor der Schlacht bei Tannenberg findet sich nicht nur bei 
den polnischen und andern auswärtigen Chroniken angegeben, 
sondern auch selbst bei preufsischen Chronisten. Daruber geht 
Hr. Voigt leicht hinweg. Dagegen begnügt sich der Verf. nicht 
nur nicht damit , die Angaben von des polnischen Königs fried- 
lichen Gesinnungen in Zweifel zu ziehen, sondern er legt auch 
seine Handlungsweise mittelbar vor der Schlacht als feige Heu- 
chelei aus, ohne zu dieser Annahme durch einen historischen 
Grund berechtigt zu seyn. 

S. 83 gibt Hr. Voigt an: »Der König, obgleich von der. 
Aufstellung des Feindes Schlachtordnung längst unterrichtet, zau- 
derte fort und fort, seine Streitmacht zum Kampfe zu stellen; 
hinter- frömmelnden Gebeten seinen zaghaften Geist verbergend , 
verweilte er in seinem Kriegszelte etc.« In der Note 4) dazu 
wird des Chronisten Dlugofs Zcagnifs mit der Bemerkung beglei- 
tet: »dafs derselbe begreiflicherweite mit dem Gebete und der 
Frömmigkeit des Königs es sehr ernst raeine.« Noch viel stär- 
ker aber lautet des Vfs. Abneigung gegen den polnischen Konig 
S. 98: »Als er (der Konig) die Botschaft erhielt, dafs der Mei- 
ster selbst mit unter den Todten gefunden sey, sollen ihm Tbrä- 
nen entfallen seyn: — Thränen einer feigen und schuldbeladenen 
Seele oder Thränen einer elenden Heuchelei.« 

(Der Bcsthlufs folgt ) 

m 

1 • 



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N°. 11. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Voigt; Geschichte Preuftens Bd. Vli. 

( n esc hiuf».) 

Sollen Casars Thränen beim Anblicke von des Pom pejus Leiche 
auch nur Thränen elender Heuchelei gewesen seyn ? Bei Wladis- 
laus hätten wir noch weniger Grund dieses anzunehmen. Der 
Geschichtschreiber soll die Menschen nicht schlechter machen als 
sie sind. Warum soll es nicht möglich seyn, dafs auch Ehrgeiz 
und Herrschsucht einmal durch edlere Gefühle zurückgedrängt 
werden ? 

Dafs* das eine oder beide Schwerter, welche von dem Orden 
dem König von Polen vor der Schlacht zugeschickt worden, in 
Blut getaucht gewesen und man den Konig dadurch zur Wahl 
des Friedens oder Krieges habe auffordern lassen, erklärt Herr 
Voigt (S. 86 Not.) für eine untergeschobene Nachricht späterer 
Chronisten. Jedoch, der für den Orden sonst so gunstig gesinnte, 
gleichzeitig lebende Schriftsteller Eberhard Windeck, der in Geld- 
angelegenheiten zwischen dem Orden und dem römischen König 
Sigmund verkehrte, bestätigt den erstem Punkt in einem Kapitel, 
welches im Menckenscben Druck sowohl, wie auch in der Go- 
thaer Handschrift fehlt. Die Worte Eberhard Wiodeck's aber 
lauten : » Also entbot jne der kunig (Sigmund) , sie soltent nit zu 
strite komen, er were denn selber by jnnen, oder wolte aber ine 
volck senden. Das tettent sie nit und zerstrittent mit grofser 
Hoffart und santent dem kunige von Krakau und Herzog Wittolt 
ein blutig swert und kament also zu stritte jemerlichen. « 

Ein Bericht des polnischen Königs über die Schlacht bei 
Tannenberg findet sich S. 85 angegeben und daraus auch eine 
längere Stelle mitgetheilt; ein anderer Beriebt des Königs über 
diese Schlacht an seine Gemahlin, wovon sich auf dem Frank- 
furter Stadtarchiv eine Abschrift befindet, scheint Herrn Voigt 
nicht bekannt zu seyn. Derselbe ist datirt: Dambrownis in campo 
proelii feria quarta in crastino division. Apostolorum 1410 (also 
am Tage nach der Schlacht) , und stimmt in den wesentlichen 
Punkten mit dem S. 85 gegebenen Bericht uberein : obwohl schon 
Namen von gefangenen vornehmen Personen angeführt werden, 
so scheint doch der König damals den ganzen Umfang seines Sie- 
XXXI. Jahrg. 1. Heft. 11 

I 



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Voigt : Geschichte Preufaena Bd. VII. 



ges und den Tod des Hochmeisters noch nicht gewufst zu haben. 
In Bezug auf die ihm vor der Schlacht zugeschickten zwei Schwer- 
ter gibt der König in diesem Briefe Folgendes an : Magister Cru- 
Ciferorum et Mareschalcus nobis et praeclaro pcincipi domino 
Witoldo fratri nostro carissimo per suos herroldos duos gladios 
direxerunt sie dicentes: Noverint Rex et Witolde quod in hac 
hora yobiscum conilictum faciemus et hos gladios vobis pro sub- 
sidio dono daraus. Nobis ergo locum date eligere certaraini aut 
ipsis aut TOS eligatis. Der Konig nimmt die Schwerter und den 
Kampf an, den Ort zu bestimmen für die Schlacht wird von ihm 
Gott überlassen. 

Die Verhältnisse und Stellung des .Ordens zu Polen vom 
Frieden zu Thorn bis zum Schiedsspruch des römischen Königs 
Sigmund zu Breslau im J. 1420 sind ausführlich aus den archira- 
liscben Nachrichten dargelegt ; dieser Theil der Geschichte Preus- 
sens ist eigentlich durch Herrn Voigt gröTstentheils ganz neu ans 
Lichl gestellt worden. Noch mehr wurde Herrn Voigts Darstel- 
lung des Breslauer Tags gewonnen haben, wenn er Eberhard 
Windech's ungedruckte Verhandlungen auf demselben benutzt 
hätte; denn was in dem Menchen sehen Druck von Eberhard 
Windeck mitgetheilt wird , ist nur höchst unvollständig. 

Die andere Hälfte des siebenten Bandes beschäftigt sich gröTs- 
tentheils mit dem Verfalle des Ordens unter dem Hochmeister 
Paul von Rufsdorf. Die Bestimmung des Ordens, seitdem Lit- 
tbauen auch christlich geworden, war in Preufsen erfüllt. Von 
dieser Zeit an rifs das Sittenverderbnis und der Verfall des Or- 
dens höchst sichtbar ein. Vielleicht hätte der Orden regenerirt 
werden können, wenn er in den Plan einer Verpflanzung; wel- 
che der römische König Sigmund beabsichtigte, mehr eingegan- 
gen wäre. Herr Voigt spricht davon beim Jahr 1427 S. 5o2, 
- wo Sigmund seinen Secretär Kaspar Slick zum Hochmeister schickt, 
ihn ersuchend, Ordensritter nebst einer Anzahl Bürger, Kaulleute, 
ScbifTsmeister und SchifTskinder zur Ansiedelung in seinem Lande 
gegen die Türken zu senden. Aber schon früher hatte Sigmund 
die Absicht , mit Hülfe des deutschen Ordens die Türken zu be- 
kriegen. Schon in einem Schreiben an die Wetterauischen Städte 
vom 6. April 1412, als er daran arbeitete, den Prden mit Polen 
zu versöhnen, spricht sich der römische König dahin aus: »Also 
daz wir getruen, daz ein sqlich gruntlich vereynung darinne be- 
sehenen solle, daz wir, der vorgenannte König (von Polen) und 
der Orden , einander wider die ungleubigen (Türken) fürbasmere 



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V 

Voigt: Geschieht© Prcaftens Bd.'VlI. 16S 

getrulich helfen und daz der Christenheit vil gotei daraus kora* 
tuen werde. « 

Erst im Jahr 1429 fing der Plan des römischen Honigs Sig. 
mund an theil weise zur Ausführung zu kommen. Davon handelt • 
Hr. Voigt S. 534 ff wie eine Anzahl fester Burgen in den Do- 
naugegenden zwischen Ungarn , Servien und der Walachei zur 
Schutz wehr gegen die Türken einer dorthin verpflanzten ritter- 
lichen Kolonie von deutschen Ordensbrüdern ubergeben ward. 
Obwohl des fragmentarischen Berichts von Eberhard Windeck 
(c. 195. p. 1949 bei Mencken) erwähnt wird, wornach die Kolo- 
nie schon einige Jahre später einen harten Verlust erlitten, 10 
wird doch über ihre weiteren Schicksale nichts mehr angegeben. 
Dafs die Kolonie noch im Jahre 143a, nach dem eben erwähnten 
Verluste, noch siegreich gegen die Türken bestanden, ersehen 
wir aus einem ungedruckten Kapitel des Eberhard Windeckt 
»In der Wile zugent die Durcken gen Ungern in die Windische 
marcke und woltent die Prussen Herren han vertriben us dem 
lande, das in der Romsche kunig zu Ungern geben hette und 
also besampten die Prussen Herren und auch Hertzog S weder, 
tegel zu der Litten (Switrigal von Litthauen), der kam in zu 
hilf e mit den Ungern und uberzugent die Durcken mit h rafft und 
tottent sie und ertrankent ir LX tusent und ne.a 

Hr. Voigt kommt S. 700 noch einmal auf den Plan Sigmunde, 
den Orden ganz an die Donau zu verpflanzen , zurück. Auf dem 
Concilium zu Basel im J. 1437 beabsichtigte er, den Papst und 
das Concil dahin zu stimmen , dafs der deutsche Orden in Preus- 
sen gänzlich aufgehoben und an die Gränze der Türken versetzt 
werde, weil er hier seiner eigentlichen Bestimmung, des Kampfei 
gegen die Ungläubigen , näher kommen und Preulsen fuglicher an 
andere Herren vertheilt werden könne. Auch war der Kaifser 
der Meinung, dafs wenn die griechische und lateinische Kirche 
vereinigt seyen, welche Vereinigung damals im Werke war, soll- 
ten auch der deutsche und Johanniter-Orden in Einen zusammen- " 
geschmolzen werden. 

Nachdem Hr. Voigt im letzten Kapitel des Buches die Strei- 
tigkeiten des Hochmeisters mit dem livländischen und Deutsch- 
meister ausfuhrlich erzählt, die unzufriedene Stimmung im Lande 
Preufsen geschildert , die, Bundesvereinigung der preufsischen 
Stände dargestellt hat, schliefst er diesen Band mit der Abdan- 
kung des Hochmeisters Paul von Horsdorf, bei welcher Gelegen- 
heit er über den damaligen Zustand des Ordens folgende Hemer- 



■ 

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164 Oeinbardt : der GjmnfttialuDterricbt. 



hangen beifugt: »Es war in den letzten Wochen des Jahres 1440, 
als der Hochmeister tief gebeugt von Danzig in das Haupthaus 
Marienburg zurückkehrte. Er konnte wenig Hoffnung fassen, dafs 
der trotzige Deutschmeister, wie er ihn in Danzig näher kennen 
gelernt, sich auf dem eingeschlagenen Wege werde befriedigen 
lassen und dafs der Orden je wieder durch Friede und Eintracht 
zu Macht und Ansehen unter seinen Unterthanen und zu eigener 
innerer Festigkeit und Ordnung gelangen könne. Aber längst 
auch hatte er keine Freude mehr an der Regentschaft einer Kör- 
perschaft, die alle zur Auflösung und zum Untergange hinfuhrende 
Übel und Gebrechen in sich trug , auch keine an der Verwaltung 
eines Landes, in welchem täglich an die Landesherrschaft An- 
sprüche und Forderungen erhoben wurden, die den Landesherrn 
nur wie zum Beamten der Stände herabwürdigten und alle Kraft 
und Wirksamkeit der alten Ordnungen und Gesetze immer mehr 
zu vernichten drohten.« 

Es bieten zwar die nächstfolgenden Zeiten des Verfalles und 
Untergangs des Ordens weniger Erfreuliches und Großartiges dar 
als die in den frühem Bänden geschilderten der Entstehung und 
Blütbe des Ordens; dessen ungeachtet läfst sich erwarten, dafs 
der Verf. mit ausdauernder Kraft und in gleicher Ausführlichkeit 
die Geschichte zu Ende fuhren wird in dem nächsten, achten 
Band , welcher den Schlufs der Geschichte Preufsens enthalten 
soll. 

Aich back. 



Der Gymnasial unterricht nach den Vossens* haft liehen Anforderungen der 
jetzigen Zeit, von J oh. Heinr, De in hur dt , Oberlehrer der Mathe- 
matik und Physik am Gymnasium zu Wittenberg. Hamburg, bei Fr, 
Perthes. 1887. XX f und 303 & gr. 8. 

Diese Schrift verdankt ihr Entstehen dem Bestreben des Vfs., 
sich über die Gegensätze, welche das jetzige Gymnasial wesen be- 
wegen, gründlich zu belehren und ihre Losung auf wissenschaft- 
lichem Wege zu versuchen ; sie soll also den Vf. , welcher doch 
wohl schon belehrt seyo roufs, bevor er Andere belehren will, 
wie das für die Sache sich interessirende Publikum belehren. Dafs 
die gelehrten Schulen, namentlich seit des Übergewichtes der 
materiellen Interessen des Staates und der hierdurch dringend 
noth wendig gewordenen Ausbildung für technische Zwecke, viele 
Kämpfe zu bestehen hatten und durch den Andrang und die Auf- * 



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Deinhardt : 4er Gymnasial Unterricht. 165 

nähme der verschiedenen Realien ihren eigentümlichen Charak- 
ter ala Humanitntsschulen fast ganz verloren haben , erweilt sich 
am klarsten aas den über sie herrschenden Gegensätzen, welche 
der Verfasser in dem Gegensatz zwischen Wissenschaft und 
Leben oder zwischen dem Humanismus und Realismus, in dem 
-z wischen Philologie und Mathematik und in dem zwischen Alter- 
tbum und Christenthum naher bezeichnet. Den Charakter jeder 
einzelnen Forderung und die Art des aus ihr sich ergebenden 
Gegensatzes giebt er in der Vorrede kurz an, um daraus die 
Richtung ersichtlich zu machen, welche seine Darstellungen neh- 
men, um die Einheit der Unterschiede zwischen je zwei Forde- 
rungen zu bestimmen. 

Da er den Grad, bis zu welchem jedes Gymnasium diese 
Gegensätze lost, so wie den Grad der Bluthe und Vollkommen- 
heit desselben sowohl von der subjektiven Einsicht, Bildung und 
Gewissenhaftigkeit seiner Lehrer und von dem aus deren Zusam- 
menwirken entspringenden Geiste, als von der durch Anordnun- 
gen des Staates gegebenen objektiven Einrichtung abhängig macht, 
so erkennt man hieraus schon, dafs er den Gegenstand seiner 
Schrift nach seinen Hauptmomenten zu behandeln beabsichtigt. 
In Norddeutschland wurden die preofsiseben Gymnasien durch die 
Abiturienten-Instruction vom Jahre 1Ö1 a, worin das Ziel bestimmt 
wurde, bis zu welchem die Gymnasialbildung fortgeben sollte, 
wornach sich auch der Weg zur Erreichung dieses Zieles rich- 
tete , der Mittelpunkt der Entwickelung der gelehrten Bildung 
und der Anklage oder Vertheidigung der jetzigen wissenschaft- 
lichen Erziehungsweise. Um die preufsischen Gymnasien , welche 
sich bisher mit einer gewissen Festigkeit und Consequenz aus- 
bildeten, und in anderen deutschen Staaten, selbst im Auslande, 
Anerkennung und Nachahmung fanden, drehen sich daher seine 
Erörterungen vorzugsweise, weil nach seiner Ansicht diese die 
- entgegengesetzten Bedürfnisse der wissenschaftlichen Bildung am 
vollkommensten befriedigten und eben darum die Gegensätze am 
deutlichsten hervorgetreten und durch die bekannte Schrift des 
Dr. Lorinser recht in das öffentliche Leben und vor das ge- 
sammte literarische Publikum gebracht worden seyen. 

Über diese Schrift äussert sich der Verf. also : der Werth 
scheine ihm mit der Wirkung, die sie hervorgebracht habe, im 
umgekehrten Verhältnisse zu stehen; so ungerecht und grundlos 
sie sey und so inhaltslos sie dadurch werde, dafs sie blofse Be- 
hauptungen ohne Beweis hinstelle, so habe sie doch durch ihre 



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166 Oeiobardt: üer Gymnawalunlerriclit. 

scharfe Entschiedenheit und bittere Anklage eine allgemeine Auf- 
regung und Bewegung hervorgebracht und auf diese Weise in 
der pädagogischen Welt eine grofse Bedeutung gewonnen. Da 
bedächtige und erfahrne Schulmanner die Lorinser'sche Anklage 
bestätigen, manche wieder zurückweisen , so kann sie weder völ- 
lig ungerecht noch grundlos seyn , und der Yrf. ist unfehlbar zu 
weit in seinem" ürtheile gegangen. Übrigens wurde über dieselbe 
schon so viel gesagt-, dafs eine weitere Beurtbeilung Überdrufs 
erregen mag, wie dieses bei dem Verf. der Fall zu seyn scheint. 
Gerade durch die in den Widerlegungsschriften vorgebrachten 
neuen Anklagen, Verbesserungsvorschläge und Wünsche, wurde 
der Streit vergrofsert und stellten die Gegensätze noch schroffer 
sich gegenüber, deren Ausgleichung um so noth wendiger ist, alt 
sie das Gymnasialwesen in Preufsen zu erschüttern drohten, oder 
doch mit grofsen Gefahren für die Jugend verbunden sind. 

Um den Streit zu entscheiden, will der Verf. denselben auf 
das Gebiet wissenschaftlicher Erkenntnifs und Entwicklung ver- 
setzen, weil viele Entgegnungen aus gewissen subjektiven Erfah- 
rungen entspringen. Welcher Mißbrauch aber mit diesen Erfah- 
rungen und Berufungen auf Erfahrungen # getrieben wird, zeigen 
die Vorschläge für verschiedene Unterrichtsmethoden, für Be- 
schränken oder Verdrängen von Lehrgegenständen , für Einfüh- 
rung von mancherlei Schulbüchern u. dgl. ; die verschiedenen 
Ansichten über die Wirkungen des mathematischen Studiums und 
andere die Gymnasien betreffende Verhältnisse. Aus dem Cha- 
rakter der Erfahrung, welche durchaus des Begriffes von dem 
Zwecke und Principe der durch sie zu uniersuchenden Sache 
bedarf, entnimmt der Verf. die Gründe für die Behauptung, dafs 
bei dem Streite über die Gymnasien Alles auf die Erkenntnifs 
ihres Zweckes und ihrer diesem entsprechenden Organisation an- 
komme, weil bei den vielerlei subjektiven Ansichten, Meinungen 
and Vorurtheilen nur in ihr der wahre Maafsstab für die Be- 
urtheilung der Mängel und Gebrechen zu finden sey. Nachdem 
er den von Lorinser angeführten Grund, dafs die Vielheit der 
Unterrichtsgegenstände auf den Geist verwirrend und abstumpfend 
einwirke, aus dem Wesen des Lebensprincips der Gymnasien als 
unrichtig und gehaltlos dargestellt zu haben meint , was ihm je- 
doch nur theilweise gelungen ist , bestimmt er den Hauptzweck 
seiner Schrift dabin, eine gründliche Bestimmung und wissen* 
schaftliche Entwicklung des Gymnasialprincips herbeizuführen 
und sowohl die Wahl der Unterrichtsmittel als die methodische 



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Deinhardt der Gyninariakintemclit 167 

Anordnung und Behandlung derselben als Folge dieses Princips 
begreifen, und auf diesem Wege den rechten Maafsstab, nach 
welchem allein über die Verfassung und den Geist der gegen- 
wärtigen Gv mnasien ein competentes Urtheil gefällt werden könne, 
erhalten zu lehren. 

Zu diesem Behufc theilt er das Gesammtmaterial in drei 
Theile und bebandelt im ersten Tbeile die Bestimmung der Gym- 
nasien hinsichtlich der Unterschiede der Erziehung nach Zeiten 
und Ständen, and dann des Zweckes des Gymnasialunterrichtes 
(S. 1—45); im zweiten die Unterrichtsmittel im Allgemeinen , 
den mathematischen, grammatischen Unterricht, die alten Klassi- 
ker und ihr Verhältnifs zur christlichen Welt, den Religions- 
unterricht; die Stellung und den Zweck der Bealien auf Gymna- 
sien mit einigen Bemerkungen über das Yerhältnifs des Gymna- 
siums zur Universität und über die Bedeutung der deutschen Auf- 
sätze und der deutschen Leetüre im (beim) Gymnasialunterrichte 
(S. 45—145). Im dritten Theile bespricht er die Metbode des 
Gymnasialunterrichts im Allgemeinen, die methodische Verkei- 
lung des mathematischen Unterrichts; die methodischen Fort- 
schritte des Unterrichts in den alten Sprachen hinsichtlich der 
Empirie und Wissenschaft ; die Anordnung des Religionsunter- 
richts hinsichtlich des Katechismus und des Wissenschaftlichen 
und die Klasification der Gymnasien in untere und obere (S. 1 /#5 
bis 287). Den Beschlufs macht eine kurze Darstellung des Gym- 
nasialunterrichts als eines organischen Ganzen und eine Bemerkung . 
über Dr. Niemeyers Ansicht vom naturgeschichtlichen Unterrichte 
auf den Gymnasien (S. 287 — 3o3). 

Die Materien dieser Übersicht erörtert der Verf. im Einzel- 
nen und belegt seine Darstellungen mit bald haltbaren, bald un- 
haltbaren Gründen in mehr oder weniger bedachtsam erwogenen 
Sätzen, die nicht selten zu grofsen Müs Verständnissen Veranlas- 
sung geben können , wie schon der erste Satz der Schrift bewei- 
set, indem es heifst: Die Erziehung eines Volkes hat den Zweck, 
die Jugend zu dem zu machen, was das Volk schon ist; — — 
die Erziehung eines Volkes ist eine Entwickelung dessen in der 
Jugend , was der Volksgeist schon geworden ist u. s. w. Hier 
fragt wohl jeder ruhige Beobachter, ob denn unsere Volker das- 
jenige besitzen, was in der Jugend entwickelt werden soll; ob 
nicht der Volksgeist ein allgemein verderblicher sey; ob nicht 
das Leben häufig verderbe, was die Schule angebildet habe; ob 
nicht die Klage über die zunehmende Unsittlichkeit und Irrcligio- 



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168 Dcinhardt: der Gymnasial Unterricht 



sität unter dem Volke stets lauter, ernster, begründeter und all- 
gemeiner werde, also zur bittersten Klage gegen die bisherige 
Erziehung sey? Ob nicht die Vermehrung des Selbstmordes und 
anderer Sittenlosigkeiten in England und Frankreich sich steigert ; 
ob nicht die Demoralisation alle Stände durchdringt und der 
»grofsen Nation«, welche an Nationaleitelkeit wie kein Volk lei- 
det, nicht alle ächte Religion und Philosophie mangeln; ob nicht 
alles verbraucht und degradirt, und ob nicht der Zustand des 
socialen Lebens auch in Deutschland bedenklich und gefahrdro- 
hend ist, und ob nicht, wenn die Quellen dieses verderblichen x 
Zustandes nicht verstopft werden, unserer Civilisation unvermeid- 
licher Untergang bevorsteht ? Diesen Übeln kann doch durch 
Einpflanzung des jetzigen Volksgeistes in die Gemuther der Ja* 
gend nicht abgeholfen werden, und doch beruht ihre Beseitigung, 
die Verstopfung jener Quellen , auf einer durchgreifenden und äch- 
ten Volksbildung von den niedrigen bis Zu den höheren Ständen; in 
ihr kann also bei der Jugend das nicht entwickelt werden, was der 
Volksgeist schon geworden ist. Dieses ist die Schattenseite des 
Volksgeistes, der auch eine Lichtseite hat, die wohl der Vf. zu 
meinen scheint, wobei er wahrscheinlich auf eine Nationalbildung , 
welche die Eigentümlichkeit des Volkes zu beachten hat, wenn 
sie dieses wahrhaft bilden soll , hindeutet , aber genauer charak- 
terisiren mufste , um zu keinen Mifsdeutungen zu veranlassen. 
Möge er Schwarz pädagogische Schriften lesen. 

Dem Erziehungsprincip der Griechen als Volk der Schönheit 
im Sinnlichen und Geistigen ertheilt der Vf. das verdiente Lob; 
jedoch hat es auch eine Schattenseite, die uns Gründe genug dar* 
bietet , dasselbe für unsere Bildungsanstalten nicht mehr ins Le- 
ben rufen zu wollen, obgleich für den Gelehrtenstand Griechen- 
thum und Christenthum die wahre Bildungsschule in der höheren . 
Bedeutung ausmachen; letzteres geht den herrlichsten der alten 
Welt ab und durchdringt den Menschen im höheren Sinne zur 
Harmonie und Selbstbeherrschung. Den Unterschied zwischen der 
griechischen und christlichen Erziehung hebt der Verf. sehr gut 
heraus; er zeigt kurz, dafs der Grundcharakter aller unserer Er- 
ziehung der Geist Christi seyn müsse, wenn sie nicht gänzlich 
mifsratben und dürre Naturen erzeugen solle , welche entfernt von 
der Quelle des Geistes und der Wahrheit durch den Genufs der 
Sinnlichkeit und äusserlichen Ehre ihr kümmerliches Daseyn fri- 
steten, aber doch nie zur Ruhe und Freiheit gelangen konnten. 
Er zeigt, wie die Erziehung in der Familie eine andere ist wie 



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Dei nhardt : der G ymnasialunterrich t JÖ9 

in der Schale, eine andere wie in der Kirche; hebt den Charak- 
ter einer jeden heraas, begründet die formale Gleichheit der 
kirchlichen und Familien - Erziehung , und erörtert, wie die Er- 
ziehung der Schuler in der Mitte steht zwischen beiden Erzie- 
hungsarten. 

Aus der Eintheilung der Stände in den Nähr- , Wehr- und 
Lehrstand leitet er den Unterschied der Schulen ab; die theore- 
tischen und praktischen Stände deuten auf die Gymnasien und 
Realschulen hin; beide sollen neben einander stehen und wissen, 
scbaftlicbe Kenntnisse zur Gründung und Entwickelang allgemei- 
nnr Verstandesbildung verschaffen helfen ; nur sind die Unterrichts- 
mittel der ersteren ideeller Art, die der letzteren aber auf das 
praktische Leben gerichtet. Diesen Gegensatz weiset er in der 
Wahl der Unterrichtsmittel und in der Methode ihrer Behandlung 
nach und verschafft dadurch seinen ferneren Erörterungen eine 
sichere Grundlage für die Erkenntnifs des Zweckes der Gymna- 
sien , welche den Realschulen wie die Theorie der Praxis ent- 
gegenstehen und mit diesen das zweite Stadium im Schulwesen 
ausmachen, das auf ' das erste, auf die Volksschule, bauet, die 
noch gar keinen Bezug auf irgend einen Stand oder Beruf nimmt 
und ganz recht Volksschule Keifst. Dagegen ist das Gymnasium 
die allgemeine Vorbereitungsschule für die theoretischen , die 
Realschule für die praktischen Stände. Das dritte Stadium bil- 
den die Berufsschulen; für die ideellen Stände die Universitäten 
und für die praktischen die besonderen Berufsschulen, als land- 
wirtschaftliche, Handelsschulen, Militärschulen u. dgl. 

Indem der Verf. in den bisherigen Darstellungen sich auf ei- 
nen allgemeinen Standpunkt erhoben hat, bestimmt sich der Zweck 
des Gymnasiums als allgemeine Bildungsanstalt der theoretischen 
Stände, der Entwickelung des wissenschaftlichen Sinnes, welche 
die Grundlage der Wirksamkeit aller theoretischen Stände ist. 
Diese Zweckbestimmung ist nicht neu, nur konnte sie bei dem 
bisherigen Mangel an Anstalten für die praktischen Stände nicht 
realisirt werden , weil sich diese zu den Gymnasien hindrängten 
und die Aufnehme und vorzugsweise Behandlung von Unterrichts- 
mitteln forderten , welche den wissenschaftlichen Geist der Gym- 
nasien sehr beeinträchtigten, ja diese fast um ihren ganzen Be- 
stand brachten and die grofsen Gegensätze hervorriefen. Dadurch 
nun, dafs er für die praktischen Stände besondere Anstalten in 
Anspruch nimmt und die Gymnasien auf ihren wahren und wis- 
senschaftlichen Charakter zurückfuhrt, ist die Losung seiner Auf- 



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HO Deinhardt: der Gymnasial Unterricht. 

gäbe sehr erleichtert und der Weg geöffnet, den er betreten 
mufs, um jene zu Stand zu bringen. Die bewegende Seeie der 
Gymnasien ist nicht gerade diese oder jene Wissenschaft, son- 
dern die allgemeine Substanz aller Wissenschaften ; daher spricht 
der Vf. von der logischen Natur des wissenschaftlichen Denkens, 
Tön der systematischen Methode der Wissenschaft, von den sub- 
jektiven und objektiven Kategorieen, deren Kraft er durch Bei- 
spiele belegt; von der Kunst der Darstellung; vom Verhältnisse 
des Denkens und Redens; von der klaren, fliefsenden und schö- 
nen Darstellung ; von der Idee der Wahrheit ; vom christlichen 
Glauben als Mittel wissenschaftlicher Erkenntnifs , und von der 
Disciplin der Gymnasien. 

Besonders klar entwickelt er, wie alle Wissenschaften eine 
gemeinschaftliche Methode des Fortschreitens und einen gemein- 
schaftlichen Inhalt haben, alle wissenschaftliche Methode dogma- 
tisch, Philosophie in dieser Hinsicht die vollendetste Wissenschaft 
ist, die Mathematik ein ausgezeichnetes Vorbild von der systema- 
tischen Einheit des Stoffes und ihr Unterricht die systematische 
Form der Eikenntnifs darzustellen, zu üben, zum Bedurfnisse 
und zur Gewohnheit zu machen, geeignet ist; wie der Inhalt 
aller Wissenschaften die Wahrheit ond deren Erkenntnifs der al- 
len Wissenschaften gemeinschaftliche Zweck ist; wie die substan- 
tielle Grundlage von aller Erkenntnifs jene allgemeinen Wesen- 
heiten, die man, Kategorien oder Erkenntnifsforraen nennt, bilden 
und die Gymnasien jene allgemeine Grundlage zu der wissenschaft- 
lichen Erkenntnifs mittelst der Sprachen und des Sprachunter- 
richts und mittelst der Mathematik zu legen haben. Hauptzweck des 
Gymnasiums ist logische Bildung; Logik ist Ziel desselben; ihre 
Surrogate bilden Grammatik und Mathematik , jene enthält und 
verschafft die Kategorieen, diese den systematischen Zusammen- 
hang. Als zweiten Hauptzweck des Gymnasiums bezeichnet der 
Verf. die Bildung der Bede ; seine Schüler sollen bestimmt und 
klar sprechen und schreiben , im Denken sich frei und ausdrucks- 
voll bewegen und schon ausdrucken lernen; der Geist des christ- 
lichen Glaubens soll das ganze Gymnasium, alle seine Einrich- 
tungen und Mittel durchdringen und beleben; dieses ist der letzte 
und höchste Zweck des Gymnasiums. Den Charakter dieses mit 
der Disciplin eng zusammenhängenden Elements schildert er mit 
der gehörigen Umsicht und Klarheit ; er fordert vom Lehrer eine 
scharfe und naehsichtslose , aber auf dem Grunde der Liebe be- 



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Deinhardt: der Gymnasial Unterricht. 171 



ruhende Zucht, welche weder sklavische Furcht f noch fcntfmn- 
dung, noch Mifstrauen erzeugt. 

Aus dem Zwecke der Schule folgert der Verf., welche Un- 
terrichtsmittel eine würdige, verständliche und nothwendige Nah- 
rung der Schüler bilden; er setzt den Zweck des Gymnasiums in 
die Entwicklung des wissenschaftlichen Geistes, und fordert da- 
für drei Momente, ein logisches, ein rhetorisches und ein religiö- 
ses, worauf er im Besonderen zeigt, dafs Grammatik und Mathe- 
matik die logischen, die Klassiker die rhetorischen und der Reli- 
gionsunterricht die religiösen Bildungsmittel des Gymnasiums sind, 
denen die Realten gegenüber treten. Den Hauptcharakter der 
-Mathematik in ihrer systematischen Totalität, in ihrem Zusammen« 
hange mit der Philosophie, begründet durch historische Belege, 
und den Gewinn der Schüler aus ihrem Studium, bezeichnet er 
kurz aber richtig ; nur schlägt er den Inhalt der Mathematik zu 
gering und einseitig an; Ref. hält ihn für umfassender und theilt 
des Vfs. Ansicht , dafs die Ergänzung zu der formalen Tbätigkeit 
der Mathematik das Sprachstudium bilde, in 10 fern nicht, als er 
das mathematische Studium vielmehr für die Ergänzung der durch 
klassische Studien beabsichtigten Bildung ansieht, worüber er sich 
anderwärts näher ausgesprochen hat. Da er Grammatik und Ma- 
thematik als Logik des Gymnasiums betrachtet, so verbindet er 
•eine Erörterungen hiermit, veranschaulicht den Reichthum der 
Kategorieen in der Grammatik, und entwickelt diVGründe, warum 
die Muttersprache kein rechtes Objekt des Unterrichts bilden könne; 
die Grammatik der alten Sprachen aber wegen ihrer Vollendung 
and wegen des in ihr liegenden Schlüssels zum Leben und Geiste 
des Alterthums auf Gymnasien gelehrt werden müsse. Das Meiste 
von dem Gesagten ist zwar nicht neu, jedoch trägt es den Cha- 
rakter der eigenen Verarbeitung an sich und giebt in dem Verf. 
einen Mann von ruhiger Überlegung, von Versfand und"Scharf- 
sinn zu erkennen, der es mit dem, was er schreibt, ernstlich und 
mit der Sache selbst redlich meint 

Über die bildende Kraft der alten Klassiker mit Belegen aus 
der Geschichte; über die grofsen Fortschritte des Christenthums 
durch jenes Studium ; über die griechische Freiheit ; über den 
Unterschied der antiken und christlichen Freiheit; über den ge- 
genständlichen Charakter des Alterthums und das Studium der 
Alten als Entwicklung der wissenschaftlichen Bildung; über Not- 
wendigkeit der antiken Bildung für christliche Wissenschaft und 
über die verschiedenartigen Wirkungen der griechischen und 



172 



Deinhardt: der Gymnasial Unterricht. 



römischen Klassiker sagt der Vf. viel Vortreffliches, um nament- 
lich die immer häufiger werdenden Angriffe auf das Studium der 
alten Sprachen in den Gymnasien zu entkräftigen und völlig zu 
widerlegen. Ref. empfiehlt vor Allem den Gegnern der klassi- 
schen Studien das Lesen der Schrift, welche sie überzeugt, dafs 
der wissenschaftliche Geist und die wissenschaftliche Form der 
Darstellung nur durch jene auf die rechte und vollkommene Weise 
entwickelt werden kann , also die Gymnasien sie nicht entbehren 
können. 

Zur Beseitigung von Mifsbrä'uchen und Gefahren fordert der 
Verf. eine lebendige Gemeinschaft des Studiums der Klassiker mit 
dem Christenthum, welches er darum als Unterrichtsmittel auf- 
treten läfst, weil Alles, was für den Menschen Werth hat in Wis- 
senschaft und Leben, aus der Religion entspringt und wieder in 
sie zurückkehrt; weil nichts wahr, nichts schon und nichts gut 
ist, was nicht aus der Religion seinen Ursprung ableitet und nicht 
im Gejste der Religion seine Kraft und seine Weihe empfangt. 
Den absoluten Endzweck der Religion, die Abhängigkeit wissen- 
schaftlicher Erkenntnifs von ihr, den faulen Fleck vieler Gymna- 
sien, in denen der eigenthümliche Inhalt des Christenthums ent- 
weder gar nicht oder doch in einer die Wahrheit mehr oder 
weniger in Unwahrheit verkehrenden Weise gelehrt werde, hebt 
er treffend hervor und beweist diesen grofsen Fehler an A. H. 
Niemeyers Lehrbuch, für die oberen Religionsklassen, indem er 
es als dasjenige bezeichnet , das eher alle Religion zerstören als 
erzeugen und entwickeln mufs, woraus zugleich hervorgeht, dafs 
er mit dem theologischen Studium sich tüchtig befafst habe. 

Nachdem er nachgewiesen hat, dafs alte Sprachen mit Lite- 
ratur, Religion und Mathematik aus dem Zwecke der Gymnasien 
folgen, in aller Vollständigkeit und Gründlichkeit auf diesen ge- 
lehrt werden müssen und andere Gegenstände sie nicht verküm- 
mern dürfen , gebt er zu den die gelehrte Bildung ergänzenden 
Realien über, und zeigt, in wiefern das ideale Studium der Ma- 
thematik sein reales an der Naturwissenschaft, und das der Spra- 
chen nebst ihren Produkten sein reales an der Geschichte und 
endlich die Religion ihr reales menschliches Daseyn in der Kirche 
hat. Dafs sich diese Realien zu den ideellen Unterrichtsmitteln 
wie Beispiel zur Lehre verhalten , also um so weniger fehlen dür- 
fen , jemehr sie den Gymnasiasten ans der reinen Wissenschaf) in 
das Leben hinüberfuhren; dafs die Naturwissenschaft sie in das 
Naturleben, die Geschichte in das der Staaten und ihre Verhält- 



» 



Oeinhardt: der Gymnasial unterrichi 118 

nisse; die Kirchengeschichte in das der Kirche einfuhrt, woraus 
sich der Zweck der Realien ergiebt, entwickelt der Verf. mit 
Umsicht und Klarheit, worauf er zur Darlegung der Gründe für 
die Aufnahme des naturwissenschaftlichen Unterrichts, gegen den 
so viele Beschwerden erhoben wurden, übergebt; er wird jedoch 
wenige Gegner auf andere Ansichten bringen, wenn gleich jene 
eben so gehaltvoll als treffend sind und ihnen Ref. im Allgemei- 
nen beistimmt, im Besonderen aber wegen der zerstreuenden, 
das ernste Studium der Sprachen störenden Wirkungen, manche 
Bemerkungen zu entgegnen hätte, wenn es der Raum gestattete. 
Da gegen den Geschichtsunterricht wenig oder gar keine Beden« 
hen erhoben werden , so konnten die Darstellungen viel kürzer 
gegeben werden. Das Gesagte ist gut und bekannt. Neu ist die 
Anforderung für den kirchengescbicbtlichen Unterricht; die für 
ihn beigebrachten Gründe machen denselben wünsebenswerth , 
wenn die Zeit es .zulaTst und derselbe mit dem Religionsunter- 
richte verbunden wird. 

Da die Universität die Fortsetzung und Vollendung des Gym- 
nasiums und in diesem der Anlage nach enthalten ist, so ver- 
gleicht sie der Vrf. mit diesem , um daraus für die Noth wendig- 
heit der bisher besprochenen Unterrichtsmittel neue Bestätigun- 
v gen zu entnehmen. Die Charaktere der vier Fakultäten und ihr 
lebendiger Zusammenhang leiten ihn bei seinen Darstellungen und 
zeigen, dafs der Unterschied vorzugsweise in der Methode der 
Behandlung der Wissenschaften liegt. Während die Gymnasiasten 
zu Gliedern des Natur-, Staats- und kirchlichen Lebens gemacht 
und in # den Wissenschaften vorbereitet werden sollen, bilden die 
Fakultäten die Leiter dieser Lebensstufen. Wegen der Gesammt- 
bildung der Gymnasiasten nimmt der Vf. die deutschen Aufsätze 
sehr in Schutz, wodurch er beweist, dafs er den Werth dersel- - 
ben kennt. Er spricht sich, über die Lektüre der deutschen Klas- 
siker, über die Werke allgemeiner Nationalbildung, über den 
Drang des Jünglingsalters nach jener und über das Verhältnifa 
derselben zum Studium der alten Klassiker nebst zweckmässiger 
Leitung derselben sehr verständlich aus und giebt für die Sache 
manche treffende Winke. 

Die Kenntnifs der zur Verwirklichung der wissenschaftlichen 
Bildung nothwendigen Mittel ist nicht allein hinreichend, sondern 
es gehört noch dazu die Art und Weise der Verarbeitung der- 
selben, am dem Zwecke ganz zu entsprechen. Da jede Schule 
von bestimmtem Zwecke eine bestimmte Methode haben raufs 



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174 



Deinhnrdt: der Gymnasialunterricht. 



und die verschiedenen Bildungsstufen eine ungleiche Methode er- 
fordern, worauf die Eintheilung des Gymnasiums in ein unteres 
und oberes oder in eine Vorbereitung zum Gymnasium und in 
dieses selbst beruht, so weiset der Verf. zuerst nach, dafs die 
Gymnasialmethode zwischen der Elementar- und wissenschaftlichen 
Methode steht, charahterisirt beide und entwickelt daraus die 
Gründe* für eine historisch-philosophische Methode des Gymnasial- 
unterrichtes , welche er auf die einzelnen Gegenstände anwendet, 
in der Wahl und Behandlung der Unterrichtsmittel bestätigt und 
bei diesen völlig bewährt findet. Die gediegene und zusammen- 
hängende Darstellung gestattet nicht gut das Herausheben ein- 
zelner Gedanken , weswegen Ref. auf das sorgfältige Nachlesen 
des Buches verweist. 

Die vielfachen Angriffe gegen das mathematische Studium 
auf Gymnasien, namentlich die Arbeit der bekannten Rehtoren- 
conferenz, berührt der Verf. nur vorübergehend, nimmt aber 
daraus Veranlassung , dasjenige scharf zu bestimmen , was von der 
Mathematik in die Gymnasien gehört und was zu entfernen ist, 
um das Unweserfgebaltloser Behauptungen und ungerechtfertigter 
Angrifle zu beseitigen, und zeigt aus der Eintheilung in die Ele- 
mentar- und höhere Mathematik, dafs erstere das Objekt des Gym- 
nasialnnterrichtes sey , weil in ihr der reflektirende Verstand , in 
der höheren die dialektische Vernunft thätig ist. Mit Recht ver- 
weist er alles tiereinziehen einzelner Theile der höheren , wie es 
auf preufs. Gymnasien vielfach geschieht, als zweckwidrig, und 
geht zu den zwei Haupttheilen der Eleinentar-Mathematik , der 
Zahlen- und Raumgrofsenlehre und Darstellung ihrer Charaktere 
über. Das praktische Rechnen und die geometri ehe Anschauungs- 
lehre läfst er als empirische Grundlage und Vorbereitung zur 
wissenschaftlichen Behandlung vorausgehen , dann letztere folgen. 
Geometrie, Arithmetik und Trigonometrie bilden ihm drei Glie- 
der, die im Gymnasium zu bewegen und zu lebendigem Gebrau- 
che zu bringen sind. In der Anordnung und Rangordnung des 
Vortrages der mathematischen Disciplinen stimmt ihm Ref. um so 
weniger bei, als sie weder im Wesen der Wissenschaft gegrün- 
det, noch ihrem Charakter und den Bildungsstufen entspricht« 
Er will mit der Geometrie begonnen haben, und doch führen ihn 
schon die ersteren Betrachtungen , namentlich die Ähnlichkeit der 
Figuren, auf die Zahl; die Beweisführungen beruhen häufig auf 
Gesetzen der Gleichungen; durch die Algebra entzieht er der 
Arithmetik ihren wissenschaftlichen Charakter und beraubt sie des 
inneren Zusammenhanges ihrer Lehren. Die Gesetze der Verän- 
derungen der Zahlen nach ihrem ganzen Umfange , beherrscht 
durch die drei Ilauptgegensätze zwischen Addition und Subtrak- 
tion, Multiplikation und Division, Potenzirung und VVurzelaus- 
ziehung, müssen die Grundtage des mathematischen Studiums bil- 
den; ihnen zur Seite, aber etwas später begonnen , laufe der geo- 
metrische Unterricht , der in der oberen Klasse mit der sphäri- 
schen Trigonometrie sich schliefse wie der arithmetische mit der 



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Deinhardt: der Oyinnatialunterriebt. 175 

Vcrgleichung und Beziehung der Zahlen, worunter Ref. die nie. 
deren und höheren Glefchungen, die Logarithmen, Reihen, Funk, 
tionen und Anwendungen versteht, in der vorletzten. Ein beson- 
deres Gewicht legt Hei. auf die freithätige Bearbeitung der nicht 
unmittelbar in das Gebiet des Vortrags geborigen Lehrsätze und 
Aufgaben, wozu man in van Swindens Kiementen der Geome- 
trie übers, von Jakobi , die lehrreichsten Materialien hat. Je. 
doch kann er weder jene Ansicht über Anordnung und Methode, 
noch diese Bemerkung weiter verfolgen, weil es der Baum nicht 
gestattet. Das vom Verf. Gesagte verdient vielseitige Erwägung 
und fordert eine genauere Betrachtung als es hier geschehen kann. 

Den Begriff des empirischen und rationalen Sprachunterrich- 
tes und den Unterschied zwischen beiden erläutert der Verf. an 
dem grammatischen Unterrichte und an der Lektüre kurz und 
geht dann zu den fehlerhaAeo Extremen des ersteren, zur Übung 
des Gedächtnisses durch den etymologischen Unterricht über, wo* 
bei er unter andern die Entwickelung der Urtheilskraft durch Er- 
lernung und Anwendung der syntaktischen Regeln, des Wesens 
des Unheils, der Kraft des empirischen Unterrichts in der Spra- 
che und den drei Blassen in dem Stufengange desselben mit Klar- 
heit durchfuhrt. Die Darstellungen entsprechen dem Wesen der 
Sache , geben eine richtige Kenntnifs derselben zu erkennen und 
beziehen sich besonders auf die Wirkung des empirischen Sprach- 
unterrichtes, die er auf die Bildung des Schülers hat , bezeichnen 
aber doch zugleich die Stufenfolge, nach welcher er ertheilt wer. 
den müsse. Manches läfst sich dagegen erinnern, wenn das Ge- 
dächtnifs auf Kosten des Verstandes zu sehr überladen und an- 
gesprochen wird. Noch ausführlicher handelt der Verf. von der 
Verbindung des Studiums der alten Klassiker mit dem der Spra- 
chen , von der Entwickelung des grammatischen Unterrichts nach 
Kategorieen, wobei er sehr in das Einzelne desselben eingeht, _ 
dasselbe genau zergliedert, den lexikalischen Theil des Sprach- 
unterrichts und das Übersetzen in Bezug auf eine dreifache Stufe 
in der Aneignung des lateinischen Styls auf die passenden Schrift- 
steller, auch Anordnung, Eintheilung und Zweck des Lesens der 
Schriftsteller ziemlich umsichtsvoll erörtert und von den bei al- 
len Verhältnissen obwaltenden Gesichtspunkten , welche vielfach 
eigentümlich und von jedem Gymnasiallehrer aufmerksam zu le- 
sen sind, sehr klare Ansichten veröffentlicht. Bef. hat sie mit 
vielem Interesse gelesen und darf von jedem Leser dasselbe er- 
warten, wenn er auch nicht in allen Ansichten mit dem Verf. 
übereinstimmt. 

Gleich redlich und warm spricht er sich über die Anordnung 
und die Methode des Beligionsunterrichts aus, indem er vorerst 
die Unveränderlichkeit des Inhalts der christlichen Wahrheit und 
den lebendigen Wechsel der Form darstellt, die Formen prüft 
und die Gründe angiebt, warum in den oberen Klassen ein ratio- 
nales Element in den Religionsuntenicht eintreten mufs, aber die 
Scheidung der Dogmatik und Moral nicht ins Gymnasium gehölt. 



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11t Deiahardt : 4er Gymnasialuoterricht. 

Für den Katechismus und rationalen Religionsunterricht weiset er 
das Erforderliche nach drei Stufen nach und geht dabei sehr ins 
Einzelne ein , was gründliche gründliche theologische Kennt- 
nisse verräth. Für protestantische Anstalten mögen die Ansich- 
ten ungetheilten Beifall finden , für katholische dagegen unterlie- 
gen sie vielen Abänderungen, in so fern sie das Materiale betref- 
fen. Hinsichtlich des geistig bildenden Moments aber machen sie 
auf vielseitige Anerkennung Anspruch , wie sich aus dem Lesen 
ergeben wird. 

Das Gymnasium ist dem Verf. ein System von Stufen, von 
denen stets eine notbwendig aus der andern hervorgeht und das 
Resultat der vorhergehenden als Grund der nachfolgenden ist; 
daher theilt er dasselbe in das untere und obere, rechtfertigt die 
Eintheilung objektiv und subjektiv dort durch den methodischen 
Fortschritt aller Unterrichtsobjekte, hier durch Lebensalter und 
Geistesthätigkeiten, durch untere und obere Seelenkräfte, und 
unterscheidet für jede Abtbeilung drei Klassen; die erste neige 
sich nach der Elementarschale , die zweite nach der Universität ; 
dort sey der empirische, hier der wissenschaftliche Charakter vor- 
herrschend. Über die einzelnen Klassen spricht er sich nicht spe- 
ciell aus, so dafs kein Vergleich mit andern Gymnasien anzustel- 
len ist. Auch bleibt unbestimmt, was mit den Lyceen anzufangen 
ist, die in manchen deutschen Staaten bestehen, wodurch die Er- 
örterungen keinen abgeschlossenen Charakter erhalten. 

Am Schlüsse sucht der Verf. die Ansicht Niemeyers , wahr- 
scheinlich in dessen Gedanken über die jetzige Gymnasial- Verfas- 
sung in Preufsen, zu widerlegen, und will nachweisen, dafs die 
Schrift desselben principlos und ohne alle Logik sey, da kein 
Hauptgedanke die einzelnen Gedanken verbinde, die gegen jenen 
Unterricht vorgebrachten Hauptgründe so lange auf Null sich re* 
duzirten, bis H. N. sein ideales Princip entwickelt habe. In die- 
sen Streit läfst sich Ref. nicht weiter ein; der Angegriffene wird 
die Bemerkungen entweder zu widerlegen und zu entkräftigen 
suchen oder auf sich beruhen lassen. Manche Darstellungen ver- 
rathen eine gewisse Leidenschaftlichkeit und konnten mit weit 
mehr Ruhe und Besonnenheit gegeben seyn. 

Enthält die Schrift nebst vielem Gediegenen auch manches 
Einseitige, so trägt sie zur Ausgleichung der Gegensätze in ge- 
lehrten Schulen wesentlich bei. Ist die für das praktische Leben 
erforderliche Bildungsstufe mittelst Realschulen befriedigt, so he- 
ben sich viele Gründe und Veranlassungen zu jenen und es glei- 
chen sich die Ansichten unter den über gelehrte Bildung Strei- 
tenden nach und nach von selbst aus. Einen belehrenden und 
wirksamen Beitrag hierzu hat der Verf. geliefert, mögen seine 
Ansichten recht weit verbreitet, sorgfältig geprüft und das Halt- 
bare derselben vielfach angewendet werden. Die Sprache ist klar 
und nicht gesucht. Das Äussere ziemlich gut. 

Reuter. 



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N°. i2. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 




ÜBERSICHTEN und KURZE ANZEIGEN. 



M E D I C I Bf. 

irrenatatittik der Provin* H'ettphalen, mit II in Weisung auf die 
medicinisch - topographischen l'er hältniste sämmtlichcr einzelnen kreise 
derselben, von Dr. H'ilh. Huer, Director der Irren- Heil- u. Pflege- 
anstalt für die Provinz U estphalen su Marsberg. Berlin, f'crlag von 
Enslin. 1837. 112 Seitsn 8. 

Über Entstehung dieser Schrift bemerkt der Verf. im Vor- 
wort: mühsame Aufnahmen von Namenslisten, wie sie 1818 and 
1825 statt hatten, lieferten ein ungleiches und unzuverlässiges Re- 
sultat. Deshalb erhielt Buer 1829 von dem Oberprä'sidenten Frei- 
Berrn von Vinke den Auftrag: »die Zeit bis zur Eröffnung der 
neu zu errichtenden Heilanstalt zu benutzen , um successive von 
Kreis zu Kreis die sämmtUchen Irren in der Pro?inz seiner per- 
sonlichen Ansicht auf den Grund der vorhandenen und zu recti- 
ficirenden Listen zur Stelle zu entwerfen, wodurch er zugleich 
Veranlassung erhielte , sich mit den auf diesen Krankheitszustand 
vorzugsweise einwirkenden und in dieser Provinz wirklich auf- 
fallenden Erscheinungen in den Kreisaufnahmen veranlassenden 
Lokal- und Pro vinzial- Verhältnissen und Eigentümlichkeiten ge- 
nau bekannt zu machen, welches seine künftige arztliche Behand- 
lung wesentlich unterstutzen müsse, und wodurch ihm auch die 
Gelegenheit wurde, den Ärzten die Punkte näher bemerklich zu 
machen , worauf sich das ürtbeil über die Aufnahme solcher 
Kranken in Öffentliche Anstalten besonders zu richten hat.« In 
Folge dieses Auftrags wurde der verdiente Verf. von dem Regie« 
rungs- und Mcdicinalrath Dr. Stoll mit einer Instruktion versehen, 
worin die Punkte über die Qualifikation der Irren für die eine 
und die andere Anstalt hinsichtlich wahrscheinlicher Heil- oder 
Unheilbarkeit, Öffentlicher Gefährlichkeit, besonders herausgeho- 
ben , sowie auch auf die möglichst genaue Ermittelung der Pro- 
yinzial- und Lokal-Verhältnisse und Eigentümlichkeiten , worauf 
die in manchen Kreisen auffallend gröfsere , in anderen mindere 
Frequenz des Irrseyns wahrscheinlich erfolgt, aufmerksam gemacht 
wurde. Die Landräthe und Kreisärzte wurden von diesem Auf- 
trage in Kenntnifs gesetzt und aufgefordert, ihm bei seinen Un- 
tersuchungen die möglichste Unterstützung zu Theil werden zu 
lassen, damit die künftig heil- und wirksame Verwendung der 
Irrenanstalten für die Folgezeit vorbereitend vollständig geordnet 

XXXI. J»lir K . 2. Heft. - 12 



178 Medicin. 

und gesichert werde.« Es darf wohl nicht erst hervorgehoben 
werden, in wie vielfacher Beziehung dieses Unternehmen für die 
Provinz Westphalen , für die Irren und die Anstalt , sodann für 
. die Wissenschaft ünd namentlich auch dadurch nutzbringend seyn 
mufs, dafs der Arzt der Irrenanstalt mit den Bezirksärzten meh- 
rere Punkte rüchsichtlicb der Behandlung der Irren vor und nach 
ihrem Aufenthalt in der Anstalt mündlich besprechen kann und 
wie sehr es darum wünschenswerth ist, dafs es auch anderwärts 
Nachahmung finden mochte. So viel Ref. weifs, ist eine ähnliche 
Aufmerksamkeit, die nämlich, dafs der Irrenarzt überall an Ort 
und Stelle selbst nachsehen konnte, dem Vorkommen des Irrseyns 
von Staatswegen noch nirgends gewidmet worden, und es mochte 
daher von Seilen der Psychiatrie und ihrer Pfleger hiefür dem 
Herrn Ober- Präsidenten von Vincke ein besonderer Dank auszu- 
sprechen und der Wissenschaft Glück zu wünschen seyn, dafs ein 
solcher Auftrag einen solchen Vollzieher gefunden hat. Zählun- 
gen der Irren sind, ausser den erwähnten in Westphalen, 1824 
in der Bbeinprovinz und i83o in Schlesien vorgenommen worden. 
Von andern Ländern weifs Ref.' in dieser Beziehung . nur noch 
Norwegen anzuführen. Von allgemeinerem Interesse dieser kei- 
nes Auszugs fähigen, werthvollen Schrift mochten folgende Punkte 
seyn: die Zahl der Irren, die Blödsinnigen mit eingeschlossen, 
verhält sich in der Provinz Westphalen wie 1 zu 846, mit Aus- 
schlufs der blödsinnig Geborenen wie 1 zu 1590. Mit andern 
Ländern Verglichen liefert Westphalen mehr Irren als die Rhein- 
provinz und Schlesien, ungefähr ebensoviel als England und die 
vereinigten Staaten. Die drei Zählungen von Westphalen unter 
sich verglichen, so war 1825 das Verhältuifs der Irren zur Be- 
völkerung stärker als 1834. [Ein Beweis, wie sehr die allgemein 
verbreitete Meinung von einer steten Zunahme des Irreseyns der 
Berichtigung bedarf. Ref.] Die männlichen Irren verhalten sich 
zur männlichen Bevölkerung wie 1 zu 712, die weiblichen wie 
1 zu 1010. Die meisten Irren befinden sich zwischen dem 3osten 
und 5ostcn Lebensjahre. Zwischen 70 und 80 Jahren gibt es in 
Westphalen 32 Irren, über 80 eine weibliche. Evangelische Ir- 
ren verhalten sich zur evangelischen Bevölkerung wie 1 zu 962, 
katholische zur katholischen Bevölkerung wie 1 zu 786 < israeli- 
tische wie 1 zu 758. Unter i365 Irren litten 108 an Tobsucht, 
darunter 70 männliche, 979 an Blödsinn. Unter diesen letzteren 
waren 728 blödsinnig geboren oder von Kindheit auf blödsinnig 
geworden. Blödsinnig und epileptisch zugleich waren 75. Der 
angeborene Blödsinn verhält sich zur Zahl der Bevölkerung wie 
1 zu 1762 ; zur Zahl der Irren überhaupt wie 47 zu 100. Was 
die ursächlichen Verhältnisse betrifft, so waren unter 876 Irren 
mit somatischen Ursachen 6i3 mit erblicher Anlage. [Hiermit 
stimmen die Angaben Anderer überein und Herr Bird raeint in 
seiner Pathol. u. Ther. der psychischen Krankheiten S. 87 , man 
habe die Erblichkeit zu hoch angeschlagen. Ref.] Epilepsie und 
Convulsionen werden bei i58 als Ursache angegeben. Unter a5i 



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Medicio. 179 

Irren mit psychischen Ursachen fanden sich 129 weiblichen Ge- 
schlechts , und unter diesen letztern 3o mit unglücklicher Liebe 
and 34 mit Religionsschwärmerei , wahrend beim mannlichen Ge- 
schlecht 12 und 17 die entsprechenden Zahlen waren. Aus 
Schrecken sollen 18 Männer und *5 Weiber geisteskrank gewor- 
den seyn, aus Arger 10 Männer, aus fehlgeschlagener Hoffnung 
überhaupt nur 2 Männer. [Dafs die letzte Veranlassung nicht er- 
giebiger war, ist Ref. aufgefallen. Der geehrte Verf. wird übri- 
gens mit ihm einverstanden seyn, dafs die Aufstellung solcher 
ätiologischen Tabellen, worin nur ein Moment als Ursache der 
Seelenstörung genannt wird , ihr Bedenkliches habe. ] Richtig 
scheint die Bemerkung, dafs Schreck der schwangeren Mutter den 
angeborenen Blödsinn der Frucht [fielleicht auch Convulsionen , 
Ref.] begünstige. Unter den Ursachen des in Westphalen so häu- 
figen Blödsinns führt der Verf. auf in somatischer Beziehung: 
die in dieser Prozinz allgemein verbreitete Rhachitis und Scrofel- 
Jirankheit, welche er, ausser den feuchten, unreinlichen Wohnun- 
gen, der schwer verdaulichen, belastenden Nahrung, den in grofsen 
Massen genossenen Kartoffeln zuschreibt. Die hierbei gemachte 
Bemerkung, dafs in dem Müs verhält nüs zwischen dem häufigen 
Genufs vegetabilischer und dem geringer animalischer Host ein 
Grund für die frequente Entwicklung des Blödsinns zu suchen 
seyn möchte , verdient Beachtung and nähere Untersuchung. Mit 
Irreseyn gepaart kommen häufig Würmer vor. Einen andern 
Grund für den Blödsinn geben die unter dem tarnen Terminen 
bekannten und häufig unrichtig behandelten Convulsionen ab. 
[Die Behauptung des Verls., dafs das Alter der meisten in den 
Uebersichten enthaltenen Blödsinnigen in jene Zeit greift, wo der 
Brownianism und die Erregungstheorie eine eigene Epoche in 
der Medicin bildeten, was durch die letzte Tabelle allerdingt 
bestätigt scheint, enthält eine ernste Warnung vor der voreiligen 
Aufstellung sowohl als der einseitigen Benutzung von Systemen 
in der praktischen Heilkunst. Man sollte wohl bedenken, dafs 
hierbei nicht allein eine wissenschaftliche, sondern auch eine mo- 
ralische Verantwortlichkeit zu übernehmen ist. Es ist grausen- 
haft, wenn man nach Jahrzehnden die Wirkungen des Rrownia- 
nisraus in dem zum Thier herabgesunkenen Menschen erkennen 
mufs, und Nasse hat ganz recht, dafs er am Schlüsse der Recen- 
sion des Buches von Bird diesem die vielfachen Irrthümer ins 
Gewissen schiebt: »wer medicinische Lehren, die auf die Praxis 
Einflufs haben sollen, als zuverlässige, obgleich sie falsch sind, 
verbreitet, der setzt die Gesundheit und das Leben seiner Mit- 
bürger in Gefahr, ohne dafs bessere Einsicht allemal im Stande 
ist, den Gefährdeten vor solchem verderblichem Angriffe Hülfe 
zu bringen.«] Der verkehrten Behandlung der Hopfausschläge 
erwähnt der Verf. ebenfalls als Veranlassung zu Gehirnkrankhei- 
ten, und f ührt dabei Nasse s Bemerkung über die Häufigkeit der 
Gehirnwassersucht an, wornach in Preufsen von den bis zum 14. 
Lebensjahre jährlich verstorbenen Rindern allein 32,ooo auf Rech- 



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180 



Median. 



nung jener Krankheit kommen. Weitere somatische Ursachen 
sind: zu leichte Kleidung und zu grofse körperliche Anstrengung. 
Oer Verf. bestätigt hiebei Halliday's Wahrnehmung, dafs die Be- 
schäftigung mit dem Ackerbau in Vergleich mit Manufakturen die 
Zahl der Geisteskranken, insbesondere der Blödsinnigen , steigert. 
Ferner: zu langes Säugen der Kinder, zu frühes Heirathen, Zeu- 
gung im trunkenen Zustande, Onanie, besonders in Beziehung 
auf die Fortpflanzung. [Vgl. Flemming's Aufsatz: Ȇber das 
Causal- Verholtnifs der Selbstbefleckung « in Jacobi und Nasse s 
Zeitschrift is Heft S. 2o5. Ref.] Unter den gemischten Ursachen 
wird angeführt : die isolirte Lage der einzelnen Orte und Woh- 
nungen, Abgeschlossenheit durch hohe Gebirge, vernachlässigter 
Schulbesuch. Der häufige Branntvteingenufs scheint unmittelbar 
nicht besonders zur Vermehrung des Irreseyns, wohl aber des 
.Selbstmordes, beigetragen zu haben. Dafs Verbrechen und Wahn- 
sinn sich in gleicher Proportion verhalten, wie Pierquin glaubt, 
fand Buer nicht bestätigt. Hierauf folgen die keines Auszugs 
fähigen, interessanten topographischen Notizen über alle Kreise 
der Provinz Westphalen , und zwar nach folgenden Rubriken : 
Grofse, Bevölkerung, Religion, Boden, Bewässerung, Luft und 
Wind, Temperatur und Witterung, Nahrungsmittel und Kleidung, 
Beschaffenheit der Gebäude, Nahrungsstand und Erwerbsquellen, 
Kultur und zwar nach der Lebensweise and den Volksbelustigun- 
gen, Ehe, Erziehung und Schulunterricht, religiöser Unterricht, 
Beschaffenheit der Schulgebäude und Kirchen, uneheliche Gebur- 
ten , Verbrechen , Selbstmord , Krankheitsconstitution , vorherr- 
schende Krankheiten des Hirn- und Nervensystems, Irreseyn. Über 
jeden einzelnen der drei Begierungsbezirke, Arnsberg, Munster 
und Minden, so wie über die ganze Provinz, sind General Über- 
sichten und Verhältnifstabellcn beigefügt , welche im Auszuge 

fleichfalls nicht mitgetheilt werden können. Eigentliche, nicht 
lödsinnige, Irren gibt es 807. Über 20 Jahre dauerte der Wahn- 
sinn bei 93 Männern und 84 Weibern. Von der Gesammtzahl 
der Irren und Blödsinnigen, i535, hält der Verf. i4.3a für un- 
heilbar. Die wenigen Bemerkungen, welche er den Übersichten 
und Tabellen beifügt, erwecken den Wunsch, dafs er deren mehr 
hätte mittheilen mögen. Er verschmähte es, da viele Worte zu 
machen, wo er Tbatsachen geben konnte. Die Art, wie sie ge- 
ordnet sind, läTst nichts zu wünschen übrig, als dafs dieses Buch 
ähnlichen Arbeiten in andern deutschen Staaten recht bald zum 
Muster dienen möge. Druck und Papier sind gut. 

Brierre de Boismont , Memoire pour VitablUiement dun hotpicc tinin - 
nds. — Parit > imprime che* Paul Renouard. 1836. 84 Seifen in 8. 
Mit einem lithographirten Plan. 

Eine von der Societe des sciences medicales et naturelles 
zu Brüssel i834 aufgegebene und gekrönte Preisschrift. 
Besonders abgedruckt aus den Annales d hygiene publique, Tome 



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II c H i c | n • 



1H| 



XVI, ire partie. — Nach dem Verf. besteht noch keine Muster- 
Irrenanstalt; nur der Arzt kann den Plan dazu entwerfen. Die 
vollkommenste Anstalt ist diejenige, die man mit einem Blick 
übersehen kann. Dem Vf. genügte die genaue Besichtigung der 
bedeutendsten Irrenanstalten Kui opa's nicht ; er zog noch berühmte 
Männer dieses Faches, wie Esquirol , Desportcs u. A. zu Bathe. 

Die Irrenanstalt soll in ländlicher Einsamkeit unweit einer 
Stadt liegen. Es mufs tür vollkommene Isolirung so wie dafür 
gesorgt seyn, dafs die wichtigsten Lebensbedürfnisse in der Nahe 
zu haben sind. Die Lage mitten in oder unmittelbar bei einer 
Stadt ist schädlich für die Buhe der Kranken. Es wird ein trock- 
ner Grund und Boden, Wasser im Überilufs, ein weites mit Bau- 
men bepflanztes Gebiet verlangt, das der Mittagssonne ausgesetzt 
und durch einen Hügel gegen rauhe Winde geschützt ist. Das 
Gebäude selbst soll gegen Osten liegen. Der Vf. führt die Obel- 
stände mehrerer Stockwerke und die Vortheile der Erdgeschosse 
nach Esquirol an, entscheidet sich aber für zweistöckige Gebäude 
(ein Erdgeschofs mit einem Stock), weil dadurch bedeutendere 
Hosten erspart, weil gesündere, freundlichere Wohnungen ge- 
wonnen werden, weil bessere Aufsicht möglich ist und weil viele 
Kranke ohne Gefahr eine Treppe hoch wohnen können. Den strah- 
lenförmigen Bau verwirft der Vf. wegen der damit verbundenen 
Winkel und wegen des dadurch beschränkten llofraumes für die 
einzelnen Abtheilungen. Den Vorzug gibt er der Quadratform 
mit einer oiTenen, Vorübergehenden jedoch nicht zugänglichen 
Seite. Der angeheftete Plan besagt das Nähere. In der Mitte 
sind die Gebäude für die Administration und Ökonomie, auf der 
einen Seite die Männer, auf der andern die Frauen, jedes Ge- 
schlecht in 9 Quadraten, 3 für die Heilbaren, 5 für die Unheil- 
baren und das o,te für die Tobsüchtigen beider Blassen. Die Be- 
convatescenten sollen im Mittelpunkt in der Nahe der Beamten 
wohnen. Wie in Frankreich so gibt es auch in Belgien mehr 
weibliche Irren, daher der Verf. bei der Gesammtzahl von 5oo, 
für welche sein Plan bestimmt scheint, das Verhältnifs von 260 
zu 240 annimmt. Schlafsäle für 10 Betten sollen 48 Fafs lang, 
12 breit und ebenso hoch, die einzelnen Zellen 11 Fufs tief und 
9 hoch und breit seyn. Für die Abtritte werden water* closets 
empfohlen. Die Fenster sollen nur 1 bis 2 Fufs hohe Brüstung 
haben und der Thüre gegenüberstehen. Für die Unreinlichen 
werden Fußboden von Steinplatten , für die übrigen von Holz 
gefordert, die gepflasterten mit Abscheu verworfen. Eiserne 
Bettstellen für die ruhigen Kranken ; für die Unreinlichen mit 
einem konkaven mit Blei belegten Boden, der in der Mitte ein 
Loch hat. Die Betten müssen zu beiden Seiten frei stehen. 
Weifse Wände. Mit jedem Quadrate sind bedeckte und offene 
Gallerien verbunden. Luftheitznng. Alles Geföngnifsarti^e mufs 
▼ermieden seyn, ein Schlüssel alle Schlosser öffnen. Die Bad- 
anstalten zu Charenton, St. Yon und in der Salpetriere werden 
als Master empfohlen. Eine Mauer soll das Ganze umgeben. 



182 



Mtdirin 



Zur Aufsicht fuhrenden Behörde verlangt der Vf. eine Com- 
mission aus einem oder zwei mit derartiger Administration be- 
kannten Notabein, aus dem Arzt en chef und dem Director der 
Jber sämmtliche Irrenanstalten eines Landes soll ein Arzt 
als General-Inspector gesetzt seyn. Der Director der Anstalt soll 
in ihr wohnen, und so lange der Arzt en chef nicht ausschließ- 
lich dem Institute angehört, ausser dem Rechnungswesen und der 
Ökonomie, auch die innere Hanspolizei, die Krankenzucht etc. 
handhaben. Für die Prauenabtheilung verlangt der Vf. eine weib- 
liche Aufseherin. Für den Krankendienst gebührt geistlichen Or- 
den der Vorzug. Immer auf 10 ruhige und auf 6 ruhige Kranke 
ist ein Wärter zu rechnen. Die alt gewordenen Wärter verdie- 
nen Ruhegehalte. 

Der Vf. nimmt mit Burrows bei Irren einen eigentümlichen 
Geruch an, verlangt daher sorgfältige Vorrichtungen zur Lüftung 
der Zimmer. Es wird die gehörige Bucksicht auf Heitzung und 
Nahrung empfohlen, auf Regelmäßigkeit der Mahlzeiten und Ver- 
schiedenheit der Kostarten aufmerksam gemacht. Mitteilungen 
über die Verpflegungsklassen~ in der Salpetriere, dem Bicetre, 
St. Yon , namentlich von Charenton und von einigen auswärtigen 
Anstalten. Der Verf. dringt auf warme Kleidung für die rauhe 
Jahrszeit und erklärt sich gegen einen unter den Irren einzufüh- 
renden gleichförmigen Anzug. Mit dem von Pinel ausgedrückten 
Lob der Arbeit sieb einverstanden erklärend, gesteht er zu, dafs 
sie in französischen Anstalten vernachlässigt werde, und erklärt 
dieses aus dem Nationalcbarakter , indem die Deutschen, Schwei- 
zer, Amerikaner viel mehr an Zucht und Ordnung gewöhnt wä- 
ren als die Franzosen, »ceux-ci sont toujours prets a se revol- 
ter«, doch glaubt er, durch Belohnungen müfsten diese Hinder- 
nisse zu überwinden seyn , und gibt nun verschiedene Arten von 
Arbeiten, besonders die in Gärten und Werkstätten, an, räth 
Spaziergänge, verwirft das Theater etc. Unter den vom Vf. em- 
pfohlenen Zwangs- und Bändigungsmitteln ist auch der Zwangstuhl. 

Der Irrenarzt, dessen Eigenschaften hier aufgezählt werden, 
soll in der Anstalt wohnen, was bis jetzt in Frankreich nicht 
üblich ist. Er mufs frei und unabhängig gestellt seyn. — An- 
gehängt sind interessante Mittheilungen über den Kostenaufwand 
der Irrenanstalten zu St. Yon und zu Charenton. 

Ref. glaubte in der Relation dieser Schrift um so kürzer 
seyn zu dürfen, je bekannter ihr Inhalt ist. Sie enthält übrigens 
meist sehr richtige , der Beachtung werthe Bemerkungen und hat 
aus den vielen verschiedenartigen Vorschlägen die besten in lo- 
benswerther Kürze hervorgehoben. Gekrönt hätte jedoch Ref. 
die Preisschrift nicht, da sie in Manchem unvollständig ist und 
wichtige Punkte, wie der Vorzug grofser Anstalten, die Verbin- 
dung von Heil- und Pflegeanstalten , ohne Erörterung als entschie- 
den angenommen worden sind. Mit fremder Literatur ist der 
Verf., wie fast alle seine Landsleute, ziemlich unbekannt; von 
auswärtigen Irrenanstalten scheint er nur die italienischen , von 



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183 



• 

den deutschen nur den Sonnemtein zu kennen. Bemerkungen, 
wie dafs tobsuchtige Kranke unter den untern Standen wegen 
mangelnder Erziehung häufiger wären als unter den hohem; dafs 
die Unheilbaren meist ruhig und ganz Vernunft los, dafs die weib- 
lichen Irren lenksamer wären als die männlichen , hat Ref. in 
Deutschland nicht bestätigt gefunden. 

Roller, 



De Ckiloplastice et Stomatopoesi atljecta novo Warn instituendi methodo. 
Auct. Fr. Maur. Oswald Baumgarten. Aeeedunt tP tabulae 
Hthogr. Ups tue 183?. 69 8. 8. 

Eine mit Vielem Fleifse gearbeitete Abhandlung, die wir alt 
einen gediegenen Beitrag zur Chirurgia curtorura ansehen. Be- 
sonders Werth bat der historische Theil der Schrift, in welchem 
wir keine Abhandlung von nur einigem Belang vermifst haben. 
Die beiden Fälle, in welchen Ammon die Operation nach einer 
neuen von ihm ersonnenen Methode verrichtete, werden nament- 
lich jeden Arzt, der Sinn für die plastische Chirurgie hat, an. 
sprechen. Sie riefen diese Dissertationen ins Leben, deren Zweck, 
die Ammon'scbe Operationsmethode zur allgemeinen Kenntnifs zu 
bringen , sicher nicht verfehlt werden durfte. 

Chirurgische Erfahrungen , besonder» über die U ieder her Stellung zerstörter 
Theile des menschlichen Körpers, von Dr J. F. Dieffenbach , Pro- 
fessor in Berlin. Firste Abtheilung mit 2 lilhogr. Abbildungen 102 8. 
Zweite Abth. mit 21 Hthogr. Abbild. 19!» & Dritte und vierte Abth. 
mit 4 Hthogr. Abbild. 506 Seiten Berlin, bei Knslin. 1834. 

Wenn irgend ein Wundarzt und chirurgischer Schriftsteller 
.berechtigt ist, auf den Ruf der Genialität Anspruch zu machen, 
so ist es Dieffenbach , durch dessen sinnreiche , einen wahren 
Hünstiersinn aussprechende Operationsmethoden die organische 
Plastik einen Grad der Vollkommenheit erreicht hat, welchen wir 
▼or einem Decennium nicht erwarten konnten. Man wolle in 
diesem Ausspruche durchaus nicht eine Verkleinerung der Ver- 
dienste v. Gräfe's, Carpue's, Delpech's und Anderer erblicken, 
die wir gern anerkennen , aber den Leistungen Diefenbachs ge- 
genüber dürfen wir in ihnen nur die Anfänge einer später weit 
geförderten Kunst erblicken. Wir können hier in keine Beschrei- 
bung und Beurtbeilung der einzelnen Operationsweisen des Verls, 
eingehen, was wir andern Zeitschriften überlassen müssen , und 
beschränken uns nur auf die Mittheilung des Inhalts der drei uns 
vorliegenden Abtheilungen. In der ersten bespricht er den Wie- 
derersatz der Nase, die Bildung der Lippen bei Verschliefsung 
des Mundes durch Überpflanzung der Schleimhaut, den organi- 
schen Wiederersatz des zerstörbaren Gaumensegels, die künstliche 
Bildung der Vorhaut, die Behandlung des zerrissenen Mittelflei- 



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•>K die in 



sch cs , den Wiederersatz der theil weise zerstörten Harnröhre, 
(welcher in der jüngstverflossenen Zeit dem Verf. durch eine 
geniale Operationsmethode bei einem russischen Marineoflicier 
gelang. Ref.) 

Noch reichhaltiger ist die zweite Abtheilung , in welcher D. 
lauter neue, von ihm erdachte und vervollkommnete Methoden 
zur Excision und Elevation einzelner Nasenpartien, zum Wieder- 
ersatz verbildeter oder verloren gegangener einzelner Nasenlheile 
durch Hautuberpflanzung, entnommen aus der Mi»te der normalen 
Oberlippe, oder der W'angen- und Stirnhaut, zur Bildung vor- 
derer Nasenpartien oder ganzer Nasen aus der SUrnhaut , sowie 
aus dem behaarten Theile des Kopfes , zur Unterheilung eines 
Stirnhautlappens zur Unterstützung eingesunkener Nasenrücken 
mittheilt. Als besonders werthvoll und lehrreich müssen wir 
die Bemerkungen zu den erzählten einzelnen Fällen bezeichnen. 
Nicht minder beachtungswerth ist der Abschnitt über die Spaltung 
der Nase zur Entfernung von Polypen oder andern Gewächsen 
aus ihrer H5hle. Um einen freieren Blick in das Innere der Nase 
zu haben und die Instrumente besser überallhin zu bringen, be- 
sonders wenn in beiden Nasenhohlen Aflernrodukte sich finden, 
schlägt der Vf. vor, nicht allein die Nasenflügel von unten nach 
oben zu spalten, sondern auch das Septum in gleicher Richtung 
zu durchschneiden , die Nase während der Exstirpation der After- 

Srodukte nach oben zu legen und nach Beendigung derselben 
urch die blutige Nath die Wiedervereinigung zu bewirken. 

Ausserdem handelt 1). hier noch von dem Wiederansatz des 
äussern Ohrs, von der Heilung der Thränenfistel durch Haut- 
überpflanzung , von der Heilung des Ectropions durch Verpflan- 
zung der Conjunctiva an die äussere Haut, von der Ausfüllung 
der Augenhöhle nach der Exstirpation des Augapfels durch Haut- 
überpflanzung , von der Verpflanzung der Scrotalhaut zur Be- 
deckung entblöTster Hoden, von der Heilung der Ulcera promi- 
nentia an den untern Extremitäten nach dem Verluste der Zehen, 
und schliefst mit einigen allgemeinen Bemerkungen über die Ver- 
pflanzung thierischer Theile und über die Verpflanzung nicht 
gänzlich vom Korper getrennter Hauttheile. W 7 as er hier in Be- 
zug auf die Rhinoplastik mit i heilt, ist von hohem Interesse. 

In der dritten Abtheilung handelt D. zunächst vom Wie- 
derersatze der Nase. Das Wesentliche seines Verfahrens bei 
rhinoplastischen Operationen besteht in Ausschneidung eines be- 
deutend gr&Tsern Hautstückes aus der Stirnhaut, als andere Wund- 
ärzte zu thun pflegen, in Befestigung des Stirnlappens an den 
Stumpf durch die umschlungene Nath mittelst Insektennadeln , in 
streng antiphlogistischer Behandlung des transplantirten Theils 
durch kalte Aufschläge und Blutegel , in nachträglicher Gestal- 
tung der Nase durch Wiederholte kleine blutige Operationen. 

Der Vf. theilt in dieser Abtheilung mehrere lehrreiche Bei- 
spiele von Neubildung der ganzen fehlenden Nase oder ihres vor- 
deren Theils mit. Der Ersatz des Nasenflügels und auch des 



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Medicio. 185 

Septums geschieht aus der Stirnhaut. Früher uberstandene Sero- 
phelkrankhcit fand D. der Nasenbildung sehr entgegen, und in 
einem höhern Grade als Lustseuche und Herpes exedens. 

Der zweite Abschnitt betrifft die Verwachsung oder Ver- 
schliefsung des Mundes , die nach D. dreifach ist , nämlich : i) 
Verschliefsung des Mundes durch Verwachsung der inneren Ober- 
fläche der Wangen und der Lippen mit den Hiefern , wobei die 
äussern Lippen unversehrt sind; 3) Verwachsung des Mundes und 
Verwandlung der Mundspalte in ein kleines rundes Loch ; 3) Zer- 
störung ^.er äussern Lippen mit bedeutendem Substanzverlust im 
weiten Umkreise , so dafs die Zähne unbedeckt daliegen und die 
Hiefern nicht von einander entfernt werden können. Alle drei 
Arten von Verwachsung des Mundes erklärt D. als das Resultat 
schlecht geleiteter Mercurialcuren. Die Operationstnethoden des 
Vis. sind gut ersonnen und gewifs sehr praktisch. Eine besondere 
Beachtung verdienen die beschriebenen sechs Fälle von Wieder- 
herstellung der Unterlippe nach der Exstirpation eines Lippen- 
krebses, ferner der Wiederersatz der Unterlippe aus den Wan- 
gen nach der Operation eines* Lippenkrebses nebst der Resection 
eines Theils des Unterkiefers, die Bildung eines neuen Mundes 
wegen gänzlichen Mangels desselben, der Wiederersatz der Wange, 
der Oberlippe und eines Nasenflügels durch Überpflanzung. 

Die vierte Abtheilung enthält nur einen Aufsatz, nämlich: 
über die Heilung der angebornen oder durch Krank- 
heiten veranlagten Spaltungen des Gaumens durch 
die Gaumennaht. Was der Vf. in dieser Beziehung geleistet, 
ist dem ärztlichen Publikum aus Rust's Magazin und HeckerY 
Annalen zur Genüge bekannt. Hier werden 25 Fälle mitgetheilt, 
in denen er die Gaumennaht verrichtete. 

Die absichtliche Spaltung des Gaumensegels nahm D. in meh- 
reren Fällen vor, um ein grofses Steatom oder um einen grofsen 
festen Polypen aus der Rachenhöhle entfernen au können. Die 
Hülfe, die dieses Verfahren leistete, war immer nur eine pallia- 
tive, da die Aftergebilde stets von Neuem kamen. Eine voll- 
kommene Verwachsung des Gaumensegels mit der hintern Schlund- 
wand widersteht in der Regel jeder Operation. 

Noch bespricht der Vf. die Verlängerung der Uvula, welche 
nach D. entweder durch eine Erschlaffung der Schleimhaut des 
Zapfens, oder durch eine Vergröfserung , oder durch eine Hyper- 
trophie der Uvula , oder durch eine krankhafte Entartung dersel- 
ben bedingt ist. 

Ober den organischen Ersatz, ton Dr. J. F. Dieffenbaeh, (Besonderer 
Abdruck auf RusVs Handbuch der Chirurgie.) Berlin . bei T. Chr. F. 
Ensiin. 1831. 107 S. 8. 

Während das so eben angezeigte W T erk des Verfs. eigene 
Deobachtungen und Erfahrungen über die Morioplastik. und nur 
diese enthält % ist die vorliegende Abhandlung eine systematische 



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186 Medicin 

Zusammenstellung und britische Beleuchtung alles dessen, was 
bisher überhaupt rücksichtlich des organischen Ersatzes von den 
Wundärzten geschehen ist, mithin eine vollkommene Monographie 
über diesen Gegenstand, welche zu schreiben wohl niemand so 
berufen seyn konnte als Dieffenbach selbst, wie aus der eben ge- 
lieferten Anzeige seiner chirurgischen Erfahrungen über 
die Wiederherstellung zerstörter Theile des mensch- 
lichen Körpers zur Genüge hervorgehen dürfte. 

Eine Inhaltsanzeige halten wir für überflüssig , indem wir uns 
auf den Inhalt der eben besprochenen Schrift um so lieber be- 
rufen , als die dritte und vierte Abtheilung derselben je zwei 
Jahre später, als die vorliegende Abhandlung, erschien und aus 
diesem Grunde in mehrfacher Beziehung vollständiger manches 
enthält , was hier noch nicht gegeben werden konnte. Aufmerk- 
sam wollen wir jedoch machen auf die physiologischen Bemer- 
kungen über die Verpflanzung thierischer Theile (S. 21 bis 34) * 
welche ein allgemeines Interesse haben und insofern jeden inter- 
cssiren müssen, der überhaupt Sinn für naturhistorische Forschun- 
gen hat. Als allgemeiner Erfahranssatz ergibt sich aus diesen, 
dafs, je niedriger die Organisationsstufe ist, auf welcher der ge- 
trennte Theil steht , um so gröfser die Neigung zur Wiederver- 
einigung sich zeigt. Am leichtesten geschieht sie bei den horn- 
artigen Fortsätzen der Haut, den Federn, Blauen und Sporen 
der Vögel, den Haaren der Säugethiere und Menschen. Von 
knöchernen Theilen sind es besonders die Zähne der Säugethiere 
Und Menschen, und selbst völlig getrennt gewesene Knochenstücke, 
ferner Hautlappen, vorzüglich die Enden prominirender Körper- 
thcile, wie Nasenspitzen, Ohrstücke, nur in den seltensten Fäl- 
len kleinere Gltedmafsen , wie Finger mit Haut , Nägeln , Bändern 
und Knochen. 



Bericht über die Cholera- Epidemie in Mittenwald » von Dr. Karl Pfeufer, 
Hutgk Gerichttarzte in der Voreladt Au. München 1837. 146 & 8. 

Wenn es je gelingen kann, über die Natur dieser rätbselhaf- 
ten Krankheit einen weitern Aufschlufs zu erhalten , so ist es mit 
Hülfe nüchterner und wahrheitsgemäfser Berichte über einzelne 
Epidemien dieser Weltseuche, welche von wissenschaftlichen und 
Torurtheilsfreien Beobachtern niedergeschrieben wurden , denen 
es nicht wie dem sarcastiseben Heine in der Porte Saint-Marlin 
zu Paris erging, der hier den Tour de Nesle aufführen sab, aber 
hinter einer Dame mit einem grofsen Hute von rosa-rothem Gaze 
zu sitzen kam , durch welchen ihm also alle GräueJ dieses Stücks 
im heitersten Rosenlicbte erschienen. Einem gronen Theile un- 
serer Choleraschriiten sieht man das farbige Brillenlicht an, durch 
welches die Verf. gesehen und beobachtet haben. Von ihnen darf 
man sich daher auch nicht wundern, dafs sie nicht zur Entwir- 
rung, sondern zur Verwirrung mitgewirkt haben. 



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MeHicin 187 

Den vorliegenden Bericht über die Cholera in Mittenwald 
heifsen wir einmal wegen seiner prnnklosen and nüchternen Dar- 
stellung und seines Inhalts, dann aber auch deshalb will Kommen, 
weil er der erste ist, der uns über die Chalera innerhalb der 
Grenzen des baieriseben Königreichs eine zuverlässige , wir kön- 
nen wohl sagen, officielle Hunde gibt, zu welchem niemand mehr 
als der Verf. berufen seyn konnte , der vom Gouvernement mit 
der Vollziehung der angeordneten ärztlichen Mafsregeln nach die* 
ser inficirten Stadt committirt wurde. 

Die von ihm gewählte Anordnung ist beifallsweith. Der Be- 
richt beginnt mit einer medicinisch- topographischen Skizze, die 
bei Beschreibungen von Epidemien niemals fehlen sollte, indem 
aus ihnen allein sich ergeben kann, welchen Antheil die Örtlich- 
keitsverhältnisse an der Entstehung , dem Verlaufe und den Mo- 
difikationen einer allgemeinen Krankheit haben. Wir erfahren 
hier, dafs Mittenwald im Isarthale, zwischen dem Hauptzuge der 
baierischen Alpen, 3119 Fufs über der Meeresflache liegt, dafs 
sein Klima rauh, seine Strafsen schmutzig, seine Bewohner dem 
Branntwein ergeben sind und überdies hauptsächlich von VegeU- 
biJien leben, dafs die Bleichsucht, Blutflüsse, Fehlgeburten, die 
Wurmkrankheit hier so zu sagen endemisch vorkommen , und 
dafs ein halbes Jahr vor dem Erscheinen der Cholera hier ein 
nervöses Schleimfieber epidemisch herrschte. 

Die* erste Cholerakranke, eine 48jährige Schwangere, starb 
noch am Tage der Erkrankung, am 14« August. Eine Berüh- 
rung mit Cholerakranken hatte sie so wenig als die nächstfolgen- 
den Kranken gehabt , sowie überhaupt die meisten hier beobach- 
teten Thatsachen gegen eine contagiose Verbreitung zeugen. Die 
vierte Woche der Epidemie lieferte die meisten Erkrankungen. 
Es wurden mehr Frauen als Männer ergriffen, aber letztere, un- 
terlagen in verhältnifsmäfsig gtofserer Zahl. Die meisten Erkran- 
kungen kommen auf das Alter zwischen dem 5o. und 70. Jahre, 
die meisten Sterbefälle auf das Kindes- und Greisenalter. Den 
epidemischen Einflufs empfanden auch in Mittenwald alle Bewoh- 
ner. Über die Ursachen des Ausbruchs ruht hier, wie wohl 
überall, ein Dunkel; von ein^r Einschleppung der Krankheit fehlt 
jede Spur. 

Die sanitätspolizeilicben Anordnungen müssen als in jeder 
Beziehung entsprechend anerkannt werden. Den grofsen Nutzen 
der ärztlichen Besuchsanstalt, die hier zum erstenmal ins Leben 
trat, wollen wir gewifs nicht verkennen. Aber zugestehen mufs 
jeder Unbefangene, dafs ihrer allgemeinen Einführung grofse und 
mancherlei Hindernisse in den Weg treten, die bei dem Auftre- 
ten der Cholera in einigen kleinern Ortschaften sich wohl hinweg, 
räumen lassen , aber nicht beseitigt werden können , wenn die 
Krankheit in grofsen Städten schnell um sich greift und auf eine 
rapide Weise sich über ganze Länderstriche verbreitet, wie es 
i83i in verschiedenen nordischen Ländern, i83a in Frankreich, 
in spätem Jahren in Schweden, Portugall, Spanien, Italien der 



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Fall war. Wober dann ein ärzliches Personale bekommen , um 
so Häuser durch einen Arzt besuchen und surveilliren zu lassen? 
und auf welche Weise die Bewohner beschwichtigen, die , dieser 
arztlichen. Besuche bald überdrüssig, sich ihnen nur zu bald zu 
entziehen suchen ? Es ist bekannt , dal s in einer grofsen süd- 
deutschen Stadt gegen die Einrichtung solcher Besuchsanstalten 
von Ärzten und vom Publikum im verflossenen Jahre feierlich 
protestirt worden ist. 

Das Bild der Cholera in Mittenwald bietet wenige Verschie- 
denheiten von ihrem Erscheinen an andern Orten. Diejenige 
Form, welche man Diarrhoea cholerica genannt hat, wurde 'hier 
Torzugsweise gegen das Ende der Epidemie beobachtet. Das Blut, 
welches man den Kranken während der Vorboten oder im Beginn 
der Krankheit aus der Vene liefs , sprang gewöhnlich in einem 
Bogen, war warm und bildete einen festen Blutkuchen. Bei aus- 

S'bildeter Krankheit war der Ausflufs träge, die Temperatur des 
lutes niedriger , und auch diese verlor sich schnell , im para- 
lytischen Zustande erhielt man nur wenig schwarzes kühles Blut, 
und der sich bildende Blutkuchen war sehr mürbe. Fast alle 
Cholerakranke hatten eine kühle Zunge und überaus viele Spul- 
wurmer. Der todtliche Ausgang nach uberstandenem Kältestadium 
erfolgte fast immer unter soporosen Symptomen. Eine Unter- 
brechung der Reaction mit Wiederkehr des Kältestadiumj wurde 
auch einigemal wahrgenommen, Neigung zu Recidiven wenig. 
Eine Cholera incoropleta , die sich durch Druck in der Herz- 
grube, Mangel an Efslust, Angst, eine sehr verminderte Urin- 
exeretion, Stuhl Verstopfung, kühle Zunge, kühle Extremitäten, 
Tor allem durch copiöse Schweifse aussprach, wurde besonder« 
auf der Höhe der Epidemie beobachtet. 

Manches beachtungswerthe Neue theilt der Verf. in Bezug 
auf die Prognose bei der Brechruhr mit, über welche wir bisher 
sehr unsichere und schwankende Data hatten. In wie weit dieses 
von Pf. Dargebrachte in andern Epidemiecn sieb bewähren wird, 
müssen wir der Zeit daheimgeben. 

Zwei Ansichten über den primären Sitz der Krankheit wer- 
den hier als zulässig hingestellt, nämlich die, welche ihn im Blute 
sucht, und die, welche ihn im Darmkanal annimmt. Der Verf. 
erklärt sich für die letztere und suchte durch Brechmittel, Calo- 
mel und Rhabarber und zur Unterstützung dieser eben genannten 
Mittel durch Blutentziehungen den Indicationen zu genügen. Wie 
er dies durchzufuhren bemüht war, bekundet einen rationellen 
und denkenden Arzt, und es wäre zu wünschen, dafs auf so be- 
sonnene, ruhige Weise man überall* gehandelt und nicht Verfab- 
rungsweisen gehuldigt hätte, wie sie wohl clairvoyante Hystericae, 
aber nicht in Theorie und Praxis ergraute Sohne Machaon's er- 
sinnen konnten. Leider leben überall so viele junge und alte 
Ärzte in dem traurigen Wahne, dafs man recht vieles thun 
müsse, um viel zu leisten und Erspriefslicbes zu Stande zu brin. 



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Belletristik. 189 

gen , nneingedenh der Worte Sydenhams : Aeger non raro nulla 

alia de causa quam nimia medici diligentia ad plures migrat. 

Die kalten Waschungen, namentlich mit Eis, bei der para- 
lytischen Form der Cholera hat der Verf. nicht in Gebrauch ge- 
zogen , genugende Grunde anführend, warum er sie unterlassen. 
TJberdies haben sie an einigen Orten, z. B. im Pariser hötel-Dieu, 
wo man sie zu Anfang und auf der Höhe der Epidemie versuchte, 
nichts weniger als gunstige Erfolge geliefert, so dafs man sich 
genothigt sah, von ihnen abzustehen. Auch stimmen wir gern 
dem Vf. darin hei, dafs es etwas anderes ist, in einem Hospital 
oder in der Landpraxis zu fungiren, dafs in dieser oft Pflicht 
ist, zum allgemeinen Besten zu unterlassen, was in jener Pflicht 
ist, zum allgemeinen Besten zu versuchen. 

H eyf et der. 



BELLETRISTIK. 

Die Lieder der Edda von den Nibelungen. Stabreimende Verdeutschung 
nebst Erläuterungen von Ludwig Ett müller , Prof. am Gymnasium 
zu Zürich u. a. id. Zürich, bei (hell, Fü/sli 9p Comp. 1827. gr. 8. 
XLIil S. und 119 Doppeltpalten. 

\uch Vliese Schrift des durch die Herausgabe der Vaulu-spä 
und ähnliche Leistungen ruhmlich bekannten Vis. empfiehlt sich 
zum Studium der nordischen Literatur durch Zweckmäßigkeit y 
Gründlichkeit und eine für den Laien besonders erwünschte Aus- 
führlichkeit , was Einleitung und Anmerkungen betrifft; in Bezie- 
hung auf die Übersetzung aber durch poetischen Geist und Ton, 
sowie durch eine sehr geschmackvolle und edle Behandlung der 
Sprache, die von ihm der nordischen Stabreimkunst vollkommen 
dienstbar gemacht wird. Eine schone Rechtfertigung dieser letz- 
teren , 6ofern sie auf den Boden deutscher Poesie übergepflanzt 
wird, ist in dem Dedikationsgedicht in Stabreimen enthalten, das 
der nordisch -germanische Philolog dem berühmten klassischen 
Philologen Caspar Orelli zusingt: 

Fremd erklingt uns 
des frühern Nordlands 
leichtbeschwingte 
Liederweise , 
uns, deren Ohr* 
seit alten Tagen 
dem sähen Klange 
des Südens lauschte. 

Dann erzählt das Lied der heiligen Sage den Grund nach, warum 
in der Urzeit edle Skalden auf solche Weise die Laute des Lie- 
des fügten: wenn nämlich am nordischen Nachthimmel die Asen 
ihrer ewigen Häupter Feuerstrahlen zeigten, der Welten Wohl 
berathend, da wurden kühnen Sterblichen Weise und Maafse th- 

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190 



Belletristik 



rer Worte kund , and seitdem spiegelte sich das Wesen der nor- 
dischen Götter in ihrem Liede. 

Schüchtern warum 
scheut' ich nun mich 
diese Lieder 
. Dir zu weihen ? 
Götterstimmc 
gern ja höret , / 
dessen Geint 
der Gottheit voll. 

Die einleitende Vorrede verbreitet sich nun zuvorderst über 
die Versuche der neuern Zeit, die Lieder der sämundischen Edda 
(die Bedeutung des letztern Wortes erläutert eine Note) in den 
neuern Sprachen , zumal der danischen und deutschen , wieder- 
zugeben ; das Verdienst F. A. Gräters (1803) , von der Hagens 
(i8i3), der Bruder Grimm ( 181 5) unu des ersten metrischen 
Uebersetzers Ferd. Wächter (1829) wird anerkannt, dagegen eine 
Verdeutschung von G. Th. Legis als aus dem Lateinischen zu- 
sammengesudelt abgewiesen. Als diejenige stabreimende Über- 
setzung, der man noch am besten den Klang der Verse der Ur- 
schrift abhört, wird die von J. L. Studach (1829) begonnene 
gerühmt. Das Ziel , nach welchem Herr Ettmüller selbst strebte, 
-war, dafs man seiner Übersetzung nicht anmerke, dafs dieselbe 
Übersetzung sey , und er glaubt dieses Ziel wenigstens in den 
altern, einfachem Liedern erreicht zu haben; in den künstliche- 
ren, spätem Gesängen finde jedoch ein solches Bestreben Schwie- 
rigkeiten in unserer Sprache, die sich nie völlig durften uber- 
winden lassen. Hierauf» werden die leitenden Grundsätze seiner 
Arbeit, mit Hülfe von Erasm. Christi. Raslts von Mohnike ver- 
deutschter Verslese der Isländer, jedoch unter fortlaufenden Be- 
richtigungen und Erweiterungen von Seiten unsers Verls., ent- 
wickelt, und dieser Theil der Abhandlung (S. IX — XV) enthält 
eine sehr vollständige Belehrung über die Begeln der altnordi- 
schen Verslehre , in so fern sie in den ubersetzten Liedern An- 
wendung finden. Alle diese Begeln des Versbau's und des Stab- 
reims oder der Alliteration hat der Verf. in der Übersetzung an- 
gewendet, und dabei so wörtlich als möglich übersetzt, doch 
niemals die Zeilen der Urschrift sklavisch nachgebildet, wodurch 
alle Poesie, wie er vollkommen richtig bemerkt, nothwendig ver- 
nichtet wird. Die kühnen , bildlichen Ausdrücke altnordischer 
Dichtung sind wiedergegeben, ohne dafs neue Wörter gemacht 
worden wären, denn in dem letztern zeigt sich nur die Ohnmacht 
eines Übersetzers; dagegen hat der Verf. »gutem, alten Golde, 
dessen Gepräge , wenn auch nicht den Schriftstellern , doch dem 
Volke noch gar wohl bekannt ist, auch in der Schriftwelt aufs 
neue Geltung zu verschaffen gesucht,« und der Verf. hält dies 
immerhin für mehr erlaubt, als »die unverschämte Einschmug- 

gelung überrheinischen Schellenklanges oder griechischer GewalU 
rocken. « Man kann mit diesen Grundsätzen des Herrn Über- 
setzers nur einverstanden seyn. 



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Belletristik 



191 



Von ihnen wendet sich Herr Ettmüller zu Untersuchungen 
über das Alter dieser Heldenlieder, die in ihrer uns überliefer- 
ten , leider fragmentarischen und durch Prose zusammengehalte* 
nen Gestalt, nach P. C. Mullers gründlicher Untersuchung , gröfs- 
tentheils aus dem 8ten, die beiden Gesänge von Atli aber viel- 
leicht erst aus dem ictten Jahrb. stammen. Da sich jedoch viele 
derselben ausdrücklich auf ältere Lieder berufen, so dürfte man 
etwa das 6te Jahrb. als die Entstehungszeit der meisten anneh- 
men. Mit dieser Annahme des Vis. stimmt vollkommen überein, 
was C. F. Uöppen in seiner eben erschienenen »Einleitung in 
die nord. Mythologie« S. 47 so schön als geistvoll auseinander- 
setzt. Die Frage nach den Dichtern dieser Lieder ist müfsig, 
mit geringen Ausnahmen ist das gesammte Volk des skandinavi- 
schen Nordens als ihr Verfasser anzusehen. Nach Island kamen 
alle diese Lieder mit der norwegischen Bevölkerung , wo sie sich 
in ihrer sprachlichen Alterthümlichkeit Jahrhunderte hindurch 
erhielten , bis Sämund der Weise , christlicher Priester aus dem 
berühmten heidnischen Priestergeschlechte der norwegischen La- 
dejarlen (geb. zwischen io54 und 1057., t 77 J*hre alt), sie 
sammelte. Während sein Vetter, John ügmundssohn , der erste 
IJischo flf zu Holum auf Island , der eifrigste Heidenverfolger war, 
sammelte er, in Paris gebildet, mit hohem Sinn für Wissenschaft 
and vaterländisches AUerthum , die immer mehr schwindenden 
Trümmer des Heidenthums und zeichnete sie schriftlich auf. Von 
einem einzigen, ziemlich schwachen Eddaliede, dem Sonnenlied, 
ist er nach Hrn. Ettmüller wahrscheinlich selbst der Verfasser 
(S. XV. XVI.), was aber von Andern widersprochen wird. (8. 
Koppen a. a. O. S. 67.) 

Mit der Frage über die Heimath der Lieder ist nicht die 
Frage über die Heimath der Sage zu verwechseln. Hier ist die 
Hauptfrage, ob die Nibelungensage ursprünglich dem deutschen 
oder dem skandinavischen Stamme angehöre , oder ob sie beiden 
Stämmen als ursprüngliches Eigenthum zugesprochen werden 
müsse. P. E. Müller hat nun zwar die Hypothese aufgestellt und 
scharfsinnig vertheidigt, dafs die Skandinavier es Seyen, die die 
Sage aus Asien mitgebracht haben, und Lange hat die Sigmunds- 
sage dem Norden als Eigenthum vindiciren wollen; es ist aber 
offenbar wahrscheinlicher und mit Lachmann, unserm Verf. u. A. 
anzunehmen, dafs die Sage fränkischen Ursprungs ist, und sich 
im fünften, sechsten Jahrhunderte, als das Christen thum noch 
nicht tüdtlichen Hafs zwischen Deutsche und Skandinavier ge- 
bracht hatte, von Deutschland aus sich über den skandinavischen 
Norden verbreitet habe. Dnfs die Örtlichkeiten in den Eddalie- 
dern verworren und schwankend angegeben sind , Iii Pst nur auf 
mündliche Überpflanzung und willkührliche Veränderung im 
Munde des Volkes schliefsen. (S. XVII — XIX.) 

Nun tbeilt der Herr Vf. den fortschreitenden Gang der Sa- 
genereignisse des von ihm zar Ubersetzung und Bearbeitung aus- 
gehobenen Cyclus epischer Lieder aus der kurzen Erzählung 



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192 , Belletristik 

Snorri's (Skaldskaparmäl 3<)) mit , unter lehrreichen Erläuterun- 
gen. (S. XIX— -XXX.) Dann bespricht er die Ergebnisse der 
Sage, nach YV. Grimms und Lachmann's abweichender Kritik* 
Beide Forscher sind darin einig, dafs man sowohl eine Mythe als 
auch eine historische Sage in der Nibelungensage anzuerkennen 
habe, weichen jedoch hauptsächlich darin von einander ab, dafs 
Grimm den mythischen Theil der Sage erst mit Atli's (Etzels), 
Lachmann dagegen schon mit Sigmunds Tode schliefst. In den 
Anmerkungen folgt Herr Ettmüller der Grimmschen Ansicht, 
theilt aber deswegen die Lachmann'sche Darstellung und Deutung 
der Sage in der Einleitung mit (S. XXX — XXXIV). Dann .be- 
trachtet er noch einige Erweiterungen der nordischen Sage, die 
ihr eigentümlich sind , und sich tbeils in der Sage selbst befin- 
den, theils vor- und rückwärts gehen. (S. XXXIV — XL1II.) 

Snorri's mitgetheilte Erzählung und die letztgenannten Be- 
merkungen über die Dilatation der Nibelungensage in der nordi- 
schen Gestalt geben nun einen trefflichen Leitfaden für den Weg 
durch das Labyrinth der ubersetzten Lieder selbst. Das erste Lied 
Ton Sigurd, Eafnirs Tödter, (S. 1 — 8) enthält in der Weissagung 
Grigirs eine vollständige Übersicht über die Geschichte des Hel- 
den und bildet so den passendsten Prolog zu der Sage. Wenn 
man an die Entstehungsweise der ganzen Liederreihe als Volks- 
gesanges denkt, so wird man, auch abgesehen von den übrigen 
innern Gründen (vgl. S. XXXV) , mit dem Verf. annehmen müs- 
sen, dafs diese Einleitung später gedichtet ist als die andern St- 
gurdslieder, und von einem Sänger herrührt, der jene Volkslie- 
der überblickte. Darauf folgt das zweite Lied von Sigurd , erster 
Theil: von Sigurd und Regin, dem weisen, grimmen, zauber- 
kundigen Zwerge, der Sigurden (den fränkischen Sigfried), den 
Sohn Sigmunds, des Sohnes WÖisungs und der Hiordis bei dem 
Honige Hialprek (dem fränkischen Chilperich) erzog und liebte 
(vgl. S. XXII.). Im Liede erzählt Regin einen Theil von des 
erschlagenen Oturs Sühnung aus der Ahnengeschichte Sigurds 
(vgl. S. XIX ff.); dann singt das Lied von Sigurds Erziehung 
und ersten Waffenthat (S. 8 — i3). Der zweite Theil des zwei- 
ten Liedes umfafst die Geschichte von Pafnirs, Regins Bruders, 
Tode, den Sigurd auf Anreizung Regins mit dem Schwerte Gram 
erschlug, und dadurch den von jenem geraubten Schatz gewann 
(S. i3 ff.); ein herrliches Lied, bilder- und spruchreich (vergl. 
S. XXIU). Es erzählt dann weiter, wie Sigurd, der durch den 
Trunk von Fafnirs Herzblut die Sprache der Vögel hatte ver- 
stehen lernen, von Adferinnen gewarnt, auch Regin erschlug. 
(S. 19 f. vergl. S. XXIV.) 

(Per Bcachluft folgt.) 



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N\ 13. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Belletristik. 

(Bttehluf:) 

t 

Nun folgt das erste Lied von Brynhild , der Tochter Badlis 
die sich Sigurdrifa nannte, Walküre ist, in Frankenreich ?on Si- 
gurd schlafend in einer Schild bur- getroffen wird, und den Helden 
Weisheit lehrt (S. 20 — «6). Es enthält zehn höstliche Spruche, 
in einer Sprache voll Kraft und Salbung, die an Salomo's Weisbeits- 

r~che erinnert. Da längere Aaszuge aus dem historischen Theile 
Lieder unmöglich sind, so mögen, als Übersetzungsprobe, 
Ton diesen Weisheitsregeln Brynhiids einige hier stehen : 



Da» rath' ich dir r u förderst, 

dals den Feinden dein 

treu du seist ohne Trag. 

Langsam es räche , 

wenn sie Leid dir anthoa; 

das, sagt man, tauge den Todten. 

Das rath*' ich dir zum andern, 
dafs keinen Kid du schwörest, 
ausser der wahr werde. 
Grimme Fesselo 
folgen dem Eidbruch; 
elend ist der Treue Truger. 

Das rath' ich dir zum 'dritten, 

dafs du bei'ui Thinge nicht 

mit Heimlingeo [Pflastertretern] handelst; 

denn oft ist schlimmer 

unweises Mannes 

Wort, als sein Wissen. 



29. Das rath' ich dir «am sechsten t 
Wenn du auch sagen hörest 
von Recken Rausches Wortes 
trunken kühr* nicht Hader 
mit Karapfbäumen: 
Manchen sticht der Wein vom Witte. 



33. Das rath' ich dir xum neunten, 
dar» da nackte Todten hüllest, 
wo du im Felde sie findest, 
Sein es Seuchtodte , 
oder sein es Seetodte, 
oder sein es woffeotodte Wehren. 

XXXI. Jahrg. 2. Heft. 13 



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m Belletristik. 

* 

34. Ein Hägel aich hebe 
dem Heimgegangenen , 
Hände wusch' und Haupt; 
Kämm' ihn und trockne, 
eh die Kitt' ihn aufnimmt , 
und bitte, dar« er selig schlafe. 

Das dritte Lied yon Sigurd zeichnet in einfachen aber Star- 
hen Umrissen das Bündnifs Sigurds mit den Söhnen Giokis (dea 
(deutschen Gib ich), Gunnar (Gunther) und HSgin (Hagen), seine 
Vermählung mit ihrer Schwester Gudrun (der deutschen Chrim- 
hild); dann, wie er in Gunnars Gestalt diesem die Brynhild freit, 
doch das Schwert zwischen sich und sie aufs Lager legt Seit- 
dem fühlt Gunnars Weib ein Verlangen nach Sigurd: 

„Ich will sterben, 
oder Sigurden haben, 
den jungen Mann, 
mir im Arme. 
Der raschen Rede — 
Nun reut sie mich ! 
Gudrun ist sein, 
ich Gunnars Weib; 
Heide Norne 

Schuf uns langen Harm ! " 

Oft geht sie mit Argem 

innen erfüllet, 

eilt ob Eisbergen 

Abends dahin, , 

wenn mit Gudrun Sigurd 

geht zum Lager 

und Sigurd hüllet 

sorglich ins Kleid, 

der Männer Fürst, 

•ein minnige« Weib. 

In der Wuth mahnt Brynhild die Männer zum Mord , indem sie 
den Betrug entdeckt. Sigurd fällt durch die Hand Guttorms 
(Gernot) , des jüngsten Nillungenbruders. Gudrun findet ihn jam- 
mernd Morgens in seinem Blute; sie stöhnt so heftig, dafs ihre 
Hengste im Grimme wiehern und die Gänse im Hofe ergällen. 
Doch, vom Gatten mit Grauen empfangen, gibt sie sich unter 
Weissagungen des Jammers, der aus Sigurds Mord erwachsen 
wird, selbst den Tod. (S. 26 — 36. ?gl. S. XXVI f.) Das fol- 
gende Lied enthält eine abweichende und mit dem Nibelungen- 
liede übereinstimmende Sage von Sigurds Ermordung (S. 36 — 40). 
Dann folgt »der Brynhild Heifahrt«. Hier erzählt sie einer Rie- 
sin, an deren Wohnung sie vorüber kommt, warum sie sich so 
grausam an Gudrun gerächt (vgl. S. XXVI); wie nämlich Sigurd 
sie für Gunnar gewonnen und schuldlos bei ihr gelegen: 

11. Auf Einem Lager 
lagen wir froh, 
als ob mein Bruder er 
geboren wäre. 



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Belletristik 



kerne» 

in seht Mächten 
ober das Andre wollte 
den Arm legen. 

i 

12. Doch zieh mich Gudrun, 
Giuki'a Tochter, 
dalt ich Sigurde 
schlief im Arme. 

Jetzt folgt »das erste Lied ron Gudrun«, das (vergl. S. 
XXXVI) durch und durch lyrisch ist und von dem Übersetzer 
för einen spätem Schöpfling der Sage gehalten wird. (Ein pro- 
saischer Übergang erzählt im voraus die Ermordung der Gm- 
fcooge oder Nillunge durch Atii (Attila), welcher von ihnen Gu- 
drun zur Ehe erhalten hatte.) Im »zweiten Liede ron Gudrune 
theilt dem Honig Thiodrek (Dietrich), der bei Atli die meisten 
seiner Mannen verloren hatte, Gudrun ihr Leid mit (S. 47 — 5o.). 
Auch in diesem Liede wird Sigurds Ermordung der iränkischeo 
Sage gemäfser erzählt. Das dritte (schwache) Lied von Gudrun 
(S. 55. 56) ist (muthmafslich) von Sämund selbst gedichtet, und 
ein ebenso unbedeutender späterer Zusatz ist » der Oddrun Klage « 
(S. 56 — 6a. Tgl. S. S. XXXVI f.). Acht ist wieder wie » grön- 
ländische (d. h. in Grönland, einem Theile des sudlichen Nor* 
wegs verfafste oder gefundene) Sage von Atli.« In diesem (S. 
6* — 7*) wichtigen Liede wird zuerst die Ermordung Högni's 
durch Atli und die Qual Gunnars mit grofser, tragischer Kraft 
erzählt (besonders Vs. 20 ff.). Wir bedauern, die Geschichte yoq 
den Herzen Hialli's, des zagen, und Högni's des kühnen, wie 
der gefangene Gunnar beide in den Händen wiegt, Raumes hal- 
ber hier nicht mittheilen zu können ; die Zerrcifsendsten tragischen 
Mythen der Alten haben nichts der Art, keinen Jammer von sol- 
cher Heilkraft , aufzuweisen. Gunnar wird ins Wurm verliefe ge- 
sperrt (V. 3i ff.), wo er zorngemuth, einsam, mit den Zehen 
die Harfe schlägt. Gudrun, Giuki's Tochter, rächt ihre Bruder, 
indem sie, ganz wie Atli (das Lied von Gudrun S. 54) geträumt 
hatte, die SÖbne Atli's, die sie ihm selbst geboren, tödtet, ihm 
ihre blutigen Herzen in Honig zu schlingen gibt und alsdann den 
Greuel ihm offenbart. Geschrei der Männer schrillt, und der 
Hannen Kinder weinen — 

Nur allein die Königin 
klagte nimmer mehr, 
nicht die Bärharten ßrüder 
noch die blühenden Kinder, 
die jungen, unschuldigen, 
die sie mit Atli zeugte. 

Den Atli selbst ersticht sie im Bette. Eine zweite Version die- 
ser Sage bringt das nächstfolgende »grönländische Lied von Atii« 

JS. 7a — 91). Die zwei sich diesem Liede anreihenden Sageolie- 
ler, »der Gudrun Aufreizung« (S. 91 — 97) und »das Lied von 
Hamdir« (8. 97—106), verknüpfen die Sage ¥0n den Nillungen, 



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4 



190 Belletristik. 

die mit Hügni's und Gunnars Tode geschlossen ist, durch Siran« 
hild , Sigurds Tochter, die von König Jörmunreb geehlicht uod 
grausam umgebracht, von ihren Brüdern aber, welche die Mat- 
ter Gudrun aufreizt, gerächt wird, mit einer gothischen Sage 
von Jormunreb (gothiscb Airmanareiks , deutsch Ermenrich) , und 
sind, wie die benannten der frühern Gedichte, als willkührliche 
Erweiterungen des eigentlich mit Gunnars und Hügni's Tode ge- 
schlossenen Sagenkreises zu betrachten. In Deutschland bildete 
Ermanarichs Ende eine selbständige Sage und war nicht mit der 
Sage von Sigfrid verbunden (Vergl. S. XXXVIII ff.) Die Edda- 
lieder stimmen in ihr in der Hauptsache mit der Darstellung der 
nordischen Sage von Ermanarich bei Saxo Graromaticus Oberein. 
Saxo arbeitete hier schwerlich nach deutschen Liedern , sondern 
höchst wahrscheinlich nach einer selbständigen nordischen Sage. 
(S. XL f.) Den Beschlufs gegenwärtiger Sammlung macht »Gun- 
nars Harfenschlag« (S. 106 — 119), ein Lied, dessen Ächtheit 
bestritten wird , und das Gudmund Magnussen in Island in einer 
Papierhandschrift der Edden unter andern Liedern entdeckte. 
Weil nun Olaf Tryggwason eines alten »Gunnarlags« erwähnt, 
so wurde beschlossen, dieses Lied als das i3te Gedicht des zwei- 
ten Theiles der Edda abdrucken zu lassen. Non schrieb aber ein 
Gerücht dasselbe dem gelehrten Gunnar Paulsen (f 1785) als Ver- 
fasser zu , und es finden sich in demselben allerdings zwei be- 
denkliche Worter. Allein da die vom J. 1764 stammende Papier- 
handschrift notorisch aus einer alten Handschrift copirt war, so 

Staubt Ettmüller nicht an jenes Gerücht , nnd hält die bedenk- 
chen Ausdrücke nur für verfälscht. Deswegen tbeilt er auch 
zum Schlüsse das schöne Lied mit, das jedenfalls der alten Ge- 
sänge würdig ist, und die Klänge schildert, die der im Wurm- 
rerliefs gefesselte Gunnar mit den Zehen der Harfe entlockte. 
Es schliefst: 

Nqo ist Gunnars Lied 

8anz gesungen. 
>ie Leute labt' ich 
Zum letztenmnle. 
Kein Fürst macht fürder 
mit Fttfuea Ä«ten 
hellachün klingen 
der Harfe Strange. — 

Die vorliegende Übersetzung und Erläuterung dieser epischen 
Eddalieder ist gewifs sehr geeignet, der erhabenen nordischen 
Poesie auch in weitern Kreisen Eingang zn verschaffen. Wir 
wünschen von dem kunstsinnigen Verf. allmählig die vollständige 
Übertragung und Erläuterung der alten Edda in ihrem epischen 
mythologischen und ethischen 1 heile. Die beiden letztern Lieder- 
complexe würden jetzt eben zur gelegensten Zeit für deutsche 
Leser zuganglich gemacht, wo die Forschungen -unserer grofsten 
Nordlandskenner, namentlich Jak. Grimms und Unlands, in ihre 
innersten Tiefen einzudringen bemüht sind. 



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Hdletriitik 



Die göttliche Komödie des Dante Alighieri. Metrisch übersetzt, nebtt bei 
gedrucktem Originalteste, mit Erläuterungen und Abhandlungen her- 
ausgegeben von August Kopiseh. In einem Bande. Mit Dantes 
Bildnifi und einer Karte seines Helttystems. Berlin 18*7. Knslin'sche 
Buchhandl. (Ferd. Müller ) Erste Lieferung , enth. die Hölle Oes. 1-12. 

Es wäre schon ein verdienstliches Unternehmen gewesen, zum 
ßebufe deutscher Leser, die, wie es viele giebt, des Italienischen 
nur bis auf einen gewissen Gnad hundig sind, den grofsten und 
schwierigsten aller italienischen Dichter im Originaltexte mit ei- 
ner wortlichen Interlinearversion erscheinen zu lassen. Weit 
glucklieber aber ist der Gedanke, der hier durch einen schon mit 
Achtung genannten jungen Dichter realisirt wird, einer geschmack- 
vollen , metrischen Übersetzung den Text beizugeben, und so 
für den Leser den Genufs des Originals erleichternd ihm zugleich 
in der Übertragung ein Kunstwerk zu bieten. Über die Grund- 
Satze*, die den Herrn Übersetzer geleitet haben, spricht sich der 
beigegebene Prospectas aus. » Die Hochschätzung der bisherigen 
Übersetzungen ins Deutsche, heifst es hier, darr' das Streben, die 
Schönheiten eines Dichters , der längst unsterbliches Gemeingut 
aller Volker geworden ist, Deutschland immer naher zu fuhren, 
nicht hemmen. Bei gegenwärtiger Übersetzung ward die be- 
engende Fessel des im Deutschen nur monotonen Terzinenreims 
abgeworfen und dadurch Baum und Kraft gewonnen, dem alten 
Dichter in Sprache, Sinn, Rhythmus und Symmetrie der Gedan- 
ken mehr Schritt nach Schritt folgen zu können, als den an den 
Beim gebundenen Vorgängern möglich war. Scheint mit dem 
Beim auf den ersten Blick viel verloren, so lehrt eine nähere 
Betrachtung Dante 's dagegen, dafs es bei diesem ernsten Dichter 
nicht gleichgültig ist, welches Wort die Reimstelle einnimmt; 
der reimende Übersetzer aber mufs jeden Augenblick in den Fall 
kommen , ein unbedeutendes an die Stelle des bedeutenden zu 
setzen. « So viel Wahres in diesen Worten ist , so kann ihnen 
Bef. doch nicht unbedingt beitreten , weil einerseits die reimlose 
Terzinenform doch noch einförmiger ist als die gereimte, und 
andrerseits Bef. zu gewifs weifs, dafs der Zwang des Beimes die 
wahre Kunstfertigkeit nur zu höheren Triumphen fuhrt und den 
Künstler viel eher zum Nachdichten zwingt, als die weit beque- 
mere und dem Buchstaben nach getreuere Nachbildung in reim- 
loser Übertragung. 

Inzwischen bat der Verf., von welchem als Freund und Schu- 
ler Platens zum Voraus nichts Nachlässiges und Unförmliches zu 
erwarten war , auch auf jenem breitet en Wege es sich angelegen 
•eyn lassen, sein Werk zu einer gewissen rhythmischen Vollen, 
dung zu bringen. Damit der Leser selbst eine Probe seiner Lei- 
stung and zugleich einen gedoppelten Mafsstab für dieselbe er- 
halte, mögen hier einige Strophen im Text, und in den Über- 
setzungen von Streckfufs und dem Verf. der vorliegenden Über- 
tragung stehen : 



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196 Belletristik. 

(HÖH«, Get. V. v. i~i5.) 

Dante : 

1. Cos\ discese del cerchio priraajo 

Giü nel secondo, che men luogo cinghia, 

E tanto piü dolor, che punpe a gaajo> 
4. Stavvi Mino« orribilmente, e ringhia, 

Esamina le colpe neil' entrata, 

Giudica c rannria secondo qu'avvinghia. 
7. Dico que quando l'anima mal nata 

Li vien dinansi, tutta ai coafessa: 

E quel conoscitor delle peccata 
10. Vede qaal luogo d' Inferno c da essa; 

Cignese con la eoda tante volte, 

Quantunque gradi vuol, che gih sia mein. 
13. Sempre dinansi a lui ne stanno niolte t 

Vanno ä vieenda ciaacuna al ^iudizios . < 

Discono e odono, e poi son giü volte. 

Strecufufs : 

1. So gings hinab vom ersten Kreis nm sweiten, 

Der kleinern Raum, dech gröTsres Weh umringt, 
Das antreibt. Klag' nnd Winseln sn verbreiten. 

4. Grau« steht dort Minos, fletscht die Zahn' und bringt 

Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle , (verhehle?) 
Urtheilt schickt fort, je wie er sich umschlingt. 

t. Ich sage, wenn die schlechtgebornc Seele . 

Ihm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last; ' 
Und jener Kenner aller Menschenfehle , 
10. Sieht, welcher Ort des Abgrunds für sie pafst, 

Und schickt sie so vM Grad hinab zur Holle, 
Als oft er sich mit seinem Schweif umfafst. 
13. Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle, 

Und nach und nach kommt jeder zum Gericht, 
Spricht hört und eilt zu der bestimmten Stelle. 

Kopis ch : 

1. So stieg ich von dem ersten Kreis hinunter 

Zum zweiten, der geringem Raum umspannt, 

Und so viel Qual mehr, die zu Heulen stachelt. 
4. Da stehet Minos graunvoll, weist die Zähne, 

Er prüfet die Verschuldungen am Eingang, 

Urtheilt und bannt, nachdem er sich umringelt; 
7. Ich sage, wenn die schlimmgeborne Seele 

Vor ihn hintritt, so beichtet sie sich ganz ihm, 

Und dieser Kenner der begangnen Sünden 
10. Schaut, welche Stätte in der Holl' ihr zukommt, 

Umwindet mit dem Schweif dann so viel mal sich , 

Als Stufen er hinabgebracht sie heischet. 
13. Allimmer stehn vor ihm der Seelen viele, 

Ein* um die andre gehn sie all zum Urthell; 

Sie sprechen hören und sind hinabgewfilzet. 

Mit Ausnahme von V. 5 and i5 läTst sich nicht mit Gerech- 
tigkeit behaupten, dafs die Streckfufs'sche Übersetzung dem Ort- 
ginal Zwang antbue oder dasselbe schwäche, and ohne den ita- 
lienischen Text wurden wir den Beim ungern vermissen. Sobald 
aber, wie bei Kopisch der Fall ist, dieser uns gegenübersteht 
and wir die Melodie des Heimes im Original ans vergegenwärti- 



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« 



Belletristik 199 

gen können, tbat allerdings Kopischs strenge Treue nicht nar 
äusserst wohl , sondern auch dem Leser des Originals die aller» 
trefllichsten Dienste, und wir wünschen ibr deswegen, und durch 
sie dem hohen Dichter Ton Herzen recht grnfse Verbreitung. 
Vor unnöthigen Einförmigkeiten, neben der nothgedrungenen , 
wird sich wohl der nicht reimende Übersetzer vorzuglich zu hü- 
ten haben, und wenn Holle VI, 43 angoscia durch Peingung 
und nachher v. 47 pena gleich wieder durch Pein'gung, beides 
•n prägnanter Versstelle, ubersetzt wird, so hätte das vermieden 
werden können und sollen. 

Die Anmerkungen des Herrn Übersetzers sind hauptsächlich 
auf das innere Verständnis des Gedichts berechnet, und setzen 
(mit Recht) die ordinären mythologischen und historischen Kennt- 
nisse bei dem Leser, der sich an den Dante überhaupt wagt, 
voraus. 

Wir behalten uns vor, wenn das ganze Werk vollendet ist, 
auf dasselbe zurückzukommen , und sprechen hier nur noch die 
zuversichtliche Hoffnung aus , dafs zu der versprochenen Abhand- 
lung über Dante'« Leben FaurieU trefl liehe Monographie nicht 
unbenutzt bleiben werde. 

G. Schwab. 



Sämmtlichc Dichtungin von J. H. v. IV csscnbcr g. Fünfter Band. 
Stuttgart und Tübingen , Verlag der Cotta f $chen Buchhandlung. 1857. 
XU u. SSI & 8. In Umschlag. 

i 

Der rastlose und reichbegabte Geist des cdeln Freiherrn ziert 
fortwährend den Tempel der neun Schwestern mit Weihgeschen- 
ken. Bald in beredte Prosa , bald in wohlklingende Verse , er- 
liefst sich mit genialer Beweglichkeit sein Gefühl für Schönheit 
der Natur und Kunst, seine ungeheuchelte Religiosität, sein pa- 
triotisches Interesse für Menschenbildung und Volkerglück. Hei- 
misch an den reizenden Ufern des Bodensees, macht er jährlich, 
sobald die Reisezeit kommt, Ausflüge in die deutschen Gränz- 
länder, die Schweiz, Frankreich und besonders nach Italien, wo 
Natur und Kunst sich vereinigen, das empfängliche Gemüth in 
die süfsesten Zauber einzuwiegen. Der Biene gleich sammelt er 
da im Sommer, und kehrt im Herbst heim mit mannichfachem 
Musenraube. Fern von der Einförmigkeit des Gelehrtenlebens, 
ruht er am Busen der Natur, lebt mit der gebildeten Welt, und 
füllt, fern von geistloser Unterhaltung, die Stunden seiner Muse 
mit interessanten Studien und Arbeiten. 

So entstand auch diese Sammlung von Gedichten, in welcher 
sich an ein Epos in fünf Gesängen, von gleicher Anmuth als des 
Verfs. » Julius«, Bilder und Denkblätter aus Italien, vermischte 
lyrische und erzählende Dichtungen, endlich Epigramme, denen 
es an attischem Salze nicht fehlt, anreihen. 



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200 ^ Bc 1 lc t f iäIiW • 

Das Epos, Irene, die letzten Kampfe des siegenden 
Christenthums, fuhrt ans in die Zeit der Kaiser Constantius 
und Julian, mit dessen Tode und dem Regierungsantiitt des fei- 
gen Jovian es endigt. Eine Periode grofser Entscheidungen, in 
welcher die alte Gotterwelt zum letzten Mal hell aulleuchtete, 
und, vom Kaiser aufgemuntert, das Hebräervolk den Grund zu 
einem Tempel legte, der den Salomonischen Wunderbau über- 
ragt haben wurde, hätte das unbeugsame Schicksal es nicht ver- 
bindert. An grofsen Bildein, schlagenden Kontrasten, fehlt es 
liier nicht, und der Dichter benutzt mit geübter Hand den er- 
giebigen Stoff. Neben dem heuchlerischen Constantius erscheint, 
die Maske stolz abwerfend, der verirrte Alterthumsfreund Julian; 
gegenüber Schwärmern der gestürzten Religionen und christli- 
chen Schismatikern stehen Charaktere, wie Cyrillus, Gregor von 
Nazianz , Hieronymus und die Glaubensheldin Paula , sämmtlich 
Ton ihrer Kirche zu Heiligen geweiht, und hier verwebt in die 
Geschiebte Irenens, einer schönen Athenerin, die, heimlich von 
ihrer Mutter im Christenthum erzogen, Julians, den alten Göttern 
gleich getreuen, Freund und Feldherrn Euphranor liebt. Den 
Folgen von Julians Abfall ausweichend , flieht Theone mit der 
Tochter nach Palästina, und findet an des Erlösers Grabe Trust, 
ungeirrt durch das hohnische Frohlocken der Hebräer, das bald die 
Nachricht von Julians unverhofftem Tode dämpfen soll. In einer 
herrlichen Stelle, auf die wir unter vielen andern, gleich schönen, 
aufmerksam machen, schildert der Vf. ihre Ankunft, in Begleitung 
Gregors , bei Hieronymus zu Bethlehem. Man vergleiche z. B. 
aus dem vierten Gesänge 55. u. ff. Stanze, und man wird bald 
sehen , wie leicht unser Dichter sich in den Fesseln eines Sylben- 
tnafses bewegt, das einer an klangvollen Wortendungen nicht 
reichen Sprache ungleich schwerer fallt als ihren sudlichen Schwe- 
stern , von welchen es zu uns einwanderte. Sogar baut er seine 
Stanze ganz regelrecht, wie metrische Rigoristen, und verschmäht 
die Freiheiten der Wieland und Streckfufs. Überhaupt hand- 
habt Hr. v. W. mit Leichtigkeit den Reim, diese Klippe so Man- 
cher, deren Geist sich in harten Geburten erschöpft, ohne dafa 
ihre »Schmerzenreich« die Leser vergnügten. Im Gegentheil ist 
dieses sein Hauptfeld , das ihm jederzeit schöne Ärnten gewä'irt, 
sowie der Mehncahl moderner Dichter, welchen die antiken For- 
men immer mehr oder weniger fremd bleiben, und sie, gleich- 
sam instinktartig , zur Anwendung der dort verpönten Rechte des 
Reims veranlassen. Sonderlich hat der Hexameter und sein Be- 
gleiter Schwierigkeiten, die selbst ein Gothe empfand. Hr. v. 
W. uberwindet sie meist mit vielem Gluck. Man urtbeile selbst ! 

Castellamare , S. a53. 

Hier in geräumiger Bucht, von •chattigen Uenzen umfangen. 
Weilt der Pilger %crgnügt, glüht von der Sonne die Luft. 

Liebliche Kühlung verttreu'n Drei twipfl ige Uäum' auf die Pfade, 

Windend durch Thäler sieb bald, bald zu umschauenden Höh n. 



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Überall aeirt sich dem Blick in der Fem' am freundlichen Ufer 5 

Herrlich des Feuerbergt stets rauchender Opferaltnr. 
Wann sich die Däroruerunir bräunt, dann, Alles verdunkelnd, die Nacht 

•inkt 

Malt »ich des Flammenden Iiild sanbriach auf zitternder Flui; 
Bald die Scheitel geschmückt mit bläulich anckenden Blitaen, 

Bald nmflacbert vom rnthfflühenden St ral enge wind. 10 
Schweigend wallt jetzt herauf der Mond , wetteifernde Schimmer 

Werfend , die sieh im Meer mischen der Glut des Vcsurs. 
Doch am Gestad' ertönt beim Tamburin und der Cither 

Tassu's Gesang, wie Olinth warb um Sophronia's Hera, 
Wie für einander dem Tod sich weihend sie Amor belohnte; 15 

Feuriger bei dem Gesang glühen jetat Mond und Vulkan. 

Ein reizendes Gemälde , aus welchem die Kritik nur einige 
Härte in Verkürzung langer Selben (V. 5, 6, Ii, i4i 16.) weg- 
wünscht. Hier noch ein ähnliches in moderner Form: 

Der Sanct Gotthardsberg, S. a66. 

Hinauf, wo in FUsgefilden 
Nur horsten Geier und Aar, 
Und Sturmgewitter sich bilden 
Mit leuchtender Donnerschaar ! 



• * 
» 



Hinauf, wo schaurig die Rachen 
Des FelsgekläfU gähnen wild, 
Eisburgen bersten mit Krachen, 
Inders die Lawine brüllt ! 

Dann oben gesenkt die Blicke, 
Und rasch durch das Teufelsloch, 
Flugs über der Teufelsbrücbn 

Des Abgrunds spottendes Joch f 

... 

Und gleich dem Sturm jetat hinunter 
Am schäumend brausenden Flu Tu, 
Bis singend und grüfst und munter 
Der Hirt an des Gotthards Fufs ! 

« 

Genug zur Empfehlung dieser geistreichen Denkblätter ! Un- 
gern ubergehen wir die römische Legende, einer altdeutschen 
Handschrift im Vatikan nacherzählt, wie der Dichter im Sehers 
versichert, mit der Überschrift: Honny soit qui mal y pense; 
die edeln Sohne, nach Pausanias X, 20; die Bekehrung 
eines Geizigen; des armen Pfarrers Leiche, nach La- 
martine, und andere Stucke von derselben Gattung. Um diese 
Mittheilungen nicht über den beschränkten Raum auszudehnen, 
erinnern wir noch an einige vorzuglich gelungene Lieder , in 
welchen sich sein innerstes Herz erschliefst; wie das Gedicht An 
die Freiheit S. 3a5 ff. , Am Morgen S. 339, oder Gute 
Nacht S. 34o fT. 

Mit Freuden entsagt hier der Kunstrichter seinem Geschäft; 
denn auf diese Gedichte pafst das Sprichwort : Magna in parvo 

Den Werth der Epopöe, die an der Spitze dieser Sammlung 
steht, erhoben noch Anmerkungen (S. »05 bis 218), in welchem 



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202 * Belletristik. 

alles Geschichtliche , mit Benützung alter and neaer Quellen , von 
Eusebius und Ammianus Marcellinas herunter bis auf Gibbon, 
JolifTe, Sismonde Sismondi , Chateaubriand, Lamartine, Ballanche, 
eben so gelehrt als anspruchlos erläutert wird. 

Verleihe der Himmel dem edeln Sänger, der den Rahm 
Hartmanns von der Au und so vieler andern Dichter dieser Ge- 
genden in alter Zeit aufrecht erhält, noch viele Jahre hindurch 
Kraft und Muse zu so schönen Hervorbringungen! 

Don Kar los (Carlo»). A dramatic Poem from the German of Schiller. 
By John Wyndham Bruce, Esq. Mannheim, Swan and Goetz. 
London , Black and Armstrong. 1837. Printed by G. Reichard at 
Heidelberg. Preface 42, Text der Übersetzung des Don Karlos 808, 
Anhang , Schillers Siegesfest, ins gleiche Versmaafs übersetzt, 1 Seiten 
8. Geheftet, in Umschlag. 

Eine literarische Erscheinung, die zu merkwürdig and za 
ehrenvoll für Deutschlands gröfsten Dichter ist, als dafs sie ia 
diesen Jahrbuchern unerwähnt bleiben dürfte. Herr John Wynd- 
ham Bruce, ein Verwandter des berühmten Reisenden, eine Zeit- 
lang in englischem Seedienst, dann Student der Rechtswissen- 
schaft, begab sich im September 1826 nach Bonn, und machte 
hier zuerst Bekanntschaft mit deutscher Sprache und Literatur, 
welche ihn, den Landsmann Shakspeares, Miltons, Sternes, and 
den, nach Brittenart mit den Schätzen des klassischen Alterthums 
Vertrauten, dennoch so mächtig anzogen, dafs er beschlofs, sein 
Vaterland mit einigen Hauptwerken derselben durch Übersetzun- 
gen bekannt zu machen. Sein Liebling war Schiller: mit dem 
Gedanken an ihn verliefs er im Februar 1827 Bonn, am seine 
Universitätsstudien zu Oxford im Exeter-College zu vollenden; 
worauf er seinen Wohnsitz in London nahm und sieb als Anwalt 
auszeichnete. Kränklichkeit bewog ihn jedoch , i835 England 
aufs neue zu verlassen and auf dem Continent Erleichterung jener 
Übel zu suchen , welchen unablässig Studirende (und ein Solcher 
ist Hr. Bruce) ausgesetzt sind. Er wählte wieder sein geliebtes 
Deutschland zum Aufenthalt, und lebte mit einer kleinen Familie 
2 Jahre hindurch meist in und bei Mannheim , nur mit alter und 
neuer Literatur, besonders griechischer und deutscher, beschäf- 
tigt. Zu Anfang des Jahres iiVi-7 begann er die Übersetzung des 
Don Harlos, beendigte sie in einer Zeit von 10 Wochen, deren 
a er überdies der Erholung von allzu angestrengter Arbeit wid- 
men mufste (z.B. den Schlufsakt ubersetzte er in 5 Tagen) /und 
eilte hierauf an die lieblichen Ufer des Bodensees, wo ich das 
Vergnügen hatte , seine Bekanntschaft zu machen und mich einige 
Monate lang täglich über Kunst und Wissenschaft mit ihm ia 
unterhalten. Dann kehrte er zurück nach Mannheim und Heidel- 
berg, wo unterdefs die Übersetzung gedruckt wurde, und nach 
Beendigung des Drucks trat er abermals die Heimreise an , ohne 
seitdem Nachricht von sich zu geben. Doch gelangte er hoffent- 



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Belletristik 



ZW 



Hch ohne Unfall nach London, oder auf eines seiner Landguter, 
oder nach Duflryn Aberdare, Glamorganshire, zu seinem würdigen 
Vater, Hrn. John Bruce Bruce, dem das Buch zugeeignet ist. 

Ziehen wir nun dieses Werk in nähere Betrachtung, so kann 
unser Urtbeil nicht anders als vorteilhaft ausfallen. Des Über, 
setzers Talent und Fleifs , sein Enthusiasmus für schone Kunst, 
seine Vorliebe für Schiller überhaupt und für Don Karlos ins- 
besondere, liefsen dies im Voraus erwarten. Wir erinnern uns 
keiner Stelle , wo der Sinn verfehlt wäre ; keiner , wo man die 
edle Einfalt und Würde des Originals vermifste ; vielmehr re- 
producirt diese Dolmetscbung den deutschen Genius wie ein treuer 
und helier Wiederball. Ein desto grofseres Verdienst, da in Eng- 
land Herr B. der. erste Übersetzer von Bedeutung ist, der sich 
an dies Biesenwerk Schiliers wagte. Denn während dort dessen 
übrige Dramen, mit Ausnahme der Braut von Messina, insge- 
samrot übertragen sind, einige sogar mehrmals, Wilhelm Teil 
dreimal, besafs man von Don Kariös bisher nur eine prosaische 
Übersetzung, die wörtlich zu seyn vorgiebt, aber in der That 
untreu und geistlos alle Schwierigkeiten überhüpft, öfters 7 oder 
8 Zeilen in eine zusammenprefst , und nicht selten den Verfasser 
gänzlich mifsversteht. Dennoch fand dieses Machwerk Eingang 
bei der empfänglichen Nation 5 ein Abdruck vom Jahr 1798 nennt 
sich bereits den dritten, und wer weifs, ob er der letzte ist: so 
unmöglich war es, diesen kräftigen Geist bis zur Unwirksamkeit 
zu unterdrücken. Allein freilich Sensation wie in Deutschland, 
wenigstens früherhin , konnte eine Arbeit solcher Art bei unsern 
sprach verwandten Nachbarn jenseit des Kanals nicht hervorbrin- 
gen. Und fragt man, warum in der langen Zeit bis zum Er- 
scheinen der vorliegenden Übersetzung Niemand das so verunstal- 
tete Werk würdiger nachbildete, so findet unser Verf. die Ur- 
sache in den Schwierigkeiten des Originals. 

»I can ooly find one reason,« sagt er Seite 4 der Vorrede, 
»why this Drama should not have met with the attention and 
sjmpathy bestowed on the others, and this is from the enormous 
and almost ttaggering dißcultics of the plol — difficulties which 
are of themselves sufficient to damp the ardour of every one, 
except of him, who grapples with tbem in good earnest — is 
Willing to bestow frequent perusals on the original, and ia tho- 
roughly convinced of the complete success of tbe work, if these 
diificulties are e ither satisfactorily removed or explained , and if 
tbe translation is executed in manner not unbecoming the dignity 
and beauty of the original. — lt has also acknowledgedfy , far 
more dißeuUies in the texi itself ihan any other produclion of Schill 
ler's*) — and is in length, within a few pages, equal to the 



°) An einer andern Stelle, Seite 5, hält Hr. B. da« vollkommene Ver- 
ständhils des Don Kariös für schwerer als das Irgend eines moder- 
nen Stücks , and vergleicht ihn mit dem Agamemnon des Aschylus 
und Lykophrons Kassandra. 



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204 Belletristik 

Piccolomini and Wallenstein's Death together — the two pieces 
of the Wallenstein trilogy so admirahly, so inimitably translated 
by the then Ii ving greatest Poet in England, the late laraented 
and allaecomplished Mr. Coleridge. His translation may be fairly 
considered as amongst the most successf ul efforts of modern times, 
and will always continue to be a model in t his department of 
literatare. « 

Wenn Hr. B. so die Vernachlässigung des berühmten Trauer- 
spiels in seinem Vaterlande zu entschuldigen sucht , so findet er 
dagegen kaum Worte, die ihm stark genug schienen , seinen Zorn 
über deutsche Mifsverständnisse und Herabwürdigungen Schillers 
und des Don Karlos auszudrucken. Die hierauf bezügliche Stelle 
der Vorrede S. i3 ist zu charakteristisch, als dafs wir sie uber- 
gehen konnten. Nachdem der Verf. seine Bewunderung A. W. 
T. Schlegels als Schriftsteller überhaupt bezeugt und ausdrück- 
lich bemerkt hat, dafs er blos dem Verla umd er Schillers ent- 
gegentrete, lafst er sich so vernehmen: 

»A. W. von Schlegel has , as every one knows , attacked 
Schiller in the most unworthy way; Tieck with more acknow- 
ledgment of his merits. The former blamed his lyrical poems, 
the latter his dramatic. The last distichs made by Schlegel on 
Schiller may be found in the Musenalmanach of i83a. He says 
there that Schiller knew nothing of English, of Greek or Latin; 
that in his correspondence with the mighty Gut he he made »scrap- 
ing bows« to him; further that he could not rhyme, because ha 
endeavoured to make »Rose« rhyme with »Schosse«, and much 
more of the same kind. — He does no justice whate?er to Schil- 
ler in his justly celebrated »Lectures on dramatic art and lite- 
rature.« He goes so far as to call »Wilhelm Teil« the best of 
Schillers dramas. — This is, in my opinion, as a drama the most 
faulty; and even Solger, tbe warm panegyrist of A. W. T.Schle- 
gel, in his critique of his friend's »Lectures etc.« (Solgers 
Nachgelassene Schriften, vol. 2. p. 49* — 626) is of the same 
opinion. Both, bowever, presurae to treat Don Karlos in the 
same manner. — It was not to be supposed, that Schlegel — 
tbe professed admirer of Gothe — a man who merely wrote ac» 
cording to the spirit of the age he lived in , and was content 
with the applause that present time bestowed on him — who 
did the most perfect homage to the womanish weakness of his 
trme — and could preise in exaggerated terms tbe » Boman Ele- 
gies« of Gothe — elegies that surpass m refined sensoality every 
thing that Ovid, Tibullus and Propertius ever tempted mankind 
with — could praise the giant spirit — the manljr vigour , the 
magnißcent ideas of freedom, and the deep and intimate knowledge 
of the human heart — the splendour of thought and imagery — the 
boUt vehemence of passion for the true and sublime under all their 
various forms , that make up the worth of this, as Mr. Carlyle 
(Life of Schiller. London 1825.) terms it, »truly noble« tragedy 
— a tragedy that transports os ioto a holier and bigher world 



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Belletristik. 205 

than our own — where everything around us breathea of force 
and solemn beauty. To thcie gentlemen roay be applied Schil- 
lert own sublime hmguage in this play , when Karlos reproaches 
bis fatber with the deatb of tbe Marquis Posa: 

Die« feine Saitenspiel zerbrach in Ihrer 

Metallnen Hand. Sie konnten nichts alt ihn ermorden. 

Diese Zurechtweisung ist allerdings derb"; allein wie durfte 
auch literarische Eitelkeit so weit gehen , einer ganzen einstim- 
migen Generation *) schulmeisternd die Bewunderung des Grofsen, 
des Schonen zu verbieten, und zwar aus einseitiger, höchst pe- 
dantischer Ansicht der Kunst? Herr B. berührt diese Ansicht, 
und geht in den bekannten Streit der Objektiven und Subjektiven 
ein , deren Repräsentanten , nach Vieler Meinung , Gut he und 
Schiller sind. Bei diesem Anlafs vergleicht er Beider Charaktere 
und Leben von Jugend auf, mit Benutzung bekannter Quellen, 
und ohne sich aus Vorliebe für den Einen zur Ungerechtigkeit 
gegen den Andern binreifsen zu lassen. Beide sind ihm (S. 12) 
»mächtige Apostel des Erhabenen und Schönen « , beide bewun- 
dert, beide liebt er, aber der stärkere Zug ist zu dem congenia- 
len Dichter des Don Karlos. 

Nach einer Charakterisirung der lyrischen Gedichte Schillert, 
von welchen Herr B. und sein talentvoller Bruder eine Übertra- 
gung in ihre Muttersprache beabsichtigen, kommt der Verf. S. 20 
auf dieses controverse Drama zurück, und entwickelt dessen Plan, 
hauptsächlich, wie sich von selbst versteht, um Posas so viel- 
fach mißverstandenen »grofsen kosmopolitischen Gang« (Schillers 
3. Brief über D. K. , 10. Theil, S. 373 der neuesten Ausg. seiner 
Werke) ins gehörige Licht zu setzen. Geister von dieser Art 
begegnen einander nur in Gemeinschaft hoher Ideen ; jede andere 
Verbindung ist keine für sie, und kleine Hindernisse gemeiner 
Seelen bemerken sie nicht einmal im Hinblick auf ihr erhabenes 
Ziel. Menschenbeglückung ist die grofse Aufgabe, die der Mar- 
quis zu losen sucht, zuerst durch den Sohn, dann durch den Va- 
ter. Beide sind ihm nur Mittel zum Zweck , und er bedient sich 
ihrer, im edelsten Bewufstseyn, mit der ganzen Kraft geistiger 
Überlegenheit; ja zuletzt opfert er unbedenklich diesem Zwecke 
sich selbst. Kein Wunder, dafs ein so ausserordentlicher Cha- 
rakter das Verständnifs der Mehrzahl uberstieg , dafs man Wider- 
spruch auf Widerspruch zu finden glaubte, und den Dichter nÖ- 
thigte, die individuelle Einheit und den moralischen Zusammen- 
bang seiner Schöpfung zu zeigen. Siegreich bekämpfte er die 
Mifsdeutcr mit den Waffen der Geschichte und Philosophie, und 
Hr. B. hatte zur Orientirung seiner Leser fast nur nothig, sie in 
den Gesichtspunkt der Briefe über Don Karlos zu stellen , die an 
, , 

•) Wir meinen die gebildete Welt überhaupt, nicht allein Deotsch- 
land; denn überall ist Schillere Verdienet anerkannt. Der Vf. hält 
ihn, etwa mit Ausnahme de« Sophokles uod Shakspeare'e , für den 
gröfstea Dramatiker aller Zeiten. 



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206 Belletristik. 

Umsicht and Zartheit der Untersuchung mit der Charakteristik 
Hamlet's in Wilhelm Meisters Lehrjahren zu vergleichen sind. 

Nach diesen Bemerkungen bleibt ans nur das angenehme Ge- 
schäft, eine oder die andere Stelle des Werks herzusetzen, da- 
mit unser Publikum im Stande sey, selbst zu beurtheilen, wie 
gut der Obersetzer es versteht, Treue mit Elegaoz zu vereinigen. 
Die Wahl ist schwer and leicht, wo so viel Schönes sich, über« 
all anbietet. Die Scenen zwischen Karlos und Philipp , und zwi- 
schen Jenem ond Alba , im sten Akt ; desgleichen die höchst be- 
deutende zwischen Philipp und dem Marquis im 3ten, und man- 
che andere reizen uns; wir erinnern auch an jene zwischen Posa 
und der Königin zu Ende des 4ten Akts, von welcher der Verf. 
(Vorrede S. 3o) sagt, dafs sie vielleicht die schönste sey, die 
Schiller jemals geschrieben. Gegen die Mitte dieser Scene bricht 
im Kampf streitender Gefühle, and kaum vor Thränen sprechend, 
Posa in diese Worte aus , S. s35 : 

Oh teil 

The Printe that he bethink bim of the oath 
Which in enthuBiaam'e bright daye we took 
Upon the parted hott! teil Iii in, I have 
Kept mine — tili dcath have true to it remained ! 
Now 'tit for him hia own — 

Queen. 
Till death f 
Marquii. 

Let him 

Make — do you teil him — that saine vtaion true — . 

That daring viaion of a newborn atate — 

The godlike progeny of Friendthip. Let 

II im luy the firat hand to thia unwrought atone ! 

Whether he do accoraplUh or •uccumb — 

To him alike — let him applv hia hand ! 

When centuriea are ewallowed up in time, 

Will ProTidence a Monarch'« aon raiae uu 

Like him and place upon a throne like hia, 

And with the aame enthutiaam her 

New darling kindle ! Teil him that he ihoold 

Retard with reverence hia youthfnl dreame, 

When he becomea a man — and not to open 

The heart of the aoft flower of the Goda 

Unto the blaating ineect of a boaated 

And better reaaon — nor to be mialed, 

When by the wisdom of the dnat he heara 

Enthusiast» — the heavenly born — blaaphemed ! 

I have told it him before ! u. a. w. 

Es ist wahr , nicht Alles in dieser Übersetzung ist so abge- 
glättet , so gelungen. Der Leser stufst hie und da auf Harte des 
Ausdrucks oder des Verses , sehr selten sogar auf M ifs verstand« 
nifs. Wünschte man doch Selbst in dieser Stelle anstatt des ohne 
Ursache verkürzten Verses And with the same enthusiasm her 
den gewohnlichen der neuern Tragödie, und weiterhin anstatt der 
Worte Unto the blast iog insect of a boasted And better reason 
das, Schillers Worten »dem tö'dtenden Insekte gerühmter bes- 
serer Vernunft« genauer Entsprechende Unto the blaating insect 



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of a reason , Botsted ai better. Allein im Ganzen betrachtet 
mufs man der englischen Literatur zu dieser Erwerbung Glück 
wünschen. Die angedeuteten Mängel des ersten Wurfs wird bei 
neuen Auflagen, die nicht ausbleiben werden, die Feile des im- 
mer mehr gereiften Verfassers leicht hinwegschaflen. 

Hier auch der Anfang von Schillers Siegesfest, als Probe 
der Übersetzung seiner lyrischen Gedichte, einer Arbeit von noch ' 
grofserer Schwierigkeit , wozu wir dem Herrn Bruce die aut- 
dauerndste Lust und die ungestörteste Muse wünschen. 

The Festival of Victor*. 

Priam'a Citadel wu tanken , 
In. v in d «ist and aahea luv , 
And the Greeka with conqueat drunken, 
Richly laden with their urev, 
On their lofiy barka were Utting 
Along the Helleapontna' atrand , 
Homewnrd their glad coarae directing 
Unto Graecia'a beauteuua land. 

Strike, oh atrike the jojoaa atraia ! 

For to the paternal hearth 

Turned are onr harka at last, 

Aod our homea we aee again ! 

Dr. Bothe. 



8CHÜLSCHRIFTEN. 

■ 

Correspon den zblatt für Lehrer an den Gelehrten- und Realschulen ff ür- 
tembergs. Erstes, zweites , dritte» Heft Stuttgart, hei Beek $ 
Frankel. 1837. Zusammen 12 Bogen 8. 86 kr. (Monatlich erscheint 
wenigstens 1 Bogen , au 3 kr. berechnet) 

Im October i836 kündigten einige Schulmänner Wurtem- 
bergs, „zum Theil schon durch frühere Leistungen im Kreise 
der Schule als Schriftsteller bekannt, eine Zeitschrift unter dem 
obigen Titel an , welche enthalten sollte : » Erörterungen über die 
Grundsätze der Pädagogik und Didaktik und die Anwendung der 
letzteren auf die einzelnen Unterrichtsfaqher in philologischen und 
Realanstalten ; Beurtheilungen von Schriften , welche dahin ein- 
schlagen, besonders Schulbuchern; Probebearbeifungen von Auf- 
gaben und endlich Correspondenznacbrichten. « Das Blatt sollte 
zwar von Würtembergischen Schulmännern geschrieben werden, 
aber, ob dies gleich nicht in der Ankündigung ausgesprochen ist, 
dennoch wobl auch in einem weitern Kreise wirken, und darum 
durfte eine Anzeige desselben, die von den Herausgebern auch 
in diesen Blättern gewünscht wurde, zweckmäfsig erscheinen. 
Eine Anzeige aber , und keine Recension , will auch Ref. hier in 
der Kurze geben. Unsere Jahrbucher wollen neinlich nicht Re- 
censionen von Recensionen , geben : und Recensionen enthalten 
wenigstens zum Theil diese drei Hefte; über die Aufsätze aber 
kann Ref., selbst ein Schulmann Würtembergs, kein Urtheil aus- 
sprechen, indem sein Lob verdächtig, sein Tadel gehässig erschei- 
nen konnte; den Inhalt jedoch will er aogeben, uberzeugt, dafs 



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Schulschriften. 



die besprochenen Gegenstande anziehend genug erscheinen wer- 
den , um auch auswärtigen Schulmännern die Bekanntschaft mit 
dieser Zeitschrift wünschenswerth zu machen. 

Das erste Heft enthalt: 1. Pädagogik: Vorschlag zur Hebung 
eines Haupigebrechens bei der hohem Jugendbildung unsrer Zeit. 
[Es betrifft die sittlich-religiöse Bildung der Jugend.] II. i. Philo- 
logie: Die Hamilton sehe Methode in der Anwendung auf den Un- 
terricht in der griech. Sprache. 2. Geometrie: Geist tödt ende , 
geistbildende Methode bei dem Vortrag derselben. III. Recensio- 
nen 1) geographischer Werke über Würteraberg, 2) über Krebs*s 
Antibarbarus , Blume s lat. Schulgraramatik, dessen lat. Elemen- 
tarbuch u. Übungen im Übersetzen aus dem Deutschen ins Griech. 

IV. Miscelien. Ein Wort über Prüfungen durch Schulbehörden. 
Lesefrucht. Aphorismen. 

Das zweite Heft enthält: I. Rede von Prof. Klumpp über 
die gegenwärtige Entwicklungsstufe des Gelehrtcnschulwesena. 
II. Pädagogik. Über Bildung der Lehrer an Gelehrtenschulen u. 
an Realschulen ; Aphorismen über Erziehung ; Uber Leetüre für 
Knaben; Ob und in wiefern die Lorinser'sche Beschuldigung ge- 
gen die Schulen auch auf Würtembergische Lehranstalten Anwen- 
dung finde? III. Methodik. Die Hamilton'sche Methode; Soll man 
den Unterricht in der hebräischen Sprache aus den niedern Ge- 
lehrtenschulen rerbannen ? Über geograph. Unterricht und Land- 
karten. IV. Recensionen. Nagels Geometrie; Geometrie descrip- 
tive Dar Leroy, übers, von Raufmann; Hafslers Bemerkungen üb. 
den Unterricht in der franz. Sprache auf Realschulen u. Gymnasien; 
Krcbs's Antibarbarus; Keims Elementarbuch der griech. Sprache. 

V. Miscelien. 1. Über Detnosthenes pro Corona V. 12 sa. 2. An- 
frage und Antwort (die Zeit des Confirmandenunterricnts betr.). 

Das dritte Heft: I. Welches Ziel hat die materielle Rich- 
tung unserer Zeit? Eine Rede von Prof. Nagel. IL Methodik. 
Das Fach- und Hlassenlchrsy&tem , mit besonderer Rücksiebt auf 
Realschulen; Biblische Geschichte. Andenken an Hebel; Über lat. 
Compositionen , nebst einem Anhange über die Schrift : Hamilton 
und seine Gegner. III. Philologie. Eine Parallele aus der israe- 
litischen und aus der rom. Geschichte ; Psalmen metrisch bearbei- 
tet; Gnomen nach Salomo und Sirach; Eine Horasische Ode inj 
Griechische übersetzt; Plan und Probe einer 'O^vaatta pixpd. 
IV. Miscelien. Anfrage (Waiblinger oder Gibellinen? beantwortet). 
Lesefrüchte. (Burmann über die Folgen einer schlaffen Erzie- 
hung. Ein wahres Wort!> 

Am Schlüsse dieser Anzeige mochten wir wohl fragen, warum 
so Wenige der Mitarbeiter ihre Namen unter ihre Aufsätze setzen ? 
Wir können uns wohl Gründe dafür denken: aber die Gründe 
gegen die Anonymität scheinen uns doch überwiegend. Eine zweite 
wiebtigere Frage, die Ref. thun mochte, mufs er, wenn er nicht 
seiner obigen Erklärung untreu werden soll, unterdrücken. 

Ulm. G. II. Moser. 



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X°. 14. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Archiven ou Correspondanee inidite de la maiton d'Orange Nassau. Rccucil 
public avec autorisation de S. M. le roi par Mr G. Groen van Prin- 
eterer, Chevalier de Vordre du Hon belgique", eonseillcr d'Uat. Pre- 
miere Sirie. Tom. IV. Annte 1572-1574 Leyde , S. et J. Lucht- 
manne. 1837. 399 und 132 besonders paginirte Seiten gr. 8. 

Ref. bat die drei ersten Tbeile dieses für die Geschichte des 
sechzehnten Jahrhunderts sehr schatzbaren Werks mit dem ver- 
dienten Lobe angezeigt, und ist weit entfernt, es dem Verf. za 
verdenken , wenn er einige Punkte eines Vorwurfs , den Ref. mehr 
angedeutet als ausgeführt hatte, widerlegt oder von sich weiset. 
Ref. ist sehr froh, wenn er erfahrt, dafs er sich in Vermuthun- 
gen und Analogieen geirrt habe; auch giebt er nie seine Ver- 
mutungen für Thatsachen aus, wie er auch nicht abgeschmackt 
genug ist, um zu behaupten, wie der Verf. zu glauben scheint, 
dafs in Deutschland alle Frömmigkeit Heuchelei sey. Eine solche 
Behauptung würde nicht geeignet seyn , die Art Religion, zu der 
er sich bekennt, zu empfehlen. 

Ref. mufs sich , um nicht näher in die Geschichte der nieder- 
landischen Unruhen und des Kriegs mit den Spaniern eingehen 
zu müssen, als ihm in einer Anzeige der Fortsetzung des Drucks 
von Actenstücken passend scheint, dieses Mal begnügen, die Be- 
ziehung der hier gelieferten Briefe im Allgemeinen anzudeuten 
und hie und da eine Stelle besonders zu erwähnen. Er übergeht 
daher auch die historische Einleitung des Herausgebers, welche 
manchen Wink für den enthält, der sich mit der Specialgeschichte 
jener Zeiten beschäftigt. Herr G. V. P. geht nämlich auf neun 
und achtzig Seiten einzelne Staaten durch, und deutet die Stellen 
an , welche sich in diesen Briefen auf die Staaten oder auf an- 
gesehene Personen derselben beziehen. 

Gleich der erste Brief dieses Theils, vom October 157a, ist 
dadurch anziehend, dafs Wilhelm auch sogar in diesem Briefe an 
seinen Bruder Johann sich stellt, als wenn es gar nicht auffal- 
lend wäre, dafs er jetzt erst seine Eigenschaft als königlicher 
Statthalter von Holland und zwar gegen den königlichen General- 
stalthalter der Niederlande und noch dazu mit den Waffen gel- 
tend machen wolle. Dieser Brief ist ziemlich ausführlich, und 

XXXI. Jahrg. 8. lieft 14 



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Groen von Printterer i 



kann denen nützlich seyn, welche es für nöthig holten, Unter- 
nehmungen, wie die der Niederländer, durch Adrokatenkunst zu 
rechtfertigen oder auch anzugreifen. Das zweite Stück (Lettre 
LXXXIX) scheint uns, so ausfuhrlich es auch ist, sehr wenig 
brauchbar oder anziehend ; es ist ein langer Auszug (sommaire) 
aus- der langen und lahmen Verteidigung des Herrn von Merode 
wegen seines verunglückten Zugs nach Mecheln. Eine Anzahl 
der folgenden Briefe und Billete betreffen fast ausschließend die 
anglücklichen Kriegsunternehraungen der Verwandten und Be- 
kannten Wilhelms, oder auch die von den Spaniern unternom- 
mene Belagerung von Harlem. Es sind darunter freilich sehr 
unbedeutende Stücke, wie z. B. der lange Brief eines Abentheu. 
rers, aus Leipzig datirt, wie man es anfangen könne, um die 
spanische Peru-Flotte wegzunehmen. Die beiden Schreiben Wil- 
helms an seinen Bruder Ludwig aus Delft vom i5. April und 5. 
Mai i573 (lettre CDXI und CDXIII) geben kurze aber eben 
darum sehr bestimmte Nachrichten von dem Stande der Dinge 
um diese Zeit und enthalten die dringendsten Aufforderungen an 
Ludwig, wenn nicht Alles verloren gehen solle, der belagerten 
Stadt zu Hülfe zu eilen. Wilhelm sagt p. 88: Ludwig möge 
eilen , aus Deutschland heranzuziehen , afin que nous trouvions 
moyens de la desassieger ; espcrant que si cela se peut faire , le 
duc d'Albe n'aura moyens de nous faire grand mal , si ce n'est 
qu'il soit renforce* de soldats Italiens , lesquels on dit descendre 
avec grande puissance a quoi certes les princes d'Allemagoe de- 
vroient s'employer pour leur cmpecher le passage. Landgraf 
Wilhelm von Hessen läTst es um diese Zeit an kräftigen Vorstel- 
lungen bei Münster und Mainz nicht ermangeln , auch verwendet 
er sich sehr dringend beim Kaiser, bei August von Sachsen, bei 
Mainz und Köln für Friedensstiftung. Das war Alles gut gemeint, 
nach deutscher Art, aber Bef. kann sich nicht überzeugen, dafs 
die Geschichte durch die Masse von diplomatischen Schreibereien 
dieser Art, welche man jetzt aus den Archiven hervorzieht, je- 
mals viel gewinnen kann. Viele der folgenden Stücke sind eben- 
falls blos diplomatischer Art. Es sind Vorschläge, Instructionen 
u. dgl. wegen der Unterhandlungen mit Frankreich. Wir über- 
gehen die ganze Beihe von Briefen bis auf den 433sten, worin 
Wilhelm seinem Bruder von der bekanntlich am 12. Juli 
erfolgten Übergabe von Harlem kurze Nachricht giebt. Dieser 
Brief ist nicht diplomatisch , er ist aus dem Herzen geschrieben 
und zeigt den tonst immer nur h lugen und besonnenen Mann 




gitizetfby 



Correipondancc ine*ditc de la maiton d'Orange-Naatau. SU 

unternehmend und aufopfernd. Er schreibt S. 175: »Ich 
nehme Gott zum Zeugen, dafs* ich Alles gethan habe, was in 
meiner Macht stand , um die Stadt zu retten. Ich habe kein mög- 
liches Ding unversucht gelassen, von dem ich glaubte, dafs es 
zu dem guten Zwech dienlich seyn konnte, und selbst noch ganz 
neulich , als ich auf dringendes Verlangen der Stände dieses Lan- 
des und des Volks einen Versuch machen mufste , Lebensmittel 
in die Stadt zu bringen, ward dies Wagstuck, ob es gleich sehr 
unbedachtsam und ganz gegen meine Meinung unternommen war, 
doch so geschickt eingeleitet, dafs unsere Leute, als sie am qten 
dieses im Gehölz standen, die besten Aussichten auf einen glück- 
liehen Erfolg hatten (estoient en assez bon train d'effectuer leur 
entre prinse). Sie hätten in dem Augenblick, als sie an Ort und 
Stelle waren, durchdringen können, wenn die Harlemer unsern 
ihnen gegebenen Rath befolgt hätten und unmittelbar Zu ihnen 
gestofsen wären. Dies thaten sie nicht, es hatten daher die Feinde 
Zeit , Verstärkung an sich zu ziehen und den Unsern eine Nie- 
derlage beizubringen. Der gröfste Theil unserer Leute blieb auf 
dem Platze, Batenburg ward, todtlich verwundet, Feldstucke wur- 
den verloren, sowie das ganze übrige Gepäck. Dies Unglück traf 
nicht blos die Bürgerschaften , die den Zug mit Batenburg ge- 
macht hatten, sondern auch Alles, was in dem Lager geblieben 
war, welches wir zwischen den Städten aufgeschlagen hatten, 
wurde zerstreut, so dafs wir jetzt keine Armee mehr im Felde 
haben , obgleich wir anfangen , wieder Soldaten zu sammeln. Seit 
diesem Augenblicke fanden sich die Harlemer so sehr vom Hun- 
ger gedrangt , dafs sie sich durch eine schlechte Capitulation er- 
geben mufsten. Der Feind ist am Sonntage, den isten dies. Mo- 
nats , eingezogen und hat seit der Zelt (der Brief ist vom 25sten) 
nicht aufgebort, die grausigsten Executionen auf eine Weise, die 
selbst im Kriege und nach Kriegsrecht unerlaubt ist, an Bürgern 
und Soldaten vollziehen zu lassen ; er ist im Begriff jetzt Alkmar 
anzogreifen. Diese Stadt, so wichtig sie uns auch für das ganze 
übrige Waterland ist, kann den Angriff nicht aushalten.« Wei- 
ter unten giebt er noch einige andere verzweifelnde Nacht ichten , 
aber immer mit dem Muth und der Fassung einer grofsen Seele, 
die sich auch am Schlüsse zeigt, wo er vom Verzagen der 
Menge redet. Er sagt dort: Die Herzen der hier herum Woh- 
nenden verzagen immer mehr und der Muth verliert sich; viele 
sieben sich zurück, die Geldmittel sind erschöpft, so dafs uns 
kein Mittel irgend einer Art übrig bleibt, um auf die Dauer aus- 



DigitizGfjm&öogle 



il2 



Grocn tan Prinslerer : 



zuhalten. Im folgenden Briefe meldet er dann, dafs der Angriff 
auf Alkroar geseheitert sey und» dafs die Spanier im Lager bei 
Harlem den Dienst verweigerten , weil Ferdinand von Toledo die 
ganze Harlemer Beute für sich behalten habe und ihnen auch 
nicht einmal den schuldigen Sold bezahle. Die folgenden Briefe 
enthalten wieder allerlei unsichere Nachrichten , Vorschläge , Un- 
terhandlungen und Unternehmungen , Beschwerden. Unter die 
letztern reennen wir die egoistische Klage des Grafen von Nuenar, 
dafs man Städte seines Gebiets, besonders auch Crefeld, zum 
Sammelplatz der Landsknechte und der andern Leute mache, 
welche doch bestimmt waren, in den Niederlanden zur Bettung 
seiner besten, seiner bruderlichen Freunde, Wilhelms und seiner 
Bruder, gebraucht zu werden. Die beiden Briefe Wilhelms, 
CDXLV und CDXLV1 , sind dadurch anziehend , dafs sie unmit- 
telbar nach einander erhebende und niederschlagende Begeben« 
heiten auf gleiche W T eise ruhig und wahr berichten. Im ersten 
Schreiben wird erzählt, wie die Spanier am 8ten October zum 
zweiten Mal von Alkmar hätten abziehen müssen , und damit die 
Nachricht verbunden, dafs die ganze spanische Flotte vernichtet 
und der Admiral Bossu gefangen sey. In dem andern meldet 
Wilhelm , dafs auch Marnix von Set. Aldegonde nach erlittenem 
bedeutenden Verluste gefangen und die Einschlicfsung von Leyden 
vom Feinde begonnen sey. Übrigens sieht man aus diesen Brie- 
fen sehr deutlich, wie ähnlich dieser niederländische Krieg in 
dieser ersten Zeit dem bürgerlichen Kriege war, Wer jetzt in 
Spanien geführt wird, und wie sich Spanier und Niederländer ein- 
ander dadurch, dafs sie grobe Fehler machten, abwechselnd wie- 
der empor halfen. Die folgenden Briefe betreffen entweder die 
Expeditionen der Brüder Wilhelms , die von Deutschland aus 
unternommen werden und gegen Groningen oder Mastricht gerich- 
tet seyn sollten , oder auch allerlei kleine Entwürfe und Vorfälle, 
die in der Entfernung der Zeiten ihr Interesse um so mehr ver- 
loren haben, als nur hie und da ein einzelner, im Grunde keiner 
der Briefe ein eigentlicher Privatbrief ist. Es sind lauter offi- 
cielle Schreiben im offiziellen Style verfafst. 

Mit Brief CDLVI beginnt eine ganz neue Periode, wo die 
Briefe wieder wichtiger werden , weil darin von wichtigeren Din- 
gen die Rede ist. Dieses hat der Herausgeber recht gut bemerkt, 
und hat deshalb eine historische Erörterung eingeschoben , auf 
welche wir den Forscher der spanischen , französischen , nieder- 
ländischen Geschichten dieser Zeit aufmerksam machen wollen. 



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Correspondnncc indditc de la uiaiton d'Orangc-Nattau. Xl# 

Diese Erörteruogen stehen S. 257 — 278. Diese Noten erhalten 
dadurch besondere Bedeutung, dafs sie entweder die angeführten 
Originalstellen mittheilen, oder doch wenigstens Nachweisungen 
geben, wo diese entweder in Urkunden oder in vorher weniger 
sorgfaltig benutzten gleichzeitigen Geschichten zu finden sind. 
Alles dieses ist durch kurze Fingerzeige des Verfs. verbunden. 
Diesen sehr nutzlichen und der gedrängten Kürze wegen doppelt 
schätzbaren Noten hat der Verf. folgende Notiz vorangesetzt, die 
wir übersetzen wollen, weil man daraus am leichtesten lernt, was 
eigentlich den folgenden Briefen für die allgemeine Geschichte 
grüfsere Bedeutung giebt, als die in der ersten Hallte des Ban- 
des gehabt hatten. Er sagt S. 257 : 

Gegen diese Zeit ereigneten sich zwei Dinge, welche von 
der grofsten Bedeutung für die Niederlande waren , die Ankunft 
des neuen Statthalters Bequcscns und die Zusammen- 
kunft zu Blamont. Die erste deutete auf eine Veränderung 
des Systems der spanischen Regierung ; die zweite gab den Un- 
terhandlungen mit Frankreich eine grufsero Reife. £he w * r zu 
den besonderen Umstanden kommen, welche Graf Ludwig in dem 
folgenden Briefe erwähnt , müssen wir nothwendig im Vorbei- 
gehen anführen, was voranging und was mehr oder weniger diese 
Dinge vorbereitete, um bei dieser Gelegenheit die Aufmerksam- 
keit der Leser auf einige der zahlreichen Belehrungen zu rich- 
ten, welche sich aus den Stücken ziehen lassen, die wir am Ende 
dieses Bandes mittheilen. Da uns dieser Zweck nicht aufhalten 
darf, so gehen wir unmittelbar zu dem Briefe ( CDLVI ) über. 

Graf Ludwig schreibt an seinen Bruder Wilhelm (Dec. i5^S) 

Wenn Sie lange keine Briefe von mir empfangen haben, 

so kommt das daher , weil ich aus Frankreich Kundschaft erhal- 
ten hatte, dafs der neue Statthalter der Niederlande durchkommen 
würde, und dafs er eine ganze Bagage trügerischer Friedens- 
vorschlage mit sich bringe. Mir ward daher von dem Herrn 
Kurfürsten von der Pfalz und von anderen gerathen, ich mochte 
versuchen, ihn unterwegs zu erwischen. Ich hatte die zu diesem 
Zweck nothigeo Befehle gegeben und machte mich alsbald auf 
den Weg nach Heidelberg. In Heidelberg erfuhr ich aber, dafs 
der erwähnte Statthalter in grofser Eile durchgekommen sey und 
blos mit hundert Pferden eilig nach Thionville abgegangen , weil 
er von deutscher Seite her einigen Verdacht halte. Da auf diese 
Art aus dieser Unternehmung nichts geworden war, so bat mich 
der Kurfürst von der Pfalz dringend , mich an die Grenze von 



Groen van Prinaterer : 



Frankreich zu begeben , zu einer Zusammenkunft mit der Konigin 
von Frankreich , der Mutter des Königs , und mit dem Konige 
von Polen. Der Konig von Polen wollte sich gerade in sein Kö- 
nigreich begeben , wir haben ihn daher jetzt eben bis nach Hanau 
geleitet, von wo er heute abgereiset ist Der Kurfürst meinte, 
wir wurden wohl irgend eine Übereinkunft mit der Konigin Mut- 
ter treffen können. « 

Ludwig setzt hinzu, die Verbindlichkeit, die er dem Kur- 
fürsten hätte, habe ihm nicht erlaubt, den Vorschlag abzuleh- 
nen, was in Blamont ausgemacht worden, wolle er in wenig 
Worten berichten: Der König von Frankreich, sagt er, hat ver- 
sprochen, sich der Angelegenheiten der Niederlande anzunehmen , 
doch nur soweit und in sofern (aultant et aussy avant), als die 
protestantischen Fürsten auf irgend eine Weise öffentlich oder 
anders sich mit den Niederländern einlassen. Der Konig wird 
dabei das Geld, welches ihr scnon von ihm bezogen habt, nicht 
in Anschlag bringen. Dann fügt er noch hinzu, dafs er mit dem 
D. Ehern und Zuleger zum Landgrafen Wilhelm reisen wolle, wo 
er auch den Herzog Johann Casimir zu finden hoffe. Dieser 
ganze Brief ist nicht blos in Beziehung auf die Niederlande, son- 
dern auch ganz besonders in Beziehung auf die deutschen Ange- 
legenheiten und die Politik der Franzosen von grofser Bedeutung. 
Der Herzog von Alencon (der nachher als Herzog von Anjou an 
die Spitze der Niederländer kam) suchte schon damals den Gra- 
fen Ludwig zu gewinnen. 

Der folgende Brief ist von Welheim an seine Brüder und 
geht besonders die erste Belagerung von Leiden (Oot. i5?3 bis 
März i574) an. Wilhelm dringt sehr auf Entsatz oder Diversion 
von Deutschland aus; dies auch aus dem Grunde, weil es in Hol- 
land an Geld gänzlich mangele und ein Aufstand des Volks zu 
furchten sey. Die Briefe, welche hernach folgen, scheinen uns 
wieder nur von ganz speciellem Interesse, wir ubergehen sie da- 
her. Im Briefe CDLXVI giebt Ludwig Nachricht von seinen 
Zurüstungen zu dem unglücklichen Kriegszuge gegen die Spanier. 
Unter den folgenden Briefen sind einige deutsche von Wilhelm 
Zuleger, dem tüchtigen pfalzischen Diplomaten, worin unter an- 
dern von den Unterhandlungen des Kurfürsten mit den Franzosen 
(zu Gunsten seiner Religionsparthei) Nachricht gegeben wird. 
Einer dieser Briefe betrifft die Anwesenheit des Königs von Po- 
len (nachher Heinrichs III.) in Heidelberg. Bei dieser Gelegen- 
heit sagte bekanntlich der edle Pfalzgraf seine Meinung über die 



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Corretpondance inedite de la niaiton d 'Orange- NaMau. Slft 

Bartholomäusnacht recht derb. Aber freilich war an einen Men- 
schen, wie Heinrich IM. war, die Unterhaitang, die er von 7 
bis 10 Uhr mit dem biedern Pfalzgrafen ganz allein im Spiegel- 
saal des Heideiberger Schlosses hatte, durchaus verloren und ver- 
schwendet. Von den folgenden Briefen betreffen viele die be- 
kannte Kölnische Angelegenheit und die Unterhandlungen , welche 
Cassel, Pfalz, Nassau darüber mit den Franzosen führten, wobei 
man nicht ohne Lächeln bemerken wird, wie der gute Ehern, 
von Cassel beauftragt, immer gelegentlich einen Jahrgehalt, oder 
doch Geld, so wenig es auch sey, von den Franzosen für seinen 
gnädigen Herrn suchen roufs. 

Die Briefe und Billette CDLXXX1II u. f. betreffen jenen 
Zug Ludwigs, der auf der Mooker Heide so höchst unglücklich 
endigte. Bef. legt dabei auf die Billette, welche Wilhelm seinen 
Brüdern schreibt, eine grofse^Bedeutung, weil aus den Winken 
und Weisungen, die er ihnev giebt, deutlich hervorgeht, wie 
weit er ihnen in jeder Bucksicht uberlegen war. Im Briefe 
CDLXXXVI röth er ihnen , weil es ihnen unmöglich seyn werde, 
bis in die Provinz Holland zu dringen , lieber eine Demonstration 
über Emden zu machen. Der 8o,ste Brief, der nach der Nieder- 
lage auf der Mooker Heide geschrieben ist, bezeichnet eine be- 
wundernswürdige Bube, Klugheit und Festigkeit selbst in dem 
Augenblicke, wo Wilhelm zwar von der Niederlage seiner Brü- 
der und ihrer edlen Mitstreiter, des Herzogs Christoph von Wür- 
temberg und des wackern pfälzischen Prinzen, unterrichtet war, 
aber neun Boten vergeblich abgeschickt hatte, um vom Schick- 
sale seiner Brüder und der andern Anführer etwas zu erfahren. 
Es waren seit der Niederlage damals schon neun Tage verflos- 
sen. Wilhelm schreibt unter andern : 

Im Falle, dars iici~ vt> cL.:»> np i, ndcr mein Bruder, was Gott 

verhüte, geblieben sind, oder ihre Leute nicht mem 

bringen können, bleibt nichts anderes übrig, als dafs irgend einer 
meiner Brüder die Franzosen und die Wallonen nehme , mit ih- 
nen eine Anzahl Pikenträger und Beiter verbinde, geraden Wegs 
auf Emden ziehe , und zusehe, ob man nicht vielleicht Delfsil 
überrumpeln kann. Wenn das nicht ist , mofs er sich in Emden 
einschiffen und zu uns nach Holland kommen. Der letzte Brief 
dieses Bandes (CDXC1I) ist nicht eigentlich ein Brief, sonde» 
ein otficieller, sehr ausführlicher Aufsatz, den Wilhelm von Ora- 
nien blos unterschrieben und an seinen Bruder Johann gerichtet 
hat Es werden dort die Hülfsmittel von Holland im Jahre .573 



216 Kohlrausch; Deutsche Geschichte. 11. Ausg. 

(Anfang Mai) aufgezählt und die Art angegeben, wie durch Stif- 
tung einer Verbindung gegen Spanien den durch die Niederlage 
der deutschen Armee auf der Me-oher lieide sehr niedergeworfe- 
nen Insurgenten konnte und niüfste Hülfe geschafft werden. 

Da der Vf. über die auf den letzten i32 Seiten abgedruck- 
ten, als Anhang beigefügten fremden, die holländischen und 
französischen Angelegenheiten betreffenden Briefe , Actenstücke 
und Fragmente von Briefen in der Einleitung sehr gelehrte , sehr 
ausführliche, sehr gründliche »und nützliche Auskunft gegeben 
hat, so kann Ref. hier abbrechen. Seine Absicht bei dieser An- 
zeige war ganz allein , seine Pflicht gegen den Herausgeber der 
Briefe und gegen das Publikum dadurch zu erfüllen, dafs er die- 
jenigen Briefe andeutet, die ihm Stellen dargeboten haben, wel- 
che er zu seiner Belehrung benutzen konnte. 



Die deutsche Geschichte, für Schulen bearbeitet von F. Kohlrausch. In 
%wci Abtheilungen. Kilfte verbesserte und vermehrte Auflage. Leipzig 
1838. Robert Crayen. 693 & 8. 

Ref. zeigt dieses allgemein beliebte populäre Lehrbuch der 
deutschen Geschichte blos darum an, weil er dem Verfasser dem- 
selben schuldig ist , einzugestehen ,' dafs er bei einer frühern Er- 
wähnung dieses Buchs in einer Collectivanzeige , die dem Archiv - 
für Geschichte und Literatur einverleibt ward, nur die erste und 
zweite Auflage vor Augen hatte. Vom Verf. aufmerksam ge- 
macht hat er die spätem Auflagen verglichen und besonders diese 
eilfte sorgfältig durchgesehen; er glaubt jetzt dem Verf. schuldig 
zu seyn, ausdrücklich zu erklären, dafs er selten ein Schulbuch 
so sorgfältig, so passend und so würdig in den verschiedenen 
Ausgaben verbessert ppcoi»«- mrenn der Verf. übrigens dies 

r besonders in Beziehung auf Wallenstein gel- 

tend macht, so zweifelt Ref. sehr, ob er gerade dort hÄtte an- 
dern sollen oder dürfen. Ref. hat die von Förster bekannt ge- 
machten Actenstücke ganz genau geprüft und mit allem, was 
früher bekannt war, verglichen, er hat aber zu keinem andern 
Resultat kommen können, als dafs Wallenstein, um prahlen, berr- " 
sehen , tyrannisircn zu können , bereit war, Freund und Feind zu 
verrathen und deshalb bei Niemand Glauben fand. Den Tod hatte 
er, wenn man auch blos die Actenstücke, die Fürster gfebt, zu 
Rathe zieht, an Deutschland tausend Mal, am Kaiser seit der 
Schlacht bei Lützen, nach eben den Actemtücken , vielfach ver- 



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Kohl rausch: Deutsche Geschichte. 11. Ausg. 21? 

dient, man muPs es daher ganz allein der damals in Österreich 
herrschenden jesuitischen und italienischen Politik zuschreiben, 
wenn man den Kaiser dahin brachte , gleich dem türkischen Sul- 
tan einen Meuchelmord formlich zu befehlen , selbst alles dazu 
anzuordnen , Männer aus den ersten Familien seines Reichs dabei 
zu gebrauchen. Das Letztere ist eigentlich das einzige Neue von 
einiger Bedeutung, was aus den Forsterschen Actenstücken deut- 
lich hervorgeht. Auf Ferdinand fallt daraus Schatten , auf Wal- 
lenstein wahrlich kein Licht!!! 

In Beziehung auf das Vorstehende mufs Ref. hinzufugen, dafs 
dies nur als seine Meinung, als ein Urtheil, wie man es etwa in 
Vorlesungen im Vorbeigehen äussert , angesehen werden darf, 
nicht als ein begründetes Resultat , das irgend ein Gewicht ha- 
ben konnte. Sollte es das haben, so wurde er Forschung gegen 
Forschung stellen müssen. Da ihm die Sache wichtig genug war, 
hatte er vor vier Jahren die Prüfung wirklich angestellt und sei* 
nen Satz besonders aus dem dicken Bande der von Herrn For- 
ster bekannt gemachten neuen Actenstücke erwiesen ; er bedauert 
aber diesen Aufsatz verloren zu haben. Der Aufsatz betrug meh- 
rere Bogen : Ref. hielt ihn zuerst zurück , weil er keinen Beruf 
fühlte, die Menge, die immer aus Menschen gern Götzen macht, 
durch Kritik zu ärgern, oder eine herrschende Einbildung zu 
bestreiten; hernach hat er ihn einem Freunde gegeben, der ihn, 
wie es scheint, verlegt hat, weil er ihn nicht zurück erhält. 

Herr Kohlrausch verdient übrigens die höchste Achtung, weil 
ihn der ungemein grofse Beifall, den sein Buch gefunden hat, 
keineswegs berauscht, er fährt %ielmebr unermüdet fort, den Män- 
geln abzuhelfen, welche seiner als Schul- und Lesebuch unter 

der Jugend nnd anter dem Volk sehr verbreiteten deutschen Ge- 
schichte in den frühern Ausgaben anhieuic«. .... A ^ 
ser Ursache das Seinige zur weitern Verbesserung des Buchs bei- 
tragen zu müssen, und will deshalb einige Andeutungen, nicht 
sowohl vom historischen Standpunkte aus in Beziehung auf That- 
sacben und auf die Erzählung , als vom Didaktischen und in Be- 
ziehung auf die Beurtheilung der Thatsachen, als Winke mög- 
licher Verbesserungen roittheilen. 

Ref., der jetzt drei und vierzig Jahre die Jugend recht eif. 
Hg gelehrt hat, glaubt einiges Recht zu haben, mitzusprechen, 
wenn von der Gefahr die Rede ist, dafs man der Jugend durch 
Bücher und Vorträge etwas eintrichtere', was hernach im Leben 
nirgends Platz hat und nur Fanatiker für das Bestehende bildet» 



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218 Kohlraunch: Deutsche Geschichte. 11. Auag. 

• 

die trotz allem Geschrei doch, am Ende den Fanatikern des Um- 
Sturzens nicht werden gewachsen seyn. Man erzähle der Jugend; 
man erzähle dem Volk ; man deute ganz leise sein Urtheil an. 
Absprechen, entscheiden, allgemeine Urtheile fallen, ach das lernt 
man in unsern Tagen früh genug — sey es als Fanatiker der 
Freiheit oder der Servilität. Jeder Schuler ubersieht den Leb* 
rer; die Studenten wissen Alles besser wie der Professor. 

Beginnen wir einmal mit der Revolution. Darf, nicht ein- 
mal zu reden von der allgemeinen historischen Erfahrung vom 
Untergange der Reiche, oder der biblischen Lehre von der Ver- 
gänglichkeit alles Menschlichen und Irdischen, ein Protestant, 
ohne sich an seinen religiösen Überzeugungen, an Luther oder 
Calvin zu versündigen, dem Volke und den Hindern in den Schu- 
len zumuthen, zu glauben, wie hier S. 608 geschieht, »dafs es 
Sunde sey, den Verstand zu gebrauchen, und doppelte Sünde, 
einen scharfen Verstand zu gebrauchen. Dafs Friedrich II. und 
Joseph II. diese Sünde begangen hätten, und dafs daraus das Un- 
heil entstanden sey , dafs sich die Menschen allmählig gewohnt 
hätten, auch das Festeste für wandelbar, das. durch 
Alter und Gewohnheit Ehrwürdigste für vergänglich 
zu halten.« Es scheint uns, dafs auch der lojalste Schulmei- 
ster, wenn er diesen Satz ordentlich erklärt hat und dabei ehr- 
lich und treu und wahr bleiben will , in grofser Verlegenheit seyn 
mufs, wenn er seinen Jungens sagen soll, was aus Indien, Per- 
Sien, Ägypten, Griechenland, Rom u. s. w., deren Monumente 
der Ewigkeit trotzen, geworden sey, ja aus allen orientalischen 
Staaten, obgleich in Afrika und Asien bekanntlich der scharfe 
Verstand schon seit Jahrtausenden nichts Gutes oder Roses wirkte 
und nie etwas galt Der Vf. leitet aber hernach sehr verständig 
ein, und läfst zuglejch J«.ui negenten und der be- 

Ordnung ihr Recht widerfahren. Er hätte nur den 

angeführten Satz nebst ein paar andern ausstreichen dürfen , so 
wäre auf jenen beiden Blattseiten Alles in der Ordnung und der 
Verlegenheit der Schulmeister abgeholfen. Zu den Sätzen, die 
Ref. gestrichen wünschte, weil sie eine halbe Wahrheit aber zu- 
gleich eine ganz und durchaus falsche historische Ansicht ent- 
halten, also leicht die Einen heftig erbittern, die Andern zu ganz 
abgeschmackten Erläuterungen und Erweiterungen Anlafs geben, 
gehört auch der folgende S. 611 , Wir Deutsche wären dadurch 
▼or den Übeln der Revolution bewahrt worden , weil unsere Für- 
sten zu besonnen , die deutschen Volker zu treu und gut gewe- 



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Kohtransch: Deutsche Geschichte. 11. An»g 



in 



sen , als dafs die Leidenschaft jede andere Stimme hatte über, 
schreien können. Dennoch, fahrt der Verf. fort, haben wir und 
die übrigen Volker der Theilnahme an den Leiden dieaer stürmi- 
schen Zeit nicht entgehen können, durch plötzliche und langsam 
zehrende Angst, durch tausende der theuersten Leichen hat Eu- 
ropa die Irrthumer des vergangenen Jahrhunderts mit 
gebüßt. Dafür hatte Europa sich insgesammt von Frankreicht 
Beispiele leiten lassen, und Frankreich, weil es den Zug mit 
Selbstgefälligkeit und Übermut h gefuhrt, mufste auch zuerst und 
am bittersten die Züchtigung erfahren. So etwas soll ein Schüler 
und das Volk nie sagen lernen. 

Wir dächten, ein so wohlwollender und erfahrner Mann, wie 
Herr Hohlrauscb, müfste wohl einsehen, dafs er hier Allem, was 
unsere Väter grofs und glänzend genannt- haben, den Stab bricht 
Ist er nicht auch ein Bind der Zeit und seine Lehre wie er? 
Wenn wir der Sophistik der Fanatiker rechts und links eine 
christliche Schranke setzen wollen, müssen wir uns schlech- 
terdings auf Specialitäten und .auf das Gegebene beschränken. 
Wir müssen die Jugend und ihre jüngeren Lehrer vor allem all- 
gemeinen Absprechen in historischen Dingen warnen. Wenn wir 
L.cute, die sich, weil sie mit dem Einzelnen und mit der Welt 
unbekannt und zu bequem sind, um vom Besondern zum Allge- 
meinen aufzusteigen, im Interesse des Bestehenden, so gut es uns 
auch gefallen mag, lehren, im absprechenden und orakelnden Ton 
schneidend zu entscheiden, müssen wir nicht erwarten, dafs die 
Bentbamiten, die Schüler eines Rousseau und La Mennais auf 
demselben Wege, der uns zur Erhaltung des Bestehenden zu 
führen scheint , zur Auflösung desselben leiten? Allgemeinheit 
um Allgemeinheit wird jeder diejenige wählen, die seiner Natur, 
seinen Verhältnissen, seinen Vorurtheilen , seinen Leidenschaften 
am angemessensten ist, er wird eine weite Kluft zwischen sich 
und den Andersdenkenden und Verketzerten offnen, und der Leh- 
rer der Geschichte wird auf diese Art die Feindschaft der Par- 
theien unversöhnlich machen. Bleibt man beim Besonderen ste- 
hen, so bildet das Publikum selbst die Jury. Über einen be- 
stimmten Fall wird nur der vorsätzliche Sophist sich Täu- 
schungen vorgaukeln ; das unmittelbare Rechtsgefühl geht im Volke 
niemals aus, wohl bei Gelehrten. Wir wollen noch einiges Andere 
herausbeben, was gewifs dem Auge des milden und billigen Vfs. , 
der sonst Alles ausgestrichen hat, was die Jugend zu übereilten 
Urthcilen verleiten könnte , nur zufällig entgangen ist. 



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218 Kohlrausch : Deutsche Geschichte. 11. Ausg. 

Er lehrt die Jugend , unstreitig ohne zu denken , wohin wir 
gelangen wurden, wenn wir mit Baronius und Andern den Cau- 
salzusammenhang der Dinge ganz willkübrlich festsetzen wollten, 
S. 6i3 : Die Franzosen hätten den unschuldigen und frommen 
König auf das Blutgerüst gebracht, und verknüpft dann diesen 
Satz auf folgende Weise mifdem Kriege in der Vendöe : Zur 
unmittelbaren Strafe (die aber leider gerade diejenigen traf, 
die der Königsraord am tiefsten betrübte) erhob sich gleich dar- 
auf ein blutiger Krieg in der Vendcc u. s. w. Das Übrige ist 
frei von diesen hieinen Flecken, nur scheint uns die folgende 
Geschichte der französischen Revolution der deutschen Geschichte 
nicht anzugehören. Wir wurden blos den Krieg, der in Deutsch- 
land geführt wurde, berührt haben, und lieber mit der Jugend 
oder mit dem Volke von der Revolution gar nicht reden, als so 
im Vorbeigehen. Vortrefflich und als Grundlegung grundlicher 
Schulbelehrung unvergleichlich ist dagegen der folgende allgemeine 
Satz, der, wenn ihn der Lehrer deutlich zu machen versteht, 
gewifs den jungen Gemüthern eine richtige und auch billige Be- 
urteilung ihres Vaterlands und ihrer Landsleute einprägen und 
Sie vor Übertreibung bewahren wird. Der Verf. sagt S. 6a3 vom 
Frieden zu Rastadt: 

» Aber, wie konnte solcher Friede anders als sehr schmachvoll 
ausfallen ? Wie früher von Preufsen , so war das Reich nun 
auch Ton seinem Kaiser verlassen ; Österreich hatte in einem ge* 
heimen Artikel schon in die Abtretung des linken Rheinufers ge- 
willigt , und wer sollte das Reich vertreten , wenn die Machtig- 
sten sich ihm entzogen? Doch kein Einzelner ist anzuklagen, 
weil Alle gefehlt haben; viele einzelne Reichsglieder hatten sich 
auch von der Theilnahme des Ganzen getrennt, so wie die Ge- 
fahr ihnen nahe kam; von Osterreich durfte nicht gefodert wer- 
den, dafs es sich allein aufopferte - — Der Blick eilt gern über 
das Ende des achtzehnten und den Anfang des neunzehnten Jahr- 
hunderts hinweg, wo das Vaterland in seiner tiefsten Erniedrigung 
dalag; doch dürfen diese Zeiten nicht mit Stillschweigen über- 
gangen werden, damit die Gemüther mit Entsetzen gewahr wer- 
den, wohin Uneinigkeit, Trennung, Selbstsucht der Einzelnen, 
Mangel des vaterländischen Gemeingcfuhls die deutschen Volker 
führen konnten. « 

In der Geschichte der ersten Kriege Bonaparte s, seines Zugs 
nach Ägypten u. s. w. hätte der Verf. noch hie und da einen 
Satz streichen können, den er gewifs jetzt selbst nicht mehr für 



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Kohlrausch; Deutiche Geschichte. 11. Ausg. 219 

passend hält. Unter diese Sätze rechnen wir auch die viertausend 
Jahre, die von der Spitze der Pyramiden auf den Kampf der 
Franzosen und Mamlucken heruntersehen. Wie konnte ein so 
deutscher und deutsch gebildeter Mann, wie der Vf., sich 
durch franzosisches Phrasengcklingel so weit irreleiten lassen, 
dafs er für unsere derben Knaben , und noch dazu für seine tüch- 
tigen Westphalen, in einer deutschen Geschichte S. 6a5 einen 
Satz folgendertnafsen bildete ? » Hier, am Fufse der grofsen Py- 
ramiden", fand Bonaparte a3 Fleys gegen sich in Schlachtordnung, 
»Bedenkt, sagte er zu seinen Kriegern, dafs von diesen Denk- 
mälern 4ooo Jahre auf euch herabblicken. « Nach diesen Wor- 
ten schlugen sie u. s. w. Diese Verbindung des Siegs mit der 
Phrase hegreift der Franzose, der Deutsche aber nicht. Das 
ist gewifs nur aus Verseben stehen geblieben. 

'Sehr klar und eben so kurz als bestimmt ist, was S. 63o — 
63a von den Resultaten des Rastadter Friedens angegeben ist; 
gerade genug und in keinem Stucke zu viel. Was hernach über 
Bonaparte als Kaiser gesagt wird , hat Ref. ganzen Beifall , nur 
hätte er gewünscht, dafs der ganze Absatz voller Tiraden, der 
S. 636 die halbe Seite füllt, weggefallen wäre, denn dergleichen 
i wirkt nur auf leere Gemuther, denen diese Wirkung sehr schäd- 
lich ist. Auch ist die Vergleicbung mit Karl dem Grofsen, in 
dessen Leben sich (was Refn. zu hoch ist) der unendliche 
Himmel mit seinen Welten gespiegelt haben soll, schon 
aus dem Grunde unbillig, weil die Entfernung der Zeiten und 
der werdenden Dinge Gährung Carls des Grofsen Geschiebte zur 
Poesie gemacht hat; dagegen Bonaparte's Thaten, allen Herren 
Quinets zum Trotz, noch wenigstens fünfhundert Jahre lang Ei- 
genthum der Prosa bleiben. 

Die Erzählung von Mack's Feldzug im Jahr i8o5 und der 
Capsulatum von Ulm scheint Refn. etwas zu dürr und zu wenig 
% belehrend ; er glaubt , man hätte bei der Gelegenheit die Jugend 
kräftiger anregen können und sollen. Dagegen bat der Verf. 
Haugwitz Mission und den von ihm geschlossenen Tractat vor- 
trefflich , nämlich zugleich gerecht und gemäfsigt, beurt heilt, so 
wie er überhaupt die letzten Bogen des Buchs mit grofser Sorg- 
falt von Allem gereinigt hat , was früher die Jugend des Verfs. 
und die neue Begeisterung des Kampfes für deutsche Nationalität 
gegen die ernste Geschichte gesündigt hatten. 

Auch in der letzten Abtheilung wünschte übrigens Ref., in 
Beziehung auf den Hauptzweck dieses so ungemein verbreite- 



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220 



Kohlrauich: Deutsche Geschichte. 11. Ausg. 



ten und in ganzen Gegenden als Schulbuch eingeführten Buchs, 
weniger von der allgemeinen Geschichte und mehr von der deut- 
schen Spezialgeschichte, weniger allgemeine Bemerkungen, mehr 
Thatsachen aufgenommen zu sehen. 

Ware es nicht viel besser, z. B. ohne Lob oder Tadel blos 
zeitungsmä'fsig zu berichten, wie es unter König Friedrich in 
Würtemberg ging, und wie es jetzt geht; was in Baiern K5nig 
Max Joseph und sein aufgeklärter Minister versuchten und was 
jetzt geschieht; was Grofsherzog Ludwig von Baden trieb und 
was jetzt getrieben wird; wie Wilhelm IX. nach seiner Wieder- 
einsetzung wirthschaftete und was jetzt in Hessen geschieht; was 
Wilhelm IV. in Hannover begann und was König Ernst versucht; 
wie Coburg münzt und was in Nassau wegen der Domänen ge- 
schehen ist; als dafs Lehren, wie sie S. 672 den Schulern gege- 
' ben werden, an ein Volk gerichtet sind, dem der wohlmeinende 
Verf. selbst zutraut, dafs es Überflufs an Geduld und Derouth 
und Frömmigkeit und stete Rücksicht auf Haus und Hof und 
Kind und Brod und Titel habe. 

Herr Kohlrausch giebt nämlich dort zuerst manchen andern 
guten Rath , der sehr verständig und nützlich seyn mag , aber 
doch nicht historische Belehrung heifsen bann, endlich als Ein- 
leitung zu der trocknen Notiz , dafs in dem einen Jahr ein Wil- 
helm statt eines Friedrich, im andern ein Ludwig statt eines Ma- 
ximilian, ein Friedrich statt eines Anton u. s. w. Regent gewor- 
den, folgt der sonderbare Satz: Es ist oft als ein Grundzug 
des deutschen Charakters bemerkt worden, dafs er in 
allem Übel doch das Gute herauszufinden bemüht sey. 
Im Grunde ist dies doch vom Italiener, Spanier und Bussen, die 
auch nicht einmal etwas anders wünschen als sie haben, oder 
vom Lappländer und Esquimaux, noch viel mehr wahr als vom 
Deutschen. 

Was soll aber die Jugend , die ja hernach von einem Heine 
und Börne und einer grofsen Anzahl unserer witzigsten Kopfe 
ganz anders belehrt wird, von der Manier sagen, wie hier eine 
ihr einzuimpfende religiöse Stimmung gebraucht wird , um ihr 
Geduld alter Weiber und Hoffnung der Thoren statt des Eiferns 
für Wahrheit und Recht zu empfehlen ? Dergleichen nützt nur 
solange die Macht bei denen ist, deren Unrecht der Verf. gleich- 
wohl, was ihm Ehre macht, durch Achselzucken zu verstehen 
giebt; diese brauchen und wollen aber gewifs nicht Hohn und 
Sophistik neben der Gewalt anwenden ? Sobald die Gewalt ein- 



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Fortmann ! Geschichte de« dcuUchcn Volks. 



221 



mal fehlt, wird aber eben durch früheren Mifsbraucb des Tru- 
stens und Einschläfern* jeder Gemäfsigtc verdächtig, jeder reli- 
giöse Rath vergeblich. Der Verf. fugt nämlich dem oben unter- 
strichenen Gemeinplatze den folgenden Satz bei : Halten wir denn 
auch an dieser Eigenschaft (nämlich, dafs wir uns Alles gefallen 
lassen), so viel davon bei ans noch übrig geblieben, mit aller 
Kraft fest. Sie spricht die religiöse Stimmung des Gemüths aus, 
welche u. s. w. 

Ref. will hier abbrechen undgzum Schlosse nur noch einmal 
erinnern, dafs er bei einem Buche, das sein grofses und bestimm, 
tes Publikum hat und dessen Ton und Manier unstreitig dem Be- 
durfnisse und Wunsche der gemäfsigten, der bestehenden Ord- 
nung gunstigen Deutschen angemessen ist, dem Verf. seine Auf. 
merksamkeit nicht besser glaubte beweisen zu können , als wenn 
er ihm Zweifel über einige wenige Punkte andeutete. 

Bef. verbindet mit der Anzeige dieses sehr bekannten und 
Ter breiteten Elementarlehrbachs der Geschichte noch die eines 
andern, weniger bekannten, dessen Zweck er mit den Worten 
der Vorrede bezeichnen und dann nur wenige Bemerkungen über 
die Ausführung hinzusetzen will. 

Geschickte des deutschen f'olks, mit be»onderer Rücksicht auf die kirch- 
lichen Knt Wickelungen. Für Schulen von Dr. Heinrich Fort mann. 
Oldenburg , Schul ze'sc he Buchhandlung. 1837. 534 & 8. 

Der Verf. berichtet uns in der Vorrede, dafs er eine Ge- 
schichte des deutschen Reichs seit dem Ende des i5ten Jahrhun- 
derts mit besonderer Rucksicht auf die kirchlichen Entwickelun- 
gen (dieser Lieblingsausdruck des Verls., der hernach unendlich 
oft wiederkehrt, ist sehr incorrect ; wir finden sogar hier theo- 
logischen sowohl als kirchlichen Entwichelangen ge- 
druckt, glauben aber, dafs es wohl politischen sowohl als u. 
s. w. heifsen soll) auszuarbeiten angefangen t hernach aber rath- 
samer gefunden , es zuerst mit diesem Buche zu probiren. Seinen 
Zweck dabei spricht er hernach in einer Periode aus , die er ohne 
viele Muhe hätte kurzer machen können. Wir wollen des Verfs. 
Periode geben, wie wir sie finden, gesteben indessen, dafs ihr 
Bau nicht gerade geeignet ist, ein Lesebuch zu empfehlen, oder 
Herrn Fortmanns Talent zur räaonnirenden Behandlung der Ge- 
schichte zu beurkunden. Er sagt: 

»Insbesondere darf ich bei dem Plane des vorliegenden Bachs 
nicht unberührt lassen, dafs ich hauptsächlich katholische Schu- 



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222 



Fortmana : Geschichte de« deuttchen|Volk« 



len dabei im Auge gehabt habe; nicht als wenn ea an sich eine 
katholische und protestantische Geschiebte gäbe, sondern weil es 
wohl kaum der Erwähnung bedarf, dafs die meisten Schulschrif- 
ten dieser Art von Protestanten sind und diese bisher das katho- 
lische Interesse zu wenig geschont , ja meistens mit bitteren Aus- 
fallen ihre historische Ansicht geltend gemacht haben. Und mufs 
hier des auch sonst in Tieler Hinsicht vortrefflichen Lehrbuches 
von Kohlrausch als einer seltenen Ausnahme gedacht werden, so 
darf dagegen nicht unerwähnt bleiben , dafs ich , einer solchen , 
bei so heterogenen Überzeugungen ohnehin kaum ausfuhrbaren, 
Neutralität gegenüber, bei der Ausarbeitung des vorliegenden 
Buchs mich yon der, wenn auch unduldsam klingenden Ansicht 
(welcher Ausdruck — eine klingende Ansicht!) nicht habe 
losmachen können, dafs es im Gegentheile gemäfs der nun einmal 
verwirklichten Opposition der kirchlichen Standpunkte geradezu 
nothig und nutzlich sey , von den bestehenden DifTerenzpunkten 
jedesmal so viel aufzunehmen, als die Jugend zur Belehrung und 
Warnung für ihren Glauben bedarf.« 

Bef. lobt den Glauben des Verfs., weil er nützlich und im 
Ganzen nicht unverständig ist, ihn auch keineswegs unduldsam 
macht; aber den Styl dieser Vorrede und die historische Manier, . „ 
zu der sich der Vrf. bekennt , kann er unmöglich loben. Da ist 
von einer Geschichte die Bede, die ein Besultat voraussetzt, 
welche die Thatsachen nach einer gegebenen Begel beurtheilt, 
und einen frommen und lojalen Zweck erreichen mufs , es gehe 
wie es wolle. Eine solche Methode bildet heute Fanatiker und 
Finsterlinge, morgen aber Schuler Marats und kühne Cordeliers. 
Extreme rufen, wie wir rund um uns wahrnehmen, nur Extreme 
hervor. Übrigens ist der Styl des Buchs erträglicher als der der 
Vorrede, und abgesehen von der kecken Anmafsung des steten 
Beurtheilens und Charakterisirens ist es nicht gerade fanatisch 
oder durchaus einseitig geschrieben, wie man nach der angeführ- 
ten Stelle der Vorrede erwarten sollte. 

(Der Reschlufa folgt.) 



i 



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N°. io. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Fortmann: Geschichte des deutschen Votks. 

( Beschl ufs.) 

Den erwachsenen Glaubensgenossen des Verfs. würde Ref. 
das Buch ohne Bedenken empfehlen , dagegen halt er es für Kin- 
dar und Schulmeister für sehr gefährlich, weil sie nur ein ein- 
gebildetes Wissen and vornehme Anmafsung, über alles abza- 
urtheilen , daraus lernen können , statt dafs sie nur den Haupt* 
faden der Begebenheiten und hie und da interessante Geschichten 
lernen sollten. Ob nicht Herr Kohlrausch , als erfahrner Schul- 
mann und Vorsteher von Schulen, den Vf. in die falsche Manier 
geleitet hat, will Bef. nicht entscheiden, er will dagegen, um 
dem Verf. nicht Unrecht zu thun, statt von seinem Standpunkte 
aus ein Unheil zu sprechen, welches nothwendig dem Verf. und 
seinen Glaubensgenossen ein eilig erscheinen mufste, einige Stel- 
len wörtlich anfuhren, und diese auf eine solche Weise wählen, 
dafs man Manier, Ansicht und Styl des Buchs daraus kennen ler- 
nen kann. Er wählt zuerst eine Stelle, wo von dem sogenannten 
römischen Haren-Regiment, oder von den Zeiten der Theodora 
und Maroziadie Bede ist. Es heifst davon S. 161 : Da mufste 
denn die päbstliche Würde mit darunter leiden und der Kirche 
Warden Hirten aufgedrängt, oder drangen sich selbst auf, welche, 
weil sie an sich schon zu den Schändlichen gehörend, in ihrer 
erbeuteten Stellung das heilige Amt jämmerlich mifsbrauchten, 
dessen hohe Würde schändeten und sich ebensosehr. Aber solche 
Zeiten waren Zulassungen des Herrn, über deren Zweck 
und Bedeutung wir nicht nachzugrübeln haben. Der 
fromme Christ kann sich der Überzeugung nicht entschlagen, dafs 
sie am Ende für ein gröfseres Gut haben dienen sollen und wirk- 
lich gedient haben. Und es ist doch auch an sich gewifs genag, 
dafs die personliche Schlechtigkeit des Pabstes, den die unwi- 
derstehlichen Zeitumstände für den Augenblick zu dulden ge- 
bieten, die Bedeutung des Oberhirtenamts selbst nicht verküm- 
mert also die Kirche Gottes nicht zerstört, noch auch die Wahr- 
heit je zu Schanden wurde, dafs ihr Grund ein Fels sey. 

S. 347 heifst es bei Gelegenheit des Beligionsfriedens von 
i535: »Das war der sogenannte geistliche Vorbehalt, wonach nara- 

XXXI. Jahrg. 8. Heft. 15 



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226 Fortmann i Geschieht« det deut sehen Volke. 

lieh die geistlichen Würdenträger beim Übertritte sofort ihres 
Amts und des kirchlichen Besitzthums sollten entsetzt seyn. Die-' 
ser Punkt hatte lange Schwierigkeit gemacht, Ferdinand aber 
durchaus darauf bestanden, bis die Protestanten demselben, aber 
unter zweideutiger Ausdrucksweise, beistimmten. Er wird später 
noch wiederholt zur Sprache kommen. So war also endlich ein 
dauerndes Beligionsrecht errungen; aber die gegenseitige Gewähr- 
leistung war keine Duldung, keine Anerkennung redlicher Über- 
zeugungen, wie heutzutage jeder Bettler sie anspricht, sondern 
es war blos eine Freiheit und Berechtigung der grofsen Herren, 
der Städte und unmittelbaren Reichsritterscbaft; die niedern Klas- 
sen , die grofse Masse der Unterthanen , hatten nicht über sich 
zu bestimmen , sondern inufsten sich dem Glaubenseifer ihres 
Fürsten oder Herrn willenlos fugen, es sey denn, dafs sie von 
dem traurigen Rechte der Auswanderung Gebrauch machen woll- 
ten. Indefs wurde das Errungene doch für grofsen Gewinn er- 
achtet und war es unter den Umständen allerdings auch. Moritz, 
der nicht mehr war, galt den Protestanten als Befreier des Va- 
terlandes, c 

Kaiser Karl V. wird S. 349 mit folgenden Worten geschildert: 
v Karls Thatigkeit hatte zu solchen Entwickelungen , wenn auch 
ohne seinen Willen, ein bedeutendes Gewicht in die W 7 agschale 
gelegt. Seine Stellung und seine personliche Bedeutung machten 
Solches unvermeidlich. Er besafs im Ganzen die Liebe der Sei- 
nigen nicht , wohl aber Achtung und Vertrauen , wie diese auch 
ohne jene durch Verstandesklugheit, verbunden mit Gerechtig- 
keitsliebe und steter Anstrengung für das erkannte und vermeint- 
liche Wohl der Nation möglich waren. Karl war ausserdem auf- 
richtig, abe> verschlossen; ernst bedachtsam , doch fest im Ent- 
schlüsse. Überschritt er gleichwohl manchmal das Maas in seinen 
Wünschen, dafs Ehrgeiz und selbstsüchtige Berechnungen seine 
Güte verkümmerten, so vermochte er es abenso oft über sich, 
die Regungen der empörten Gefühle zu ersticken und mit ruhi- 
ger Besonnenheit dem öffentlichen Wohl nicht spärliche Opfer 
zu bringen , was freilich nichts mehr als Pflicht , aber in damali- 
gen Zeiten jedoch bei den meisten Herrsebern in der Regel weit 
weniger anzutreffen war. Und bestimmte ihn oft ausschließlich 
die Schwierigkeit des Augenblicks zur Milde, so war es sein Ver- 
dienst , dafs er die Umstände durchschaute und gröTseren Jammer 
vermied. So ist Karl , wenngleich nicht ohne Makel und Tadel , 
doch jedenfalls ein grofscr Mann für alle Zeiten gewesen.« 



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Fo rt mann : Ge.chichtc des deutschen Volks. 227 

Wie verkehrt die Methode ist, nach welcher man auf diese 
Weise, sey es nun im liberalen oder illiberalen Sinn, immer auf 
Stelzen voranschreitet, und ohne es zu ahnden oder zu wollen, 
durch die Geschichte anmafsende Menschen bildet , bedarf keiner N 
Beweise; man wird finden, dafs immer die Unwissendsten und 
Trägsten dergleichen Allgemeinheiten am mehrsten suchen. Wer 
auf diese Weise rhetorischen Geschichtsunterricht erhalten hat, 
ilt für jede weitere Belehrung ganz unzugänglich ; er ist mit je- 
dem Einzelnen durch eine allgemeine Schilderung fertig. Auf 
diese Weise bekämpfen sich alsdann die aufgeblasenen , jedes po- 
sitiven Grundes der bestimmten Tbatsacben ermangelnden, durch 
auswendig gelernte Redensarten irgend eines Philosophen oder 
eines Systems gebildeten Streiter der beiden Extreme, wissen 
aber dabei recht gut, dafs ihre Theorien nur dort gelten, wo 
ihre Faust gilt, oder wohin ihr Bajonet reicht. Ref. will indes- 
sen nicht läugnen, dafs entscheidendes Absprechen und sophisti- 
sches Pbrasendrechseln in der Geschichte in doctrinaren Zeiten 
und unter doctrinaren Regierungen, wo man die eiserne Hand 
gern in einem sammtnen Handschuh verbirgt, sehr nutzlich seyn 
mögen. 

Mit der angeführten , auf kirchliche Zwecke berechneten ka- 
tholischen deutseben Geschichte läTst sich am passendsten eine 
auf Erbauung berechnete protestantische Kirchengeschichte ver- 
binden , welche den frommen Zweck hat, das, was in den glän- 
zenden Salons eine schon herrschende Lehre ist, auch unter die 
Leute zu bringen, die für ein gutes Buch nicht gern mehr als 
7% Silbergroschen auf einmal ausgeben. Ref. findet es ganz pas- 
send, dafs die Gesellschaft unserer Salons, die zu seinem Erstau- 
nen zu den Kleidern, dem Hausrath, zu den Schnörkeln, und 
sogar zu den ganz geschmacklosen Bauzierrathen der Zeiten Lud- 
wigs XIV. und XV. zurückkehrt, auch die Lehre und den Glau? 
ben zurückrufe, die zu diesem Geist und Geschmack passen; 
leider ist das Alles aber lauter Gaukelspiel, weil es unmöglich 
ist, dafs diese jemals unter das Volk kommen. Das lassen sich 
freilich die Herren, die Alles machen und schallen wollen, 
nicht sagen, es wird aber eine Zeit kommen, wo sie es fühlen 
müssen. 

Da das Buch, welches Refn. zu diesen Betrachtungen Ver- 
anlassung giebt , aus Neanders Heften gezogen ist, so könnte man 
glauben, es wäre von diesem die Rede; dagegen mufs Ref. pro- 
testiren. Neander richtet sich nur an Leute, die eignes Unheil 



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Jndä: Geechkhte der chrittl. Kirche. 



haben, oder doch haben sollen; er ist treu und wahr und hat 
wirklich, nicht blos vorgeblich, den festen, eisernen Glauben 
eines d'Arnauld und Pascal, mit denen ihn Ref., um ihn zu eh« 
ren , immer vergleicht; aber wie steht es mit denen, die aus sei« 
nen Brosamen neue Gerichte machen ? 

Ref. schickt diese Bemerkung dem Berliner Buche voraus , 
weil die Mode tyrannisch herrscht , und da sie lästige und lächer- 
liche Kleider und Zierrathen der Zeiten der Reifrocke und Pe- 
rücken zurückfordert, und alle Erscheinungen, die uns umgeben, 
alle Nachrichten, die uns zukommen, uns in die Mitte des acht- 
zehnten Jahrhunderts zurückversetzen , eine mönchische , ein- 
schläfernde, überzarte Betrachtung der Religionsgeschichte und 
ihrer Helden dem Volke nicht heilsam seyn kann. Wie reimt 
sich überdera dieses laute Gewimmer von Heiligen und Kirchen- ' 
» vätern und Dogmen, von Glockentonen und Kirchengebeten und 
Kerzen und Liturgien, zu dem in unsern Tagen so lauten Ge- 
schrei der Zeit von Wucher und Geld, von Speculation und Er- 
werb, dem die neuen Heiligen selbst nie fremd sind? 

Der Titel des Büchleins , das uns ganz gelegentlich auf die 
ungeheure Menge der neuesten Andachtsbücher gebracht hat, 
lautet : 

■ 

Getehiehte der christlichen Kirche von C Judd, ordentl. Lehrer an der 
König$tädt>$chen Stadtschule in. Berlin. Berlin 1837. 608 S. 8. 

Schon auf dem Titelblatte dieses Buchs sieht Ref. mit Ver- 
wunderung, dafs man im Norden ?on Deutschland denselben elen- 
den Kniff, ein Buch, das nothwendig zusammen gelesen werden 
mufs, in einzelnen mitten im Context abgebrochenen Lieferungen 
zu verkaufen, den in Süddcutschland die Ungläubigen und Ketzer 
erfunden haben , zur Ehre Gottes gebraucht. Dies geschieht be- 
kanntlich scheinbar, um den Ankauf zu erleichtern, eigentlich 
aber um Waaren zweifelhafter Art einzuschwärzen und' mehr 
Geld dafür zu erhalten. Dieses Bändchen z. B. ist in sechs Lie- 
ferungen ausgegeben , jede zu 7 % Silbergroschen. Ref. kann 
und darf das Buch um so weniger beurtheilen, als ihm sein Herr 
College, der Redactor der Jahrbücher, nur die drei letzten Lie- 
ferungen zur Anzeige zugeschickt hat; er will es indessen denen, 
die in der Geschichte Erbauung suchen , mit wenigen Worten 
krädiger empfehlen , als durch eine lange von ihm allein her- 
rührende Anzeige jemals geschehen konnte. Es hat nämlich der 
Herr Consistorialrath und Professor Neander dem Buche eine 



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Reck : Lehrbuch der allgem. Geschichte 



kurze empfehlende Vorrede beigefugt, und ein fluchtiger Blick 
wird dem Leser sogleich zeigen , dafs das Wesentliche des In- 
halts und der Kern dem Vorredner, die populäre Form aber dem 
Herrn Candidaten Judä angehört. 

Ref. mafst sich über Collegienhefte kein Urtheil an ; es ist 
indessen sehr die Frage, ob es passend ist, dafs man ihre Form 
ändere und den gelehrten Zusatz, der ihnen ihren Werth giebt, 
weglasse. Was den Inhalt des Buchs und die darin herrschende 
Ansicht betrifft , so will Ref. seine Bemerkungen ein anderes Mal 
mittheilen , da er bei Erscheinung eines neuen Bandes von Nean- 
ders Kirchengeschichte die letzten Bände dieses Werks durchzu- 
geben gedenkt , um sich darüber mit dem Verf. freundschaftlich 
unterhalten zu können. Alle Freundschaft und Achtung für die 
Gelehrsamkeit, Treue und Wahrheit dieses frommen Mannes ma- 
chen Ref. sehr geneigt, sich von ihm über Dinge belehren zu 
lassen, die er vielleicht gar zu weltlich betrachtet 

Lehrbuch der allgemeinen Geschichte für Schule und Hat» von Dr. Joseph 
Deck. Zweiter Cur sus. Hannover 1837. Hahn'sche Buchhdl. 1T9 S. 8. 

Auch unter dein Titel i 
Geschichte der Griechen und Homer für höhere Unterrichtsanstalten. 

Ref. bat schon bei der Anzeige des ersten Theils dieses nütz- 
lichen, einfachen, verständigen neuen Leitfadens für den Schul- 
unterricht in der Geschichte erklärt , dafs er in Beziehung auf 
die Methode durchaus mit dem Verfasser übereinstimme. Der 
Verf. ist sich in diesem zweiten Cursus gleich geblieben, er gibt 
einen Leitfaden , den jeder verständige Schulmann leicht erklären 
und ausfuhren kann und den jeder Schüler sich ins Gedächtnifs 
prägen sollte. Dafs das Buch für den letzten Zweck etwas zu 
viel enthalte, scheint dem Verf. selbst eingefallen zu sevn, wie 
wir aus einer Stelle der Vorrede schiiefsen. Der Verf. sagt frei- 
lich, wenn des Materials zu viel wäre, solle jeder Schulmann 
herauswählen u. s. w. ; Ref. hofft aber, der Verf. wird es nicht 
übel nehmen , wenn er ihm gerade heraus sagt , dafs das nicht 
angebracht ist , und dafs er bei der Fortsetzung besonders darauf 
sehen mufs, nie zuviel Material zu geben; sonst braucht man 
ja sein Buch nicht , sondern kann auch jedes andere nehmen. 
Hinzusetzen lunn der Lehrer zum Lehrbuch , weglassen darf er 
nicht, wenn der Schüler einmal das Buch in der Hand hat; es 
würde aber allerdings einem Lehrer sehr schwer werden, alles, 
was in diesem Buche berührt ist, gehörig zu erklären. Der Takt 



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230 Abirht : der Kreil Wetzlar. 

des Lehrers und besonders des Verfassers eines Lehrbachs für 
Schuler mufs sich besonders darin zeigen, dafs er aus der Unge- 
heuern Masse der Thatsachen wenige, aber gerade solche wähle, 
die zum Zweck fuhren ; darum ist es so schwer ein kleines, so 
leicht ein grofses Buch zu schreiben. Wenn der gelehrte Verf. 
mehr Erfahrung hat , wird er selbst gewifs vieles aus dem Bu- 
che weglassen, was in den Antiquitäten oder bei der Erklärung 
alter Schriftsteller besser angebracht ist. Die Fülle hindert in- 
dessen die Klarheit und Übersicht nicht, und Bef. wurde, wenn 
er einer Lehranstalt vorstände , das Buch aus vielen Gründen zur 
Einführung empfehlen. 

Der Kreit Wetzlar historisch , statistisch und topographisch dargestellt 
von Friedrich Kilian Abi cht, evang. Pfarrer zu Hochelheim und 
Dörnholthausen u s. v>. Dritter Theil, enthaltend die Kirchengeschichte 
des Kreises. Wetelar 1837. 017 & 8. 

Bef. hat zu einer andern Zeit die zwei ersten Bände dieses 
allerdings sehr starken Werks angezeigt, er bittet jetzt die Le- 
ser, nicht zu erschrecken, wenn sie von einer Kirchengeschichte 
des Kreises Wetzlar auf mehr als fünfhundert enggedruckten Sei- 
ten hören. Die Amtsbruder des Vf's. , die Schulmeister, ja selbst 
viele Bauern wird gerade dieses Detail , dies Specielle, Person- 
liche anziehen. In der That mufs man den Fleifs und die Ge- 
duld des Vfs. bewundern, der alle Dorfer und Filiale, alle Pfar- 
rer, die kurz vor und seit der Reformation gepredigt haben, und 
wo es möglich war, ihre höchst einfache Lebensgeschichte und 
Genealogie, so wie jede Religionszänkerei, die sich jemals in 
diesem Theile der Wetterau ereignet bat, ganz genau und aus- 
fuhrlich erzählt. Ein Abschnitt dieses Buchs hatte für Ref. viel 
Anziehendes, er wurde ihn gern noch aufmerksamer gelesen ha- 
ben, wäre nicht das Buch mit stumpfen Lettern auf so grauem, 
schwarzen Papier gedruckt, dafs selbst der Schwäbische Mer- 
kur besser und auf besserem Papier gedruckt wird; was viel sa- 
gen will. Der Abschnitt, von dem die Rede ist, enthält die 
Kirchenvisitationen und die Auszuge aus den Acten der Synoden. 
Man lernt daraus, dafs es am Ende des i6ten Jahrhunderts , allen 
laudatoribus temporis acti, allen Lobrednern der patriarchalisch 
evangelischen Zeit zum Trotz, sehr schlecht mit dem Religions- 
unterricht der Pfarrer stand. Der Trunk fällt dort unter zehn 
Pfarrern wenigstens sieben zur Last , und was wir nicht erwartet 
hätten, der Brantewein , der bekanntlich in der Wetterau und 



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Schubert: Handbuch d. allgem. StaaUknnde. SSI 

am Togeisberge jetzt allmächtig regiert, spielt schon eine be- 
deutende Rolle, und manche Pfarrer gestehen ganz naiv ein, 
dafs neben dem Predigen Branteweintrinken ihr Geschäft im Le- 
ben sey. Hier koramt unter andern S. 240 vor : 

Justus Hofmann» von Lutzellinden wurde, wie im vorigen 
Convent, ermahnt, »sich der Gerichtshandel und des Umgangs 
mit den Nobilibus zu entschlagen « , excusirt sich aber, dafs er 
den Junkern , weil es seine Coliatoren w ären , nicht entsagen 
könne. Ein anderer Pfarrer, der Magister Tobias Stockhausen, 
wird dem Trünke sehr geneigt erfunden und braucht viel Brand- 
wein. Seine Entschuldigung ist : Es werde in seinem Amte nichts 
versäumt , weshalb man sich bei seinen Zuhörern erkundigen 
könne. Pfarrer Kinzenbach zu Hausen ward , wie in der vorigen 
Synode, zu mehr Fleifs in seinem Amte, besonders zum Exer- 
citium des Katechismus admonirt, und vom Zechen, Vollsauten, 
Gezanken und andern Lastern dehortirt, hat aber solche treue 
Ermahnung wenig geachtet Namentlich wurden ihm unter an- 
dern folgende Laster vorgeworfen : 1 ) Er mische sich in Gerichts- 
und andere Händel ; 3) In Zechen fange er Zank mit den Leuten 
an; 3) Im Zechen reifse er den Weibern den Schleier ab; 4) 
stehe er jetzt im Lande in einem bösen Geschrei wegen seiner 
Famula. 

Der ganze übrige Inhalt dieses Bandes hat nur für die Ein- 
wohner des Kreises einiges Interesse , und das nur zum Nach, 
schlagen; lesen läfst sich das Buch nicht 

m 

Das zweite und dritte Heft dc$ siebenten Hundes de$ Archive für Ge- 
schichte und Alterthumekunde Westphalens von Dr. Paul Wigand. 

hatte freilich früher angezeigt werden sollen, es ist aber erst 
Tor drei Tagen Refn. zu diesem Zwecke mitgetheilt worden ; er 
hat daher nicht säumen wollen, die Erscheinung desselben , dem 
erhaltenen Auftrag gemäfs, sogleich hier anzumerken. Dasselbe 
gilt vom 

Handbuch der allgemeinen Staatekunde von Kuropa , von Dr. Friedrich 
Wilhelm Schubert, ord. Prof. der Geschichte und Staatskunde an 
der Universität in Königsberg. Ersten Höndes dritter Thcil. Königs- 
berg IM». 493 .V. 8. 

Dieser Theil enthält Spanien und Portugal! , und Bef. glaubt, 
dafs der Name des Verls, hinreichend ist , dem Buche eine gute 



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I 



2*2 Wigand : Wetzlarsche Beiträge. . 

Aufnahme zu sichern, er selbst ist in diesem Fache, und am 
Ende gar nur in gewissen Theilen desselben, zu sehr blofser Di. 
lettant, um sich ein Urtheil anzumafsen; ihm bleibt daher nichts 
übrig, als den Lesern der Jahrbücher zu melden, dafs dieser 
Theil schon im Anfange des vorigen Jahns versendet worden, 
dafs ihm aber die Fortsetzung von der Redaction der Jahrbücher 
noch nicht mitgetbeilt ist. 

Wetzlar'schc Beiträge für Geschichte und Rechtsalterthümer t herausgege- 
ben von Dr. Paul Wigand. Ites lieft. Wetzlar 1837. 188 Ä 

Ref. hat das erste Heft dieser schätzbaren und interessanten 
Beiträge in den Jahrbüchern angezeigt und die dort gegebenen 
Notizen vom Femgericht ausführlich eingereicht; der Verf. fahrt 
in diesem Hefte fort, aus dem. Archive des Reichskammergerichts, 
von welchem Herr Hofrath Dietz hier ausführliche historische 
Nachrichten giebt , solche Stücke auszuziehen, die für deutsches 
Recht, deutsche Rechtspflege und für die Geschichte der deut- 
schen Verhältnisse in verschiedenen Zeiten wichtig sind. Ref. 
legt auf solche aus Acten und wirklichen Rechtsfäilen ans Licht 
gebrachte Thalsacben und der daraus hervorgehenden Anschauung 
wirklicher Zustände gröfsere Bedeutung für die Geschichte 
als auf alle die Slöfse diplomatischer Schreibereien, welche man 
jetzt prahlend hie und da drucken läTst. Das interessanteste Stück 
dieses Heftes war für den Verfasser dieser Anzeige S. i52, das 
Urtheil des Landfriedens Gerichts zu Nürnberg gegen 
Götz von Hochenloch 1879. Dieses Urtheil selbst will Ref. 
hier nicht abschreiben, wohl aber die vortrefflichen Bemerkun- 
gen, die der Verf. beigefügt hat, theils weil er dadurch diese 
Zeitschrift am kräftigsten zu empfehlen glaubt, theils um den 
Freuoden deutscher Geschichte, denen dies Scbriftchen nicht zu 
Gesichte kommt , die in der Stelle enthaltenen Belehrungen mit- 
zuteilen. Der Verf. sagt: 

Die Sprache dieser Urkunde ist eben so unbeholfen , als die 
Sentenz von Schwäche zeugt. Wieviel kräftiger traten die Fem- 
gerichte auf, die auch den Landfrieden zu beschützen sich be- 
rufen fühlten ! 

Verstehen wir die Richter recht, so wird der Angeklagte, 
der dem Kläger die nach damaliger Gerichtsform gültig gezoge- 
nen Pfander gewaltsam wieder abgenommen hatte, in contuuia- 



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Wigand: Wetalar'ache Beiträge. 2tt - 

ciam schuld i- erkennt, die tausend Mark, die der Klager als sei. 
nen Schaden angiebt, zu entrichten, und sollen dieselben als er> 
klagt und erfolgt angesehen werden, dafs kein Läugnen mehr 
hilft , und soll man dem Kläger durch den Landfrieden dazu heU 
fen. Wollte der Angeklagte sich annoch freundlich richten und 
an die, die über den Landfrieden gesetzt sind, zweihundert Mark 
geben , ehe man gegen ihn zieht , dann soll sich der Kläger da- 
mit begnügen. 

Ich nehme Gelegenheit, setzt Herr Dr. Wigand hinzu, an 
den Landfrieden des Kaiser Friedrichs II. vom Jahre 
1236 zu erinnern, worüber sich in den neuen Mittheilungen 
des thüringisch-sächsischen Vereins II. S. ■"><■- eine 
Abhandlung von Dr. B. Thiersch befindet. Bekanntlich ist es 
unter den Diplomatikern und Publicisten bestritten, ob diese 
wichtige Urkunde ursprünglich lateinisch oder deutsch sey ver- 
fafst worden (Ref. erfährt von seinem Collegen Bofshirt, dafs er, 
der Ref., darüber einen derben Wischer vom Dr. und Biblio- 
thekar Böhmer in Frankfurt erhalten hat — und doch ist die 
Sache immer noch nicht ausgemacht), ob sie folglich im letzten 
Falle die erste Reichstagssatzung in deutscher Sprache sey. Herr 
Thiersch will nun in Dortmund das deutsche Original gefunden 
haben , welches den Zweifeln plötzlich ein Ende mache. Diese 
gleichzeitige Ausfertigung besteht in einem , Pergament, 
circa drei Fufs lang und einen Fufs breit. Die grofse und sehr 
scharfe Schritt steht in zwei schmalen, langen Columnen in die 
Länge geschrieben und erscheint auf den ersten Blick als die 
Schrift der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. Über 
diese Schrift kann ich nicht urtheilen; in der Form zeigt sich, 
der 'Beschreibung nach , nichts , was auf ein Original , auf eine 
Ausfertigung schliefsen liefse , im Gegcntheil scheint es mir eine 
Abschrift, die die Stadt Dortmund, etwa auf ihrem Rathhause, 
zur Warnung und Kenntnisnahme hat anschlagen oder aufhängen 
lassen. Wenn es aber heilst : Eben so ist die Sprache das Idiom 
jener Periode, und beweiset, wie die bisher bekannt gemachten 
Texte je nach der Zeit ihrer Entstehung die abweichende Gestalt 
erhalten haben, so kann ich, da der Text beigegeben ist, dieser 
Ansicht nicht beistimmen. Ich erkenne darin keineswegs das 
Idiom jener Periode ron 1236; es scheint mir vielmehr die jün- 
gere Abschrift, sey es von einem Originale oder von einer Ver- 
sion. Denn man erkennt geradezu, dafs der Abschreiber- zwei 



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I 



234 IHgra : Zeitschrift für hiator. Theologie. 

Dialekte unter einander gemischt und meist seinen westphälischen 
gewählt hat. Ebenso erkennt man aber auch aus vielen einzelnen 
Worten, dafs er nicht aas dem Lateinischen übersetzte, sondern 
schon eine andere Version vor sich hatte. Ich mufs es Andern 
uberlassen , schliefst er , das Nähere zu ermitteln und den Gegen- 
stand weiter auszuführen. 

Von der schätzbaren Sammlung historisch - theologischer 
Schriften und Abhandlungen, welche Herr Illgen in Leipzig her- 
ausgiebt, sind drei ziemlich starke Hefte dem Ref. zur Anzeige 
zugeschickt; auf eine Kritik kann er sich in diesem Augenblick 
um so weniger einlassen , als die einzelnen Aufsätze der Hefte 
mehrentheils jeder für sich einen mäfsigen Band füllen wurden. 

Zeitschrift für die historische Theologie, in Verbindung mit der historisch- 
» theologischen Gesellschaft zu Leipzig herausgegeben von Dr. C. F. 
Illgen, ordentl. Professor der Theologie zu Leipzig. Sechsten Bande» 
2t es Stück 286 S. 1836. iVeue Folge. Ersten Bandes 1« Stück 178 S. 
Ersten Bandes 2b Stück 117 Ä 1837. 

Der erste Aufsatz des zweiten Stucks des dritten Bendet 
füllt 122 Seiten, und ist, hilf Himmel!! von einer Karte des 
Paradieses und der umliegenden Länder begleitet , woraus Ref. 
sieht, dafs das verlorene Paradies vom Herrn Rask nicht weit 
vom Ausflufs des Euphrat, nordlich von Basra wieder aufgefun- 
den ist. Die ungeheuer gelehrte Abhandlung, zu welcher alle 
orientalischen Sprachen und auch sogar China aufgeboten wor- 
den , ist ursprünglich von Herrn Rask dänisch geschrieben und 
hier von Herrn Mohnike deutsch ubersetzt. Der Titel ist: Die 
älteste hebräische Zeitrechnung bis auf Moses, nach 
den Quellen neu bearbeitet von Rasmus Rask u. s. w. aut 
dem Dänischen übers, von D. Gottlieb Mohnike , Consistorial- u. ■ 
Schulrathe in Stralsund. Wir sehen also in unsern Tagen alles 
Alte wiederkehren und werden bald neue Werke über die mosaische 
Zeitrechnung, über die Lage des Paradieses, über die Ursprache 
und die Sündfluth neben den zahlreichen Quartanten und Folianten 
des vor. Jahrhunderts aufstellen können. Die frommen und über- 
gelehrten Chronologen bauen nämlich nicht blos einen babyloni- 
schen Thurm der Zeitrechnung, der nie vollendet wird, sondern 
jeder neue Baumeister, und unter ihnen sogar ein Neuton, reifst 
den Bau seines Vorgängers völlig wieder ab und baut ganz von 
neuem. Ref. wird sich wohl hüten, mit so gelehrten Leuten, 

i 



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Illgcn : Zeitschrift für bittor. Theologie. 



wie Herr Rask war und Herr Mohnike so teyn scheint, einen 
gelehrten Streit anzufangen. Er hat sich in frühern Jahren, alt 
er Mathematik und Rechenkunst eifrig betrieb, mit den Syste- 
men, welche von Scaüger, Petav, Usser und ihren unzähligen 
Nachfolgern, zu denen auch sogar Semler gehört , aufgestellt sind, 
beschäftigt ; er hat aber gefunden , dafs aus dem Rechnen in der 
Urzeit gar nichts herauskommt, hat Alles aufgegeben und holt 
sich jetzt nur von Zeit zu Zeit bei Ideler Rath. Er hat oft und 
viel die historischen Bucher des alten Testaments gelesen und et 
endlich ganz lächerlich gefunden, die Mosaischen Geschichten zur 
Grundlage einer Chronologie zu machen , oder vielmehr an diesen 
Erzählungen dadurch zum Ritter werden zu wollen , dafs man zu 
tausend Systemen das tausend und erste hinzufugt. Aber freilich, 
die Gelehrten müssen doch zu thun haben , das Bücherschreiben 
mufs fortgehen und mufs um so gelehrter werden, je seltener 
wahre Gründlichkeit und brauchbare Lehre wird. Dafs hier In- 
der und ihre Avataras und das Sanscrit, und die Divs, welche 
Eloher sind, nicht fehlen, dafs Chinesen und Rlaproths Asta po- 
lyglotte zu Hülfe genommen werden, versteht sich von selbst. 
Ref. bleibt immer der Meinung , Grübeln sey nicht Denken , und 
es komme am Ende, wenn man Hypothesen machen wollte, noch 
mehr dabei heraus, zum tausendsten Mal zu untersuchen, wo * 
Hannioal über die Alpen gegangen sey, als die Lage des Para- 
dieses herauszugrübeln , was schon von Millionen geschehen ist« 
Nützlicher, wenn auch weniger gelehrt und durch Gelehrsamkeit 
abschreckend, ist der zweite Aufsatz, Begründung der Me- 
tropolitanverbindung der preofsischen Kirche mit dem 
Erzbisthum Riga, von Jacobson, Professor der Rechte in 
Königsberg. Dieser Aufsatz lockte den Ref. um so mehr an, alt 
er gerade vom Studium der fünf ersten Bände von Voigts Ge- 
schichte von Preufsen herkam, und meinte, die Sache sey von 
Voigt im zweiten Theile völlig aufs Reine gebracht worden. Der 
Verf. des Aufsatzes beharrt allerdings im Wesentlichen auf Voigts 
Resultat, er giebt aber S. i3o das Verhältnifs seiner Arbeit zn 

Voigts Werk folgendermafsen an : » Das wahre Verhältnifs 

— hat Voigt mit erfreulicher Kritik aufgedeckt, seinem Zwecke 
gemäfs aber nicht so genau verfolgt, als es hier versucht werden 
soll. Der Verf. geht darauf mit einer etwas gar lästigen, an die 
philologischen und juristischen Dissertationen erinnernden, über- 
flüssigen Gelehrsamkeit auf das Kleinste und Einzelnste ein, was 



♦ 



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136 II Igen : Zeitschrift für hittor. Theologie. 

■ 

bei der Entfernung der Zeiten nur für sehr Wenige ein Interesse 
haben kann. Ref. darf daher, wenn er den Zweck der Jahrbücher 
nicht aus den Augen verlieren will, auf den Inhalt nicht naher 
eingehen. Der dritte Aufsatz, S. 180 — 25o, ist eine deistische 
Schrift aus dem -i6ten Jahrhundert, welche der Pfarrer Olearius 
zu Schwäbisch Hall zu seinem grofsen Schauder und Schrecken 
auf einer Stufe seiner Kanzeltreppe fand , als er hinaufsteigen 
wollte, um (1587) seine Predigt zu halten. Der gelehrte, durch 
kirchenhistorische Schriften und durch sein Leben Gustav Adolphs 
rühmlich bekannte Bibliothekar Gfrörer in Stuttgart hat den Auf- 
satz mitgetheilt, und giebt folgenden Aufschlufs über Tendenz 
und Inhalt: 

Plan und Geist des Verfassers liegt zu Tage. Er wollte eine 
eigne kirchliche Gesellschaft stiften, alle positiven Dogmen des 
Christenthums verwerfend , von den Gebrauchen nur die Heilig- 
haltung des Sonntags beibehaltend und den ganzen religiösen Cul- 
tus auf die alleinige Verehrung Gottes mit völliger Ausschließung 
des Namens und der Persönlichkeit Christi, gründend. Um An- 
hänger für diese Ansicht zu gewinnen, sucht er den positiven 
Glauben an der Wurzel anzugreifen. Als Waffen müssen ihm 
dienen ein auf die Spitze getriebener Rationalismus, jedoch nicht 
speculativer , sondern historischer Art. Aus einer Masse von 
Stellen des A. T., das er, von grofsen Sprachkenntnissen unter* , 
stützt, mit Vorliebe studirt zu haben scheint, wird der Beweis 
versucht, dafs die Messianischen Verheifsungen der Propheten 
etwas ganz anders bedeuten, als das ist, was durch Jesum Chri- 
stum verwirklicht worden sey. Somit, meint er, falle die Haupt- 
argumentation für die Göttlichkeit Christi , wie sie von den Apo- ' 
stein und Evangelisten geführt worden, in Nichts zusammen; 
denn keinen auf Erden leidenden, nur im Himmel thronenden 
Gott, sondern einen that Kräftigen Herrscher haben die Bücher 
des alten Bundes verheifsen. Die historische Glaubwürdigkeit der 
Evaogelien , selbst den Charakter des Johannes und besonders 
des Paulus, greift er auf eine unerhört kühne W'eise an. 

Die Leser werden schon aus diesen Sätzen , denen Hr. Gfro- 
rer noch andere beifügt, sehen, dafs diese Schrift ein doppeltes 
Interesse bat, wir müssen es aber theologischen Journalen über- 
lassen , näher auf den Inhalt einzugehen. Der vierte Aufsatz ent- 
hält eine Bede zum Lobe und Andenken des verstorbenen Pro- 
fessors der Theologie Schott in Jena 



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Staatslexikon Ton Rottck und Welck«. 187 

Das erste Heft des ersten Bandes der neuen Folge enthalt 
lauter solche Schriften, über welche sich Ref. kein Urtheil an- 
malst, die er daher auch gar nicht gelesen bat. Die Aufsätze 
sind: S. i — 88 Die Natur- und Religiohsphilosopbie der Chinesen 
nach Tschuhi , vom Prof. Neumann in München; S. 88 — 114 Der 
Prophet Jonas , ein assyrisch- babylonisches Symbol, von Prof. 
Baur zu Tübingen. Von S. n5 — S. i58 Julian der Abtrün- 
nige, ein Verfolger des Christenthums und ein Verfolger der 
Christen, von Wiggers, Prof. der Theologie in Rostock. S. 169 
— 177 Literarhistorische Beiträge zur Geschichte der Bekämpfung 
des Judenthums durch christliche Schriftsteller, vom Mittelalter 
bis zur Zeit der Reformation. Von MayerhofT, theolog. Privat- 
docenten in Berlin. Unter den fünf Aufsätzen des zweiten Hefts 
des ersten Bandes der neuen Folge nehmen drei einen bedeuten- 
den Raum ein, nämlich: Die welthistorische Fortbestimmung der 
Familie, des Staats und der -Kirche von Carove. Zweitens eine 
lateinische Dissertation des ausscrordentl. Professors der Theolo- 
gie, Grimnl in Jena: De Joanne Staupitio ejusque in sacrorum 
Christianorum iostaurationem meritis. Endlich drittens: Louis 
Bautain, als Philosoph und Priester, besonders in seinem Streite 
, mit dem Bischoff von Strafsburg, dargestellt vom Caodidat Junge 
zu Leipzig. 

Von dem 

t 

Staats - Lexikon, oder Bncyklopädie der Staat »Wissenschaften u. $. w. von 
Carl v. Rotteck und Carl H'clcker 

sind Ref. die fünfte Lieferung des vierten Bandes nebst der er- 
sten und zweiten Lieferung des fünften Bandes zugeschickt wor- 
den. Der letzte Artikel in diesen Heften ist Europa, so dafs das 
folgende wahrscheinlich den Buchstaben F enthalten wird. Diese 
drei Hefte scheinen übrigens von dem Fehler der rnehrsten fru-. 
heren, dafs sehr viele Dinge abgehandelt werden, welche nie- 
mand in einem Staatslexikon sucht oder vermifst, ganz frei zu 
sovn. Das Werk erhält durch den Gang der Dinge in unsern 
Tagen, für die Nation und die , Verteidigung der Bürger- und 
Menschenrechte gegen PfafTentbum , Gewalt und Sophist iU einen 
neuen und unschätzbaren Werth , den es in andern Zeiten nicht 
haben würde. Referent , der durch Alter erkältet , durch Er- 
fahrung und Kritik abgestumpft, weder das System, noch die 



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238 StSattlexUtOD von Rottete und Welcher. 

Manier , noch den Grundsatz , noch die Hoffnungen der Verfasser 
zu den seinigen machen bann, glaubt et jetzt sehr dringend em- 
pfehlen zu müssen. Wenn Alles verstummt, wenn Gelehrsam, 
keit dem Volke sein Recht verdunkelt, wenn Sophistik die Ge- 
schichte, Dialektik die Philosophie, Fanatismus und dogmatische 
Verblendung die Religion , Geld und Geldsucht die Seelen ver- 
giftet, wenn selbst die Poesie faselt, dann ist es wichtig, dafs 
ein Buch vorhanden sey, welches von mutbigen Männern abge- 

fafst, einer Lehre der Servilität, die uberall gepredigt und ge- 
fördert wird , eine andere entgegensetze , die täglich um so mehr 
stillen Anhang gewinnt, je mehr sie die einer ecclesia pressa ist 
Daruber täuschen sich freilich die Beamten und die Sophisten 
der Regierungen in Frankreich, wie in Deutschland; allein es ist 
ja ein alter Spruch: cjuos Jupiter perdere vult dementat. Übri- 
gens ist das apres nous le deluge ein altes Spruchwort derer, 
die für Geld , gute Worte und Bänder ohne Fundament bauen 
lassen. 

Nach dieser Empfehlung des Buchs als ein Gegengift gesun- 
den Verstandes, oft kühnen Ansprechens und Sturmens gegen 
das Gift unverdauter und halb?erdauter Transcendentallehre und 
hierarchischer und monarchischer Grubelei, ist es unnothig, ein«. ' 
zelne Artikel eines so allgemein verbreiteten Büchs anzuführen. 
Alle Mitarbeiter theilen die Grundsätze und das System der Her- 
ausgeber, welche so allgemein bekannt unter uns sind , dafs jedes 
Wort darüber verloren seyn wurde. Wer daher in irgend einem 
Punkte der Zeitgeschichte, oder des Staatsrechts, der Staats- 
wirtbschaft oder Statistik einen andern Rath sucht, als den, wel- 
chen ihn die Lehrer des privilegirten und herrschenden Systems 
entweder orakelnd und dunkel, oder lang und breit im Wasser 
ihn^r ledernen Weisheit ertränkt in dicken Buchern ertheilen, 
der mufs freilich diese Encyklopädie befragen. 

Zum Schlüsse dieser langen Anzeige will Ref. mit Vergnü- 
gen noch einiger ihm schon seit längerer Zeit aus Basel zuge- 
schickter Schriftchen rühmlich erwähnen, weil er daraus den 
vortrefl liehen Geist der jüngeren Lehrer der Baseler Universi- 
tät, unter denen er die Lehrer des Rechts fast alle ehemals viel 
in seinem Hause gesehen hat, kennen lernt. 



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Viicher : die oligarchUche Partei u. die HeUlrie» io Athen. 239 

Die Kriminalgcrichtsbarkcit in Rom bis auf die Kaiserzeit. Einladung: 
»chrift nur Rede de$ zeitigen Reetor magnificus, Herrn Prof. Dr. F. 
D. Gerlack, vom Prof. Dr. Adolph Burkhardt. Basel 24 S. 4. 

Ref. ist nicht competent, am über die Sache zu urtheilen, 
welche hier behandelt wird ; er freut sich nur über die passende 
Wahl des Stoffs der Schrift (denn zu einer Rede eignet sich der 
Gegenstand weniger) and über Belesenheit, Henntnifs, Unheil, 
welche der Verl., den Ref. mehrere Jahre als einen aasgezeich- 
neten jungen Mann beobachtet hatte, bei dieser Gelegenheit be- 
weiset. Da Ref. , der doch einigermaßen mit der Sache und 
ziemlich mit den Quellen und den Lehrbüchern, worin sie be- 
handelt wird, bekannt ist, die Schrift mit Vergnügen gelesen 
hat, den Vortrag sehr Mar findet und viele Belehrung daraas 
geschöpft hat, so glaubt er, dafs der Verfasser sein Talent und 
seinen Beruf zum öffentlichen Lehrer recht glänzend gezeigt 
habe. 

Mit derselben Einsicht und Gelehrsamkeit hat ein Schüler 
des Herrn Prof. Kortüm in Bern seinen Beruf und aeine Fähig- 
keit , als Lehrer der Geschichte aufzutreten, durch eine gründ- 
liche Gelegenheitsschrift bewiesen: 



Die oligarehische Partei und die Hetairien in Athen von Kleisthenes bis 

an» Ende des peloponnesisehen Kriegs. Eine akademische Gelegenheite- 

heitsschrift von Wilhelm Fischer, Dr. ph. und ausser ordentl. Prof. 

un der Universität zu Basel. Basel 1836. 86 S. 4. 

• • 
Wir müssen den Lesern der Jahrbücher überlassen, in dem 

Schriftchen selbst nachzulesen, wie der Verf. die Idee seines 
Lehrers durchgeführt und seinen Satz besonders aus Thacydides 
erwiesen hat. Dem Einzelnen zu folgen mufs Ref. den Philo- 
logen überlassen, denen die Quellen bekannter und das Nach- 
schlagen leichter ist; er beschränkt sich darauf, yon dem Verf. 
zu rühmen, dafs er, ganz and durchaus mit den Quellen be- 
kannt, seinen Gegenstand so bebandelt, dafs er ein allgemeines 
Interesse und Nutzen fürs Leben behält. Dies ist die Haupt- 
Sache, selbst beiNiebuhr; werden nur Dinge behandelt, die von 
unmittelbarer Anwendung sind , so mag das Resultat bei der 
Entfernung der Zeiten and der Unzulänglichkeit der Quellen 
am Ende immer nur Hypothese bleiben, so übel dies auch die 



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240 



Schveiteriache* Mnscum. 



Leute, die auf ihre grübelnden and spitzfindigen Forschungen 
den höchsten Werth legen und stets Neues gefunden haben 
wollen, wie z. B. Niebuhr, gs nehmen möchten, wenn man ih- 
nen das offen sagte. 

Von demselben Verfasser findet sich eine gelehrte, gründ- 
liche und doch hlare Behandlung der Geschichte des Königs 
Perdikkas in einer neuen schweizerischen Zeitschrift: 

• • 

Schweizerisches Museum für historische Wissenschaften , herausgegeben von 
D. Gerlach, J. J. llottinger , H\ W ackernagel. Erster Band, 
Erstes Heft. Frauenfeld 1837. 131 S. 8. 

Der Aufsatz über Perdikkas steht hier S. i — 36, und ist 
der Stelle neben der vortrefflichen Abhandlung Hottingers über 
Rudolph Brun und . die von ihm in Zürich bewirkte Staatsver- 
a'nderung S. 3~j — 0,5 vollkommen würdig, soweit es Quellen- 
studium und Reichthum an einzelnen Angaben und Thatsachen 
angebt; sonst hätte Ref. in einer so bekannten, so oft behandeU , 
ten , von den Philologen bei Erklärung des Dcmost henes und lu- 
den Einleitungen zu dessen Reden so oft und gründlich unter- 
suchten und entwickelten Materie, weniger Einzelnes, mehr Un- 
tersuchung und mehr eigentlich Neues erwartet, weil man sonst 
lieber eine andere Materie für ein neues Journal wählt. . 

Schlosser. 



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N°. i6. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Schriften christlicher Philosophen über die Seele, heraus- 
gegeben von Doissonade, Kra\binger und Sinner. . 

Die grofse Bedeutung der Seelenlehre für verschiedene Wis- 
senschaften bezeichnet ein christlicher Ausleger des Aristoteles 
auf folgende Weise*): »Die Lehre von der Seele, sagt Aristo* 
teles , erstreckt sich auf alle Wahrheit. Damit ist gesagt, auf 
alle Philosophie. Jene erstreckt sich nämlich auf die Ethih , auf 
die Theologie and auf die Physik Sie bezieht sich auf die Ethik, 
weil es unmöglich ist unsere Sitten zu ordnen, ohne dafs wir 
zuvor die Kräfte der Seele untersucht hätten. **) Denn wenn 
die Tugend die Zierde der Seele , diese Zierde aber Wohlord- 
nung der Seelenhräfte ist, der Ethiker diese jedoch nicht ordnen 
kann , ohne ihre Natur untersucht zu haben , so mufs er folglich 
von der Seele handeln. Jene Lehre gehurt aber auch zur Theo- 
logie. Hier fragen wir nämlich nach dem uns inwohnenden trenn- 
baren Geist, ob er auch unsterblich ist. Da aber der Geist Geist 
der intelligiblen Dinge ist, so gehört er den relativen Objecten 
an; wer vom Relativen aber das eine Eins von zweien weifs, der 
wird auch das Übrige wissen.***) Es ist also offenbar, dafs die 
Betrachtung über den Geist auch für die Theologie Grofses lei- 
stet. Daher hat er (Aristoteles) auch an einem andern Orte ge- 
sagt, dafs der Physiker nicht über die gesammte Seele zu spre- 
chen habe. Denn wenn über die gesammte, so hätte er auch 



*) Johannei Philoponas in Aristotel. de nnima p. 11 ed. Venet. a 1535. 

"*) Was bisher unbemerkt geblieben , ein ganzer Abschnitt unserer, 
dem Ilten Jahrhundert angehörigen Pergamenthandschrift cod. l'a- 
latin. Heidelberg nr. 281) fol. rect 115 — 153, Ao£a< xtpi - Y --yP; 
überschrieben , ist nichts anders als ein Auszug aus einem Theil 
dieses Commentars des Jo. Philopnntis, und kann zur Verbesserung 
des Textes gute Dienste leisten. Hier hat er folgende Lesart: r&e 
Buvtlpit; rfj^ \^v^C M»j •V/yKr^a^vou?. — Übrigens werden auch Ae- 
lat «aoi v^vx^j? (in Origenis Philocalia ed. Paris. 1619. p. 626 sqq.) 
von Matthe! zum Nemesius p. 406 angeführt. 

—) Nach dem vollständigem Text der Handschrift : ** l 

vomtcuv iirri vcu< tcuv *f<j( n irri» rwv 3J ir^oj rt & rd trifov Sv s/W? 
nai ri Xonrov iur«rai. 

XXXI. Jahrg. 3. Heft. 16 



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242 Schriften christlicher Philosophen, 



über deo Geist zu sprechen ; wenn aber dies , auch über die in- 
telligiblen Dinge. Denn der Geist gehört den intelligiblen Din- 
gen an. Das ist aber Sache der Theologie- und der höchsten 
Philosophie. Es bezieht sich jene Lehre jedoch auf die Physik , 
indem es Sache der Physih ist von den Korpern Zu sprechen und 
von den Ideen (Begriffen, elflojv) derselben und den Kräften. 
Von den Ideen (Begriffen) in den Korpern ist aber die schönste 
die Seele. * *) 

In diesen Salzen eines christlichen Peripatelikers sind zuvor- 
derst blos die Hauptbeziehungen der Seelenlehre zu verschiede- 
nen Disciplinen angegeben. Die sehr verschiedenen Richtungen, 
die diese Lehre genommen, hatte schon Aristoteles, der erste 
britische Geschichtschreiber der Philosophie , zu bezeichnen und 
zu beurtheilen angefangen. Nachfolgende Epikrisen fanden immer 
neuen Stoff , von Cicero , Plutarchus , Sextus Empirikus an bis 
,zu Nemesius und Damascius herab, da eben diese in alle reli- 
giöse und wissenschaftliche Fragen eingreifende Lehre fast zwei- 
tausend Jahre hindurch, in griechischer und lateinischer Sprache, 
von den ältesten Pythagoreern an bis auf die Wiederherstellet 
<]er Wissenschaften aufs eifrigste bearbeitet wurde. 

Da es in diesen Jahrbüchern meine Aufgabe nicht seyn bann« » 
die Texte der hier anzuzeigenden neuen Ausgaben christlich-phi- 
losophischer Schriften in ihren britischen und grammatischen Ein- 
zelheiten durchzugehen, so will ich zuvörderst einleitungs- 
weise einige Hauptmomente antiher Psychologie hervorheben, 
in so weit sie auf diese christlichen Schriftsteller Ein Hufs äus- 
sern, und von ihnen mit Anführung der Philosophen, oder auch 
so, dafs diese auch ohne Namen deutlich bezeichnet sind, be- 
rührt werden , und dabei einige neugewonnene Data berücksich- 
tigen ; sodann über die vorliegenden Schriften kürzlich im All- 
gemeinen sprechen. Vorher aber sind die Schriften anzugeben, 
zu denen diese Vorworte gehören: 



*) Nach dem Text der Handschrift : sly* (fibctwjt, fjaiv tVriv h'^yov rd »spi 
auipuTaiv StaXsy^9ijvai t *.at tüjv ttiwv aurwv Kai tcuv Svvdfxtwv rtuv fxiv 
6i tv to7; 'culfiac-fv ttbwv to koAAiotcv »f v^u^ij. — Gelegentlich bemerke 
ich, dar« auch de« Sininliciu« Comnicntar über Aristoteles Tun der 
Seele in der griech. Ausgabe (Venct 1527) nicht vollständig iit, 
schon vollständiger in der lateinischen von Faacoli (Venet. 1543.), 
und doch hat Iriartc aus Madrider Codd. . (Catal. p. 181 sq.) noch 
ein Stück hei ausgegeben, und es finden sieh deren noch mehrere 

III Müh. 



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herausg. von HoUtoaaüe , Krabiriger u. Sinner. 248 

1) AINEIA1 ZAXAPIA1. Aeneas Gasaeus et Zacharias AHta/- 
lenaeus De immortalitnte animae et rmundi consummatione. Ad Codi- 
ces recentuit, Bartkii> Tarini Ducaei notas addidit Jo. Fr. Boisso- 
nadc. Accedit Acncae intcrpretatio ab Ambrosio Camald. facta. Pa- 
rUiu ap. J. Alb. Merklein 1836. XXT u . 530 & 8. 

2) -V Gregorii Kpiscopi Xysseni de Anima et Rcsurrectione 
cum sorore suu Mncrina Dialogus' Graeee et Latine ad Codicum Met. 
fidem reeensuit et illustravit Jo. Georgine Krahingerus , Biblio* 
theeae Reg. Monacensis Custos. Lipsiae 1831 in librari* Gust. H'u4- 
tigü XXII und 374 S, gr. 8 

8) -V. Gregorii A'arioRseni Theologi In Cmesarium Fratrem 
Oratio Funebris. Graeee. Secundum editionem O Clemeneeti ad opti- 
mar um codicum mss. fidem denuo recensuit Annotatione illustravit, 
Scholiaque Graeca Basilii minoris Cacsareensis hactenus (adhuc) incdita 
adjecit L. de Sinner Parisiis apud Gaume fratres bibliopolat 1886. 
XII und 59 & kl. 8. 

Da Aneas nicht nur die Scene seines Dialogs nach Ägypten 
rerlegt, sondern auch der Lehrsätze der Ägyptier , Chaldäer a. 
S. w. gedenfit (p. 8 sq. ed. Boissonade), wie auch Zacharias thut 
(p. 123), so stelle ich die Zeugnisse der Alten voran, dafs In- 
dier, Chaldäer die Unsterblichkeit der menschlichen Seole zuerst 
behauptet haben, die Ägyptier aber zuerst, dafs sie mit dem 
Tode in Thierleiber einwandern müsse, bis sie wieder in einen 
MenschcnkÖrper zurückkehre. Diese Seelenwanderungslehre hat- 
ten und haben bekanntlich die Indier auch, um von andern Völ- 
kern nicht zu sprechen; ich unterlasse jedoch hier zu fragen, 
welcher jener zwei Nationen die Priorität dieser Lehre gebühre, 
und bemerke dafür, dafs zugleich mit jener Nachricht die Be- 
merkung verbunden wird, dafs jene Lehren griechische Weise 
den Ägyptern abgeborgt, sie aber als ihre eigene vorgetragen; 
womit ohne Zweifel Orphiker, Pherecydes von Syros und Pytba- 
goras gemeint sind. *) — Ob Gregorius von Nyssa in seinem 
Dialog über die Seele auf Anaxagoras anspielt (z. B. p. 104 ed. 
Krabinger) kann man dahingestellt seyn lassen. Im Allgemeinen 
darf man annehmen, dafs die jonischen Philosophen sich mit 
dem ganzen Morgenlande in dem Hauptsatze vereinigten, »die 
Seele, als ein Theil des Alles durchdringenden göttlichen Geistes, 
öberdäure dieses Leben im Hurper, ohne dafs sie über den Zu- 

•) Herndnt. II. 128 mit den Cotntnentatt. Herodott. p. 815. Pauuan. 
IV. 32. 4. Daviee zo Cicer TnieoU. I. 16 p. 127 ed. Moser und 
Wyttenbach Corom. de Veter. »ententt. de vita et statu animorum 
liest mortem , in den Opuionll. Toni. II. p. 521 seqq. 



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244 Schriften christlicher Philosophen, 

stand nach dem Tode etwas bestimmten ; wenigstens ist von sol- 
chen Behauptungen nichts bekannt. *) Des Pythagoras und sei- 
ner Anhänger wird desto öfter gedacht , theils namentlich , theils 
so , dafs man sie nicht verkennen kann. **) Die Pythagorische 
Lehre von der Seelenwanderung in Verbindung mit jenseitigen 
Strafen und Belohnungen , wie sie auch bei Pindar geschildert 
werden, findet ein gelehrter Forscher***) der indischen sehr 
ähnlich. Wenn auch der bilderreiche Empedohles vielleicht 
wenig oder nichts Eigenes dieser Pythagorischen Lehre beigelugt 
hatte, so wird er doch in diesen Gesprächen eben des poetischen 
Glanzes willen , womit er jene umgab, oft besprochen, f) Desto 



•) Wyttenbach a a. O. p. 611 seq. 

*•) Aenens p. 18. Zachar. p. 102. Hoiss. Gregor. Nyas. p. 102 sq. Krab. 

'*') W. v. Humboldt in A. W. t. Schlegels Indischer ßihliothek II. S. 360 
und die Stellen des Pindar in Platons Menon p. 16. vgl. Olymp. II. 
Plutarch. Morall. p. 120. Clem. Alex. Stromm. III. p. 433. IV. p. 541. 
Doch ist hier Einiges zu unterscheiden , z. B. wenn die Vedanta- 
Lehre einen solchen Zustand geistiger Reinheit und höchter Er- 
kenntnifs vollkommener Menschen behauptet , die diese ausnahms- 
weise von der Notwendigkeit der Seelenwanderung befreiete , und 
ihren Geist nach dem Tode sich mit der Gottheit wieder vereinigen 
liefs. (vergl. W indischmann Snncara p. 115 seqq.) 

|) S. Aeneas p. 5 sq. Gregor. Nyss. p. 102 it. a. a. O. — Seine See- 
lenlehre bei Stmplic. in Aristotel. de anima fol. 6. vergl. Sturz p. 
203 sq. 217. p. 443 sq. und Annot. in Plotin. p. 270 sq. — Jo. Phi- 
lopon. fol. rect. 18 nimmt in dieser Lehre des Empedoklcs Einiges 
symbolisch. Dasselbe sucht dieser Ausleger in derselben Lehre von 
allen Pythagorecrn zu erweisen, von denen gerade hierbei auffal- 
lende Bilder und Ausdrücke überliefert «nd. dXX" <V» (fol. 17) 
vufxßoXm^ ijv *j tcüv IlvSayo^ i i'tuv it&aenaXia ä-ns^Mxrivrtm tu hoyixara — . 
und im Verfolg: 3*r ^«"v rt tcüv (pa/vo^vwv cs^von^cv , — und wei- 
terhin aXXo rt &td tq-Jtwv cuvirrcptvot. Das heifst doch wohl , die , 
Pythagoreer tragen ihre Lehren bildlich, sinnbildlich vor; 
sie brauchen bei ihrem Vortrag Metaphern, Allegorieen u. dgl. 
Kaum hatte ich diese Bedeutung von ffvfMtfoXov, ovpßoXt*o>s k. r. Ä. 
gegen Herrn Hartungs Behauptung (Religion der Römer VII. f. 
u. 14): „ <ru'fj.ßoXov bedeute nur Zeichen und Pfand", in der An- 
zeige dieses Werks (Ileidclb Jahrhb. d. Lit. 1837. S. 116. f.) neu 
zu bestätigen gesucht, so kommt ein unreifer aber desto vornehmer 
thtiender Referent über dasselbe Buch , und schiebt meinen Begrif- 
fen »an Symbol und Symbolisch sehr gütig die Bedeutungen von 
„abstrakten Bildern " unter, die „aus dunkler Speculation 
und verworrener Allegorie hergeleitet werden." — Dieser Re- 
ferent ist nicht ebenbürtig und braucht also nicht genannt zu wer- 



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herausg von lioissuoade , krabingcr u' Sinncr. 245 

bedeutender sind einige Sätse dieser Psychologie und Ethik, die 
dem Pythagoreer Philolaos beigelegt werden. Folgende Worte 
haben wir ooch in Dorischer Mundart übrig : » Es bezeugen auch 
die alten Theologen und Weissager, dafs gewisser Züchtigungen 
wegen unsre Seele mit dem Leibe verbunden , und in demselben 
wie in einem Grabe beerdigt ist.« — Ein Satz, der als allge- 
mein pythagoreisch betrachtet werden raufs, da er auch un- 
ter dem Namen anderer Philosophen dieser Schule angeführt wird. 
Jene Theologen sind die Orphiher , und diese ganze Lebensansicht 
war nicht blos thrahisihe Geheimlehre, sondern hatte auch eine 
Volkssitte zur Folge , dafs der Mensch bei seiner Geburt mit 
Trauer und Wehklagen empfangen wurde. Jener Gedanke ward 
auch so gewendet, dafs es hiefs, wir seyen hier in Gefangen* 
schaft. Erst spätere Philosophen, namentlich Stoiker, haben die- 
sem Ausdruck den andern Gedanken untergelegt, wir seyen hier 
auf einem Wacheposten, den wir unabgerufen nicht verlassen 
durfiten. •) 

Aber auch aus jener altem Erklärung , dafs wir in diesem 
Leibe wie in einem Kerker zur Strafe eingeschlossen seyen , wird 
als Folgesatz die Verwerflichkeit des Selbstmordes abgeleitet. 
Da Zacharias in seinem Gespräche dieser Folgerung gedenkt**), 
ao mufs hiervon etwas ausführlicher gehandelt werden. Wie frühe 
dieser Folgesatz aufgestellt worden , beweiset die Anführung des 
Philolaos, der ihn eingeschärft habe, und zwar mit Beifügung 
folgender Gründe , zuvorderst aus der Gefangenschaft, worin sich 
unsere Seele im Körper befände, dürfe sie' sich selbst nicht be- 
freien , sodann , weil die Gotter für uns sorgen , die Aufsicht über 
uns führen , und wir ihre Besitztümer seyen ***). Von andern 

den. Aber die ao eben wieder einreihende , «um Theil vielleicht 
absichtlich herbeigeführte Begriffsverwirrung über Symbol und 
Mythus verdient eine neue besondere Erörterung. 

•) Clemens Alei. Strom. III. p. 433. Athen. IV. p. 157. «gl. Wyttenb. 
1. 1 p. 532, Boeckh's Philolaos und die Annott in Hol in. Vol. Iii 
p. 17 seqq. und pag. 26*0 seq. 

") Pag. 93 Boiss. Plato habe im ganzen Phädon durch den Mund des 
Sokrates das Sich nicht selbst herausführen dürfen zu er- 
weisen gesucht; ri «*J it7v i^äyeiv tWrov, nach dem bekannten phi- 
losophischen Kunstausdruck. Daher der Selbstmord : i^uywy^ und 
der aus guten Gründen unternommene der Stoiker wkoyof i%ayayajyij t 
rationalis exitus ; wovon im Verfolg. 

*••) Piaton. Phacdon. p. 61 D, E p. t>2 B mit Wyttotibach p. 130 sqq. 
und Boeckh a. a. O. 



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Schriften christlicher Philosophen , 



dialektischen und moralischen Gründen sprechen hierbei die Aus- 
leger des Piaton , and es werden hernach einige davon angeführt 
werden. Hier mtifs zuerst eines mythischen Grundes gedacht 
werden, den sie auch berühren: Wir sollen uns nicht selbst aus 
dem Leben befreien, weil unser Leib ein Theil des Dionysischen 
Leibes ist, denn aus der Asche der verbrannten Titanen, welche 
des Dionysos Fleisch gegessen , sind unsere Menschenhörper ge- 
bildet worden *). — So fremdartig und seltsam eine solche An« 
thropologie uns erscheinen mag, so sehr gemäfs* ist sie dem Gei- 
ste des Orients. Das Brahma, sagt die indische Lehre, ist der 
Menschenseele Quell und Ursitz, zu welchem sie als geläuterter 
Geist aus dem Kreisläufe durch die Korper wieder zurückkehrt, 
und die Menschenleiber in der Folge der Generationen sind De- 
compositionen von Brahmas L'r- und Universalkörper. Nicht an- 
ders die ägyptische , welche im O^iris das Substrat aller Leiber 
ond 'des gesammten Leibeslebens erkennt, in dessen Schoos die 
Seelen am Schlüsse der Umhörperungen (Metensomatosen) wieder 
aufgenommen werden". Erkennt man in jenem wunderlichen Or- 
phisch-Pythagorischen Dogma Bruchstücke jener orientalischen 
Seelenlebre, so verlieren sie ihr Seltsames und Abstofsendes. — 
Die Gründe gegen den freiwilligen , gewaltsamen Tod hat ein 
Lehrer des fünften Jahrhunderts , David der Armenier **) , wei- 
ter ausgeführt. Da der Commentar, worin diese Satze enthalten 
sind, noch ungedruckt ist, so hebe ich hier einige aus. ***) 
. Zuvorderst wird das Mifsferständriifs besprochen, als oh Piaton 
im Pbädon unter der Vorbereitung zum Tode (jisXcrq Savarov) 
das Beschleunigen und gewaltsame Ergreifen des physischen To- 
des verstanden habe; wobei das Beispiel des Kieombrptos erzählt 
wird , der nach Lesung jenes s Platonischen Gesprächs sich von 
einer hohen Mauer herabgestürzt habe, und die Grabschrift des 



•) Olympiodorus in Phnedon. bei Wyttcnhach p. 184 und in der cd. 
prine. p. 1 ed. Mustoxydi* ; und über diu ganze Lehre die Annott. 
in Plotin. I. g. ire^t *H«7"T1f Vol. III. p. 79—83. 

••) Über ihn a. Prolegg. ad Plotin. Tom. 1. p. XXXI — XXXIV. Dieser 
Philosoph, der am Anfang des sechsten Jahrhunderts gestorben zu 
seyn scheint, hat armenische und griechische Schriften hinterlas- 
sen; wie er denn beider Sprachen vollkommen mächtig war. 

***) Aus dem griechischen Commcntar in quinque voces Pnrphyrii, nach 
Pariser und Münchner Handschriften, (s. die angeführten Prolegg.) 



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hrrausg. toii Uoiasuiiadc , Krftliin«;cr n Sinner. 247 

Haliimachos auf diesen unglücklichen Jüngling angeführt •) ist. 
Dafs Plato nicht die eigene Wahl des physischen Todes habe 
empfehlen wollen , wird darauf durch vier Schlufsfolgcn darge- 
than: Erstens, im Gegenfnll würde dieser Philosoph in demsel- 
ben Buche sich selbst widersprechen, da er ja im Verfolg darauf 
dringe, dafs wir in dem Kerker dieses Leibes, in welchen wir 
vun Gott verwiesen seyen, ausharren sollen, bis Gott uns selbst 
von unsero Fesseln lose. Zweitens , der Philosoph solle sich Vet- 
ähnlichung mit Gott zur Aufgabe seines Lebens machen, dasselbe 
aber vor der Zeit verlassen entspreche nicht nur nicht der Ähn- 
lichkeit mit Gott, sondern sey auch der Frevel eines Tyrannen. 
Der dritte Sata wird dem Plotinos abgeborgt. Dieser lehre : 
Gott sey gut, und erstrecke seine Güle gleichmäßig über alle 
nach ihrer verschiedenen Empfänglichkeit Auch auf die gering- 
sten Geschöpfe verbreite er seine Aufsicht und Fürsorge. Wolle 
nun der Philosoph ihm ähnlich seyn , so müsse seine philosophi- 
sche Seele für den geringeren Körper sorgen , ihn nicht verlas- 
sen, sondern abwarten, bis der, welcher sie in den Korper ge- 
bunden, sie lose und aus demselben herausführe. Der vierte Satz 
wird vom ProUlos entlehnt. Fr lautet so : Die Tugend ist sich 
selbst genügend zur Glückseligkeit , diese letztere aber entflieht 
nicht den härtesten Schicksalen, sondern sie behauptet darin ihre 
Stärke. Da nun die Philosophie ein Chor (Verein) der Tugenden 
ist, so besitzt sie auch die Glückseligkeit; woraus folgt, dafs sie 
auch im äussersten Mifsgeschick sich standhaft erweiset und dem- 
selben auf keine Weise zu entlaufen sucht. 

Auf Stellen des Dichters, der die Pythagoreische Weisheit 
auf die Bühne gebracht , spielt Gregor von Nyssa in diesem Ge- 



•) Der erste Vers erscheint auch hier so : 

ElVa* "IIA/« (IjAi« (Cod. Mon.) KA«e/u*3£0Tc; w^anmr^ ('AfU 

ßta*tt»T>fr Cod. Mon.) statt des mehr poetischen: 
"HA/t yetl^t (Qativi, KAiC>/3fCTo; cu/u^x/uSr^; 
(S. Jacobs Commentar in Anthol. Gracc. Vol. VII. p. 308.) Es ist 
aber ausserdem nach Handschriften und Münzen zu schreiben: 
uZ'pirpaK/gJTij;, (s. meiue Anmerkung zum Olyropiodor. in Piaton. 
Alcib. 1. p. 5). Denselben Grammatikern , die uns jenen poetischem 
Anfang geliefert, verdanken wir auch ein Distichon des Philoso- 
phen Olympiodorus , worin er im srharfen Gegensätze bekennt, 
hätte ihn dieselbe Schrift des Piaton nicht über den Sinn und Geist 
des Lebens belehrt, so würde er einem elenden Leben lieber ein 
Lade gemacht, als es ertragen habeu. (s. zum Olympiodor p. 332.) 
Diese Platonische Lebensweisheit thäte unsre/ Jugend noth ! 



* 

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248 Schriften christliche Philosophen , 

0 

• 

spräche zweimal An, wie in den Anmerkungen richtig nachgewie- 
sen worden.*) Hierher gehört der bekannte Satz des Epichar- 
mus von dem Principat des Geistes, dafs er allein sehe und höre, 
und alles Andere blind und taub sey. **) Aber einen besonders 
hierher gehörigen Kernspruch desselben Poeten haben wir allein 
dem Plutarchus zu danken. ***) »In Wahrheit, heifst es dorten, 
gar viele sterben wegen ihrer Nichtigkeit und Todesscheu, damit 
sie nicht sterben. Schon sagt daher Epicharmos : Es war zu- 
samrnengefügt und ist getrennt worden, und ist zurückgekehrt 
woher es gekommen war, Erde zur Erde, der Geisteshauch aber 
aufwärts.- Was ist bei dem Allen für Beschwerde ? Nicht Eine.« 
welchem Gedanken derselbe Dichter in einer andern Stelle diese 
ethische Wendung giebt: »Warst du im Geiste fromm, so er- 
leidest du gestorben nichts Übles Oben verharret der Geistes- 
bauch im Himmel. « 

So behaupteten also die Pythagoreer aus denselben Princi- 
pien wie die jonischen Philosophen die Unsterblichkeit der Men- 
schenseelen ; die Gottheit sej die wirkende und die materielle 
Ursache der Seelen, welche demnach, höhern Ursprungs als die 
Körper, fortdauerten, und ihr Bewegungs- und Handlungsptincip 
in sich selbst hätten. Wenn aber die Joniker über ein künftiges 
Leben nichts bestimmten, nahmen die Pythagoreer eine Fortdauer 
des Läuterungsprocesses im gegenwärtigen Leben , die Seelen* 



') Zu p. 20, B. und su p. 138, D — Wenn zu der ersten Stelle 'zwei 
Handschriften zu den Worten: l xaAcü^ t/; tujv ra t£a> vtiratSt pt&wv 
«Areuv juty^ovrtj-ra/ die Anmerkung haben : oJfxui rov Mt'vavfyov t/va, 
(s. p. 193),. wie auch Orsini zu Cic. Tuscull. 1,-0 meinte, so wer- 
den "beiden Dichtern, Epicharraus und Mcnandcr, nicht seilen die* 
selben Spräche beigelegt (s. Meincke ad Menandri reliqq. p. 191 cf. 
166) , und beide haben manche Gedanken mit einander gemein. 

**) s. Davics und Moser ad Cic. 1. 1. p. 154 sq. ed. Moser, vgl. Kmsr- 
iii an n in Epichormi Fragg. p. 82 sq. und Annott. in Plotin. p. 122, b; 
wo ich unter Andcrm bemerk! hübe, dafs Plnton im Theätct und 
Aristoteles von der Seele diesen Gedanken weiter ausgeführt habeti. 

*'*) Consolnt. ad Apolloniura p. 110, A p. 435 Wyttcnh. , wo im Text 
ou'Snttatv und in der lat. Übersetzung ob vititatem anirai zn ver- 
bessern ist. — Auch diese Gedanken de« Epicharmos hatte sich 
Menander angeeignet, dem hinwieder Gregor von Nnzianz eine Sen- 
tenz über den Werth des Lebens abgeborgt hat Gnom, monost. 444 
(s. Valkcnaer Diatrib. Euripid. p. 54 C Wyttenb. ad Plutarch. 1. I. 
p. 731 und Meineke ud Menandr. p 166 sq.) Die andern Stellen des 
Epicharmus hat Clemens Alex. Stromat. IV. p. 541, C aufbehalten. 



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herausg. von Boissonarie, Krabinger u. Sinner. 249 

Wanderung an mit einer providentiellen Anstalt von Bestrafung 
oder Belohnung der menschlichen Handlungen während dieses 
Lebens; welche Lehrsätze in Mythen eingehleidet waren, deren 
Pythagoreische Grundzuge in den oben berührten Stellen des Pin- 
dar and im Platonischen Phädrus *) durchschimmern. Herahli- 
tos wird von unsern christlichen Philosophen ausdrücklich ange- 
führt, doch öfter nach seinen Dogmen bezeichnet. **) Bei die- 
sem tiefen Denker ist man jedesmal in Verlegenheit, seine wahre 
Meinung auszumitteln. — Das ist denn auch bei seiner Seclen- 
lehre der Fall. Denn ein Philosoph, welcher sagt, »er habe in 
dem ewigen Flusse (des Universum) sich selbst gesucht , und 
auch sich nicht gefunden«, konnte fast beargwöhnt werden, als 
* habe er die Permanenz des' Geistes bezweifelt, oder gar geleug- 
net. AHein er statuirte in der That, es gebe ein Seelenleben 
nach des Körpers Tod, und zwar ein fiel klareres und wirksa- 
meres als das gegenwärtige , sinnliche ; so dafs dieses letztere 
dem Tode ähnlich sey. Daher auch sein Satz Tora ToJo der 
Seelen nichts Anderes besagte, als ihre Verbindung mit dem Kor- 
per, und der vom Leben der Seelen nichts Anderes, als deren 
Befreiung vom Körper. Daher er sich auch im Preisen des To- 
des und im Verachten des Lebens den Orphikern anschlofs; wio 
ihnen und den Pythagorecrn in der Annahme von künftigen Be- 
lohnungen und Strafen. Auch spricht sich ein wahrhaft ethisch- 
religiöses Bewufstseyn in mehreren seiner Sentenzen aus , wie z. 
B. in diesen : » die Leiber sind der Seelen Gräber ; die Menschen , 
sind sterbliche Götter , lebend jener Tod und sterbend jener Le- 
ben, und die Menschen erwartet nach dem Tode was sie nicht 
hoffen noch glauben«.***) Dafs Plato von Äneas, Zacharias 
und dem Nyssener Gregorius theils ausdrücklich genannt, theils 
noch öfter bei manchen Stellen gemeint sey, braucht nicht be- 
sonders bemerkt zu werden. Um beurtheilen zu können, ob und 
in wie weit ihre Auffassung seiner Seelenlehre richtig sey, be- 
sonders die von der Unsterblichkeit, ist hier eine kurze Dar- 



•) Woraur auch Aneas p. 5 «q. anspielt Man s. auch Dissen ad Pin- 
dari Olymp. II. 68 und Thren. frapni. 4 Tergl. Piaton. Phaedr. p. 
246, c — 248 mit Ast's Commcntar p. 898 ff. 2ter Ausg. 

••) Aeueas p. 5 und p. 37. Gregor. Nyss. de anima p. Ii2. 122 u. 138. 

*") Schleiertnachsr's Ilcraklcitos in F. A. Wolf« und Ruttmnnn's Mu- 
seum d. Altcrth. I. S. 498 ff. n. 531. Ich habe die Herakliteischen 
Lehrsätze mehrmals besprochen zum Plotinus Vol. III. p. 85 b. 
p. 168 b p. ZOO und p. 512. 

4 



I 

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Schriften christlicher Philosophen, 



legung der wahren Ergebnisse der Platonischen Docttin erfor- 
derlich. 

Über das Wesen der Seele erklärt sich dieser Philosoph in 
mehreren Dialogen , besonders im Phädros and im Timäos *). 
Die Lehre von der Seelen Schicksal lauft auf folgende Sätze hin- 
aus. Die Seelen werden künftig seyn, wie sie vorher geweseo. 
Nach dem Tode des Körpers werden in der Unterwelt ihre Belob- 
nungen und Strafen bestimmt; letztere als Arznei um ihrer Heilung 
willen, oder zur wohltha'tigen Läuterung **). Nur den Unheilbaren 
werden diese "pädagogischen Mittel nicht zu Theil ; diese bleiben 
ewig im Tartaros, damit die Übrigen von Verbrechen abgeschreckt 
werden ***). Die Seelen, welche in diesem Leben ernstlich sich der 
Philosophie ergeben, und sich der sinnlichen Lüste entschlagend 
rein geblieben, bleiben bei den Göttern und kehren nicht in Körper 
zurück, die übrigen müssen nochmals wandern f), doch so, dafs ih- 
nen die Wahl gelassen wird, welche Lebensweise sie wählen wolleo. 
Je nachdem sie nun dieses zweite Leben geführt , wird nach dem 
neuen Tod ihr Schicksal seyn. Zum ersten und ursprünglichen 
Zustande kehrt keine Seele zurück , als die , welche sich von al- 
len Flecken des Körpers und der Sinnlichkeit gereinigt hat. Der 
Lehrsätze des Aristoteles wird von Zacharias ff ) Erwähnung 
gemacht. Was aber von Bedeutung ist, so wird dieser Philosoph 
im Gespräche des Nysseners als Leugner der Unsterblichkeit der 
Seele bezeichnet fff). Wie solch eine Meinung entstehen konnte, 



") Phacdr. u. 247 /Tim. p. 3 1 Tgl. auch Phaedon. p. 95. Oer Kürze 
wegen rauft ich auf meine Bemerkungen zum Plotinus verweisen, 
besonders zu III. 6 (Anuntt. p 173 — 177 sqq.) und zu den Büchern 
«tpJ >\tvy*fr IV, 1 sqq. (Annott- p. 200 sqq.) 

Cratyl. p. 403, c. Lcgg. V. p. 727. VIH. p. 828. vcrgl. Wyttenb. 
Opuscull. II. p. 596 sq. und ad Phaedon. p. 206. 
•••) Phaedon. p. 113. Gorg. p. 525. Lclztcro Stelle erklärt richtig Les- 
sing in den theologischen Aufsätzen, im Abschnitt: Leibnitz von 
den ewigen Strafen Nr. 18. (Werke Bd. XXV. S. 277 f.) 

f) Phaedon. p. 107 de republ. X. p. 617 vgl. Annott. in Plotin. p. 160 sqq. 

und p. 1 fit; sqq. Der letzte Satz des Plato stimmt mit dem oben aus 
. der iifdischen Religionsphilosophie angeführten überein. 

ff) Pag. 98 ed. Boiss. 

tii) Png> 42 cd. Krab. mit dessen Anmerkungen p. 218 sq., Wo in Be- 
treff der bekannten Entelechie auf meine Note zu Plotin. Vol. IL 
p. 676 verwiesen wird. Jetzt vergleiche man die schone Erörterung 
in den Münchner Gelehrt. Anzeigen 1837 Nr. 228 S. 807 f. — Jene 
Behauptung des Gregor von Nysea berührt auch Rupp in der Schrift: 



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hcrausg von Hoissonsde , Krabioger u Sinner. 851 

ergiebt sich eines Thcils aus einem Zeugnifs des Philosophen 
Attikos, welcher sagt, Aristoteles habe zwar den Geist (vov$) 
als unsterblich gesetzt, aber nicht erklärt, wie die Unsterblich- 
keit dem Geiste zukomme, auch habe er sich gar nicht darüber 
ausgesprochen, welches der Zustand des Geistes nach dem Toda 
sey. Es hatte also dieser Philosoph auf eine unbestimmte Weise 
von der Unsterblichkeit des Geistes geredet, wie es scheint, dem- 
selben ein unsterbliches Leben beigelegt, jedoch baar der indivi- 
duellen Vorstellung, des Gedächtnisses, des Verlangens, der Lust 
und des Schmerzes. — Verglich man nun noch die Richtung der 
Philosophie Piatos mit der de* Aristoteles j wie jener die Un- 
sterblichkeit zur Ilauptgrundlage aller seiner Lehren gemacht t 
wahrend sie bei Atistoteies nur die untergeordnete Bedeutung 
eines Folgesotzes hatte, durch dessen Aulhebung der Zusammen- 
hang des ganzen Systems nicht im Geringsten erschüttert ward; 
ferner dafs Plato*s ganze Ethik auf die Unsterblichkcilslehre ge- 
baut war, hingegen die des Aristoteles nicht, so wird es sehr 
begreiflich, wie die Meinung sich bei Vielen gellend machen 
konnte , als habe Letzterer der Seele die Unsterblichkeit geradezu 
abgesprochen. *). 

So begreiflich die Entstehung einer solchen Vorstellung von 
des Aristoteles Seelenlehre im Allgemeinen ist, so schwer ist doch 
einzusehen, wie der Nyssener Gregorius sich derselben hingeben 
konnte, da er doch zu einer Schule gehörte, welche die esote- 
rischen Schriften des Aristoteles und namentlich seine Dialogen 
kannte, dann über letztere verdanken wir Basilius dem Grofsen 
eine sehr bestimmte Nachricht, nämlich, wie des Aristoteles und 
Theophrastus Dialogen sich von denen des Plato unterschieden. **) 
Unter den Gesprächen des Stagiriten war aber das, Eudemos, 
oder von der Seele betitelte eines der berühmtesten. Aristo- 
teles hatte es seinem Freund Eudemos aus Cyrene geweiht. Die- 



Gregoj's, des Bischofs von'Nyssa, Leben und Meinungen, Leipzig 
1884. S. 17. An m. 10, ohne jedoch die Grunde dieses Satzes oder 
überhaupt den Inhalt des ganzen Dialogs von der Seele näher zu 
würdigen. 

*) Eusebius Praep. Eving. XV. g vgl. Wyttenb. Opuscull. II. p. fi05 
— Ii 10. Auch Theophrastus, des Aristoteles Schüler, hatte eine 
6&7f, ^uy»}; geschrieben (Diog Lacrt. V, 26.) Weil keiner 

Differenz der Seclonlehrc beider Philosophen gedacht wird, so hielt 
man sie wahrscheinlich für übereinstimmend. 

>) Basilii M. Epistoll. nr. 167. 

* 



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2*2 



Schriften christlicher Philosophen , 



•er hatte sich mit mehreren änderet) Griechen der Unternehmung 
des Dion angeschlossen, war aber bei Syrakus in einem Treffen 
geblieben. Ihm hatte Aristoteles Elegieen gewidmet, und aus 
Anlafs seines Todes den nach ihm genannten Dialog geschrieben. # ) 
Vermutiiiich war in dieser Schrift die von Cicero aufbewahrte 
Erzählung eines eingetroffenen Traumes vorgekommen **) ; wor- 
aus wir schon auf populären Ton und Inhalt dieser Schrift zu 
ßchliefsen berechtigt sind. Dies letztere sagen uns auch die Er- 
klärer des Piaton und des Aristoteles bestimmt. Sie vergleichen 
die strengere und vom Mythischen abstrabirende Seelenlehre im 
Timäus mit der Behandlung desselben Gegenstandes in den drei 
esoterischen Buchern des Aristoteles von der Seele (worin näm- 
lich diese Lehre mehr auf physische Weise, <f>vaix©$, abgehan- 
delt worden ; hingegen die mehr in den religiösen Volksglauben 
eingehenden Lehren und Mythen im Phädon und in einigen an- 
dern Platonischen Dialogen ( z. B. von der Herabkunft der See- 
len , von den Loosen , die sie sich erwählen o. dgl.) mit der Ein- 
kleidung und dem Inhalte dieses Aristotelischen Dialogs Eudemos, 
den sie selbst eine Nachahmung des Phädon nennen. ***) — Die 
Lehren, welche der Stagirit in seinem Eudemos populär darzu- 
thun bemüht war, vereinigten sich in dem Hauptsatz, dafs die 
Seele nicht eine Harmonie sey. Der Gegensatz war eine im Al- 
terthume , besonders unter den Pythagoreern und Musikern sehr 



•) Plutarch. Dion. cap. 22. Fabricii bibliotheca Graec. III. p. S92 ed. 
Harles. Eu$>#*cs ij xt^i ^vy>1l' Aus ähnlichem Anlafs, nämlich we- 
gen des jüngst erfolgten Todes seines Bruders Basilius, hatte auch 
unser Gregor das vorliegende Gespräch über die Seele verfallt. 

*) Cie. de Divinat. 1 , 35. 53. Jetzt ersehe ich aus den Münchner co- 
piae Victorianae in der Moscr'schen Ausgabe p. 129 , dafs schon 
Pietro Vcttori dieselbe Vermuthung gehabt hat. 

*) Über das Exoterieche des Eudemos überhaupt: Jon. Philopon. in 
Aristotelem de anima fol. 158; sodann das Nähere bei Simplicioa 
de anima fol. 14. und Proclus in Pitttonis Tim. V. p. 338. Diese 
letztere Stelle habe ich zum Plotinus mitgethcilt Annott. p. 259 u. 
Hierbei bemerke ich gegen Wittenbachs Ansicht (ad Phaedon. p. 
210 sqq.), daft Plotinus in seinen späteren Schriften die Lehre von 
der Scelenwanderung und so manche andere von den Philosophen 
fortgepflanzte Erzählungen für Mythen hielt, und vom Mythus 
überhaupt eine §chr gesunde Vorstellung hatte (s. Annott. p. 5, a. 
p. 162, b. p. 209, a. und p 264, b.). x Über Plotins Pncumatologio 
hier nur noch dies : Ein solcher Philosoph konnte überhaupt eine 
Geschichte der Seele nicht zulassen, weil er die Seele als solche 
weder zeitlich noch räumlich -ich denken konnte. 



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hcrauig. von BoUsonade , Krabinger u. Sinner. 255 

verbreitete und von Aristoxenos wieder aufgenommene Meinung, 
welche Aristoteles auch in seinem esoterischen Werke •) zu wi- 
derlegen sucht. Die populäre Methode der Beweisführung läfstt 
sich ziemlich deutlich aus einer Stelle des Olympiodor **) ab- 
nehmen. Er hatte dagegen behauptet, die Seele sey ein Wesen 
(ovala) an sich oder ein Begriff (at&of) ***) — Ein neueres 
Bruchstuck, nach Ton und Inhalt unstreitig den exoterischen 
Schriften angehörig , hat uns- noch ein spaterer Schriftsteller f) 
aulbehalten : » Wenn Tugend ist ( vermögend uns glücklich zu 
machen), so ist Gluck (Zufall) nicht. Denn was des Glückes ist, 
wird in den menschlichen Dingen auf- und abwärts in einer rast- 
losen Bewegung herumgetrieben durch Rcichthum und besonders 
durch Ungerechtigkeit. Die aber der Tugend sich hingeben, 
Gottes eingedenk sind, und in besseren Hoffnungen auf die see- 
ligen und unkörperlichen Dinge sich einwiegen, — solche ver- 
achten die Glucksguter dieser Erde.« — Da der Schlufs die 
Seelenunsterblichkeit ganz deutlich ausspricht , so konnte dieses 
Fragment wohl selbst dem Eudemos angehören. Dafs ihm ein 
anderes und zwar ein herrliches Bruchstuck angehört, versichert 
Plutarch ausdrucklich, der es uns wörtlich mittheilt, ff ). Ich 
setze den Anfang hierher: »Daher, mein Bester, achten wir die 
Abgeschiedenen nicht allein glucklich und seelig, sondern wir 
halten es auch für gottlos , etwas Unwahres oder Lästerliches 
von ihnen zu sagen , sintemal sie schon bessere und göttergleiche 
Wesen geworden.« Es ist dieses Fragment deswegen merkwür- 
dig, weil jene Lebensansicht, welche den Tod anpreiset, einem 
mythischen Wesen, dem alten Silenos, in den Mund gelegt wird. 
Der Gharakter der Sprache ist darin ebensowohl dem grofseo 
Gegenstande als dem volksthümlichen Zwecke angemessen, und, 

•) De nnima I. 4. Simpücius a. a. O. Tgl. Annott in Plotin. p. 171 sq. 
") Zorn Phädon bei Wittenbach p. 249. 

•-) Simpliciui de oniraa fol. 62, wo rt dxo^ahtnu njv y\nytfv tlvai 

alt Hauptsatz dieses Eudemos nngegeben wird ; welche von Wit- 
tenbach übergangene Stelle ich deswegen wörtlich beifüge , weil f 
bei Darlegung verschiedener Ansichten vom Wesen der Seele, die- 
ser Satz auch einem andern angehören könnte. Aber Aristoteles 
selbst hatte die Seele so bezeichnet, 
f) Joh. Laurentius Lydus de Mensa. IV, 61. p. 262 — 254 ed. Röther. 

fi) Consolatio ad Apollonium p. 115 B — E, p. 453-455 ed. Witten- 
bach. Ich folge dabei den Textes? erbesserungen dieses Heraus- 
gebers in den Animadverss. p. t66. 



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254 Schriften christlicher Philosophen, 

ganz verschieden von der nüchternen und gedrängten Schreibart 
des Philosophen in den esoterischen Werken , hat sie Kraft t 
Fülle, Großartigkeit und fast tragischen Ton und Farbe. 

Des Stoischen Dogma's von der Weltverbrennung (lx*6* 
QQoiq ) gedenkt Zacharias ; und Gregoriua fuhrt in diesem Ge- 
spräche die Stoiker und Epikureer an*). Die ersteren hat- 
ten die Seelenlehre fleißig bearbeitet, und Chrysippos allein hatte 
ein Werk von zwölf, wo nicht mehreren Buchern ne^l ^»ft 
geschrieben **). Sie nahmen mehrere Theile (Kräfte) der Seele 
an, Chrysippos acht, und nannten den edelsten das Hegemonikon* 
Doch behaupteten sie, die Seelen aeyen nicht unsterblich, denn 
auch die lebenskräftigsten wurden vom fatalistischen Weltbrande 
verzehrt, oder vielmehr in das allein ewige gottliche Element 
des Feuers aufgelöst, ohne jedoch bei der neuen Weltentstehung 
wiederum ins Leben gerufen zu werden. Die Seelenunsterblich- 
keit war nicht ein Fundamentalsatz in diesem System, wie im 
Platonischen. Wenn sie nämlich den Seelen der Guten eine län- 
gere Dauer und eine gröfseie Glückseligkeit beilegten, als denen' 
der Bösen, so erkannten sie in dieser Verschiedenheit keine An- 
stalt providentieller Gerechtigkeit , sondern nur eine natürliche 
(physisch. noth wendige) Folge aus der Natur der Tugend und 

des Lasters •**). t 

Dieses praktische System bekämpften die Platoniker ins- 
gemein und in allen Sätzen. Insbesondere widersetzten sie sich 
auch jener Stoischen Lehre von einem in gewissen Fällen wohl 
begründeten Austritt aus dem Leben {ivkoyoq fjayayoyjj). Diese 
Fälle zählt der Armenier David in den vor mir liegenden hand- 
schriftlichen Excerpten f) auf, und ich will das Wesentliche aus 
diesem Vortrag hier mittheilen : » Die Stoiker , sagt er , sind so 
eine Art Menschen wie Kleombrotos , weil sie die Philosophie als 
eine Vorbereitung zum physischen Tode genommen. Daher ha- 
ben sie auch fünf Arten eines vernunftmäfsigen Selbstmordes 
schriftlich aufgezeichnet. Es gleicht nämlich, sagen sie, das 



•) Zachar. p. 111 und Gregor Nys». p. 10. 
••) Baguet Comraent. de Chrytippo p. 8» sq. p. 181 sqq. 
~) Wyttcnbach. Opntcall. II. p. 681. vergl. meine Annott in Plotln. 
pag. 200 sqq. 

t) Aqi Codd. Mm. Pariit. nr. 1989 fol. Iii. Mouacc. nr. 99 u. 899. — 
Über Klcoiubrotos b. oben. 



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herausg. von Boistonado > Krabiogcr u. Slnaer. 255 

Leben einem langen Gastmahle»), an welchem die Seele zu 
schmausen scheint ; und auf wie viele Weisen das Gastmahl auf- 
gehoben w ird , auf eben so viele Weisen geschehen auch die 
wohlbegründeten Austritte aus dem Leben. Denn das Mahl wird 
aufgehoben auf fünf Arten , entweder wegen einer plßtfclicb ein. 
getretenen grofsen Nothigung , wie wegen Anhunft eines lang 
abwesend gewesenen Freundes. Aus Freude erheben sich näm. 
lieh die Freunde, und das Mahl wird aufgehoben; oder wegen 
hereinstürmender Nachtschwärmer, welche unanständige Dinge 
reden; oder weil die aufgetragenen Speisen faulig und ungesund 
sind; oder wegen Mangels an Nahrungsmitteln ; oder endlich wird 
das Gastmahl auch wegen Trunkenheit (der Gäste) aufgehoben. 
Auf dieselben (unf Weisen geschehen auch die vernunftroä'fsigen 
Austritte aus dem Leben: entweder wegen einer grofsen eintre- 
tenden Noth, wie die Pytbia einem befahl, sich für seine Vater- 
stadt selbst abzuschlachten , weil über dieser Stadt der unver- 
meidliche Untergang schwebte; oder wegen der frech anstürmen- 
den Tyrannen, die uns zwingen wollen, Schandliches zu thun, 
oder die Geheimnisse auszuplaudern ; oder wegen einer langwie- 
rigen Krankheit, welche die Seele lange Zeit hindert, sich des 
Korpers als ihres Werkzeugs zu bedienen **) ; oder aus Armuth ; 
oder endlich wegen Wahnsinns, denn so wie dort die Trunken- 
heit das Gastmahl aufhob, so ist es auch hier einem erlaubt, sich 
Wahnsinns wegen selbst zu tüdten. Denn Wahnsinn ist nichts 
anders als eine natürliche Trunkenheit, und nichts anders ist die 
Trunkenheit als ein vorsätzlicher Wahnsinn. — Plotinos jedoch, 
in seiner Schrift über den vernünftigen Austritt***), nimmt gar 



•) Diese Verglcichung kommt schon bei Aristoteles und Menander vor, 
war ein locus communis der consolationes , und wird auch vom 
Stoiker Epiktet angewendet (Dissert. I. 24. II. 16.) Daher auch die 
Parooomaaie: *j » ä*t9t t worauf Cicero (Tnscull. V. 41.) mit 

seinem: ant In bat , aut abrät, anspielt Vergl. Wittenbach Aoim- 
adverss. in Plotarcbi Consolat. Apollonii pa. 192. 

**) Hierher gehört auch die Volkssitte der Bewohner der Insel Cooa , 

welche Personen beiderlei Geschleohts im gebrechlichen Alter die 

Pflicht auflegte, freiwillig das Leben au verlassen (Heraclides Pont. 

do reb. publ. IX. p. 210 sq. ed. Korai), worauf Menander anspielt: 

(p. 237 Meineck) 

ii Der Keler Sitte scheint mir edel , Phanias , 
, Wer nicht kann glücklich leben , wirft das Leben weg. " 

(Vrgl. Brocndsted Reisen u. Untersuch, in Griechenland I. S. 63 f.) 
•••) Enncad. I. Hb. 0. p. 168 sqq. ed. Oion. 



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25« Schriften christlicher Philosophen. 

keine dieser fünf Arten an; er sagt, man solle überhaupt aus 
Fürsorge für die Seele den Körper nicht vernachlässigen, son- 
dern die gehörige sorgsame Aufsicht über ihn fuhren, bis er, 
untauglich geworden, sich selber von der Gemeinschaft mit der 
Seele losmacht. « — So weit David. 

Die Epikureer endlich, welche in der Ethik viele Sätze 
des Aristippus und Theodorus des Atheisten beibehielten, in der 
Physik aber den Mechanikern, namentlich dem Demokritus, folg- 
ten , hoben Vorsehung und Unsterblichkeit der Seele gänzlich auf. 
Sie liefsen den Menschen wie einen Rauch zerfahren , und das 
Leben wohl auch wie eine Wasserblase. *) 

Aus dieser Übersicht ergiebt sich , dafs unter den in den 
vorliegenden Dialogen berührten Systemen , wenn wir den Ari- 
stoteles und seine Schule ganz bei Seite lassen, die übrigen zwei 
grofsten und einflufsreichsten , das Pythagoreische und Platoni- 
sche, in Übereinstimmung mit den meisten Religionen des ge- 
sammten Morgenlandes, die Präexistenz {n^ofna^t<;) der mensch- 
lichen Seele vor diesem Leben , ihr vorheriges Seyn in Gott und 
ihre endliche Rückkehr in ihn als Cardinalsätze behaupteten. Ge- 
gen die hiervon gänzlich abweichenden Lehren der biblischen 
Schriftsteller A. und N. Testaments hatten christliche Väter kein 
Bedenken getragen, jenem Strome des Orientalismus zu folgen, 
und namentlich Origenes Adamantius war in dieser wie in man- 
chen andern Lehren ganz Platoniker geworden. In seiner Seelen- 
lehre waren die n^oina^iq und die dtnoxaxdaraQiq •*) , die 
Präexistenz und die Wiederherstellung, die beiden Angelpunkte 
seines Philosophirens. Je grofser aber die Macht seines Geistes 
und der Einflufs seiner Lehren war, desto ausgebreiteter und 
entschiedener war der Widerstand der Andersdenkenden. 



•) Gregor. Nyss. Dialog, de anima p. 10 mit den Auslegern. Wytten- 
bach ad Plutarch. de S. N. V. p. 402 sq. ed. Oxon. Plotinos* be- 
kämpft diese und andere Sätze der Epikureer zum öftern, s. B. IV. 
3. 19. IV. 4. 12. IV. 7. IL VI. 7. 24 u. 37 und VI. 8. 7. 

••) Letzteres war ein an« der Astronomie in die Religionsphilosophie 
Aerübergenommenes Kunstwort; denn d-roHaravTaai^ und aVoxara<rra- 
rfMo't wurde zuerst von Sonne und Mond gebraucht, wenn sie nach 
Vollendung ihres Laufs auf den Ausgangspunkt zurückkommen, 
dann aber auch von Sternen» und Sphärenperioden (s. die Anmerkk. 
zum Olympiodor. in Alcib. pr. p. 87 und zu Procl. Institut, theo- 
log. 296.) 

(Der Bcachluf$ folgt.) 



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N°. i7. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Schriften christlicher Philosophen über die Seele. 

(Betchluft.) 

Die Waffen wurden theils gegen die morgenländisch -heid- 
nischen Religionssysteme gerichtet, theils gegen die griechischen 
Philosophen, von den alten Pythagoreern und Plato an bis auf 
die spatesten Platoniker, Proclus u. A. herab, theils endlich di- 
rect gegen Origenes und seine Anhänger; und wenn der erste 
Verfasser einer christlichen Dogmatik jene Sätze als unschickliche 
Thorheiten des Origenes bezeichnete, so that die fünfte Constan- 
tinopolitanische Synode in ihrem ersten Kanon jeden in den Bann, 
welcher jene mythische Präexistenz und Wiederherstellung zu 
Behaupten wage. Wir haben in neuester Zeit aus der vatikani- 
schen Bibliothek einen ansehnlichen Zuwachs an Urkunden dieser 
Polemik gewonnen, und der neuen Ausgabe des Plotinui und 
des Proclus sind ans Manuscripten drei Streitschriften desselben 
Inhalts beigefugt worden. *) — Als ein Beispiel des mitunter 
sehr sarkastischen Tones solcher Polemik gegen die Philosophen 
hebe ich aus jener vatikanischen Sammlung # *) eine Stelle des 
Antiocheners Eustathius aus: »Aber da sie sich offenbar gefan- 
gen sehen, so nehmen sie von da an eine andere Wendung, und 
erdichten das Wasser der Vergessenheit , wovon sie sagen , dafs 
Alle, die dasselbe trinken, ihres vorigen Lebens Ursprung ver- 
gessen. Dafs dieses aber fabelhafte und der Philosophie fern lie- 
gende Beden sind , scheint kein Vernunftiger zu mifskennen. 
Denn was sollen wir sagen, o ihr Pythagoren und Piatone, habt 
ihr selbst das Vergessenmachende genommen und getrunken ; oder 
geyd ihr im Gegentheil ihm unbemerkt- entflohen ? Wenn ihr also 
im Stande wäret, dem Tranke des Irrthums zu entlaufen, so gilt 

•) S. Annott. in Plotin. p. 250 — 266. Zwei Schriften gegen Plotious, 
wie et scheint, beide von Nicephorus Nathanael und die de« Niko- 
laus von Methone gegen Proclus. Io letzterer wird des Origenea 
dTenardtrraa^ mehrmals ausdrücklich erwähnt p 55. 57. 188. ed. J. 
Th. Voemel. 

**) Toü dy'toj 'ExiCHo-rcu ' Avricy^tt'ac, — tx rou wtpi '^o^vjc, nard (jp<Ao- 
?o$tuy, iii der Scriptorum veteram nova Collectio Vaticana Vol. I. 
pars. 8. p. TJ ed. Aug. Mail 
XXXI. Jahrg. 8. Heft. , 17 



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258 Schriften christlicher Philosophen , 

dies Auch von vielen Andern; wenn ibr aber, die Alien gemein- 
same Luft einathmend , der Vergessenheit Wasser in vollen Zü- 
gen getrunken , wie und woher nehmet ihr eure mythischen Ge- 
schichten von den Seelen ? Woher kennet ihr überhaupt der 
(unterirdischen) Flüsse Art ? Penn wenn ihr nicht davon geko- 
stet habt, so wisset ibr auch nichts von dieser Gewässer Quell; 
wenn ihr aber eingeschlürft und gekostet habt, so habt ihr in 
Folge der Vergessenheit auch die Erinnerung an den Trunk dar- 
aus verloren, und das Bewufstsejn davon ausgespieen. Aber auf 
solchen barbarengleichen Aberglauben sind sie in ihrer Täuschung 
verfallen, weil sie die Agyptier zu ihren Führern genommen.«*) 
. Ein ironischer Ton läfst sich auch in den vorliegenden Ge» 
sprächen gegen die Philosophen der Griechen zuweilen verneh- 
men , besonders in denen des Äneas und des Zacharias ; ja die 
Rolle, die in dem des Äneas dem Theophrastos zugetheilt wird, 
ist selbst die gröfs.te Ironie; dafs nämlich dieser Philosoph im 
Eingange des Dialogs mit so grofsem Aufheben und mit so herr- 
lichen Lobsprüchen eingeführt wird, und im Laufe desselben, bis 
zum Ende hin , dem Euxitheos gegenüber so sebr schwächlich 
und unkundig sich giebt , so dafs die Bollen völlig gewechselt 
werden und der anfangs um Belehrung bittende Euxitheos, der 
Sprecher für die christliche Seelenlehre, aus einem Schüler der 
Lehrer jenes berühmten Vertreters der hellenischen Weisheit 

wird. *) 

" 

•) — aAX' ei; rau-njv ßa^ßa^witj huaihcunoviav ar^ax&T«; i<?<Qdk*)<rav. Ich 
vermtithete zum Plotin (Annott. 203 b.) ßa^uS^u!S^ t in den Abgrund 
führenden, wenn man nicht da« ßa^ßa^wS^ als eine verächtliche Be- 
zeichnung der Agyptier stehen lassen wolle; sodann aW^Tt'vr«;, 
umgewendet, umgekehrt, wenn man jofzt nicht lieber will: dXX % t>\ 
rauTijv ßzpu2%aj&>] öfa/Saz/xoui'aj arpa-rov «a^pttAjjcav, sie sind auf die- 
sen , an den Abgrund führenden Pfad des Aberglaubens irregeleitet 
worden. Wenn übrigens Ang. Mai jene Bilder auf I'apy riiKrollen 
und Sarkophagen, welche Seelen trinkend vorstellen, blos auf die- 
sen Lethe-Trunk beziehen will, so hat er nicht an die in solchen 
Denkmalen häufige Idee der Erfrischung, des Labetrunkcs , und 
nicht an die Formel: „Otiris gebe dir das kühle Wasser " ge- 
dacht. (S. jetzt Raoul- Hoc helle Dcuxtctuc Memoire sur les Antiqui- 
te*s ChreHienncs p. -1 sq ) 
**) Thenphili Wernsdorfii Uisputntio vor dem Aeneas Gaz- ed. Boisso- 
nade p. XXV und daselbst Casp. Barth vgl- denselben ad Zacharias 
p. 32& Minder wahrscheinlich finde icb Wernsdorfs Annahme , dar« 
christliche Abschreiber in diesem Dialog viel Triftiges und Gehalt- 
volles aas den Reden des Theophrast absichtlich ausgemerzt hätten. 



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herausg. von Boissonade, Krabinger u. Sinner. 259 



Und hiermit könnte ich das Allgemeine dieser meiner Ein* 
leitong beschließen (womit eine Controle beabsichtigt war, 
ob und wie weit jene christlichen Schriftsteller die hellenische 
Pbilosopheme richtig dargestellt haben) und zu den kurzen Be. 
merkungen ubergehen , die ich über diese einzelnen Schriften 
noch zu machen habe, wenn ich nicht noch smvor einen Blick 
auf Bild denk male zu werfen hatte , welche mit dem Zeitalter 
und mit dem Inhalte solcher Schriften in Beziehung stehen. Wie 
nämlich in diesen christlichen Gesprächen heidnische Ausdrücke* 
Redensarten und Sentenzen mit biblisch - jüdischen und ehr ist- 
liehen durchzogen sind , nur dafs letztere im Ganzen als Haupt- 
faden hervortreten , so bekunden seit dem dritten und vierten 
Jahrhundert viele bildliche Denkmale eine ähnliche Verwebung 
biblischer Sagen und Vorstellungen mit den Persönlichkeiten und 
Handlungen aus griechischer Mythologie. Besonders sind hier die 
Grabesdenkmaie sprechend. Da sehen wir neben Seeprocessionen 
nach den Inseln der Seeligcn *) und dem ganzen Gefolge der 
Thetis, die Seegefahren des Jonas und den Walllisch- neben 
Amor und Psyche und dem hellenischen Thanatos , Adam, und 
Eva mit der Schlange und Cain den Abel erschlagend u. s. w. 
Für die Lehre von der Seele, ihrer Fortdauer und ihres ver- 
schiedenen Looses nach diesem lieben ist jedoch kein Mona« 
ment interessanter als der Sarkophag Pamphili **). Unter den 
Gruppen dieses reichen Basreliefs tritt von der einen Seite die 
den von Prometheus so eben geformten Menschen beseelende Pal- 
las auf; es folgen die Parcen, Amor und Psyche, die Gottheiten 
der Tagewerke und zuletzt die ersten Eltern (die Protoplasten) , 
Adam lüstern nach den Früchten des Baumes langend und Evt 
mit beiden Händen ihre Blöfse bedeckend. Auf der andern Seite 



*) Über diene Vorstellung , selbst auf christlichen Todten- Denkmalen, 
■o wie über die Erscheinung des Propheten Jonas in demselben 
Bilderkreise s. Raoul Kothetto Deimern* Memoire sur les antiqui- 
tes Chrdticnnes p. «0. Auch wird , statt der Inseln der Secligen, 
zuweilen "da* Wohnen unter den Frommen, oder der GeHanke, 
dars die Frömmigkeit, die eine Seele in diesem Leben bewahrt, 
sie glücklich in die andere Welt einführe, ausgesprochen, (s. eben- 
das. p. 56 und desselben Verfs Monumens inddits I. j». IIS.) 
*") Zum öftern abgebildet, zum Thcil fehlerhaft, und erklärt von 
Foggini , Matth. Gcsner , 'Miliin (Galerie mythologiqne zu pl. XCIII 
nro. 383) und zuletzt mit manchen Berichtigungen von llöttiger in 
den Ideen zur Kunstmythologie; zweiter Uand, hcrausg. von Julius 
billig. Dresd. u. Leipzig 1836. S 865 ff. vgl. S. 510 f 



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4 



260 Schriften cbriallicher Philosophen, 

erscheinen der Genius des Caucasus (oder wohl richtiger Moses, 
s. unten), Herkules mit dem Pfeil, den Geier tödtend , der die 
Leber des an den Felsen gefesselten Prometheus nagtj die von 
einer Rolle den Todessprucb ablesende Atropos, ein vor ihr lie- 
gender Todter, auf dessen Brust der Todesgenius die gesenkte 
Fackel stutzt, woran ein Todtenkranz unter einem Nachtfalter 
sichtbar ist ; neben dem Todten das verschleierte Schattenbild 
desselben stehend, und zur Seite Hermes der Seelenführer, die 
entschwundene Seele in die Unterwelt bringend ; andrerseits end- 
lich Elias auf dem Feuerwagen zum Himmel auffahrend. 

Die Grundgedanken der philosophischen und biblischen See- 
lenlehre liegen am Tage. Nach Pythagoreisch - Platonischem 
Dogma von der Präexistenz war des Menschen unsterbliche Seele 
in den Wohnungen der Gotter gluckseelig, bis Prometheus sie 
mit der irdischen Materie verband und sie in diesen engen Ker- 
ker des Leibes bannte. Diesen Frevel roufs er, am Felsen an- 
geschmiedet , von Reue (dem Geier) zernagt bufsen. Die Proto- 
plasten, die ersten Erdgebilde, haben durch den Genufs der ver- 
botenen Baumfrucht den Tod in die Welt gebracht. Mit dem 
Tode haben die Seelen nach ihrer verschiedenen Natur ein ver- 
schiedenes Loos ; die feuchten führet der Scelengeleiter Hermes # ) 
ins Schattenreich über die Todesflüsse ; die trockenen, feurigen 
Seelen entschweben dem Wege abwärts und gehen aufwärts (nach 
Herakliteischer Lehre von den feuchten und von den trockenen 
Seelen und von xd$odo$ und dvo9o<;) und , von dem ihnen ver- 
wandten Elemente getragen, wie Elias auf dem Feuerwagen, 
steigen sie ungehindert zu den himmlischen Wohnungen auf. — 
Unter diesen deutlichen Spuren biblischer Bildnerei ist denn auch 
die Erklärung die treffendste, dafs die hinter dem Herkules auf 
einem Felsen sitzende bärtige Figur mit der Schlange nicht der 
Genius des Caucasus, sondern Moses ist, der dem gequälten 
Prometheus, der hier als Repräsentant des ganzen Menschenge- 
schlechts leidet, die von den Israeliten noch )ange verehrte (2 Kün. 
18,4.) eherne Schlange (Nehustan) als das Zeichen der Erlösung 
mit sichtbarer Bewegung entgegenreicht **). 

•) S. Raoul-Rochette Premier Memoire »ur lea Antiquitea Chrdticnnea. 
Pari« 1836. pag. 59. 

**) Vcrgl. auch Exod. XXI, 9- verbunden mit Jablnnaki Panth. Aegvpt. 
P. 1. rnp 4. und über die-Heilachlangcn de« Aaculap, der Hygiea 
u. A. Featua p. 188. Dac Plin. H. N. XXV. 5. mit den Rcmcrkun- 
kungen in meinen lliatorr. antiqq. fragg. p. 193 eqq. und Raoul- 
Roclutte Monuments inedila I. p. 21. 



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hcratisg. von Boissonadc, Krabinger u Sinner tül 

Wie endlich neulich in der Symbolik bemerkt worden, dafs 
das Buddhistische Dogma von der Hinfälligkeit des menschlichen 
Leibes unter dem Bilde der Wasserblase symbolisch in die 
Architektur ubergegangen , ebenso sehen wir dasselbe Bild, wel- 
ches Gregor von Nyssa aus griechischen Philosophen entlehnt hat 
in die Sculptur aufgenommen. Auf einem Intaglio in Sanionyx , 
bei Buonarotti abgebildet, erscheint ein Skelet, und neben des. 
sen Hopf links ein Schmetterling, das bekannte Sinnbild der Seele 
in ihren Wandlungen; rechts eine Luftblase, Erinnerung an 
den Spruch: bomo bulla (Varro de Re rust. I, 1.), und unten 
ein Blumenkranz und ein Pokal. 



Über i) oder über das Gespräch des Äneas hat Th. Werns- 
dorf in jedem Betracht genügend gesprochen, und Herr Boisso- 
nade hat mit Recht dessen Üisputatio gaoz abdrucken lassen. Sein 
Zeitalter fällt zwischen das des Proklos (Diadochos) und des Za- 
charias, d. b. etwa zwischen die zweite Hälfte des fünften und 
die erste .Hälfte des sechsten Jahrhunderts, in dessen Mitte Za- 

•s 

charias verstorben ist. Als Jungling horte Aneas zu Alexandria 
den Platoniker Hierokles , und wurde unbeschadet seines Chri- 
stenthums auch selbst Platoniker genannt. Jedoch nahm er fast 
alle Elemente der damaligen Erudition io sich auf, übte sich auch 
im mundlichen und schriftlichen Vortrag, und verfeinerte seine 
Darstellung zur höchsten Eleganz. Er scheint ein hohes Alter 
erreicht zu haben, und war noch ein Zeitgenosse des Zacharias. 
Die Ergebnisse so vielseitiger Bildung liegen , ausser seinen übri- 
gen Schriften, besonders Briefen, auch in diesem Dialoge vor. 
Die griechische Mythologie, die Werke der Dichter, die Schrif- 
ten der Historiker, die ganze Fülle der profanen Literatur ste- 
hen ihm gleichmäfsig zu Gebot. Von der Philosophie kennt er 
alle Schulen und die verschiedenen Richtungen in denselben, von 
PJato an bis zum Plotinus herab. Von dem Letztern entlehnt er 
besonders Sätze und Redensarten , und bekämpft ihn , so wie den 
Kirchenvater Origenes, gewöhnlich in seiner eigenen Sprache und 



') Im Dialog de anima p. 185 b, png 10 cd. Krabing. — tiJv dv* 
SgwTivtyv {cuifv *cf*(pQ\üyoi 9huf9 wtte t und mehrere Beispiele diese« 
Bilde« in den Annott. p. 178 sq. und p. 866. — Die Stelle der Sym- 
bolik ist: Band I. S. 567 f. der Sten Ausg Uber die Gemme s. 
Böttiger a. a. O S. 495. 



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262 Schriften christlicher Philosophen, 

* ■ 

Ausdrücken. Denn von diesem Letzteren trennt er sich in dem 
Hauptsatze, dafs die Menschenseele vor der Geburt in höheren 
Regionen gewohnt, indem er zu zeigen sucht, dafs sie zugleich 
mit dem Korper durch die Eltern erzeugt sey *). Er ist ein be- 
redter Vertheidiger der göttlichen Vorsehung, so wie der mensch- 
lichen Willensfreiheit. Die ewige Zeugung des Sohnes und den 
Ausgang des heiligen Geistes trägt er in der orthodoxen Weise 
des Athanasius und mit dialektischer Schärfe vor; doch platoni- 
•irt er in der Zeichnung des heiligen Geistes als einer Weltseele; 
und in der idealen Auffassung der menschlichen Natur scheint er 
an den Pelagianismus anzustreifen. Nach dem Geiste seines Zeit- 
alters, zeigt er sich als Freund der Askese, des Mönchslebcns, 
und wei(s von den Wundern der Anachorcten Manches zu be- 
richten. Was dagegen seine Sprache und Darstellung betrifft, 
so hat er mit feinem Sinne den Mittel ton des Dialogs wohl zu 
treffen verstanden. — Vom Theophrastos ist eben die Rede ge- 
wesen, die beiden andern redenden Personen dieses Gesprächs 
sind Euxitheos und Aigyptos. Bei dem Erstem hat Äneas wohl 
an einen Pythagorcer dieses Namens gedacht, von dem wir einen 
denkwürdigen Lehrsatz über die Seele haben **) , und bei dem 
Zweiten an Agyptus , den Muttcrbruder des Philosophen Isidorus 
und Freund des Hermias, des Vaters des Ammonius, dem, als 
er am Sterben war, Hermias die Unsterblichkeit der Seele eidlich 
versicherte. Jenen Ammonius hat Zacharias in sein Gespräch 
als Sprecher eingeführt. Dieser Sohn des Hermias war ein Schü- 
ler des Proclus und Lehrer des Simplicius , und ist der gelehrte 
Ausleger des Aristoteles; er war Lehrer zu 'Alexandria, wo er 
im Jahr Christi 484 gestorben ***). Ob Zacharias den Dialog des 
Aneas copirt, oder dieser Letztere durch das Gespräch des Za- 



1 

•) In einer Stelle des Antiar Im* von Ptolcmals (Collect. Vatie. I. 3. 
pag. 81 cd. An- Mai) heilst es: bei der Schöpfung: habe Gott dio 
Körper und Seelen der Thiere zugleich geschaffen. Dagegen babo 
er der Menschen Leib erat gebildet, dnnn habe er dio von ihm ge- 
schaffene Seele mit dienern Körper vereinigt , theils um dem Men- 
sehen vor dem Thiere einen Vorzug zu gehen , theils damit der 
Mensch nicht Zeuge des Schöpfungswerks seyn und sich etwa rüh- 
men könne , Gott dem Schöpfer hierin Beistand geleistet zu haben. 

•*) Atbenaens V. p. 157. C. Schweigh. m. Bnissonade ad Acneam p. 158 
und ad Zachar. p. 862, vcrgl. noch Böckh's Fhilolaos p. 180 und 
Verrncrt de Clearcho p. 10. 

*") Boissohadc ad Zachar. 323. 



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herausg. von Uoiaaonadc, Krabinger u. Sinner »»3 

charias zum Abfassen des seinigen veranlafst worden , ist ver- 
schieden beantwortet. Wir verweilen dabei nicht , da des Za- 
charias Dialog , mit dem des Äneas verglichen , von sehr unter- 
geordnetem Werth ist. Doch hat die eratere Meinung *) mehr - 
für sich als die letztere. 

Von diesen zwei Gesprächen haben wir nun diese wohlau*- 
gestattete Ausgabe dem geübten Kritiker Herrn Boissonade zu 
verdanken , einem Gelehrten , der nach dem Beispiele seiner gro- 
fsen Landsleute , Casanbon , Valois , Saumaise u. A. , das ganze 
Gebiet der griechischen Literatur umfafst, and es nicht verschmäht, 
neben der Textesverbesserung der Classiker auch den spätesten 
christlichen Schriftstellern seine Sorgfalt zu widmen. Die neue- 
sten Fruchte seiner gelehrten Arbeiten sind eine sehr saubere 
und correcte Ausgabe der griechischen Bultoliker nnd eben die 
vorliegende dieser beiden Dialogen über die Seele. Die äussere 
Ausstattang entspricht in jeder Hinsicht ihrem ipnern Werthe und 
beurkundet aufs neue die Trefflichkeit der Didot'schen Oflictn. 

2) Zur richtigen Würdigung des vorliegenden Dialogs des 
Gregor von Nyssa ist ein Blick auf die dreifache Richtung nüthig, 
welche die religiöse Anthropologie gegen das Ende des vierten 
Jahrhunderts unter den christlichen Lehrern genommen hatte. 
Namentlich bestanden damals über den Ursprung der Seele drei 
Theorieen neben einander: die Platonisch -Origenische von der 
Präexistenz der Seele, wovon oben; die von einem Ge/.cugtwer- 
den durch die Eltern zugleich mit der Erzeugung des Körpers 
(Traducianismus) ; und die von einem Geschaffenwerden derselben 
von Gott beim Acte der körperlichen Zeugung (Creatianismus) — * 
Theorieen , welche wieder verschiedene Modilicationen erfuhren. 
Obschon nun die kappadocische Schule, wozu die beiden berühm- 
ten Gregore gehörten , voll von Bewunderung und Verehrung 
des grofsen Origenes war, und von der Macht seines Geistes in 
manchen Lehren abhängig blieb , so behauptete doch Gregor von 
Nazianz in der Seelenlehre seine ganze Selbststandigheit , und er- 
klärte sich aufs entschiedenste gegen die Proexistenz oder das 
frühere Daseyn der Seele in höheren Sphären. Aber eben so 
bestimmt sagte er sich vom Traducianismus los, und erklärte sich 
für die dritte Theorie, die des Creatianismus, ohne sich jedoch 
über das Wie der Verbindung der Seele mit dem Körper Jn 



•) Der auch Wernsdorf ist (• i»ag. X.) 



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I 



264 Schriften christlicher Philosophen , ' 

nähere Erörterungen einzulassen # ). Verschieden davon war die 
Stellung , die Gregor von Nyssa dem grofsen platonisirenden Kir- 
chenlehrer gegenüber einnahm **). In seiner Seelenlehre, welche 
uns hier allein angeht, schimmerten gar viele Sätze des Origenes 
mehr und minder deutlich hindurch, und nachherige Theologen 
schlugen zwei Methoden ein, um den ehrwürdigen Vater von 
Nyssa dem Vorwurfe des Origenianismus zu entreifsen. Sie such- 
ten entweder solche Sätze conciliatorisch mit dem orthodoxen 
System in Einklang zu bringen , oder sie behaupteten , dessen 
Schriften seyen von Origeniasten interpolirt worden. Keine die- 
ser Annahmen entspricht der Wahrheit. Vielmehr mufs zuge- 
geben werden, dafs der Nj ssener Gregor io seiner Anthropologie 
noch sehr unter den Einflüssen des Origenes gestanden, und dafs 
er in dieser Lehre nicht so biblisch war, wie der Nazianzener ***). 

In die Ausgaben der Werke des Gregor von Nyssa ist aus- 
ser diesem Dialog noch eine Schrift: de anima et resurrectione 
aufgenommen. Sie gehört ihm aber nicht an , sondern dem Ne- 
roesias von Emesa , in dessen Buch von der Natur des Menschen 
sie das zweite und dritte Capitel bildet f). 



•) Dr. C. Ullmann's Grcgorlus von Naziani, der Theologe , dritter Ab- 
schnitt. I. S. 414 f. Nikolaus von Methone führt in seiner Schrift 
gegen Proclus die Reden des Gregor von Nnzianz zum öftern an. 

••) Im Allgemeinen ist darüber Herr Rupp in der oben angeführten 
Schrift, Anhang, überschrieben: Der Origenianismus Gregors von 
Nyssa S. 243 ff., nachzusehen. 

••) Dionys. Petavii Theol. dogm. III. p. 208 und Krabinger zum Dialog 
des Gregor von Nyssa p. XVIII — XX. — Über die xpouira^/; ■ 
Origen. de Principp. I, 8, 8. p. 64 Ruaei ; über die uTOKardirraeii' 
Htietii Origenian. XIX. p. 490. Über die Läuterung der Seelen Kra- 
binger ad Dialog, de aniina p. 245 vrgl. p. 271 und p. 283. Eben- 
derselbe bemerkt p. 348, dafs Gregor von Nyssa vom Origenes die 
Lehre von der Endlichkeit der Strafen nach dem Tode angenommen. 
Dafs Plato selbst nicht unbedingt und allgemein so lehrte, geht aus 
dem oben Angeführten, besonders seines Gorgias hervor. 

|) S die gehaltvolle Vorrede des Job. Fell zur Oxforder Ausgabe des 
Nciuesius p. 23 sq ed. Matthaei und die Anmerkung des Matthäi zu 
seiner Ausgabe p. 6*7. vrgl. Casp Harth ad Zachar. p. 360. Boiss. 
und Krabinger ad Gregor. Nyss. Dialog, p. 360. Ich hätte alio in 
den Anmerkungen zum Plotin (z. B. p. 348) die Anführungen daraus 
unter des Ncmesitis Namen geben sollen. In dieser gehaltreichen 
und an naturwissenschaftlichen Kenntnissen fruchtbaren Schrift neigt 
sich Nesse* ins sur Präexistenz der Seele nach Origenes hin; wel- 
ches Laurioi de varia Aristotelis fortuna p. 24 entschuldigt. Diese 



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I 



, herausg. von Bolssonadc, Krabinger u. Sinner. 265 

- Der Dialog ist höchst wahrscheinlich nicht, oder doch nicht 
so, d. b. auf diese gelehrte and sorgfältige Weise, gehalten wor- 
den , sondern Gregor hat diese Abhandlang aus Anlafs des Todes 
' seines Bruders Basilius, io dieser Form eines Gesprächs mit sei- 
ner Schwester Macrina, sorgfältig ausgearbeitet und niederge- 
schrieben *). Die Fülle von philosophischen , naturwissenschaft- 
lichen und andern Kenntnissen , die ihn auszeichnen , gehörten 
ihm an , ? on dem wir wissen , dafs er vielseitige Studien gemacht 
und sogar praktisch angewendet hatte, z. B. seine ärztlichen. 
Aber alle diese Belehrungen werden der Macrina in deo Mund 
gelegt, von der wir doch wissen, dafs sie, so grofse Geistesgtben 
sie auch besafs, vielmehr eine biblische and geistliche als eine 
allgemeine (encyhlopädisch- hellenische) Bildang genossen hatte. 
Und doch erscheint sie io diesem ganzen Discurs nicht als Zu- 
. hörerin oder auch Mitsprecherin, sondern als Lehrerin, und wird 
auch ausdrüchlich genannt : n itiddoxaXoq. Ein verdienstvoller 
Kirchen bistoriker , der einen kurzen Auszug aus diesem Gesprä- 
che gegeben, nimmt hieran Anstofs. »Nicht wenig philosophi- 
sche und physische Erörterungen dieses Gesprächs , sagt er, sind 
der Schwester des Verfassers nicht eben am schicklichsten 
in den Mund gelegt worden ; obgleich 1 sonst dasselbe lebhaft and 
nicht ohne häufige Spuren des Nachdenkens geschrieben ist « +*) 
Diese Unschicklichkeit wird, wo nicht beseitigt, so doch sehr 
gemildert, wenn wir bemerken, dafs Gregor seine, ihrer fast 
priesterlichen Heiligkeit wegen im Kreise der Ihrigen sehr hoch 
gestellte Schwester nach dem Vorbilde der priesterlich - weisen 
Diotima aufgefafst und dargestellt hat, der er, wie Sokrates die- 
ser letztern, als ein zwar wifsbegieriger, aber noch sehr unwis- 
sender Schuler sich gegenüberstellt. Wie Diotima beim Piaton 



Lehre kam auch erst nach dem 4ten Jahrhundert in Verruf, und 
wenn Nemesius erst am Ende des 3tcn lebte, wie Fell behauptet 
p. 27, so konnte er sich ganz nrglos solcher Theorie hingeben; ja 
selbst der Njssener Gregor noch, wenn erst im fünften Jahrhundert 
solche SäUe bestritten wurden. Übrigens konnten die physikalischen 
Kenntnisse, die der vorliegende Dialog beurkundet, Mitveranlassung 
seyn, jene zwei Kapitel des Nemcsius unserm Njssencr Gregorius 
beizulegen. 

•) Wie schon J. Chr. Wolf in der Praefat. zu seinen Anccdott. graec. 
Tom. U. annahm, wo er Stücke dieses Dialogs mittheilt; vgl. auch 
Krabinger in den Annott. p. 164. 

•) Schröck h in der christlichen Kirchengeschichte , Th. XIV. S. 102. 



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266 Schriften christlicher Philosoph, n , 

als ein höheres und so zu sagen geschlechtloses Wesen von Din- 
gen redet, und reden darf, von denen Frauen und Jungfrauen 
nicht reden, noch reden dürfen*), so konnte auch Gregorius 
seiner engelgleichen Schwester Reden über alle Geheimnisse der 
Natur in den Mund legen. Die Platonischen Dialogen waren nun 
einmal der Typus für alle christlichen Schriften, in welchen die 
Gesprächsform gewählt worden. Das Exordium beider Dialoge, 
des Aneas und des Zacharias, wie so manche Wendung im Ver- 
folg , ist ja dem Pfaton abgeborgt , und das Gastmahl der zehn 
Jungfrauen (oder über die Keuschheit) des Bischofs Methodius 
ist ja, obschon es manche Sätze des Plato zu widerlegen sucht, 
nichts anders als ein in Worten und Redensarten durch und durch 
vom Platonischen Gastmahl genommener Abdruck **). — In dem 
Gespräche des Gregorius mit Macrina über die Seele kehrt sich 
,von vornherein das gewöhnliche Verhältnifs um: die Seele des 
Bruders erscheint als die zaghafte , am Sinnlichen klebende weib- 
liche Menschenseele, die der Schwester als eine christliche Welt- 
seele , die in lauter Gottesgedanken unbewegt und männlich über 
den Räthseln der Welt und dem Tumulte der Erscheinungen 
waltet. ***) 

So viel von der Schrift. Die Ausgabe ist so ausgestattet, 
-wie es von einem Gelehrten, als welchen* Her Krabinger sich 
bereits durch zwei Schriften des Synesius legitimirt hatte, zu er- 
warten war. Das kritische und grammatische Element waltet 
auch in dieser Bearbeitung des Gregorius vor ; womit jedoch ein 
grofser Schatz von Belescnheit, auch in patris tischen Werken, 



•) S. z. B. Piaton. Syinpos. p. 203 und p. 206. . 

*•) MsBoSt'ov cvfx-rrSaiov twv *>«'na mcfSsvcuv tj vspf dyvtla^ Es hatte eine 
Art von Cclcbrität erhalten , und wird öfter angerührt (s. Anastasius 
Sinalta bei Barth zum Aeneas Gnz. p. 260). Herr Ludw. v. Sinner 
hat in Heiner leider nicht vollendeten Ausgabe den Platonischen 
Symposium, Paris 1834, von diesem Werke des Methodius p. SO- 
SS eine genaue Literarnotiz , und in den Anmcikungcn Proben ge- 
geben. 

*") Plotinus nennt II. 9. 18. p. 395 Ozon, die Weltscele der Menschen- 
■ecle gute Schwester. Die Weltseele erscheint als eine Tochter 
Gottes, im Verhältnifs zur Welt und zur Menschcnseelc, beim Sy- 
nesius exeom. calvit. 8. p. 13 cd. Krabinger. Über diese Correla- 
tionen vergl. Bonitz disputationes Platonicae II. Oresd. 1837. Im 
Gespräche des Gregorius ist es ein Hauptiatz, dafs wie in der Na- 
tur Gott auf gleiche Weise ist und waltet , so die Seele im und 
durch den Körper ebenfalls. 



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herausg. von Boiasonade , Krabloger u. Sinner. UiV 

auf's glücklichste vereinigt ist. Auch sind in der von ihm ver- 
fafsten lat. Übersetzung die Vorzuge der früheren Übersetzungen 
aufs glücklichste vereinigt. Dieser erfahrne Kritiker hat zugleich 
hier mit wiederholtem und gerechtem Lobe die Anmerkungen 
eines jungen Philologen, des Herrn Albert Jahn aus Bern, 
aufgenommen. Diese Empfehlung kann ich noch aus persönlicher 
Bekanntschaft unterzeichnen. Aus Freundschaft gegen den Em- 
pfohlenen darf ich wohl aber auch beifügen : Möge er Maaf» hal- 
ten lernen, bedenken, dafs schon mancher Commentar an der 
Plethora gestorben, und möge er der Lehren seines berühmten 
Landsmanns Dan. Wyttenbach eingedenk seyn, und dem Beispiele 
seines andern Mitbürgers, des Herrn v. Sinner, folgen, von 
dessen netter Ausgabe einer Leichenrede des Gregor von Nazianz 
ich nun schliesslich noch ganz kurzen Bericht zu geben habe. 

3) Diese Edition der Grabrede des Gregorius von Nazianz auf 
seinen jungem Bruder Cäsarius soll nach dem Vorworte des Her- 
ausgebers eine Vorlauferin einer Sammlung epitaphischer Reden 
der griechischen Kirchenväter seyn, und wir würden denn auch 
den berühmten Leichensermon desselben Autors auf Basilius den 
Grofsen in einer neuen Ausgabe besitzen , wozu ich vor mehrern 
Jahren nur ungedruckte Scholien mittheilen konnte. *) Nach die- 
ser schönen Probe müssen wir diesem Unternehmen den besten 
Erfolg wünschen. Herr v. Sinn er bat diese Rede nach Clemen* 
cets Ausgabe durch Hülfe von Handschriften in einer neuen Re- 
cension geliefert, zweckmässige kritisch - grammatische Anmer- 
kungen beigefügt , welche sich durch eine von Überfüllung freie 
v Belesenheit empfehlen, und worin auch bereits die Noten des 
Herrn Hoiss onade zu den Dialogen des Äneas und des Zacharias 
benutzt worden sind. Eine erfreuliche Zugabe sind die unge- 
druckten griechischen Scholien eines jungem Basilius von Casare a 
und ein gedoppeltes Register der Wörter und der Autoren. Aoch 
ist unter dem Titel: Analysis orationis ; der Organismus dieser 
Rede nach A* Auger dem Texte vorgesetzt, was bei der Ausgabe 
jener drei Dialoge ebenfalls von Nutzen gewesen wäre. **) — Was 



•) Ans zWei Münchner Handschriften in den Meletenim. e discipl. an- 
tiquit. I. p. 59 — 07. 

) Hier ■chliefrlich noch ein Wort über die Sprache und Darstellung 
der drei Meister dieser Kappadocischen Schule: Nachahmungen der 
grofsen Attischen Schriftsteller, des Thurydides namentlich und des 



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268 , Schriften christlicher Philosophen. 



den Inhalt betrifft, so kommen auch hier wieder die Grundgedan- 
ken von der Seele, von der philophisch- christlichen Vorberei- 
tung zum Tode, von der Nichtigkeit dieses Lebens, von der 
Ideenwelt und von dem Burgerrecht in derselben u. s. w. zur 
Sprache, doch mit denjenigen Unterschieden, die wir oben, als 
der Anthropologie dieses Gregorius eigentümlich, bezeichnet ha- 
ben. Wir danken dem Herausgeber für diese niedliche Ausgabe, 
die sich auch durch Druck und Papier, so wie durch Correct- 
beit, dem Leser empfiehlt. 



Deroosthcne* habe ich in des Gregor von Nazianz Epitaphios auf 
Basilius den Gr. (Meleteram. I. p. 61 sqq.) nachzuweisen gesucht. 
Die Schönheit der Sprache des Nysseners so wie die Lieblichkeit 
derselben preiset Photius (s. Veterum Scrtytoruni de Gregorio Nys- 
seno testimonia. p. XVU in der vorliegenden Ausgabe des Herrn 
Krabinger), und der feine und schwer zu befriedigende Libnnius 
hat in seinen Briefen gegen den Geschmack des Basilius nichts ein- 
zuwenden, ebschon er sonst die Ironie über die Kappadoken nicht 
unterdrückt (s. Bergler ad Alciphron. II. 2. p. 294 Wagn.), wo es 
im Texte vom Epikurus heifst : our« ou; *£tt<ko$ , our« a>{ <p<A©ffc$©$ , 
in KamraSoiua* ic^St^ [ti'{] tiJv 'EXXäSa ^xewv, wo unsere Handschrift 
nr. 132 die Präposition ausläßt. Dagegen sagt Ph i lost rat us - vom 
Kappadocier Apolloniua aus Tyana (de vit. Apollon. I. 7. p. 8. Olear.) : 
»tai ^ ytärra 'Arrmeü; «?x ÄV > ou *' «""^X 5 *? ^ $ WV, 1 V M rcG «Svci*. 
So hat dort auch cod. Schellersh. Man besserte: rqv ykwTTav, 
Saidas giebt eben so gut xai arrixw; iT^«* (wo aber im 

Texte auch: »7 yXwrra, dagegen an einer andern Stelle: i hk 'AtcA- 
Aalv,:; yXwTTav *A. 's. s. Suidas p. 461 und p. 1494 ed. Gaisf.) 
Am bittersten hat diesen Spott über die Sprache nnd Schreibart der 
Kappadocier Lucianus ausgesprochen , in einem Epigramm, worin 
er sagt: Es lasse sich eher ein weifscr Rabe, oder eine geflügelte 
Schildkröte finden, als ein ächter Kappadokischer Redner (Lucian 
Vol. III. p. 689 sq. WetsL Analect. gr. II. p. 312. nr. XXII. Antho- 
log. Palat. Tom. II. p. 444. vergl. Jacobs dazu Tom. IX. p. 424 sq. 
Über die Sache vergl. man jetzt noch: J. Job. Hiscly Disput, de 
historia Cappadociae Ultrajcct 1836. p. 85.) — Was hätte dieser 
satyrische Religionsverächter wohl gesagt, wenn er die herrlichen 
Werke jener drei großen Kappadocischen Kirchenväter hätte leaen 
können ? 

Fr. Creuzer. 



» 



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Reform des Finanzwesens In Bern. 



169 



Vortrag der Special - Kommission für Reform des Finanz-, Armen- und 
Gemeindet eil weaen$ an den Regierungsrath der Republik Rem. Bern 
1837. 84 S. 8. 

Mit grofsem Interesse and mit eben so vieler Befriedigung 
hat Ref. diesen Kommissionsbericht gelesen. Der Bericht ver- 
breitet sich über Gegenstände , die auch für andere Staaten , für 
Monarchieen, wie für Republiken, von hoher Wichtigkeit sind, 
die gerade jetzt in so vielen europäischen Staaten an der Tages- 
ordnung sind. Der Natur der Sache nach konnte die Kommission 
dem ihr gewordenen besonderen Auftrage nur so Genüge lei- 
sten, dafs sie auf die allgemeinen Grundsätze einging, welche 
in einen jeden Theil der Aufgahe einschlugen. (In allen Fächern 
des menschlichen Wissens läfst sich auch die allerspeciellste Frage 
auf die allgemeine zurückfuhren : Welches sind die allgemeinen 
Grundsätze, die man auf den gegebenen Fall anzuwenden hat? 
Und doch haben Einige einen Scheu vor dem Philosophiren!) 
Und der vorliegende Bericht enthält eine eben so klare als bün- 
dige Darstellung dieser Grundsätze. Eben so giebt er mehrere 
interessante Aufschlüsse über den inneren Zustand des Kantons 
Bern , auch einige über den anderer Kantone der Schweiz. Man 
ersieht aus diesen Nachrichten mit Vergnügen, dafs schon viel 
Gutes geschehen, anderes im Werke ist, dafs man in Deutsch- 
land Gefahr lauft, sich eine ganz irrige Vorstellung von dem 
Zustande der Schweiz zu machen , wenn man sich durch die Aucto- 
rität der Zeitungsblätter verleiten läfst, nur den Kampf zwischen 
einander feindselig gegenüber stehenden politischen Partheien als 
das Thema der neuesten Geschichte der Schweiz zu betrachten« 
Auch die Verbesserungsvorschläge, welche der Bericht enthält, 
sind zum Theil von der Art, dafs sie nicht blos im Kanton Bern 
Beachtung verdienen. Und da der Bericht überdies durchgängig 
mit Ruhe und Mäfsigung abgefafst ist, so darf er wohl als ein 
erfreuliches Zeichen von dem besseren Geiste betrachtet werden, 
der in der Schweiz unter den Stürmen der Zeit dennoch fortlebt 
oder von neuem aufgelebt ist Es ist nicht mehr als billig, die 
Manner auch hier zu nennen , von denen dieser Bericht ausgegan- 
gen ist. Ibre Namen sind: J. Stettier, Grofsrath, Präsident, 
(BerichUerstatter ?) — J. Mühlemann, Grofsrath, — J. Regez, 
Regierungsstatt halt er , — Kohli, Regierungsstattb. — JäggV, 
Grofsrath, — C. F. Morel, Dekan, — D. K. Herzog, Prof. 
d. Staatswissenschaften, — N. II aber Ii, Grofsrath, — P. Som- 
mer, Grofsrath. 



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270 



Reform de« Finanzwesens in Bern. 



Inhaltsanzeige. Wegen der Kurze und Un Vollständigkeit 
derselben kann und mufs sich Ref. mit dem Zwecke dieser Jahr* 
bücber entschuldigen. — I. Reform des Staats- Fi n anz-Sy- 
8temcs. S. 4. Es ist hier nicht Ton einer gänzlichen Umgestal- 
tung des Staatshaushaltes des Kantons Bern die Frage; sondern 
nur von der Aufhebung der Zehnten, der Bodenzinsen und eini- 
ger ähnlichen Grundlagen, so wie von der Art, wie der Ausfall 
in der Staatseinnahme , der durch die Aufhebung dieser Abgaben 
entstehen wurde , zu ersetzen seyn wurde. (Ref. wird sich in die« 
ser Anzeige auf das beschränken, was der Bericht über die Zehn« 
ten enthält.) Die. Zehnten sind im Kanton Bern im Verlaufe der 
Zeit — besonders durch die Einziehung der Kloster — gröfsten- 
theils in die Hände des Staates gekommen. Sie waren einst öf- 
fentliche Abgaben; sie haben diese Eigenschaft auch jetzt noch, 
wenigstens in dem Sinne, dafs mit dem Ertrage derselben ein 
Theil der Staatsausgaben bestritten wird. Sie müssen aufgehoben 
werden , um den Grundsatz der gleichen *d. i. der verhältnifs« 
mafsigen Vertheilung der öffentlichen Lasten auch in dieser Be- 
ziehung durchzufuhren. (Der Bericht leitet diesen Schlufs aus 
dem Charakter der Berner Staatsverfassung ab. Aber sollte er 
nicht vieiraehr auf dem Principe beruhen : Was jemals eine öf- 
fentliche Abgabe war, kann nie aufhören eine öffentliche Abgabe 
zu seyn?) Gleichwohl geht der Bericht von der Ansicht aus, 
»dafs die Aufhebung der Zehntinst auf dem Grundsatze der Los- 
liäuflichkeit, auf dem der Verpflichtung zum Loskaufe in- 
nerhalb einer zu bestimmenden Frist und auf dem der Festsetzung 
eines erniedrigten Loskaufspreises beruhen müsse, — oder, 
wie man diesen Satz auszudrucken berechtigt seyn durfte , von der 
Ansicht, dafs gleichwohl zwischen der Gegenwart und der Ver- 
gangenheit, zwischen dem, was an sich Rechtens ist, und dem 
bestehenden Rechte ein billiger Vergleich zu stiften sey. Hier- 
nach wird vorgeschlagen, dafs der Staat alle Zehnten, welche 
Privatpersonen oder einer Körperschaft gehören , käuflich an sich 
bringen und dafs hierauf die Ablösung mit dem fünf zehnfachen 
Betrage nach dem Durchschnittsertrage der fetzten 21 Jahre in 
10 Jahren mittelst terminlicher Zahlungen von den Zehntpflich- 
«tigen geschehen soll. (Abgesehn von der Verpflichtung zur 
Ablösung , gewifs ein sehr billiger Vorschlag.) Da schon zufolge 
früherer Gesetze die Zehnten ablöslich waren , »jedoch nur zu ih- 
rem wahren Werthe, so sollen diejenigen entschädigt werden, 
welche die Zehnten nach diesen Gesetzen abgekauft haben f we- 



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. Reform de« Finanzwesen* in Bern. 211 

gen des zu viel Gezahlten entschädigt werden, wenn sich auch 
die Mitglieder der Kommission nicht über den Betrag dieser EnU 
Schädigung vereinigen konnten. Ebenso waren die Meinungen 
über die Frage getbeilt, welche Steuer oder welche Steuern den 
durch die Aufhebung der Zehnten entstehenden Ausfall in dem 
Einkommen des Staates decken sollen. Die Mehrheit entschied 
sich für eine allgemeine Einkommensteuer, die Minderzahl für die 
Einfuhrung oder für die Erhöhung gewisser besonderer Steuern. 
(Der Bericht verbreitet sich ausfuhrlich aber die Grunde för und 
wider die eine und die andere Meinung) — II. Reform des 
Armen wesens. Das Armenwesen hat in dem Kanton Bern ohn- 
gefähr denselben Gang genommen, wie in England. Auch in 
Bern wurde es von den Gesetzen den Gemeinden zur Pflicht ge- 
macht , für ihre Armen zu sorgen. Die Folgen konnten nicht 
ausbleiben und sie blieben nicht aus. Es vermehrte sich die Zalil 
der Armen, es stiegen die Armentaxen; es entstand, da die Zahl 
der Armen besonders in einigen Theilen des Kantons zunahm 
eine neue_ Ungleichheit in 4er Verkeilung der öffentlichen Lasten* 
anderer Übel nicht zu gedenken , die sich an diesen Zustand der 
Dinge anreihten. Der Bericht geht nun von dem Grundsätze aus- 
»Der Staat als solcher hat keine Pflicht zur Unter. 
Stützung der Armen« und mithin eben so wenig das Recht, 
Abgaben für diesen Zweck zu erheben oder den Gemeinden die 
Pflicht aufzuerlegen , für ihre fernen zu sorgen. Dieser Grund- 
satz klingt allerdings hart. Aber er ist nur eine Folgerung aus 
dem allgemeinen Satze , dafs Niemand, der sich selbst helfen kann, 
einen Rechtsanspruch auf die Hülfe Anderer zur Erhaltung sei- 
nes Lehens oder seines Eigentumes hat. Er spricht nun von 
einem Rechte und nicht von einem Ansprüche auf die Hülfe 
oder Mildthätigkeit Anderer. Er wird überdies in dem Berichte, 
wie das von Rechtswegen geschehen muftle, nur mit der Einschran- 
kung aufgestellt, dafs dem Gemeinwesen gleichwohl die Rechts- 
Verbindlichkeit obliege, für diejenigen zu sorgen, welche, ohne 
Vermögen und ohne dafs sie Verwandte haben , welche sie zu 
unterhalten rechtlich verflichtet sind, schlechthin ausser Stand 
sind, sich selbst zu ernähren, also für Greise, für gebrechliche 
Personen, für Kranke, für Waisen (und für uneheliche Kinder,) 
in so fern sie in diese Klasse der Armen gehören. Der Vorschlag 
der Kommission geht nun dahin, die Last der Vorsorge für die 
Armen dieser Klasse den Gemeinden abzunehmen und sie dem 
Staate aufzulegen ; wobei sich der Bericht zugleich über die Art, 



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272 Reform des Finanzwesens in Bern. 

wie dieser Vorschlag (z. B. durch die Errichtung von Armen- und 
Waisenhäusern) in Vollziehung gesetzt werden konnte, verbrei- 
tet. Dagegen glaubt die Kommission den obigen Grundsatz auch 
auf diejenigen Armen anwenden zu können und zu müssen, wel- 
che erklaren, da Ts sie bereit sind zu arbeiten, aber behaupten, 
dafs sie keine Arbeit finden können. (Eine sehr schwierige Frage! 
Das neueste englische Armengesetz hat sie anders entschieden.) 
Auch ist noch aus diesem Tbeile des Berichts anzuf ühren , dafs 
die Kommission gegen den Strafsenbettei Zwangsarbeitshäu- 
ser in Vorschlag bringt. (Hierbei kann man die Frage aufwer- 
fen : Wenn die Gesetze eines Staates den Grundsatz bekräftigen 
und durchführen, dafs Armut h kein Recht auf Unterstützung 
gebe, welchen Einflufs hat das oder soll das auf das Recht der 
Armen haben , Andere um Almosen anzusprechen ? Die Kom- 
mission hatte einen ohnebin so reichhaltigen Auftrag, dafs man 
ihr nicht daraus einen Vorwurf machen kann, dafs sie nicht auf 
diese Frage eingegangen ist.) — III. und IV. Reform des 
Finanzwesens der Gemeinden, der bürgerrechtlichen 
Verhältnisse, (des Ortsbürgerrechts.) S. 75.*) Die Kommis- 
sion konnte sich in diesen Abschnitten kurz fassen, da sie grofs- 
tentheils nur auf Erhaltung des Bestehenden anträgt. Doch will 
Ref. aus diesem Theile der Schrift zwei Sätze anführen, die all- 
gemeine Beherzigung verdienen durften. »Da die Gemeinden 
blos kleinere Theile eines gröfseren Ganzen, des Staates, bilden, 
so mufs ihr Organismus, und daher auch ihr Steuerwesen, auf 
den nämlichen Grundsätzen, nur in kleinerem Mafsstabe, wie das 
des Staates, beruhen.« (S. 70.) 



*) Waa wir in hiesigen liegenden Gemeindenmlagen nennen, nennt 
man in Bern Gemeinde teilen. Von taille ¥ oder too Zoll, Toll, 
tcloneuui ? 

1 

(D*r Bßtehlufs folgt.) 



1 

1 



s 



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N*. 18. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Reform de» Finanzwesen* in Bern. 

(Be$chluf:) 

»Die Aufhebung der Ortsbürgerrechte wurde, auch wenn 
ihr weniger Schwierigkeiten entgegenständen , kaum diejenigen 
wohlthätigen Folgen herbeiführen, die man sich von einer so 
wichtigen Mafsregel verspricht, sondern viel eher sehr verderb- 
lich wirken. Zwar kennt die Kommission die Nachtheile sehr 
gut, die man gewohnlich diesen Instituten vorwirft, und die sich 
auch nicht ganz wegleugnen lassen. Sie weifs wohl, dafs die 
Burgerrechte die Quellen sind des eigennutzigen , kleinlichen 
Örtli- and Kantönligeistes , welcher den Vortheil des BurgerorU 
vorzieht demjenigen des gemeinen Vaterlandes, weil er im Grunde 
sein ganzes Vaterland nur in seinem Burgerorte, höchstens in 
seinem Kantone erblickt ; sie weifs , dafs zu andern schädlichen 
Fruchten jenes Geistes auch die kleinliche Unterscheidung in den 
Begriffen voo Burgern und Hintersassen mit ihren Folgen zu 
zählen ist. Aber neben dieser Schattenseite verkenne man die 
Lichtseiten jener tief gewurzelten Institutionen nicht. Zwar er- 
kennt mancher in der That sein Vaterland nur in seinem Burger- 
recht;. aber wurde ihm dann jenes lieber werden, wenn man ihm 
dieses entreifst ? jetzt findet er in der Beförderung der Interessen 
seiner Burgergemeinde, die doch auch einen Theil des gröfsern 
Ganzen bildet, einen ihm werthen Wirkungkskreis, in welchem 
er nutzlich ist, während er ohne diesen ein unnutzer Burger 
wäre. Da nun nicht alle Burger an den höhern vaterländischen 
Angelegenheiten thätigen Theil nehmen können, so ist es gewifs 
im klugen Interesse der Regierung, doch jedem so viel möglich 
einen engern Wirkungskreis anzuweisen, in welchem er seine 
Kräfte mit Freuden übt , und mittelbar auch den Nutzen des ge- 
meinsamen Vaterlandes fördert. Weit entfernt also, dafs mit 
Aufbebung der Burgerrechte ein gemeinnützigerer Patriotismus 
einträte, würde höchst wahrscheinlich todte Gleichgültigkeit an 
allen vaterländischen Interessen , bei einer grofsen Zahl der Staats« 
burger die Stelle des Örtligeistes einnehmen , welcher dann leicht 
die Wahrheit der Worte von Montesquieu bewähren liefsc: 
»du moment quun citoyen dit que m'importe, V&at est perdu.« 
XXXI. Jahrg. 3. Heft. 18 



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214 6. Durrbach: Rappoititein , eine Wandertage. 

Hein, bat sich bei dem Lesen dieses wacker ausgearbeiteten 
Hommissionsberichts mehr als einmal der Gedanke aufgedrungen, 
dafs, wie die Sachen jetzt in den deutschen und in mehrern an- 
dern europäischen Staaten stehn , der Unterschied zwischen einer 
Republik und einer Monarchie, was das endliche Resultat dieser 
Verfassungen für die einzelnen Rürger betrifft, denn doch nicht 
so- bedeutend sey , als -man , weon man blos die Begriffs Verschie- 
denheit dieser Verfassungen berücksichtiget , erwarten konnte. 

Zackariä. 



Rappoititein. Eine Wundertage au» dem Mittelalter, dichteriech be- 
arbeitet von G. (Georg) D. (Dürrbach). Zürich, bei Schuithcfs. 
1836. 48? & 8. 

Obschon der gegenwärtig geringere Anbau der epischen Poe- 
sie in allgemeinen Verhältnissen der Zeit und der Literatur sei- 
nen Grund bat, so trägt doch auch ein gewisser Mangel an Kraft 
des Hervorbringens von Seiten der Dichter und der Auffassung 
von Seiten des Publicums einen Theil der Schuld daran. Wie 
auf andern Gebieten des Lebens , so liebt auch hier der grofsere 
Theil die fluchtigen Genüsse, welche durch Neuheit oder durch 
irgend andere auffallende und überraschende Eigenschaften reizen 
und durch die Kurze ihrer Dauer schnell wieder andern Genüs- 
sen den Platz räumen. Wir schlurfen jetzt lieber aus Liqueur* 
gläseben den poetischen Nektar, oder was uns dafür angeboten 
wird, als dafs wir volle Schalen aus der kastaliscben Quelle 
schupfen. Um so interessanter ist es, wenn ungeachtet dieser 
nicht einladenden Umstände ein Dichter solche volle Schalen 
schöpft und uns anbietet. Ein solches Unternehmen mufs um so 
mehr Aufmerksamkeit verdienen, wenn es mit dichterischer Kraft, 
mit Phantasie und richtigem Geschmack begonnen, mit Ausdauer, 
Liebe und Kunstfertigkeit ausgeführt ist. Wir stehen nicht an, 
das vorliegende Werk als ein solches Unternehmen zu bezeich- 
nen , und zweifeln nicht daran , dafs Leser , welche nicht durch 
poetische Genrestücke verwohnt sind, sondern den Sinn für grö- 
fsere Compositionen behalten haben , diesem Urtheile beistimmen 
werden. Das Werk ist ausserdem noch durch besondere Um- 
stände bemerkenswert!). Es ist nämlich im Elsafs und von einem 
elsassischen Dichter verfafst, und gehört seinem Inhalte nach der 
deutschen Vorzeit des Elsasses an. Es kommt also aus jenen 
schönen Gauen , wo in Sage und Sitten und in der geistigen Rieh- 



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6. Dürrbach: Rap pol Utein , «ine Wandertage. 275 

tung überhaupt sich ein so unzerstörbares deutsches Element fin- 
det. Jede Blüthe deutscher Kunst und Wissenschaft , welche dort 
sprofst, verdient gewifs in erhöhtem Maafse unsre Aufmerksamkeit 
und Pflege. Wir glauben daher den Lesern dieser Blätter einen 
Dienst zu erweisen und zugleich eine Pflicht der deutschen Kri- 
tik gegen die Erzeugnisse der deutschen Muse jenseits des Rheins 
zu erfüllen, wenn wir Inhalt, Geist und Ausführung dieses Wer- 
kes etwas genauer darzustellen versuchen. 

Die Sage, welche den Grundstoff dieses Epos ausmacht, ist 
auf den kürzesten Ausdruck gebracht folgende: Conrad, Herr 
von Rappoltstein, durch seine erste Gemahlin Gisberte Va- 
ter zweier Sohne, Ortolphs und Wipolds, und einer Tochter, 
Gertrude, ein harter und übermüthiger Mann, bringt durch diese 
Härte die Bewohner von Rappertsweiler gegen sich zur Empö- 
rung und bekämpft diese, unterstützt durch Egenolf von Bild- 
stein, den jedoch nur die Liebe au Conrads Tochter dazu be- 
wegt Ortolph und Wipold weigern sich, Conraden bei 
diesem Kampfe beizustehen , worüber dann auch zwischen dem 
Vater und den eignen Sühnen Fehde entsteht. Conrad wird 
dabei gelodtet und flucht seinen Sühnen. Nun erhebt sieb zwi- 
schen den Brüdern ein Streit um das Täterliche Erbe. Ortolph 
gewinnt Egenolf für sich ; Wipold sucht durch allerhand Ränke 
gegen seinen Bruder sich in den Besitz der Herrschaft des Va- 
ters zu setzen , welche jenem als dem ältern gebührt. Obgleich 
Ortolph selbst, so wie Egenolf und Gertrude den Ausbruch 
des Bruderzwistes auf alle Art zu verhüten suchen, so läfst sich 
diese Fehde nicht zurückhalten und Ortolph bleibt Sieger. 
Kaiser Friedrich Barbarossa, der nach einem Romerzuge in 
diese Gegend kommt , zieht beide Brüder , als Morder ihres Va- 
ters , zur Rechenschaft. Durch die Bitten ihrer Schwester wird 
beiden verziehen. Die beiden Liebenden, Egenolf und Ger- 
trude, werden nach einer Reihe von Hindernissen und Prüfun- 
gen endlich mit einander vereinigt. Allein der Vaterfluch sollte 
doch noch in Erfüllung gehen. Ortolph erschient unfreiwillig 
bei Gelegenheit eines Jagdfestes seinen Bruder Wipold durch 
ein Geschofs, an welches ein besonderes unheilbringendes Ver- 
hängnifs geknüpft ist. Ortolph in verz, w ei 11 ungs vollem Schmerze 
darüber unternimmt zur Sühne eine Kreuzfartb, wobei er den 
Tod findet. Egenolf und Gertrude kommen so in den Besitz 
des Rappoltsteinischen Erbes und leben in glücklicher Ehe. Es 
ist also der Inhalt des Ganzen : der verhängnisvolle Untergang 



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276 Q. Dürrbach: Rappoltsteio , eine Wandertage. 

eines mächtigen Dynastengeschlechtes and das Aufblühen eines 
neuen durch Vereinigung des letzten Zweiges desselben mit ei* 
nem andern edeln Stamme* 

Ausser den genannten Personen und einer Anzahl Neben« 
fi goren treten noch folgende als in den Gang der Begebenheiten 
eingreifend hervor: Ort lieb, ein heiliger Klausner von Rapperts- 
weiler, spater Bischof von Basel; Xaver, ein listiger und ener- 
gischer Mönch, dem Jagd, Krieg und wehliche Händel mehr als 
Mefsbuch und Brevier gefallen; Raimund, ein Verwandter Leo- 
norens, der zweiten Gemahlin Conrads und dadurch auch der 
Kaiserin Beatrix, der Gemahlin Friedrichs, ein gashonischer 
Bitter, prahlerisch, unzuverlässig und zu jedem Betrug, wenn 
es seinen Vortheil gilt, stets bereit, der Nebenbuhler Egenolfs 
in der Liebe zu Gertrude; Landulf, ein elsassischer Ritter, - 
treu, bieder und tapfer, aber von unangenehmen äussern An- 
sehen, Adel beide liebend ohne Gegenliebe und darum in Krieg 
und Abentheuern die Welt durchstreifend; Till, der lustige 
Rath des Kaisers Friedrich, dabei lieblicher Sänger und Dichter; 
Adelheide, Raimunds Schwester, wie er von den Ufern der 
Garonne, in heifser Liebe für Egenolf glühend und Alles für 
diese Liebe ohne Erfolg unternehmend; Beatrix, Kaiser Frie- 
drichs Gemahlin; aus Burgund, wie ihre Verwandte Leonore; 
Herzlande, ebendaher, früher die Veitraute Gisbertens, der 
ersten Gemahlin Conrads, zu der sie als eine arme Vertriebene 
harn und die sie durch Klugheit und erheuchelte Herzensgute 
für sich gewann , aber im Geheimen arge Zauberkünste treibend« 

Aus dieser kurzen Andeutung wird schon hervorgeben, dafs 
es an Mannigfaltigheit der Charaktere nicht fehlt Sie sind aber 
auch überdies bestimmt aufgefafst, lebendig dargestellt und gut 
durchgeführt. Die beiden Liebenden, Egenolf und Gertrude, 
haben, wie sich erwarten läfst, eine etwas idealische Färbung, 
ohne jedoch dadurch zu charakterlosen Gestalten zu werden. 
Schärfer tritt das charakteristische Gepräge bei den Personen des 
Gedichtes, die in zweiter Linie stehen, hervor, bei Landulf, 
Raimund, Adelheide, Xaver, Till. Die Charaktere der bei- 
den feindlichen Brüder sind einander so entgegengesetzt, dafs 
Ortolph, der ältere, als der edlere erscheint , Wipold, als der 
unedlere, gewaltsamere; so werden sie auch ihrer äussern Er- 
scheinung nach unterschieden: »VVipold war stark, und Or- 
tolph hiefs der Schone.« Indessen tritt dieser Gegensatz erst 
im Verlauf des Gedichtes ein , weniger im Anfange , wo auch der 



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G. Dürrbacb; Rappoltetein , eine Wundertage. 177 

jüngere Bruder, Wipold, edle Gerinnungen zeigt (11, S. a5.). 
Es wäre zweckmässiger in künstlerischer Hinsicht und naturlicher 
gewesen den Unterschied der Charaktere beider Bruder gleich bei 
ihrem ersten Auftreten bestimmter anzudeuten. Die Charaktere 
der handelnden Personen zeigt der Dichter übrigens, wie es sich 
gebührt, mehr durch die Art ihres Handelns und durch ihre un- 
mittelbaren Äusserungen, als durch reilectirende Beschreibung. 
Eine Charakteristik der weiblichen Hauptperson, Gertrudens, 
gibt er auf eine gluckliebe Weise durch die Erzählung ihrer Er- 
siehung (IV. Ges. & 78. 79). Auch wo keine Darstellung und 
Entwicklung eines Charakters, sondern nur ein charakteristisches 
Bild der äussern Erscheinung einer Person zu geben, weifs der 
Dichter gut zu schildern. Als Probe mag das erste Auftreten 
des Kaisers gelten, der unerkannt von EgenolF (dem Urselinen) 
während seines Streites mit Till im Walde erscheint (Ges. XIX. 
S. 397) : 

— — Mit edler Sitte 
Begrü fiten ringsum alle Krieger ihn; 
Ein tiefe« Schweigen herrschet in der Mitte, 
Mit Ehrfurcht nur vermag der Urselin 
Des Fremdlings hohe Würde anzuschauen, 
Die seine Stirn umschwebt und seine Brauen. 

- 

Auf seinem schönen Angesichte paaren 
Sich hoher Ernst und sanfte Müdigkeit; 
Schon ist mit vielen grausen Silberhaaren 
Sein blondes Haupt, sein rother Bart bestreut; 
Schon stand er an der Schwelle von den Jahren , 
Wo unse/s Lebens kräfVge, goldne Zeit 
Sich su des Abends milder Dämm'rung neiget, 
Und unser Fufs ins Thal hitiuntersteiget. 

Doch schauten noch die Blicke kühn and bieder 

Hervor aus seiner Augen hellem Blau ; 

Die Schultern breit, und schön und stark die Glieder, 

Und grofs des Leibes wohlgestalter Bau. 

Ein Jagdschwert hieng ihm von dem Gürtel nieder, 

Ein grünes Jagdgewand , verbrämt mit Grau , 

Das war de« hohen Eingetretenen Hülle; 

Doch also unterbrach er nun die Stille: u. s. w. 

Die beiden Elemente der epischen Gattung, die historische 
Grundlage und das Wunderbare, sind mit selbständiger Kraft und 
mit künstlerischer Einsicht von dem Verf. benutzt. Das schöne 
Land, welches die Scene bildet, ist mit frischen Farben geschil- 
dert, mit seiner fruchtbaren Fülle in Berg und Thal, mit seinen 



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218 O. Dürtbach: Raypoltuteio , eine Wandertage. 

jetzt in Trümmern liegenden Bargen und seinen noch blühenden 
Städten. Das Ganze gewinnt einen guten historischen Hinter- 
grund durch die Verbindung der Sage mit dem Aufenthalt und 
dem Walten Friedrich Barbarossa^ in jener Gegend und durch 
einige glücklich eingeflochtene Episoden , wie die Beschreibung 
der Schlacht von Legnano (S. 43 rY.). Auch ist ?on dem Dich- 
ter sehr glücklich benützt worden die Individualität des Landes 
und der Bevölkerung an der Gränze von Deutschland und Frank- 
reich, der gegenseitige Verketir und der Gegensatz zwischen dem 
deutschen und französischen Wesen. So kommen zu den deut- 
schen Personen und Charakteren Conrad mit dessen Söhnen, 
Gertrude, Egenolf, Landulf u. a. andrerseits die französi- 
schen, Raimond, Adelbeide, Beatrix, Leonore hinzu und 
bilden mit ihnen einen natürlichen Contrast. 

Motive aus dem Gebiete des Wunderbaren gab einmal schon 
die hier behandelte Sage selbst Rimbaldo, einer der Ahnher- 
ren des Geschlechts von Rappoltstein , von normannischer Ab- 
kunft aus dem Stamme der Ursinen, aus Italien in das Elsafs ein- 
gewandert, war wie der Ritter von Staufenberg mit einer Fee — 
(Habande nennt sie der Dichter) — vermählt. Er führte lange 
ein heidnisches Leben, obgleich er vor seinem Tode sich noch 
bekehrte. Sein Geist ist zur Strafe und Sühnung in das Stein- 
bild seines Grabdenkmales gebannt. Von dieser Zeit an herrschte 
ein unglückliches Verhängnifs über seinem Geschlecbte bis zu 
seinem- Untergange. Ebenso wird auch auf den hohen Norden 
der Ursprung des Geschlechtes Egenolf s zurückgeführt. Sein 
Urahne war Urseling, ein Freund Ursins, die sich aber nach 
einer schon erzählten Sage (II. S. 28) in der nordischen Heimath 
entzweiten, und von deren Nachkommen die einen, die Ursi- 
nen, nach Italien, die Urselinger nach Schwaben auswander- 
ten. Beide Geschlechter aber waren aus dem Stamme Holters, 
des Bcsiegers Balders; und das Unheil, das auf einem Theile 
der Nachkommen Horters ruhte, kam von der Fee Habande, 
die den Tod des von ihr geliebten Balders auf diese Art rächen 
wollte, bis sie durch Egenolfs Schönheit und Trefflichkeit ge- 
rührt für diesen in Liebe entbrannte (XV. S. 333 ff.). Nicht 
minder tragisch ist das Schicksal Brunhildes, der Ahnfrau des 
Rappoltsteinischen Geschlechtes nach seiner Übersiedelung aus 
Italien. Diese hatte aus Liebe für den schonen Normanen ihren 
frühern Gemahl mit seinem eignen Schwerte getodtet und sich 
mit Rimbaldo vermählt Nach dessen Tode wollte ein Verwand- 



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». Dürrbach: Kappoltstein , eine Wundersage fit) 

ter ihres ersten Mannes Rache an ihr nehmen , sie aber fluchtete 
sich mit Rimbaldo's Schwert in eine Kapelle im Gebirg, deren 
Thure sich hinter ihr schlofs, und nie gelang es Jemanden, sie 
zo offnen. Jahrhunderte lang war der Geist der Verbrecherin 
hier eingeschlossen und man horte von Zeit zu Zeit ihre klagende 
Stimme, bis sie Gertrude erloste und mit dem aus der Kapelle 
genommenen Schwerte Egenolf im Kampfe zu Hülfe eilte. Den 
Charakter der Volkssage hat auch die Zauberburg der Kaiserin 
Beatrix, auf der höchsten Spitze der Vogesen. Andere Wunder- 
sagen holt der Dichter aus dem hohen Norden, woher er seine 
Helden abstammen läfst. So die Sage von dem Zaubergurtel, 
den Horter, der gemeinschaftliche Stammvater der Ursinen und 
Urselingen von den Nornen einst erhielt und der seinen Nach- 
kömmling Egenolf schützte. Eine andre Quelle des Wunderba- 
ren geben volksmäfsige heidnische und christliche zum Theil ja 
noch beutigen Tages bestehende Vorstellungen. Dabin geboren 
die mit lebhaften Farben geschilderten Zauberkünste, welche 
Herzlande auf Adelheidens Ansuchen vornimmt, um Ege- 
nolf s Liebe zu gewinnen (XI, S. aa3. XXI, S. 444); Geister 
von Verstorbenen , welche erscheinen und geheimgehaltene Ver- 
brechen offenbaren (X, ao3. XII, «36 ) ; Herz lande's zaube- 
risches Hexen werk gegen die Amme Gertrudens, aus Zorn dar- 
über, dafs die Amme nicht der kleinen Gertrude Herzlandes 
Kind verwechseln lassen will (XII, 246); die Vision des heiligen 
Klausners Ortlieb, der im Geiste eine reinere, bessere Zeit 
sieht, wobei eine ehrenvolle Erinnerung an den berühmten Theo- 
logen Spener, dessen Geburtsort Rappolts weiter war, glücklich 
angebracht ist. Höhere Wesen, welche selbst redend und han- 
delnd auftreten, .sind ausser der schon genannten Fee Habande, 
die durch ihren Hafs und ihre Liebe in den Gang der Begeben- 
heiten besonders eingreift, ein Seeg eist vom Kaisersberge, der 
nach der Art solcher Elementargeister mit Elfenberzen nicht 
minder wie mit armen Menschenherzen sein neckisches, tückisches 
Spiel treibt und bei welchem Habande in ihrer Liebe zu Egenolf 
vergeblich Hilfe sucht (VII, i35); und aus dem Kreise der christ- 
lichen Vorstellungen die heilige Maria, welche der Dichter der 
schlummernden Gertrude also erscheinen läfst: 

• 

Und süTse , heil'gc Wonnesrhauer beben » 
Durch ihre Brust, war's träumend? einen Chor 
Von Engeln sieht sie lächelnd niederschweben, 

Und sanfte Töne schallen am ihr Ohr. 

» 



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280 G. Dürrbach : RappolUtein , eine Wundenage. 

Nun schreitet selbst, von Himinelsglans umgeben, 
Maria dureh ein goldnes Strahlenthor, 
Ihr Haupt nmleuchten Sterne , auf dem Wagen 
Der Silberwolken wird sie hingetragen. 

Die Sonne war ihr Kleid ; zu ihren Fürsen . 
Sah man der Mondesscheibe gold'oe Pracht. 
Ihr Arm umnchlang den Knaben, der den Riesen 
Der Hölle stürzte in die ew'ge Nacht. 
Bezaubernd war der Lippen holdes Grüften, 
Wie Maienglanz, der auf den Fluren lacht: 
Und also redet sie voll sanfter Milde 
Gertraden an, die hohe Wonne füllte. 

Auch läfst der Dichter Gott selbst durch Absendung eines 
guten Engels unmittelbar in die Handlung einwirken, um Ege- 
nolf aus den Schlingen der Verführung zu befreien (XIII , 277). ■ 

So verschieden und mannigfaltig diese hohem Wesen und 
überhaupt diese Motive des Wunderbaren sind, so wird man doch 
anerkennen, dafs hier nicht eine Zusammensetzung heterogener 
Elemente ist, sondern dafs der Dichter nur vereinigt läfst, was 
im Volksglauben zu gewissen Zeiten vereinigt vorkam und zum 
Theil noch vorkommt, so dafs er gerechtfertigt erscheint, wenn 
er hierin der Weise früherer epischer Dichter folgt. Die Cha- 
raktere jener hohem Wesen sind im Ganzen gut gehalten , be- 
sonders Habandens und des Seegeistes. Die Worte, welche 
der Dichter der heiligen Maria in den Mund legt und wodurch 
sie ausspricht , wie sie verehrt seyn will und wie nicht , deuten 
zwar auf spätere Ansichten hin; so wie ähnliche protestantische 
Anklänge in Ortliebs Vision, worin Speners Andenken gefeiert 
wird, und in einer andern Rede desselben (XIV, 309) bemerkbar 
sind. Aber dies stört in poetischer Hinsicht nicht; im Gegen* 
theil durch diesen mehr individuellen , an wirkliche Verhältnisse 
erinnernden Ausdruck erhält das Ganze gleichsam einen festern 
Bestand. Einmal jedoch finden wir, dafs der Dichter den sonst 
richtig verfolgten Weg verlassen hat, und statt solcher im Volks- 
and Dichterglauben bestehender Individualitäten, ein allgemeines 
allegorisches Wesen — die Rache, oder einen Rachegeist 
auftreten läfst, welcher Adelheiden einen nie fehlenden Pfeil 
gibt, denselben, durch den später Wipold, der eine der beiden . 
feindlichen Brüder, fallt. Übrigens weifs der Dichter in dem 
Eingange mehrerer Gesänge die Leser auf das Wunderbare gut 
vorzubereiten. Ohne prosaisch darüber zu reflectiren, fügt er 
auf eine geschickte Weise vermittelnde Gedanken ein , indem er 



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G Dürrbach: Rappoltstein , eine Wunderlage. 881 

t 

theils auf die alte Sage sich beruft, tbeilt auf den geistigen Sinn 
derselben hinweist (VII, i3». XII, 23 1.). 

Aus dem Zusammenwirken jener Charaktere, mit ihren In- 
teressen und Leidenschaften, in Verbindung mit diesen Motiven 
aus dem Gebiete des Wunderbaren erweitert sich die oben kurz 
angedeutete Hauptbegebenheit zu einem ausgedehnten , vielfach 
verschlungenen, kunstreichen Ganzen. Der unselige Bruderzwist, 
welchem Gertrude und Ortlieb oft vergeblich entgegenarbei- 
ten, wird vornehmlich durch den schlauen und ehrgeizigen Xa- 
ver, der auf Wipolds Seite ist, durch Raimund und auch, 
obwohl ohne Absicht, durch Landulf unterhalten und immer 
aufs neue angefacht. Egenolfs und Gertrudens Liebe, neben 
dem Streit zwischen dem Vater und den Söhnen und den Sühnen 
unter einander, der Hauptgegenstand des Gedichtes, wird durch 
Adelheidens unglückliche Liebe zu Egenolf und Raimunds 
zu Gertrude rielfach gehiodert und geprüft; so wie nicht min- 
der die unerwiederte Landulfs zu Adelheide mehrfach in 
den Gang der Begebenheiten eingreift. Diesen Gang in allen sei- 
nen zahlreichen Windungen, welche der Dichter ihm gibt, bis 
ins Einzelne zu verfolgen , wurde eine zu ausführliche Darstel- 
lung fordern. Andrerseits erfordert aber der Zweck dieser An- 
zeige wenigstens in einigen Grundzügen die innere Ökonomie des 
Gedichtes anzugeben. 

Der glucklich aufgefaßte und dargestellte Eingang des Ge- 
dichtes führt uns mitten in die Weinlese zu Rappoltsweiler. Durch 
die Härte, womit bei der Weinlese der Zehnte eingefordert wird f 
bricht die lange genährte Unzufriedenheit der Grundholde und 
Bürger von Rappoltsweiler in einen Aufstand aus, bei welchem 
Conrad vergebens die Hülfe seiner Söhne in Anspruch nimmt, 
so dafs er sich an Egenolf wendet. Daran knüpft sich die Ex- 
position der Hauptpersonen des Ganzen (Ges. I. und IL). Indes- 
sen wird Egenolf durch Landulf, welcher von Raimund 
dazu verrätherischer Weise engestiftet worden war und Ortolphs 
Rüstung angelegt hatte, verwundet. Ort lieb, der heilige Ein- 
siedler, sucht vergebens Conrad zu bekehren und zur Versöh- 
nung mit seinen Unterthanen zu bringen. Derselbe heilt den 
verwundeten Egenolf (Ges. III. und IV.). Gertrude sucht 
ihren Bruder Ortolpb, der fälschlich für den Feind gilt, der 
Egenolf verwundete, zu versöhnen und begibt sich heimlich 
auf dessen Burg St. Ulrich, während Egenolf, von Conrad 
dazu gereizt, in derselben Nacht die Fahne von der Zinne dieser 



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282 G. Dürrbach: RappolUtein, eine Waodertage. 

Barg holt Gertraden erscheint in der Kapelle, wo sie betet, 
der Geist ihres Ahnherrn Rimbaldo, der ihr seine und seines 
Hauses Geschichte und Schicksal verkündet. In derselben Nacht 
unternimmt Conrad einen Angriff auf Rappoltsweiler , wobei 
ihm der von St. Ulrich zurückkehrende Egenolf zu rechter 
Zeit noch zu Hülfe kommt (Ges. V.). Gertrude sucht bei 
Herzlande Rath wegen der Erscheinung ihres Ahnherrn. Durch 
den Verrat h derselben wird sie von Raimund geraubt, aber 
durch einen glücklichen Zufall von ihren Brüdern, die von dem 
Kirchweihfeste zu Tannenkirchen kommen , aus den Händen des 
Räubers befreit. Sie geht mit dem jungem Brader Wipold 
auf dessen Burg Girsberg (Ges. VI.). Die Fee Habande wen- 
det sich an den Seegeist des Sees auf dem Kaisersberg um Rath 
and Hülfe, um in ihrer Liebe zu Egenolf an ein glückliches Ziel 
zu kommen. Durch das tückische Spiel des Seegeistes nimmt die 
Feindseligkeit und Verwirrung in Conrads Familie noch mehr zu. 
Ein treuer Diener, den Conrad nach Girsberg schickt, um Ger- 
trude zu holen , wird dort gefangen zurückgehalten. Die Fehde 
Conrads gegen seine Söhne kommt zu Ausbruch; er zieht gegen 
sie mit Egenolfs Hülfe (Ges. VII.). Die folgenden Gesänge bis 
zu dem X. Gesang erzählen den Fortgang dieser Fehde, den 
Kampf um Ortolphs Burg St. Ulrich, und Conrads Ende, 
welcher verwundet und seinen Söhnen fluchend sich einen Fel- 
sen herabstürzt, nachdem Egenolf, der zu kühn vorandrang, ge- 
fangen worden war. Bei diesem Kampfe hatte der Mönch Xa- 
ver, an den sich Wipold anschlofs, die Burg Conrads, Rappolt- 
stein, durch List eingenommen, indem er Raimunden, der sie zu 
bewachen hatte, als Preis seines Verrathes den Besitz Gertra- 
dens zusagte. Nach Conrads Tod sucht der jüngere der bei- 
den Sohne, Wipold, durch den ränke vollen Xaver dazu ange- 
trieben, das väterliche Erbe sich zuzuwenden. Er versöhnt sich 
mit seiner Stiefmutter Leonore, wegen ihres Einflusses bei der 
Kaiserin Beatrix. Xaver hält das Volk ab Ortolph als Herrn 
anzuerkeunen. Inzwischen sucht Adelheide mit Hülfe Herz- 
landens durch Zauberkünste die beiden Liebenden Egenolf und 
Gertrude zu trennen, und da sie die Überzeugung haben, dies 
könne nur am Hofe der Kaiserin auf dem nahen Kaisersberge 
geschehen, so ziehen auf Adelheidens und Raimunds Ver- 
anstaltung Wipold and Gertrude mit ihnen dorthin (Ges. XI.). 
Ortolph verbindet sich mit Egenolf, dem er die Freiheil 
schenkt, wider Wipold, der sich der väterlichen Burg RappolU 



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stein bemächtigt hatte. Ortolph und Egenolf schicken Ger- 
tradens Amme, um diese zu suchen; allein von Herzlande wahn- 
sinnig gemacht kehrt sie nicht zurück. Ein Diener Ortolphs, 
zur Hundschaft und Versöhnung nach Bappoltstein geschieht, 
wird von Xaver erschlagen. Die Bruderfehde ist unvermeidlich 
(Ges. XII.). Vor dem wirklichen Ausbruch derselben wird er- 
zählt, wie Egenolf nach Kaisersberg geht, um Gertruden auf- 
zusuchen. Er wird durch ein mit magischen Künsten zubereite- 
tes Gewand von der reizenden Adel beide auf jener Zauberburg 
gefesselt, durch Ortliebs Zusprach wieder befreit; in dessen 
Kapelle kommt er auf dem Buckweg von Kaisersberg mit Lan- 
dulf, der in der Liebe zu Adelheiden umherirrt, zusammen 
und versühnt sich mit ihm nach Aufklarung früherer Irrungen, 
darauf kehrt er zu Ortolph zurück (Ges. XIII.). Inzwischen 
hat auf dem Kaisersberg Baimund vergeblich versucht, Ger- 
trudens Herz zu betbören. Sie verläfst Kaisersberg, sucht bei 
Ort lieb Rath und Trost; sie kommt in die Kapelle, wo bisher 
der Geist ihrer Ahnfrau verschlossen war (XIV.). Bei dem nun. 
erfolgenden Ausbruch des Kampfes zwischen den Brüdern ficht 
Egenolf, der sich von Gertruden verschmäht glaubt, auf 
Ortolphs Seite, unverwundbar durch einen Zaubergürtel, dessen 
wunderbare Geschichte erzählt wird (Ges. XV.). Die Fee Ha- 
bende sucht Egenolf während dieses Kampfes durch Trugbil- 
der davon zu entfernen; Gertrude, mit dem aus der Kapelle 
ihrer Abnfrau genommenen Schwerte, kommt Egenolf zu Hülfe 
und vollbringt die Erlösung ihres Ahnherrn Bimbaldo (Ges. 
XVI.). Vergebens suchen Egenolf und Gertrude die käm- 
pfenden Bruder mit einander zu versöhnen. Ortolph ist dazu 
bereit, Wipold heuchelt Versöhnung, setzt aber den Kampf 
fort, wird von Ortolph besiegt und gefesselt. Gertrude sucht 
nun die Kaiserin auf, um durch ihre und des Kaisers Einwirkung 
den Bruderzwist zu endigen; Ortolph wendet sich nach Rap- 
pertsweiler, welches auf Wipolds Seite war (Ges. XVII.). Auf- 
ruhr zu Rappertsweiler und Kampf der Burger unter sich für 
und gegen Ortolf und Wipold. Ortolph zieht siegreich ein. 
Egenolf sucht inzwischen die bei der Kaiserin weilende Ger- 
trude auf, kommt auf dem Wege mit Till, des Kaisers lusti- 
gen Bath, im Walde Zusammen, geräth mit ihm in Streit; der 
Kaiser Friedrich kommt dazu, übergibt Egenolfen dem Ber- 
told von Zähringen als Gefangenen, und bescheidet Ortolph, 
Wipold, Ortlieb nach Rappertsweiler, wo er selbst sieb bin- 



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wendet, um den Streit zu schlichten (Ges. XVIIL XIX.) Inzwi- 
schen hatte Raimund die Kaiserin Beatrix, seine Tante, be- 
redet, ihm Gertrudens Besitz zu verschaffen, und nimmt diese 
selbst durch falsche Anklagen gegen Egenolf ein. Beatrix 
wendet sich an Gertrude und zeigt ihr durch die Einwilligung 
zur Verbindung mit Raimund die Aussicht, dafs sie dann um 
so eher bei dem Kaiser für ihre Bruder Verzeihung finden werde. 
Dieser hält zu Rappertsweiler Gericht und läfst beide Bruder in 
das Gefängnifs bringen. Beatrix und Gertrude erscheinen, für 
die Brüder bittend. Beatrix nennt Gertrude Raimunds Braut 
und also ihre Verwandte; diese, welche darin die einzige Ret- 
tung für ihre Brüder sieht, willigt, obgleich wider Willen, ein. 
(Ges. XX.) Adel hei de unternimmt nun mit Herzlande neue 
Zauberwerke, um sich Egenolfs Liebe zu gewinnen, und erhält 
einen Zaubertrank , welcher dem Nichtliebenden die heftigste Liebe 
einflöfst aber den schon Liebenden von der Liebe befreit, und 
einen schon gearbeiteten nie fehlenden Pfeil. Sie giebt jenen 
Trank Landulfen, dem bisher von ihr verschmähten Liebhaber, 
mit dem Auftrage ihn Egenolfen trinken zu lassen ; sie macht ihm 
einige Hoffnung auf ihre Liebe und gibt ihm als Geschenk den 
nie fehlenden Pfeil. Dieser aber, in der Meinung es sey ein 
Gifttrank, thut dieses nicht; von Zweifel und Kummer über 
Adelheidons Härte gegen ihn gequält , trinkt er ihn vielmehr 
selbst und wird so von seiner Liebe geheilt Da er Kenntnifs 
erhält von dem, was zu Rappoltsweiler vorgeht, eilt er dorthin 
und entlarvt die vielfachen Ränke und schlechten Handlungen 
Raimunds durch öffentliche Anklage. Es soll ein Gotteskampf 
darüber am folgenden Tage entscheiden. Landolf siegt und 
tödtet seinen Gegner. Dies war jedoch nicht Raimund, son- 
dern der Münch Xaver, der auf des feigen Raimunds Bitte 
diesen Kampf für ihn und in Raimunds Rüstung übernommen 
hatte. Raimund wird aufgesucht und zur Strafe in ein Kloster 
gesperrt (Ges. XXL). Darauf folgt durch Ortliebs Zuspruch 
endlich Versöhnung zwischen beiden Brüdern, Verzeihung des 
Kaisers, Vereinigung Gertrud ens und Egenolfs. Ortolph 
und Landulf schliefen aufs neue den Freundschaftsbund: erste- 
rer schenkt Landulfen einen schönen Schild ; La ndulf schenkt 
ihm den nie fehlenden Pfeil. Auf den folgenden Morgen wird 
ein grofses festliches Jagen bestimmt. Als am andern Morgen 
das ganze Jagdgefolge schon versammelt ist und Wipold noch 
fehlt, so schiefst Ortolpn in heiterem Scherze, um ihn zu 

• 



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G. Dürrbach . Rappoltttcin , eine Wundersage. 286 



wecken, hinauf an den Fensterladen des Zimmert 'auf der Burg 
Girsberg, Wo Wipold schläft, und nimmt dazu, um ihn zu 
prüfen, den von Landulf zum Geschenk erhaltenen Pfeil. In 
demselben Augenblick sucht Wipold, von bösen Traumen ge- 
plagt, in welchen ihm der Geist seines Vaters Conrad sich zeigt, 
die Tageshelle , öffnet den Fensterladen und wird von dem Pfeile 
Ortolphs getroffen. Hiermit schliefst das Gedicht ; nur wird noch 
kurz erwähnt , dafs Ortolph auf einem Kreuzzuge den Tod suchte 
und fand, Egenolf und Gertrude im glucklichen Besitz des 
Bappoltsteinischen Erbes lebten (Ges. XXII.). 

In dieses Gewebe der Erzählung wirkt der Dichter eine 
reiche Menge der verschiedenartigsten Scenen ein und zeigt uns 
jene epische Fülle und Mannigfaltigkeit, welche mit dem Leben 
selbst wetteifert. Da finden wir in abwechselnder Folge fried- 
liche Feste, wie die Weinlese und eine ländliche Kirchweihe, 
neben blutigen Fehden ; den Kampf der Bitter und wilden Auf- 
ruhr der Burger und Bauern ; Schilderungen des bewegten Spie- 
les menschlicher Leidenschaften und ruhiger Naturscenen mit der 
anziehenden Beschreibung von heimathlichen Örtlichkeiten; die 
Liebe in allen ihren vielfachen Strahlenbrechungen, rein und er- 
haben, daneben wild und durch niedrige Begierde getrübt, in 
Männer- und in Frauenherzen , in edlen und in unedleren Natu- 
ren. Wir finden Ernst und Scherz , Scenen des täglichen Lebens 
and Beschreibungen ?on Festen; Wirkliches, Wunderbares, Phan- 
tastisches; dabei die Erzählung an einzelnen Stellen mit kurzen 
Betrachtungen und Sentenzen durchwoben , die durch ihren Inhalt 
oder durch die gluckliebe Art des Ausdruckes interessiren und 
gefallen« Leicht wurden sich Proben von allem diesem geben 
lassen, aber wir besorgen, diese Anzeige mochte dadurch eine 
zu grofse Ausdehnung erhalten; zugleich hoffen wir, dafs die- 
jenigen Leser dieser Blätter, welche sich für poetische Werke 
näher interessiren, die Proben in dem Gedichte selbst suchen 
und finden werden. 

Die Auffassung und Darstellung ist edel, gediegen, dabei 
lebendig und anschaulich. Statt einer ausführlichem Begründung 
wollen wir hier nur einen Punkt hervorheben, der uns überhaupt 
für die Beurtheilung der dichterischen Erfindungskraft und Dar- 
stellungsgabe kein ungeeigneter Maafsstab zu seyn scheint, näm- 
lich die Art, wie der Dichter die Gleichnisse behandelt Pro- 
duetions vermögen, Combinationsgabe, Phantasie, Anschaulichkeit, 
welche Eigenschaften für den Dichter wesentlich sind, finden 



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280 O. Darrbach : RappolUtoin , eine Wandertage. 

• 

hier gleichsam in einen kleinen Raum concentrirt ihre unmittel- 
bare Anwendung. In dieser Beziehung nun scheint unser Verf. 
sich wirklich auszuzeichnen. Wir finden in dem Gedichte einen 
Reich thum von Gleichnissen, welche entweder durch die Neuheit 
und das Treffende ihres Inhalts oder durch die gelungene Form 
oder durch Beides sich bemerkbar machen. Einige wenige Pro- 
ben aus vielen mögen dieses Urtheil rechtfertigen: 

Die Hoffnung kann an dünnen Fäden schweben, 

Und reifet doch nicht, wie »ehr auch alles wankt; 

An dünnen Fäden hängt der Schob der Reben, 

Der um dea Ulrobaums hohe Äste rankt; 

Er wächst, er grünt, so stark im innern Leben, 

Bis er die höchsten Zweige überschwankt; 

Und wie die Hoffnung ans den strengsten Augen, 

Kann aus dem Fels die Rebe Nahrnng sangen. 

— * 

Dann: 

Wie sich von einem Dorf ein Rauch erhebet, 
Doch bald beschwert von eigner Last, zum Raum 
Der niedrigeren Luft herniederschwebet, 
Und wirbelnd uro den schattenreichen Baum 
Und um die Häuser seinen Schleier webet, 
So sah man von des Waldes dunklem Saum 
Und von dem Fels her Wipolds Schaaren dringen. 
Um Ortolpbs Schaar im Rücken zu umringen. 

Die Sprache und Versißcation empfiehlt sich nicht minder 
durch natürlichen Flufs der Rede» Gewandtheit und Harmonie, 
als durch Correctheit und künstlerische Sorgfalt. Dafs in einem 
Gedicht von so grofser Ausdehnung hie und da eine Stelle vor- 
kommt , wo ein strengerer Kritiker einen Ausdruck oder eine 
Wendung tadeln konnte, ist eben so naturlich, als es im Gancen 
nicht von Gewicht ist. poch können solche Stellen nicht zahl- 
reich seyn, wenigstens ist dem kritischen Auge des Schreibers 
dieser Zeilen auch bei sorgfältigem Durchlesen des Werkes so 
gut wie Nichts der Art begegnet. 

Der unmittelbare Geschmack und die theoretischen Ansich- 
ten sind bei uns so verschieden , dafs in vielen Fällen die ästhe- 
tische Beurtheilung verschieden ausfallen mufs; überdies ist die 
unbefangene Auffassung größerer poetischer Werke noch mit 
besondern Schwierigkeiten verbunden , und unser Verf. hätte ge- 
wifs eine schnellere und allgemeinere Verbreitung und Anerken- 
nung seinem Gedichte gesichert, wenn es eine minder grofse 
Autdehnung hätte. Aber darin wird eine aufmerksamere und 



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Theologie. 287 

unparteiische Würdigung des vorliegenden Werkes , Ton welchem 
Standpunkte aus sie auch unternommen wird, übereinstimmen, 
dafs es das Werk eines nicht gewöhnlichen Talentes und nicht 
gewöhnlicher Kraft sey ; dafs es eine sehr interessante neue Er- 
scheinung auf dem Gebiete der Poesie und zugleich eine Pro« 
duetion von bleibendem Werthe sey. Jedenfalls wird jeder un- 
befangene Freund der Poesie, der sich mit dem Dichter ein- 
schifft und dem vollen, reichen und vielgewundenen Strome sei- 
ner Dichtung folgt, welche das Streben nach Tassos edler Wurde 
und schöner Harmonie mit dem Streben nach der bunten Fülle 
und reichen Mannigfaltigkeit Ariost's vereinigt , einen vielfachen 
und vollen Genufs finden. Der Dichter aber kann nur zu den 
Freunden, an die er am Schlüsse sich in einer schonen und ge- 
fühlvollen Anrede richtet, in diesen seinen Lesern noch neue 
Freunde gewinnen. 

Zell. 



ÜBERSICHTEN und KURZE ANZEIGEN. 



THEOLOGIE. 

Der evangelische Protestantismus in seiner geschichtlichen Ent- 
wickelung , in einer Reihe von Vorlesungen dargestellt von Dr. 
K. R. Hagenbach , Prof.d Theol. in Batet, der hist. theol. GeuelUch. 
in Leipzig Mitglied. Erster Theil. Vom Augsburger Religionsfrie- 
den bis zum dreifsigjähr. Krieg, Leipzig, bei Weidmann, 1837. 148 
und XU S. in 8. 

Öffentliche, allgemein belehrende Vorträge die- 
ser Art sind gewifs äusserst nützlich und werden, da so viele, 
mitten im Gewühl der materiellen Industrie, doch auch nach 
Geistesnabrung sich umsehen und deswegen , weil ihnen nur scho- 
lastisches Stroh und speculativer Häckerling geboten wird, lieber 
dem Mysteriösen und Überschwänglichen sich hingeben, immer 
mehr ein Zeitbedürfnifs ! 

Eine meist nicht erkannte Wohlthat der Kirchenrefor- 
mation war es, dafs sie, weil allgemeinere Selbstuberzeugung 
über das Wesentliche der Religiosität und Christlichkeit der 
Hauptzweck ihres protestantisch -evangelischen Princips war, er- 
baulich belehrendes Predigen und Katechisiren bis in je- 
des Dorf hinaus verbreitete. Abgesehen von dem Inhalt, 
der, wenn auch oft allzu unverständig und abgeschmackt, doch 



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288 Theologie. 

besser als gar nichts war and immer mehr, als eine blos an- 
schaubare heilige Cäremonie , zu einigem Denken aufregte, wirkte 
schon das Hören einer geordneten Darstellung von Behauptungen 
und Gründen, besonders aber die Darstellung in der Mutterspra- 
che und in einem über das Gemeinste sich erhebenden, der Wis- 
senschaftlichkeit näheren Dialekt der Muttersprache, unglaub- 
lich viel. 

Die fremdartige Gewohnheit, dafs die Gebildeteren blos in 
barbarischem Latein, in Quidditäten und Terminologien, denken 
zu können meinten, mufste allmählig weichen. Wer irgend re- 
gere Fassungskraft hatte, lernte Sätze an Sätze reihen, Grund 
und Folgerung vergleichen und den Zusammenhang einer ganzen 
Bede, mit ihren Pro und Contra, umfassen, also zum Verstehen 
und Beurtheilen vieler anderer Gegenstände sich vorbereiten. 
Aber auch der gemeinste Verstand erhielt eine gewisse Erzie- 
hung und Übung. Unser Bewufstseyn ist ursprünglich nur ein 
Seyn in der ersten Potenz , nur Bewirfst werden können. An sich 
ist es inhaltlos und leer. Wird es aber auch allmählig durch 
sinnliche Vorstellungen angefüllt und bildet sich der Geist als 
abstrahlender Verstand daraus Begriffe , so sind doch Vorstel- 
lungen und Begriffe nicht lange festzuhalten und nicht leicht zum 
weiteren Denken anzuwenden, wenn wir nicht für die Abstractio- 
nen passende Worte, als fixirende Zeichen, erfassen. Wie viele 
von dergleichen Hülfsmitteln erhielt nun schon jedes Dorfkind 
durch die sich in jedem Fall doch über die. Alletagssprache und 
beschränkte Erfahrung erhebende Predigten und Katechisationen , 
gesetzt dafs auch der religiöse und der rednerische Inhalt der- 
selben viel zu wünschen übrig liefs. 

Mit einem Wort : Das Allgemeinerwerden der deutseben 
Volksbildung, die Möglichkeit sich selbst zu verstehen, das Selbst- 
erfahrne zu beschreiben , vornehmlich alsdann auch Gesetze, Ver- 
ordnungen , Verträge und sonst verwickeitere Gedankenmittbei- 
lungen nicht blos tbeilweise aufzufassen, begann am meisten 
durch die religiösen mündlichen Vorträge. Sehen wir uns 
nur um in dem weiten Umfang der Deutschredenden. Gegen- 
den , wo diese mündlichen Geisterregungen fehlen oder aus 
allzu pöbelhaften Kapuzinaden bestehen , erscheinen noch jetzt 
als die in der Verständigkeit am weitesten zurückgebliebene. 

(Der Betchluf* folgt.) 



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S*. 19. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Theologie. 

(BtBchluf:) 

Allerdings aber ist es jetzt von grofsem Einflufs, wenn münd- 
liche auf die Fassungskraft der Meisten berechnete Vortrage auf 
viele andere Fächer, ausser der allzu einseitig und meist 
ohne heilsame Wirkung auf die Moralität betriebenen Glaubenslehre, 
ausgedehnt werden. Das Mündliche, weil der Lehrer durch Ton 
und Gebärden seine Worte belebt und weil überhaupt mehrere 
Sinne zugleich angeregt werden, wirkt stärker, bleibender. Auch 
nähert es sich immer eher dem Gespräch, als die strenger ge- 
regelte Buchsprache. Wer einem Buch vielleicht kaum eine 
Viertelstunde lang gleich starke Aufmerksamkeit widmen kann, 
folgt gewifs einem lebendigen Vortrag viel länger und ergreifen- 
der. Möge also unsere Zeit recht viele dergleichen beredte Volks- 
lehrer in allen allgemein anziehenden Fächern hervorbringen. 

Möge dadurch besonders der geistliche Stand, welcher, 
wenn er mit Ehren bestehen und nicht, während man uberall im 
Denken gewandter wird , wie jene Salzsäule stillstehend versinken 
soll, das ihm eigentümlich anvertraute Geistige geltend zu 
machen hat, dazu aufgemuntert werden, dafs er sieh nicht blot 
uro gewisse allzu bekannte Formeln der Glaubenstheorien drehe. 
Möge er, nach des Verfs. Beispiel und sonst auf jede schickliche 
Weise durch das, was die alte und neuere Geschichte der Re- 
ligion, hauptsächlich aber durch das, was das weite Feld der 
Sittenlehre und der Lebenserfahrungen ihm selbst unerschöpflich 
darbieten kann , seine Kirchen anziehender und besuchter machen. 
Wäre es umgekehrt, enthielten seine Agenden und Vorträge im- 
mer nur das , was von etlichen dogmatisch metaphysischen Be- 
hauptungen ausgehend und von dem Declamationseifer gegen den 
sogenannten Unglauben angeflammt , dennoch jedermann längst 
auswendig weifs ; wer wäre dann nicht nur an der verschrienen 
Unhirchlichkeit, sondern am Ende sogar an einer zunehmenden 
Zurücksetzung und Beseitigung des ganzen Standes schuld ? Die 
gute Meinung, dafs man unentbehrlich bleibe, läfst sich weder 
bittweise noch durch Weheklagen, sie läfst sich nur selbstthätig 
dadurch gewinnen, dafs man in das, was die Zeit, und wie sie 
es bedarf, eigentümlich einwirke und die vom Publicum gefühl- 
ten Lucken wirklich ausfülle. In diesem Sinne raufs wahrhaftig 
der geistliche Stand factisch zu beweisen eilen, dafs er für Schule 
und Kirche, das heifst, für Geistesübung bei Jüngeren und Älte- 
ren, nicht entbehrt werden könne. 

XXXI. Jahrg. 3. lieft. 19 



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290 



Theologie. 



Der Verf. hat auch in so fern wohlgethan und den Dank sei- 
ner gebildeten Mitbürger verdient, als er einen nicht allzu 
entfernten Gegenstand ins Licht stellt. Nur was auf uns 
noch einwirkende Beziehungen bat, verdient allgemeiner bekannt 
und beachtet zu werden. Die Gelehrsamkeit soll überall das Spe- 
ciellere, auch das vergangenste und gleichsam verschollenste er- 
forschen. Aber für Alle gehört nur die Ausbeute des zur Nach- 
eiferung erhebenden , des anwendbaren oder auch des ab war- 
nenden. 

Häufig bat der Verf. das, was ansprechend seyn konnte, aus 
einer Menge entbehrlicher Umstände zweckmafsig ausgewählt. Hie 
und da, z. B. über Joris, ist auch unbekannteres hervorgeho- 
ben, besonders was dem Fanatismus als verfolgendem Meinungs- 
eifer entgegenzustellen war. Jakob Böhm ist gut durch Aus- 
, zuge vergegenwärtigt. Als vornehmlich anziehend und wohlthuend 
aber müssen wir bei dem ganzen Werk dies auszeichnen , dafs 
der Verf. in den verschiedensten Gestaltungen und Entfaltungen 
des menschlichen Gemüths, namentlieh im Mysticismus wie in der 
Verstandes- und Vernunfttheologie, im Protestantismus wie in 
der zelotischen Orthodoxie, in den Eigenthümlichkeitcn nicht nur 
der lutherischen und reformirten, sondern auch der katholischen, 
bei aller Infallibilität sieb doch auch factisch reformirenden Kir- 
che, das Gute hervorhebt und die zu vermeidende Einseitigkeit 
jeder Parthei desto anschaulicher absondert. Seine ganze Dar- 
stellung ist sehr ruhig und moderat , aber nicht nach jenem er- 
künstelten Moderantismus , .der es mit niemand verderben will, 
sondern dadurch, dafs er das wahrbleibende Gute ebenso klar 
aufsucht , als er scharfsichtig über das Vergängliche aburtheilt 
und es beseitigt. Mir fiel dabei die Wahrheit auf, von zwei 
Strophen, welche der Verf. einst gesungen hat: 

- 

Sieh, fromme Geitter pflegen zart, 
Was aus dem Geist geboren ward. 

Von ganzem Herzen kann man deswegen mit ihm besonders 
in dem Resultat einstimmen: Das Princip des Protestantis- 
mus, Autoritäten als vorbereitende menschliche Prüfungsmittel 
zu achten, aber nur dem selbstgeprüften über alle Machtgebote 
hinaus zu vertrauen, dieses über hundert Kleinlichkeiten weg- 
hebende Princip ists, was uns (wie in allen Fächert) , so) auch im 
Wissen und Glauben über Religion und Christenthum — oft ge- 
gen den Willen der Stabilisten oder Statisten — offenbar zum 
Besseren verholten bat und auch weiter helfen wird. 



» % 



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Theologie. 



Praktischer Cursus über die Formenlehre der hebräische» 
Sprache oder Analisier Übungen zur methodischen Einführung des Scho- 
lars in die hebr. Formenlehre. JSebst einem etymolog. Wortregister. 
Von Dr. F. J. V. D. Maurer, Mitglied der histor theol. Gesellschaft 
tu Leipzig. XX u. 172 S. im 8. Leipzig b. Fr. Volkmar. 1887. 

Der leichteste Weg, eine Sprache zu erlernen, geht nioht 
durch das schwierige Begreifen abstrahirter Regeln, am durch 
vermeintliche Gesetze zu der Wirklichkeit, zu den Beispielen y 
zu kommen. Vielmehr umgekehrt ist von den Beispielen, als 
dem wirklichen Sprachschatz, viel leichter zu der schnellen Ein- 
sicht in die Regeln, insofern diese wirklich nothig sind, zu ge- 
langen. Denn jedes richtig gewählte Beispiel enthält schon die 
Regel und macht durch den einzelnen Fall der Wirklichkeit das 
anschaulich , was , in abstracten Beschreibungen generalisirend 
ausgedruckt, schwer zu umfassen ist. 

Gerade auf die hebräische Sprache, welche doch sonsther, 
nämlich schon durch das Lesenlernen zweier Reihen von Zeichen 
zugleich, noch mehr durch die Unsicherheit mancher Wortbe- 
deutungen , durch die Unbestimmtheit der tempora u. dergl. m. 
Sch wierigkeiten genug hat, wird die Methode, durch Beispiele 
zu den Regeln zu kommen und nicht deren abstraote Betrachtung 
voranzustellen , allzu selten gebraucht ; wie man überhaupt mil 
dem Eifer, Regeln zu machen, bei keiner Sprache so freigebig 
ist, als bei diesem so einfachen und nur durch ein so kleines 
Buch noch bekannten Überrest des Alterthums einer Nation, die, 
während sie noch allein diese Sprache hatte, nicht so weit ge- 
kommen war, dafs sie die für Redekunst und für Philosophie un- 
entbehrlichsten Worte and Partikeln als Bedürfnifs gefühlt und 
in bestimmte Unterschiede gefafst hätte. Was kann eine Sprache 
vieler grammatikalischer Regeln bedürfen, die noch nicht einmal 
eigene Partikeln für aber, atqui, ergo, obwohl u. dgl, auch 
nicht einmal Worte für Grund, Ursache, Folgerung etc. 
erhalten hatte, ehe sie, theils als todt, theils als durch Fremd- 
artiges umgeändert , sich aus dem Volksleben verlor. 

Ich gestehe, vor den ubervollen hebr. Grammatiken immer 
erschrocken zu seyn, welche jetzt wie Gesetzgebungen, meist 
mehrere nebeneinander, ehrfurchtsvoller citirt werden, als vor 
einigen Jahren noch der Code Napoleon nebst dessen Nachbesse- 
rungen ; während es doch bei der Hälfte des uberlieferten, einer 
so kleinen Nation angehdrigen Textes, bei der Punctation, gar 
zweifelhaft ist, ob nicht manche unter Regeln und Ausnahmen 
gebrachte Ungewobnlichkeit i>los von einer alten Verwechslung 
etlicher Punktchen , oder von einer rabbinischen Caprice abhängt. 

Zur Zeit, als man noch dafür Varianten collationirte, erzählt 
man, entdeckte einer der christlichen Rabbinen einen Punkt an 
einer anomalen Stelle, fand dafür bald eine regelartige »Analysis« 
und begann flugs eine grundgelehrte Observation (für Dr. Ken- 
nicott) niederzuschreiben. Mitten in dieser Bemühung blickt er 



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292 Theologie. - 

wieder in sein Manuskript, und siehe, der Punkt war an einer 
andern, nahen Stelle, aber so, dafs er eine noch gelehrtere Ob- 
servation möglich machte, über welche sofort der Grammatista 
emsig meditirte. Fast bereit, ein neues Sprachgesetz niederzu- 
schreiben, blicht der Forscher mit der Brille noch einmal nach 
des merkwürdigen Punkts Erscheinung ; aber gerade in diesem 
Augenblick flog das minutiöse Käferchen auf, welches beinahe 
in einer grammatikalischen Note unsterblich geworden wäre, und 
die hebr. Analysis ward so glucklich, eine Anomalie weniger 
studiren zu müssen. 

Soll nun aber wirklieb für das NÖthige die brevis via per 
exempla angewendet und dadurch die alte Überpünktlichheit, wel- 
che der lingua Sacra zu gebühren schien, endlich factisch besei- 
tigt werden, so versteht es sich, dafs die lehrenden Beispiele 
wohl geordnet und ausgewählt seyn müssen, um vom Einfachsten 
zum Schwereren, von den Grundlagen zu den Entwicklungen 
überzugehen, so dafs so wenig wie möglich antieipirt, viel- 
mehr durch das Vorangeschickte das Folgende vorbereitet werde. 
Die Rastlosigkeit des Verfassers hat die hiezu erforderliche, 
nicht kleine Mühe überwunden. (Nur selten kann man zweifeln, 
ob eines der Beispiele ganz dem althebraiscben entspreche.) Er 
giebt auch in dem vorangestellten Plan davon so verständig und 
genügend Rechenschaft, dafs jeder andere Sprachlehrer mit Be- 
wufstseyn der Gründe in die Benutzung dieses gewifs dem An- 
fänger viel erleichternden Hülfsmittels , wie Ree. dazu gerne ra- 
then mochte, eintreten kann« 

Der Umfang ist nicht zu grofs. Wenn wöchentlich nur zwei 
Stunden darauf verwendet werden und in jeder bequem ein Blatt 
gelesen wird, so ist der Cursus nach S. XIV längstens in einem 
Halbjahr durchgemacht. (Ree. kann hier nicht unbemerkt lassen, 
dafs unsere Studien gegenwärtig durch nichts mehr als durch 
die leidige Zerstückelung der Pensa an Fülle und Reife 
gehindert werden. Damit recht vielerlei gelehrt werde, wird 
auf manches Pensum ebenso nur ein Paar Stunden in der Woche 
assignirt In den dazwischen liegenden 5 Tagen wird dann hof- 
fent lieh von dem Gefafsten ein gutes Drittheil vergessen , weil 
man sich noch mit zehnerlei andern Pensis dazwischen beschäfti- 
gen muf's. Der Lehrer verliert ohnehin auch noch einen Drit- 
theil der entfernten Fortsetzungsstunde , um das , was folgen soll, 
an das vor 5 Tagen Gehörte anzuknüpfen. Und bei dieser in 
unsern Lehranstalten dominirenden Antimethodik wundern sich 
unsere pädagogischen Methodologen , nebst den Verfertigern im- 
mer neuer Studienplane: wie es doch komme, dafs, indem sio 
malta geben lassen, dies nicht so wirke, wie wenn mullum ge- 
geben worden wäre? In der Verzweiflung vermindert man wohl 
gar noch, um der lieben (erholungsbedürftigen?) Jugend willen, 
die Zahl der Lehrstunden, statt dafs der, welcher von denen im 
Lehrplan auf ein Halbjahr für ein bestimmtes Pensum ausgedehn- 
ten Stunden alle Tage nach einander wenigstens Eine erhielte, 



Theologie. 



21)3 



in wenigen Wochen, ohne Schaden für die theuere jugendliche 
Gesundheit, so weit kommen wurde, als durch die alle Aufmerk, 
samkeit zerstreuende Zerstückelung in einem Semester ! 

Kurz. Ree. räth Jedem , welcher ernstlich Hebräisch lernen 
will, statt der auf ein Halbjahr auseinander geruckten zwei wo» 
chentlichen Lehrstunden, etwa zwei Monate lang jeden Tag dem 
Unterripht des Vfs. nach diesem Elementarbuch eine Stunde 
zu widmen und das Erklärte, wie auf jeden Fall nöthig ist, gut 
zu repetiren. Sicherlich wird er dann im dritten Monat zu der 
von Hrn. M. S. XIV empfohlenen Chrestomathie fortgeführt, 
oder schon durch des Vis. Commtntarius grammalicut et criticus 
in die leichteren, historischen Bücher eingeführt werden kön- 
nen. Ist ja doch die ganze althebr. Schriftensammlung von to 
wenigem ümfang, dafs sie mit Beihülfe eines gewandten Lehrers, 
der das Nothige schnell aufzuhellen versteht, in weit kürzerer 
Zeit, als gewohnlich, cursorisch durcherklärt werden konnte, 
wenn nur die Studirenden dabei selbstthätig durch Präpariren, 
Vorlesen und Selbstübersetzen der leichtverständlichen Theile des 
Textes mitarbeiten und sich selbst fordern wollten , so dafs dem 
Lehrer nur das Verbessern und die Erklärung des Schwereren 
obläge. Durch ein solches cursorisches Selbstübertetzen , wenn 
es vom Lehrer durch Nachhelfen und schnelles Hinweisen aulf 
das Richtige gefordert wird, wachst die Bekanntschaft mit der 
Sprache und den Eigentümlichkeiten des Textes in Kurzem so, 
dafs, was kaum noch schwer und dunkel schien, bald wie etwas 
Bekanntes und Gewohntes gefafst wird. 

Ree. sieht aus S. XVI mit Vergnügen, dafs des Vfs. Cora- 
mentar nicht nur den Jesoias und Jeremias, wie unsre Jahr- 
bücher davon eine Anzeige gaben, umfafst, sondern auch den 
Ezechiel und Daniel bereits, und zwar in usum maximc Aca- 
demiarum , also, wie wir nach dieser Andeutung annehmen, sach- 
erklärend und zum Verständuifs des Schwierigen genügend be- 
arbeitet ? j r t. Privatunterricht solcher Lehrer, die, wie der Vf. 
über die Mittel zur moglichbesten Mittheilung angelegentlich den* 
ken , wird das genauere Bekanntwerden mit den Altbundesschrif- 
ten hoffentlich wieder allgemeiner machen, ohne welches man 
nicht auf den historisch gültigen Standpunkt .kommt, die Ent- 
stehung des Urchristenthums und dessen Erhebung zum Reineren 
und Universaleren factisch und idealisch zugleich "zu erkennen. 

Sehr zweckmässig ist ein kurz erklärendes W ortregi- 
ster S. 87 bis 170 angehängt, welches aber nicht oberflächlich 
nach dem Angewohnten bearbeitet ist, sondern durch viele eigene 
oder verbesserte Andeutungen der Wortabstammung, Grundbe- 
deutung und Genealogie der ausgedehnteren Bedeutungen beweist, 
dafs der Vf. das, was der längst todtge wordenen hebr. Sprache 
noch immer am meisten Noth thut, das Erforschen und Bewei- 
sen der Bedeutungen praktisch erkennt und dafür thätig ist. Eine 
Arbeit, die nicht blos den dem Vf. eigenen Fleifs und Blick in 
die möglichen Verwandtschaften der Bedeutungen nach dem Zu- 




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294 Theologie. 

saromenhalten der Dialebte fordert , sondern oft auch von vor- 
urteilsfreien glücklichen Augenblicken abhängt. 

Sehr bescheiden deutet das letzte Blatt auf eine gute Anzahl 
solcher Worte hin, bei denen er für die Wissenschaft einen Ne- 
bengewinn geben konnte. Ree. will nur Eine Bemerkung bei S. 
106 hinzufügen. Herr M. nimmt, wie fast Jedermann, an, die 
Vocale des W T orts flliT »ejen von dem Wort wie auf 

ein RVi perpetuum hinüber genommen , damit nie der hochhei- 
lige Laut, der geheime Name des theokrat. Nationalgottes ausge- 
sprochen erschallte. Vielleicht sey niiT Jahwe zu lesen. Ich 

.. 

denke : Wäre jene Scheu alt gewesen, so würde dieser Laut nicht 
bei so vielen nominibus propriis am Anfang oder Ende gebraucht 
und also sein Aussprechen aufgenothigt worden seyn. Noch mehr. 
Hatte man ursprünglich Johne ausgesprochen, so würde nicht in 

manchen Eigennamen, wie gerade auch der Laut Jeho 

angenommen und ausgesprochen seyn. Dafs man ursprünglich 
Jahwozadak ausgesprochen habe, ist nicht wahrscheinlich. pT^fp 

wäre eine sehr anomale Form. Und dergleichen Ei gennamen hat 
das Hebräische doeb eine Menge, s. Simonis Onomastic. p. 5ia 
bis 5i8. Mir scheint die Form Jehowah als futurum Pihel daraus 
erklärbar, dafs das Verbura fpfl nicht blos als Verbum fl"^» 
sondern auch in der Mitte als ein f'j) zu formtren ist. Wie im 
Pihel DJip? von D*p , aUo das 1 in der Mitte ein Pihelicum 

und ffi'rp ist is, gui e$8e,ßeri, evenire Jaciet. In andern Eigen- 
namen, wie ^0*33 wurde statt Jeho ausgesprochen Jahu* Ab- 
gekürzt erscheiut oft, wie in tT22 das Jah ohne Mappik, weil 

)(!_ 

das letzte He nach der Form H ? ohne Mappik ist. f)as fl mit 
Mappik in dem Namen TV dagegen wurde in der Orthographie 
als radical und mobil behandelt, weil es aus der ersten Sylbe von 
tH9V formirt schien, Vgf. meine Aufklärende Beiträge zur Dog- 
men-, Kirchen- und Religionsgeschichte. Zweite Ausg. von 1837. 
S. 61. 

Dr. Paulus. 



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M E D I C I X. 

Klinische Darstellungen der Krankheiten und Bildungsfehler des mensch- 
lichen Silges,' der Augcnlieder und der Thränenwerkzeuge , naeA eige- 
nen Beobachtungen und Untersuchungen herausgegeben von Dr. Fr. 
Aug. v. Jmmon, Leibarzte etc. Erster Theil , enthaltend klinische 
Darstellungen der Krankheiten des menschlichen Auges. Hierzu 37 i7- 
luminirtc Figuren auf 23 Tafeln. 

Auch unter dem Titel : 

Klinische Darstellungen der Krankheiten des Menschlichen Auges nach ei- 
genen Beobachtungen zum Selbststudium und zum Unterrichte. Berlin 
bei G. Heimer. 1838. 69 im gr. Folio. 

Den Zweck des vorliegenden Werks bezeichnet der durch 
seine Leistungen in allen Zweigen der Arzneiwissenschaft rühm- 
lichst bekannte Verf., eine möglichst systematische Darstellung 
der äussern Erscheinungen der Augenkrankheiten und eine bild- 
liche Darlegung ihrer pathischen Histologie zu geben. Üm die. 
Ben Zweck zu erreichen, liefert er hier systematisch geordnet 
naturgetreue Abbildungen der wichtigsten Augenkrankheiten, wel- 
chen er eine wissenschaftliche Beschreibung beifugte. Bei der 
Anordnung des Gegenstandes wählte er den anatomischen Weg, 
als den ihm am meisten geeignet erscheinenden, und sicher ist 
dieser als praktisch brauchbar zum Selbststudium wie zum Un- 
terrichte jedem andern vorzaziehn. 

Dieser erste Theil handelt von den Krankheiten des Aug- 
apfels , der zweite wird die Krankheiten der Augenlieder , der 
Thrünen Werkzeuge und der Augenhohle, der dritte die Bildungs- 
fehler des Auges darstellen. Ein Handbuch der Augenheilkunde 
soll folgen und gleichsam den Commentar zu diesen klinischen 
Darstellungen abgeben. Dafs der Vf. mancherlei Hindernisse zu 
überwinden hatte, bevor es ihm möglich wurde, dieses Werk 
vor die Augen des ärztlichen Publicums treten zu lassen , glau- 
ben wir ihm gern, und wünschen ihm von Herzen, dafs nicht 
neue aufstofsen mögen , die das Erscheinen des Versprochenen 
▼erzogern. 

Die erste Tafel stellt die Krankheiten der Bindehaut des Aug- 
apfels und der Augenlieder dar, wobei er von d.er Absicht aus- 
ging, zu zeigen, dafs viele Krankheiten der Gonjunctiva bulbt 
Folgen der Blepharoblennorrhoea sind. Die zweite enthält pa- 
thologisch - anatomische Darstellungen zur Erläuterung _ einiger 
pathologischen Vorgänge in der Bindehaut und in der Hornhaut, 
die zum Theil erst im zweiten Theile erläutert werden tollen. 
Die dritte Tafel versinnlicht Veränderungen , welche Folgen der 
Hornhautentzündung sind und in dieser Membran statt finden ; 
die vierte Tafel kranke Zustände der Sclerotica und der Cornea, 
die vorzugsweise Folgen traumatischer EingrifTe in diese Organe 
sind; die fünfte eine Reihe kranker Augen, an welchen theils 
das beginnende, theils das ausgebildete Hornhautstaphylom mit 



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den Obei gangen in partielles Staphyloma scleroticae und in Sta- 
phyloma racemosum sichtbar ist. Auf der sechsten Tafel wird 
eine anatomisch - pathologische Darstellung des Wesens des Horn- 
hautstaphyloros gegeben , die Art der Metamorphose der Cornea 
näher erörtert; und der Ein flu Ps nachgewiesen, welchen die Bil- 
dung der Hornhaut auf die Öconomie des Auges überhaupt hat. 
Die siebente versinnlicht den Antheil, welchen die Regenbogen- 
haut an der Staphylombildung der Hornhaut nimmt, und die Art 
und Weise ihrer Metamorphose, sodann die verschiedenartigen 
Formen des Scleroticalstaphyloms, sowie das Wesen dieser Krank- 
heit und ihren Einflufs auf andere Theile des Auges, namentlich 
auf die Choroidea, den Glaskörper, die Linse, Hornhaut, Seh- 
nerven u. s. w. Die achte Tafel enthält Abbildungen pathischer 
Zustände des Orbiculus eiliaris allein oder in Verbindung mit 
kranken Zuständen der Membrana humoris aquei und der äus- 
sern Fläche der Choroidea ; die neunte und zehnte versinnlicht 
die verschiedenen Krankheiten der Linse und der Linsenkapsel, 
die eilfte und zwölfte die pathologische Anatomie der Linsen- 
kapsel und der Linse. Die dreizehnte stellt die vorzüglichsten 
Formen der Augenkrankheiten dar, die so oft nach Staaropera- 
tionen entstehen; die vierzehnte die pathischen Zustände der Re- 
genbogenhaut, und zwar auf ihrer vordem und hintern Fläche, 
sowie in ihrem Parenchym. Die fünfzehnte die pathologische 
Anatomie der Iris im Zusammenhang mit Krankheiten der Cho- 
roidea, des Glaskörpers und der Netzhaut; die sechszehnte ent- 
hält beitrage zur pathologischen Anatomie der Sclerotien, Iris 
und Choroidea, und giebt einigen Aufschlufs über krankhafte 
Veränderungen der Pigmentabsonderung im Auge ; die sieben- 
' zehnte die vorzüglichsten organischen Leiden des Glaskörpers 
und Canalis Petit i. Die auf der achtzehnten Tafel befindlichen 
Abbildungen geben theils eine bildliche Übersicht der verschie- 
denen Erscheinungen, welche bei der Atrophia bulbi überhaupt, 
vorzüglich aber in der Sclerotica eintreten , theils zeigen sie Os- 
sifikationen in den verschiedenen innern Theilen des Auges, daher 
man durch diese Darstellungen eine Vorstellung von der Genesis 
der Atrophie und dem EiniTufs derselben auf die innern Gebilde 
des Auges gewinnt. Die neunzehnte Tafel versinnlicht die Krank- 
heiten der Choroidea und Retina, die zwanzigste die palhologi- 
sehe Anatomie der Choroidea, Retina und Augennerven; die ein- 
uudzwanzigste und zweiundzwanzigste die Entstehung und die 
Natur der Krankheiten, die in dem Auge und dessen Umgebun- 
gen vorkommend den gemeinschaftlichen Namen Fungus oculi 
führen ; die dreiundzwanzigstc enthält Darstellungen beginnender 
und weit vorgeschrittener Melanosis bulbi. Die Ausführung ist 
des Gegenstandes würdig. 



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I 



trivuiVlll. m& • 

Beobachtungen urtprünglicher Bildungsfehler und gänzlichen Mangel» der 
Augen, von Dr. B. Wilh. Seiler, Director der chirurg. - med. Aca- 
dcmte, Professor der Anatomie u. s. v>. Dresden, in der H> alt her sehen 
Hoftuchhandlung -1833. 64 & in gr. Fol. mit einer Kupfertafel. 

Das vorliegende Werk ist eine Gratulationsschrift im Namen 
der Dresdener medicinisch- chirurgischen Academie an den nun- 
mehr verstorbenen Hedenus zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum, 
und gibt in der Vorrede eine Skizze seines Lebens und Wirkens 
als Arzt , Gelehrter und Beamter. Der eigentliche Inhalt der 
Schrift ist eine interessante und lehrreiche Zusammenstellung ei- 
gener und fremder Beobachtungen und Untersuchungen über an- 
geborene Bildungsfehler der Augen bis zu dem ganzlichen Man- 
gel derselben, woraus für die pathologische Anatomie und die 
Bildungsgeschichte der Augen nicht unwichtige Resultate sich 
ziehen lassen. Nach einem kurzen, dem Inhalt entsprechenden 
Vorworte giebt S. die Beschreibung und Erklärung einiger Mifs- 
geburten, wobei wir ihm hier nicht folgen* können und nur an- 
deuten wollen, dafs sie die Hemmung der Entwicklung des Aug- 
apfels in einer Periode, in welcher sie bisher kaum beobachtet 
seyn durfte, den Mangel der Sehner?en bei der freilich unvoll- 
kommenen Entwickelung der Augen , das Vorhandenseyn eines 
Theils der Sehnerven und aller andern für den Augapfel und seine 
nächsten Umgebungen bestimmten Nerven bei dem gänzlichen 
Mangel aller zu den Augen gehörigen Gebilde und die mit diesem 
zugleich vorhandene unvollkommene Entwickelung mehrerer an- 
dern Theile betreffen. 

Eine hinlänglich bestätigte Beobachtung von mehr als zwei 
Augen in einem Kopfe, bei welchem keine Spur von Ver- 
schmelzung zweier Köpfe obwaltete , hat S. nicht auffinden kön- 
nen, wohl aber den ursprunglichen Mangel des einen Auges ne- 
ben der vollkommenen Entwickelung des andern am gehörigen 
Orte. Er geht die Abweichungen rücksichtlich der Lage beider 
Augen durch , welche im Allgemeinen aber nicht den Mifsbildüngen 
beigerechnet werden können , ebenso rücksichtlich ihrer Gröfse, 
und bespricht hier den Megalophthalmus und den Microphthalmus, 
von dem letzteren sechszehn Fälle zusammenstellend und sie als 
Bildungsbemmungen bezeichnend. Gleich an diesen Abschnitt 
reiht er seine Untersuchungen über die abweichende Form des 
Augapfels rücksichtlich der Verhältnisse seiner Durchmesser. 

Über den gänzlichen Mangel beider Augen hat der Verf. alles 
diesen Gegenstand Betreffende zusammengestellt , die Bildungs- 
abweichungen einer Mifsgebuit auf natürliche Entwicklungsstufen 
zurückgeführt , und hieran einige allgemeine Bemerkungen ge- 
knüpft , darthuend i) dafs man nicht als allgemein gültig anneh- 
men dürfe, dafs die Nerven solcher Organe fehlen, die nicht ge- 
bildet sind, obgleich es sich so m der Begel verhalte; a) dafs 
aber auch der Satz nicht fest stehe, dafs Augen ohne Sehnerven 
und Netzhaut nieht vorkommen können; 3) dafs es Beispiele 



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298 , Median. 

giebt, welche für die Beobachtung zeugen, dafs die zu einem 
Systeme gehörigen Theile oft zusammen fehlen. Doch darf man 
aus diesen Beobachtungen nicht den Schlufs ziehen, dafs ein Theil 
durch den andern gebildet werde, oder dafs die verschiedenen 
Organe aus einem Centrum nach der Peripherie gleichsam her- 
auswachsen müssen. Bei der regelmäfsigen Entwicklung des Em- 
bryo gehen wir allerdings, wie ein Theil nach und nach an den 
andern sich anreiht, aber hierin so wenig, als in dem oft vor- 
kommenden gleichzeitigen Mangel der zu einem Systeme gehöri- 
gen Gebilde können die Beweise iür eine solche Abhängigkeit 
der Organe von einander gefunden werden, und es scheint das 
von Rudolphi aufgestellte BiWungsgeietz durch mehrere Beobach- 
tungen bestätigt zu werden , dafs jeder Theil des Centrums und 
der Peripherie nach Maafsgabe des Zeitpunktes seiner Entwick- 
lung an seiner Stelle als primitiv oder durch Zeit und Ort noth- 
wendig bedingt, nach bestimmtem Typus geformt werde, wofern 
kein Uindernifs in diesem Punkte stattfindet. 

Unter den ursprünglichen Bildungsfehlern der einzelnen Theile 
des Auges betrachtet der Vf. die Augenhöhlen rücksichtlich ihrer 
GröTsc, ihrer Stellung, ihrer Gestalt und des Mangels einzelner 
zu ihrer Bildung beitragenden Theile ; sodann die Augenbrauen 
und Augenwimpern, die Augenlieder, die Thränenorgane, die 
Augenmuskeln, die Augennerven, die Bindehaut des Augapfels, 
die Sclerotica und Hornhaut, hier besonders bei der Hyperkera- 
tosis verweilend, welche er als eine Folge einer früner vornan, 
denen , zum Stillstand gekommenen krankhaft zu reichlichen Ab- 
sonderung, von Wasser in dem vordem Theile des Augapfels be- 
trachtet wissen will , welches zur Wucherung und Verdickung 
der Hornhaut Veranlassung gegeben hat, wie dies auch bei an- 
dern Geweben gesehen wird , die die zum Stillstand gekommene 
krankhafte Wasseransammlung umgeben. 

Hierauf bandelt S. von dem Mangel der Choroidea und Strah- 
len Körpers , von dem Colnboma choroideae und von dem Mangel 
des schwarzen Pigments, welch letzteren Zustand er zu den Bil- 
dungshemmungen aus nachstehenden Gründen rechnet: 1) die Pig- 
mentbildung im Auge beginnt allerdings sehr zeitig; schon bei 
Embryonen vom iQten bis sosten Tage bei Säugethiel en , bei vier- 
und fünfwöchentlichen Embryonen von Menschen erscheint das 
Auge schwarz; aljein das schwarze Pigment ist noch in der spä- 
tem Zeit des Fötuslebens an dem vordem Theile der Choroidea 
und dem Strahlcnkörper am reichlichsten angehäuft, so dafs der 
hintere Theil dieser Haut röthlich erscheint; ja öfters hat S. den- 
selben noch ganz frei von Pigment gefunden, und er zweifelt 
nicht, dafs in der frühern Zeit der Entwicklung der Augen, die 
man bei Säugethieren noch nicht beobachtet bat , das schwarze 
Pigment ganz fehlt ; 2) in den Augen der Isabellenpferde sieht 
man jene Hemmung der Pigmentbildung deutlich, indem sie durchs 
ganze Leben auf den Strahlen kör per beschränkt bleibt; 3) die Haut 
der Embryonen ist in den ersten Monaten ohne Pigment ; 4) auch 



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Mcdicin. 



die Infusorien sind ungefärbt oder grün ; 5) die feinen weiften 
Haare auf der Haut der Albinos zeigen auch eine zurückgeblie- 
bene Bildung an ; 6) die Schwäche der Körper- und Geisteskräfte 
gehört zwar nicht zu den bestandigen Zeichen der Weiftsucht, 
sie ist aber doch bei vielen Albinos beobachtet worden und kommt 
in der Schweiz nach Troxlcr oft mit Cretinismus vor. Iq Bezug 
auf die entfernten Ursachen der Leucosis nimmt S. an, dafs alles, 
was auf Seele und Körper deprimirend ciawirkt, die Thätigkeit 
der organisirenden Uralt mindern und hemmen könne, wie es 
auch bei mehreren Müttern von Albinos nachgewiesen worden 
ist , die theils in Dürftigkeit lebten und einen durch viele Wo- 
cbenbetten erschöpften Korper , theils vielen Kummer und Sorgen 
hatten, oder angaben, in den ersten Monaten der Schwanger- 
schaft über weifte Kaninchen mit rothen Augen erschrocken zu 
seyn. Bei den Mißbildungen der Iris wird besonders der Mangel 
dieser Membran und das Coloboma iridis besprochen. Den Be- 
sehlufs machen die Bildungsfebler der Nervenhaut, der wässerigen 
Feuchtigkeit , der Krystalllinse und ihrer Kapsei , des Glaskörpers 
und des Strahlenplättchens. 

Das Werft ist sehr elegant ausgestattet und der Preis dafür 
im Verhäitnifs sehr gering. 

Heyfelder. 



* 

Nicolaue Anton Friedreich. Ein biographischer Denkstein. 1837. 
(Quart. 15 Seifen. Ohne Angabe de» Druckorte.) 

Dies kleine Programm verdient in doppelter Hinsicht eine 
empfehlende Anzeige in unsern Jahrbüchern; einmal, weil der 
Dahingeschiedene, dessen Andenken hier gefeiert wird , als Mensch, 
als Arzt und als Lehrer unstreitig zu den Vorzüglicheren gehörte, 
und darum wohl verdient, dafs sein Name möglichst weit ver- 
breitet und möglichst lange in ehrenvollem Andenken erhalten 
werde; und dann, weil diese, wenngleich kurze, Lebensbeschrei- 
bung wirklich so schön und bündig geschrieben ist, dafs, wenn 
schon der Name des Gefeierten der Verbreitung des Schriftchens 
günstig seyn mufs , hinwiederum durch die so wohlgelungene 
Arbeit des Biographen wie der Ruhm des Erstem so auch der 
Absatz der letztern nur noch mehr gewinnen dürften. 

G r o o s. 



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300 

GRIECHISCHE und RÖMISCHE LITERATUR. 

Platon$ Apologie des Sokrat es , übersetzt und erläutert für gebildete 
Leser von Friedr. Aug. Nüfslin, grofsh. bad. Geh. Hofrathe, a. 
Director und Professor des Lyceums zu Mannheim. Mannheim, Verlag 
von Tobias Löffler. IS38. X und 115 Ä. in gr. 8. 

Wir haben bereits früher in diesen Blättern (Jahrgg. i834. 
8. 1146 ff. und insbesondere i835. S. 1 iü3) einiger Schritten des 
Herrn Vfs. gedacht, die in ähnlicher Weise wie die vorliegende 
von dem gleichen Bestreben Zeugnifs geben , das Älterthum der 
Gegenwart, zu befreunden, insbesondere aber seine hohe geistige 
Würde und sittliche Kraft auch einem gröfseren Kreise gebildeter 
Leser darzustellen , die noch nicht im Strudel materieller Inter- 
essen untergegangen oder im Taumel sinnlicher Genüsse erschlafft 
sind, dadurch aber edlere und höhere Richtungen des Lebens zu 
fordern und zu erkräftigen. In einer Zeit, wo (reche Unwissen- 
heit und eine flache, blos den gemeinsten Interessen des Tags 
huldigende Afterbildung ihre zerstörende Richtung auch auf die 
Studien des classischen Alterthums ausdehnen und unserer Jugend 
diese ewigen Quellen ächter und wahrer Geistesbildung entfrem- 
den , wo nicht gar entreifsen mochte, wird ein solches Bestreben 
eines um höhere und edlere Bildung unserer Jugend hochverdien- 
ten Mannes nur mit dem innigsten Dank anerkannt werden können. 

Eine nicht allzu ausführliche, aber desto zweckmäßigere Ein- 
leitung geht der Übersetzung voraus; sie hebt für diejenigen, 
welche der Vf. zunächst bei Abfassung seiner Schrift vor Augen 
hatte, die wichtigsten, zum Verständnifs der Apologie notwen- 
digen Punkte in bündiger Klarheit hervor, und kann auch dem 
gelehrten Forscher bald zeigen , wie der Verf. den Gegenstand 
wohl durchdacht und in der richtigen Auffassung und Darstellung 
desselben durch die mancherlei Hypothesen , welche in der neue- 
ren Zeit auch über diese Schrift des Plato verbreitet worden 
sind, keineswegs irre gemacht werden konnte; wie er vielmehr 
besonders die hohe sittliche Würde eines Schrates, und sein Ver- 
hältnifs zur Gegenwart wie zu jeder Zeit, 80 treffend und schon 
hervorgehoben hat. Auf diese Einleitung folgt die Übersetzung 
der Apologie , in ähnlicher Weise gehalten und in gleichem Geiste 
geschrieben wie die des Kriton , von der wir zuletzt in diesen 
Blättern am o. a. O. berichtet haben ; sie zeigt eine ebenso rich- 
tige Auffassung des Grundtextes, so wie das Bestreben, Ton und 
Farbe der meisterhaften Rede, die wir nimmermehr für ein blo- 
ses Übungsstück, in Bhetorschulen einer späteren Zeit gefertigt, 
ansehen können , auch in der deutschen Übertragung möglichst 
getreu|und ohne Verstofs gegen die Gesetze und gegen den Geist 
unserer . Sprache erkennen zu lassen; wodurch sie allerdings 
geeignet ist , auch in einem gröfseren Kreise eines gebildeten Pu- 
blikums den wohlverdienten Eingang zu finden. Auf die Über- 
setzung folgen Anmerkungen, wie sie zum besseren und voll- 



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Griechische a. römische Literatur . 801 

kommneren Verstnndnifs einzelner Stellen allerdings nothwendig 
waren 5 sie sind zwar nach der ausdrücklichen Erklärung des Hrn. 
Vfs. , gleich denen zum Kriton, nicht für Gelehrte bestimmt; 
doch werden auch diese, nach unserer innigsten Überzeugung, 
aus diesen Bemerkungen, welche sich als die Fruchte viel jähri- 
ger Stadien und Forschungen darstellen , Manches lernen , und 
insbesondere auch daraus ersehen können , Gegenstände des Alter- 
thums auf eine gewandte und wahrhaft praktische Weise nach 
ihrem sittlichen und geistigen Gehalt in allen ihren Beziehungen 
und Verhältnissen zur Gegenwart zu behandeln. Der Verf. hatte 
zunächst dabei gebildete Freunde des Alterthums im Auge , die 
bei der Leetüre der Apologie einer solchen Zugabe allerdings 
bedürfen. » Auch solchen Kennern , fahrt dann Derselbe S. 47 
fort, mochten sie förderlich werden, welche durch fremdartige 
Berufsgeschäfte so sehr in Anspruch genommen sind, dafs ihnen 
die Benutzung streng gelehrter Commentare unmöglich oder un- 
erfreulich wird. Finden sich ja selbst unter den vielen Zuhörern, 
welchen ich seit dreifsig Jahren diese Apologie erklärt habe, 
manche würdige Privat- und Geschäftsmänner, welche mit war- 
mer Liebe an die Zeit ihrer ersten Bekanntschaft mit derselben 
zurück denken. Diesen, soviel ich es in dem mir ungewohnte* 
ren schriftlichen Worte vermag , jene schönen Jugendeindrücke 
wieder zu vergegenwärtigen, den Andern das Verständnifs dieses 
herrlichen Denkmales ruhiger, sittlicher Gröfse möglichst zu er- 
leichtern und den Genuß daran zu erhöhen , dies ist der Zweck 
meiner Übersetzung und der, fast ganz den Alten entnommenen 
und in ihrem Geiste niedergeschriebenen Erläuterungen. « Wir 
haben diese schöne Stelle absichtlich mitgetheilt , weil sie zugleich 
einen Begriff geben kann von der Art und Weise, wie der Vf. 
seinen Gegenstand aufgefafst und behandelt hat, zumal da eine 
nähere Kritik und ein näheres Eingehen in das Einzelne der 
Schrift durch die Gesetze unseres Instituts versagt ist, es auch 
einer solchen gewifs nicht bedarf , um wahre Freunde einer höhe- 
ren , edleren Geistesricbtuog und Geistesbildung auf diese Schrift 
aufmerksam zu machen, und dem Verf. selbst unsern Dank für 
diese neue Gabe auszusprechen. 

EtvcfywvTo; rd XtutfiMva. Xenophontia guae exstant. Ex Ubrorum scrip- 
forum fide et virorum doctorum conjecturie recensuit et interpretatui est 
Jo. Gottlob Schneider, Saxo. Tomus primus, Cyri diaeiplinam eon- 
tinens. Lipsiae, sumtibua Ubrariae Hahnianae MDCCCXXXV1U. tri 
und 518 S. in sr. 8. 

Auch mit dem bcaondern Titel: 

ZtvctySvrof Kt/fo-j Tlaii$ia<; ßtßXfa okto/. Xenophontia De Cyti Dia ei- 
plina Ubri VIII. Editio tertia major. Curavit Fridericua Au/ru- 
e tut ßornemann flaynensis. Pars prior eontinen* Lib. f-f. Lip- 
$iae etc. etc. (wie oben) 

* ' • * 

# 

IJei einer Ausgabe, die, wie die vorliegende, nun schon zum 



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302 



Griechiache u römische Literatur. 

% 



drittenmal erscheint, wird es in der Thot nicht mehr nothig 
sevn, an das zu erinnern, was die beiden oben genannten Her- 
ausgeber, der frühere, längst verstorbene, und der, der dann an 
seine Stelle getreten , für diese Schrift des Xenophon , so wie 
für andere desselben Autors gethan haben. Hier bann daher nur 
von dem die Rede seyn, was in der dritten Ausgabe neu hinzu- 
gekommen, was verändert worden u. s. w., wodurch also über- 
haupt die neue Ausgabe von den beiden vorhergebenden sich 
unterscheidet. Wenn sie in dieser Hinsicht wohl die Beachtung 
des philologischen Publikums ansprechen bann, so ist vor Allem 
hier rühmlichst zu nennen die überaus sorgfältige und höchst 
genaue Zusammenstellung des gesamroten britischen Apparats, 
wie er aus der Vergleichung der älteren, in kritischer Hinsicht 
wichtigen Ausgaben, so wie aus den in neuer und neuester Zeit 
bekannt gewordenen Handschriften sich ergiebt, so dafs nun ein 
vollständiger Überblick möglich wird und dem Text eine sichere, 
diplomatische Grundlage gegeben ist. Freilich findet sich in den 
aus Handschriften mitgetheilten Varianten nicht immer die glei- 
che Vollständigkeit, die im Interesse der Kritik zu wünschen 
wäre; dies ist aber nicht sowohl die Schuld des Herausgebers, 
als vielmehr derer , die aus den Handschriften , zu denen der 
Zutritt ihnen eröffnet war, nur unvollständige und nicht immer 
durchaus genügende Mittheilungen geliefert haben; dagegen, was 
die zahlreichen alteren Ausgaben betrifft, in deren Angaben selbst 
Schneider sich Öfters die Sache etwas leicht gemacht, so ist vom 
Herausgeber mit einer, in Betracht der mühevollen Arbeit, nicht 
genug mit Dank anzuerkennenden Sorgfalt Alles von einigem Be- 
lang mitgetheflt, und dabei Alles, in so weit es dieser oder Jener 
Ausgabe angehört, aufs sorgfältigste unterschieden, dadurch aber 
allerdings ein Theil der Kritik auf eine Weise zum Abschtufs 
gebracht worden , wie dies bisher keineswegs der Fall war. Auf 
solche Weise mufste natürlich auch der Text selbst eine andere 
Gestalt gewinnen, zumal da zu dieser kritischen Unterlage sich 
eine seltene Kenntnifs des Xenophonteischen Sprachgebrauchs bis 
in seine gröfsten Einzelheiten herab, gesellt, von der uns Herr 
Bornemann schon so manche andere Belege in seinen andern 
Schriften und Ausgaben gegeben hat, und auch in dieser Aus- 
gabe von Neuem auf jeder Seite giebt , so dafs Ref. neben ^den 
eben bemerkten Verdiensten um die Kritik , zunächst die Erörte- 
rungen des Sprachgebrauchs und die damit verbundene sprach- 
lich-grammatische Interpretation zu .nennen hat, zumal als auch 
darin Schneider, dessen Anmerkungen hier, blos mit Weglassung 
dessen, was als offenbar unrichtig wegfallen mufste, wortlich 
wieder aufgenommen sind , Manches zu wünschen übrig gelassen 
hatte. Spärlicher sind die Zusätze ausgefallen für den sachli- 
chen Theil der Erklärung. Hier gebot der, durch jenen kriti- 
schen Apparat und die zahlreichen grammatisch - sprachlichen Be- 
merkungen allzu sehr schon in Anspruch genommene Raum Be» 
schränkung, wenn nicht die Ausgabe allzu stark im Umfang wer- 



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Griechische u römische Literatur 303 

den and dadurch ihre Verbreitung erschwert werden sollte. Doch 
hat es auch hier der Herausgeber an zahlreichen Verweisungen 
auf die nabmhaftesten Schritten, in welchen diese Gegenstände in 
neuerer Zeit bebandelt worden sind, oder an Anfuhrung der ge- 
eigneten Parallelstellen aus Herodot und andern Autoren nicht 
fehlen lassen, und dadurch Manches, was auf persische oder über* 
haupt orientalische Sitte sich bezieht, oder mit dem Plan, der 
Anlage und Tendenz der Cyropä'die in Verbindung steht, auf be- 
friedigende Weise erörtert. Wir mochten, unter Anderm, was 
den zuletzt berührten Punkt betrifft, ausser dem, was in einer 
Note am Eingang kurz bemerkt ist, auf eine längere Note S. 65 
zu I, 4, §. 16 (vgl. auch S. 82 zu I, 5 , $. a.) aufmerksam ma- 
chen , indem sich hier der kundige Verfasser Ober die haupt- 
sächlich in Frage stehenden Punkte auf eine Weise ausgesprochen 
hat , der auch wir Nichts entgegenzusetzen wufsten ; weshalb wir, 
um unsere Leser selbst darüber urtheilen zu lassen , die wichtige 
Stelle hier wörtlich beifügen: 

vMihi quidem verissimum ridetur, quod de operis consHio 
Cicero statuit. Nam quum Xenopbon Spartanomm ci vitatem ma- 
jore quam Atheniensium amore amplexus non sine *ravi indigna- 
tione et dolore animadrertisset , quatotis turbis excitandis respa- 
blica Atheniensium, qualis tunc fuit, ansam praeberet, ut cires 
suos edoceret, in unius quoque moderato imperio felicem esse 
posse et potentem popalum, relictis philosophorura placitis, quae 
et olim populum fugerant et Semper fugient, in uno Cjro exem- 
plum imperii proposuit tum prudentissime parti tum gesti justis- 
sime. Atque quoniam una cum superstitione populi jam pridem 
a ph i I oso p Iiis refutata et ad incitas redacta optimates metuerunt, 
ne publica Salus propediem collapsa everteretur, praesertim si 
quis de Deo ejusque cultu saniora cum populo coramunicasset, 
nihil prius habuit Xenophon, quam ut hunc quoqoe insignem er- 
rorem esse ex ciyitate et religione Persarum , quibus fere Socra- 
tis et Socrat icorum mores et opiniones attriboit , clarissime Osten- 
deret. Quae cum ita sint, quare res rere gestaa describeret, ni- 
hil causae erat, modo id daret operam, ut suam de civitatiura et 
religionis discrimine sententiam quam vcrisimillimis rebus enar- 
randis exornaret. Neque enim periculum erat, ne in tanta igno- 
rattone rerum Persicarum Graeci omnia ad veritatera exigerent. 
Exempla autem quum plus efliciant , nuam optirtte praeeepta, fieri 
non potoit , quin Cyri diseiplina meliores de Diis eorumqne re- 
verentia , ut do civitatium formis rationes lectorum animis instil- 
laret, eaque simul tempora praepararet , quibus sublata supersti- 
tione melior rerum ordo terrarum orbi tandem aliquando arrisit. « 

Anderes übergeht Ref., was zwechmnTsig zur richtigen Auf- 
fassung des Ganzen und zur Erklärung des Einzelnen beigebracht 
ist, und wenn der Herausgeber die von ihm auch schon früher 
einmal in einem eigenen Programm besprochene Annahme einer 
doppelten Becension der Cyropädie auch jetzt wieder als grund- 
los verwirft (vergl. S. 72 zu I, 4, §. 22), so wird er wohl der 



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304 



Griechische u. römische Literatur. 



Beistimmung aller unbefangenen Kritiker ziemlich sicher seyn kön- 
nen. Die Manie, uberall doppelte Becensionen in den namhafte- 
sten and zum Theil vollendetsten Schriften des griechischen wie 
des römischen Alterthums wittern zu wollen, scheint jetzt fast 
vorüber; das Mittel, durch solche und ähnliche, oft recht keck 
hingeworfene und stattlich aufgeputzte Hypothesen sich Ansehen 
und Ruhm gewinnen zu wollen, ist abgenotzt. Zu einzelnen 
Nachträgen oder weiteren Verweisungen sowohl bei den sachlichen 
wie bei den sprachlichen Bemerkungen kann Ref. sich hier um 
so weniger entschliefsen , als er vielmehr dankbar des Gegebenen 
sich freuen mochte, wozu er wahrhaftig allen Grund hat; «eben 
sowenig kann er sich entschliefsen, über einzelne Stellen , wo das 
subjective Urtheil stets verschiedener Art seyn wird, mit dem 
Verf. zu rechten, indem damit doch nur ein neuer Beweis gelie- 
fert werden konnte , mit welcher Umsicht und Sorgfalt der Vf. 
in der Behandlung des Textes, der hier in möglichster Reinheit, 
soweit es die vorhandenen Hiilfsmittel erlauben, erscheint, ver- 
fahren ist. Bei dem buchst schwierigen Drucke wird man alle 
Ursache haben, mit der Correctheit, im Text wie in den Noten, 
zufrieden zu seyn. Ein Versehen der Art in den Noten bittet 
Ref. zu berichtigen: S. 400 in der Note, 2te Columne Zeile i 
xnufs es statt Herod. I, 90 heifsen : I, 190. 

♦ * 

• 

Homert' Odyssea. Mit erklärenden Anmerkungen von Gottl. Christ. 
Crusius, Subrector am Lyceum zu Hannover. Erstes Heft. Erster 
bis vierter Gesang. Zweites Heft. Fünfter bis achter Gesang. — 
Hannover. Im Ferlage der Höhnischen Hofbuchhandlung. 183T. 168 
S. und 116 S. in gr. 8. 

Der durch sein Wörterbuch über Homer sowie sein -Wör- 
terbuch griechischer Eigennamen bereits rühmlichst bekannte Vf. 
ubergiebt in diesen die acht ersten Gesänge nebst einer kurzen 
Einleitung befassenden Heften den Anfang einer neuen Bearbeitung 
der Odyssee , welche zunächst auf das Bedurfnifs jüngerer lieser 
berechnet ist und einem doppelten Zweck dienen soll : einmal 
dem Anfänger Anleitung zu geben, den Dichter auch schon bei 
der Vorbereitung zu verstehen , und zweitens auch demjenigen , 
der schon einen Theil der Gedichte unter Leitung des Lehrers 
gelesen hat, die Privatlecture derselben durch eine Erklärung zu 
erleichtern (S. 4). 
* , • 

(Der Beschlufs folgt.) 



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N°. 20. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Griechische und römische Literatur. 

(n^srhlufs.) 

Es soll also eine Ausgabe seyn , welche der Bildungsstufe 
der Schüler, welche den Homer lesen, angemessen ist, immerhin 
aber eine gründliche Kenntnifs der Formenlehre und einige Fer- 
tigkeit im übersetzen bei diesen voraussetzt. Daf* darum die ei- 
gentliche Texteskritik ausgeschlossen bleiben mufste, versteht sich 
von selbst; der Vf. giebt ans den Wolfischen Text, und berück- 
sichtigt nur hie und da einzelne abweichende Lesearten in den 
Noten. Es sind nämlich dem griechischen Texte erklärende No- 
ten in deutscher Sprache beigefügt, welche ebensowohl die Spra- 
che als die Sache betreffen, schwierigere Formen und Ausdrücke 
erörtern, in schwierigen Stellen" die Construction nachweisen und 
selbst manchmal die verschiedenen Erklärungsarten anführen , ob- 
wohl allerdings in wesentlicher Beschränkung und mit steter Rück- 
sicht auf das, was die eben bemerkte Bestimmung und der näch- 
ste Zweck der Ausgabe erforderte, auch mit öfterer Verweisung 
auf die Grammatiken von Buttmann, Rost und Hübner; für die 
sachliche Erklärung findet sich überall das Notwendigste befrie- 
digend angegeben, indem ebensowohl das Antiquarische und Geo- 

fraphische wie das Mythologische erklärt ist ; es ist hier und 
ort auch auf Camman's zu ähnlichen Zwecken bestimmte Home- 
rische Vorschule verwiesen worden. Freilich wird sich auch hier 
bei den oft ziemlich ausführlich dem Texte untergestellten Noten 
die bei allen solchen Arbeiten unwillkühi lieh wiederkehrende 
Frage darbieten, über das hier zu beobachtende Maafs und über 
die Gränzen, innerhalb deren solche Anmerkungen, das Zuviel 
ebensosehr wie das Zuwenig vermeidend , sich zu halten haben; 
es wird auch hier die Beantwortung je nach dem verschiedenen 
Standpunkt und den verschiedenen subjectiven Ansichten verschie- 
den ausfallen, und wenn dem Vf. vielleicht von manchen Schul- 
männern der Einwand gemacht werden dürfte, dafs er in seinen, 
namentlich alles Sprachliche mit seltener Genauigkeit behandeln- 
den Anmerkungen oder in den grammatischen Noten zu viel ge- 
geben und dadurch dem Schüler die Sache zu leicht gemacht, 
werden Andere in der ganzen Art und Weise, wie der Vf. seine 
Bemerkungen mittheilt, ein insbesondere für die Privatlecture 
treffliches Hülfsmittel und einen verlässigen Führer in diesem 
Werke gern anerkennen, zumal da auch passende Vergleichungen 
mit den lateinischen Dichtern und deren Nachbildungen überall 
angestellt sind , und in allen sachlichen Gegenständen gewift nir- 
gends das zu beobachtende Maafs uberschritten worden ist. Und 

XXXI. Jabrg*. 3. Heft. 20 

■ 

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400 



Griechische u. römische Literatur. 



so können wir wohl dieser neuen Ausgabe eine freundliche Auf. 
nähme wünschen , und sie da insbesondere empfehlen, wo die 
Leetüre der Homerischen Gedichte , nach einer schon vorausge- 
gangenen Einfuhrung in dieselben durch den Lehrer, nun weite- 
ren Privatstudien überlassen werden soll. 

Noch bemerken wir , dafs überall die Argumente beigefügt 
sind, dafs ferner dem 'ersten Buche eine Einleitung vorangesetzt 
ist , welche zuerst eine genaue Übersicht des Inhalts und des 
Gangs der Erzählung in der Odyssee nach ihren einzelnen Theilen 
und Gesängen giebt und darauf einige Bemerkungen über den 
Charakter der Odyssee und ihr Verhältnifs zur llias, dann über 
die Zeit der Abfassung und die jetzige Gestalt der^Odyssee folgen 
la'fst. Wir berühren daraus nur Eine Äusserung, die uns aller- . 
dings aufgefallen, weil wir sie nach den neuesten, auch in die- 
sen Blättern mehrfach besprochenen Untersuchungen von Nitzsch 
keineswegs für richtig hatten hönnen; es beifst nämlich S. i3: 
Der Tyrann Pisistratus (um 600 v. Chr.) liefs nach den sicher- 
sten [?] Nachrichten der alten Schriftsteller die im Gedächtnisse 
der Bhapsoden aulbewahrten Gedichte schriftlich aufzeichnen und 
in zwei zusammenhängende Gedichte vereinen Cic. De orat. III, 
34. Aelian. V. H. XIII, 14. Wenn aber, wie geschehen, nach- 
gewiesen , dafs eine llias wie eine Odyssee schon vor Pisistratus 
als Ein Ganzes existirt, so dürfte eine solche Behauptung aller- 
dings zu modificiren seyn. 

Die äussere Ausstattung, Druck wie Papier, ist sehr befrie- 
digend; das Ganze auf sechs Hefte berechnet, von denen jedes 
vier Gesänge enthält. 

Homert lliudis primi duo Hbri. Retognovit et delcetis veterum Graut- 
tuaticorum achoiiis suisque commentariis inetruetos edidit Theodorus 
Fridcricus Freytagius , phil. Dr. litlcrarum Latinarum in univer- 
sitär Petropolitana Professor P. O. Russ. Imp. a Cons. Aul. Peiropoli 
tgpis Acadcmicis. Lipsiac , apud Leop. rosshtm. MDCCCXXXfll. 
xvi. 68 und 628 S. in gr. 8. 

Diese Bearbeitung einiger Bücher der Homerischen llias ist 
ganz anderer Art als die eben bezeichnete der Odyssee ; sie kann 
im eigentlichsten Sinne des Wortes eine gelehrte genannt wer- 
den, in sofern sie in ihrer ganzen Einrichtung und in der Be- 
handlung des Gegenstandes allerdings mehr den Gelehrten oder 
den Lehrer im Auge hat, obwohl auch solche, die nicht gerade 
Anfänger des Griechischen sind, aber nach einer höheren, philo- 
logischen Bildung streben, mit gleichem Nutzen und Gewinn die- 
selbe gebrauchen können. Es wird aber diese Bearbeitung auch 
aus dem Grunde noch unsere besondere Beachtung verdienen, 
als eigentlich seit Heyne »für eine gelehrte Behandlung der llias 
Nichts iiv diesem Umfang und in dieser Weise geschehen ist ; 
denn man. wird einzelne, mehr oder minder für den Bedarf der 
Schule zunächst eingerichtete und blos diese berücksichtigende 



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f 



Griechische u. römische Literatur 307 

Ausgaben eben so wenig hieherziehen honneu, als einzelne Be- 
merkungen , kritischer oder sprachlicher oder exegetischer Art, 
wie wir deren von einigen mit dem Homerischen Sprachgebrauch 
wohl vertrauten Gelehrten erhalten haben. Es galt vielmehr eine 
vollständige , alle diese Einzelheiten umfassende , Kritik wie Exe» 
* gese in gleichem Maafse und in gleicher Vollständigkeit behan- 
delnde Bearbeitung; und eine solche, wie wir sie bisher in Deutsch- 
land ve* iml sUmi , kommt uns hier mit den beiden ersten Buchern 
der II ias aus dem fernsten Norden zu, um uns, zumal bei so 
manchen betrübenden Erscheinungen , die wir theilweise in 
unsern sonst wegen der gründlichen Pflege classischer Studien 
mit Becht geachteten Vaterlande antreffen , wo gehaltlose Viel* 
wisserei den Ernst solider Bildung zu verdrängen sucht, zu 
zeigen , wie man anderwärts desto mehr bemüht ist , höhere Bil- 
dung und Wissenschaft auf die classischen Studien des Alterthums 
und eine grundliche philologische Bildung zu stutzen, und da- 
durch sie wahrhaft zu lordern. In diesem 8inn und zu Förde- 
rung solcher Zwecke hat der Verf. gearbeitet; wenn daher sein 
Berauhen in dem Lande, in dem er wirkt, die gerechte Anerken- 
nung, wie wir wohl glauben dürfen, bereits gefunden hat, so 
werden auch wir ihm die gleiche Anerkennung um so weniger 
versagen können , als er sie durch die Gründlichkeit und den 
Umfang seiner Leistungen in jeder Beziehung auch wirklich ver- 
dient hat, und wir deshalb nur den Wunsch und die Bitte hin- 
zusetzen mochten, bald auch eine Fortsetzung dieser Arbeit in 
der gleichen Behandlung der übrigen oder doch der nächstfol- 
genden Gesänge der flias zu erhalten. 

Oer Verf. hatte sich seit längerer Zeit mit Homer beschäf- 
tigt , er hatte denselben zu einem besondern Gegenstand seiner 
Privatstudien erwählt und Vorlesungen darüber gehalten ; er hatte 
daher sich einen bedeutenden kritischen und exegetischen Appa- 
rat dazu gesammelt, und war so zu dem Entschlufs gefuhrt wor- 
den, eine Bearbeitung des Homer, und zwar, nachdem Nitzsch 
die Odyssee zu bearbeiten angefangen, der llias zu liefern, um 
hier zugleich eine Probe einer gelehrten Behandlung eines Autors 
zu geben, die künftigen Lehrern als eine passende Anleitung zu 
eignen Studien werden, und sie mit der philologischen Gelehr- 
samkeit Deutschlands insbesondere in einer zweckmäßigen und 
nützlichen Weise bekannt machen könne. Was er zu der Recht- 
fertigung seines Unternehmens S. IX und X über die seit Heyne 
minder, als sieh wohl hätte erwarten lassen, berücksichtigte ge- 
lehrte Behandlung der llias anführt, wird der, welcher mit der 
Isiteratur des Homer nur einigermafsen bekannt ist, durchaus 
wahr und begründet finden, zumal da der Verf. einzelnen, theil- 
weisen Leistungen und Beiträgen ihr Verdienst nicht entzieht. 
Er giebt uns selbst zuvorderst den griechischen Text in einem 
sehr correcten Abdruck, wobei er vorzugsweise an Wolf, wie 
billig, sich anschlofs , und dies Verfahren auch hinreichend be- 
gründet hat. v Facere non potui (damit schliefst er seine Erklä- 



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iW8 Griechische u. römische Literatur. 

i ung) quin rationem a WoUio sapienicr initam sequerer ab eoque 
non recessi, nisi ubi quid rcceperat vctcrum cxemplarium ac te- 
stioioniorum auctoritale iideque minus probalum. Etiam in for- 
roula rationeque scribendi, quam orthographiam vocant, potius 
veterum quam recentiorum Grammaticorum auctoritas apud nos 
valebat, sed ita ut optione data inter discrepantes scripturae for- 
mas nostro judicio uteremur. « 

An den Text schliefst sich der umfassende und reichhakige 
Commentar, der weit über fünfhundert Seiten füllt, weshalb 
wir auf ihn vor Allem unsere Leser aufmerksam machen müssen ; 
denn darin ist mit einer weit gröfseren Ausdehnung und Voll- 
ständigkeit, als bei Heyne, aber auch mit grofser Sorgfalt und 
Genauigkeit, Alles aus älteren und neueren Erklärern zusammen- 
gestellt, was für die Kritik wie für die Erklärung und das Ver- 
»tändnifs des Homer in den verschiedensten Beziehungen von 
Wichtigkeit und Interesse seyn kann, dabei aber auch sorgfältig 
vermieden, durch Anhäufung eines nutzlosen, gelehrten Apparats 
zu gerechten Klagen Veranlassung zu geben. Der Vf. giebt die 
ntithigen Auszüge aus den Scholien und aus Eustathius in zweck- 
mäfsiger Auswahl des Notwendigsten , und reiht an dieselben 
ebensowohl die verschiedenen Parallelstellen alter Autoren, als 
die eigenen Bemerkungen, die sich nun über Alles verbreiten, 
was die Kritik, die Grammatik und Metrik, die Sprache wie die 
Sache betrifft, reiche Belege und Nachweisungen überall beifü- 
gen, und Niehls übergehen, was auch von andern Gelehrten in 
irgend einer der genannten Beziehungen gelegentlich beigebracht 
worden ist. Auf diese Weise ist zugleich dem Sprachgebrauche 
des Homer die umfassendste Behandlung zu Theil geworden ; ein 
reicher gelehrter Apparat, in dem nicht leicht irgend Etwas über- 
sehen oder übergangen worden, ist gesammelt, dabei auch auf 
Alles, was alte Sitten, alte Beligionen u. dgl. betrifft, gleiche 
Rücksicht genommen worden; wie dies insbesondere bei /dem 
zweiten Buch, bei dem Schiffskataloge, in den Bemerkungen zu 
den hier \ 01 kommenden Volksnamen hervortritt. Bei diesem Um- 
fang und bei dieser Beichhaltigkeit, einzelne Nachträge zu ge- 
ben, oder einzelne etwa übersehene Parallelstellen beizufügen, 
wie wir uns deren aus unserer Lectürc bei mehreren Orten an- 
gemerkt hatten, unterlassen wir gerne, wo wir uns lieber des 
Gegebenen freuen und dasselbe , wozu wir jeden Grund haben , 
dankbar annehmen wollen, in der Hoffnung, der Vf. werde sein 
Werk fortsetzen und die übrigen Bücher der Ilias, in gleicher 
Weise behandelt , mit der Zeit nachfolgen lassen. Er wird dann 
Manches, was er hier schon umfassend behandelt hat, kürzer fas- 
sen können, obwohl die von ihm hier gelieferte Vollständigkeit 
des kritischen und exegetischen Apparats auch für die folgenden 
Bände sehr zu empfehlen seyn dürfte. 



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Grlechuchc u. römische Literatur. 30« 

Anthoiogiae Ora ecac Palatino*} apigram in ata telecta in usutn 
tcholarum edidit F.duardua Geist, pk. Dr. Oymn. Dami t Praecep- 
tor Maguntiae, typis et tumtlbu* Floriani Kupferbtrg. Fl II und 
2\1 S. in gr 8. 

Diese reiche Aaswahl Ton Epigrammen der griechischen An- 
thologie ist zunächst für die Bedürfnisse der Schule bestimmt, 
wo die Lectüre dieser herrlichen Reste griechischer- Poesie theil- 
weise statt findet, noch öfters aber vermifst wird, so wünschens- 
werth auch dieselbe , aus Büchsichten des Inhalts wie der Spra- 
che, bei dem jetzt an so vielen Orten verkümmerten oder zu- 
rückgesetzten Unterricht des Griechischen erscheint. Dem Man- 
gel an Ausgaben , die zu diesem Zwecke geeignet sind und sich 
dabei auch durch einen billigen Preis empfehlen, soll durch die- 
sen Abdruck abgeholfen werden, den wir allerdings dazu ganz 
geeignet finden und darum der Aufmerksamkeit der Schulmänner 
empfehlen können. 

Da der Vrf., und dem beabsichtigten Zweck gemäfs, gewifs 
mit allem Becht, blos einen Text giebt, so kommen hier vor 
Allem zwei Punkte in Betracht: erstens die Auswahl der in die 
Sammlung aufzunehmenden Stücke und zweitens die Gestaltung 
des Textes selber. Was jenen Punkt betrifTt, so war der Verf. 
vor Allem darauf bedacht, solche Stücke auszuwählen, die durch 
den Inhalt des Gegenstandes besonders anziehend , durch die poe- 
tische Auffassung und Behandlung ausgezeichnet und zugleich in 
dem daraus zu ziehenden Gewinn iür die Henntnifs des Alter- 
thums besonders nützlich und erspriefslich erschienen, mit Aus- 
schlufs aller derer, die durch den Inhalt, durch die Behandlungs- 
weise desselben , durch Dunkelheit der Sprache und des Aus- 
drucks, oder auch wegen der mehr verderbten Gestalt, in der 
sie auf uns gekommen, sich zu diesem Zweck minder eignen. 
Da Jacobs bei der von ihm besorgten Auswahl im Ganzen durch 
ähnliche Bücksichten geleitet ward, so konnte es nicht fehlen, 
dafs auch hier manche Epigramme erscheinen , die bei Jacobs 
schon aufgenommen sind ; aber man wird auch nicht wenige fin- 
den, die bei Jacobs fehlen und hier an die Stelle anderer ge- 
treten sind, die der Herausgeber, obwohl sie bei Jacobs sich 
finden, doch als minder geeignet für seine Zwecke ausliefs. Hin- 
sichtlich des Textes selber bat sich der Herausgeber (und wer 
wird es nicht billigen?) durchaus an Jacobs Ausgabe der Antho- 
logia Palatina gehalten, jedoch mit Berücksichtigung dessen, was 
Jacobs selbst in den Addendis oder in dem später erschienenen 
Delectus .Epigrammatum geändert, sowie mit Vornahme einiger 
anderer Änderungen , die durch die Bestimmung des Buchs für 
den Schulgebraucn nothig erschienen. Noten, es sey kritischer 
oder erklärender Art , sind nicht hinzugekommen ; eine Stelle 
der Vorrede scheint anzudeuten , dafs der Herausgeber gesonnen 
ist , seine Beiträge zur Verbesserung des Textes , wie auch zur 
Erklärung desselben, besonders erscheinen zu lassen, was uns 



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310 Griechiirtic u. römische Literatur. 

freuen soll, da wir es doch im Ganzen nur billigen Können, tlafs 
er dieser Schulausgabe keine Noten beigefügt. Die ganze Aus. 
Wahl iat in acht Capitel abgelheilt , wobei die Anordnung der 
Anthologia Palatina beibehalten , und jedem Epigramm auch die 
Nummer beigefugt ist , unter der es sich in der genannten An* 
thologie findet. Cap. I. Emypctfifia*** dyad^uaTixd (auch Buch 
VI) 102 Nummern. Cap. II. En iiriTvpßta. (B. VII) 299 Nuuim. 
Cap. III. Etc. tnnTttxTixa (B. IX) 252 Numm. Cap. IV. (B. X) 
Ett. n^orotnxixd 3q Numm. Cap. V. (B. XI) Et«. ov^moxix6\ 
Kai axcmnxa 145 Numm. Cap. VI. (B. XIV) Alviy^axa i3 
Numm. Cap. VU. Anthologiae Planudeae epigrammata quaedara, 
cjoae in Codice Palatino non reperiuntur (B. XVI) 80 Nummern. 
Cap. VIH. Appendix epigrammaturn apud veteres scriptores et in 
marraoribus servatorum (B. XVII) 3o Nummern. 80 belauft sich 
also die ganze Anzahl der aufgenommenen Epigramme, wenn wir 
richtig gezählt haben, auf neunhundert und sechzig. Am 
Schlüsse des Ganzen S. 2i3 — 247 folgen drei recht schätzbare 
Indices; zuerst ein Index Epigrammaturn, in welchem alle ein- 
zelnen Epigramme nach ihren Anfangsworten in alphabetischer 
Ordnung aufgeführt sind, und der Verweisung auf die Sammlung 
auch zugleich die Nummern beigefügt sind , unter denen sie sich 
in Brunus Analecten und in dem Jacobs'schen Delectus Epigram- 
maturn finden. Die Nummern der (Jacobs sehen) Anthologie sind, 
wie bemerkt , im Texte selbst jedesmal in Klammern beigesetzt 
Ein zweiter Index Auctorum Epigrammaturn führt, gleichfalls in 
alphabetischer Folge , die einzelnen Dichter auf, von welchen 
Dichtungen aufgenommen sind, und begleitet diese Angaben mit 
einigen nicht unzweckmäfsigen Notizen über die Lebenszeit, die 
Lebensverhältnisse und das Vaterland derselben. Ein drittes Ver- 
zeichnis ist der Conspectus rerum in eptgrammatis tractatarum. 
Druck und Papier sind sehr befriedigend. 

Commentar zu der griechischen Chrestomathie für die mittleren A 7>r Hei- 
lungen der Gymnasien, bearbeitet von II'. Bäumlein und A. Puuly, 
für den Gebrauch des Lehrers herausgegeben von II'. Ii du ml ein, Pro- 
fessor am Gymnasium in Heilbronn. Erstes tieft. Isokrates. t* 
Stuttgart. Verlag der J. ß. Metzler'schen ftuchhandl, 1837. 210 S. 8. 

Wir haben in diesen Jahrbüchern Jhrgg. 1837 8» 94« f> be- 
reits der Chrestomathie gedacht, zu der uns nun aus der Hand 
des einen der beiden Herausgeber der Anfang eines über die ein- 
zelnen Tbeile derselben sich erstreckenden Commentars mitge- 
theilt wird, den gewifs jeder Philolog , insbesondere jeder Leh- 
rer, in dessen Schule die Chrestomathie eingeführt ist, mit vie- 
lem Dank annehmen und, wir wollen es wenigstens hoffen, zum 
Nutz und Frommen seiner Schüler auch fleifsig Studiren und be- 
nutzen wird. In diesem Commentar nämlich, der, wie schon aus 
dem Titel ersichtlich, über die in der Chrestomathie enthaltenen 
Stücke aus Isokrates sich erstreckt, ist zuvorderst die Begruo- 

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(iritthittiie u. roiuisclto. Literatur. 511 

dung der in den Text aufgenommenen Lesarien, besonders sol- 
cher, wo der Herausgeber von der Bekkerschen Hecension, dio 
er als die beste unler den vorhandenen allerdings mit Hecht zu 
Grunde gelegt hat, aus guten Gründen abgehen zu müssen glaubte, 
enthalten; es sind ferner darin alle sachlichen Punkte, sowohl 
historisch -geographischer als antiquarischer Art, sorgfältig und 
unter Benutzung der neuesten Schriften erörtert , was an meh- 
reren Orten selbst Veranlassung zu ausführlicheren Entwicklun- 
gen gab, wie z. B. S. 71 ff. über den Areopag, oder S. 148 ff. 
über das griechische Schauspiel u. dgl. m. ; insbesondere aber sind 
es grammatisch -sprachliche Gegenstande, welche in diesem Com* 
mentar auf eine Weise behandelt weiden, die dem Lehrer über 
die wichtigsten und schwierigsten Theile der griechischen Gram- 
matik, wie z. B. über die Lehre der Modi und Tempora, dio 
Lehre des Gebrauchs der Partikeln, zumal in ihren einzelnen 
Unterschieden von einander, Aufschlüsse bietet, die er vergeb- 
lich in andern Werken suchen wird, und die neben der speciel« 
len Beziehung auf die Stelle des Isoktates, die sie zunächst her- 
vorrief, zugleich eine allgemeinere Tendenz und ein allgemeine- 
res Interesse erregen, daher auch an mehrern Orten eine grofsere 
Ausdehnung erhalten haben. Man sieht denn bald , dafs der Hr. 
Vf. hier ganz auf seinem Felde ist , dafs er uns nicht blos Re- 
sultate der Forschungen anderer Gelehrten oder deren Ansichten 
und Hypothesen mittheilt, sondern dafs Alles hier aus eigener, 
selbständiger Forschung und Piüfung her?orgegangen ist, die 
ohne an irgend eine Autorität irgend eines berühmten Namens 
sich zu binden oder ihr zu folgen , nur die wohl überdachten 
Resultate eigenen Nachdenkens,, möglichst bestimmt und scharf 
aufgefafst, in klarer und verständlicher Sprache uns vorlegt, und 
überall darauf ausgebt, den Sprachgebrauch in seinen einzelnen 
Erscheinungen, Modificationen und Nuancen auf eben so bestimmte 
logische Begriffe und Unterschiede zurückzuführen und so seinem 
Wesen nach in möglichst bestimmter Weise darzustellen; was 
bei mehrern Punkten, wo die Verschiedenheit 'der Ansichten und 
der Streit der Meinungen bei der Schwierigkeit des Gegenstan- 
des hervortritt, selbst xu grofseren, aber recht dankenswerthen 
Excursen dieser Art die Veranlassung gab ; indem Ansichten 
und Theorien anderer Sprachforscher, die, wie z. B. Hermann, 
auf ähnliche Weise die Erscheinungen des Sprachgebrauchs lo- 
gisch zu begründen und zu entwickeln versucht haben, näher 
besprochen, auch zum Theil bestritten werden, um dem Lehrer, 
für welchen dieser Commentar doch zunächst bestimmt ist, da« 
wahre Verhältnis der Sacho möglichst klar und deutlich vor Au- 
gen zu legen und es ihm dann dadurch auch möglich zu machen, 
seinen Schülern eine richtige Vorstellung dieses Verhältnisses zu 
geben, wie es ihrer Auffassungsweisc angemessen ist. So enthält 
diese ßehandlungs weise, wie sie vom Verf. in diesem Commentar 
geübt worden ist, erstaunlich viel Anregendes und Anziehendes; 
der Lehrer, der hier die feste, philosophische Begründung des 



Z12 Gricthiichc tt. römische -Literatur. 

Sprachgebrauchs und der Grammatik gewinnen soll , wird dje$ 
dann auch zum Besten seiner Schule in geeigneter Weise in 
Anwendung zu bringen wissen. Wer Beweise des Gesagten 
verlangt, wird sie leicht auf fast jeder Seite des Commenlars 
finden ; wir wollen nur Einiges davon anfuhren. So z. B. S. 
36 ff. die Erörterung über die Partikel der (vrgl. auch S. 86 ff.) 
in Verbindung mit dem Conjunctiv, und über die Grundbedeu- 
tung und den Grundbegriff des letztern, oder S. 4 1 ff* über den 
Gebrauch des Imperativs des Präsens und des Aorist. , S. 44 
über den Unterschied im Gebrauche des Infinitivs im Futur, 
Präsens und Aorist nach den Wortern des Glaubens, Höffens, 
Versprechens und ähnlichen; oder S. 48 über die Grundbedeu- 
tung der Partikel 7« und ihre Anwendbarkeit; ebenso 61 ff. über 
das enklitische ns ?f S 79 ff", über S. 83 ff. über usv otfv, 
S. 96 ff. über pixi-pixi und ähnliche Verbindungspartikeln, 
S. 181 über pnv i oder S. 5a ff. über 0*©$ äv und das einfache 
owcos mit folgendem Conjunctiv und S. 55 ff. über die verschie- 
denen Constructionsweisen von n^tv 9 mqiw uv ; oder S. 162 ff. 
die schone Erörterung über ix?V 1 ' und i%(>r,v r * r i lauter, zum 
Theil auch ausführlichere Darstellungen , in denen das oben be- 
merkte Streben , Alles auf möglichst einfache und darum sichere 
und feste Begriffsbestimmungen und Begriffsunterschiede zurück- 
zuführen, hervorleuchtet; wobei wir ausdrücklich bemerken, dafs - 
die ganze Darstellungs- und Auffassungsweise ebenso klar ist, als 
Alles auch klar und bestimmt gedacht ist, und dafs' von dem Ne- 
belchinst, in welchem Vieles der Art bei so manchen inhaltsnhn- 
lichen Versuchen unserer Zeit gehalten ist, um durch den Schim- 
mer einer unverständlichen, sogenannt philosophischen Ausdrucks- 
weise, die der Unklarheit des Gedankens und dem Mangel fester 
und sicherer Begriffsbestimmungen völlig entspricht, Andere zu 
blenden , hier keine Spur anzutreffen ist. Die biographische Dar- 
stellung von Isokrates Leben und Schriften, weiche dem Com- 
mentar vorangeschickt ist, haben wir mit vielem Vergnügen ge- 
lesen ; sie ist durchweg aus den Quellen selbst ,. insbesondere aus 
den eigenen Schriften des Isokrates entnommen. Ebenso sind 
auch kürzere Einleitungen üher jede einzelne Rede, aus der sich 
Stücke in der Chrestomathie finden, vorausgeschickt; bei der Rede 
an Damonicus bat der Vf. mit siegenden Gründen die bestrittene 
Ächtheit derselben in Schutz genommen. Auch die Vorrede, in 
welcher die Herausgeber sich über die Grundsätze, nach wel- 
chen die Auswahl der in die Chrestomathie aufgenommenen Stücke 
statt gefunden, als einsichtsvolle Schulmänner, mit den Bedürf- 
nissen der Schule wohl vertraut , aussprechen , verdient allgemeine 
Aufmerksamkeit und Berücksichtigung. 

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Griechische 11. römUcho Literatur. 



Symbulas ad emendundum et iUustrandum Hhilostrati librum Du vitis 
Sophistarum in medium attulit Albertus Jahnius , liema$ ilelvcting. 
liernae, impenaia C. A. Jennii t filii. MDCCCXXXVU. Vitt u. 140 $. 
in 8. 

In dieser Schrift erhalten wir die ErstHngsfrüchte gelehrter 
und gründlicher Stadien, die uns für die Zukunft zu noch gi öfte- 
ren Erwartungen berechtigen und von den ausgebreiteten Kennt- 
nissen des Vis., seiner gründlichen Bildung und seiner unermü- 
deten Thätigkeit allerdings das Beste für die Wissenschaft hoffen 
lassen. -Gegenstand dieser Schrift lind die bekanntlich in einer 
sehr verderbten Gestalt auf uns gekommenen Vitac Sophist ai um 
des Philostrat, indem der Verf. bemuht ist, einen grofsen Theil 
dieser Verderbnisse durch die von ihm in Vorschlag gebrachten 
Verbesserungen zu beseitigen, seine eigenen Verbcsserungen aber 
von Seiten der Kritik wie des Sprachgebrauchs zu begründen, 
wodurch denn Veranlassung gegeben ist, den Sprachgebrauch des 
Philostratus vielfach zu erörtern und insbesondere die zahlreichen 
Nachbildungen älterer Schriftsteller, namentlich eines Plato u. 
dgl. hl nachzuweisen, und zwar in einer Art und Weise, die 
ebensowohl von genauer Bekanntschaft mit dem Autor selbst, als 
von umfasser Kunde der älteren Schriftsteller zeugt , ohne welche 
freilich (und das sollten Alle beherzigen , die an die Behandlung 
solcher Autoren einer späteren Zeit wie Philostratus, sich ma- 
chen) hier wenig auszurichten ist, da uberall Nachbildungen der 
Art hervortreten, die sonst leicht mifskannt , und den Kritiker 
zu Schritten verleiten, die, näher betrachtet, nur als Folgen ei- 
ner tadelnswerthen Übereilung betrachtet werden können. Diese 
Klippe hat der Vrf. , auch wenn man ihm vielleicht an einzelnen 
Stellen etwas Kühnheit und allzu grofse Zuversichtlichkeit (vrgl. 
z. B. S. 41) in seinen Verbesserungen vorwerfen wollte (ein Ta- 
del, der übrigens mehr subjectiver Natur ist), wohl zu vermei- 
den gewufst , und durch seine genauen sprachlichen Erklärungen 
nii-ht selten auch für die genauere Kunde des Sprachgebrauchs 
anderer, früherer wie späterer Autoren schätzbare Beiträge gelie- 
fert. Es ist allerdings nicht blos gut, sondern auch noth wen- 
dig, den Schriftsteller aus sich selbst, aus seiner eigenen Rede- 
und Ausdrucksweise zu erklären, und diese Rücksicht ist auch 
hier stets beobachtet worden; allein sie darf nicht, wie wir dies 
bei manchen anderen Versuchen der neueren Zeit bemerkt haben, 
zur Einseitigkeit führen, insofern man bei sprachlichen Keiner-* 
hungen sich blos auf den Einen Autor, den man gerade behan- 
delt , beschränken und alle andern unberücksichtigt lassen will ; 
bei einem Philostratus aber würde ein solches Verfahren selbst 
schwerem Tadel unterliegen, da bei der überall hervortretenden 
Nachbildung eines Plato u. An. ein Zurückgehen auf diese Auto- 
ren unumgänglich nothwendig ist. Und in dieser Beziehung hat 
der Verf. gewifs das geleistet, was man erwarten konnte, und 
sich den Dank aller Freunde der griechischen Literstar verdient; ' 



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■ • • . 

314 Griechische u. römische Literatur. 

auch die Form, in der Alles gehalten ist, verdient gerechte 
Anerkennung , und die so oft und nicht mit Unrecht geführte 
Klage uher die Vernachlässigung der Form und des lateinischen 
Ausdrucks in Schriften der Art , wo oftmals das Interesse für 
den Gegenstand selbst die Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch 
nimmt und darüber die Form vernachlässigt wird , kann den 
Verf. nicht treffen. Einzelne Erklärungen uud Verbesserungs- 
vorschläge hervorzuheben oder näher zu besprechen, e.laubtder 
Zweck und der Raum dieser Blätter nicht; doeb dürfen wir nicht 
die allgemeine Bemerkung zurückhalten , dafs man gewifs wenige 
Stellen linden wird, in deren Behandlung man nicht sich befrie- 
digt finden wird, und dafs der vielfach entstellte Text dieser 
Schrift des Philostratus nun in einer weit besseren Gestalt er- 
scheint , während die schätzbaren Sprachbemerkungen zugleich 
ein allgemeineres Interesse haben und besonders für die spätere 
Gräcität von Wichtigkeit sind. Ihr Reichthum hat allerdings ei« 
neu ausführlichen Index rerum et v er bor um S. 85 ff. veranlafst, 
welchen der Verf. zu einigen weiteren Nachträgen benutzt hat, 
die sich ihm bei dem langsamen Fortschreiten des Drucks seiner 
Schrift darboten, und es schliefst sich selbst daran* S. i 14 ff- eine 
Reihe weiterer nachträglicher Bemerkungen, Addenda et Corri- 
genda , die wir allerdings, ihrem Inhalt nach, nicht gern entbehrt 
haben würden. Auch findet sich S. 109 IV. ein genaues Verzeich- 
nis der in der Schrift bebandelten zahlreichen Stellen alter Au- 
toren. Aus ungedruckten Schätzen der Heidelberger, wie ins- 
besondere der Münchner Bibliothek, wird da, wo sich die Ge- 
legenheit darbot, Manches ruitgetheilt, so z. ß. Scholien z^u Gre- 
gor von Nazianz, zu Libanius, Mehreres aus Nicephoras , Psellus 
u. A., was der Vf. wohl demnächst vollständig durch den Druck 
bekannt machen wird. Auch eine Bearbeitung des Platonischen 
Symposiums wird uns an mehrern Stellen versprochen. 

Achaicorum libri tres. Composuit Carolue Fridericue \I er Icker, 
ph. Dr. Coli. Fridr. Primär. Praec. in Univers. Litt. Mbertina priv. rfoc. 
üarmetadii, sumptibus et typi$ Caroli Gull. LetkU. MDCCCXXXriI. 
xu u. 485 & in gr. 8. 

Der gelehrte Verfasser dieses Werkes bat sich bereits durch 
mehrere einzelne in Jahn und Seebode s periodischen Zeitschrif- 
ten befindliche Aufsätze, so wie auch du*ch eigene kleinere Schrif- 
ten , welche auf die Geschichte des achäisenen und ätolischen 
Bundes Bezug haben, auf eine vorteilhafte Weise der gelehrten 
Welt bekannt gemacht, und giebt nun hier ein umfassendes Werk, 
das mit Benutzung und theilweiser Verarbeitung eben dieser ein- 
zeln früher erschienenen Arbeiten eine erschöpfende Darstellung 
der Geschichte und der Schicksale des achäischen Bundes liefern 
soll. Daher erklärt sich auch der verhältnifsmäfcig so bedeutende 
Umfang des Buches und die grofsene Ausdehnung, die ihm bei 
einer allseitigen und erschöpfenden Behandlung des Gegenstandes 



Griechische ti. riiuiUchc Literatur 315 

wohl zu Theil werden mufste. Dafs das Werk aus sorgfältigem 
Quellenstudium hervorgegangen , kann jede Seito desselben /.ei- 
gen, da oft der ganze Inhalt der Quellen in die Darstellung auf- 
genommen und damit verflochten ist; dafs aber auch uberall nach 
sorgfaltiger Prüfung und Sichtung der Quellen , zumal da wo die 
einzelnen Angaben nicht in Übereinstimmung sind oder sich zu 
widersprechen scheinen , verfahren worden ist , wird eine nähere 
Einsieht bald lehren , ohne dafs man darum den VI. eines Shep- 
ticismus wird zeihen können , der seiner Darstellung eben so 
nachtheilig gewesen wäre , als jener Mangel an Kritik , den er 
selbst an Andern tadelt, die vor ihm die Geschichte des achäi- 
schen Bandes behandelt haben. So wird sein Werk, ein ehren- 
volles Denkmal deutscher Gelehrsamkeit und deutschen Fleifses, 
die wohlverdiente Anerkennung, die auch Ref. ihm gerne zollt, 
überall finden , und es für- alle Freunde der Alterthumsstudien 
keiner besonderen Aufforderung bedürfen , mit dem Inhalt die- 
ses Werkes sich näher bekannt zu machen. Es unifafst das- 
selbe, wie schon bemerkt, die ganze Geschichte des achäischen 
Bundes, und zwar von seinen ersten Anfangen an, von der er- 
sten Gründung und Anlage achäischer Städte an der Nordküste 
des Peioponnes bis auf die Zerstörung Corinths und bis auf die 
romische Herrschaft. Der \Y(. beginnt mit der mythischen Zeit 
und den uns aus derselben entgegentretenden Namen eines Hel- 
len , Xuthus, Jon, Acbäus, Agialus u. s. w. , um dann im zwei- 
ten Abschnitte des ersten Buchs eine genaue Beschreibung, der 
einzelnen Städte Acnajas zu geben, welche von Herodotus, Pau- 
sanias, Strabo u. A. nahmhalt gemacht werden und somit als 
Theile der Landschaft und Bundesgenossenschaft erscheinen ; dafs 
es hier nicht an einzelnen Controversen über die Lage und Schick- 
sale der einzelnen Städte, zumal bei oft widersprechenden oder 
doch meist ungenügenden Angaben der Alten, fehlen kann, liegt 
in der Natur der Sache ; was aus neueren Reiseberichten darüber 
zu unserer Hunde gekommen , finden wir überall sorgfältig be- 
mutzt ; die inzwischen erschienenen Recherches sur les Ruins de 
Moree von Boblaye werden voo dem V 7 f. noch an mehrern Stel- 
len (z. B. p. 19. 21 ff.) mit Erfolg zur sicheren Bestimmung ein- 
zelner Localitaten angewendet werden können. Ein drittes dpi« 
tel berichtet dann über die früheren Verhältnisse dieser achäi- 
schen Staaten ( Foedus Achaeorum prius et alterum ad eum us- 
que annum , quo Sicyon Achaeorum facta est.) ; ein viertes giebt 
uns Nachlieht von der Verfassung und Gesetzgebung, von den 

Politischen Einrichtungen und der Staatsverwaltung; und dann 
>lgt die ausführlichere Darstellung der achäischen Verhältnisse 
von der Zeit des. Aratus an bis auf den Tod des Philopomen, 
im zweiten Buch vom fünften bis zehnten Capitel ; das dritte 
Buch führt dann im eilften Capitel diese Schilderung fort bis zu 
dem Tode des Lycortas und im zwölften bis zur Zerstörung 
Korinth*. Fasti Achaici, einige Addenda , wie sie freilich nölhig 
werden roufsten, da das Buch schon im Jahre 1834 zum Druck 



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316 



Griechische u. römische Literatur 



aus den Händen des Verfassers gekommen war, und ein sehr 
genauer, durch den grofsen Umfang und den reichen Inhalt des 
Buchs eben so nothwendig gewordener Index beschliefst das 
Ganze , von dem wir hier nur eine allgemeine Nachricht geben, 
überzeugt, dafs jeder Freund gründlicher Forschung des Alter- 
thums diesem Werbe ein gründliches Studium widmen wird, 
ohne dafs es dazu einer näheren und ausführlicheren Nach- 
weisung des Inhalts, oder eines referirenden Auszugs von unse- 
rer Seite bedürfte, oder einzelner kritischen Bemerkungen bei 
einzelnen Stellen, zu denen es bei einem Buche von dem Um- 
fang und Inhalt nie fehlen wird, zu ebenen aber hier nicht der 
Ort seyn kann, wo wir blos die Absicht haben, den Charakter 
und Werth des Buchs im Allgemeinen zo bezeichnen Und zu des*, 
sen weiterem Studium einzuladen. 

■ 

■t • • 

Beiträge zur Geschichte, Verbesserung, Feststellung und Erklärung de» 
Textes der Satiren des Persius von Dr. Ferdinand H authal. Zwei 
Theile. Mit der vollständigen Abbildung des Fragmentes des Palym- 
psesten im Vatican zu Rom. Leipzig, llinrichs'sche Buchhandl. 1831. 

Auch mit dem gegenüberstehenden zweiten Titel : 
Aulus Persius Flaceus. Erster Theil : Test nach den ältesten und 
besten englischen , französischen , schweizerischen, italienischen u. deut- 
schen Mss und nach den wichtigsten Drucken vom XV — XIX. Jahr- 
hundert ; metrisch - rhythmische Übersetzung unjl kritische Anmerkun- 
gen. Leipzig, Hinriehs'sche Buchhandlung. 1837. 496 A». in gr. 8. 

Ohne dafs der Verfasser in einer ausführlichen Vorrede den 
Charakter seiner Leistungen und die ihn bei der Bearbeitung des 
Persius leitenden Grundsatze näher bezeichnet hat, wird man 
doch bald bei näherer Einsicht und Prüfung des Inhalts gewahr 
werden , dafs es sich hier um eine gründliche und gelehrte Ar- 
beit handelt, weiche, auch abgesehen von der beigelügten deut- 
schen Ubersetzung, in den dieser folgenden Anmerkungen, die* 
den grofsten Theil des Buchjs füllen , von den mühsamsten und 
sorgfältigsten aber auch gründlichsten Studien zeugt, auf welche 
wir um so mehr hier aufmerksam machen müssen , je ieichtsinni- 
ger man oft auch noch in onsern Tagen bei Bearbeitungen oder 
Ausgaben der Art verfährt, auf Wiederabdruck des Alten, längst 
Bekannten, oder auch Hinzugäbe einiger notulae, die den Beweis 
der auf den Autor verwandten kritischen Sorgfalt enthalten sol- 
len, sich beschränkend. 

Oer Verf. giebt zuerst den lateinischen Text der Satiren des 
Persius mit gegenüberstehender deutscher Übersetzung. Wir 
wollen und können uns auf diesen Theil der Arbeit nicht weiter 
einlassen, da wir wahrhaftig die grofsen Schwierigkeiten, die einem 
Übersetzer des durch seine prägnante Kürze ond seine' nicht zu 
leugnende Dunkelheit vor andern romischen Dichtern ausgezeich- 
neten Persius sich entgegenstellen , nur zu gut kennen , und daher 



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Griechische u römische Literatur 



es wohl begreiflich finden, wie unter den zahlreichen Übersetzern 
des Persius in deutscher Sprache — es ist derselben ein ganzes 
Dutzend , ohne die zu zahlen , die blos einzelne Satiren oder die 
das Ganze in Prosa übersetzt haben, auch beinahe ein weiteres 
Dutzend. — r fast die meisten vergeblich ihre Kraft und Muhe auf- 
gewendet, eine den Sinn und Geist des Dichters wiedergebende, 
getreue und doch deutsche Nachbildung zu liefern. Lesen wir 
doch S. 371 in der Note, dafs selbst in der neuesten Ubersetzung 
in den siebenthalbhundert Hexametern , aus welchen die Satiren 
des Persfus besteben , mehr als dreihundert fünfzehn weibliche 
Cäsuien im dritten Fufse auf eine die Kernsprache des alten Sa- 
tirikers, der in Allem nur gegen fünf undzwanzig solcher Cäsa- 
ren und zwar nicht ohne einen guten , formellen Grund bemer- 
ken läfst, unangenehm schwachende Weise vorkommen! Wir 
wollen daher auch hier nicht weiter über diesen Gegenstand rech- 
ten, und beschränken uns nur, eine aufs Gerade wohl ausgenom- 
mene Stelle, als Probe der vorn Verf. gegebenen Obersetzung, 
mitzutheilen. Wir wählen den Anfang der sechsten Satire: 

„Hat «choa Frost d^ch, Hasan« , gelockt sam Hcerd des Sabinums? 
Leben dir schon liei Gesang von strengerem Griffel die Saiten, 
Wundcrnicister , im Lied auf die QuelTn vorzeitiger Sagen, 
Wie anT den kräftigen Klang der lateinischen Laute zu lauschen, 
Seele bald hier vo# der Jünglinge Lunt, dort ehrbaren Fingers 
Würzend d^eti Ernst des Väterverein«?? — Mich freuet die Milde 
Jetzt an Liguricn's Strand; ich durchwintere hier, wie mein Meer, an 
Riesiger Felswand , wo sich im Thal tief 's Ufer beherbergt. " — 

Auf den Text und die Übersetzung folgen dann die Anmerkungen 
zu den einzelnen Satiren, welche Ton S. 70 — 474 reichen, dem- 
nach, wie bemerkt, den grofseren Theil des Buches einnehmen. 
Sie beziehen sich ebensowohl auf die Übersetzung selbst, die 
Wabf der einzelnen Ausdrücke, deren Richtigkeit u..s. w., zu- 
mal im Vergleich mit dem, was andere Übersetzer gegeben, als 
insbesondere auf den Text und die richtige Auffassung des Sinns 
einzelner Worte wie ganzer Verse in sprachlich grammatischer 
und kritischer, wie in sachlicher Hinsicht, ohne gerade das zu 
seyn, was man einen fortlaufenden, Tollständigen Commentar zu 
nennen pilegt, und ohne die Bemerkungen früherer Ausleger, 
von Casaubonus an in ihrem ganzen Umfange zu wiederholen ; 
nur da, wo die Erklärung bestritten und die Auffassung ver- 
schieden ausgefallen ist , und gerade solche Stellen sind es mei- 
stens, die in diesen Anmerkungen ausführlich besprochen werden 
— werden auch q*ie Erklärungsversuche früherer Ausleger berührt 
und sorgfältig geprüft, daher auch in allen kritischen Bemerkungen 
die Varianten der älteren Ausgaben und einer nahmhaften Zahl 
von Handschriften, die theils von Achaintre u. A. , theils zuerst 
vom Herausgeber verglichen wurden (wir haben darunter mehr- 
mals Münchner und Pariser Handschriften des zehnten und eilften 
Jahrhunderts erwähnt gefunden), sorgfältig aufgeführt, um so 
mancher dunkeln oder verdorbenen Stelle auch von dieser Seite 



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GrlechUche o. römische Literatur. 



nachzuhelfen. Diese Sorgfalt und Genauigkeit tritt auch da her- 
vor, wo durch grammatische oder sprachliche Nachweisungen die 
aufgestellte Erklärung und der Sinn, den der 'Verf. einer Stelle, 
einem Worte giebt, bewiesen werden soll; und so wird man 
denn selbst ausführlichere grammatische Erörterungen hier nicht 
vermissen , wie z. B. einzelne gelegentlich veranlagte Bemerkun. 
gen über den Gebrauch der Tempora, des Präsens, Futur'8 f des 
aoristischen Perfects u. s. w. , oder selbst über Partikeln, wie 
z. B. S. 3i6 die ausführliche Erörterung über den Gebrauch und 
den Unterschied zwischen tum und lunc; oder die Erklärungen 
über Begriff und Bedeutung des Wortes Genius (zu Satin 1!.), 
oder wie S. i83 ff. über den Gebrauch und die Bedeutung des 
Wortes Pulmcnlarium , S. 242 ff. über ocimum und ncinum*; S. 
264 ff. über den Gebrauch von plaudere und das bei Terentius 
und Plautus am Schlufs der Homodien wiederkehrende plawlile, 
S. 273 ff. über sllopus und dessen Schreibart T sowie über andere 
mit st beginnende Worter, wo auch Juvenal's dunkles, noch im- 
mer, wie uns scheint, nicht genügend und befriedigend erklärtes 
stlataria (Sat. VII, i34) erwähnt wird; S. 279 ff', über den Ge- 
brauch \on^candidus ; S. 280 ff. über Sinn und Bedeutung von 
pullatus in verschiedenen Beziehungen, u. s. w. Wir haben hier 
nur aufs Geradewohl Einiges ausgehoben , und konnten diese 
Liste noch länger fortsetzen, wenn wir nicht glaubten, durch 
diese Anführungen schon genügend den Charakter dieser umfas- 
senden und ausführlichen Bemerkungen nachgewiesen zu haben, 
in deren Detail wir hier um so weniger eingehen können, als 
wir uns hier darauf im Allgemeinen beschränken müssen . von 
dem Charakter des Buchs und der darin herrschenden Behand- 
lungs weise unsern Lesern zu eigener weiteren Prüfung und Ein- 
sicht einen richtigen Begriff zu geben. Eben so wenig können wir 
daher auch in die Texteskritik näher eingehen, und am Schlüsse 
unserer Anzeige nur die Bemerkung beifugen, dafs auch gele- 
gentlich manche andere schwierige oder dunkle Stellen anderer 
lateinischer Dichter hier behandelt werden. So wird z. B. S. 175 
in der Note der bekannte Horaziscbe Vers (Ep. I, 1, 16): 

Nunc agilis fio et mersor ci?ilibua undis 

besprochen, und hier mersor als Lesart der ältesten Handschrif- 
ten und als ein äusserst bezeichnender, hier durchaus notwen- 
diger Ausdruck, von dem die Variante versor nur eine matte oll- 
gemeine Erklärung giebt , nachgewiesen ; womit wir durchaus 
einverstanden sind. Der Verf. bezieht sich dabei auf Pariser 
Handschriften und deren Scholien, die er sich abgeschrieben; 
möchte es ihm recht bald möglich werden, uns diese Schätze in 
einer neuen, alle alten Erklärer und Scholien, die bisher doch 
nur sehr unvollständig uns bekannt sind, vollständig umfassenden 
Ausgabe, wie sie bereits angekündigt worden, mitzutheilem Eine 
andere ähnliche Erörterung finden wir S. 197 ff. in der Note 
über »die vielleicht schwerste« Stelle des Juvenal I, 157 und 



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Griechische u. römische Literatur. 



311> 



die verschiedentlich hier von allen Auslegern und Herausgebern 
versuchte Erklärung der Stelle , womit zugleich die Feststellung 
des Textes zusammenhängt. Auch Ref. gesteht offen, dafs er 
sich schon vielfach an dieser Stelle versucht hat , ohne dafs es 
ihm eigentlich gelungen wäre , zu einem Völlig befriedigenden 
Resultate zu gelangen. Wir wollen nicht die vielen Verbesse- 
rungsvorschla'ge wiederholen, die an dieser Stelle gemacht wor- 
den sind, und nur die vom Verf. vorgeschlagene Veränderung 
mittheileru Derselbe will nämlich hier gelesen wissen: 

Ponc Tigellinuiu : tarda ltircbis in illa, 

qua stantes ardent, qua [oder et] fixe» gutturc fumnnt, 

et latam media in ■ulcain fe ducit arena. 

Der Sinn der Stelle, d. h. zunächst des letzten Verses, da der 
Sinn der beiden ersten weniger Schwierigkeiten hat, wurde dann 
folgender seyn: und er [der sich rächende Tigellinus] läfst 
dich dann [den fast verbrannten Leichnam] in eine breite 
Grube mitten auf dem sandigen Schauplatze [d. h. im 
Angesichte des versammelten Volkes oder auch mitten auf dem 
Kampfplanc] schleifen. Auf die Lesart te ducit fuhrt den Vf. 
insbesonJere der Umstand, dafs entschieden die Mehrzahl der 
Manuscripte, unter andern ein Berner aus dem zehnten Jahrhun- 
dert, die alten Scholien und Ausgaben , den Vers folgendermaßen 
geben : 

El latum media sulcum deducit arena. 

mithin die vom Verf. vorgeschlagene Änderung sich nur wenig 
von den handschriftlichen Autoritäten entfernt, welche in dedu- 
cere oder diducere uns Ausdrücke bieten, deren Sinn und Be- 
deutung nach dem Vf. hier durchaus unpassend ist , dessen sonst 
zwar ansprechende Erkläi ungsweise uns darum aber doch noch 
nicht ganz über alles Bedenken erhabeu und sicher gestellt zu 
seyn scheint 

Der. zweite Theil soll enthalten: erstens Anmerkungen 
zur ersten Satire (da nemlich im ersten Theile die Anmerkungen 
zur ersten Satire sich nur über die ersten vierzehn Verse oder 
den sogenannten Prolog erstrecken) mit drei Excursen (Biogra- 
phie der Wortformen poctria und poetris bei Griechen und Rö- 
mern; über die Schreibung des Berges Parnafs; über die tropi- 
schen Ausdrücke der Griechen und Römer, insbesondere des Per- 
sius) ; zweitens: über den Hexameter überhaupt, insbesondere 
den der romischen Satiriker und des Persius; drittens: über 
die metrischen Übersetzungen der Alten in unserer Zeit , insbe- 
sondere über die deutschen der romischen Satiriker. Ein Anhang 
soll eine Reihe historisch - britischer Untersuchungen über den 
Persius überhaupt und die erste Satire insbesondere, enthalten; 
ausserdem noch einige Zusätze und Berichtigungen, die bei ei- 
nem so reichhaltigen Werke gewifs notwendigen Register und 
das auf dem Titel bemerkte Palimpsest. Wir sehen diesem zwei- 
ten Theile sowie der weiter versprochenen besondern Ausgabe 
des Persius mit gleichem Verlangen entgegen. 



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320* Griechische u. römische Literatur. 



Claudii P tolcmaei Gcographiae fragmentum editionum majorii et mi- 
nores Specimen II. Rdidit Carolus Fr id. Aug. Wobbe. (Program- 
ma , quo tres magistros in schula Xicolaitana Lips. publice constitutos 
esse nuntiat etc. etc. scholae rector Carolus Frid. Aug. JSobbe, philo». 
Dr. et in Univera. Lipa. Profess. etc) Lipsiac , sumtibns et typis Ca- 
roli Tauchnitii. 1837. 3ß & 8. 

Wir zeigen dieses als Gelegcnheitssehrift ausgegebene Spe- 
cialen einer neuen Bearbeitung des Ptolemäus mit Vergnügen 
auch hier an , um wenigstens von unserer Seite auch die Theil- 
nahine zu bezeugen , die ein solches Unternehmen mit Recht an- 
sprechen kann , da unsere an anderen handschriftlichen Schätzen 
so reiche Universitätsbibliothek gerade für Ptolemäus Nichts dar- 
bietet. Wir bedauern dies um so mehr, als wir die groben 
Schwierigheiten, welcher die Constituirung des Textes hier un- 
terliegt, nur zu gut aus eigener Erfahrung mehrfach kennen ge- 
lernt haben, billigen aber durchaus die Ansicht des Hrn. Veits., 
dafs bei der zahllosen Menge von Varianten vor Allem die ver- 
schiedenen Handschriften, aus denen sie hervorgehen, nach ih- 
rem Werth gesichtet und geordnet werden müssen, um darnach 
dann diejenigen Handschriften auszuwählen , die vorzugsweise bei 
der Gestaltung des Textes zu berücksichtigen sind. Aber eben 
dazu ist eine genauere Kenntnifs dieser Handschriften, wie wir 
sie noch nicht besitzen, nothwendig, was der Hr. Vf. mit Recht 
hervorhebt, dessen Ausdauer, dessen Umsicht und Gelehrsamkeit 
uns übrigens hier das Beste erwarten lassen. Die hier gegebene 
Probe, welche von II, io. l *. den Text (nach der beabsichtig- 
• ten kleineren Ausgabe, mit äusserst netten und reinen Typen) 
liefert und dann als Zugabe die dazu gehörige Varietas lectionis 
(wie sie der grofseren Ausgabe beigefugt werden soll), giebt uns 
wenigstens dazu alle Hoffnung. 

Euripide» Werke, verdeutscht von Friedrich Heinr. Bothe, Drit- 
ter Rand. Neue Ausgabe letzter Hand. Mannheim, Verlag von To- 
bias Löffler. 1837. MF. 450 & in gr. 8. 

Dieser dritte Band enthält die noch fehlenden Stucke (Iphi- 
genia in Tauris, Jon, Medea, Orestes, Rhesus, die Trojanerinnen 
samt den Bruchstücken und dem Leben des Euripides) und voll- 
endet so das Ganze, das wir in diesen Jahrbb. 1837. $• * — 1 ff* 
besprochen haben. 

Chr. Bahr. 



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N°. 21. HEIDELBERGER 1838. 

' JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Dr. Ferdinand Mackeldcy's Lehrbuch des heutigen Hämischen Rechts. 
Ute Originalausgabe von G. F. fleyer Vater. Ciefsen 1838. 2 Bände. 
Ladenpreis 8 TA/r. 16 Gr. oder 6 fl. 24 kr. 

D er Unterzeichnete, welcher nach des Verfassers Tode diese 
Ausgabe durchgesehen und mit Anmerkungen und Zusätzen her« 
ausgegeben hat, raufs vorerst beblagen, dafs der Verleger gegen 
die ausdrückliche Vorschrift statt v mit vielen Anmerkungen und 
Zusätzen versehen« das Wort » bereichert « gewählt hat. Da 
viele Exemplare schon verschickt waren, als der Unterzeichnete 
das Titelblatt zur Ansicht erhielt, so konnte der Sache , bei wel- 
cher er ganz schuldlos ist, nicht mehr abgeholfen werden. Die 
von dem Unterzeichneten gelieferte Vorrede verbürgt am besten 
die Pietät, mit welcher er des Verfs. Werk angesehen hat. 

Es ist nicht leicht, eines Andern Werk zu einer neuen Aus- 
gabe zu bereiten. Die Gemeinnützigkeit des Buches ist aner- 
kannt , und der nächste Zweck war daher, Nichts an der Rieh- 
tung zu ändern, welche das Werk beliebt gemacht hat. Zwar 
kann man kühn behaupten , dafs die früheren Ausgaben des Du- ' 
ches, z. B. die vierte, für eine grofse Klasse von Lesern, z. B. 
für die Anfanger in dem juristischen Studium, geeigneter waren, 
weil die elementa überall in einer grofsen Einfachheit hingestellt 
und die Übersicht durch das jetzt vollkommenere Notendetail 
nicht erschwert war. Allein unfruchtbarer war dann das Werk 
für die Praktiker und für diejenigen Gelehrten, die in feineren 
Punkten gern des Verfs. Meinung gekannt hätten. Nunmehr ist 
es ein Lehrbuch, wie schon Mühlenbruch irgendwo bemerkt, für 
einen doppelten Zweck — für ein Einleitungscollegium — und 
auch zur Einsicht der Lehrmeinungen selbst. Besonders die No- 
ten und Zusätze sind für die letztere Beziehung in Anspruch 
genommen , und durch diese Ökonomie in der Form ist es auch 
allein möglich, beide Zwecke nebeneinander zu verfolgen. Aber 
das Buch hat noch ein Drittes für sich : es enthält eine histori- 
sche Einleitung, die zwar lange nicht reich genug ist, um für 
eine äussere Geschichte zu gelten, die aber durch Verweisungen 
den Anfänger sowohl wie den Praktiker die Hinfuhrung auf die 
XXXI. Jahr--. 4. Heft. 21 



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322 Mackeldey : Lehrbuch d. Köm. RechU II. Autg. Rofshirt. 

Quellen eines gelehrten Rechtsstudiums erleichtert, und in wel- 
cher Beziehung die deutsche Literatur noch kein anderes Einleu 
tungsbueh hat. Dagegen ist allerdings die innere Rechtsgeschichte 
ganz bei Seite gestellt, und der Herausgeber hat auch durch Zu- 
sätze hier nicht viel thun können und wollen — denn um das 
corpus juris recht kennen zu lernen , mufs man die Zeit Justi- 
nians, und resp. ihre nächsten Quellen , die Schriften der Gelehr- 
ten der dritten Periode und die Constitutionen der vierten vor 
Allem in das Auge fassen; die Geschichte aber als Selbstzweck 
besonders behandeln, weil nur so neben der exegetischen und 
praktischen Bedeutung die historisch wissenschaftliche des Rechts- 
studiums durchgeführt werden kann. Hugos Meister weih hurt 
auf, wo die Pandektenlebrbücber anfangen. Das Buch nennt 
sich auch gerade nach der Ansicht Hugo s von diesem Verhält- 
nisse »heutiges rumisches Recht«. 

Im Systeme ist Etwas geändert, aber so, dafs die Zahl der 
§§en nicht gestört wird. Es ist dabei die Ursache der Änderung 
angegeben, und dafs die Veränderung als gerechtfertigt erscheine, 
dafür bürgt schon der Umstand , dafs zu der unnatürlichen frühe- 
ren Stellung einiger Lehren nur zufällige Verhältnisse, die 
jetzt weggefallen sind, Veranlassung waren. Wir glauben, dafs 
die jetzige Zusammenstellung der Lehren so ziemlich die Bei- 
stimmung der Mehrsten für sich haben wird: mit aller Anerken- 
nung der Abweichung Anderer. Die romischen Juristen selbst 
hatten ja auch hierin verschiedene Methoden , obgleich wir uns 
nicht auf sie als Vorbild in solchen Dingen ausdrucklich berufen 
wollen. 

In Hinsicht auf den Inhalt hat der Herausgeber kaum vier 
Bogen Zugabe; jedoch seine Arbeit beträgt gewifs das Doppelte; 
allein einige weitläufige Übergangsparagraphen, Einzelnes im 
allgemeinen Theile , dann manche in der Lehre vom Concurs mehr 
in den Procefs gehörende Ausführung , endlich eine wohlthätige 
Berechnung in der Ökonomie des Druckes, besonders durch die 
Noten, haben es möglich gemacht, ein Werk, das ohnedies schon 
gegen 70 Bogen hat , nicht voluminöser zu raachen und den alten 
mäfsigen Preis zu erhalten. 

In der historischen Einleitung sind einige bedeutende Zu- 
sätze, z. B. S. 23 über die Centurien-Einrichtung , wo natürlich 
das neue Buch von Husch he noch nicht gebraucht werden konnte, 
S. 3i über den Zustand der Republik in ihrer höchsten Ent- 
wicklung und S. 4a von den Ursachen des Stürzet der Repu- 



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Mackcldej : Lehrbuch d. Rom. Recht* 11. Aull. v. Rolthlrt. 123 



blik, S. 66 die Veränderungen unter Constantin dem Gr., S. 72 
über Puchta's Ansicht von dem Citiergesetze , S. 116 über den 
Eintluls der Hierarchie auf das römische Recht u. s. w. 

Im allgemeinen Thcile ist eine Darstellung des Herausgebers, 
S. 194 — 197 über die Ansicht des Systems von den Romern und 
von den Neuern , S. 233 über den Begriff von Sache , 'S. 262 
über demonstratio , nudum praeceptum (S. 266 sind die Nr. IV. 
V. bei den Titelüberschriften auszustreichen), S. 270 über die 
Erwerbung der Rechte im Allgemeinen — auch sind die zwei 
letzten §§en neu. Geflissentlich hat der Herausgeber dem all- 
gemeinen Theile am wenigsten zugewendet , weil er der festen 
Überzeugung ist, für den Anfänger und für den Praktiker müsse 
diese Parlhie am sprödesten behandelt werden. Anders ist et 
vielleicht für den philosophirenden Systematiker. Was den be- 
sondern Theil angeht , so behandelt derselbe alle Lehren nach 
den vier ßüchern : dingliche Rechte, Obligationenrechte, Fami- 
lienrechte , Erbrechte. Der Besitz bildet die Einleitung zu den 
dinglichen Rechten. Es ist hier schon Rucksicht genommen auf 
v. Savigny's sechste Ausgabe, und zwar S. 7 im Zusätze, S. 9 
im Zusätze (über possessio naturalis et civilis) u. s. w. Ein eig- 
ner §. über Portsetzung des Besitzes ist eingeschoben , '§. 225 a. 
eine Anmerkung über die neuere Ansicht vom constitutum pos- 
sessorium gemacht S. 24. — Fernere Zusätze sind über das re- 
medium spolii S. 33. — In manchen Lehren mochte in der 
neuesten Literatur Einiges übergangen scheinen , z. B. §. 246 
die Ansicht von Puchta in seinem neuen Lehrbuche der Pan- 
dekten — dafs die speeificatio eine occupatio sey — eine An- 
sicht , die wir nicht für richtig halten: allein in der Tbat haben 
wir allen Fleifs auf die Literatur gewendet, Puchta's Buch war 
aber damals noch nicht in unsern Händen. Verschiedene Zusätze 
haben wir in der Lehre von der Ersitzung gemacht; ferner 
bei der vindicatio S. 78. 79. publiciana 81 , bei der Erwerbung 
der Servituten S. 116. 117. Emphyteusis S. 128. Im Pfandrechte 
bat der Herausgeber die alte Grundansicht gegen Büchel und 
Mühlenbruch vertheidigt S. 137, und hat vielerlei Zusätze 
gemacht S. 140. i44* *55. 161. o. s. w. 

In der Lehre von den Obligationen war die Lehre von den 
Solidarobligationen in den bisherigen Ausgaben vernachlässigt, 
daher wir diese eigentlich erst S. 1 0*3 durch einen Zusatz auf- 
gestellt haben. Manches haben wir auf spätere Zeit verspart, 
z. B. über die causae alternativae bei Obligationen und Legaten. 



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* 



324 Mackcldey : Lehrbach d. Hörn. Hechts II. Auig. v. Rofshirt. 

In der Lehre vom Interesse sind Zusätze S. 199 Note d. S. 202. 
207. 211. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir anfuhren, dafs 
wir im III. Bande unserer Zeitschrift die Vorbereitung gemacht 
haben zur Begründung des Unterschieds der stricti juris und bo- 
nae fidei obligationes sowohl für das ganze System der Obligatio- 
nen als hauptsächlich für eineine Lehren, z. B. mora , pacta ad- 
jecta, restitutio u. s. w. Es sind eigentlich dieselben Ansichten, 
von denen wir bei der Abhandlung über das periculum obligatio- 
nis speciei ausgegangen sind. Es scheint uns hier das Meiste ab- 
zuhängen von der Bildungsgeschichte der stipulatio, und davon, 
dafs diese immer nur eine einseitige obligatio begründet. Die 
Consensualyerträge sind Ausnahmen von der Natur der förmlichen 
Verträge \ und das Princip der Realcontracte ist gerade dem der 
stipulatio entgegengesetzt, so dafs für das jetzige *Recht es sich 
davon handelt , ob jeder Vertrag bei uns eine stipulatio ist , oder 
ob wie im Code das Princip der römischen Innominat- Realcon- 
tracte gilt. Daruber lassen sich auch aus dem philosophischen 
und legislativen Ständpunkte recht wichtige Bemerkungen machen. 
Die Acten liegen aber noch nicht so , dafs man in Einleitungs- 
buchern darauf achten könnte. Eines der wichtigsten Resultate der 
Untersuchung ist: ob man ohne formelle Festigkeit des Vertrags- 
objekts (die in der Intention schon klar genug vorliegenden Ver- 
• hältnisse des Kaufs, der Miethe , der Societät und des Mandats 
abgerechnet) das jus poenitendi aufheben kann , oder mit andern 
Worten, ob es nicht naturlicher ist , bei unsicheren Vertrags- 
Intentionen die Rückforderung oder überhaupt das Abgehen vom 
Vertrage als den rechten Ausgang aus dem Labyrinthe anzusehen. 
Die Lehre vom Kauf als den Typus aller gegenseitigen Verträge 
anzunehmen, ist höchst gefährlich, einestheils, weil auf der einen 
Seite die certitudo des Objekts auf das bestimmteste immer fest- 
steht, anderntheils weil derjenige, der die Waare zu leisten hat, 
offenbar in der diligentia und im periculo schon deshalb strenger 
gebunden werden mufs, weil der andere durch die Natur der 
Leistung einer höchst fungiblen Sache an sich der Verurtheilung 
nicht entgehen kann. Wir haben übrigens im Lehrbuche Alles 
bei der herkömmlichen Ansicht belassen, und uns gehütet, ein- 
zelne Zweifel zu erheben. Dafs die Lehre vom Zwang und Be- 
trug in Verträgen durchaus bei der alten praktischen von Thi- 
baut und Madie hiev immer mit Recht vertheidigten Ansicht 
bleiben mufs, haben wir ebenfalls im III. Bande der Zeitschrift 
gezeigt. Bei der obligatio ex delictis haben wir einige Zusätze 



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Mackcldey: Lehrbuch d. Ruin Rrchto 11 Aufl. Kuhhirt. 325 

gemacht , weil diese Lehre gewöhnlich im Vortrage des Civil- 
rechts sehr vernachlässigt wird and doch so wichtig in allgemei- 
nen Lehren z. B. im Actionenrechte ist. Die Lehre von der 
Execution bei der Verfolgung von Obligationen ist recht gut 
schon von dem seel. Mackeldey behandelt, aber sie stand auf ver- 
lorenem Posten, daher haben wir sie mitten in die Lehre von 
den Obligationen aufgenommen, und es bann seiner Zeit auch ein 
§. über die Execution bei Klagen auf dingliche Rechte eingeführt 
werden , obgleich hier schon die Abnahme einer species manu 
militari, die pignoris capio etc. uberall berührt ist. Die Darstel- 
lung des Concursverfahrens ist, nachdem das Pfandrecht früher 
schon abgehandelt ist, hier naturlicher als beim Pfandrecht. Die 
Lehre von der Solution der Obligationen haben wir einer gänz- 
lichen Revision unterworfen, und da die Lehre von den obliga- 
tionibus contrahendis im Lehrbuche ganz nach dem romischen 
Systeme gemacht ist , so war schon deshalb die ähnliche Richtung 
bei der solutio nöthig , obgleich in dem einen und andern Punkte 
unsere Praxis einen andern Weg verfolgt. Es gilt ja zunächst 
der Kenntnifs des romischen Syst^ns. Naturlich mufs in dem 
Vortrage über die Pandekten sehr auf den usus modernus auf- 
merksam gemacht werden. 

Familien- und Erbrecht sind wohl in Beziehung auf die Dar- 
stellung in dogmatischer Form die schwierigsten Theile des rö- 
mischen Rechts. Wir haben der Methode des Lehrbuchs einmal 
treu bleiben müssen, aber in keinem Theile reichlicher als im 
Erbrechte Zusätze, Nachträge, Verweisungen u. s. w. gemacht. 
Es wurde in der Tbat zu weit fuhren, hier alles Einzelne nam- 
haft zu machen; nur mufs der Herausgeber bitten , in der Be- 
urtheilung billig zu seyn, wenn eine oder die andere Ansicht, 
ein oder der andere Punkt nicht bestimmt genug ausgeführt wäre, 
denn die Ökonomie des Werkes vertrug dies nicht. 

Im Texte selbst ist sehr wenig geändert worden , weil die 
Veränderung nicht gut bemerklich zu machen gewesen wäre ; al- 
lein kleine Unrichtigkeiten, Verbesserungen auch in der Sache 
kommen doch vielfach vor, und der Herausgeber war, wo er 
seine Chiffer nicht beisetzen konnte , sehr gewissenhaft. 

Der Verleger , welchem der Unterzeichnete sein Befremden 
über die eigenmächtige Veränderung auf dem Titelblatte mit- 
theilte , antwortet , man mochte ihm condoniren , denn Allen 
wurden wir es doch nicht Recht gemacht haben, ein Trost, den 



I 



326 Nöggerath : Ausflog nach Böhmen etc. 

wir schon von vorneweg annehmen. Aber die Hoffnung belebt 
uns doch, dafs, da das Buch gewifs nicht schlechter geworden 
ist , es seinen alten guten Namen noch lange erhalten werde. 

Ro/shirL 



Ausflug nach Böhmen und die Versammlung der deutschen Naturforscher 
und Arzte in Prag im Jahr 1837. Aus dem Lehen und der II issen- 
schaft von Dr. Jacob ISöggerath, königl. preufs. Ober - Bergrath 
und öffentl. ordentl. Professor der Mineralogie u. der Bergwerks Wissen- 
schaften an der rheinischen Friedrich - H ilhelms - Universität u. s. w. 
Bonn, bei EL H'eber. 480, Ä. gr. 12. 

Wir säumen nicht, unsern Lesern Kenntnifs zu geben von 
diesen Heisebildern ganz eigentümlicher Art. — »Aus dem 
Leben und der Wissenschaft«, so bezeichnet der Vf. seine 
Mittheilungen, und dazu ist er wohl berechtigt. Mit gleichem 
Interesse liest man , was , obwohl in bunter Reihe , dennoch aus 
einem Gusse an einander gefügt worden. Alles ist mit Sinn und 
Geist, ohne Vomrtheil und dünkelhafte Selbstgefälligkeit, auf- 
gefaßt, frisch und lebendig dargestellt, unterhaltend und beleh- 
rend geschildert : das Thun und Treiben auf der Messe zu Frank- 
furt und die dasigen Museen für Natur und Kunst ; die Nachrich- 
ten über Böhmens berühmte Heilquellen und Bäder*; das Felsen- 
Labyrinth unfern Wunsiedel ; die Wallenstein'schen Reliquien zu 
Eger; der denkwürdige Krater des ausgebrannten Vulkans bei 
Franzensbad ; die Marmorbrüche im Baireuthischen; der Carls- 
bader Sprudel, die »seltsame Quelle, welche aus urältestem Ge- 
birge beifs hervorspringt « ; die bühmischen Braun- und Schwarz- 
kohlen-Gebilde , so wie die bedeutenden und wichtigen Gewerbe 9 

welche an das Daseyn jenes Brennmaterials sich knüpfen 

endlich der: naturhistoristbe und ärztliche Reichstag auf glän- 
zendste Weise abgehalten zu Prag. Sonach sind Leser, auch 
wenn sie vom verschiedenartigsten Interesse geleitet würden , 
sicher gar Manches zu finden , was ihnen besonders zusagt und 
Genufs gewahrt. — Zum Theil kann das Büchlein als getreue 
Sclbstcharaktcristik des Vfs. gelten; wie er auf Reisen es treibt, 
wie er lebt, denkt und beobachtet, davon giebt das Büchlein 
einen getreuen Abdruck. Ree. vermag darüber um so entschie- 
dener und verlässiger zu urtheilen, da er, in frühern und spätem 
Jahren, des Bonner Wissenschaft«- Verwandten als Genossen auf 
gröfsern und kleinem Wanderungen sich zu erfreuen hatte. 



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827 



Bei einigen Mittheilungen sey ans gestattet zu verweilen ; 
dafs wir geologische Thatsachen wählen , wird nicht mifsdeutet 
werden. 

Unmittelbar bei Ehrenbreitstein geht man darauf aus, > die 
Quellen von Ems abzugraben«, richtiger: es soll ein Bohr- 
loch ins Gebirge niedergestoßen werden, um eine beifse Quelle 
zu finden (S. 4). Die Idee gab Leopold von Buch bereits im 
Jahre i834« Nach diesem erfahrnen und scharfblickenden Geo- 
logen ist die Ursache heifser Wasser nicht nothwendig unmittel- 
bar am Orte ihres Hervorbrechens zu suchen, sondern vielleicht 
oft in grofser Entfernung. Das ganze Gebirge zwischen Coblenz 
and Frankfurt läfst sich als einen solchen Sitz ansehen. Heifse 
Wasser brechen in der Tiefe, oder vielmehr an tiefer gelegenen 
Punkten, hervor, Sauer wasser in der Höhe. Der 8itz der Er- 
wärmung ist überall unter dem Gebirge. Die Wasser, welche 
mit Dämpfen beladen aufsteigen , wie z. B. zu Ems und Wies- 
baden , haben, nach der Höhenlage dieser Orte, einen kürzeren 
Weg zu durchlaufen, daher bleiben sie warm. Der Weg zu 
den Höhen , worauf u. a. Selters und Schwalbach liegen , ist viel 
groTser , deshalb kann um so mehr Kohlensäure in dem abgekühl- 
ten Wasser enthalten seyn. Solche Wasser kommen , wie es 
scheint, auf Spalten vor, die sich weit fortziehen. Die Sauer- 
wasser im Thale von Lorchhausen nach Schwalbach herauf las- 
sen eine solche Spalte gut erkennen. Dieselbe braucht nicht of- 
fen zu seyn , sondern nur in einer Trennung der Gebirgsschichten 
zu bestehen, welche den innern Dämpfen leichtern Ausweg ver- 
statten. Auch bei Ehrenbreitstein lassen die Schichten-Richtun- 
gen eine ähnliche Spalte wohl voraussetzen, und noch mehr die 
dort wirklich erscheinende Sauerquelle. Allein diese Trennung 
dürfte nicht bedeutend genug seyn , um aus der Werkstätte heia- 
ser Wasser diesen einen Ausweg zu öffnen; daher mufs ein Bohr- 
loch im Thale zu Hülfe kommen. Und sollte auch das Bohrloch 
im Thal Ehrenbreitstein — der Punkt, wo es anzusetzen wäre, 
wurde ebenfalls von L. v. Buch vorgeschlagen — nicht warmes 
Wasser liefern , so würde es gewifs eine reichere Sauerquelle 
hervorbringen, ohne der jetzigen Schaden zu thun. — Nun bat 
sich eine Actien-Gesellschaft gebildet, welche die Bobrarbeit be- 
treiben läfst. Ihr Capital besteht aus 10,000 Thalern , welche 
Summe allerdings hinreicht, wenn nicht Schwierigkeiten oder 
Unfälle besonderer Art eintreten , ein bedeutend tiefes Loch zu 
erbohren ; and in der Ansicht liegt es, nach Erfordernifs bis zu 



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328 Nöggeratb: Ausflug nach Böhmen etc. 

2000 Fufs zu bohren, wozu allerdings wohl eine Reihe von Jah- 
ren erforderlich seyn dürfte. — Mochte der beabsichtigte Fund 
gelingen! Es wäre von ganz ungemeinem Werthe, am Rhein- 
ufer Quellen ähnlicher Art zu erhalten, wie die von Ems, und 
für die Stadt Ehrenbreitstein würde daraus ein unberechenbarer 
Gewinn erwachsen. 

Bei Wunsiedel (S. 67 ff.) und zu Miltitz im Triebischthale 
unfern Meifaen (S. 459) hatte Noggerath Gelegenheit, sich vom 
Wahrhaften der, bereits vor mehrern Jahren von uns ausgespro- 
chenen Ansicht zu überzeugen: dafs körniger Kalh, der frü- 
her sogenannte Urkalk , zum grofsen Tb eile, vielleicht 
sämmtlich, ein platonisches Gebilde sey, dafs jenes Ge- 
stein im feuerig-flüssigen Zustande aus den Erdtiefen empor- und 
in die, dasselbe gegenwärtig umschliefsenden , Felsmassen einge- 
drungen sey. Der Verf. denkt sich, ganz in Übereinstimmung 
mit uns, die Bildung des Wunsiedler Kalklagers (Ganges) als 
»eine, in den schieferigen Felsarten, wahrscheinlich successiv 
geöffnete und mit feuerig -flüssig gewesenem kohlensaurem Kalk 
ausgefüllte, grofse Spalte, welche dem Streichen des Glimmer- 
und Cbloritschiefers conform gerissen war.« In einem zwar be- 
reits vor mehr als zwei Jahrzehnden erschienenen, aber nichts 
weniger als veralteten, Buche — wir reden von der »Beschrei- 
bung des Fichtelgebirgs durch Gold fufs und Bischof« — 
sieht man auf der, dem zweiten Theile beigefugten, geognosti- 
schen Karte die Ausdehnung des mächtigen Ganges von körnigem 
Kalk aufs deutlichste angegeben. Er streicht aus NO. nach SW., 
gleich dem an der Bergstrafse unfern Auerbach vorhandenen und 
gleich so manchen andern, welche wir selbst zu untersuchen Ge- 
legenheit hatten, und über die wir aus bewährter Hand Mitthei- 
lungen empfingen. Dazu kommen die Bruchstücke und Massen 
vom Ganggestein — bei Auerbach und auf Pargas in Finland, 
, Gneifs , bei Wunsiedel , Glimmerschiefer u. s. w. — welche 
der emporgedrungenc körnige Kalk in sieb aufnahm und um- 
schlossen halt. Bei Miltitz sah Noggerath, dafs die vortreff- 
liche Schilderung, welche B. Cotta geliefert, den Verhältnissen 
durchaus getreu ist. Durch Steinbrucharbeit wurde hier eines 
der schönsten geologischen Phänomene aufgeschlossen. » Granit 
und körniger Kalk, beide in heifs - flüssigem Zustande, drangen 
zwischen die Schichtungen von Hornblendeschiefer ein.« — Was 
soll man nun sagen, wenn, und erst im Jahre 1837, die Feuer- 
flüssigkeit des körnigen Kalkes nicht in Zweifel gestellt, sondern 



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Süggerath: Ausflug nach Böhmen etc. 3*8 

selbst die Möglichkeit eines Entstehens der Felsart aof plu to- 
nischem Wege unbedingt abgeleugnet wird ! Die Chemie — so 
lasen wir in einem öffentlichem Blatte — weise auf ein Hinder- 
nifs hin: der Kalkstein vertrage sich in starkem Feuer nicht mit 
der Kieselerde, sondern werde zersetzt, indem diese sich mit 
dem Kalke vereinige, die Kohlensaure austreibe und kieselsauren 
Kalk bilde. Verhielte es sich nun so , wie die Vulkanisten an- 
nehmen, d. h. wäre der körnige Kalk feuerig- flussig gewesen, 
so müfsten wir statt kohlensauren Kalkes blos kieselsauren haben. 
Dem entgegen aber fände man in der Kieselreihe gar keinen 
kieselsauren Kalk, wohl aber selbst im Urkalkstein oft eingemeng- 
ten Quarz; daher müsse der Kalkstein seine krystallinische Be- 
schaffenheit auf eine andere Weise and zwar durch das Wasser 
erlangt haben. Welch einen hohen Werth wir auf den Ausspruch 
des Chemikers legen, wenn es sich um geologische Meinungen 
handelt , darüber glauben wir uns hier nicht weiter nachweisen 
zu müssen ; wir haben an einem andern Orte gesagt , und das 
Warum ? mit Gründen belegt , dafs uns die Scheidekunst als 
Prüfstein für theologische Hypothesen und Theorieen gilt. Aber 
alle Probleme der Natur vermag der Chemiker keineswegs zu 
losen; es gibt Hergänge, zu denen das Experiment nicht reicht. 
In Betreff des möglichen und sehr wahrscheinlichen Ursprungs 
von hornigem Kalk auf feuerigem Wege sey hier, falls man che- 
mische Autoritäten wünscht, nur bemerkt, dafs Berzelius und 
L. Gmelin unserer Ansicht sind, und dafs Mitscherlich im J. 
1 035 drucken liefs : » der Marmor besteht aus einer Anhäufung 
kleiner erkennbarer Kalkspath-Krystalle; er ist entweder geschmol- 
zen gewesen, wie im ürgebirge, oder in Wasser aufgelöst, wie 
im Übergangsgebirge. « (Lehrbuch d. Chemie II. B. S. 119.)* — 
Die Gesammtheit der Verhältnisse des Vorkommens von kornigem 
Kalk an den oben genannten und an zahllosen andern Orten, alle 
mit seinem Auftreten verbundenen Erscheinungen sind so , dafs 
er nur aus der Tiefe, und zwar bald mehr, bald weni- 
ger gewaltsam emporgekommen seyn kann. Wollte man, 
befangen im neptunistischen Starrsinn , das Gestein etwa durch 
Injektionen, durch Ein- oder Ausspritzungen, aufwärts dringen 
lassen, und wer wäre der Deus ex machina, welchem man das 
Geschäft übertragen konnte? 

Wie Noggerath über den Kammerbühl denkt — über 
den kleinen ausgebrannten Vulkan unfern Eger, für den Gut he 
so besonders sich interessirtc, den er unzählige Male besprochen 



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330 . Nöggerath i Autflug nach Böhmen etc. 

und in verschiedenen Zeiten beschrieben bat, den merkwürdigen 
Hügel, um welchen sich in den neuesten Jahren Graf Kaspar 
v. Sternberg und H. Cotta durch Wort und That wohl ver- 
dient machten — werden gewifs Viele mit Theilnahme lesen. 
Unserm Beisenden standen besondere Vorrechte zu, über den 
böhmischen Vulkan und seine Verhältnisse abzuurtheilen ; denn er 
besitzt sehr genaue Kenntnifs der Eifeler Feuerberge und ihrer 
Beziehungen , und in Böhmen zeigen sich nicht wenige Phäno- 
mene wohl vergleichbar denen am Rheine , dies wissen wir aus 
eigener Anschauung; nnr erfolgten hier die basaltischen Durch, 
brüche durch Thonschiefer- oder Grauwacke-Gebirge, dort durch 
Glimmerschiefer. — Ob die Erscheinungen bei Eger nicht auf 
sogenannte » Pseudo- Vulkane * — ein übel gewählter , gänzlich 
unrichtiger Ausdruck, den man längst hätte verbannen müssen, 
weil er zahllose Mifsverbältnisse veranlafst hat und noch veran- 
lafst — zurückzuführen seyen ? diese Frage kann man von Nie- 
mand erwarten, der den Kopf nur ein klein wenig über dem 
Wasser hat. Vor beinahe siebenzig Jahren schon hatte der eh- 
re n weit he Fichtel das wahre Verhalten erkannt; wer jetzt noch 
zweifelt, den würden selbst die unterirdischen Arbeiten,, wel- 
che der hochgefeierte Graf von Sternberg, lediglich aus Liebe 
zur wissenschaftlichen Aufklärung — um das Verhalten des Glim- 
merschiefers gegen die basaltischen und schlackigen Massen am 
Kammerbühl zu ermitteln — nicht zu überzeugen vermögen. 

Unter den Bemerkungen über die Braunkohlen-Gebilde 
Böhmens (S. i.jo u. a. a. O.) waren uns besonders jene neu und 
wichtig, welche Nöggerath, nach Ansichten des Biliner Brun- 
nen-Arztes Dr. Beufs — einem Sohne des verstorbenen, um die 
mineralogische Geographie jenes Keiches zumal wohl verdienten, 
filtern Mineralogen dieses Namens — über die bedingenden Ur- 
sachen der Brände im Braunkohlen Gebirge mittheilte. Beufs 
betrachtet dieselben als durch glühend heraufgedrungene 
Basalte veranlafst und nicht der beutigen Zeit angehörend. 
Beste von Braunkohlen-Bränden kommen nach ihm stets in der 
Nähe der Basalte vor, und die Erscheinungen sind so grofsartig 
und. weitverbreitet, dafs man zufalligen Entzündungen, wie sie 
wohl in unsern Tagen sich ereignen, solche Phänomene nicht 
zuschreiben kann. Diese Meinung würde sehr gut mit dem, 
was von Nöggerath bei Lessau, an der nach Joachimsthal fuh- 
renden Heerstrafse , wahrgenommen worden , in Einklang zu brin- 
gen seyn, wenigstens verleihen sie diesen Beobachtungen alle 



t 

% 

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Nofrirrrath • Aiinfliitr nur Ii finhmrn eir 



Wahrscheinlichkeit. Am erwähnten Orte ist eine ziemlich steile 
grofse Steinbruch. Wand geöffnet — man unterhält nämlich den 
Weg mit den Erdbrand-Produkten — welche einen Durchschnitt 
von ungefähr vierzig Fufs Hohe biosiegte. Hier zeigen sich die 
Schichten beinahe wagerecht, noch ziemlich scharf abgesondert 
und nur sehr wenig zerrüttet oder durcheinandergefallen. Von 
oben nieder sieht man, unmittelbar unter der Dammerde, eine 
Scbichtenfolge von Thon und Sand , ohne alle Spuren von Feuer, 
einwirkung, etwa zehn Fufs mächtig. Dann folgt ein Braunkoh- 
len- Flotz, ziemlich schwach, unzusammenhängend in seinen Mas« 
sen, zwei Fufs mächtig, ohne deutliche Spuren von Feuerein- 
wirkung. Darunter ein Lager ?on Porzellan jaspis, nach oben hin 
wenig verbrannt und oft mehr nicht als fest gewordener, leicht 
gerösteter Thon zu nennen. Mehr nach unten werden die Por- 
zellanjaspisse charakteristischer, fester, ocker- oder strohgelb 
von Farbe, auf den zahlreichen Kluften meist von Eisenoxyd roth 
gefärbt. Die ganze Schichte mit ihren verschiedenen Graden 
der Pyrotipisirung mifst ungefähr dreizehn Fufs Mächtigkeit. Wei- 
ter folgt eine zwei Fufs starke Lage von stänglichero und kör- 
nigem rothem Thoneisenstein , charakteristisch durch Feuer um- 
geänderter Sphärosiderit. In dieser Lage und in ihrer Nähe kom- 
men oft wahre Erdschiacken vor. Die Eisenoxyd-Anfluge, welche 
man zwischen Kluften der höhern Porzellanjaspis-Lage trifft, 
rühren wohl von Sublimation aus dieser Eisenstein -Lage her. 
Endlich folgt eine Lage, etwa zehn Fufs mächtig, welche noch 
in die nicht aufgeschlossene Steinbruch -Sohle fortsetzt, aus fe- 
stem, hartem, meist gelbem Porzellan jaspis bestehend, wozwi- 
schen es aber auch an solchen lavendelblauen Massen von wahr- 
haft steingutartiger Natur nicht fehlt. Offenbar hat hier nur ein 
tieferes Braunkohlen- Flötz gebrannt; die Feuerein Wirkung von 
unten hinauf weist dieses nach. Auch Naumann, der Freiber- 
ger Geolog, schreibt, wie wir hören, den Braunkohlenbränden 
in Böhmen kein hohes Alter zu. Er beobachtete in der Gegend 
um Teplitz, dafs Erdbrand-Reste sehr häufig nur auf erhabnem 
Kuppen vorkommen; die Thäler dazwischen sind sodann in Thon 
und Sand eingeschnitten und scheinen junger wie die ErdBrände, 
welche ursprünglich in unmittelbarem Zusammenhange gestanden 
haben mochten. 

Wir bescbliefsen diese Anzeige mit einer Bemerkung, dem 
»Kleinod der böhmischen Krone«, der berühmten K rz- La ^er- 
statte zu Przibram, geltend (S. 3;5). An diesem alten Berg- 



• 



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332 



Niebuhr: Reise nach Arabien, Bd. III. 



werksorte — Herzog Boleslaw schickte schon 947 seine »Knechte« 
in die dortigen Gruben — sind die Gänge auf 100 bis 400 Pach- 
ter dem Streichen nach verfolgt und ebenso bis zur dermaligen 
Teufe der Baue, ohne andere wesentliche Änderungen gezeigt 
zu haben , wie diejenigen , welche bei denselben örtlich von Zeit 
su Zeit einzutreffen pflegen. Mit der gröTsern Reichhal- 
tigkeit an Erzen in der Teufe scheinen die Gänge 
im Ganzen auch noch an Mächtigkeit zu gewinnen. 
Aus A. Maier 's, des frühem wohlunterrichteten Berg.Oberamts- 
Direktors zu Przibram, Mittheilungen weifs man, dafs silberhal- 
tiger Bleiglanz, das wesentliche Erz dortigen Bergbaues, auf 
wenigen Gängen bis zum Tage reicht; meist fangt es erst in 5o 
bis 60 Lachtem Teufe, oft auch noch weiter abwärts, in bau- 
würdiger Menge in der Gangraasse sich zu zeigen an. 

Leonhard. 



C. Niebuhra Reisebeschreibung nach Arabien und andern um- 
liegenden Ländern. Dritter Band. Hamburg, bei Fr. Perthes. 
1837. (Mit dem Brustbild des Vfs. und einem Facsimile seiner Hand- 
schrift im lösten Lebensjahr) in Quart. 

Auch besonders zu haben unter dein Titel: 

C. yiebuhrs Reisen durch Syrien und Palästina nach Cypern [vielmehr: 
in Syrien, Cypern, Palästina, Cilicien], durch Kleinasien und 
die Türkei nach Deutschland und Dänemark. [Die Beschreibung geht 
nur bis Breslau.] Mit Mebuhrs astronom. Beobachtungen und einigen 
kleineren Abhandlungen. Herausgeg. von J. A. Gloyer und J. We- 
hausen. [Vorr. XXXV , Reisen des Vfs u. Bemerkungen der Heraue- 
geber bis S. 238 , alsdann Astronomische Beobachtungen S. 1 — 124 
und die kleinere Abh. über Persepolis, bis S. 133. Johannisjünger u. 
Nassairier , bis S. 139. Die Lage des Tempels zu Jerusalem , bis S. 
147. Bestimmun/r der örter, welche Xenophon im Feldzuge des Cyrua 
zwischen dem Forum Ccramorum und den Pforten von Cilicien und Sy- 
rien erwähnt, ingleichen verschiedener Städte, deren Curtius in dieser 
Gegend gedenkt, bis S. 152. Nachrichten über Habessinien, im Mor- 
genlande gesammelt , bis S. 168. Nebst XIII Tafeln von Grundrissen 
und geographischen Zeichnungen. 

Vor 60 Jahren gab der Vf. selbst den zweiten Theil von 
diesem Werk seiner durch Klugheit und rastlose Thätigkeit glück- 
lich vollendeten Reisen. Welche Hemmungen sich dem Abdruck 
des dritten Tbeils entgegenstellten, ist aus seinem Leben, wie 
es von dem ebenfalls oft in ungewöhnlichen Richtungen seiner 
Thätigkeit gehinderten Sohn verfafst ist, (Kiel 1817. 8.) zu er- 



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Niebuhr: Heise nach Arabien, Bd. Hl. 333 

» 

sehen. Aber auch nach 60 Jahren war der Sammlang und dauern- 
den Aufbewahrung wertb, was in einer grundlich forschenden 
Zeit für Aufhellung des Altcrthums und der VSIkerkenntnifs durch 
den rühmlichsten, nicht ruhmsüchtigen Beobachtungsgeist erwor- 
ben war. Dem Verleger macht die Bekanntmachung dieses wah- 
ren Denkmals für den verdienst vollen Ehrenmann Ehre, wenn 
gleich dadurch, dafs es in der splendideren Form der zwei er- 
sten Bände gedruckt ist, der Ankauf etwas erschwert wird. 

Als unvergängliches Monument für den vortrefflichen Beob- 
achter ist auch der hinzugefugte neue Abdruck seiner von Ken- 
nern geprüften und äusserst geschätzten astronomischen Ar- 
beiten für Geo- und Topographie anzusehen. Denn stellt 
man sich nicht in diesen Gesichtspunkt, welchen Nieb. selbst an- 
genommen hatte, so hätte wohl eine vollständige Samm- 
lung aller seiner andern, meist im deutschen Museum (dem 
alten und neueren) zerstreuten geographisch • histori- 
schen Aufsätze allgemein brauchbarer auf das Publicum wir- 
ken können; während die Meisten gern vorausgesetzt haben wur- 
den, dafs die nur für die Kenner brauchbaren astronomica, wo 
es noch nöthig wäre, leicht in der v. Zachischen monatl. Korre- 
spondenz aufgesucht werden könnten. In einem Zeitabschnitt 
aber, wie der jetzige ist, wo man, dürftig in der Gegenwart, 
mit Erbetteln und Stiften der (unfruchtbarsten, vergänglichsten) 
Zeichen von Erinnerung an die thatkräftigere Vergangenheit die 
Langweile ausfüllt und sogar die edle Guttenbergskunst, während 
man sie möglichst zu beschränken und unter Controle zu stellen 
trachtet, in einer (wenig oder nichtssagenden) Statue apotheosirt, 
wird ja wohl ein etwas höherer Buchpreis wenigstens viel zweck- 
mäßiger angewendet, wenn dadurch die Geistesprodukte, welche 
sich unvergänglichen Dank verdienen und selbst zu sichern ver- 
mögen, in einer etwas stattlicheren Form aufs neue ins Andenken 
gebracht werden. Was anderes wirkt zum wahrhaft verewigen- 
den und unmittelbar nutzenden Denkmal eines ruhmwürdigen 
Schriftstellers, als die würdige Erhaltung dessen, wodurch er sich 
in Wahrheit (ohne unsre zeitverschwendenden Denkmalfeste und 
' in die Luft schallenden Toaste) sein Denkmal selbst so gestiftet 
und bereitet hat, dafs von uns nur an die möglichste Verbreitung 
und Benutzung dieser seiner Verdienste als an unsere Aufgabo 
gedacht werden sollte. 

Waa Niebuhr über Haleb beobachtete, ist ein würdiger 
Nachtrag zu dem umfassenderen Werk des, gleichfalls sehr soli- 



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334 



Niebuhr: Reise nach Arabien, Bd. III. 



den, Kussel über Aleppo. In Cypern vergewissert N. uns, 
dafs zu Larnica keine phftnizischen Alterthümer zu finden waren. 
Er giebt aber auch über die Behandlung der unglücklichen Insel 
seit der türkischen Eroberung geschichtliche Notisen, welche 
uns die jetzige Despotie des ägyptischen Vergewaltigen begreif- 
licher machen. Überhaupt schildert N. in mehreren Stellen an 
den jetzigen Griechen einen Charakter von äusserlicher Un- 
terwürfigkeit, Verstellung und verheimlichtem Ingrimm, wie ihn 
türkischer Übermuth und Druck bei einem mehr anschlägigen 
und reizbaren als kräftigen und tapfern Naturell hervorbringen 
mufste. 

Jerusalem betrachtete N. nur als Vorbeireisender. Den- 
noch haben sein trefflicher Grundrifs und die Localbeobachtun- 
gen Manches klarer gemacht. Sie sind deswegen aufs neue schon 
i833 von Prof. Justus Olshausen in seiner kleinen schätz- 
baren Schrift: Zur Topographie des alten Jerusalem, 
bei Vergleichungen mit der Beschreibung des Josephus beachtet 
worden. Einen minder vollständigen Grundrifs von Jerusa- 
lem hatte Niebuhr schon 1784 im August des deutschen Museum 
S. i36 bekannt gemacht. Die Hauptschwierigkeit ist, dafs nach 
Josephus v. Jüd. Hr. B. V. am Ende der Pracht liebende und 
dem priesterlichen Nationalstolz schmeichelnde König Herodes I. 
zu Erweiterung des hügeligen Raums um den Tempel von Thal 
herauf an der Südseite eine prächtige Untermauerung von einer 
Schwindel erregenden Hohe durch grofse Marmorquadern empor 
geführt hat, Niebuhr aber nach seiner schon im Mai 1784 im 
deutschen Museum S. 448 bekannt gemachten Beobachtung dieses 
Thal nicht, wie Michaelis annahm, 5oo sondern nur 40 bis So 
Fufs tief gefunden hat. 

Auch Herr Prof. Olshausen hat diese Differenz, welche N. 
gegen J. D. Michaelis geäussert hat, nur berührte Dafs die Hübe 
der Substruction bestimmt bei Josephus angegeben sey, finde ich 
nicht. Mir aber scheint auf jeden Fall die Voraussetzung 
aller dieser Forscher, dafs die grofse Moschee gerade auf 
dem Platze des vormaligen Tempels stehe, strenger ge- 
nommen nicht gegründet. Als die Moschee gebaut wurde, wufste 
man den Platz des Tempels nur noch ungefähr. Der Tempel 
acheint südlicher in der Ecke, wo sich das Kedronsthal von Osten 
nach Westen beugt, der Königsburg auf Zion, woher ein 
Gang in den Salomon. Tempel herüberführte, beträchtlich 
näher gebaut gewesen zu seyn. N. aber, welcher, so lange er 



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Niebuhr: üei.c nach Arabien, Bd. III. S*5 



zu Jerusalem war, nicht an diese topographische Frage dcnUen 
konnte , scheint das Thal meist vom Ölberg oder von der östli- 
chen Seite her nach seiner Tiefe im Verhält nils gegen die Mo* 
schee beobachtet zu haben , weil er von dieser nicht vermuthete, 
dafs sie mehr als der Tempel gegen Norden liege. Der Grund- 
rifs von Jerusalem, welchen die der Neanderischen Geschichte 
der Apostel beigegebene Grimmische Charte angefugt bat, 
gtebt dem Hedron einen von Westen nach Osten am Öl berge 
sich wegziehenden Ausflufs. Nach den von Büsching verglichenen 
Zeugen aber existirt dieser ostliche Abilufs nicht, und das Thal 
Hinnom ist nicht dahin zu versetzen. Auch Niebuhrs Grundrifs 
läfst den Hedron von Osten nach Westen sich beugen und so- 
dann gegen Bethlehem hin ins todte Meer abiliefsen. In der Be- 
schreibung selbst sagt Nieb. ausdrucklich, dafs sich der Hedron 
auf der Sudostecke nach dem Zion zu krumme (also nicht 
von Westen gegen Osten seinen Ablauf habe). 

Wahrscheinlich war dann gegen Süden die Unterbauung 
des Herodcs so, wie Josephus sie angiebt, welcher sich hierin 
schwerlich irrte. Herodes erhöhte den ganzen Hügel. Zwischen 
, der Sudseite des Tempels und der Stadtmauer aber war der (jetzt 
bewohnte und zum Theil auch von einer Moschee eingenommene) 
grofse) Baum nicht. Deswegen, denke ich, wurde der Tempel 
auch von Titus nicht von der ( tief herauf befestigten ) Sudseite 
her angegriffen. Die Ruinen mögen theils das Thal ausgefüllt 
habe«, theils zu Gebäuden verbraucht worden sejn. Nieb. sah 
ein ganz von Marmor gebautes Haus. S. 47* 

Als Polhohe von Jerusalem fand N. (III, 54.) 3i° 47' oder 
nach Th. I. S. 116. 3i° 46' 34". Der nicht so glucklich, wie 
N. , zum Ziel seiner Beiseunternehmungen gekommene Seezen*) 
hat nach v. Zachs monatl. Correspondenz, Dec. 1810. S. 544, 
gefunden 3i° 47' 46". 

•) Des wackern Soczena Papiere sind, soviel ich aaa Gotha erfahren 
konnte, aus den Händen seiner Brüder in Jever an Herrn Prof. 
Kruse in Dorpat gekommen. Mochte doch aus ihnen bald noch 
manches Merkwürdige bekannt gemacht werden, wie nach der Vor- 
rede auch aas Aufzeichnungen Niebuhrs noch Manches zu hoffen ist. 
Je stiller es in Europa wird, desto mehr scheinen sich im westli- 
chen Asien Änderungen vorzubereiten, welche dio Aufmerksamkeit 
dahin ziehen mögen Auf der Gothaischen Bibliothek findet sich 
von Seezens Reise nur ein Ms. Ein Quartband , gröTstentheiia sein 
zu Constantinopel vom 14. Dec. 1802 bis 21. April 1803 geführtes 
Tagebuch enthaltend. 



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I 



380 Niebohr : Reise nach Arabien , Bd. III. 

Von Aleppo aus machte N. seine Ruckreise über Adcne 
(welches er mit Aleph, nicht mit Ain schreibt) durch die cilici- 
sehen Pforten über Ikonium nach (dem jetzt wegen der türkischen 
Heeressammlung gegen Ibrahim Bey in den Zeitungen oft ge- 
nannten) Kutajah (unter der Polhohe 39° 25'), Brusa und Con- 
stantinopel. Niebuhr selbst hat von diesem seinem Zug zu Er- 
läuterung von Xenophons Anabasis und einigen Stellen 
des Curtius einen für die classische Philologie S. i3o und im 
Anhang S. 148— i52 interessanten Gebrauch gemacht, welcher 
nicht übersehen werden wird. Manches konnte topographisch 
bestimmter werden, weil Xenophon Distanzen nach Parasangen 
angegeben hat , welche unser Beisender mit seinen Ortsentfernun- 
gen vergleichen konnte. 

Dieses nun ist freilich bei der Vergleichung , die ich 
hier wegen der Apostelgeschichte und des Briefs an 
die Galater gern anstelle, nicht so entscheidend anwendbar. 
Dennoch interessirt es mich sehr, dafs ich die Tafel IX., wo 
N. seinen Beisezug von Adene (nahe bei Tarsus) über Cilicien, 
den Taurus und Haramanien bis Ikonium und Ladik (Laodicea) 
angiebt, als die zu Aposielgescb. 14, 1 — 6. 19.21. i5,4** 10 i *• 
1O, a3. 19, i. und zum Galaterbrief ( un vorsätzlich ) passende 
Charte betrachten kann. 

Ich habe bei meiner Übersetzung und Erklärung des Briefs 
an die Galater und Romer i83i. (wo ich besonders die Überein. 
Stimmung der Paulinischen Bechtfertigungslehre mit der Vernunft 
zeige) S. 27 ff. und nachher in einer Recension im Darmstädter 
theolog. Literaturblatt Nr. i5o. i835. ausführlich und unabhängig 
bewiesen, was Koppe schon 1778 in der ersten Ausgabe des 
VI. Vol. seines N. Ts. richtig bemerkt, und Heil im 2. Stück 
des III. Bds. der Analekten 1816 ebenfalls erörtert hat, dafs 
nämlich die Lykaonischen Orte, Derbe und Lystra zur Zeit 
des Apostels nach der geltenden romischen Provinzabtheilung 
Galatische Städte waren, weil August das Gebiet des von 
ihm begünstigten Galaterkonigs bis an den Taurus ausgedehnt 
hatte. 

(Der Bemkluft folgt.) 



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S\ 22. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Niebuhr: Reise nach Arabien, Ba\ HL , 

(Betehluft.) 

Selbst Anhoch ia Pisidiae und Ikoniam gehörten damals, da 
die Mission anter Paulas and Barnabas dahin kam, zur römischen 
Provinz Galatia. Die also, weiche P. damals dort zu Jesus als 
dem Christus bekehrte, waren nach dem gleichzeitigen Sprach- 
gebrauch Galatcr. Und an sie schrieb Paulus noch vor den 
nach Apg. i5. gefaßten Gemeindebeschlüssen , die er ihnen 16, i. 
überbringt, als Beweise, da ('s sie nicht jüdische Proselyten wer- 
den mufsten. 

Zur Erklärung des Briefs und der Chronologie des Paulini- 
schen Lebens trägt diese Einsicht nicht wenig bei , dafs diese 
Neugalater, an welche P. schreibt, schon auf seiner ersten mit 
Barnabas gemachten Missionsreise Apg. i j , 6. bekehrt worden 
waren und der Brief, ehe Paulas zum drittenmal (Apg. i5.) nach 
Jerusalem kam , geschrieben wurde. Diese Ansicht ist aber nach 
dem gegenwärtigen theils mystisch homiletischen theils scholastisch 
speculati?en Betreiben der Theologie und der daraus entstehen- 
den Vernachlässigung der philologisch. historischen Exegese, als 
einer so unwillkommenen Tochter der so verwünschten und falsch 
beschriebenen Aufklärung oder Wegreinigung des dogmatischen 
Irrationalismus noch nicht zur Gültigkoit gekommen. 

Um so angenehmer mufste es mir seyn, dafs auch Hr. Heinr. 
Böttger in .seiner kl. Schrift : Schauplatz der Wirksamkeit 
des Apostels Paulus, oder Vorderasien zur Zeit Neros (Gut- 
fingen 1837) 8» BU f eben diese geographische Berichtigung 
über die neutestamentlichen Galater, und zwar durch eigene, 
von den oben genannten Vorgängern unabhängige Vergleichungen 
der Alten , besonders durch Dio Cass. XL VII. c. 48. und durch 
plutarchs Leben des Amyntas c. 61. geleitet worden ist. Er hat 
diese Berichtigung, zu welcher die Hauptdata in Ccllarius 
fleifsigem Werk über alte classische Geographie und in Werna- 
dorf de repbl. Galatarum zerstreut vorlagen und deswegen ver- 
schiedene historische Schrift forscher , von einander unabhängig, 
zu sehr gleichartigen Combinalionen und Anwendungen veranlas- 
XXXI. Jahrg. 4. Heft. 22 



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338 Niebuhr: Heise nach Arabien, Bd. III. 

' sen konnten, in der dritten Abtheilung seiner sehr interessanten 
»Beitrage zur historisch -kritischen Einleitung in die Paulinischen 
Briefe« nach denen auch mir klar gewordenen vielfachen Grün- 
den so tüchtig durchgeführt, dafs ich mit ihm fast in allen ein. 
zelnen Momenten übereinzustimmen mich freue. 

Und nunmehr wird es um so erfreulicher, dafs nach S. 100 f. 
der jetzt erst bekannt werdenden so genauen Reisebeschreibung 
der aus dem Orient zurückkehrende Niebuhr bereits im Winter 
1766 gerade diese alte Handels- und Hauptstraße, Ton 
Aden* und den Pforten Ciliciens an bis Konje = Iko- 
niura und La dick = Laodicäa , als geographischer Beobachter 
durchreist und auf Tafel IX einen Entwurf dieser Gegenden hin- 
terlassen hat. 

Zwar sind die Türken, wie Niebuhr S. 129 scharfsichtig be- 
merkt, um Geschichte und Alter thum von jeher so unbekümmert 
gewesen , dafs sie meistenteils , ohne nach den alten Namen auch 
nur zu fragen , ihren Eroberungen nach den nächsten Veranlas- 
sungen eigene, neue Namen beilegten. Dennoch haben sich glück- 
licher Weise in dieser für die Geschichte des wirksamsten und 
aufgeklartesten (das heifst, von der supersttlio judaica am 
meisten frei gewordenen und das Urchristenthum als Uni- 
versalreligion erfassenden) Apostels wichtigen Landesstrecke vier 
Hauptnamen, Tarsos, Adene, Ikonium und Laodicäa so 
unverkennbar erhalten, dafs wir die für das Neue Testament no- 
thige Localkenntnifs durch sichere Niebuhrische Data bereichern 
können. 

Über die uns immer merkwürdige Stadt Tarsus giebt S. 124 
die statistisch neuesten Notizen, welche der rastlose Beobachter 
von einem Uaterdschi (Pferdevermiether) d. i. von einem Mann, 
der nach seinem Geschäft die Örtlichkeiten gewifs kannte, er- 
fragt hat: Tarsus liegt ungefähr 12 Stunden von Adene, 8 
Stunden von der See, an -einem schmalen Flufs, der 'nicht weit 
von der Stadt entspringt. Sie hat 5oo Hause/. Tabak , Öl , Ho- 
nig r etwas Seide, sind die vornehmsten Producte t welche von 
dort ausgeführt werden. Sie steht mit ihrem ansehnlichen Gebiet 
nicht unter dem Pascha von Adene oder von Y r tshbele (welche 
hier die nächsten wären), sondern unter einem Vornehmen zu 
Stambul, der einen Wakil (Bevollmächtigten) dahin schickt, 
(Sie ist also auch jetzt wieder gewiss er mafsen eine exempte, wie 
sie ehedem eine mit dem röm. Bürgerrecht ausgezeichnete war.) 
Ein Türke, der im Gefolg eines Pascha langsam gereist war, gab 



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NIcbuhr: Reise nach Arabien , Bd. III. S39 

an — kT on Adene nach Tarsus 16 Stunden, von Tarsus nach 
Selefkia [Selcucia] etwa 3o Stunden; weiter bis Mud 16 St, 
von Mud bis Karaman 18 St., von Haranian bis -Ron je [Ikonium] 
18 Stunden. 

Adene ist fixirt , da N. die Polhühe S. io5 angiebt = 36° 
5o/. Der Flufs Tshakkot oder Urmagk ist i5o Doppelschritte 
breit. Der Boden ist fruchtbar, besonders an Baumwolle, die 
Stadt aber ohne Stadtmauer, und die Wohnhäuser aus ungebrann- 
ten Ziegeln, also sehr vergänglich, gebaut. Die Richtung gegen 
Haleb tss Aleppo zeigt sich dadurch, dafs dieses unter der Pol- 
hohe 36° 12' 32"- liegt. 

Von Antaki (Antiochia in Syrien, der Mutterstadt des Hei- 
denchristenthums) ist Adene 45 Stunden entfernt. Von Adene 
bis Honje oder Ikonium zählte IN. 73 Stunden. Das nächste Auf- 
fallende auf dieser Hinreise Niebuhrs, welche, mit der zweiten 
Paulinischen, Apg. i5, 41. 16, 1. 4. der Richtung nach zu ver- 
gleichen ist, war nach S. 107 der durch hohes Felsengebirg 
durchgehauene, schmale und auf beiden Seiten steile Felsen* 
v*eg, welchen N. sofort für die classisch bekannte Porta Ciliciae 
erkannte. Er fand es hier im December sehr kalt und beschreibt, 
wie er sich, nach türkischer Weise, auch als Reiter viel besser 
geschützt fühlte, als in_ europäischer Kleidung. Adene ist von 
Antiochia 37 Stunden entfernt. . 

Unter der Polhöhe von 37° 3o' westwärts fortrückend er- 
reichte N. nach S. 111 eine Stadt von 1700 Häusern, Erägle, 
in einer fruchtbaren Ebene.' Nach der Distanz von Iko- 
nium zu schätzen, mufste ungefähr in dieser Stelle Derbe ge- 
legen haben, welche Stadt bei der ersten Missionsreise Apg. 
14, 20. der äusserste Punkt für Paulus war, von dem er nach 
Lystra , Ikonium und Antiochia Pisidiä wieder umwendete. Man 
sieht aus der Lage des Orts eine Ursache dieses Umwendeos. 
In das unbewohntere Taurusgebirge wollte wahrscheinlich der 
Apostel nicht weiter ostwärts schreiten. Auch nachher fand er 
dort keine Gemeinde zu sammeln. Selbst zwischen Erä'gle 
und Ron je ist fast kein Dorf. Turkmanische Heerden durch- 
sieben die eines bessern Anbaues fähige Strecken. 

Näher bei Ikonium war einst Lystra. Ohne Zweifel folgte 
die Paulinische Missionsgesellscbaft der Hauptstrafse , wo in den 
bedeutenderen Orten zu wirken war. Wir werden also dort, wo 
N. Je ja Uli und Ismil aufzuzeichnen -hatte, mit grofser Wahr- 
scheinlichkeit das alte Lystra hinzudenken haben. Dies war ein 



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8A0 Niebuhr: Reite nach Arabien, Bd. III. 

Ort, wo Paulus so recht lykaonisch behandelt, nämlich zuerst 
apotheosirt und bald darauf, da er den mirakelsucht igen Pfaffen 
nicht als eine Erscheinung des Hermes zu Willen war, von dem 
Pobel gesteinigt und wie todt zur Stadt hinaus geschleppt wurde. 
I15chst unerwartet erwachte er wieder ins Leben (Apg. 14, 20), 
so dafs er — wahrscheinlich bei Nacht — von den Freunden in 
die Stadt hereingebracht werden konnte. Davon kamen wohl die 
Narben, oTifpara, an welche, gleichsam als seine Ehren, und 
Schutzzeichen, der Galaterbrief 6, 17. diese Art von Lesern er- 
innert. Hatte man ihn dort so lykaonisch behandeln können, so 
dürfen wir uns auch um so weniger wundern, dafs er diese 
Leute 3, 1. nicht allzu hoflich als dvöijTot Yakaxai anredet, 
da sie zwar Christianer durch ihn geworden waren , dennoch aber 
so bald und schnell, wahrend Paulus und Barnabas %qovov ovx» 
okiyov in Syrien zu Antiochien waren, Judenchristen aber von 
Jerusalem aus ihr Judenthum in Jesu Messiasschaft hineinzurucken 

— 

eilten, von der reinen, universaleren Christuslehre Pauli sich 
wieder abwendig hatten machen lassen. (Lykaonien, sehen wir, 
blieb der ältere, specielle Name der Gegend, auch als sie mit 
dem galatischen Königreich durch Antonius und Augustus com« 
binirt war.) 

» 

Ikonium = &aaJ ist noch jetzt eine Stadt von 11,000 Häu- 
sern, die aber nur aus getrockneten Ziegeln bestehen. Doch ist 
die Stadtmauer aus gehauenen Steinen. Die Polhöhe ist 37° 3a'. 
Die Gegend gegen Süden wird auch Karamanie genannt. Eine 
alte Stadt 1 5 Stunden südwestlich von Ismil (Lystra?) und 18 St. 
von Ho nie heifst Ha r am an. S. 117. Auf einem Berge bei Ho nie 
ist noch ein griechisches Kloster. Merkwürdig ists t dafs nach 
S. 128 zu Zille, eine Meile von Kon je, nur griechisch, aber in 
einer Mundart gesprochen wird, welche Griechen aus andern 
Gegenden wenig verstehen (!) 

Die Strecke von Ikonium ostwärts bis an den Fufs des Ge- 
birgs, bis in die fruchtbare Ebene von Erägle ist es dem« 
nach, wo Paulus, von Antiochia Pisidiä kommend (Apg. i3, 14) 
zuerst von Westen nach Osten, und dann auf ebenderselben 
Strafse zurückgehend, so viele Gemeinden gewonnen hatte, dafs 
er sich zu diesem baldigen Umwenden entschlofs, um ihnen so- 
gleich durch Presbyters 14, 23. eine geordnete, aber freiere 
(nichtepiskopale) Einrichtung zu geben. Gerade weil der Fall 
selten seyn mufste, dafs P. bald hintereinander zweimal an 



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Nicbuhr: Reite nach Arabien, Bd. III. S41 

ebendieselben Orte harn, ist auch dieser Umstand, aus welchem 
das to itQÖTtfov Galat. 4, i3. am besten Licht erhält, eine Be- 
stätigung unserer durch so fiele Beziehungen (panharmonisch) 
indicirten Ansicht. 

Da nach Apg. i3, 49. schon vom Pisidischen (nach Ap- 
"pian V, f>. 7 1 5 auch schon zur galatischen Römerprovinz geschla- 
genen) Antiochien aus die Kunde vom Herrn durch die 
ganze Gegend sich verbreitet hatte, so sehen wir, für wel- 
chen Umfang vou Neugalatien der so wichtige Galatei brief wirk- 
sam seyn sollte. 

Aber auch noch ein bedeutender Umstand kommt hinzu. Er 
war veranlafst, weil schnell und bald (Gal. 1, 6.), nachdem 
Paulus sie gewonnen hatte, sie von gebornen Judenchristen (aus 
Jerusalem) sich die Unentbehrlichheit der Beschneidung und Ge- 
setzbeobachtung, oder die Notwendigkeit , auch wenn sie Jesus 
als den Messias annähmen, doch zugleich judisch strenge Prose- 
Jyten werden zu müssen, hatten einreden lassen. Da Markus die 
erste Paul in isc he Mission i3, i3. als Petriner verlieft und nach 
der Tempelstadt zurückzog, erfuhr man dort schnell, wie frei- 
sinnig und un judisch der Helleniste, Paulus, Christian isire. Daher 
Ut es nicht unerwartet, dafs pharisäisch orthodoxe Judenchristen, 
▼on der i5, 5. bezeichneten Art, ebenso wie nach Antiochia Sy- 
riä (i5, 1. Gal. 2, 12.) auch den Fufsstapfen des verhafsten Uni. 
versalisten bis nach Neugalatien nacheilten , um ihren servileren 
Proselytismus (vgl. Matth. 23, i5.) in sein Saatfeld einzuschwärzen. 

Waren denn aber Juden hier so leicht geltend? wird der 
Forscher fragen. Und die Stellen Apg. 14, 19. 1S, 5o. zeigen 
ans, wie sehr auch dieser überwiegende Ein Aufs des Judaiziren- 
den auf eben die I -anderstrecke nachzuweisen ist, die wir als 
Neugalatisch in die neutestamentlicbe Geographie einzuführen 
nicht unterlassen können. 

Ebendadurch erklärt es sich auch , warum es für Paulus eine 
drängende Angelegenheit war, durch den — nicht ohne Heftigkeit 
und Eile verfafsten — Brief jenem Vordringen von Juden und 
(pseudopetrinischen) Judenchristen schleunig und schneidend ent- 
gegenzutreten. Er hatte zu Antiochia dem Petrus und den vom 
Jakobus kommenden Proselytenroachern mit Jugendeifer , aber mit 
tiefer Einsicht in die ächte, moralisch freie und deswegen immer 
eine x a ?*$ genannte Christasreligion Jesu widersprochen. Paulus 
hielt (Gal. 2, i& 16.), im Gegensatz gegen mosaisch tbeokrati. 
sehe Loyalitat und Zufriedenheit mit den äussern gesetzlichen 



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&42 Niebuhr: Reise nach Arabien, Bd. III 

Thaten, vielmehr der ethischen Vernunft und Jesu Geist gema'fs, 
fest darauf, dafs man durch überzeugungstreue, willigfreie und 
durch Gottes Vaterhuld (x<*p*0 alles Gute nicht als Lohn, son- 
dern als Gabe des Wohlwollens (foop^ua, ^aoin-fi«) erwartende 
Befolgung der praktischen Rechtwolleos- Lehre Jesu von dem 
wahren , geistigen Rechtschaffenwerden wirklich zu der «hxauo- 
ovvij btov (Matth. 6, 33.) das ist, zu der von der Gottheit als 
Vater gewollten Rechtschaffenheit des Willens, als der einzigen 
dem Menschen möglichen gottähnlichen Vollkommenheit (Matth. 
5, 48.) ohne jüdische Legalität (x°?*« vopov) und überhaupt 
schon vor allem Ter wirk lichten Guthandeln (x©pi? ep- 
ynv) gelange. Üurch diese rein religiöse Willensthätigkeit oder 
ethische Gesinnung, zeigt P. , stehe man zu Gott im Verbnltnifs 
der Huld, nicht der ein Verdienst ansprechenden Lohndienst- 
barkeit. Und so ist hier immer X<*?t< als liberales Wohlwollen 
gegen würdige, aber freiwillige, nicht lohngicrige und zum Au- 
gendienst geneigte Gemuther zu verstehen. 

Dieses so offenbar richtige Festhalten Pauli an der Einsicht, 
dafs im Geist, in der Intention des Denkendwollenden, die eigent- 
liche RechtschafFenheit des Menschen vor Gott bestehe, und dann 
die Handlungen, welche allerdings folgen« mufsten, nur um jener 
Überzeugungstreue des Geistes willen rechtschaffen, dixaia, ge- 
nannt werden durften, bewog die aus minder ungebildeten, helleni- 
stischen Juden und aus gräcisirenden Heiden gesammelte Gemeinde 
der syrischen Hauptstadt, dafs sie Paulus und Barnabas, diese 
Verkündiger der ethisebchristlichen GeistesrecbtschafTenhett, nebst 
einigen Gemeindegliedern, wie Judas und Silas i5, 32. zur Un- 
terhandlung an die Vorsteher der jüdischchristlichen Mutterstadt 
i5, 3. abordnete, nicht etwa um dort über diese reinere Lehre 
von der Pistis gleichsam zu aecordiren, sondern nur um mit den 
Judenchristen der Tempelstadt sich über eine Concordia we- 
gen einiger Punkte der äussern Lebensweise zu verei- 
nigen, ohne deren Vermeidung das Zusammenleben mit nicht judai- 
zjrenden Cbristianern denen, welche die jüdische Legalität noch 
für unentbehrlich hielten, allzu anstofsig und fast bis zum Ekel 
widerlich gewesen wäre. 

Daher kommt es, dafs der doctrinnre Punkt, die Frage: ob 
denn alle Christen das mosaische Gesetzjoch neben der Pistis «uf 
Jesus als Christus , d. i. neben dem Vertrauen auf die Lehre und 
das Lebensbeispiel, wodurch Jesus sein messianisches Gottesreich 
(den Endzweck seiner Sendung nach Matth. 6, 33.) begründet 



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Nicbuhr, ltttine nach Arabien, Bd III 



hatte, aber für Stock juden viel zu freisinnig gewesen war,, sich 
aufbürden lassen müfsten? durch Petrus selbst i5, 8—11. ganz 
im Paulinischen Sinn, soweit es nichtgeborne Juden betraf, vor- 
läufig als etwas, worüber die Gemeinde schweigt (i5, IS.) also 
auch die Nichtgleichdenkenden (i5, 5.) wenigstens nicht mehr 
laut widersprechen , beseitigt wird. Ohne dafs den gebornen Ju- 
den als Christen bierin etwas abgenommen oder aber aufgelastet 
wird, betrifft die verabredete Concordia nur dies, dafs auch die 
strengen Judenchristen mit den vormaligen Heiden in Gemein- 
schaft leben, besonders also auch die Agapen halten und über- 
haupt in häuslichen Umgang treten konnten, wenn nur nicht 
Götzenopferfleilcb, Blut und Ersticktes, wogegen ihnen ein Ekel 
anerzogen war, auf die Tische komme, auch die Gewohnheit, 
ohne festes Ehebündnifs, Sclavinnen durch eine Art von *op- 
vttu vorübergehend als Frauen zu haben und diese also, auch 
als unverehlichte, doch wie ebenbürtig, in die Gesellschaft zu 
bringen, aufgegeben würde. 

Diese nachgiebigen Accordspunkte wufste Paulus offenbar 
noch nicht, als er den Galatern schrieb; und nichts ist sonder- 
barer, als die Wendungen, durch welche sehr achtbare Exegcten 
glaublich machen wollten, dafs P. sie blos stillschweigend über- 
gangen habe, ungeachtet er sonst alles, was ihn rechtfertigen 
konnte, so umständlich vorausschickt. . Hätte er schon, nachdem 
Gal. 2, 16. ausgesprochenen Sachgrund, auch darauf sieb berufen 
können, dafs ja Petrus selbst zu Jerusalem mit den Heidenchri- 
sten zusammenzuessen i5, 10. bewilligt gehabt habe, so hatte er 
ihm dieses entgegenzuhalten, zu Antiochia gewifs nicht unter- 
lassen können. Dem Paulus wird das Unglaubliche zugeschrieben, 
dafs er das auffallendste Argument, das er unmöglich bätte über- 
sehen können, nicht benutzt habe; dem Petrus aber, dafs er, 
auch noch nach dem Gemciudebeschlufs von Apg. i5 — das 
Unmögliche begangen hatte, indem er zu Antiochia in eine häus- 
liche Absonderung zon Heidenchristen zurückgefallen. 

Da man nun aber auf der Einen Seite nach Apg. iö, 1 — 3. 
zu Antiochia, nachdem Paulus dem Petrus öffentlich onponirt 
hatte und sodann mit andern nach Jerusalem delegirt wurde, noch 
nicht einmal etwas davon wufste, dafs schon auch Paulinische 
Galater durch jüdischchristliche Prosclytenmacher (aus Jerusalem) 
rückfällig gemacht worden seyen , und da doch auf der andern 
Seite der Galaterbrief von dem , was jene Absendung Pauli nach 
Jerusalem dort bewirkte , noch nichts weifs , so werden wir , als 



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344 Niebuhr: Reiae nach Arabien, Bd. Iii 

historisch genaue Exegeten, gleichsam in eine Mitte zwischen 
diesen beiden Zeitumständen hinein und also dahin geleitet, ur- 
tbeilen zu müssen , dafs Paulus und seine mitdelegirten Begleiter 
(= öl avv avTw 7iuvt£s <x&t\<poi Gal. i, 2.) erst während der 
Hinreise nach Jerusalem, wo sie nach Apg. i5, 3. sich 
nicht beeilten , sondern den phonizischen und samaritanischen 
Gemeinden sich als wirksame Heidenbekehrer bekannt machten, 
jene schnelle Verstimmung und Uniwandlung der lykaonischen und 
andern anomischen Galater erfahren haben; worauf P. den offen- 
bar in Aufregung geschriebenen , liebevollen und doch sorglich 
stürmischen ßrief an sie eilig verfafst und durch einen Getreuen, 
der die Nebenumstä'nde berichten konnte, sofort in die Gegen- 
den abgeschickt haben mufs, die wir jetzt auf der Nie buh r'- 
schen Tafel IX vorgezeichnet zu finden — die Freude haben. 

Aber ist nicht, werden vielleicht manche unserer Leser da- 
zwischenreden, ist nicht »diese Freude« doch in der Haupt- 
sache eine wahrhaft pedantische Freude? Denn ist es 
nicht ein des Denkglaubigen wenig würdiger Pedantismus, dafs 
wir uns noch so genau um den Verlauf jener Geistesbeschränkt- 
heit bekümmern sollen, durch welche die judenchristlicbe , von 
palästinisch und galilaisch erzogenen Aposteln geleitete , aber 
selbst gegen Jakobus a i , 20. nicht sehr folgsame Mutterkirche in 
der Tempelstadt die — Paulinische, vom theokratischen Particu- 
larismus freigewordene, für alle Welt annehmbare Verbreitung 
des vor aller Werkthätigkeit treue Geistesrechtschaflenheit vor 
Gott (Dikaiosyne aus Pistis) fordernden Gottesreicbes Jesu — sogar 
wie »Apostasie« (Apg. 21, 21.) zelotisch verfolgte? Ist nicht 
jene Borniertheit, jenes Vordringen des auch in den Judenchri- 
sten so halsstarrig gebliebenen Judenthums, wenigstens für uns 
eine vergangene Sache, da seit circa 70. durch Zerstörung Jeru- 
salems und durch den noch unter Hadrian sehr gereizten politi- 
schen Hafs der Römer gegen die Judensohaft die frühere Anmafs- 
licbkeit der judaizirenden Christen gegen die nichtjüdisch gebor- 
nen von der Gewalt des Wcltlauf* längst tief genug herabgedruckt 
worden ? Was liegt denn uns noch viel an jenen Geburtsschmerzen, 
(an dem nnliv (ndiva Gal. 4, 19.), wodurch der aus dem Phari- 
säismus zum Selbstdenken, zur tieferen Einsicht in den univer- 
selleren Geist des Messiasglaubens Jesu durchgedrungene helleni- 
stische Habbin e von Tarsus, als Hcidenapostel , seine (3, 1 u. 3) 
doppelt und dreifach » unbedachtsame « Galater wie durch eine 
zweite Geburt neu und christuswürdiger umgestalten mufste»? 



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NIebuhr : Reite nach Arabien , Bd. HI. 345 

Ich antworte, weil diescrlei Einreden so recht in das, was 
der Exegese noth thut, und zugleich in den so sehr verkannten 
Bildungsgang und welthistorischen Werth des Urchristenthums 
hineinzugehen nSthigen. 

Fürs erste ist, wenn uns irgend ein Theil der Alterthums- 
kunde (so, wie der vom Urchristentbum ) wichtig ist, nichts 
Grofses und nichts Kleines zum voraus unwichtig. Nichts ist aus 
Scheu vor Pedantismus zu ubergehen , was irgend uns in dem 
Bestreben, uns ganz in alle erkennbaren Umstände der damals 
Denkenden hineinzuversetzen, fördern mochte. Gerade dieses 
historische Aufsuchen aller den Schriftsteller umgebenden und 
in ihm selbst mitwirkenden Umstände ist das einzige Mittel, die 
philologisch . historisch genannte Interpretation , deren 
Unentbehrlichkeit bei allen andern Resten des Alterthums aner- 
kannt ist, auch auf die der Religionsgeschicbte unentbehrlichen 
Urkunden des alten und neuen Testaments so anzuwenden , wie 

% s 

es immer noch nicht genügend geschieht, weil man eher aus un- 
Sern jetzigen Dogmen und Ansichten Vieles aurücktragen , als 
das , was dort gedacht werden konnte , von dorther holen will. 
Und doch ist, seit das Christenthum unter die an den Orientalis« 
mus nicht gewohnten Griechen und Lateiner kam, nichts dem 
wahren Auffassen der urch istlichen Hauptideen mehr hin- 
derlich gewesen als die Voraussetzung, wie wenn einzig diese 
alten Schriftreste, weil sie Religionsoffenbarungen enthalten, als 
etwas für alle Welt Geschriebenes explicirt und nicht aus der 
damals möglichen Denkart und Sachkenntnifs , sondern als ein zu 
allen Zeiten gleichverständliches Orakel ausgelegt werden durften. 

Die historische Interpretation, das ist, die Sinnerforschung, 
welche nur aus dem Zurückgehen auf alle äussere und innere 
Zeitumstände der Verfasser und dessen , was auf ihr Wissen und 
Denken Einflufs haben konnte, entstehen kann, ist bei keiner 
andern Classe von Schriften so nöthig, wie bei dieser, da sie 
offenbar so populär und ohne alle Cbung im deutlichen und be- 
stimmten Ausdruck , so speciell local für einzelne Personen oder 
beschränkte , gemischte Versammlongen verfafst sind und das 
Schriftliche desto kurzer und unvollständiger geben konnten, weil 
das Meiste von dem Evangelium mündlich mit anschaubarer Gei- 
stesenergie (anodti^iq Ttvtv^iaroq) und jener den lebendigen 
Beden überzeugungstreuer Verkündiger eigenen Kraft mitgctbeilt 
war, theils aber doch die fernere m und Ii che Mittheilung bei 
den unmittelbaren Visitationen vervollständigt werden konnte, 



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846 Ntcbuhr: Reise nach Arabien, Od. III 

welche bald anfangs mit grofser Lebensklugheit (Apg. 8, i4* 9 t 
3a. 1 1 , 22.) eingeführt waren und auch von Paulus durch seine 
ächten Sohne, Timotheus, Titus, Tychikus u. a. im Gang erhal- 
ten wurden. 

Dem Ideal nach, dafs wir uns allerdings nur alsdann ganz 
in den Ursprung und Zusammenhang des von den Alten Gedach- 
ten hineinzusetzen vermögen, wenn wir alle und alle Umstände 
und Verhältnisse, welche dem Geiste eines Alten vorschwebten, 
ebenso wie er selbst , uns vergegenwärtigen konnten , ist diese 
philologisch historische Interpretation neuerlich die panharmo- 
nische *) genannt worden, weil nur diejenige Sinnauslegung 



*) Mit rühmlicher Beharrlichkeit dringt auf dieses Ideal der Her- 
meneutik, als Bcdürfnifs unserer (weit zu frühe vom reinhistori- 
achen Aufsuchen des UrchriHtenthums wieder abgekommenen) Zeit 
Herr Hofprediger, Dr. Germar zu A u gu s ten bu rg , durch 
eine neue, auch im Journal für Prediger bekannt gemachte, War- 
nung „Über die Vernachlässigung der Hermeneutik in 
der protest Kirche " (Leipzig, bei Kümmel. 1837. S. 66 in 8.) 
wie er zuvor 1821 durch, seine Hauptschrift in dieser Sache: Ver- 
such ,über die panharmonische Interpretation der h. 

• Schrift zu Auflösung vieler Streitfragen der christlichen Kirchen- 
lehro , als dem Ziel aller Sinnerforschungskunst vieles Dienliche 
nebst denen dazu anwendbaren Mitteln , der allgemeinen Aufmerk- 
samkeit vorgehalten hat, und 1828 durch seinen „Beitrag zur all- 
gemeinen Hermeneutik und deren Anwendung auf die Bibelerklä- 
rung" eben diese Bemühungen noch mehr begründete und verdeut- 
lichte. Ist nun gleich die vollständige Anforderung sehr schwer, 
und oft unmöglich ganz zu erfüllen : dafs nämlich nur diejenige 
Sinnerklärung als entschieden richtig gelten darf, welche als al- 
len äussern und geistigen Verhältnissen eines Autors angemessen 
(= adäquat) zu erweisen ist, so ist doch dieses Ideal allerdings der 
Maafsstab, welchen der Sinnerforscher anlegen und möglichst zu 
erreichen suchen soll. Auch ist Herr 6. selbst, indem er 1834 
„Die hermeneutischen Mängel der sogenannten grammatisch- histo- 
rischen , eigentlich aber der Tactinterpretation ** kräftig, wie ea 
nöthig ist, rügte, und 1836 in Nr. 82. 83. der Allgem. Kirchenzei- 
tung das Verhältnifs des (angeblichen) Tacts (oder des dun- 
keln = nicht in deutliche Begriffe zu erfassenden Wahrhcitgefühls) 
zur Wissenschaft noch klarer beleuchtete, durch die Gegenreden zu 
desto umsichtigerer Verdeutlichung seiner Anforderungen und der 
Folgen derselben veranlagt worden. 

Ist nämlich gleich bei Erklärung schwieriger Stellen der Alten 
und so auch der Bibel selten möglich, nachzuweisen, dafs sie al- 
len Umständen, in denen sich der Autor befand , positiv entspreche , 
so muis dies doch , wenn der Eieget als zuverlässig gelten will , 



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Niebuhr: Reite nach Arabien, Bd III. 347 



gewifs die fehlerlos zutreffende (omnimode congroa) ist /welche 
mit allem, was in dem Vorstellungskreise des Autors war, 



soviel als Mir noch jenen Umständen nahe kommen können , gezeigt 
"und dabei wenigstens negativ dargethan werden, dafs die angenoni" 
mene Sinnerforschung mit keinem äussern oder innern Verhältnis 
des Autors in Collision steht. Und auf jeden Fall sind Hrn. Dr. 
Germars drängende Protestationen gegen das allzu gewöhn- 
liche Berufen auf exegetisches Gefühl, Tact, oder, wie man 
jetit das gar zu bequeme Wort gefunden hat, auf das christ- 
liche BewuTstscyn äusserst iföthig und bcachtenswerth. Denn 
wenn gleich sinnliche sich aufaöthigcnde Gefühle eine ursäch- 
liche Wirklichkeit, wodurch sie entstehen, andeuten, so sind da- 
gegen doch die geistigen Gefühle, welche vielmehr als Em- 
pfindungen von den Gefühlen immer unterschieden werden soll- 
ten, von vorgefafsten Begriffen und Urtheilen abhängig. Sic kön- 
nen also nicht, gleichsam rückwirkend, die Richtigkeit dieser ihrer 
Quellen beweisen. Jedes Bewufstseyn aber, es scy cfhristlich, 
jüdisch , moslemisch oder heidnisch, kann nur das enthalten, was 
man (aus Irrthum? oder Wuhrheitf) meistens nur aus gemischten 
Halbwahrheitcn zuvor in das Wissen oder Gewifeachten aufgenom- 
men und sich, mehr aus Bcriürfnifs oder um des erregenden Ein- 
drucks willen, als ans Gründen, angeeignet hat. 

Was übrigens hauptsächlich gegen die Forderung, dafs jede Sinn- 
erforschung panharnion i sch seyn sollte, Anstois erweckt, scheint 
mir dieses zu seyn, dafs Hr. Dr. Germar zu fordern scheint, wie 
wenn der Exeget, besonders der biblische, dem Autor immer viel 
eher eine volle Harmonie mit der Wahrheit oder dafs er recht habe, 
als das Gegentheii zutrauen müsse, und dies so sehr, dafs er, we- 
nigstens, wenn in den überlieferten Worten etwas nicht glaubliches 
liege, das Urtheil suspendiren und das Ausserste, selbst Vermu- 
thungen von Interpolationen u. dgl. eher, als die Beschuldigung 
einer Irrigkeit, zu Hülfe nehmen solle. 

Ich verstand das der ächten Interpretation längst beigelegte I'rä- 
dicat, dafs sie nioht nur ph i In I ogisch un d k ri t i sch , d. I. 
dem Sprachidiom und der Toxtächtheit entsprechend, sondern 
auch historisch seyn solle, immer als einen Wink, dafs wir uns 
in das, was einem Schriftsteller vermittelst seiner Zeit, Umgebung 
und persönlichen Geistesbildung, also kraft seiner individuel- 
len Geschichte zu denken, zu wissen, zu wollen möglich war, 
hineinstellen und ihn dann weder vorurthcilsfreicr , noch fehlender 
denken sollen, als a) die ächten Worte der Stelle selbst, b) sein 
übriger Gedankengang und c) der Einflufs auf Andero, für die er 
wirkte , ihn uns zu erkennen geben. Zum Beispiel : Ich würde gerne 
für möglich halten, dafs Jesus die Dämonischen blos durch ein 
Herablassen zn ihren Irrmetnungcn physisch geheilt, die Exi- 
stenz der dämonischen Krank hei tsursücher aber nicht 
selbst geglaubt habe, wenn er nicht a) wie Job. 8, 44. Matth. 



• » 



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848 Niobuhr: Reite nach Arabien, Bd. III. 

völlig im Einklang steht. Da nun aber uns auf jeden Fall 
davon Manches abgeht, so darf um so weniger irgend eine Vor- 
arbeit, die einst dagewesenen Verhältnisse des zu erklärenden 
Autors ortlich und zeitgemäfs zu umfassen, als pedantisch weg- 
gelächelt werden, weil vielmehr hie und da die entferntesten Data 
• zu den aufklärendsten Resultaten mitgeholfen haben und ohnehin 
diesem mühsamen Forschen die träge Oberflächlichkeit der Mei- 
sten, jetzt aber auch theils die speculativ- stolze Verachtung der 
Erfahrung und Geschichte, theils durch die viel leichter in Phan- 
tasien sich erbauende Frömmelei Hindernisse genug entgegenwäl- 
zen, ja die Wissenschaftlichkeit sogar als eine Feindin der Kirch- 
lichkeit in üblen Ruf gebracht zu werden furchten rnufs. 

Gerade hier aber, und dies ist das zweite Moment meiner 
Antwort, ist von einer der wichtigsten Wirkungen des 
Urchristenthums die Rede, welche grolsentheils gar zu sehr 
verkannt wird, weil man sie selten historisch philosophisch ver- 
steht und deswegen nach der Wahrheit hochachtet. 

Gegenwärtig scheint den meisten Dogmatikern ( je mysteriö- 
ser, desto orthodoxer!) der Preis und die Kraft des Christen- 
thums darauf zu beruhen, dafs um desselben willen eine reale 
Vereinigung einer gottlichen Natur mit der menschlichen in der 
Person Jesu Christi geglaubt und daraus gegen alle Gewissens- 



12, 26 — 29. 43 — 45. an Orten, wo es so nicht motivirt war, vom 
Beelzebub undj Satansreich kategorisch gesprochen hätte , wenn 
nicht b) überhaupt seine Geistesrichtung auf das religiössittliche 
weit mehr als auf metaphysische Probleme 8chtend erschiene , und 
wenn nicht c) vorauszusetzen wäre, dars er auch die Sein igen über 
die Nichtezistenz jener Schreckenageister und ihrer körperlichen 
Einwirkungen, zum Vortheil vieler Jahrhunderte, aufgeklärt und 
ihr Nichteinwirken ausgesprochen haben würde, wenn er nicht 
selbst noch diese Meinungen seiner Zeit ohne besonderes Prü- 
fen behalten hätte. 

Je mehr nun aber untere neueste, der Aufklärung (d. h. dem 
Klargcwurdenseyn über alte Vorurtheile) abhold gewordene Zeit 
theils durch .[Erneuerung des veralteten Mysterienglaubcns theils 
durch speculative Erhebung in das Überschwängliche von philo- 
logischkritischer und reinbistorischcr Schriftauslegung ablenkt und 
nur ihre eigene Dogmen und Voraussetzungen dorthin zurückzutragen 
versucht , desto verdienstlicher würde es seyn , wenn Herr Dr. Ger- 
mar, der sich so umsichtig in dieses vernachlässigte Fach hinein- 
versetzt hat, ganz methodisch eine mit den Grundsätzen der allge- 
meingültigen Jnterpretatio barmonirende Specialhermeneotik de« 
N. T.; bearbeiten möchte. 



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Nitbuhr: Reite nach Arabien, Bd. III. 349 

unruhc , als Trost der Religion , die Beruhigung abgeleitet werde, 
wie wenn Gott durch eine stellvertretende Genugthuong jenes 
Gottmenschen mit jedem, der es glaubig aeeeptire , versöhnt , 
auch zur immerwährenden Sunden Vergebung, Gnadenverleihung 
und Rechtfertigung durch die (unmögliche) Zurechnung der Ge- 
rechtigkeit Christi bewogen sey. Seit diese scholastisch- juridisch 
ausgesonnene Theorie über die Ausgleichung oder Vermittlung 
zwischen Gottes Gnade und Strafgerechtigkeit erkünstelt ist und 
darin das Seligmachende des Christenglaubens, als ein Heilmittel 
gegen Gewissensangst und die sogenannten menschlichen Schwach- 
heiten, gesucht zu werden pflegt, wird das wahrhaft Grofse und 
welthistorisch Wichtige, welches durch das Urchristenthura ohne 
Geräusch bewirkt wurde, und welches also der historisch wahre 
Ruhm desselben ist, fast ganz vergessen. Wem nämlich als der 
Verbreitung dieser Religionslehre hat es die christliche Welt zu 
danken, SaCs die Hälfte des Menschengeschlechts , die weibliche, 
nicht mehr sclavisch zurückgesetzt ist? dafs auch für Sclaven 
Menschen-Pflichten und Rechte angesprochen wurden? dafs über- 
haupt die Religion nicht mehr wie eine gebieterische , gesetzliche 
Zwangsanstalt, sondern als eine göttlich väterliche Erziehung der 
Menseben zu Gottes Hindern, zur moralischen d. i. aus Überzeu- 
gung willig entstehenden Rechtschaffenheit , anzuerkennen ist? 

Was sind gegen diese historisch unleugbaren Wirkungen der 
Christuslehre jene dogmatischen Subtilita'ten , durch welche der 
Christenmensch vorerst zum sundevollen Klotz erniedrigt und dann 
wieder wie ein Missethäter tagtäglich begnadigt werden soll. Und 
doch streitet man sich um diese augustinisch scholastische Erfin- 
dungen wie um den mysteriösen Hern der Religion Jesu. Sind 
denn jene welthistorischen Wirkungen des Urchristenthums etwa 
deswegen , weil sie zum Tbeil schon vollbracht sind , gegen jene 
erkünstelte, in der biblischen Einfachheit nicht gegründete, mittel- 
alterliche Glaubenstheorien in Schatten zu stellen ? Dauert nicht 
all das Wohlthätige immer fort, welches aus der einfachen Idee 
Jesu hervorgieng, dafs Gott nicht mehr als tbeokratischer Ge- 
setzgeberund Herrscher, sondern als Vater zu betrachten, und 
daher auch jeder Mensch gegen den Andern als ein Glied der 
grofsen Familie Gottes zu behandeln ist, alle Religiosität aber 
nicht in einem Dienst gegen Gott, sondern in geistig wahrer, 
also überzeugungstreuer und selbstgewollter , nicht blos zugerech- 
neter Rechtschaflenheit besteht? 



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850 Niebahr: Reise nach Arabien, Bd. III. 

Und damit eben dieses Wohlthätige erst nur gegen den jü- 
dischen and jeden pfäffisch hierodespotischen Particaiarismas 
Boden und Wurzel gewinnen konnte, war gerade das unent- 
behrlich, weswegen uns besonders der Brief an die Ga- 
later und Römer, und überhaupt das Eigentümlich. 
Ste der rastlosen Wir ksam hei t des Apostel Paulus bis 
in das genauere Detail hinein der Erforschung und 
gleichsam anschaulichen Vergegenwärtigung würdig 
erscheint. Denn das, was wir Christen alle, zu welcher Classe 
wir irgend gehören mögen, jetzt — ohne noch daran zu denken — 
geniefsen, das Freiwerden der monotheistischen. Religion von dem 
mosaisch - theokratischen und jüdischrabbinfschen Particularismus, 
also die Möglichkeit einer für alle Menschen annehmbaren , nicht 
von arbiträren , historisch gegebenen Bedingungen abhängigen 
Gottandächtigkeit und Beseeligung, kurz, die Anwendbarkeit des 
Wesentlichen der Christusreligion zur universalen Weltreligion, 
— dies gerade war damals so sehr im Streit und der jüdisch -or- 
thodoxistischen Verketzerung (Apg. Ii, ßi.) so ausgesetzt, dafs, 
wenn der Heidenapostel nicht sich und sein ganzes Leben denen 
in jenen Briefen durchgekämpften universalistischeren Grandbe- 
griffen aufgeopfert hätte, wir entweder nicht Christen wären, 
oder nur wie eine jüdischebristliche Secte in unübersehbaren 
Menschentand von Rabbinisterei verwickelt seyn würden. 

Nach diesen Ansichten und Beziehungen also bitte ich es 
nicht als Pedantismus zu behandeln , wenn ich es erfreulieh nenne, 
dafs die Niebuhriscbe Reiseroute uns gerade in jene einst 
neugalatische Gegenden zwischen dem Taurus und Laodicaa 
versetzt, wo ich in meiner Auslegung des Galaterbriefs i83i die 
ersten Veranlassungen dazu, dafs Paulus jene antijudaizirenden 
Grundsätze christlicher Aufklärung schriftlich aassprach, nachge- 
wiesen habe und wohin ich nun auch Herrn Heinr. Bottger 
durch selbstständige Forschungen geleitet finde. Die nähere 
Henntnifs dieser Ortlicbheit and besonders das davon abhängende 
frühe Datum des Galaterbriefs gewährt, wie zum Theil oben 
schon gezeigt ist , auch manche nähere Einsicht in jenen für die 
Christenwelt so glücklich durchgefochtenen Kampf gegen den 
Jadaismus und gegen die, wie der Hebräerbrief zeigt, circa a. 
60. sehr drohend gewordene Gefahr, dafs die Christusreligion 
bald in eine jüdische Sectirerei und hierarchischen Tempeldienst 
wieder umgeschlagen wäre. 



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Niebahr. Reise nach Arabien, Bd III 



351 



Aas diesem Gesichtspunkt allein kann der Lehrbegriff des 
Apostels Paulus und sein Christenleben überhaupt 
historisch charakteristisch aufgefafst werden; wozu dann freilich 
der Anfang nicht mit Usteri u. A. dadurch gemacht werden 
darf, dafs der auf dem dialektischen, pseudorationalistischen Stand- 
punkt sich festhaltende Exegete sich fragt , ob denn nicht doch 
Manches in dunkleren Stellen des Apostels so gedeutet werden 
könne, wie Anshelmas in seinem Cur Deüs homo? es endlich ent- 
deckt oder — für die der dialektischen Speculation bedürftige 
geoffenbart habe. 

Unter den neuesten Bearbeitern der Paulinischen Briefe hat 
sich Prof. Steiger in Bern i835 durch topographisch histori- 
sche Untersuchungen für den Koiosserbrief ausgezeichnet. 
Auch dafür sind manche Andeutungen aus der weiteren Reise- 
route Niebuhrs zu benutzen , weil er die Entfernung mehrerer 
für die apostolische Geschichte und die Apokalypse merkwürdiger 
Orte mit gewohnter Genauigkeit bezeichnet. Ich nenne hier nur, 
dafs nach S. 120 Ismir = Smyrna von Ikonium über Ladick 
(= Laodicäa) 118 Stunden, in gerader Linie aber etwa 64 bis 
66 Meilen abliegt, dafs die Distanz von Ikonium und Ladick 
nur 9 Stunden*) beträgt, und dafs Sard (= Sardes) nach der 
Note S. i3o auf dem Wege von Sbarta nach Ismir 18 Stunden 
von Smyrna zu setzen ist und nicht weit von dem Wege abliegt, 
den man jetzt von Smyrna nach Ikonium bereist. 

Wie können wir für die grofse Mühe, welche der zum ört- 
lichen und zum lebendigen Beobachten so ausgezeichnet tüchtige 
Carsten Niebuhr schon 1766 überstanden hat, besser unsre 
dauernde Erkenntlichkeit beweisen , als wenn wir, Stubengelehrte, 
nunmehr davon die erwünschtesten Anwendungen für unsere Stu- 
dien zu machen suchen, für Stadien, die nur, wenn Geist und 
Buchstabe zusammenwirken, das Ziel treffen. 



•) Diese Ansteige weicht von der gewöhnlichen Meinung über die Lag« 
von Coiossä, Laodicäa, Hierauolis weit ab and erregt also weitere 
Aufmerksamkeit. 

— 

* m 

Dr. Paulus. 



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35« Heyfe ldc r i über Bader u. Brunnenkuren. 

Über Bäder und Brunnenkuren, besonders an den Mineralquellen de* Tau- 
nusgebirges , namentlich Ems, Schlangenbad, Wiesbaden und Schwal- 
bach. Von Dr. Heyfelder , Medicinalrath und Leibarzt in Sigma- 
ringen ete. Stuttgart, bei Lbfflund. 1834. 135 & kl. 8. 

Diese geistreich geschriebene Schrift, die man mit vielem 
Vergnügen liest, ist nach dem, was der Verf. in der Vorrede 
sagt, das Produkt der Beobachtungen, die der Verf. als früherer 
Bewohner des Rheinlandes sowohl in einiger Entfernung von den 
genannten Bädern an von da zurückkehrenden Kranken , als auch 
wahrend eines späteren längeren Aufenthalts an der Mehrzahl der- 
selben zu machen Gelegenheit hatte. Für den geognostischen 
und chemisch physikalischen Theil hat der Verf. das Werk von 
8tifft benutzt Überall druckt sich in der Schrift aus, dafs der 
Vf. mit scharfem und offenem Blick sich selbst sein ürtheil über 
die Gebrauchsweise wie über die Wirkungen der Bäder gebildet 
hat, und dafs es nicht seine Absicht ist, eine beistimmende Er- 
zählung des Schlendrians , den man mehr oder weniger überall in 
den Badeorten findet, zu geben, sondern vielmehr gerade die, 
das Unrichtige und Unzweckmäfsige, was sich noch so vielfach in 
dieser Hinsicht zeigt, an den Tag zu bringen und anzugreifen. 

Unter der Aufschrift: über Brunnenkuren im Allgemeinen, 
enthält die erste Abtheilung Regeln für die Vorbereitung zur 
Badekur, für die Reise zum Bade und für den Gebrauch des Ba- 
des selbst, Regeln, die bestimmt, treffend und überzeugend ge- 
geben sind, und manche beilig gehaltenen Mißbrauche in ihrer 
Blü'fse darstellen. Mit Recht bemerkt dabei der Vf., wie gerade 
berühmte Männer und grofse Autoritäten die Urheber von weit 
und auf lange Zeit sich verbreitenden Vorurtheilen und Mifsbräu- 
chen werden , da ihr Wort oft als Orakel aufgenommen wird , 
und vielleicht oft in weiterem Sinn , als es selbst gegeben war. 
Solche Mifsbräuche zu bekämpfen, ist nicht leicht eine Feder ge- 
eigneter, als die gewandte und geistreiche des Verfs., und mit 
Vergnügen findet man es auch mehrseitig in dieser Schrift ge- 
schehen , die durch ihren frischen und belebten Styl sich sehr von 
der Mehrzahl der Badeschriften unterscheidet. 

(Der Beschlufe folgt.) 



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N°- 23. HEIDELBERGER 1838. 

JAHRBÜCHER DER LITERATUR. 



Hey f eider : über Bäder und Brunnenkuren. 

(Ileschlufs.) 

Wie Metzler und Vogel stimmt auch der Verf. für Anwen- 
dung der Badehureo in jeder Jahreszeit, im FalJ die Umstände es 
erfordern; und im Fall das Übel so ist, dafs es einen Aufschub 
nicht erlaubt, wird wohl die Mehrzahl der Ärzte mit ihm uber- 
einstimmen. Er zeigt zugleich, wie wichtig es ist, dafs auch in 
der gewöhnlichen Saison für jedes einzelne Übel und für jede 
bestimmte Constitution die zweckmäfsige Zeit ausgewählt werde, 
und damit hat er eine Seite berührt, die gewifs noch nicht genug 
beachtet ist. Der Vf. gieht mit scharfei Feder eine Schilderung 
des Badearztes wie er nicht seyn soll, wie er aber, wenn auch 
in weniger grellem Bilde, nicht ganz selten seyn mochte, und 
wie gerade er selbst ihn gefunden zu haben scheint. Er bezeich- 
net mit lebhaften Farben den oft marktschreierischen Geist, wel- 
chen man in den Worten wie in den Schriften mancher Badeärzte 
findet. In letzteren Wenigstens bann Bef. aus eigener Erfahrung 
dem Vi. vollständig beistimmen , und gesteht , dafs er schon des- 
wegen eine Schrift über Bäder von Nicht-Badeärztcn , wie die 
gegenwärtige , lieber liest , weil er hier ein freieres , unbefange- 
neres Urtheil erwartet, und nicht fürchtet, durch die besser oder 
schlechter verstecht e , feiner oder plumper hervorsebende Tendenz 
indirect sein eigenes Bad herauszuheben , um sein Vertrauen auch 
in das Übrige der Schrift gröfstentheils gebracht zu werden , und 
weil ihm dies um so widriger ist, je grofscre Gelehrsamkeit und 
je gröfseres Talent er nur jener geheimen Tendenz Frohnen sieht. 
Dafs es davon viele Ausnahmen giebt , weifs auch Ref. wohl und 
schätzt sie darum um so mehr. Auch über die Wichtigkeit des 
Verkehrs des Hausarztes mit dem Kranken spricht der Vf M und 
über ähnliche schon bekannte pia desideria, die aber nicht oft so 
eindringlich vorgetragen werden, als es hier von ihm geschieht. 
Mit Recht stellt der Vf. den Satz auf, dafs kaltes Baden und kal- 
tes Trinken nicht zusammenpasse. Dafs es jedoch auch Ausnah- 
men für ihn gebe, bat Priesnitz bewiesen. Auch der Satz, dafs 
Mineralbäder nicht leicht mit besonderem Nutzen angewendet wer- 
den können , so lange noch die antiphlogistische Heilmethode we- 
XXXI. Jahrg. 4. lieft. 23 



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354 Hejfeidcri über Bader u. Brunnenkuren. 

sentlich angezeigt ist, findet feine Ausnahmen z. B. in den er- 
weichenden und kalierenden Bädern der Italiener. Der Vorschlag, 
erst um 4 Uhr die Mittagstafeln zu halten, der mebreres für sich 
hat, besonders für die höheren Stände, möchte dagegen für die 
nicht daran gewöhnten auch einige Inconvenienzen mit sich brin- 
gen. Mit strenger Buge deckt der Vf. die Mifsbräuche auf, die 
von den Kurenden selbst begangen werden , und darunter Mifs- 
bräuche, die nicht so am Tage liegen, dafs sie sogleich von je- 
dem oder selbst vom Arzte bemerkt werden, die aber durch ihr 
Fortschleichen im Geheimen nur um so mehr Schaden thun, und 
um so entschiedener die Zwecke der Hur vereiteln. Die Zeit des 
Badens bestimmt der Verf. auf Y« bis endlich l /% Stunde, und 
stimmt daher auch gegen das Vorlesen dabei und das Zusammen- 
baden , ? on welchem er verschiedene Nachtheile anführt. Wenn 
diese kurze .Zeit in den warinen und aufregenden Taunusbädern 
gewifs die passendere ist, so giebt es doch auch andere, wo man 
sich bei ein-, und selbst mehrstündigem Bade nicht ganz schlecht 
befindet. Auch die Individualität scheint hierin einen grofsen Un- 
terschied zu machen. Manchen bekommt langes Baden sehr gut, 
und sie beschleunigen ihre Kur dabei; Andern ist es schädlich. 
Der Vf. gibt auch selbst sehr richtig an, alte und saftlose Kranke 
dürfen länger baden als jüngere und Tollsaftige, und in lauen Bä- 
dern dürfe man länger sitzen als in warmen oder in kalten. Über, 
haupt gibt der Vf. viele specielle Winke über das Individualismen 
im Gebrauch der Quellen, eine Kunst, die Jeder und jede Schrift 
als etwas Wichtiges empfiehlt, die aber so Wenige verstehen und 
über die anderwärts so wenig Gutes gesagt ist. Gewifs wird Je. 
(1 ermann dem Vf. beistimmen , wenn er die grofse Theuerung in 
manchen jener Bäder als einen grofsen Mifsbrauch bezeichnet, 
dem zum Besten jener Bäder selbst die Verwaltung steuern sollte, 
da die Bäder Heilanstalten, und nicht Institute um Fremde zu 
schröpfen, Seyen. Über das zweckmäfsige Verbinden und Ver- 
mischen verschiedener Mineralwasser, wie Vering es oft mit vie- 
lem Erfolg anwandte, wie auch über den innern Gebrauch ande- 
rer Wasser als die, in denen man badet, über den Gebrauch ver- 
schiedener yVasser nacheinander, über die Fortsetzung der Kur 
während der weiblichen Periode, über die Nachkuren, über das 
unpassende Erstürrnenwollen des Erfolgs, da doch das Wesen der 
Badkuren gerade in der langsamen und all mäkligen Einwirkung 
liegt, und über Ähnliches spricht sich der Vf. mit dem gewohn- 
ten Scharfsinn aus. Dieser ganze Artikel über Brunnen- und Bad- 



1 



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Heyfclder: äbcr Bäder u. Brunnenkuren. 



kuren im Allgemeinen , die jedoch in besonderer Beziehung auf 
die kräftig und stark wirkenden Taunusbader abgefafst ist , ent- 
hält, wie die ganze Schrift, in Wenigem Vieles, und wenn man« 
eher Leser in einzelnen Dingen von der Ansicht des Vfs. abwei- 
chen sollte, so mochte diese Abweichung mehr durch specielle 
Fälle oder Verhältnisse hervorgerufen werden, als den Satz im 
Allgemeinen treffen. Überall loTst sich zugleich des Verfs. Ver- 
trautheit mit allem Bessern über den Gegenstand Geschriebenen 
erkennen, so wenig es des Verfs. Sitte ist, mit Gelehrsamkeit zu 
prunken. 

S. 45 beginnt die zweite Hauptabtheilung : über die Mineral- 
quellen des Herzogthums Nassau. Hier findet sich eine Disposi- 
tion her beiden Gebirgszuge Taunus und Westerwald und ihrer 
Tbiler , in denen sich die zahlreichen Nassauischen Mineralquellen 
finden. Man erhält dadurch eine Übersicht über die Verkeilung 
dieser Quellen nach ihrer Lage und ihrem Gehalt, und lernt den 
Quellenreichthum dieses Ländchens bewundern, das auf ungefähr 
82,7 aMcilen 124 Mineralquellen fast jeder Art, salinische, al- 
kalische, erdige, Stahlwasser, Sauerlinge, Salzquellen, Schwefel- 
quellen , kalte Wasser und Thermen besitzt , und nur etwa der 
indifferenten Thermen und der stark abführenden Mineralwasser 
ermangelt, deren erstere Wurtemberg, die Schweiz tond Tyrol, 
von letzteren besonders Böhmen mehrere besitzt. Es zeigt sich 
dabei der merkwürdige Umstand, dafs die geognostische Beschaf- 
fenheit der nächsten Umgebungen dieser Quellen ohne afto Be- 
ziehung zu ihrem Gebalt und ihrer Beschaffenheit zu stehen scheint, 
indem sehr unähnliche Quellen aus der gleichen Gebirgsformation 
und sehr ähnliche aus ganz verschiedenen hervortreten. Es ist 
jedoch dabei zu bemerken, dafs StifTr selbst erklärt hat, es wurde 
nicht schwer haTten, dennoch jene Beziehung fiberall nachzuwei- 
sen, dafs auch eine gewisse Abgrenzung der heifsen und kalten 
Quellen sich zeigt, indem erstere nur in den tiefsten Thalern und, 
ausser Ems, nur am sudlichen Abhang sich finden; dafs endlich 
jene scheinbare UngleichfoYmigtleit gewifs einer durch vulkanische 
Bevolutionen hervorgebrachten schnellen Abwechselung der ver* 
schiedenen Formationen zum Theil zuzuschreiben ist, Wie auch 
vulkanische Gebirgsarten ringsum sich finden und fast sämmtliche 
Quellen dem entsprechend etwas kohlensaures Natron enthalten. 
Der Vf. zählt nach Stifft 6 Zuge vön Mineral wassern im Nassaui- 
schen auf, welche Zuge in ihrem Gehalt. zusammenstimmen und 
aus welchen man daher etwa auf eine damit ubereinstimmende 



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I 



356 Heyfelder: ub«r Bäder n. Brunnenkuren. 

Beschaffenheit der tiefern Gebirgslagen in 6 ähnlichen Zügen 
oder Strichen schliefen könnte. Es finden sich dabei noch man- 
che interessante Erscheinungen, die zum Theil , aber nicht alle, 
in den gewöhnlichen Gesetzen der Physik leicht ihre Erklärung 
finden , z. B. .dafs die heiTsen Quellen durchgangig wasserreicher 
und reicher an fixen , aber ärmer an flüchtigen Bestandtheilen 
sind als die kalten, dafs sich in der Nähe der heifsen fast immer 
auch ähnliche, nur an Bestandtheilen und Wasser ärmere, kalte 
finden, (abgekühlt und verdünnt durch wilde Quellen), u. 8. w. 

Es folgen nun die Analysen mehrerer Nassauischer Mineral- 
quellen , aus denen hervorgeht,' dafs in diesem Ländchen sich noch 
mehrere sehr kräftige Quellen finden , die fast gar nicht benützt 
'werden, z. B. die Dinkholder, Marienfelser , Werkenbacher etc. 
Unter den Analysen zeichnen sich die von Kastner dadurch aus, 
dafs sie immer auch die Durchsichtigkeit, Erkaltungsdauer, spe- 
zifische Wärme, elektrische Spannung und Leitung, die Farbe, 
den Geruch und Geschmack des Wassers angeben, wobei es sich 
zeigt, dafs, wie zu erwarten war, die Erkaltungsdauer immer 
dem Salzgehalt des Wassers entspricht, während die Durchsich- 
tigkeit sich von Gehalt an organischen oder andern fixen oder 
flüchtigen Stoffen unabhängig hält und, Wiesbaden ausgenommen, 
mit der fixen Wärme und elektrischen Spannung parallel gehend 
sich gezeigt hat. Es ist zwar bekannt , dafs die Physiker Erschei- 
nungen der Wärme und Elektricität , welche von denen gleicher 
Salzauflösungen abweichen , nicht annehmen , und dafs sowohl die 
Theorie als sorgfältige Beobachtungen nicht für solche Erschei- 
nungen sprechen; doch wird man es für ein Verdienst Hastners 
ansehen müssen, diese Versuche angestellt zu haben. S. 54 heifst 
die Überschrift der zweiten Bubrik durch einen Druckfehler statt 
kohlensaures Natron »Kohlensäure«, und S. 88 wird die Erkal- 
tungsdauer der Quelle Nr. 3 statt i,3oo heifsen müssen i,36o. 

Ems, das Bad, worüber der Vf. das Meiste sagt und wo er 
am längsten sich aufgehalten zu haben scheint, wird nach ihm 
besonders in den Bheingegenden als analog mit Karlsbad ange- 
sehen; es hat jedoch, obschon in vielen Dingen gleich, die grofse 
Verschiedenheit, dafs es nicht die abführenden Salze jenes Bades 
enthält, dafür aber für Brustübel geeigneter ist. Will man Heid, 
ler hören, der gerade auf die abführenden Salze ein so grofses 
Gewicht legt, so würden manche Schriftsteller das Parallelisiren 
dieser beiden Wasser um Bedeutendes zu weit getrieben haben. 
Wohl mit Becht bemerkt der Verf. , dafs man für Brustkranke , 



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Heyfeldcr : über Bäder ti. Brunnenkuren. 351 

besonders bei erethischem Zustand oder subinflammatorischer Com. 
plication statt der häufig angewandten Kesselbrunnen mehr das 
kuhlere Krähnchen gebrauchen sollte, da eine reichliche Menge 
Mineralwasser von so hoher Temperatur, wie der Kesselbfonnen, 
notwendiger Weise die Wallung des Blutes vermehren raufs. 
Man konnte etwa, da das Krahnchen sehr sparsam fliefst, vor- 
schlagen, das W'asser des Kesselbrunnen vorher etwas abkühlen 
zu lasseu ; dafs aber dabei ein betrachtlicher Verlust an Kohlen- 
säure statt finden und dadurch das Wasser einen Thcil seines 
Werthes verlieren würde, ist einleuchtend. Gewifs richtig ist 
die Bemerkung , dafs man unmittelbar nach den ersten Bädern 
den Kranken beobachten und danach die Badhur festsetzen sollte. 
Sehr gerne, und besonders statt der Pillen und Latwergen, em- 
pfiehlt der Vf. Ulystiere von Mineralwasser. Er spricht sich übri- 
gens sehr günstig über die Wirkung von Ems aus, und nimmt 
an, dafs für gewisse Übel, z. B. die von Stockungen im Unter- 
leibe und erhöhter Venosität, keine andere Quelle ihm gleich 
komme ; es kann aber nicht , wie Viele behaupten , die See- und 
Soolenbäder in den Scropheln ersetzen. Den so sehr häufigen 
und beliebten Gebrauch der s. g. Bubenquelien, einer aufsteigen- 
den Pouche für weibliche Unfruchtbarkeit, rühmt der Vf. nicht 
so sehr, als vielleicht manche Andere. Er sieht darin in man. 
eben Fällen mehr eine onanitische Aufregung und Beizung, als 
ein Heilmittel, und belegt diese Bemerkung durch einige geeig- 
nete Data. In den Badeeinrichtungen von Ems hat der Vf. man- 
che Mängel gerügt, die vielleicht seit dem Niederschreiben dieser 
Bügen zum Theil gehoben worden sind. 

Schlangenbad, ähnlich dem würtembergischen Liebenzell, pafst 
besonders für hysterische und hypochondrische Leiden , da wo 
Arzneien nichts helfen und Homöopathie das beste Mittel ist. Auch 
hier sitzt man nach dem Vf. oft zu lange und in allzu grofsem 
Vertrauen auf die Unschuld des Wassers auch zu oft, bisweilen 
zweimal im Tag, im Bad. Besonders wirkt Schlangenbad auch 
günstig gegen schmerzhafte AfTectionen bei der Menstruation, und 
als verjüngend, wenn es als Vor hur und darauf eine Badekur in 
Ems gebraucht wird. Diese Wirkung ist , wie der Vf. weiter 
oben bemerkt, besonders da zu erwarten, wo bei nicht zu be- 
jahrten Personen durch Antreiben der stockenden Haut- und Nie- 
renthatigkeit etwas Bedeutendes zu erwarten ist, jedoch auch bei 
den geschwächtesten Greisen. Es möchte indefs diese verjüngende 
Kraft niebt mit der von Gastein in Parallele zu setze* seyn, welche 



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Hey fdder : über Bäder u. Brunnenk